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Der neue Landdoktor
– Staffel 4–

E-Book 31-40

Tessa Hofreiter

Impressum:

Epub-Version © 2019 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

E-mail: info@keltermedia.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74094-654-8

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Willkommen im wahren Leben!

Roman von Hofreiter, Tessa

»Papa, ich treffe mich mit Doro und ihrer Cousine am See!«, rief Emilia, während sie schon auf ihrem Fahrrad die Einfahrt zur Straße hinunterfuhr.

»Aber nicht zum Schwimmen, hoffe ich.«

»Ruderboot!« Das war das einzige, was Sebastian Seefeld noch verstand, bevor seine Tochter mit wehendem Haar in Richtung Dorf abbog.

In den letzten Tagen war es kühler geworden. Bald würde es Herbst werden. Auch an der kräftigen alten Ulme, die mit ihrem dichten Laub, den Eingang zur Praxis fast verdeckte, zeigten sich die die ersten gelben Blätter. Als er sich noch einmal umwandte und auf das Haus mit den hellgrünen Fensterläden schaute, sah er Traudel, die gute Seele der Familie. Sie trug eine Gartenschürze über ihrem Dirndl, und zwischen ihren grauen Löckchen leuchtete ein grüner Haarreifen hervor. Summend lief sie die Treppe durch den Steingarten hinauf und hinunter, kappte dort eine Blüte, zupfte von einer anderen Pflanze verwelkte Blätter ab.

Sebastian sah auf seine Armbanduhr, es wurde Zeit für ihn. Er musste in die Praxis. Die Nachmittagssprechstunde fing gleich an. Die ersten Patienten saßen sicher bereits im Wartezimmer. »Ist schon viel los, Gerti?«, fragte er seine Sprechstundenhilfe, als er gleich darauf die große Diele mit dem Empfangstresen betrat.

»Fast der gesamte Landfrauenverein hockt im Wartezimmer. Sie behaupten, sie hätten die Schlafkrankheit.«

»Die Schlafkrankheit?« Sebastian sah Gerti Fechner, die schon seit über dreißig Jahren in der Praxis Seefeld angestellt war, ungläubig an.

»Vielleicht proben sie auch nur zu viel für ihren Gesangsauftritt am Samstag.«

»Stimmt, das Oktoberfest mit dem traditionellen Landfrauensingen im Festzelt.«

»Es ist schon recht lang her, dass du zum Oktoberfest da warst.«

»Wirklich vermisst habe ich es nicht. Wenn ich nette Leute treffen will, gehe ich lieber zu Leonhard in den Biergarten.«

»Heuer musst du dich aber auf dem Oktoberfest blicken lassen. Das erwarten die Leute. Du gehörst jetzt zu den Honoratioren im Dorf.«

»Ich werde mich schon dort blicken lassen, keine Sorge. Würdest du mir sagen, warum die Landfrauen wirklich hier sind? Das mit der Schlafkrankheit war ja wohl nicht ernst gemeint.«

»Sie nennen es aber so. Wie gesagt, vielleicht übertreiben sie es mit den Proben. Sie treffen sich schon seit Tagen am Vormittag und am Nachmittag. Sogar Wanda Lind, die Musiklehrerin aus der Grundschule, haben sie für die Nachmittage engagiert. Wegen ihrer Kompetenz in Sachen Gesang. Aber die meisten Landfrauen sind halt so alt wie die Traudel und ich, das heißt, nicht mehr ganz taufrisch«, seufzte Gerti und spielte mit dem obersten Knopf ihres weißen Kittels.

»Du bist die Königin in unserer Praxis, und eine Königin braucht Lebenserfahrung. Sie darf gar nicht taufrisch sein, wie du es nennst. Sie sind alle aus dem gleichen Grund hier?« Sebastian warf einen Blick durch die geöffnete Tür des Wartezimmers. Dort gab es keinen freien Stuhl mehr.

»Alle kommen wegen abnormer Müdigkeit«, sagte Gerti.

»Gut, fangen wir an.«

»Das wird ein harter Tag«, murmelte Gerti. »Frau Kornhuber, zum Herrn Doktor!«, rief sie ins Wartezimmer, als wenig später das grüne Lämpchen an ihrer Haussprechanlage aufleuchtete. Es war Sebastians Signal, dass sie den ersten Patienten aufrufen konnte.

»Frau Kornhuber? Sind wir jetzt per Sie oder was?«, fragte die stattliche Frau in dem violetten Dirndl, die gleich darauf aus dem Wartezimmer kam.

»Das war eine für die Öffentlichkeit bestimmte Ansprache, die muss förmlich sein, liebe Therese.«

»Fechnerin, manchmal bist du schon recht merkwürdig«, stellte Therese Kornhuber fest und strich sich über den festen Knoten, zu dem sie ihr graues Haar gebunden hatte.

»Ich bin nicht merkwürdig, ich kenne mich nur in den Umgangsformen aus. Nun schick dich, du bist nicht die einzige Patientin. Gut so«, murmelte Gerti zufrieden, als Therese mit weit ausholenden Schritten in Richtung Sprechzimmer marschierte. Ich bin die Königin, du weißt genau, was du sagen musst, damit eine Frau sich gut fühlt, dachte sie, als Sebastian die Tür für seine erste Patientin öffnete und ihr, seiner Königin, noch ein Lächeln schenkte.

»Frau Kornhuber, was kann ich für Sie tun?«, erkundigte sich Sebastian, nachdem er die erste Vorsitzende des Landfrauenvereins begrüßt hatte und sie auf dem Stuhl an seinem Schreibtisch Platz nahm.

»Herr Doktor, ich bin alleweil so müde. Ich könnte den ganzen Tag schlafen. Besonders schwer fällt mir das Wachbleiben am Nachmittag.«

»Wann genau am Nachmittag?«, fragte Sebastian und sah Therese direkt an.

»Mei, Doktor Seefeld.« Mit einem tiefen Seufzer sah Therese zur Seite. Sie ließ ihren Blick durch das helle Sprechzimmer mit seinen weißen Möbeln gleiten, so als hätte sie es nie zuvor gesehen. Auch die schöne alte Vitrine aus gemasertem honigfarbenem Holz, in der Sebastians Vater die alten Medizinbücher aufbewahrte, die er gesammelt hatte, schien sie zu interessieren.

»Frau Kornhuber, haben Sie gehört, was ich Sie gefragt habe?«, hakte Sebastian nach.

»Um fünf nach der Gesangsprobe«, sagte Therese und wandte sich ihm wieder zu.

»Die Gesangsprobe im Landfrauenverein?«

»Richtig, wir treffen uns um halb vier, proben und dann hocken wir noch ein bissel bei Kuchen und Tee zusammen.«

»Gerti hat gesagt, Sie sind alle wegen der gleichen Beschwerden hier.«

»Das klingt nach einem Virus, nicht wahr, Doktor Seefeld? Jedenfalls nach etwas Ansteckendem.«

»Das kann ich so nicht sagen. Haben Sie außer der Müdigkeit noch andere Beschwerden?«

»Nein, aber so eine Müdigkeit kann doch das Anzeichen einer schlimmen Krankheit sein.«

»Das halte ich in diesem Fall für sehr unwahrscheinlich. Das wäre ein unglaublicher Zufall, wenn Sie alle an der gleichen Krankheit litten. Sie waren vor zwei Monaten zur Blutuntersuchung hier. Da war alles in Ordnung«, sagte Sebastian, nachdem er auf Thereses Krankenakte geschaut hatte, die auf dem Monitor seines Computers zu sehen war.

»Vielleicht ist es ein Virus, der uns alle befallen hat.«

»Leidet denn in Ihrer Familie oder in denen der anderen Landfrauen auch jemand an dieser Müdigkeit?«

»Nein, bisher nicht.«

»Dann ist es sicher kein Virus.«

»Was ist es dann?«

»Ich weiß es nicht, Frau Kornhuber. Aber wir werden es herausfinden. Gerti wird Ihnen gleich Blut abnehmen.«

»Abhören, Blutdruck messen, Bauch abtasten?«, fragte Therese.

»Das gehört dazu«, sagte Sebastian und legte das Stethoskop um seinen Hals.

Er hatte nicht die geringste Ahnung, was es mit dieser Müdigkeit auf sich haben könnte. Therese Kornhuber wirkte auf ihn kerngesund, und er konnte auch erst einmal nichts feststellen, was auf eine Krankheit hindeutete.

Auch die anderen Landfrauen, die nacheinander in sein Sprechzimmer kamen, wiesen keine Anzeichen einer Krankheit auf. Alle klagten nur über diese merkwürdige Müdigkeit. Er schickte sie alle zu Gerti, damit sie ihnen Blut abnahm. Gerade als Elvira Draxler, die zweite Vorsitzende des Landfrauenvereins, eine hagere Frau im grauen Dirndl, das Sprechzimmer verlassen hatte, rief Emilia auf seinem Handy an.

»Hallo, Spatz, ist etwas passiert?«, fragte er erschrocken, weil sie ihn während der Sprechstunde sonst nie anrief.

»Kein Notfall, Papa. Ich habe nur eine kurze Frage. Wer die Blutgruppe 0 hat, der kann doch jedem anderen Blut spenden. Egal, welche Blutgruppe derjenige hat, richtig?«

»Im Prinzip ja, wobei jemand mit der Blutgruppe 0 negativ die noch idealere Variante des Universalspenders ist. Warum willst du das wissen? Ist doch etwas passiert?«

»Es ist alles in Ordnung, wir haben uns nur gerade über seltene Blutgruppen unterhalten, und ich wollte dein Fachwissen nutzen. Bis heute Abend, Papa«, sagte Emilia und beendete das Gespräch.

Mein Fachwissen, aha, dachte Sebastian lächelnd und wollte schon den nächsten Patienten hereinbitten, als er noch einmal über die ›Schlafkrankheit‹ der Landfrauen nachdachte. Traudel war doch auch bei den Landfrauen. Warum klagte sie nicht über diese Symptome? Ich werde heute Abend ihr Fachwissen über die Landfrauen nutzen, dachte er, vielleicht konnte sie ihm einen nützlichen Hinweis geben.

*

»0 positiv, noch besser 0 negativ«, sagte Emilia und stieg in das Ruderboot, das Doro gemietet hatte.

»Dann schreibe ich 0 negativ«, erklärte Henriette, Doros Cousine, die am Vormittag in Bergmoosbach eingetroffen war.

»Du erzählst diesem Baldur nur Dinge über dich, die nicht stimmen?« Emilia schaute auf das Telefon, mit dem Henriette ständig irgendwelche Nachrichten an jemanden schrieb, der sich Baldur nannte.

»Balder oder Baldur, so nannten die Germanen den Gott des Lichtes. Strahlend schön und blond haben sie ihn sich vorgestellt. Denkst du, jemand, der sich so nennt, erzählt mir die Wahrheit über sich?«, entgegnete Henriette.

»Was genau erzählt er dir denn?«, fragte Emilia.

»Okay, ihr beiden, rudern wir auf den See hinaus, dann könnt ihr mich alles fragen.«

»Ich bin schon sehr gespannt auf deine Antworten, Cousinchen«, sagte Doro, die in der Mitte des Bootes saß und die Ruder in die Hand nahm.

»Das Krasseste daran ist, sich mit jemandem zu treffen, über den man absolut nichts weiß.« Emilia lehnte sich zurück, legte die Arme auf die Bootkante und reckte ihr Gesicht in die Sonne.

»Emi hat recht, das ist echt krass. Aber noch abgefahrener finde ich es, dass du den Typen ausgerechnet nach Bergmoosbach bestellt hast. Wie kann jemand, der in der Stadt wohnt, auf so eine Idee kommen?«, wunderte sich Doro.

»Weil Baldur annehmen wird, ich wohne hier. Wenn er mir nicht gefällt, dann fahre ich einfach wieder nach Hause, und er wird mich nie finden. Aber das wichtigste Argument, das für Bergmoosbach sprach, ist die Tatsache, dass hier jemand ist, mit dem ich über die Geschichte reden kann.«

»Du meinst mich?«, fragte Doro.

»Klar meine ich dich.«

»Ich gehöre jetzt auch zu den Eingeweihten«, meldete sich Emilia zu Wort.

»Was völlig in Ordnung ist«, sagte Henriette. »Meinen Freundinnen zu Hauses habe ich nichts von dieser Geschichte erzählt. Die würden vermutlich denken, ich habe sie nicht mehr alle.«

»Keine Sorge, das denke ich auch«, entgegnete Doro kichernd.

»Viel Spaß, die Damen!«, rief ein Mann, der mit seinem Telefon in der Hand aus dem Blockhaus kam, in dem das Büro des Bootsverleihs untergebracht war.

»Danke!«, rief Henriette, die nur kurz aufschaute, den gut aussehenden jungen Mann mit dem Dreitagebart aber nicht wirklich wahrnahm.

»Sie ist nicht von hier, so viel kann ich Ihnen verraten.«

»Bitte?« Der Mann mit dem Telefon fuhr herum, als Achim Baumeister, der Eigentümer des Bootsverleihs, aus dem Fenster des Blockhauses schaute.

Achim war eine sportliche Erscheinung mit wilden blonden Locken und kaum älter als der Mann am Ufer. ­Genau wie er schaute er dem Boot nach, das gerade vom Steg abgelegt hatte.

»Dunkelblondes langes Haar, grünbraune Augen, weiße Jeans, gelber Pullover. Sagt Ihnen das etwas?«

»Die Augenfarbe kann ich auf die Entfernung nicht erkennen.«

»Sie war gerade bei mir im Büro.« Achim schaute auf Henriette, die vorn im Boot saß und auf ihrem Handy herumtippte.

Emilia in ihrem leuchtend blauen T-Shirt saß hinten und Doro steuerte das Boot über den See. Ihr kurzes weißblondes Haar erschien in der Sonne beinahe durchsichtig.

»Ich denke, sie wird noch ein paar Tage hierbleiben«, sagte Achim.

»Sie interessieren sich für sie?«

»Keine Sorge, ich komme Ihnen nicht in die Quere. Ich fange grundsätzlich nichts mit Touristinnen an.«

»Ich mache mir keine Sorgen.«

»Ihr Blick sagte gerade aber etwas anderes.«

»Mein Blick hat sich nur kurzzeitig verirrt. Aber wie kommen Sie darauf, dass sie länger hierbleibt?«

»Wenn Sie nicht an ihr interessiert sind, dann kann Ihnen das doch egal sein. Sollten Sie doch interessiert sein, werden Sie es sicher herausfinden. Es sei denn, Ihr Telefon nimmt Sie auch weiterhin derart stark in Anspruch«, stellte Achim schmunzelnd fest.

»Es ist umgekehrt, ich nehme das Telefon in Anspruch.«

»Sie dürfen auch gern eines meiner Boote in Anspruch nehmen«, sagte Achim, als der junge Mann auf den Steg schaute, an dem noch drei Ruderboote befestigt waren.

»Deshalb bin ich hier«, entgegnete der junge Mann lächelnd. Er tippte noch schnell etwas in sein Telefon und steckte es dann in die Brusttasche seines Hemdes.

*

»Okay, dann erzähle mal, wie das mit deinem Baldur anfing«, forderte Doro ihre Cousine auf, als sie ungefähr in der Mitte des Sees waren und sie die Ruder feststellte.

»Die Landschaft ist wirklich traumhaft.« Henriette war es auf einmal auch vor ihrer jüngeren Cousine unangenehm, mit der ganzen Wahrheit herauszurücken.

Sie schaute auf das Wasser, das in der Nachmittagssonne in verschiedenen Farbschattierungen schimmerte. In der Mitte hellblau, am Ufer mit seinem weißen Sand aber mehr ins Türkis überging. Der See war von samtgrünen Wiesen eingebettet, die sich bis zum Fuße der Allgäuer Alpen mit ihren Tannenwäldern und vereisten Gipfeln ausbreiteten. Henriette fühlte sich plötzlich wie in eine märchenhafte Welt versetzt. Also genau die richtige Kulisse für diese Art von Geständnis, dachte sie und fasste endlich den Mut, den beiden Mädchen mehr von Baldur zu erzählen.

»Vor etwa drei Monaten habe ich zu Hause gesessen und geheult, weil in meinem Bekanntenkreis alle einen festen Freund haben, abgesehen von mir. Ich habe dann ein bisschen im Internet gesurft und bin zufällig in diesem Chatroom gelandet. Einer, in dem sich andere einsame Seelen treffen. Ich habe schnell begriffen, dass sie sich dort alle neu erfinden, sich so darstellen, wie sie gern sein möchten und nicht wie sie sind.«

»Wer bist du in diesem Chat­room?«, fragte Emilia.

»Marilyn«, antwortete Henriette leise.

»Marilyn? So wie Marilyn Monroe? Ich glaube es nicht«, sagte Doro, als Henriette nickte. »Sei mir nicht böse, Henni, aber eine Marilyn bist du nicht. Eher die Fee aus Peter Pan, so ein zierliches kleines Persönchen eben. Was natürlich nichts Schlechtes ist, hübsch bist du ja«, schob Doro schnell noch nach, weil sie Henriette nicht beleidigen wollte.

»Ich sagte doch, dass jeder sich so gibt, wie er gern sein möchte.«

»Ja, das sagtest du.«

»Wie beschreibt sich denn Baldur?«, schaltete sich Emilia in die Unterhaltung der beiden ein.

»Groß, sportlich, hellblond, musikalisch, sprachbegabt, und er liebt Filme mit Marilyn Monroe, deshalb hat er auch gleich auf meinen Namen reagiert.«

»Vermutlich ist er auch steinreich, dieser begabte sportliche Adonis?«, mutmaßte Doro augenzwinkernd.

»Er leitet einen internationalen Stromkonzern und wohnt in einer Villa an der Côte d’Azur.«

»Wirklich? Und du, was tust du so beruflich? Ich meine, Sachbearbeiterin im Finanzamt Hannover klingt nicht gerade berauschend für eine Marilyn.«

»Deshalb bin ich auch eine Sängerin, die unter einem Künstlernamen, den sie nicht preisgibt, durch die Welt jettet.«

»Ihr schreibt euch also nur so einen Quatsch? Er erzählt von der Côte d’Azur und du von deinen Reisen als Sängerin?«, fragte Doro ungläubig nach.

»Das ist doch der Sinn dieser Identität, du sollst sie leben.«

»Was hat dich dazu bewogen, dich zu outen?«, wollte Emilia wissen, die fasziniert zugehört hatte.

»Ich denke, dass Baldur total nett ist. Es gibt ja nicht nur diese erfundenen Fakten, wir sprechen auch über Gefühle. Was er darüber schreibt, das berührt mich. Deshalb habe ich mich wohl in ihn verliebt und er sich in mich.«

»Du hast dich in ihn verliebt? In einen Baldur von der Côte d’Azur? Das ist nicht dein Ernst, oder?« Doro starrte ihre Cousine kopfschüttelnd an.

»Ich dachte, ihr versteht das. In eurem Alter machen das doch bestimmt viele. Ich meine, mit erfundenen Identitäten durchs Netz surfen.«

»Eigentlich nicht. Wir verschicken Fotos oder setzen uns vor eine Kamera, um mit anderen zu reden. Am liebsten treffen wir uns aber mit Leuten, hier draußen in der realen Welt.«

»Ich habe aber keine Lust allein wegzugehen, Dorothea.«

»Dorothea?«, kicherte Emilia, weil sie zum ersten Mal hörte, dass jemand ihre Freundin so nannte.

»Dorothea Henriette Augustine Hindelang, so hieß unsere Großmutter, und ihre beiden Söhne haben sich diese Namen für ihre Töchter geteilt«, erzählte Henriette.

»Heißt auch jemand in eurer Familie Augustine?«, fragte Emilia.

»Ja, meine Katze.«

»Wer kümmert sich eigentlich um Augustine?«, wollte Doro wissen.

»Meine Nachbarin, eine nette ältere Dame.«

»Hoffentlich hat dein Baldur keine Katzenallergie, sonst kannst du deine Augustine gleich ganz bei deiner Nachbarin einquartieren.«

»Er hat keine Katzenallergie, das habe ich ihn schon gefragt. Er mag Katzen.«

»Du meinst, er hat dir ehrlich darauf geantwortet?«

»Ich habe die Frage als eine aus der wirklichen Welt gekennzeichnet.«

»Dann wollen wir hoffen, dass er das verstanden hat. Wann triffst du dich denn nun mit ihm?«, fragte Doro und nahm die Ruder wieder in die Hand.

»Am Samstag um 12 Uhr an der Losbude auf dem Oktoberfest.«

»Okay, Emi und ich werden uns diese Begegnung sicher nicht entgehen lassen.«

»Nein, ganz sicher nicht«, stimmte Emilia Doro vergnügt zu.

»Entschuldigt, eine neue Nachricht von Baldur«, sagte Henriette, die ihr Telefon die ganze Zeit in der Hand hielt.

»Tauscht ihr schon SMS aus?«, erkundigte sich Doro.

»Nein, bisher läuft alles nur über den Chat. Ich gebe weder meine Telefonnummer noch meine Adresse noch sonst etwas heraus, bevor ich nicht weiß, ob ich ihn überhaupt näher kennenlernen möchte.«

»Wenn ich das veranstalten würde, was du da gerade veranstaltest, würde ich auch auf absolute Geheimhaltung achten. Stell dir mal vor, der schöne Baldur entpuppt sich als rothaariger Zwerg aus Bielefeld.«

»Hör auf, Doro, so schlimm wird es hoffentlich nicht kommen«, entgegnete Henriette.

»Ein rothaariger Zwerg mit dem Namen Rumpel Stilz.« Emilia hatte diesen Gedanken kaum ausgesprochen, als sie sich vor Lachen nicht mehr halten konnte.

»Ich drehe durch«, seufzte Henriette und dann mussten sie und Doro auch laut lachen.

»Okay, ihr beiden, ihr hattet euren Spaß«, sagte sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hatten. »Ich würde gern mal das Ruder übernehmen, damit ich auf andere Gedanken komme.«

»Du stellst die Kommunikation mit Baldur vorübergehend ein?«, wunderte sich Doro.

»Ich habe mich für eine halbe Stunde abgemeldet.«

»Wie schön, dann will ich dich von deinem Drang zur Aktivität nicht abhalten. Wechseln wir also die Position.«

Das Boot geriet ins Schaukeln, als die beiden Cousinen ihre Plätze tauschten. Emilia richtete sich schon darauf ein, dass sie gleich alle im Wasser landen würden. Aber es ging alles gut, und Henriette übernahm die beiden Ruder.

»Ich denke, ich werde meine Nase auch mal eine Weile in die Sonne recken«, erklärte Doro. Genau wie Emilia lehnte sie sich zurück, schloss die Augen und ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen.

Doro hat recht, ich bin eine Fee, eine schwache Fee, die noch nicht einmal ein Ruderboot richtig steuern kann, dachte Henriette, weil es ihr nicht gelang, das Boot gerade zu halten. Nach einer Weile fühlte sie sich dann aber ein bisschen sicherer. Gleichmäßig tauchte sie die Ruder ins Wasser und riskierte hin und wieder einen Blick auf die Berge. Als eine schmale mit Schilf bewachsene Landzunge vor ihr in den See ragte, wollte sie schon Doro bitten, das Ruder zu übernehmen. Unsinn, das schaffe ich auch allein, machte sie sich Mut und holte mit den Rudern kräftig aus, während die Mädchen vor sich hin dösten.

»Nein, das gibt es doch nicht!«, rief sie erschrocken, als sie die Landzunge umschifft hatte und sie geradewegs auf ein Ruderboot zusteuerte, das in der Bucht auf dem Wasser schaukelte.

»Was ist?!« Doro und Emilia schossen gleichzeitig hoch.

»Gleich passiert was«, konnte Henriette nur noch stammeln, bevor sie das andere Boot streifte und es gefährlich ins Schaukeln geriet.

»Hallo, geht es noch?!«, rief der Mann, der mit seinem Telefon in der Hand mit den Füßen im Wasser auf der anderen Seite des Bootes saß.

»Tut mir leid!«, rief Henriette, als sie bei dem Versuch auszuweichen erneut gegen sein Boot stieß. »O Gott, auch das noch!« Erschrocken sah sie zu, wie der Mann samt seinem Telefon ins Wasser fiel.

»Super gemacht, lass mich bloß wieder ans Ruder«, forderte Doro ihre Cousine auf.

»Alles in Ordnung?!« Emilia behielt den Mann im Auge, der wieder aus dem Wasser auftauchte, während Doro und Henriette die Plätze tauschten.

»Ja, mir geht es gut. Ich warte aber besser im Wasser, bis ihr euch ein Stück entfernt habt. Das erscheint mir sicherer.«

»Verzeihen Sie mir bitte, aber ich habe keine Übung im Rudern«, entschuldigte sich Henriette und beugte sich ein wenig zur Seite, um ihn besser sehen zu können.

»Bleib gerade sitzen, oder sollen wir kentern? Mann, Henriette, du bist so ungeschickt«, schimpfte Doro.

»Ich mache es wieder gut. Ich lade euch zum Eis ein, und Sie auch. Nehmen Sie an, bitte«, wandte sie sich an den Mann im Wasser.

»Und dabei wird mir auch nichts passieren? Ich meine, das Eis wird nicht auf meinem Hemd landen oder so etwas?«, fragte er und strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht.

»Ihnen wird nichts passieren«, antwortete Henriette lächelnd.

Was ist denn nur mit mir los?, dachte sie, als sie ihn ansah und sie plötzlich so ein merkwürdiges Kribbeln verspürte. Ob das an dem Blick aus diesen hellen braunen Augen lag oder seinem Lächeln? Und überhaupt, war das nicht der Mann, der ihnen vorhin vom Seeufer aus irgendetwas zugerufen hatte?

»Okay, ich nehme die Einladung an«, sagte er. »Wo? Ich würde mir gern vorher noch etwas Trockenes anziehen.«

»Wo?«, wandte sich Henriette an Doro. Sie war das erste Mal in Bergmoosbach und hatte keine Ahnung, wohin sie ihn bestellen sollte.

»Café Höfner am Marktplatz in einer Stunde«, übernahm Doro die Antwort.

»Alles klar, bis dann.« Er fischte sein Handy aus dem Wasser, schüttelte es und betrachtete es von allen Seiten.

*

Vor dem Café am Marktplatz fanden sie auch gleich einen Tisch für vier unter der prächtigen alten Kastanie, die mit ihrem dichten Laub die Tische beschirmte.

»Was darf ich euch bringen?«, erkundigte sich Ursel Wermig, die ältere Bedienung in dem honigfarbenen Dirndl, die freundlich lächelnd zu ihnen kam.

»Sucht euch etwas aus«, forderte Henriette die beiden Mädchen auf.

»Sollten wir nicht lieber warten, bis das Opfer hier ist?«, wandte Doro ein.

»Opfer?«, fragte Ursel verwundert.

»Kein Grund zur Besorgnis. Meine Cousine Henriette hat nur einen Mann vom Boot gefegt. Er konnte aber schwimmen«, erzählte Doro lachend.

»So, Sie sind die Cousine, willkommen in Bergmoosbach«, begrüßte Ursel die junge Frau.

»Bitte bestell etwas, Doro. Mir ist es lieber, du bist beschäftigt, wenn unser Gast kommt.« Henriette wollte sich gar nicht vorstellen, welche Spitzen ihre pfiffige Cousine noch auf Lager hatte.

»Also gut, dann Eisschokolade mit Apfelkuchen«, sagte Doro.

»Für mich auch«, schloss sich Emilia gleich an.

»Keinen großen Eisbecher oder so etwas?«, fragte Henriette noch einmal nach.

»Du nimmst ein Stück Apfelkuchen in den Mund und trinkst dann von der Eischokolade, das ist ein Wahnsinnsgeschmackserlebnis«, erklärte Doro ihrer Cousine, warum sie und Emilia diese Kombination einem Eisbecher vorzogen.

»Dann sollte ich das wohl auch probieren.«

»Unbedingt«, stimmten die Mädchen ihr zu.

»Gut, dann dreimal Apfelkuchen.«

»Mit Eisschokolade!«, rief Doro Ursel nach.

»Ich weiß, Herzl!«

»Er sieht ziemlich gut aus.«

»Wer?«, fragte Henriette, als Doro sie verschmitzt anschaute.

»Du weißt schon, wen ich meine. Ich bin sicher, du hättest ihn nicht zu einem Eis eingeladen, wenn er dir nicht gefallen würde.«

»Sein Aussehen ist ganz sicher nicht der Grund. Ich will mich nur für sein unfreiwilliges Bad entschuldigen.«

»Ich glaube, eine Entschuldigung wird nicht reichen. Sein Handy ist ins Wasser gefallen. Hast du das überhaupt bemerkt?«

»Nein, habe ich nicht. Er hat doch auch nichts davon gesagt.«

»Vielleicht war er ein wenig geschockt über deine unsanfte Anmache.«

»Doro, bitte, ich habe ihn nicht angemacht. Ich habe mich nur versteuert.«

»Klar, nur versteuert.«

»Du bist ganz schön frech, kleine Cousine.«

»Klein trifft es wohl nicht. Obwohl du zehn Jahre älter bist als ich, bin ich bereits größer als du und werde sicher noch ein paar Zentimeter wachsen.«

»Das wäre super, dann wirst du für unsere gegnerischen Mannschaften noch unbezwingbarer«, sagte Emilia.

»Du spielst in derselben Mädchenfußballmannschaft wie Doro?«, fragte Henriette.

»Sie ist unsere Topstürmerin. Sie hat in Toronto in einer Topmannschaft gespielt, ich leider nur in Hannover.«

»Offensichtlich hast du eine gute Ausbildung genossen. Dein Vater hat schon mehrfach betont, dass du die beste Torfrau der Mädchenfußballmannschaften im ganzen Allgäu bist.«

»Sie nimmt es mit jeder auf, selbst mit einer Torfrau aus München. Das sage nicht nur ich, das sagt auch unsere Trainerin«, erklärte Emilia.

»Eure Trainerin ist Hebamme, richtig?«

»Anna ist die beste Hebamme und die beste Trainerin«, antwortete Emilia.

»Hebamme und Fußballtrainerin, das klingt nach einer interessanten Frau. Entschuldigt mich kurz«, bat Henriette. Sie hatte sich schon eine ganze Weile nicht mehr bei Baldur gemeldet. »Das gibt es doch nicht«, sagte sie, als sie ihr Handy gleich wieder einsteckte.

»Was gibt es nicht?«, fragte Doro.

»Baldur ist schon seit fast einer Stunde nicht mehr online.«

»Was für eine Katastrophe«, entgegnete Doro nicht gerade mitfühlend.

»Er hat bestimmt etwas Wichtiges zu tun«, versuchte Emilia Henriette zu trösten.

»Ja, sicher, so wird es sein«, entgegnete sie nachdenklich.

»Du kommst gerade richtig. Henriette braucht Trost«, begrüßte Doro Ursel, die ihnen die Kuchen und die Eisschokolade servierte.

»Das wird bestimmt helfen, unser Apfelkuchen ist ein erfolgreicher Seelentröster«, versicherte Ursel Doros Cousine, bevor sie sich dem älteren Ehepaar in Wanderkleidung zuwandte, das am Nachbartisch saß und nach der Rechnung verlangte.

»Was denkst du?«, fragte Doro, nachdem Henriette von dem Apfelkuchen und der Eisschokolade versucht hatte.

»Absolut köstlich«, gab Henriette zu und aß gleich das nächste Stück Apfelkuchen mit einem großen Schluck Eisschokolade.

»Er kommt«, flüsterte Emilia, als sie den jungen Mann in der schwarzen Jeans und dem grünen Hemd entdeckte, der direkt auf sie zukam.

»Die Lüftlmalereien sind ein interessanter Fassadenschmuck.« Henriette richtete ihren Blick auf die hübsch bemalten Häuser mit den kleinen Geschäften, die das Bild des Marktplatzes prägten. Sie war auf einmal fürchterlich nervös und fragte sich, was sie mit diesem fremden Mann überhaupt reden sollte.

»Reiß dich zusammen«, raunte Doro ihr zu, als der Mann an ihren Tisch kam.

»Hallo.« Henriette zuckte zusammen, als sie aufschaute. Doro hatte recht, er sah wirklich gut aus. Dichtes dunkelblondes Haar, hellbraune strahlende Augen, ein unglaublich sympathisches Lächeln.

»Björn Magnusen«, stellte er sich vor und reichte Henriette die Hand.

»Henriette Hindelang. Meine Cousine Doro und ihre Freundin Emilia«, machte sie ihn mit den Mädchen bekannt.

»Hallo«, sagte er und reichte auch den beiden die Hand.

»Bitte, nehmen Sie Platz«, bat Doro und deutete auf den freien Stuhl neben Henriette. »Wie Sie sehen, haben wir schon bestellt. Ich hoffe, Sie halten uns nicht für unhöflich.«

»Wir sind auch nicht unhöflich, wir mögen nur gern Eis und Kuchen«, mischte sich Emilia ein und steckte das nächste Stück Apfelkuchen in den Mund.

»Was darf ich Ihnen bestellen?«, fragte Henriette.

»Einen Eiskaffee, bitte.«

»Nehmen Sie ein Stück Apfelkuchen dazu«, schlug Emilia ihm vor.

»Eiskaffee und Apfelkuchen?«, fragte Ursel, die wieder an ihren Tisch kam.

»Ja, bitte, bringen Sie mir beides«, antwortete Björn.

»Kommt sofort.« Dieses Opfer sieht wirklich ganz unversehrt aus, dachte Ursel.

»Haben Sie sich vorhin auch wirklich nicht verletzt?«, fragte Henriette, um sich an den Anlass dieses Treffens zu erinnern.

»Mir geht es gut. Ich hatte nur nicht mit diesem Schubser gerechnet.«

»Und ich war nicht darauf vorbereitet, so unvermittelt auf ein Boot zu treffen.«

»Sollte man auf einem See nicht immer damit rechnen?«, erwiderte Björn lächelnd.

»Oops«, flüsterte Emilia und tauschte einen erschrockenen Blick mit Doro. Dieser Einwand würde Henriette sicher nicht gefallen.

»Sie haben recht, auf einem See sollte man auf jeden Fall mit anderen Booten rechnen«, antwortete Henriette lachend, während Ursel den Apfelkuchen und den Eiskaffee für Björn servierte.

Emilia und Doro atmeten erleichtert auf. »Ich muss das Rudern noch ein bisschen üben«, sagte Henriette. »Was ist mit Ihrem Telefon? Meine Cousine meinte, sie hat gesehen, wie es ins Wasser fiel, als ich ihr Boot streifte.«

»Es lag im Wasser, das stimmt, aber es hat überlebt«, antwortete Björn lächelnd.

»Dann ist es kein Schadensfall?«

»Nein, ganz bestimmt nicht. Ich soll euch beide übrigens von Markus grüßen«, wandte sich Björn an die Mädchen.

»Markus Mittner?«, fragte Emilia.

»Er ist dein Freund, richtig?«

»Woher wissen Sie das?« Emilia schaute Björn verblüfft an.

»Ich wohne auf dem Mittnerhof. Ich habe vorhin kurz mit Markus gesprochen und ihm von meiner Begegnung auf dem See erzählt. Er meinte, dass die beiden Mädchen, die ich ihm beschrieben habe, nur Emilia und Doro sein können. Was ja wohl auch stimmt.«

»Wie gefällt es Ihnen denn auf dem Mittnerhof?«, wollte Emilia wissen.

»Sehr gut. Mein Appartement ist gemütlich eingerichtet, die Mittners sind herzliche Gastgeber und das Frühstück ist grandios. Für das Abendessen haben Sie mir übrigens empfohlen, in den Biergarten zu gehen.«

»Guter Vorschlag«, sagte Emilia.

»Ich habe mir auch vorgenommen, hinzugehen. Hätten Sie Lust, mich zu begleiten?«, wandte er sich an Henriette.

»Der Biergarten liegt direkt am Bachufer. Das könnte gefährlich werden. Ich meine, es ist für Sie schon ein Risiko, sich mit meiner Cousine in die Nähe eines Wassers zu wagen«, sagte Doro.

»Doro, bitte.« Henriette schüttelte den Kopf. Offensichtlich gefiel es ihrer kleinen Cousine, sie ein bisschen zu ärgern.

»Ich lasse mich nicht abschrecken. Heute Abend um sieben im Biergarten?«, wiederholte Björn seine Einladung.

»Einverstanden«, sagte Henriette. Es sprach nichts dagegen, mit ihm essen zu gehen. Das verpflichtete sie zu gar nichts. Außerdem ist er wirklich sehr nett, dachte sie.

»Doro, wir müssen noch für die Mathearbeit morgen üben.« Emilia stupste die Freundin in die Seite.

»Die Mathearbeit?«, fragte Doro und runzelte ungläubig die Stirn.

»Ja, die Mathearbeit.« Emilia deutete eine Kopfbewegung in Richtung Henriette und Björn an.

Die beiden sahen sich gerade in die Augen und schienen nichts anderes mehr wahrzunehmen.

»Richtig, die Mathearbeit. Wir müssen uns verabschieden, die Mathearbeit morgen hat es wirklich in sich«, erklärte Doro und stand auf.

»Um was geht es denn?«, fragte Björn und löste sich von Henriettes Anblick.

»Gleichungen mit zwei Unbekannten. Interessieren Sie sich für Mathe?«

»Ja, durchaus.«

»Mathelehrer oder Mathematiker an der Uni oder so etwas?«

»Ingenieur in einem Wasserkraftwerk.«

»Haben Sie deshalb ein wasserresistentes Telefon?«

»Das war der Grund, warum ich beim Kauf meines Telefons auf diese Eigenschaft geachtet habe.«

»Wie lange kann es im Wasser bleiben, ohne Schaden zu nehmen?«

»Etwa eine halbe Stunde.«

»Doro, nun komm schon«, bat Emilia und hakte sich bei ihrer Freundin unter. »Danke für den Kuchen und die Eisschokolade«, bedankte sie sich bei Henriette, bevor sie mit Doro das Café verließ.

»Gleichungen mit zwei Unbekannten? Wie bist du denn so schnell darauf gekommen?«, wunderte sich Emilia.

»Auf was soll ich denn sonst kommen, wenn vor mir zwei Unbekannte sitzen, die sich gerade einander angleichen?«

»Stimmt, da scheint es gerade mächtig zu funken. Ich befürchte, der gute Baldur hat Konkurrenz bekommen.«

»Das denke ich auch. Ich glaube, das wird ein spannendes Wochenende.«

»Vielleicht sagt Henriette Baldur noch ab.«

»Bloß nicht, ich möchte diesen Direktor des internationalen Stromkonzerns unbedingt kennenlernen. Du nicht?«

»Doch, ich möchte ihn auch kennenlernen«, antwortete Emilia lachend. »Da wir glücklicherweise nicht wirklich für eine Mathearbeit lernen müssen, könnten wir uns eine Folge unserer Lieblingsserie anschauen. Was meinst du?«

»Zwei Folgen.«

»Okay, anderthalb Stunden Action und Romantik«, sagte Emilia.

*

»Wo steht denn das Wasserkraftwerk, in dem Sie arbeiten?«, fragte Henriette, nachdem die Mädchen gegangen waren.

»An der Weser, etwa 80 km nördlich von Hannover.«

»Das kenne ich, ich fahre hin und wieder daran vorbei, wenn ich zu meinen Eltern aufs Land fahre. Ich wohne in Hannover.«

»Ich auch.«

»Wo genau?«

»In der Altstadt.«

»Das ist gerade eine Viertelstunde von mir entfernt«, stellte Henriette verblüfft fest, als er ihr die Straße nannte, in die er vor einem Jahr gezogen war.

»Wo haben Sie denn vorher gewohnt?«

»In Flensburg.«

»Das war doch sicher eine große Umstellung.«

»Ich vermisse das Meer, das stimmt. Ich denke, ich werde irgendwann auch wieder an die See ziehen. Aber der Job, den ich gerade habe, macht mir Spaß. Mal sehen, wie es weitergeht. Solange ich keine Familie habe, kann ich frei entscheiden, wohin ich gehe.«

»Ich muss auch auf niemanden Rücksicht nehmen.«

»Dann haben Sie noch keine Familie gegründet?«

»Nein, bisher nicht.«

»Was ist mit Ihrer Arbeit? Sind Sie da ortsgebunden?«

»Ich könnte vielleicht schon wechseln, aber das ist nicht so leicht. Mein derzeitiger Chef müsste sich mit meinem zukünftigen über diesen Wechsel absprechen.«

»Für wen arbeiten Sie denn?«

»Das wage ich gar nicht auszusprechen.«

»So schlimm?«

»Ich habe es schon mehr als einmal erlebt, dass Leute, die ich gerade kennengelernt habe, sich plötzlich nicht mehr für mich interessieren.«

»Arbeiten Sie für den Geheimdienst oder für das Finanzamt?«, fragte er amüsiert.

»Für das zweite.«

»Oh.«

»Genau das meine ich«, sagte Henriette, als er plötzlich vor ihr zurückwich.

»Tut mir leid, das war dumm«, entschuldigte er sich sofort. »Aber wenn Sie wüssten, was ich schon alles mit dieser Behörde erlebt habe.«

»Glauben Sie mir, ich habe schon unzählige Geschichten zu diesem Thema gehört. Ich gebe auch freiwillig zu, dass einige Kollegen ihre Mitbürger vollkommen unnötig von oben herab behandeln.«

»Da ich davon ausgehe, dass Sie das nicht tun, vergessen wir das Finanzamt Hannover und machen lieber einen kleinen Spaziergang durch Bergmoosbach. Einverstanden?«

»Einverstanden«, willigte Henriette in seinen Vorschlag ein. Sie beglich ihre Rechnung mit einem ordentlichen Trinkgeld für Ursel und verließ zusammen mit Björn das Café. Für einen Moment dachte sie daran, Baldur eine Nachricht zu schicken, dass sie sich erst gegen Abend wieder melden würde, aber irgendwie erschien ihr das gerade nicht so wichtig.

»Vom Rathausturm soll man eine wundervolle Aussicht haben, das hat Frau Mittner mir gesagt, als ich sie nach den Sehenswürdigkeiten der Gegend gefragt habe.«

»Dann sollten wir ihrem Rat folgen und uns einen Überblick über Bergmoosbach verschaffen. Vielleicht entdecken wir etwas, was wir uns in den nächsten Tagen noch ansehen könnten.«

»Möglicherweise auch gemeinsam?«

»Ja, vielleicht«, antwortete Henriette lächelnd. Björns Gegenwart war ihr angenehm und er kam ihr auch gar nicht fremd vor. Eher wie jemand, den sie schon länger kannte und vor dem sie sich nicht verstellen musste.

*

»Der Aufstieg hat sich gelohnt«, sagte Björn, nachdem sie die 150 Stufen der hölzernen Wendeltreppe überwunden hatten.

»Auf jeden Fall«, stimmte Henriette ihm zu.

Das runde Zimmer unter dem Dach des Rathausturms hatte Fenster in jede Himmelsrichtung und sie konnten die ganze Gegend überblicken. Die tiefen Tannenwälder, die Berge bis hin zum Schneeplatt der Zugspitze, das in der Sonne glitzerte. Zu ihren Füßen breitete sich Bergmoosbach mit seinen Weiden und Wiesen, den goldgelben Rapsfeldern, kleinen Teichen und dem Sternwolkensee aus. Der Bach, der in einem gewundenen Bogen aus den Bergen ins Tal schoss, floss durch das Moor, rauschte unter einer Brücke hindurch, bahnte sich dann den Weg an der Brauerei vorbei zum Sägewerk und verschwand in einem dichten Wald, bis er im Nachbartal wieder auftauchte.

»Sieh mal, hier gibt es sogar eine Burg.« Henriette deutete auf die Ruine, die auf dem Gipfel eines bewaldeten Hügels stand. »Habe ich Sie gerade geduzt?«, fragte sie erstaunt über sich selbst, weil ihr dieses Du wie selbstverständlich erschien.

»Ich finde, wir sollten dabei bleiben. Henriette ist ein wunderschöner Name.«

»Meine Cousine ist auch der Meinung, ich hätte den besseren Teil erwischt«, sagte sie und erzählte Björn, wie sie zu ihrem Namen gekommen war.

»Ich finde Doro passt gut zu ihr, den Rest kann sie ja weglassen.«

»Das tut sie auch, wenn es irgendwie möglich ist. Wenn wir einen Namen hören, verbinden wir damit immer ein bestimmtes Bild. Oft hat diese Vorstellung aber rein gar nichts mit der Realität zu tun. Zum Beispiel ein Sven mit dunklen Augen und dunklen Haaren, das passt irgendwie nicht. Da habe ich wohl Glück, dass meine Haare einigermaßen hell geblieben sind, sonst würde Björn auch nicht zu mir passen. Obwohl, mein Großvater väterlicherseits stammt aus Dänemark, da bekäme ich als dunkelhaariger Björn wohl einen Bonus.«

»Könnte sein«, entgegnete Henriette lächelnd. »Aber stell dir mal eine schwarzhaarige Marilyn vor.«

»Wie kommst du denn gerade auf dieses Beispiel?«, fragte er überrascht.

»Keine Ahnung. Ich hätte auch weißblonde Carmen sagen können.«

»Oder blonde Pippi Langstrumpf.«

»Stimmt, das hätte auch gepasst.« Dieses Marilyn-Ding hat hier nichts verloren, das gehört zu Baldur und nicht zu Björn, dachte sie.

»Alles in Ordnung?«, fragte Björn.

»Mir geht es gut. Ich habe mich nur gerade gefragt, wo der Bauernhof liegt, auf dem du wohnst.«

»Dort in Richtung Südwesten. Das rote Scheunendach, das wie ein Schiff auf den wogenden Weizenfeldern schaukelt, darunter liegt das Ferienappartement, in dem ich wohne.«

»Das rote Schiff auf den Weizenfeldern«, wiederholte Henriette und schaute zu, wie der Wind mit dem hochaufgeschossenen Weizen spielte und das Scheunendach sich darauf zu bewegen schien.

»Hast du schon etwas gefunden, was du dir gern ansehen möchtest?«, fragte Björn.

»Ein Spaziergang am Bach entlang, das würde mir gefallen.«

»Und danach eine Bootsfahrt auf dem See.«

»Ist das dein Ernst?«

»Wenn wir beide in einem Boot sitzen, droht mir doch keine Gefahr.«

»Gut, ein Spaziergang und eine Bootsfahrt. Das klingt nach einem perfekten Urlaubstag. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so etwas Großes hier aufbauen.«

Staunend schaute Henriette auf den Festplatz am Ortsrand hinter dem Sägewerk. Dort wurde das Oktoberfest vorbereitet, das am Freitag begann. Sie hatte mit einer Schiffschaukel, einem Kinderkarussell und einer Losbude gerechnet, vielleicht noch mit einem Autoskooter, aber nicht mit einem so großen Riesenrad. »Zu einem richtigen Oktoberfest gehört wohl auch ein richtiges Riesenrad«, sagte Björn.

»Ganz offensichtlich ist das so. Du, Björn, bevor wir in den Biergarten gehen, müsste ich noch einmal nach Hause und mir einen Schlüssel holen. Ich möchte meine Tante und meinen Onkel nicht wecken, falls sie schon schlafen, wenn ich heute Abend zurückkomme.« Was sie tatsächlich vorhatte, verriet sie ihm aber nicht. Der Aufbau des Riesenrades hatte sie an ihre Verabredung mit Baldur erinnert. Er würde sich bestimmt schon über ihre lange Abwesenheit wundern. Sie wollte ihm gern eine Erklärung dafür liefern, damit er nicht verärgert war. Noch hatte sie fest vor, dieses Treffen mit ihm einzuhalten.

»Ich muss noch ein paar Besorgungen machen. Treffen wir uns doch wie verabredet um sieben im Biergarten«, schlug Björn vor.

»Gut, dann in einer Stunde.«

Nach einem letzten Blick auf das beschauliche Tal zwischen den zerklüfteten Bergen stiegen sie die Wendeltreppe wieder hinunter. Vor dem Rathaus verabschiedeten sie sich voneinander. Als Henriette sich noch einmal umdrehte, sah sie ihn auf dem Marktplatz am Brunnen. Er saß auf dem gemauerten Rand und zückte sein Handy.