Cover

Die Fenster zum Himmel

Buch

Kastilien, 1474: Eigentlich sollte Hugo de Covarrubias den Wollhandel seines Vaters fortführen. Doch dann wird er Opfer einer List und muss hilflos mit ansehen, wie sein raffgieriger Stiefbruder zum rechtmäßigen Erben erklärt wird. Hugo hingegen wird nach Flandern entsandt. Dort soll er das Handwerk seiner Familie von der Pike auf lernen. Aber auch in der Fremde – weit entfernt von seiner Heimat und seiner geliebten Freundin Berenguela – erwarten ihn nur Niedertracht und Gefahr. Hugo muss letztlich flüchten. Er ahnt nicht, dass seine abenteuerliche Reise über das kalte Neufundland und die afrikanischen Wüsten ihn schließlich zu seiner wahren Bestimmung führen wird.

Autor

Gonzalo Giner, 1962 in Madrid geboren, studierte Veterinärmedizin an der Universidad Complutense in Madrid und war als praktizierender Tierarzt tätig, bevor er mit dem Schreiben begann. »Die Fenster zum Himmel« ist sein vierter Roman.

Von Gonzalo Giner bereits erschienen

Der Heiler der Pferde · Der Reiter der Stille

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GONZALO GINER

DIE

FENSTER

ZUM

HIMMEL

HISTORISCHER ROMAN

Deutsch von
Sonja Hagemann

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Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel
»Las ventanas del cielo« bei Planeta, Barcelona.

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Copyright der Originalausgabe © 2017 by Gonzalo Giner
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Kirsten Brandt
Covergestaltung und -motiv: www.buerosued.de
dn · Herstellung: sam
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-22770-8
V002

www.blanvalet.de

Das Zitat von Albert Camus auf S. 9 wurde übersetzt von
Sonja Hagemann.

Das Zitat von Hadewijch van Antwerpen auf S. 156 stammt aus »Hadewijch: Lieder: Originaltext, Kommentar, Übersetzung und Melodien«, zitiert nach Veerle Fraeters et al., übersetzt von Rita
Schlusemann, Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston, 2016.

Das Zitat von Theodor Herzl auf S. 215 stammt aus »AltNeuLand. Ein utopischer Roman«, Erstdruck Leipzig 1902, vollständige Neuausgabe, herausgegeben von Karl-Maria Guth, Zenodot Verlagsgesellschaft, Berlin 2015.

Das Zitat von Jacinto Benavente auf S. 429 wurde übersetzt von Sonja Hagemann.

Das Zitat von Víctor Nieto Alcaide auf S. 599 stammt aus »La vidriera española« und wurde übersetzt von Sonja Hagemann.

Das Zitat von Víctor Nieto Alcaide auf S. 859 wurde übersetzt von Sonja Hagemann.

Für diejenigen,
die im Leben nicht stets den Horizont
vor Augen haben.

Und für die Frau,
deren Fenster immer für meine Liebe offen stehen.
Dieses Buch widme ich Pilar.

Teil Eins

DAS LICHT DES UNVERSTÄNDNISSES

Was ist ein Rebell? Ein Mann, der Nein sagt.

ALBERT CAMUS

1

Burgos, Königreich Kastilien, Mai 1474

Damián und Hugo waren beinahe wie Brüder: Sie waren im gleichen Alter und hießen beide de Covarrubias mit Nachnamen. Mehr hatten sie allerdings nicht gemein.

Damiáns Mutter war noch am Leben, Hugos nicht mehr.

Ersterer wusste mit seinen zwanzig Jahren genau, was er im Leben wollte, der andere nur, was er auf keinen Fall wollte. Wenn Damián Ja sagte, sagte Hugo Nein. Wenn der eine sich eilig um das Erfüllen einer Bitte bemühte, verlor sich der andere in Ausreden.

Vielleicht hatte ihr Vater ja deshalb schon lange Partei ergriffen. Das hatte er so zwar nie gesagt, aber es wurde langsam offensichtlich.

Don Fernando de Covarrubias war ein Mann vornehmer Abstammung und einer der wichtigsten Wollhändler Kastiliens. Außerdem war er seit sieben Jahren Vorsitzender der als Universidad de Mercaderes bekannten Kaufmannsgilde von Burgos, welche die Interessen einer erwählten Gruppe von Wollverkäufern vertrat und schützte. Trotzdem halfen in den letzten Jahren weder sein Name noch der gute Ruf, den er sich in der Branche erarbeitet hatte, gegen seine Müdigkeit und die wachsende Leere in seinen Truhen. Und deshalb durfte für ihn in diesem Jahr auf der Messe in Medina del Campo nicht alles einfach ablaufen wie immer. Er brauchte unbedingt neue Abnehmer für seine Wolle und musste gleichzeitig den Verlust alter Kunden verhindern. Zum Glück drängten sich während der fünfzigtägigen Messe auf den Straßen und Plätzen von Medina ja Hunderte potenzieller Käufer, von denen manche aus Flandern, andere aus Frankreich, England oder der Lombardei stammten. Die kastilische Stadt verwandelte sich in diesen Tagen in das Zentrum Europas, was den Handel mit Wolle, Stoffen, Kunsthandwerk, Gewürzen und Büchern und die Vergabe von Krediten anging.

Aber Don Fernando brauchte ja nicht nur mehr Umsatz und neue Kunden …

Die Glocken der Kathedrale von Burgos läuteten, als Don Fernando in seiner Familienresidenz direkt gegenüber dem prachtvollen Gotteshaus das Fenster schloss und seine beiden Söhne ansah. Jetzt war der Moment gekommen.

»Seit vierzig Jahren hatte ich nicht einen einzigen Ruhetag, weil ich mich dafür aufgerieben habe, unserem Namen den Platz zu sichern, den er auf dem Wollmarkt verdient. Und trotz der Verluste der jüngsten Zeit könnt ihr beide ja immer noch von den Einnahmen des Familiengeschäfts leben. Aber, meine Söhne, in meinem fortgeschrittenen Alter würde ich mich jetzt gerne mehr um meine Stiftungen kümmern und hoffentlich die Einrichtung der von mir geplanten Institutionen noch vor meinem Tod vollendet sehen. Und vor allem will ich endlich einmal zur Ruhe kommen. Darüber hinaus sind in unserem Geschäft Veränderungen nötig, einige sogar sehr dringend, und es müssen wichtige Entscheidungen getroffen werden.«

Sein Blick wanderte von einem Sohn zum anderen. Er holte einmal tief Luft, dann fuhr er fort: »Ich habe euch ein Zuhause gegeben, euch ernährt und euch eine hervorragende Erziehung geboten. Die besten Hauslehrer haben euch in Geometrie, Mathematik und allgemeinen Wissenschaften unterwiesen. Nachdem ihr die Sprache Brügges gelernt habt, habe ich euch auch noch in der englischen Sprache unterrichten lassen. Wenn man bedenkt, dass ihr außerdem über grundlegende Kenntnisse des Französischen verfügt, dürfte euch der Handel in Nordeuropa keinerlei Schwierigkeiten bereiten. Ihr habt mich in den letzten drei Jahren zur Messe in Medina begleitet, um dort den Wechslern vorgestellt zu werden und zu lernen, wie man einen Handel abschließt. Bislang habe ich euch nicht darum gebeten, mir bei der Arbeit zur Hand zu gehen, weil ich eure Ausbildung nicht behindern wollte. Aber nun ist der Zeitpunkt für Veränderungen gekommen. Ihr verfügt jetzt über alle nötigen Kenntnisse, um die Leitung unseres Geschäfts zu übernehmen.«

»Dessen sind wir uns bewusst, und wir danken Euch dafür, Vater.« Damián schien im Namen beider zu sprechen, Hugo brachte jedoch sofort murmelnd seinen Protest zum Ausdruck.

Seine mürrische Reaktion störte Don Fernando zwar, er fuhr jedoch mit seiner Ansprache fort: »Allerdings seid ihr ja nun zu zweit, und es kann an Bord nur einen Steuermann geben. Die Firma braucht eine einzige Führungsperson, ihr tragt aber beide meinen Namen und habt in meinen Augen dasselbe Recht, mein Nachfolger zu werden. Und dort ist die Krux bei der Sache: Wer von euch hat es eher verdient?«

Don Fernando setzte sich an den Tisch, an dem er seine Briefe beantwortete, schloss das Rechnungsbuch und stieß einen schweren Seufzer aus. »Ich muss zugeben, dass ich hundertmal gezweifelt und darüber nachgegrübelt habe. Da es sich um einen schwerwiegenden Entschluss handelt, habe ich mir Folgendes überlegt: Wer sich auf diesen Stuhl setzen wird, muss dafür nicht nur ausreichend geschult sein, sondern muss es vor allem auch wirklich wollen …«

Mit bekümmertem Blick sah er zu Hugo hinüber und richtete die folgenden Worte vor allem an ihn: »Du hast nie großes Interesse am Familienunternehmen gezeigt, ganz im Gegenteil, aber ich werde dich trotzdem nicht ausschließen. Die Entscheidung liegt nun in eurer Hand. Was ich damit sagen will: Ihr müsst euch in einer Prüfung miteinander messen.«

Damián runzelte besorgt die Stirn. »Was für eine Prüfung meint Ihr denn, Vater?«

»Einen einfachen, aber entscheidenden Wettbewerb, für den ihr euch noch heute gemeinsam auf den Weg nach Medina del Campo machen werdet. Dort eingetroffen, werdet ihr auf der Messe gegeneinander antreten und versuchen, so viele neue Kunden wie möglich für uns zu gewinnen. Legt euch ins Zeug, wählt unter den Ausländern sorgfältig aus und überzeugt sie von der Hochwertigkeit unserer Merinowolle und von den strikten Kriterien, mit denen wir ihre Qualität auch in kommenden Jahren gewährleisten werden. Einigt euch mit ihnen bei Zahlungsart, Lieferbedingungen und – fristen auf das bei uns Übliche. Wie ihr die Menschen überzeugt, ist mir egal, solange ihr nur das Vertrauen alter Kunden wiederherstellt und das neuer dazugewinnt. Wer uns mehr – oder im Fall eines Gleichstands – wichtigere Kunden sichert, hat sich als am geeignetsten erwiesen, die Firma von nun an zu leiten.«

Um seine Worte zu unterstreichen, schlug Don Fernando mit der flachen Hand vernehmlich auf den Tisch. »Eine passendere Aufgabe als die, mit neuen Abnehmern unsere unmittelbare Zukunft zu sichern, kann ich euch wohl kaum stellen.«

Damián ballte die Hände zu Fäusten, biss sich auf die Unterlippe und schaute aus dem Augenwinkel abschätzig zu seinem Bruder hinüber. Offenbar sah er sich selbst bereits als Sieger. Schon von klein auf hatte er das ehrgeizige Ziel verfolgt, in die Fußstapfen dieses Mannes zu treten, der nicht sein leiblicher Vater war. Und das würde niemand verhindern können.

Hugo hingegen starrte auf seine Schuhe und fühlte sich bereits als Verlierer.

2

Messe in Medina del Campo, Königreich Kastilien, Mai 1474

Der Brokat- und Posamentenstand flog durch die Luft, als ein junger Mann auf seiner Flucht vor zwei Bütteln dagegenprallte. Zuvor hatte er in einer anderen Straße bereits eine Bude mit Käse und Wurstwaren zu Fall gebracht, außerdem eine Wechselstation mit ihren Waagen, Rechnungsbüchern und Münzen, deren illustre Kunden unter Protestrufen am Boden gelandet waren.

Zehn Minuten zuvor hatten sich die beiden Büttel in einem der bekanntesten Gasthäuser der Stadt eingefunden, nachdem sie darüber informiert worden waren, dass sich dort eine Gruppe Jünglinge ganz unverschämt aufführte. Eine schöne Dame aus Brügge hatte sich beschwert, dass sie von einem dieser offensichtlich betrunkenen Kerle belästigt worden sei.

Der junge Mann hatte sich – offensichtlich angestachelt durch eine Wette mit seinen Kameraden – einfach ohne Erlaubnis an ihrem Tisch niedergelassen, hatte ihr, ehe sie sichs versah, einen Kuss auf die Lippen gedrückt und ihr in den Allerwertesten gekniffen.

Weil die Burschen alle wie von der Tarantel gestochen davongestoben waren, hatte man sich bei der Suche auf den von der jungen Dame genau beschriebenen Übeltäter beschränkt, auf den sich ja auch die Wut des Ehemanns richtete.

Die Büttel hatten sich zunächst in den angrenzenden Straßen und auf der Plaza Mayor nach ihm umgesehen, bis sie ihn schließlich vor der San-Antolín-Kirche entdeckt hatten.

Die Menschenmassen auf dem Platz und in den Gässchen ringsherum erschwerten die Flucht des Täters, allerdings auch die Verfolgungsjagd der Gerichtsdiener, die mit lauter Stimme die Hilfe der Umstehenden einforderten.

Der junge Mann rammte ein Maultier, verlor im Fall einen Schuh und rollte über den Boden. Dabei zerriss der Ärmel seines Hemdes, er hielt aber nicht inne, um seinen blutenden Arm zu untersuchen. Stattdessen kam er mühsam wieder auf die Füße, sammelte sich einen Moment und rannte dann die Calle de la Rúa in Richtung des Judenviertels und der Randbezirke weiter. Dort hatte er gute Freunde, bei denen er sich vielleicht verstecken könnte, oder er könnte zumindest im Gewirr der kleinen Gässchen untertauchen.

Allmählich wurden ihm die Beine schwer, und sein Kopf schien zu explodieren, immerhin hatte er sechs Karaffen Wein intus.

Als er sich jetzt umschaute, hatte er den Eindruck, einen Vorsprung gewonnen zu haben. Er holte Luft und wollte noch einmal an Tempo zulegen, um die Verfolger endgültig abzuschütteln, da versperrte ihm eine riesige Sau den Weg, die an einem Strick geführt wurde, und der junge Bursche rannte Tier und Besitzer über den Haufen. Er selbst flog über den Körper des Schweins hinweg, schlitterte dann am Boden noch ein paar Klafter weiter und prallte am Ende gegen ein Fass mit eingelegtem Hering. Das Fass bekam Risse, und eine klebrige, stinkende Flüssigkeit floss heraus und verteilte sich in Sekundenschnelle in seinem braunen Haar. Es war das Letzte, was Hugo de Covarrubias noch mitbekam, bevor er das Bewusstsein verlor.

Die ersten zwei Tage nach seiner Festnahme waren hart. Hugo machte der Kater zu schaffen, und die Kälte im Kerker hinter den Mauern der La-Mota-Festung kroch ihm in die Knochen. Außerdem musste er endlose Befragungen über sich ergehen lassen, bis er schließlich seinen Namen nannte.

Von diesem Moment an behandelte man ihn zwar etwas besser, die Warterei zog sich in der feuchten Zelle jedoch endlos in die Länge. Als einzige Zerstreuung konnte Hugo beobachten, wie das hereinfallende Licht im Laufe der Stunden den Boden entlangwanderte, und sich passende Rechtfertigungen für das Vorgefallene überlegen. Ein ordentliches Donnerwetter würde ihm aber wohl nicht erspart bleiben.

Am dritten Tag seiner Haft hörte er schließlich, wie der Riegel zurückgeschoben wurde, und Hugo blickte in das Ehrfurcht gebietende Gesicht seines Vaters.

»Hugo de Covarrubias! Ihr seid ein freier Mann!«, verkündete der Kerkermeister.

Hugo überschritt die Schwelle und begrüßte seinen Vater, ohne ihn anzusehen. Dann folgte er ihm einen unterirdischen Gang entlang und zwei enge Treppen hinauf, bis sie einen hell erleuchteten Hof erreichten, wo eine Kutsche auf sie wartete.

Darin nahmen sie einander gegenüber Platz.

»Wie du stinkst!«, wetterte Don Fernando.

Hugo erwiderte darauf lieber nichts.

Die Kutsche ruckelte das Kopfsteinpflaster der Wehranlage entlang. Erst außerhalb ihrer Mauern konnte sie auf einem besser befestigten Weg an Fahrt aufnehmen, und jetzt endete auch das unangenehme Schwanken. Von diesem Moment an hörte man im Inneren des Wagens nur die wiederholten schweren Seufzer und das eine oder andere trockene Husten von Don Fernando.

Hugo wusste, dass dieser angespannte Augenblick nicht ewig dauern würde. Ihm war aber auch klar, dass beim ersten Blickkontakt eine ebenso unangenehme Unterhaltung ihren Lauf nehmen würde, deshalb schaute er lieber zum Fenster hinaus.

So saßen die beiden etwa zwanzig Minuten schweigend da. Der eine betrachtete zerstreut die ersten draußen vorbeiziehenden Felder, der andere spielte an der metallenen Türklinke herum.

Schließlich kündigte Don Fernando mit langem Räuspern an, dass er nun etwas zu sagen hatte. »Weißt du überhaupt, wer diese Frau war, die du da belästigt hast?«

»Nein, Vater.«

»Sagt dir der Name Edgar Hossner etwas?« Don Fernandos Stimme wurde schärfer. »Tja, lass mich dir verraten, dass ihr Ehemann mein zweitbester Kunde in Brügge ist, oder vielmehr war. Letztes Jahr hat er uns vierhundert Sack Wolle abgekauft und uns dafür acht Millionen Maravedi gezahlt.«

Hugos grüne Augen wichen seinem anklagenden Blick nicht aus.

»Meine Aufgabe für euch bestand doch darin, Kunden für uns zu gewinnen … und nicht zu vergraulen!«

»Fragt Euch doch einmal, ob ich diese Aufgabe vielleicht gar nicht erfüllen wollte.«

Als er Don Fernandos bebende Nasenflügel bemerkte, rechnete der junge Mann mit dem Schlimmsten.

»Hugo!«, brüllte sein Vater aus vollem Halse. »Was zum Teufel ist denn nur mit dir los, Junge? Erklär es mir doch, weil ich es nun wirklich nicht begreifen kann. Schert dich das Ansehen unseres Namens wirklich so wenig, dass du ihn durch den Dreck ziehen musst, und zwar ausgerechnet vor den Augen unserer besten Kunden auf der Messe von Medina? Wenn ich wenigstens wüsste, was du sonst mit deinem Leben anfangen willst … Aber selbst das kannst du mir ja nicht sagen!« Zornig schlug er gegen die Tür der Kutsche. »Was habe ich dir nur getan, dass du mich mit solcher Gleichgültigkeit strafst? Kannst du mir das verraten? Mal sehen, ob ich irgendwie begreifen kann, weshalb du immer genau das Gegenteil von dem tust, worum man dich gebeten hat … Was meinst du – ob es dir irgendwann auch einmal anders herum gelingt?«

Er rieb sich mit den Händen über die Knie und dachte bei sich, dass er schon viel zu lange Antworten auf diese Fragen suchte.

Hugo seufzte. Natürlich wusste er ganz genau, wie viel Schaden er mit seinem Benehmen anrichtete. Er fand aber auch, dass sein Vater ihn, sein Wesen und seine Denkweise einfach nicht verstand. Er hatte sich schon tausendmal nach dem Grund dafür gefragt und war immer zu demselben Schluss gekommen: dass sie einander einfach in nichts ähnelten. Hugo glich seiner Mutter, und zwar nicht nur äußerlich. Er hatte denselben Charakter, denselben Geschmack, war wie sie sensibel und verfügte über die gleiche besondere Gabe, die nur seine Mutter erkannt hatte und die nach ihrem Tod in Vergessenheit geraten war. Seit ihrem Ableben waren zwölf Jahre verstrichen, und Hugos Leben hatte sich verändert.

In seinem Inneren brodelten tausend Fragen, sein Vater erwartete jedoch Antworten von ihm. Würde Don Fernando jemals verstehen, dass der Ursprung des Problems seine eigene Haltung Hugo gegenüber war? Würde er Kritik an seiner Ehe mit einer Frau akzeptieren, die Hugo die Kindheit zur Hölle gemacht hatte?

Würde Don Fernando irgendwann einmal erkennen, dass diese Stiefmutter sich nur widerwillig und voller Abschätzigkeit um Hugo gekümmert und die beiden Brüder, die ja nur durch diese zweite Ehe zu Brüdern geworden waren, ungleich behandelt hatte?

Würde sein Vater je gegen seine Gemahlin und für Hugo Partei ergreifen, wie er es bisher nie getan hatte? Wann immer sich das sensible Gemüt seines Sohnes gezeigt hatte, hatte Don Fernando ihn bislang als schwach und nutzlos bezeichnet. Würde er jemals begreifen, dass er nie für Hugo da gewesen war, wenn ihn dieser am meisten gebraucht hätte?

»Vater, falls Ihr wirklich dazu bereit seid, mich anzuhören, dann will ich heute kein Blatt vor den Mund nehmen.« Hugo holte Luft und nahm all seinen Mut zusammen, um mit ungewohnter Eindringlichkeit zu sprechen. »Ich hasse es einfach, dass Ihr Entscheidungen für mich trefft.« Angesichts der verständnislosen Miene seines Vaters versuchte er, sich klarer auszudrücken: »Habt Ihr Euch auch nur ein einziges Mal die Mühe gemacht, mich nach meinen Wünschen zu fragen? Halt, antwortet jetzt nicht! Das tue ich schon für Euch: Nein, niemals! Ganz zu schweigen von diesem heimtückischen Weib, das Ihr zur Ehefrau genommen habt …«

»Genug! Das muss ich mir nun wirklich nicht bieten …«

»Vater! Ich flehe Euch an, hört mir doch wenigstens dieses eine Mal zu.« Hugo hatte es noch nie gewagt, Don Fernando ins Wort zu fallen, aber zuvor hatte er sich ja auch noch nie zu völliger Offenheit entschlossen. »Seit ihrem Einzug bei uns hat diese Frau nur ein Ziel, nämlich mich als Sohn herabzuwürdigen und Euch gegen mich aufzubringen.«

Hugo atmete tief durch und versuchte, sich zu beruhigen. »Ich kann gut verstehen, dass Ihr mich gern in den Wollhandel miteinbeziehen möchtet, schließlich ist er das Geschäft unserer Familie. Aber Ihr wisst ja gar nicht, was ich selbst will. Ich habe für Wolle nichts übrig und finde die Vorstellung, mit ihr meinen Lebensunterhalt zu bestreiten, abstoßend …« Hugo wählte seine Worte nun wirklich nicht sorgfältig aus. »Und deshalb wollte ich bei Eurer Prüfung auch nicht mitmachen. Verlasst Euch da lieber auf Damián, damit werdet Ihr ihn glücklich machen, und Ihr beide werdet Euch wunderbar verstehen. Aber ich, ich tauge dazu nicht …« Hugo ließ den Kopf hängen. »Ich habe noch nicht entschieden, was ich mit meinem Leben anfangen will, und kann Euch versichern, dass ein Dasein mit solcher Ungewissheit nun wirklich nicht angenehm ist. Trotzdem weiß ich ganz genau, was ich nicht werden will.«

Jetzt hielt Don Fernando es nicht länger aus. Hugos plötzliches Geständnis passte so gar nicht zu dem Verhalten, das er eigentlich von seinem Sohn erwartete. Und er hatte genug davon. Er war Hugos Theater leid, hatte genug davon, alles Mögliche und Unmögliche zu tun, um einen anständigen Menschen aus ihm zu machen. Er hatte Hugos Ablehnung und die Diskussionen mit seiner Frau satt, bei denen er Hugo auch noch verteidigte, obwohl sein Sohn auf seine Argumente selten Taten folgen ließ. Und deshalb würden Worte jetzt nichts mehr an dem ändern, was Don Fernando beschlossen hatte, sobald er von dem Vorfall in Medina del Campo gehört hatte. Er hatte noch vor seinem Aufbruch nach Burgos alles dafür in die Wege geleitet.

»Zweifelsohne werde ich auf Damián zählen. Er hat mir ja auch als Einziger bewiesen, dass er es wert ist. Und nachdem ich mir diesen ganzen Unsinn von dir angehört habe, erscheinen mir meine Pläne für dich jetzt nur noch angebrachter. Du wirst nämlich mithelfen, ob es dir nun passt oder nicht. Gerade hast du mir ja selbst gestanden, dass du gar nicht sagen kannst, was du willst oder wofür du geeignet bist. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterhin die Entscheidungen für dich zu treffen. Und meine erste Entscheidung besteht darin, dir die wahre Bedeutung des Wortes Arbeit zu vermitteln. Bisher habe ich dir das ja erspart.«

Wieder wurde Don Fernando laut: »Du wirst das Geschäft von der Pike auf lernen und dabei mit den niedrigsten Arbeiten beginnen. Zu Hause angekommen, wirst du dich darauf vorbereiten, unsere Wolle bei ihrer jährlichen Reise von der Wäscherei bis zum Hafen zu begleiten. Dann steigst du auf ein Schiff und fährst nach Brügge, wo du dich persönlich bei Edgar Hossner entschuldigst. Ob wir ihn so als Kunden halten können, weiß ich zwar nicht, aber nur auf diese Art und Weise kannst du die unentschuldbare Vernachlässigung deiner Pflichten der Firma gegenüber wiedergutmachen. So büßt du für die Freveltat, die du begangen, und die Schande, die du damit über unseren Namen gebracht hast.«

Don Fernando war sich durchaus bewusst, wie hart er hier mit seinem Sohn umsprang. Aber er hoffte, mit dieser Ansprache endlich bis zu ihm vorzudringen. Dafür waren die nächsten Worte aber wohl nicht die passendsten. Bevor er sie aussprach, holte er einmal tief Luft, sah Hugo in die Augen, biss die Zähne aufeinander und drückte den Rücken durch: »Hugo, du bist wirklich … ein Versager.«

Die grausamen Worte des Vaters hallten Hugo in den Ohren. Er war zutiefst gedemütigt. »Wenn Ihr so wenig von mir haltet, dann habt keine Angst. Ich werde jede Aufgabe erledigen, die Ihr mir auferlegt«, versprach er. »Mehr könnt Ihr von mir aber nicht erwarten …«

Hugo verstummte, saß in sich zusammengesunken da und ließ sich durch den Kopf gehen, was gerade passiert war. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er es gewagt, seine Gedanken, seine Gefühle und Zweifel deutlich zum Ausdruck zu bringen, hatte, in der Hoffnung auf Verständnis, seinem Vater sein Herz ausgeschüttet, aber leider vergebens. Er wusste natürlich selbst ganz genau, dass er sich bisher durch wenig mehr als seine ständige Widerrede hervorgetan hatte, während sich sein Bruder Damián stets als Musterbeispiel eines Sohnes zeigte. Und an diesem Zustand schien Hugo auch nichts ändern zu können. Schließlich war er ja nichts weiter als ein Versager, wie man ihm gerade noch einmal bestätigt hatte.

Die Reise nach Burgos dauerte zwölf Stunden und kam ihnen unendlich vor.

Weil er so viel Zeit zur Verfügung hatte, ging Don Fernando im Kopf mehr als dreimal die Finanzen seines Unternehmens durch. In einem kleinen Büchlein notierte er stets die Vereinbarungen der aktuellen Verkaufssaison und verglich sie dann mit den Bestellungen, die auch wirklich aus Brügge eintrafen. Aber er musste auch dieses Mal bedrückt feststellen, dass die Zahlen einfach nicht übereinstimmten.

Deshalb seufzte er immer wieder schwer. Dann wieder galt sein Gram seinem Sohn, den er von ganzem Herzen liebte, obgleich er ihn schon lange nicht mehr verstand. Für Hugo würde er sich sogar die Hände abschlagen lassen, wenn er damit unter seiner Fassade undankbaren Verhaltens nur das Rohmaterial für einen guten Menschen zutage fördern würde. Denn der Zweifel, ob ein solcher wirklich in ihm steckte, nagte schon lange an Don Fernando.

Hugo hatte nur zwei Tage Zeit, um sich von seinen Bekannten zu verabschieden und sein Gepäck vorzubereiten; außerdem musste er sich eine heftige Standpauke von seiner Stiefmutter, Doña Urraca, anhören. Damiáns Mutter beschränkte sich nicht auf den Vorfall in Medina, sondern verurteilte sein ganzes Leben, das sie als erbärmlich und enttäuschend bezeichnete.

Wenigstens konnte Hugo noch seine beste Freundin Berenguela besuchen, die in der Nachbarschaft wohnte und Tochter eines anderen Händlers namens Don Sancho Ibáñez war. Ibáñez war noch nicht so lange im Wollgeschäft tätig und verfügte über weitaus weniger finanzielle Mittel als Don Fernando. Seine Tochter war der Mensch auf dieser Welt, der Hugo am nächsten stand, und kannte ihn ihrer Meinung nach vermutlich besser als er sich selbst. Sie waren beide zwanzig Jahre alt und zusammen aufgewachsen. Wie es nur zwei Kinder konnten, die bloß ein paar Schritte auseinander wohnten, hatten sie Flegeljahre, Spiele, Geheimnisse, Streitereien, Vertraulichkeiten und Ratschläge miteinander geteilt. Sie waren die Sprösslinge zweier Familien, deren Väter durch mehr als nur eine flüchtige Bekanntschaft miteinander verbunden waren.

Wegen all dieser Umstände fiel Hugo sein Abschiedsbesuch bei Berenguela furchtbar schwer. Es war für ihn der lieblichste, aber auch bitterste Moment. Er dachte daran, wie hart die Nachricht seine Freundin treffen würde, jedoch auch daran, was er hier zurücklassen musste. Schließlich würde er sechs oder sieben Monate unterwegs sein, das wusste er selbst noch nicht genau, und diese Vorstellung war ihm unerträglich.

Da er bei den Ibáñez’ fast wie zu Hause war, betrat Hugo gegen Mittag Berenguelas Zimmer, ohne anzuklopfen oder von den Bediensteten angekündigt zu werden. Mit einem Buch und ihrer Katze Canelilla auf dem Schoß saß Berenguela am Erkerfenster. An diesem strahlend schönen Tag fiel das Licht in jede Ecke dieses Zimmers, in dem Hugo und sie einst zusammen Ritter und Prinzessin gespielt, von weit entfernten Ländern der Welt geträumt oder sich geschlagen, miteinander Tränen gelacht und einander alles erzählt hatten.

Berenguela schaute auf. Als sie Hugo entdeckte und zu strahlen begann, zauberte ihr fröhliches Lächeln die typischen Grübchen auf ihre Wangen. Sie blieb sitzen und ließ sich von Hugo zur Begrüßung auf die Stirn küssen, bemerkte aber schnell, wie finster sein Blick war.

»Kann ich davon ausgehen, dass du gekommen bist, um mir deine Version der Geschehnisse in Medina del Campo zu erzählen? Ich habe nämlich andere gehört, die ich kaum glauben kann!« Als sie zur Seite rückte, um Platz für ihn zu machen, protestierte die Katze miauend. »Aber jetzt sag mir doch erst einmal, was dich bedrückt.«

Hugo zögerte ein paar Sekunden. Beim Blick in ihre haselnussbraunen Augen fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Die Nachricht, die er zu verkünden hatte, würde sie schließlich ziemlich mitnehmen. Und wenn es einen einzigen Menschen auf dieser Welt gab, dem er nicht wehtun wollte, dann saß er hier neben ihm.

Deshalb seufzte Hugo, knetete seine Finger und rückte erst nach einer Weile mit der Wahrheit heraus: »Ich gehe morgen aus Burgos weg und weiß noch nicht, für wie lange.«

»Aber was sagst du da nur? Wo willst du denn hin?« Berenguela biss sich auf die Unterlippe. Diese Nachricht musste sie erst einmal verdauen.

»Mein Vater zwingt mich dazu, den Produktionsweg der Wolle bis nach Brügge zu begleiten, wo ich dann einige Zeit bleiben soll. Wie lange, kann ich leider nicht sagen. Mein Vater will mir damit endlich zeigen, was Arbeit bedeutet.«

»Aber … Aber … Das ist ja furchtbar«, murmelte Berenguela, die eine Spur blasser geworden war und feuchte Augen bekam. »Was soll ich denn nur ohne dich machen?«

Hugo strich ihr über die blonden Locken. »Ich weiß … Und es tut mir so leid, denn du bist schließlich die Einzige, der ich hier fehlen werde. Bei mir zu Hause werden sie sich eher über meine Abwesenheit freuen, da bin ich mir sicher. Leider kann ich es nicht ändern, weil sich mein Vater nicht von seinem Plan abbringen lässt. Dabei kannst du dir bestimmt vorstellen, wie wenig Lust ich darauf habe. Und am meisten bedauere ich, dass ich deshalb auf unbestimmte Zeit von dir getrennt sein werde …«

Jetzt konnte Berenguela sich nicht länger zusammenreißen und brach in Tränen aus. »Wem soll ich mich denn anvertrauen, bis du endlich wieder hier bist? Wer wird mich verstehen, wenn nur du das kannst?«, fragte sie schluchzend.

In ihrem Inneren brannte ein viel größerer Schmerz, als sie jetzt zum Ausdruck bringen konnte. Schon seit Langem sah sie in Hugo nämlich nicht mehr nur einen Freund, sondern liebte ihn von Herzen. So wie sie selbst herangewachsen war, war auch ihre Liebe von Jahr zu Jahr größer geworden, obgleich sie sie aus Furcht vor Zurückweisung stets versteckt hatte. Sie kannte Hugo gut und hatte nie den Eindruck gehabt, dass ihn etwas anderes als Freundschaft mit ihr verband. Deshalb hatte sie Angst, dass ihre tiefen Gefühle ihn verschrecken und fernhalten würden.

Jetzt versank sie in der Wärme seiner Umarmung, einer tröstenden Geste, die trotzdem wehtat. Dann lauschte sie seiner Schilderung des Vorfalls mit der Frau im Gasthof und konnte wieder einmal nicht verstehen, warum Hugo sich bloß derart gehen ließ. Aber sie biss sich auf die Zunge, immerhin wusste sie genau, dass er kein boshafter Mensch war. Der frühe Tod seiner Mutter hatte in ihm so viele Gefühle geweckt, die ihn manchmal zu für andere unverständlichen Handlungen trieben.

Berenguela rückte von Hugo ab, um ihm in die Augen zu sehen, und sehnte sich in diesem Moment so sehr danach, ihn zu küssen, dass sie die Fäuste ballen und die Fingernägel in ihrem Fleisch vergraben musste, um gegen den Impuls anzukämpfen. Stattdessen sagte sie bloß: »Hugo, bitte vergiss mich nie.«

»Wie sollte ich dich denn vergessen?«, antwortete er.

»Ich werde jeden Tag an dich denken. Und bis du wieder zurückkommst, werde ich dich hier in mir tragen.« Sie legte die Hand aufs Herz. »Du weißt doch, was das bedeutet, nicht wahr?«

Hugo antwortete nicht. Die Botschaft war angekommen, und er verwahrte sie tief in seinem Inneren. Dann ließ er den Blick aufmerksam, ohne Eile über Berenguelas Gesicht, ihre Augen und Wangen wandern. Am Ende drückte er ihr einen langen Kuss auf die Stirn, der von Herzen kam. Einen Kuss, der für sie leider nur von Freundschaft zeugte, einen Kuss zum Abschied, einem langen, schmerzhaften Abschied.

3

Pineda de la Sierra, Sierra de la Demanda, Juni 1474

Die sechs jungen Männer, die bis zur Hüfte im Fluss Arlanzón standen, um dort die gerade aus Cuéllar eingetroffenen Vliese zu waschen, spürten ihre Zehen kaum noch. Obwohl das Wasser in diesem milden Frühling nicht besonders kalt war, hatten ihre Beine nach drei Stunden jegliche Wärme abgegeben und liefen langsam blau an.

Unter den nassen Arbeitern befand sich auch Hugo de Covarrubias, der von Don Fernandos Verwalter und rechter Hand, Policarpo Ruiz, ständig überwacht wurde. Ruiz war ihm quasi zum Gefängniswärter geworden.

Hugos Vater pachtete jedes Jahr den Bereich rund um den Fluss unterhalb von Pineda de la Sierra, weil dort die Wasser kraftvoll flossen und man die Wolle am Ende auf einem angrenzenden Feld in der Sonne trocknen lassen konnte. Bis dahin fehlten jedoch noch viele Arbeitsgänge, die Hugo nun alle durchlaufen würde.

Mit einem langen Brett bewaffnet, bearbeitete er eine neue Fuhre Vlies, um den gröbsten Schmutz loszuwerden, und nieste wegen des Staubs, der von dem riesigen Berg der noch ungewaschenen trockenen Wolle am Ufer aufstieg. Je nach Windrichtung schwebte die graue Wolke daraus entweder aufs Dorf zu oder legte sich über diejenigen, die rund um den Fluss ihre Arbeit verrichteten.

Hugo hasste Wolle, und hier gab es davon genug, um sie ihm für alle Ewigkeiten zu verleiden. Er warf einen flehentlichen Blick zu Policarpo Ruiz hinüber, der auf einem Baumstamm saß und ihn genau im Auge behielt. Zum fünften Mal an diesem Morgen wurde ihm jedoch mit einem Kopfschütteln eine kurze Pause verwehrt.

Hugo verfluchte sein Schicksal und stieß verbittert die Luft aus, fuhr jedoch mit seiner Arbeit fort.

Policarpo sprach derweil mit dem Sortierer Genaro, der die Vliese nach Qualität klassifizierte und den er schon seit vielen Jahren kannte.

»Ich verstehe ja immer noch nicht, warum du Don Fernandos Sohn mitgebracht hast. Was zum Teufel hat das zu bedeuten?« Beim Reden kratzte sich Genaro hektisch am Kopf, sodass sich eine schmutzige Kruste löste. Als er es bemerkte, fluchte er lautstark. »Deinetwegen müssen wir jetzt noch besser aufpassen.«

Genaro war so klein, dass viele ihn für einen Zwerg hielten, dennoch wagte sich ihm niemand zu widersetzen, wenn er seine Befehle brüllte. Er war ein grober Mann mit rauer Stimme und nervösem Temperament. Außerdem wurde Genaro von einem seltsamen Leiden geplagt: Etwa jede halbe Stunde verspürte er an irgendeiner Stelle seines Körpers starken Juckreiz. Er behauptete immer, dass es mit den Schafen und ihren Flöhen zu tun habe, war von dem Kribbeln allerdings so besessen, dass er sich auch ohne Kontakt zu diesen Tieren ständig kratzen musste.

»Das stimmt, wir dürfen nicht unachtsam werden.« Policarpo trat nach einem Steinchen. Dann bemerkte er ein Strohhälmchen auf seiner perfekten Seidenweste und zupfte es sofort weg. Er bot einen völlig anderen Anblick als sein Gesprächspartner. Policarpo sah sich selbst als Edelmann, er genoss Luxus und ein bequemes Leben, kleidete sich stets elegant. Obwohl er die vierzig bereits weit überschritten hatte, zog er durch seine schlanke Figur und sein attraktives Äußeres immer noch viele Frauen an, selbst weitaus jüngere. Jetzt drehte er sich zu einem heranrumpelnden Karren um, der für heute die letzten Säcke mit Wolle brachte.

»Seine Anwesenheit stört mich genauso wie dich, oder vielleicht noch mehr. Aber sein Vater ist mit seiner Geduld am Ende und weiß einfach nicht, was er sonst mit ihm machen soll. Mir hat er angetragen, ihn ordentlich schuften zu lassen und wegen seines Namens keinerlei Rücksicht auf ihn zu nehmen.«

Genaro rief einen seiner Helfer, um ihn zu fragen, ob die Tröge bereits mit heißem Wasser gefüllt worden seien. Nach dessen Bestätigung erhob sich Genaro ein wenig schwerfällig und forderte Policarpo auf, ihn doch zu begleiten. Als sie sich in Bewegung setzten, ging es wieder um Don Fernandos Sohn.

»Also, hier wird er nun wirklich genug zu tun haben.« Genaros offenes Lächeln stellte nur zwei Zähne zur Schau. »Bevor wir uns um unsere Angelegenheiten kümmern, spreche ich am besten mit dem obersten Bottichmeister, damit er weiß, was er mit dem Burschen anfangen und welche Aufgaben er ihm übertragen soll. Geh du doch rüber ins Lager und beginn schon mit der Abrechnung, ich komme gleich nach.«

Policarpo machte sich auf den Weg zum größten der Gebäude, aber nicht, ohne vorher noch einen letzten Blick zu Hugo hinüberzuwerfen.

Der schlug sich im Wasser mit einer enormen Masse nasser Wolle herum, die beinahe von der Strömung mitgerissen wurde.

Policarpo hörte das Klagen des jungen Mannes und die strengen Worte eines Vorarbeiters in seiner Nähe.

Don Fernandos Verwalter war schon seit über zwanzig Jahren für die Familie tätig und kannte sich perfekt mit den Abläufen bei der Wollverarbeitung aus. Direkt nach dem Scheren wurde die Wolle eigener oder gepachteter Herden zusammen mit solcher, die von Viehzüchtern angekauft worden war, angeliefert und sortiert. Aber damit endete die Aufgabe von Policarpo Ruiz noch nicht, im Anschluss organisierte er nämlich den Transport der Vliese zu den Wollwäschereien wie dieser hier in Pineda de la Sierra, im Landkreis La Demanda. Er überwachte die Kennzeichnung der Säcke gemäß ihrer Qualität, mietete im Hafen Lagerräume an, bezahlte Steuern und Versicherungen und den Transport auf Schiffen bis zu ihrem Ziel, zumeist in Flandern.

Seine Arbeit als Repräsentant eines so wichtigen Händlers aus Burgos wie Don Fernando war erst dann zu Ende, wenn die Ware in den Lagerhäusern der Käufer in Brügge oder Antwerpen eintraf und er in der jeweiligen Stadt alle von der als Consulado bezeichneten Zweigstelle der Kaufmannsgilde festgelegten Formalitäten für diese Lieferung erfüllt hatte. Da der Erfolg des Geschäfts großteils von ihm abhing, wurde er von Don Fernando, der volles Vertrauen in ihn setzte, fürstlich bezahlt.

Beim Betreten des Gebäudes spürte Policarpo, wie kühl es darin durch die dicken Steinwände war. Das große Fenster unter dem Vordach stand offen, um das Auslüften der Ware zu erleichtern.

Im Inneren lag Wolle aus über dreihundert bereits sortierten Säcken zum Trocknen, die Hälfte von Don Fernando de Covarrubias, die andere Hälfte von Don Sancho Ibáñez, Berenguelas Vater.

Don Sancho gehörte einer neuen Generation von Händlern aus Burgos an, die in Brügge noch nicht sehr bekannt waren, und wollte sich in diesem schwierigen Geschäft gerne einen Namen machen.

Jetzt bestand Policarpos Aufgabe darin zu entscheiden, welche von den gerade eingetroffenen Säcken er für den Weitertransport nach Portugalete zu den bereits lagernden von de Covarrubias hinzufügte.

Er holte ein Rechnungsbüchlein und ein silbernes Döschen mit kleinem Tintenfass und Feder hervor, um sich die bereits zugeordneten zu notieren. Die als »Florete« bezeichnete exquisiteste Wolle stammte ausschließlich von Rücken, Hals und Rippen frei laufender Merinoschafe. Für die etwas weniger hochwertige »Reflorete« schor man Merinoschafe aus Gehegehaltung. Die mittelfeine Wolle der zweiten, dritten und vierten Qualitätskategorie stammte von weniger erlesenen Rassen, toten Tieren oder Fellen, die man Metzgern abgekauft hatte.

Don Fernando de Covarrubias hatte sich seinen guten Ruf und seinen einstigen großen Kundenstamm im Ausland vor Jahren dadurch erworben, dass er stets höchstpersönlich die besten Herden ausgesucht hatte. So hatte er sich vorzügliche Florete-Wolle sichern können und weniger als ein Zehntel der Ware als Reflorete aussortieren müssen. Wolle niedrigerer Qualitätsklassen hatte er gar nicht erst angeboten.

Im Laufe der Zeit hatte Policarpo seine Aufgaben übernommen und war dabei nach denselben Kriterien verfahren, um die gleichen Proportionen bei den Kategorien beizubehalten. Seit fünf Jahren hatte sich die Situation jedoch verschlechtert, und Don Fernando verkaufte mit jedem Jahr minderwertigere Wolle, das stand zumindest in den Geschäftsbüchern, die Policarpo ihm vorlegte.

In der Nähe des Lagerhauses, in einem größeren, aber niedrigeren Gebäude, befanden sich zwei riesige Steinbottiche von sieben oder acht Spannen Breite und fünf Spannen Tiefe. Hier wurde die Wolle zum zweiten Mal gewaschen, dieses Mal mit heißem Wasser.

Aus einem riesigen Kessel mit einem Fassungsvermögen von 600 Arroba wurden diese Bottiche mit beinahe kochendem Wasser gefüllt. Zunächst nutzte man es für die schmutzigsten Vliese, für die Wolle vom Schwanz und Hinterteil des Tieres, die natürlich die meisten Flecken hatte. Später wurden dann die besseren Vliese mit inzwischen lauwarmem Wasser gereinigt.

Zusammen mit fünf anderen Arbeitern stieg Hugo in den ersten Bottich. So durchgefroren, wie er nach der Arbeit im Fluss war, empfand er das bis zur Brust gehende heiße Wasser zunächst als angenehm. Schon bald wurde es ihm jedoch zur Qual, und sein Körper begann sich gegen die hohen Temperaturen aufzulehnen. Als Hugo dann bemerkte, dass die Leiter weggezogen wurde, mit der er hinabgestiegen war, geriet er in Panik. Laut schreiend, verlangte er, aus dem Wasser gelassen zu werden, und konnte nicht verstehen, wieso die anderen nicht protestierten.

»Mein Junge, je weniger du dich bewegst, desto besser erträgst du die Hitze. Jetzt sei schon still, du hast dich bald daran gewöhnt!«, mahnte einer der anderen.

»Werft die erste Fuhre Wolle runter!«, rief nun jemand, der als Bottichmeister bezeichnet wurde. Er sah Hugo an und erklärte ihm, welche Arbeitsschritte jetzt anstanden: »Von deinen vier Kameraden werden zwei die Wolle auflockern, die anderen beiden bewegen sie hin und her und trampeln darauf herum. Das ist auch deine Aufgabe, bring die Vliese im Wasser zum Rotieren. Sieh es dir zunächst gut an, bevor du dabei hilfst.«

Noch während er diese Worte aussprach, flog auch schon die erste Ladung in den Bottich, die vom Fluss bereits nass war. Weil Hugo die Erfahrung fehlte, wich er nicht wie die anderen Männer aus, wurde von einem riesigen Batzen triefender Wolle getroffen und unter Wasser gezogen. Er fürchtete schon, in der Gluthitze sterben zu müssen, als er sich durch die unförmige, gelblich weiße Masse nach oben zu kämpfen versuchte. Durch das Wedeln mit den Armen verhedderte er sich nur noch mehr in den Fasern und war drauf und dran zu ertrinken. Schließlich wurde er von zwei starken Armen an die Oberfläche gezogen und dort mit lautem Gelächter in Empfang genommen.

Hugo schlief seit zwei Tagen auf dem Boden eines Wagens, weil sich Policarpo geweigert hatte, ihm ein Zimmer im Gasthaus zu geben. Nachdem er sich den ganzen Morgen mit immer neuen Bergen schwerer, nasser Wolle herumgeschlagen hatte, hatte ihm das hier gerade noch gefehlt, und er war langsam am Ende seiner Kräfte.

»Schiebt die Leiter herunter, ich verschwinde hier nämlich!«, rief er nach oben. »In dieser Hölle halte ich es nicht eine Sekunde länger aus!«

Sein Wunsch wurde aber nicht erfüllt, stattdessen bekam er einen so heftigen Schlag gegen die linke Schläfe, dass seine Augenbraue aufplatzte.

Der strenge Blick des Bottichmeisters und seine geballten Fäuste gaben Hugo zu verstehen, dass es noch weitere Prügel setzen würde, wenn er sich nicht am Riemen riss. Allerdings blutete seine Augenbraue jetzt so heftig, dass sich das Wasser im Bottich zu verfärben begann. Deshalb bat der Meister schnell um einen Lappen, den sich Hugo auf die Wunde pressen konnte, um die Wolle zu schützen.

»Hier wird gearbeitet! Und wenn du nicht mitmachst, hast du auch keinen Anspruch auf deine Essensration.«

Hugo schluckte Stolz und Wut hinunter, beobachtete genau die Handgriffe seiner Kameraden und tat es ihnen dann gleich.

Nach einer Stunde wurde die gereinigte Wolle aus dem Wasser geholt und in riesige Körbe verfrachtet, die man auf durchlöcherte Bretter stellte. Dann begab sich ein Arbeiter in jeden Korb und traktierte die Wolle drei Stunden lang mit den Füßen, um sie aufzulockern und die Flüssigkeit herauszupressen.

Die lockersten Wollfetzen wurden aus dem Korb entnommen und zunächst auf eine Schräge aus Holzbrettern, dann aus Steinplatten gelegt.

Das Mittagessen war der einzige Moment des Tages, an dem Hugo kurz verschnaufen konnte, allerdings hatte er auch dafür nur eine halbe Stunde Zeit. Er tunkte das ihm zugeteilte Stück Brot in den Kichererbseneintopf und trank seine Viertelarroba schlechten Wein so emsig, als handele es sich um den erlesensten Rebensaft der Welt. Dabei dachte er bei sich, dass hier nicht die harte Arbeit das Schlimmste war, sondern ihr Zweck. Sein Vater lag falsch, wenn er glaubte, damit wirklich seine Einstellung ändern zu können. Das Schleppen und Waschen der Wolle, die endlosen Stunden der Plackerei ließen nur Hugos körperliche Kräfte schwinden, aber nicht seine Entschlossenheit, sich weit weg vom Familienunternehmen ein Auskommen zu suchen. Hier machte er sich zwar bis ins letzte Detail mit dem Wollgeschäft vertraut, aber er würde es nie lieben lernen.

Sie würden noch den ganzen Nachmittag und Abend, bis zum Einbruch der Dunkelheit um kurz vor neun, arbeiten.

Nachdem die Wolle auf Steinplatten vorgetrocknet war, wurde sie zusammengepackt und hinaus auf die Wiese gebracht, wo als »Viñas« bezeichnete kleine Haufen daraus gebildet wurden. Nach eineinhalb Stunden wurde die Wolle auf der ganzen Wiese verteilt und am nächsten Morgen gewendet. Das wiederholte man dann während der nächsten drei Tage – drei Sonnenaufgänge und dreimal Wenden, bis man das trockene Material zu Haufen von eineinhalb Arroba zusammenfügen konnte. Von diesem Moment an musste man die Wolle nur noch fest zusammenpressen, um sie dann in ein als »Marga« bekanntes großes Tuch zu packen, das zusammengenäht einen Sack von achteinhalb Arroba ergab. Vor dem Abtransport vermerkte man darauf mit Rötel den Namen des Besitzers und die Qualitätsklasse.

Hugo nahm sein Abendessen aus einem Stück Käse und Kuchen zum Nachtisch mit zu seinem Lager, wo er neben über hundert anderen Arbeitern die Nacht verbringen würde. Er hatte kaum fertig gegessen, da fielen ihm vor Müdigkeit auch schon die Augen zu.

Eine Stunde später verließen zwei Männer das Lagerhaus, in dem die Wollsäcke aufbewahrt wurden, einer von ihnen mit zehn Golddublonen in der Tasche. Der andere schob seine Stange Siegellack sorgfältig in ihre Hülle.

»Es war mir ein Vergnügen, mit dir Geschäfte zu machen«, sagte der Zwerg zum Abschied.

Policarpo Ruiz, de Covarrubias’ Vertrauensmann, lächelte als Antwort bloß.

4

Auf dem Weg nach Portugalete, Biskaya, Juni 1474

Die Zunft der Fuhrleute von Burgos und Soria hatte das Monopol auf den Transport der Wolle von den Wäschereien des Königreichs Kastilien bis zu den Häfen von Transierra, Santander, Laredo und Castro Urdiales oder bis zu denen in der Biskaya.