Tracey Garvis Graves
ANNIKA ROSE
und die Logik der Liebe
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch
von Corinna Vierkant
Knaur e-books
Tracey Garvis Graves ist eine New York Times-, Wall Street Journal- und USA Today-Bestsellerautorin. Ihr Debütroman »On the Island« stand neun Wochen auf der New York Times-Bestsellerliste, wurde in dreißig Sprachen übersetzt und soll verfilmt werden. Sie lebt in Des Moines, Iowa.
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »The Girl He Used to Know« bei St. Martin's Press.
Copyright © 2019 by Tracey Garvis Graves
Published by arrangement with St. Martin's Press. All rights reserved.
© 2019 der deutschsprachigen Ausgabe Knaur Verlag
Ein Imprint der Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Covergestaltung: Isabella Materne nach einem Entwurf von Martina Baldauf
Coverabbildung: Shutterstock GmbH
ISBN 978-3-426-45421-3
ISBN 978-3-426-45421-3
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Wir freuen uns auf Sie!
Für alle, die schon mal das Gefühl hatten, nicht dazuzugehören.
Und für Lauren Patricia Graves, Licht meines Lebens.
Ich habe mir für diese Geschichte einige Freiheiten erlaubt. Der Illini-Schachklub trifft sich nicht in der Mensa des Studentenzentrums der Universität von Illinois, sondern in einem bestimmten Raum. Vivek Rao, den es wirklich gibt, tritt in diesem Buch als Mitglied des Schachteams auf, das 1991 die Universität von Illinois bei der Pan-American Championship vertreten hat. Soweit ich bei meinen Recherchen herausfinden konnte, ist er ein phänomenaler Schachspieler. Die anderen Mitglieder des Teams in diesem Buch sind frei erfunden. Für sein Wissen und seinen Input stehe ich tief in der Schuld von Eric Rosen, der Mitglied des Schachklubs und -teams der Universität von Illinois war.
Außerdem danke ich meiner Lektorin Leslie Gelbman. Es war ein Segen, dass Sie sich so stark mit dieser Geschichte identifiziert haben, und ein echtes Vergnügen, mit Ihnen zu arbeiten.
Inniger Dank geht an die großartigen und talentierten Leute von St. Martin’s Press und Macmillan, dafür, dass sie mich mit offenen Armen empfangen haben. Vor allem danke ich Lisa Senz, Brant Janeway, Marissa Sangiacomo und Tiffany Shelton.
Brooke Achenbach, danke für die Informationen rund um den Campus der University of Illinois at Urbana-Champaign. Ich hoffe, es war ein schöner Ausflug in die Vergangenheit, mir die Namen von Hörsälen, Restaurants und Bars zusammenzustellen.
Jana Waterreus danke ich vielmals für Informationen rund um die Aufgaben einer Bibliothekarin und die akademische Laufbahn, die Voraussetzung für diesen Beruf ist.
Tammara Webber, danke, dass Sie nicht nur das Manuskript gelesen, sondern mich ermutigt haben, meine Vision für dieses Buch zu verfolgen. Ihre Beiträge waren von unschätzbarem Wert.
Vielen Dank, Hillary Faber, dass Sie Ihre Fachkenntnis und Erfahrung aus der Arbeit mit Studenten auf dem Autismus-Spektrum mit mir geteilt haben. Dank Ihnen ist Annikas Persönlichkeit authentisch.
Elisa Abner-Taschwers Ansporn ist stärker denn je. Danke, dass Sie von Anfang an an mich geglaubt haben und mir auch beim siebten Buch noch Feedback geben. Ihre Unterstützung und Ihr Enthusiasmus sind unermesslich.
Stacy Elliott Alvarez, danke, dass Sie mich immer zum Schreiben ermutigt haben.
Außerdem bin ich zutiefst dankbar für die Beiträge, Hilfe und Unterstützung folgender Personen:
David Graves, denn seine beständigen Ermutigungen bedeuten mir mehr, als er ahnen kann. Außerdem bist du ein ziemlich guter Korrekturleser.
Meine Kinder Matthew und Lauren. Danke, dass ihr Verständnis habt, wenn ich auf eine Abgabe hinarbeite oder mich in Fantasiewelten aufhalte. Doch nichts ist so wichtig wie ihr zwei. Ich liebe euch.
Jane Dystel, Miriam Goderich und Lauren Abramo, das perfekte Literaturagentinnen-Trio. Danke für Ihre fortlaufende Anleitung und Unterstützung.
Auf ewig zu Dank verpflichtet bin ich all den Bloggern, die durch ihre unermüdliche Arbeit dafür sorgen, dass ich meine Leser erreiche. Wir Autoren haben ihnen so viel zu verdanken. Außerdem möchte ich den Lesekreisen danken, die so leidenschaftlich für ihre Lieblingsbücher werben: Andrea Peskind Katz von Great Thoughts’ Great Readers, Susan Walters Peterson von Sue’s Booking Agency und Jenn Gaffney von REden’ with the Garden Girls.
Meine aufrichtige Anerkennung gilt den Buchhändlerinnen und Buchhändlern, die meine Bücher in Handarbeit verkaufen, und den Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, die sie in ihre Regale stellen.
Meine tief empfundene Dankbarkeit gilt allen, die dabei geholfen haben, Annika und die Logik der Liebe zu dem zu machen, was ich erhofft hatte. Es lässt sich nicht in Worte fassen, welcher Segen diese wundervollen und begeisterungsfähigen Menschen für mich sind.
Und zu guter Letzt möchte ich meinen Leserinnen und Lesern danken. Ohne Sie wäre nichts von alldem möglich.
Annika
Ausgerechnet im Supermarkt begegne ich ihm. Ich stehe vor dem Tiefkühlregal bei Dominick’s und suche nach den Erdbeeren für meinen morgendlichen Smoothie, da sagt ein Mann rechts hinter mir: »Annika?« Er klingt unsicher.
Aus dem Augenwinkel erhasche ich einen Blick auf sein Gesicht. Wir haben uns seit zehn Jahren nicht gesehen, und obwohl es mir oft schwerfällt, Leute ohne den gewohnten Kontext zu erkennen, muss ich nicht nachdenken, ob er es ist. Ich weiß es. Ein Vibrieren erfasst meinen Körper wie das leise Rattern eines fernen Zugs, und mir wird heiß, sodass ich froh um die kalte Luft aus dem Kühlregal bin. Ich möchte fliehen, die Erdbeeren vergessen und zum nächsten Ausgang laufen. Aber Tinas Worte hallen in meinem Kopf, und ich wiederhole sie wie ein Mantra: Lauf nicht weg, stell dich der Situation, sei du selbst.
Ich hole zitternd Atem, bekomme trotzdem kaum Luft und wende mich ihm zu. »Hallo, Jonathan.«
»Du bist es wirklich«, sagt er.
Ich lächle. »Ja.«
Mein Haar, früher hüftlang und oft zerzaust, ist jetzt gepflegt und reicht nur noch bis kurz über die Schultern. Das figurbetonte Oberteil und die enge Hose haben nichts gemeinsam mit den übergroßen Röcken und Kleidern, die ich an der Uni getragen habe. Vermutlich verwirrt ihn das ein wenig.
Er selbst erscheint mir unverändert mit seinen zweiunddreißig Jahren: dunkles Haar, blaue Augen, breite Schwimmerschultern. Er lächelt nicht, doch es bildet sich auch keine Zornesfalte auf seiner Stirn. Obwohl ich die Gestik und Mimik anderer Menschen mittlerweile besser entschlüsseln kann, weiß ich nicht, ob er gekränkt oder wütend auf mich ist. Er hätte jedes Recht dazu.
Wir umarmen uns, denn sogar ich weiß, dass man das nach so langer Zeit – und allem, was wir miteinander erlebt haben – tut. In seinen Armen fühle ich mich augenblicklich sicher und geborgen. Auch das hat sich nicht geändert. Statt des schwachen Chlorgeruchs haftet ihm nun ein waldiger Duft an, aber zum Glück weder zu schwer noch süßlich.
Ich habe keine Ahnung, was er in Chicago macht. Jonathan wurde von einem renommierten Finanzdienstleister nach New York geholt, noch bevor die Tinte auf seinem Diplom in Illinois getrocknet war. Ursprünglich hatten wir beide umziehen wollen, doch aus unseren Plänen, gemeinsam dort zu leben, war nichts geworden.
Als wir uns voneinander lösen, stolpere ich über meine Worte. »Ich dachte, du wohnst … Bist du geschäftlich hier …?«
»Ich habe vor fünf Jahren in unser Büro in Chicago gewechselt«, sagt er. Ich kann kaum glauben, dass ich so lang in meiner neuen Heimatstadt herumgelaufen bin, ohne zu ahnen, dass ich ihm theoretisch hätte begegnen können. Wie oft haben wir uns im Radius weniger Meilen bewegt, ohne es zu wissen? Wie oft sind wir vor oder nacheinander eine überfüllte Straße hinuntergelaufen oder haben im gleichen Restaurant gegessen?
»Mom brauchte jemanden, der sich um ihre Pflege kümmert«, fährt er fort.
Ich habe seine Mutter einmal getroffen und mochte sie fast so gern wie meine eigene. Es war nicht schwer zu erkennen, woher Jonathan seine Freundlichkeit hat. »Bitte grüß sie von mir.«
»Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Demenz. Der Arzt meinte, dass sie vermutlich schon seit Jahren daran gelitten hatte.«
»Sie hat mich mit Katherine angesprochen und konnte ihren Schlüssel nicht finden«, sage ich, weil ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis habe und sich jetzt alles zusammenfügt.
Er nickt knapp. »Arbeitest du in der Stadt?«, will er wissen.
Ich schließe die Tür zum Kühlregal, beschämt, dass ich sie die ganze Zeit über offen gehalten habe. »Ja, in der Harold Washington Bibliothek.«
Zum ersten Mal lächelt er. »Das freut mich für dich.«
Unsere Unterhaltung gerät ins Stocken. Früher hat Jonathan solche Momente überbrückt, doch diesmal lässt er mich zappeln, und das Schweigen ist ohrenbetäubend. »Schön, dass wir uns getroffen haben«, platze ich schließlich heraus, und meine Stimme klingt höher als normal. Meine Wangen brennen, und ich wünschte, ich hätte die Tür zum Kühlregal doch noch nicht geschlossen.
»Ja, finde ich auch.«
Als er sich zum Gehen wendet, überfällt mich eine solche Sehnsucht, dass meine Knie beinahe nachgeben, und ich sammle all meinen Mut. »Jonathan?«
Mit fragendem Gesichtsausdruck dreht er sich zu mir um. »Ja?«
»Sollen wir uns mal treffen?« Ich versteife mich, als Erinnerungen auf mich einstürzen. Ich sage mir, dass es unfair ist, ihm das anzutun, dass ich genug angerichtet habe.
Er zögert, doch dann erwidert er: »Klar, Annika.« Er zieht einen Stift aus der Innentasche seines Jacketts, greift nach der Einkaufsliste in meiner Hand und kritzelt seine Telefonnummer auf die Rückseite.
»Ich rufe dich an. Bald«, verspreche ich.
Er nickt, doch sein Gesicht ist ausdruckslos. Vermutlich glaubt er mir nicht. Auch das ist verständlich.
Aber ich werde ihn anrufen. Ich werde mich entschuldigen. Und ich werde ihn fragen, ob wir noch mal von vorn beginnen können. »Ein Neuanfang«, werde ich sagen.
So sehr möchte ich seine Erinnerungen an das Mädchen von damals ersetzen und ihm zeigen, was für eine Frau ich heute bin.
Annika
Bei meiner ersten Therapiesitzung bei Tina dauerte es fast fünf Minuten, bis ich mich an das Dämmerlicht im Raum gewöhnt hatte. Als ich schließlich etwas sehen konnte, wurde mir klar, dass nicht nur das Licht, sondern die gesamte Einrichtung beruhigend wirken sollte. In der Ecke stand eine Bodenlampe mit einem cremefarbenen Schirm – die einzige Lichtquelle – und warf sanfte Schatten auf die Wand. Das Leder der braunen Sitzgarnitur war butterweich unter meinen Fingerspitzen, und der Teppich sah so flauschig aus, dass ich die Schuhe ausziehen und die Zehen im weichen Flor vergraben wollte.
»Ich habe Jonathan getroffen«, erzähle ich Tina bei unserer wöchentlichen Sitzung, noch bevor sie die Tür geschlossen hat. Sie setzt sich in den Sessel, und ich lasse mich ihr gegenüber auf der weichen Couch nieder. Die tiefen Polster nehmen mir immer ein wenig die Nervosität bei meinen Besuchen.
»Wann?«
»Letzten Dienstag. Ich war auf dem Heimweg noch bei Dominick’s, und da traf ich ihn.«
Wir haben schon stundenlang über Jonathan gesprochen, eigentlich müsste sie also neugierig sein, aber Tinas Gesicht werde ich nie deuten können. »Wie ist es gelaufen?«
»Ich habe daran gedacht, was Sie mir geraten haben, für den Fall, dass ich ihn wiedersehe.« Aufgeregt setze ich mich auf, auch wenn die Couch immer noch versucht, mich zu verschlingen. »Wir haben uns unterhalten. Es war kurz, aber nett.«
»Das hätten Sie vor einiger Zeit noch nicht getan«, bemerkt Tina.
»Vor einiger Zeit wäre ich durch den Hinterausgang geflohen und hätte mich danach für zwei Tage im Bett verkrochen.« Ich war tatsächlich ziemlich erschöpft, als ich mit meinen Einkäufen nach Hause kam. Und als ich sie einräumte, holte mich plötzlich die Trauer über den Tod von Jonathans Mutter ein, und ich weinte lange, weil er jetzt gar keine Eltern mehr hat. Außerdem hatte ich ihm nicht gesagt, wie leid es mir tut, obwohl ich es gedacht hatte. Trotz der Müdigkeit war ich an diesem Abend erst spät eingeschlafen.
»Ich dachte, er lebt in New York?«
»Das hat er auch. Aber er hat sich hierher versetzen lassen, um sich um seine Mutter zu kümmern, bevor sie starb. Mehr weiß ich auch nicht.« Jonathan war so unerwartet aufgetaucht, so aus dem Nichts, dass mir nicht viele Fragen eingefallen waren. Zu spät merkte ich, dass ich gar nicht weiß, ob er verheiratet ist. Der Kontrollblick auf den Ringfinger eines Mannes gehört zu den Kniffen, die mir immer erst später einfallen. In Jonathans Fall zwei volle Tage nach unserer Begegnung.
»Was ist Jonathan durch den Kopf gegangen, als er Sie im Supermarkt gesehen hat? Was glauben Sie?«
Tina weiß, wie schwer es mir fällt, die Gedanken anderer zu erraten, deshalb überrascht mich ihre Frage nicht. In den zehn Jahren, seit ich Jonathan das letzte Mal gesehen habe, habe ich viel über die letzten Wochen unserer Beziehung und seine letzte Nachricht auf meinem Anrufbeantworter nachgedacht. Tina hat mir geholfen, die Ereignisse aus Jonathans Sicht zu sehen, und was ich erkannte, beschämte mich. »Er wirkte nicht gekränkt oder wütend«, sage ich, obwohl es ihre Frage eigentlich nicht beantwortet. Tina weiß alles, was es über unsere Situation zu wissen gibt, vermutlich könnte sie mir erklären, was Jonathan dachte. Aber sie möchte, dass ich es selbst versuche. Mir gefällt an der Therapie vor allem, dass ich bestimme, worüber ich reden will, weshalb Tina mich nicht drängen wird. Zumindest nicht zu sehr.
»Welchen Eindruck hat er denn gemacht?«
»Neutral, würde ich sagen. Er hat gelächelt, als ich ihm von der Bibliothek erzählte. Er wollte schon gehen, aber ich fragte ihn, ob wir uns treffen wollen, und er gab mir seine Nummer.«
»Sie haben wirklich Fortschritte gemacht, Annika. Sie können stolz auf sich sein.«
»Er denkt wahrscheinlich, dass ich nicht anrufe.«
»Werden Sie es denn?«
»Ja«, antworte ich fest, obwohl es mich mit Angst erfüllt.
Ich mustere Tinas Gesicht, und obwohl ich mir nicht sicher bin, scheint sie zufrieden zu sein.
Annika
Wer mich an der Uni finden wollte, brauchte nur an drei Orten zu suchen: in der Wildtierklinik, in der Bibliothek oder im Studentenzentrum, wo sich der Schachklub traf.
In der Wildtierklinik leistete ich so viel ehrenamtliche Arbeit, dass man meinen konnte, ich würde eine Laufbahn in der Veterinärmedizin anstreben. Nicht viel machte mich so glücklich wie der Umgang mit Tieren, besonders mit solchen, die meine Zuwendung brauchten. Die anderen Ehrenamtlichen dachten wahrscheinlich, ich wollte mich von der Einsamkeit ablenken, die mich am College umgab, doch ein paar wenige verstanden, dass mir die Gesellschaft von Tieren einfach lieber war als die der meisten Menschen. Was mir aus ihren Augen entgegenblickte, wenn sie Vertrauen zu mir fassten, gab mir mehr Kraft als jeder soziale Kontakt.
Beinahe genauso gern wie Tiere mochte ich Bücher. Das Lesen versetzte mich an exotische Schauplätze, in faszinierende Epochen und in Welten, die so ganz anders waren als meine. Als ich acht war, entdeckte mich meine zutiefst besorgte Mutter an einem verschneiten Dezembernachmittag draußen im Baumhaus, wo ich in mein Lieblingsbuch von Laura Ingalls Wilder vertieft war, das, in dem Pa in den Schneesturm gerät und die Weihnachtssüßigkeiten aufisst, die er eigentlich Laura und Mary mitbringen wollte. Mom hatte mich eine halbe Stunde lang gesucht und so oft nach mir gerufen, dass sie ganz heiser war. Trotz meiner Erklärung verstand sie einfach nicht, dass ich nur in die Rolle von Laura geschlüpft war, die in der Hütte wartet. Daher war es für mich ganz logisch gewesen, im kalten Baumhaus zu sitzen. Als ich herausfand, dass es einen Beruf gab, bei dem ich meine Tage in einer Bibliothek verbringen konnte, umgeben von Büchern, hatte ich mein Glück nicht fassen können.
Bis mir mein Vater mit sieben das Schachspielen beibrachte, war ich in nichts gut. Meine sportlichen Leistungen waren bescheiden, und meine Noten schwankten zwischen den Extremen, je nachdem, ob mir ein Fach gefiel oder mich das Thema interessierte. Lähmende Schüchternheit hielt mich davon ab, beim Schultheater mitzumachen oder andere Wahlfächer zu belegen. Wie die Bücher füllte Schach fortan eine Leere in meinem Leben, gegen die bisher nichts anderes geholfen hatte. Obwohl ich es erst spät begriff, weiß ich, dass mein Gehirn anders arbeitet als das anderer Menschen. Ich denke in Schwarz und Weiß. Konkret, nicht abstrakt. Das Schachspiel mit seinen Strategien und Regeln entsprach meinem Weltbild. Tiere und Bücher gaben mir Kraft, aber Schach ermöglichte es mir, an etwas teilzuhaben.
Solange ich spielte, gehörte ich beinahe dazu.
Der Illini-Schachklub traf sich immer sonntags von achtzehn bis zwanzig Uhr in der Mensa des Studentenzentrums. Die Teilnehmerzahl schwankte stark. Zu Beginn des Semesters, wenn die Mitglieder noch nicht mit Seminararbeiten und Examensvorbereitungen beschäftigt waren, kamen manchmal dreißig Studenten. Doch wenn die Abschlussprüfungen näherrückten, fiel die Teilnehmerzahl, und wir hatten Glück, wenn wir zu zehnt waren. Die sonntäglichen Treffen waren ungezwungen und bestanden zum größten Teil aus freiem Spiel und Geselligkeit. Mittwochabends traf sich das Schachteam und beschäftigte sich zur Turniervorbereitung mit Übungsspielen, dem Lösen von Schachproblemen und der Analyse berühmter Schachpartien. Ich besaß zwar das nötige Talent und hätte die formelle Struktur der Schachteam-Treffen vorgezogen, hatte aber kein Bedürfnis, an Turnieren teilzunehmen.
Jonathan stieß eines Sonntagabends zu Beginn meines Abschlussjahres zu uns. Während sich die anderen noch unterhielten, saß ich schon an meinem Platz, die Figuren aufgestellt, bereit zum Spiel. Ich hatte die Schuhe ausgezogen, sobald ich saß, und drückte die nackten Fußsohlen auf den kühlen Boden, weil es einfach so angenehm war, obwohl ich dieses Gefühl niemandem vermitteln konnte. Ich beobachtete, wie Jonathan auf Eric zuging, den Vorsitzenden unseres Klubs, der ihm lächelnd die Hand schüttelte. Ein paar Minuten später eröffnete Eric den Abend und erhob die Stimme über das Gemurmel.
»Willkommen allerseits. Neue Mitglieder, bitte stellt euch vor. Wer Lust hat, trifft sich nachher zum Pizzaessen im Uno.« Eric wandte sich wieder an Jonathan und deutete auf mich. Ich erstarrte.
Ich spielte eigentlich ausschließlich gegen Eric, und das aus zwei Gründen: Erstens waren wir dem Schachklub am selben Tag in unserem ersten Jahr beigetreten und hatten uns deshalb für unser erstes Spiel zusammengetan, zweitens wollte sonst keiner mit mir spielen. Wenn Eric und ich früher als die anderen fertig waren, setzte er sich zum nächsten freien Spieler, und ich ging heim. Ich spielte gern gegen Eric. Er war nett, konnte aber trotzdem ein schonungsloser Gegner sein. Wenn ich ihn besiegte, wusste ich, dass es verdient war. Doch seit er zum Vorsitzenden gewählt worden war und einen Teil der Treffen darauf verwandte, Fragen zu beantworten oder sich um Organisatorisches zu kümmern, stand er mir nicht mehr immer zur Verfügung.
Mein Magen rebellierte, als Jonathan auf mich zukam, und ich beruhigte mich, indem ich unter dem Tisch die Fingerspitzen aneinanderrieb, als versuchte ich, etwas Unangenehmes abzustreifen. Als Kind hatte ich mich vor und zurück gewiegt und dabei gesummt, aber später lernte ich, meine Beruhigungsstrategien zu verstecken. Ich nickte zur Begrüßung, als er sich mir gegenübersetzte.
»Eric meinte, wir könnten heute Abend gegeneinander spielen. Ich bin Jonathan Hoffman.«
Er hatte ein markantes Kinn und strahlend blaue Augen. Sein kurzes dunkles Haar glänzte, und ich fragte mich, ob es sich weich und seidig unter den Fingerspitzen anfühlen würde. Außerdem verströmte er einen leichten Chlorgeruch, der mich aus irgendeinem Grund nicht störte, obwohl mir die meisten Gerüche zuwider waren.
»Annika Rose«, sagte ich, kaum lauter als ein Flüstern.
»Monica?«
Ich schüttelte den Kopf. »Kein M.« Die Verwirrung um meinen Namen begleitet mich schon mein ganzes Leben. In der siebten Klasse hatte mich ein besonders gemeines Mädchen namens Maria mit dem Kopf in einen Spind gesteckt. »Ein komischer Name für ein komisches Mädchen«, hatte sie gefaucht, und ich war tränenüberströmt zur Schulkrankenschwester gelaufen.
»Annika«, wiederholte Jonathan, wie um den Klang zu testen. »Cool. Spielen wir.«
Eric und ich wechselten uns ab, wer Weiß bekam und beginnen durfte. An diesem Abend wäre er dran gewesen, weshalb nun Jonathan vor den weißen Figuren saß.
Seine Eröffnung zeigte eine Vorliebe für die Strategie von Weltmeister Anatoli Karpow. Als ich sie erkannte, wählte ich meine Verteidigung dementsprechend und vertiefte mich in das Spiel, während die Geräusche und Gerüche der Mensa in den Hintergrund traten und meine Anspannung nachließ. Ich hörte keine Gesprächsfetzen der Studenten mehr, die ihre Burger und Pommes aßen, oder das Zischen des Woks, wenn eine frische Portion Reisfleisch angebraten wurde. Ich roch nicht die Salamipizza, die heiß aus dem Ofen kam. Stattdessen spielte ich schonungslos, wie immer auf Sieg, doch ich nahm mir auch Zeit und konzentrierte mich auf meinen nächsten Zug. Keiner von uns beiden sprach.
Schach wird größtenteils schweigend gespielt, aber ich empfinde die fehlenden Geräusche als sehr schön.
»Schachmatt«, verkündete ich.
Er schwieg. Schließlich sagte er: »Gut gespielt.« Er sah sich um, aber es waren nur noch wenige Mitglieder da. Die anderen waren bereits zum Essen gegangen.
»Du auch«, antwortete ich, denn der Sieg war nicht weniger hart errungen als die Siege gegen Eric.
»Gehst du noch mit den anderen zum Pizzaessen?«
Ich stand auf und nahm meinen Rucksack. »Nein, ich gehe heim.«
In dem Campus-Apartment, das ich seit zwei Jahren mit Janice bewohnte, wurde ich von Sandelholz-Räucherstäbchen und Raumspray empfangen. Die Räucherstäbchen sollten den leichten Haschgeruch verdecken, der immer an der Kleidung ihres Freundes hing. Janice hätte zwar niemals zugelassen, dass Joe in unserem Apartment kiffte, doch sie selbst roch es nicht an ihm. Ich hingegen hatte eine sehr empfindliche Nase und erkannte den Geruch sofort, als sie uns einander vorstellte. Janice wusste, dass er Erinnerungen bei mir weckte, die ich einfach nicht ertrug.
Das Raumspray diente dazu, die Essensdünste zu übertünchen, denn Janice hatte für Joe gekocht. Sie experimentierte gern mit neuen Rezepten und verbrachte Stunden in der Küche. Ihr Geschmack war ausgefallen, während ich mich wie eine Sechsjährige ernährte. Ab und an sah ich, wie Joe den gegrillten Käse oder die Chicken-Nuggets auf meinem Teller gierig musterte, während Janice etwas Kompliziertes auf dem Herd zusammenrührte. Sie meinte es gut und wollte etwas gegen die Gerüche in unserer Wohnung tun, und ich konnte ihr unmöglich sagen, dass die Räucherstäbchen und das Raumspray alles nur noch verschlimmerten. Und da ich sowieso nicht die unkomplizierteste Mitbewohnerin war, würde ich auch in Zukunft schweigen.
»Wie war der Schachklub?«, erkundigte sich Janice, als ich den Rucksack auf den Boden warf und mich auf die Couch fallen ließ. Ich würde Stunden brauchen, um zur Ruhe zu kommen, aber zu Hause konnte ich zumindest etwas entspannen und wieder tiefer atmen.
»Schrecklich. Wir haben ein neues Mitglied, und ich musste gegen ihn spielen.«
»Sah er gut aus?«
»Ich bin total erschöpft.«
Sie setzte sich neben mich. »Wie heißt er.«
»Jonathan.« Ich streifte die Schuhe ab. »Ich bin so wütend auf Eric. Er weiß, dass wir immer zusammen spielen.«
»Wer hat gewonnen?«
»Was? Ach so, ich.«
Janice lachte. »Wie hat er es aufgenommen?«
»So wie immer.«
»Soll ich dir einen Käse grillen? Joe habe ich auch schon einen gemacht. Ich habe alle Zutaten für Huhn Florentine im Kühlschrank, aber er wollte Käse. Und du sagst, ihr beide hättet nichts gemeinsam.«
»Er hat mich nicht ernst genommen.« Jonathan hatte denselben Fehler begangen wie andere vor ihm. Er hatte meine Fähigkeiten unterschätzt und war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Ich würde bald erfahren, dass er aus diesem Fehler gelernt hatte.
»Nächsten Sonntag wirst du wieder mit Eric spielen.«
»Ich bin zu müde zum Essen.«
»Ich komme nicht mit, wenn ihr euch unterhaltet«, hatte Joe gesagt, nachdem er unser erstes Gespräch verfolgt hatte. Zugegeben, es lag nicht nur daran, dass er zu dem Zeitpunkt wohl high war. Janice hatte drei Jahre Zeit gehabt, um meine Sprache zu lernen, und diese Herausforderung wie eine erfahrene Linguistin gemeistert.
Zu keiner weiteren Unterhaltung fähig, ging ich in mein Zimmer, ließ mich mit dem Gesicht voraus aufs Bett fallen und schlief in meinen Kleidern bis zum nächsten Morgen durch.
Jonathan
Mein Handy klingelt, als ich auf dem Weg zu einem Feierabendbier mit Nate die Straße hinunterlaufe. Eine unbekannte Nummer. Ich habe den ganzen Tag in Meetings festgesessen und will nichts als ein eiskaltes Bier. Im August ist es oft unerträglich heiß in Chicago, und unter dem Jackett klebt mir das nasse Hemd am Rücken. Ein Signalton sagt mir, dass der Anrufer auf die Mailbox gesprochen hat. Ich beschließe, die Nachricht gleich abzuhören, damit ich die Sache regeln und mein Bier in Frieden genießen kann.
Als ich Annikas Stimme höre, bleibe ich abrupt stehen. Dass sie tatsächlich anruft, war mir kaum wahrscheinlicher erschienen, als mich plötzlich wieder mit meiner Ex-Frau zu verstehen. Ich schere aus dem Strom der Fußgänger aus, halte mir mit einem Finger das andere Ohr zu und höre mir die Nachricht noch einmal von vorn an.
»Hallo. Ich wollte fragen, ob du dich Samstag oder Sonntag im Bridgeport Café mit mir treffen möchtest. Wann immer es dir passt. Okay, tschüss.« Ich höre das Zittern in ihrer Stimme.
Da ist noch eine zweite Nachricht.
»Hallo. Hier ist Annika. Das habe ich vorher vergessen zu sagen.« Ihre Stimme ist noch immer zittrig, und sie seufzt verlegen.
Und eine dritte Nachricht.
»Tut mir leid, dass ich deine ganze Mailbox vollspreche. Ich habe dir meine Nummer noch gar nicht gegeben.« Frustriert rattert sie die Ziffern herunter, was unnötig ist, weil ich sie auf der Anruferliste habe. »Also ruf einfach an, wenn du dich auf einen Kaffee treffen möchtest. Okay, tschüss.«
Ich stelle mir vor, wie sie sich danach erschöpft in einen Sessel fallen lässt, denn ich weiß, wie anstrengend diese Dinge für sie sind.
Dass sie es trotzdem getan hat, sagt mir etwas.
In der dunklen Bar riecht es dezent nach abgestandenem Zigarettenrauch und Rasierwasser. Es ist die Art von Lokalität, in der sich frisch getrennte Männer nach der Arbeit treffen, bevor sie in ihre notdürftig und ohne weiblichen Sinn für Gemütlichkeit eingerichteten Junggesellenbuden heimkehren. Ich hasse solche Bars, aber Nate steckt noch in der Trinkphase seiner Scheidung, und ich weiß noch allzu gut, wie das ist. Er sitzt an der Bar und zupft am Etikett seiner Bierflasche, als ich hereinkomme.
»Hi«, sage ich und setze mich zu ihm. Ich lockere meine Krawatte und bedeute dem Barkeeper, mir das Gleiche zu bringen.
Nate zeigt mit dem Flaschenhals aufs Fenster. »Ich habe dich draußen gesehen. Du solltest das Handy ausschalten, wenn du dein Bier in Frieden genießen möchtest.« Nate und ich arbeiten nicht für die gleiche Firma, aber sie haben dieselbe Unternehmensphilosophie: Früher kommen, länger bleiben, damit die Gewinne steigen.
»Das war nicht die Arbeit. Es war eine Nachricht von einer Ex-Freundin, der ich neulich begegnet bin. Sie meinte, sie würde anrufen. Ich war mir nicht sicher, ob sie es tut.«
»Wie lang ist es her?«
»Ich war zweiundzwanzig, als ich sie das letzte Mal gesehen habe.« Und hätte ich damals geahnt, dass ich sie zehn Jahre nicht wiedersehen würde, hätte ich vermutlich einiges anders gemacht.
»Wie sah sie aus?«
Der Barkeeper bringt mein Bier, und ich nehme einen tiefen Zug. »Immer noch sehr hübsch«, sage ich und stelle das Bier auf den Tresen.
»War es etwas Ernstes oder nur eine Affäre?«
»Für mich war es ernst.« Ich rede mir ein, dass es das auch für sie war, aber manchmal frage ich mich, ob ich mir etwas vormache.
»Meinst du, sie möchte eure Beziehung wiederaufleben lassen?«
»Ich habe keine Ahnung, was sie will.« So viel stimmt. Ich weiß nicht mal, ob Annika Single ist. Verheiratet wahrscheinlich nicht, weil ich keinen Ring gesehen habe, doch das heißt nicht, dass sie keinen Freund hat.
»Willst du noch immer was von ihr?«
Ab und zu habe ich noch an Annika gedacht, besonders kurz nach der Trennung von Liz, wenn ich allein im Bett lag und nicht schlafen konnte. »Es ist lange her.«
»Ich kenne einen, der nie über das Mädchen weggekommen ist, das ihn in der achten Klasse abserviert hat.«
»Das ist dann vermutlich nicht sein einziges Problem.« Obwohl es wirklich lange her ist, fühlt es sich manchmal an wie gestern. Ich weiß kaum noch die Namen meiner Freundinnen vor ihr, und danach gab es nur Liz. Aber fast alles, was in meiner Zeit mit Annika geschehen ist, kann ich mir mit unglaublicher Klarheit ins Gedächtnis rufen.
Vermutlich, weil mich niemand so leidenschaftlich und bedingungslos geliebt hat wie sie.
Ich sehe Nate an. »Hast du dich jemals in eine Frau verliebt, die völlig anders war? Also nicht nur anders als deine bisherigen Freundinnen, sondern als die meisten Menschen?«
Nate winkt nach einem frischen Bier. »Sie war ein wenig speziell?«
»Sehr speziell – aber auf eine Art, die einem überraschenderweise gefällt.« Wenn ich von Annika frustriert war, was ziemlich oft vorkam, sagte ich mir immer, dass es weniger anstrengende Frauen gab. Aber am nächsten Tag stand ich wieder vor ihrer Tür. Mir fehlten ihr Gesicht und ihr Lächeln, und mir fehlten all die Dinge, die sie von anderen abhob.
»Dann muss sie echt scharf gewesen sein, denn so etwas läuft selten, wenn die Frau nur mittelmäßig aussieht.«
Ein paar Monate bevor Liz das Handtuch warf und ohne mich nach New York zurückkehrte, stürzte das Flugzeug von John F. Kennedy Junior in den Atlantik, und das Bild von ihm, seiner Frau und seiner Schwägerin wurde tagelang auf allen Sendern gezeigt. Weil ich keine Promi-News verfolge, war mir bis zu diesem Zeitpunkt entgangen, wie ähnlich Annika Carolyn Bessette Kennedy sieht. Sie haben die gleiche Gesichtsform und die gleichen blauen Augen und dieses hellblonde, fast schon weiße Haar. Beide stechen durch ihre Schönheit aus einer Menge heraus. Als ich Annika im Dominick’s begegnete, war die Ähnlichkeit sogar noch größer. Sie trägt ihr Haar nun kürzer als an der Uni und glatt gekämmt, aber sie benutzt noch immer den gleichen Lippenstift, und das brachte das Eis in meinem Herzen ein wenig zum Tauen.
»Annika sieht sehr gut aus.«
»Deshalb war die Macke nicht so schlimm.«
»So habe ich es nicht gesagt.« Ich klinge ruppiger als beabsichtigt, und einen Moment lang schweigen wir betreten und trinken.
Zugegeben, Annikas Aussehen hatte tatsächlich Einfluss auf mein erstes Interesse und meine Bereitschaft dazu, über gewisse Dinge hinwegzusehen. Als Eric an jenem Tag im Studentenzentrum auf sie deutete, konnte ich mein Glück kaum fassen, obwohl ich mich fragte, warum so ein heißes Mädchen allein am Tisch saß. Es wäre leicht gewesen, sie wie die anderen zu meiden und mir beim nächsten Klubtreffen einen neuen Gegner zu suchen. Aber ich spielte immer wieder gegen sie, nicht zuletzt, weil ich nach der Sache an der Northwestern University so niedergeschlagen und zutiefst verbittert war. Mein Selbstwertgefühl war nicht auf der Höhe, und gegen ein Mädchen zu verlieren machte es nicht besser. Heute schäme ich mich, wenn ich daran denke, und erst jetzt, zehn Jahre später, erkenne ich, wie viel Energie ich auf diese belanglosen Kämpfe verschwendet habe, die der Mühe nicht wert sind. Annika wusste es nicht, doch sie war damals ideal für mich, denn sie gab mir den Glauben an mich selbst zurück. Und im Lauf der Zeit erkannte ich, dass sie viel mehr zu bieten hatte als ein hübsches Gesicht.
»Wirst du dich mit ihr treffen?«, fragt Nate.
Immer, wenn ich an Annika denke, kehren meine Gedanken zum Ende unserer Beziehung zurück und zu derselben unbeantworteten Frage. Sie drückt wie ein Stein im Schuh, nicht unerträglich, aber unbequem.
Und sie ist immer da.
Ich hebe die Flasche an den Mund und zucke die Schultern. »Ich weiß noch nicht.«
Zu Hause gieße ich mir einen Whiskey ein und blicke ziellos auf die deckenhohen Fenster, während die Sonne untergeht. Als mein Glas leer ist, höre ich mir Annikas Nachrichten noch einmal an, weil ich jetzt wirklich betrunken bin und mir ihre Stimme gefehlt hat. Nicht zurückzurufen erscheint mir kindisch und kleinlich, und vielleicht zerfließe ich auch gerade einfach nur in Selbstmitleid, weil die letzten beiden Frauen, die ich geliebt habe, irgendwann entschieden haben, dass sie meine Gefühle nicht mehr erwidern. Zwar habe ich Liz auch nicht mehr geliebt, als sie die Scheidung einreichte, doch bei Annika war es anders.
Ich greife nach dem Handy, und als sich ihr Anrufbeantworter einschaltet, sage ich: »Hallo, hier ist Jonathan. Wir können uns Sonntagmorgen um zehn auf einen Kaffee treffen, wenn dir das immer noch passt. Bis dann.«
Vielleicht hat Annika angerufen, weil sie endlich bereit ist, mich von diesem Stein im Schuh zu befreien. Aber abgesehen davon, wie ich zum Ende unserer Beziehung stehe, möchte ich wissen, ob es ihr gut geht. Obwohl sie bei unserer Begegnung einen sehr guten Eindruck machte, zumindest äußerlich, möchte ich wissen, ob sie innerlich noch an der Last zu tragen hat.
Außerdem könnte ich ihr sowieso nichts abschlagen.
Das konnte ich noch nie.
Jonathan
Als ich ankomme, steht Annika auf dem Gehweg vor dem Café. Sie tritt von einem Bein aufs andere und wippt auf den Fußballen, doch sie hört auf, sobald sie mich sieht.
»Guten Morgen«, sage ich.
»Guten Morgen.« Sie trägt ein leichtes Sommerkleid, doch im Unterschied zu ihrer früheren Kleidung hat es die richtige Größe. Mein Blick wird von ihren schmalen Schultern angezogen, von den Mulden zwischen Hals und Schlüsselbein. »Sollen wir reingehen?«
»Klar.« Sie macht einen Schritt auf die Tür zu, zögert aber, als sie sieht, wie dicht sich die Leute in dem kleinen Café drängen. Sie hat den Treffpunkt ausgewählt, aber ich habe die Zeit bestimmt, und vielleicht hätte sie sich lieber früher oder später getroffen, um den Andrang zu meiden. Wenn ich mich recht erinnere, hat dieses Café eine große Terrasse, vielleicht ist es also nicht so schlimm. Instinktiv strecke ich den Arm aus, um ihn ihr in den Rücken zu legen, ziehe ihn aber in der letzten Sekunde wieder zurück. Früher war ich einer der wenigen, deren Berührung Annika ertragen hat. Mit der Zeit fand sie Gefallen daran, sich von mir umarmen zu lassen, und fühlte sich bei mir geborgen.
Doch das ist Jahre her.
Langsam bewegen wir uns auf die Theke zu und bestellen. Zu Collegezeiten hätte sie um einen Saft gebeten, heute ordern wir zwei Eiskaffee.
»Hast du schon gefrühstückt?«, frage ich und deute auf die Kuchentheke.
»Nein. Ich meine, ich wusste nicht, ob du schon gegessen haben würdest, deshalb habe ich nur ein bisschen was gegessen, also kein richtiges Frühstück, aber ich bin im Moment nicht hungrig.«
Während sie hastig spricht, blickt sie auf ihre Schuhe, über meine Schulter, zum Barista. Überall hin, nur nicht auf mich. Es stört mich nicht. Annikas Eigenheiten sind wie ein gemütliches Paar Schuhe, in das man hineinschlüpft, und obwohl ich es nur ungern zugebe, selbst mir gegenüber, hat mich ihre Nervosität immer entspannt.
Ich versuche zu zahlen, doch das lehnt sie ab. »Ist es okay, wenn wir nach draußen gehen?«, fragt sie.
»Klar.« Wir setzen uns an einen Tisch unter einem großen Schirm. »Du siehst großartig aus, Annika. Das hätte ich dir schon neulich sagen sollen.«
Sie errötet leicht. »Danke. Du auch.«
Unter dem Schirm ist es gleich kühler, und die Röte auf Annikas Wangen verblasst. Als ich mein Glas hebe und den Strohhalm in den Mund nehme, folgt sie der Bewegung meiner linken Hand mit dem Blick, und ich verstehe mit leichter Verzögerung, dass sie nach einem Ehering Ausschau hält.
»Wie geht es deiner Familie?«, erkundige ich mich.
Sie scheint erleichtert zu sein, dass ich mit einem unverfänglichen Thema beginne. »Gut. Mein Dad ist im Ruhestand, er und Mom sind viel auf Reisen. Will ist noch immer in New York. Ich habe ihn vor ein paar Monaten gesehen, als ich Janice besuchte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrer sechs Monate alten Tochter in Hoboken.«
»Dann habt ihr also Kontakt gehalten?« Janice war immer mehr als Annikas Mitbewohnerin gewesen, deshalb sollte es mich nicht überraschen, dass sie immer noch befreundet sind.
»Sie ist meine engste Freundin, auch wenn ich sie nicht oft sehe.« Sie trinkt von ihrem Kaffee. »Wohnst du in der Nähe?«
»In der West Roosevelt Road.«
»Ich in der South Wabash Avenue.«
Zehn Minuten zu Fuß, mehr trennt uns nicht. »Wie oft wir uns wohl schon knapp verpasst haben?«
»Das habe ich mich auch gefragt«, sagt sie.
»Ich hätte dich nicht für einen Stadtmenschen gehalten.«
»Ich laufe nur zwanzig Minuten zur Arbeit, und bei schlechtem Wetter nehme ich den L-Train. Ich habe einen Führerschein, aber kein Auto. Ich komme auch so überall hin.«
»Wie gefällt dir die Arbeit in der Bibliothek?«
»Ich liebe sie. Ich wüsste nicht, was ich sonst tun wollte.« Sie schweigt, dann fährt sie fort: »Dir muss dein Job auch gefallen. Du arbeitest noch immer für die gleiche Firma.«
»Es ist ein solides Unternehmen, und sie haben ihre Versprechen eingelöst.« Ich bin sogar ein Stück weiter nach oben gerückt, als sie es mir bei meinem Bewerbungsgespräch in Aussicht gestellt hatten, und meistens mag ich meinen Job. Manchmal hasse ich ihn, aber dann rufe ich mir ins Gedächtnis, dass ich, so wie Annika, genau das mache, was ich immer wollte.
»Schwimmst du noch?«
»Jeden Morgen im Fitnessstudio. Und du? Was machst du in der Freizeit?«
»Wenn ich kann, helfe ich im Tierheim, und ich habe eine Teilzeitstelle im Kindertheater. Sonntagvormittag helfe ich beim Unterrichten eines Schauspielkurses. Ich habe ein Theaterstück geschrieben.«
»Du hast ein Theaterstück geschrieben? Das ist toll.«
»Es hat Spaß gemacht. Die Kinder haben es so schön umgesetzt. Ich arbeite schon am nächsten, für die Weihnachtsvorstellungen.«
»Wie alt sind die Kinder?«
»Ich arbeite mit unterschiedlichen Altersgruppen. Die jüngsten sind vier und fünf, die ältesten um die neun bis elf. Es sind tolle Kinder.«
»Hast du selbst welche?«
Ihre Augen werden groß. »Ich? Nein.«
»Bist du verheiratet? Oder hast du einen Freund?«
Sie schüttelt den Kopf. »Ich war nie verheiratet. Ich hatte einen Freund, aber wir haben uns getrennt. Bist du verheiratet?«
»Ich war es. Wir haben uns vor eineinhalb Jahren scheiden lassen.«
»War es diese Frau, von der du auf dem Anrufbeantworter erzählt hast?«
Tja, offensichtlich hat sie die Nachricht also bekommen. »Ja.«
»Hast du Kinder?« Ängstlich wartet sie auf meine Antwort.
»Nein.«
Liz hatte sehr klare Vorstellungen bezüglich ihrer beruflichen Laufbahn. Sie würde nicht auf der Karriereleiter stoppen, bis sie die gläserne Decke durchbrach. Ihr Ehrgeiz hatte mich fasziniert und angezogen, als ich neu in New York war. Ich stand völlig hinter ihren Ambitionen, aber für jede Sprosse gab es einen bestimmten Zeitrahmen, und als sie mir mitteilte, dass sie nicht vor einundvierzig bereit sei, eine Familie zu gründen, und wie ich darüber dächte, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, hielt ich es erst für einen Scherz.
Doch es war keiner.
Es ist schon komisch, dass man ein und dieselbe Eigenschaft zu Beginn einer Beziehung anziehend und bei der Trennung abstoßend finden kann. Leider nicht komisch im Sinne von »lustig«, sondern im Sinne von: »Wie um alles in der Welt konnte man das übersehen?«
Ich habe mich heute mit Annika getroffen, weil ich auf ein paar Antworten hoffte, aber als wir unseren Kaffee getrunken haben, sind wir nicht über Small Talk hinausgekommen. Sie ist nicht bereit, das Ende unserer Beziehung aufzuarbeiten, zumindest noch nicht, und es wäre unnötig hart, sie zu drängen.
»Fertig?«, frage ich, als nur noch schmelzendes Eis in unseren Gläsern schwimmt. Als Antwort steht sie auf, und als wir durch die Straßen laufen, erzählt sie mir, wie angenehm es ist, so nah am Park und an den Museen zu wohnen. Sie zeigt mir ihre Lieblingsläden, bei denen sie sich einen Imbiss holt oder einkauft. In ihrer Nachbarschaft gibt es alles, was sie zum Leben braucht, und jetzt verstehe ich, warum sich Annika in der Stadt wohlfühlt. Sie lebt in einer Blase und muss ihre Komfortzone nie verlassen, denn alles liegt in Reichweite.
Ich hätte es gleich erkennen sollen: Annika kommt gut zurecht. Es gibt hier niemanden, den man retten müsste.
Als wir uns ihrem Haus nähern, werden ihr hüpfender Gang und ihr nervöses Geplapper immer ausgeprägter. Hat sie erwartet, dass ich etwas sage, und fürchtet sie so nah an zu Hause, dass die Konfrontation unmittelbar bevorsteht?
Ich nehme ihre Hand, weil ich nicht weiß, wie ich sie sonst beruhigen soll. Die Erinnerung, die dabei geweckt wird, lässt mich abrupt stehen bleiben. Mit einem Schlag laufen wir nicht mehr die South Wabash Avenue entlang, sondern nähern uns der Tür zu ihrem Wohnhaus auf dem Campus. Ihre Hand liegt klein und weich in meiner, und es fühlt sich exakt so an wie beim ersten Mal.
»Wir müssen nicht darüber reden.« Sie bleibt stehen, und die überwältigende Erleichterung auf ihrem Gesicht verrät mir, dass ich richtiglag. Heute werde ich keine Erklärung bekommen, aber ich weiß nicht, ob ich die Kraft dazu habe, mich Schicht für Schicht zu einer Antwort vorzuarbeiten. »Ich wollte nur sehen, wie es dir geht.«
Sie atmet tief durch. »Es geht mir gut.«
»Das freut mich.« Ich blicke auf den Eingang zu ihrem Haus. »Nun, ich sollte weiter. Es war schön, dich zu sehen. Danke für den Kaffee. Pass auf dich auf, Annika.«
sie