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Inhalt

Impressum

Prolog

Sechs Wochen später. Schloss Burgdorf und die Familie Wiallas

Sonntag, 29. April. Ein Geburtstag mit Störungen

30. April Blauer Montag

Mittwoch, 2. Mai Beginn der Ermittlungen

Ein Wochenende auf Schloss Burgdorf

Ein ehemaliger Richter flieht mit Brunos Hilfe

Eine harte Woche für Bruno

Es geht dem Ende entgegen

Epilog

Nachwort zu den Personen,

Vorankündigung

Der Autor

Impressum

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.

© 2019 united p. c. Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-7103-4122-9

ISBN e-book: 978-3-7103-4134-2

Umschlagfoto: Kurt-Uwe Baldzuhn

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag

www.united-pc.eu

Prolog

„Verdammte Scheiße.“

Grund für die Unmutsäußerung sind nicht die vier Kilometer, die der Mann schon in den Beinen hat, oder die Aussicht auf die noch ausstehenden Kilometer seiner Joggingrunde. Es ist auch nicht die Dunkelheit, seine Stirnlampe ist hell genug. Es ist der rechte Schuh oder genauer, dessen Schnürsenkel. Der Mann bückt sich. Als er sich wieder aufrichtet, erfasst die Lampe etwas Rotes am Ufer.

Es ist eine Joggingjacke mit Inhalt.

Soweit im Schein der Lampe erkennbar, handelt es sich um eine Frau. Klein, zierlich und mit langen dunklen Haaren. Das Gesicht ist nicht zu sehen, sie schwimmt bäuchlings. Ihr rechter Fuß hat sich in den Wurzeln eines Baumes verfangen.

Der Mann fummelt sein Handy aus der Hosentasche, wählt die 112 und versucht den Körper ans Ufer zu ziehen. Als die Scheinwerfer des Rettungswagens die Szene beleuchten, hat er es gerade geschafft.

Für die Frau ist es zu spät.

Sechs Wochen später.
Sch
loss Burgdorf und die Familie Wiallas

Bruno Wiallas öffnet die Augen. Geweckt hat ihn das Schmatzen an seiner rechten Seite. Babara und Woijtek bekommen ihr Frühstück. Die Zwillinge sind knapp drei Monate alt, saugen an Danas Brüsten und geben dabei Geräusche des Behagens von sich. Bruno sieht seine Frau an. Sie lächelt, hat aber keine Hand frei. Also streichelt Bruno ihr über das Gesicht und über die Schultern, Dana beugt sich ihm entgegen.

Vater, Mutter, Kinder, ein Bild, wie aus der Hochglanzbroschüre des Familienministeriums. Dort würde man jedoch die nackten Brüste kaschieren. Dieses Bild wäre sowieso nicht geeignet, denn es fehlt noch ein Kind. Ewa, Danas Tochter aus einer anderen Beziehung. Sie ist noch mit den beiden Huskys auf ihrer Morgenrunde über die Schlossinsel. Außerdem müsste Kater Moses noch unbedingt mit auf das Foto. Den hat Bruno mit in die Ehe gebracht. Mäuse gibt es im ausgebauten Dachgeschoss kaum, also verlässt der Kater zu seinen Zeiten die Wohnung durch eines der Oberlichter, geht auf dem Dach spazieren und verjagt die Tauben.

Die Zwillinge sind satt. Die folgenden Elternpflichten müssen die beiden jetzt allein erfüllen. Von Montag bis Freitag ist ab sieben Uhr die Haushälterin da, und auch das französische Mädchen hilft sonst. Beide befinden sich aber im Krankenstand. Es klappt auch so.

Die Säuglinge werden in ihre Tragetaschen gelegt, Woijtek schläft gleich ein. Nur seine, um siebzehn Minuten ältere, Schwester kräht noch eine Runde. Der Aufzug klappert, Ewa betritt die Wohnung und auch Kater Moses kommt vom ersten Rundgang zurück. Das Kind wird zum Waschen geschickt, der Kater bekommt eine Büchse geöffnet, Dana geht ins große Bad, Bruno muss warten.

Punkt acht Uhr schnappen sich Bruno und Dana je eine Tragetasche und Ewa ihre Puppe Frieda. Sie fahren ins Erdgeschoss, das französische Kindermädchen geht mit einem Ingwertee wieder ins Bett.

Im westlichen Teil des Festsaales ist schon der Frühstückstisch gedeckt. Die Schlossbewohner gehören alle zur Familie Wiallas und haben sich nach dem Einzug auf ein Procedere geeinigt.

Entweder am Samstag oder am Sonntag wird gemeinsam gefrühstückt. Dann werden familiäre und berufliche Fragen geklärt und Weichen gestellt.

An der Stirnseite sitzt Frau Dr. med. Frieda Wiallas. Die ehemalige Gynäkologin ist mit ihren siebenundsiebzig Jahren noch gut beieinander. Nur die Hüfte muckert, sie benutzt eine Gehhilfe. Ein maßgefertigter Stock aus einer Thüringer Manufaktur liegt griffbereit. Die Grand Dame der Familie behält immer den Überblick, hört das Gras wachsen, und übernimmt gern das Kommando. Egal wo, und über wen. Der Vater von Bruno und Thomas war ihr Bruder, sie ist also die Tante der beiden. Rechts neben ihr sitzt ihre Haushälterin, deren Namen jeder im Raum vergessen hat. Sie wird von allen nur „Mutter Oberin“ genannt.

Auf den nächsten Plätzen folgt die Familie Thomas Wiallas. Er ist ein jüngerer Halbbruder von Bruno und geschäftsführender Vorstand der „Wiallas-Verwaltungsgesellschaft a. A“. Unter deren Dach tummeln sich diverse Firmen, die alle etwas mit Computer und Software zu tun haben. Seine Frau Angelika war mal Polizistin, und ist jetzt Geschäftsführerin der „Wiallas-Sicherheitsgesellschaft mbH“.

Zwischen ihnen sitzt ihre jüngste Tochter Charlotte auf einem Kinderstuhl. Ihre ältere Schwester Friderike ist sechs und kann schon alleine sitzen. Zur Sicherheit hat eines der Au pair neben ihr Platz genommen.

Am anderen Ende der Tafel sitzt Tatjana Budkereytes. Sie ist mit der Familie Wiallas auf verzwickte Weise verwandt. Ihr Großvater war ein Bruder von Frieda und ihr Sohn Victor ist das Kind des verstorbenen Wolfgang Wiallas, einem Cousin von Bruno und Thomas. Victor ist jetzt sieben Monate alt und lümmelt in seiner Sportkarre. Tatjana ist ukrainische Staatsbürgerin und eigentlich Mitarbeiterin im Diplomatischen Dienst ihres Landes. Zurzeit wohnt sie im Schloss und muss ihr Leben neu sortieren. Einer der Gründe dafür sitzt neben ihr.

Frank Köhler ist Polizist, hat bei der Aufklärung des unnatürlichen Todes von Wolfgang Wiallas eine Rolle gespielt und sich dabei in Tatjana verliebt. Die wusste anfangs damit nichts anzufangen, hat ihn abgewiesen, einen Umweg genommen, um dann doch vor seiner Hartnäckigkeit zu kapitulieren. Eine kluge Entscheidung, denn sie sieht glücklich aus.

Dass sie heute zu dritt am Familienfrühstück teilnehmen, bedeutet erstens: Frank hat schon bei ihr übernachtet, nicht zum ersten Mal, wie der Buschfunk vermeldet, und zweitens, sie wollen den Rat der Familie.

Links von Frieda nimmt nun Bruno Platz. Er ist der Geschäftsführende Gesellschafter der

„Wiallas Ermittlungen“, einer gut gehenden Detektei.

Neben ihm sitzt Ewa und dann kommt Dr. Dana Wiallas. Die promovierte Historikerin wurde vor vierunddreißig Jahren in einer polnischen Kleinstadt als Danuta Markiewicza geboren und von Bruno vor genau einem Jahr mit ihrer Tochter nach Deutschland geholt. Auch als stillende Mutter oder vielleicht gerade deswegen, der fehlende Schlaf ist ihr kaum anzumerken, beherrscht Dana die Tafel. Nicht nur ob der hundertneunundsiebzig Zentimeter Körperhöhe, sondern auch durch ihre Augen. Das eine ist grün und das andere grau, mit einem Stich grün. Es sind keineswegs kalte Augen. Die Funken, die sie schlagen, erwärmen den Empfänger. Die Familien wissen aber auch, dass Dana eine Zeit der Drohungen und Schmähungen hinter sich hat, die erst endete, als Bruno in ihr Leben trat. Geheiratet haben die beiden im September vergangenen Jahres. Schräg hinter ihnen liegen die Zwillinge.

Dienstbare Geister haben das Frühstück vorbereitet. Sie kennen die Schlossbewohner. Müsli für Ewa und Friderike, die Wurstplatte nicht in Danas Nähe, drei Sorten Tee und viel starken Kaffee für die anderen. Jetzt haben sich die beiden Frauen diskret zurückgezogen, die Familien können Klartext reden.

Zuerst die Kinder.

„Ewa, würdest du bitte in Zukunft deine Gummistiefel sauber machen, bevor du in den Aufzug steigst!“

Jetzt sind Danas Blitze nicht ganz so warm. Die An-gesprochene zuckt, senkt den Kopf und sucht nach einer Ausrede. Die braucht sie nicht, denn Angelika kommt ihr zu Hilfe.

„Dana, bei Friderike sieht es nicht besser aus. Ich habe eine Idee. Der Hausmeister soll hier unten, hinter der Zwischentür zu den Gästetoiletten, ein Schuhregal aufstellen. Dort deponieren wir schicke Hausschuhe. Die Kinder und wir wechseln dann die Schuhe.“

Der Vorschlag wird angenommen und Bruno macht sich eine Notiz. Das Schloss gehört der Familienstiftung, er ist deren Präsident, ergo der Verantwortliche. Er darf gleich nochmal zum Stift greifen. Der Zwillingskinderwagen und die beiden Sportkarren von Charlotte und Victor stören im Barocktreppenhaus, meint Thomas, der vorgestern Abend mit ihnen ins Gehege kam. Bruno kann den Stift wieder ablegen, es gibt nichts zu schreiben. Dem armen Thomas schlägt dreifacher mütterlicher Unmut entgegen. Wie immer in solchen Fällen klopft Frieda Wiallas mit ihrem Stock auf das Parkett.

„Papperlapapp Thomas, das ist hier kein Museum, wir wohnen hier. Jetzt aber zu den wichtigen Dingen. Tatjana, du wolltest etwas sagen?“

Tatjana sieht erst zu Frieda, dann zu Bruno. Als beide nicken, fängt sie an. „Mein Außenminister hat mich vor die Wahl gestellt. Entweder soll ich wieder im Konsulat anfangen oder aus dem Dienst ausscheiden. Das ist das Eine“, sie sucht Franks Hand, lächelt ihn an und macht weiter. „Das andere Problem ist gar keins, sondern ein Glücksfall. Bruno, du kennst Frank, ihr anderen werdet ihn kennenlernen. Er wird für sich selbst sprechen. Wir wollen heiraten und erstmal hier wohnen bleiben. Mit Frieda und Bruno habe ich ja schon gesprochen. Thomas, Angelika und Dana, ich, nein, wir bitten um eure Hilfe und vor allem um euren Segen.“

Unter der Hand wusste natürlich jeder längst Bescheid, aber es gehört zur Familientradition, dass wichtige Dinge auf den großen Tisch kommen. Erstmal wird geschwiegen.

Dann dürfen die beiden großen Mädchen gemeinsam in das Turmzimmer, Charlotte will mit. Die drei marschieren unter Aufsicht des Kindermädchens ab. Victor will aus dem Wagen. Er bekommt eine Decke auf den Fußboden gelegt und ist zufrieden.

Mutter Oberin geht in die Küche.

Als Thomas mit seinem Kaffeelöffel an ein Glas, klopft, muss Bruno grinsen. Er kennt seinen Bruder und dessen Art, Bewerbern auf Familienzugehörigkeit einen Schrecken einzujagen. Er beginnt auch so.

„Lieber Frank, ich bleib mal schon im Vorgriff auf meine Entscheidung beim du, also lieber Frank, bevor wir von dir hören, wie deine Geburt verlief, was deine Eltern waren oder noch sind, wie die Liebesverhältnisse deiner Großeltern beschaffen waren, welche Schuhgröße du trägst, wie hoch dein Beamtensalär ist, wo in zehn Jahren dein Schreibtisch steht, was deine Geschwister machen, so du überhaupt welche hast, möchte ich von dir wissen, wie du damit klar kommst, dass deine zukünftige Frau vier Jahre älter ist?“

Frieda war so unvorsichtig, einen Schluck Tee zu trinken. Der kam in die falsche Röhre und muss nun herausgeklopft werden. Auch die anderen haben Mühe ernst zu bleiben. Tatjana läuft etwas rot an, ihr Zukünftiger dagegen steht auf.

„Lieber Herr Thomas Wiallas, in Erwartung ihrer positiven Entscheidung, darf ich doch du sagen? Also lieber Thomas.

Was du hier siehst, sind fünfundachtzig Kilo, verteilt auf einen Meter achtzig Länge und standfest bei Schuhgröße vierundvierzig. Ich mache nicht nur Dienstsport sondern beherrsche auch zwei Kampfsportarten. Ich versichere dir und euch, dass ich es jederzeit mit einer Baba Jaga aufnehme.“

Tatjana kümmert sich lieber um ihren Sohn, Bruno feixt, Dana lacht laut, Angelika lächelt, Frieda lässt ein: „Hört, hört“ vernehmen und Frank Köhler macht weiter.

„Ich habe eine Schwester, die hat etwas Anständiges gelernt, sie ist Lehrerin. Ihr Mann auch und meine Nichte ist gerade vier geworden. Mein alter Herr war Polizist, er genießt den vorzeitigen Ruhestand in unserem Garten. Meine Mutter ist die letzte ausgebildete Bibliothekarin in ihrer Stadt, macht noch zwanzig Stunden in der Woche, und geht nächstes Jahr in Rente. Sie wissen übrigens Bescheid und warten auf den Besuch von Tatjana und Victor.

Ob mein Großvater auf Abwege geriet, kann ich nicht sagen. Bruno, solltest du deine Ressourcen in diese Richtung zweckentfremden, bring es mir bitte schonend bei. Ich habe gehört, dass den Bewerbern um die Hand der Königstochter schreckliche Aufgaben gestellt werden. Nur zu, ich bin bereit.“

Bruno macht zum tausendsten Mal die Erfahrung, dass seine Tante immer die Fäden in der Hand hält. Sie hat ihre Haushälterin nicht etwa in die Küche geschickt, damit die Familie unter sich bleibt. Nein, Frau Oberin sollte etwas holen. Und das kommt nun, zwei Flaschen Champagner samt Gläser. Es wird eingeschenkt, auf das junge Glück angestoßen und weiter geredet. Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Bruno erklärt Tatjana, dass sie sich sofort einen Termin beim Ausländeramt besorgen soll, er kann da helfen. Thomas drückt ihr den aktuellen Kontoauszug ihrer Vermögensanlage in die Hand.

„Wolfgangs Erbe ist gut angelegt. Wenn ihr sparsam seid, reicht es für mindestens zehn Jahre.“

Dana macht auf die Krankenversicherung aufmerksam und bei Angelika wird es ernst.

„Frank, was sagt dein Dienstherr dazu? Tatjana ist keine EU-Bürgerin, du brauchst eine Heiratserlaubnis. Und das Amt zum Schutze der Verfassung wird sie in den Röntgenapparat legen wollen. Morgen kommt Klaus, redet beide mit ihm. Vielleicht hat er eine Idee.“ Tatjana und Frank sehen sich an, sie spricht als erste.

„Ich möchte mich als Übersetzerin selbstständig machen, da kann ich von hier aus arbeiten und mich um meinen Sohn kümmern. Ein Vertrag von der Stiftung würde mir dabei helfen. Sobald Victor aus dem Gröbsten raus ist, sehen wir weiter.“

Bruno nickt und notiert sich etwas. Danas Frage verblüfft alle.

„Warum wollt ihr heiraten? Wegen der Aufenthaltsbewilligung? Es geht doch auch so. Frank, du musst dann deinen Beruf aufgeben.“ Schweigen am Tisch. Tatjana sieht zu Dana, dann zu Bruno, dann zu ihrem Frank, der zu Dana schaut.

„Mir fehlt das Abitur, um in den Höheren Dienst zu kommen. In zehn Jahren habe ich die Endstufe des gehobenen Dienstes erreicht, da bin ich achtunddreißig und dann? Ich dachte, dass mich Bruno als Schnüffler einstellt. Er kennt mich. Und soviel Pensionsansprüche habe ich noch nicht angesammelt.“

Der Chef der Detektei nickt und muss innerlich grinsen. Seine Frau und Tatjana verstehen sich so gut, dass sie vor vier Monaten ein Komplott geschmiedet haben, das letztendlich allen nur Vorteile brachte. Damals war Tatjana noch unsicher, was Frank betraf. Jetzt wollte Dana von beiden klar und deutlich hören, wie sie sich selbst sehen. Sie scheint zufrieden zu sein.

„Wenn das so ist, dann müsst ihr sogar heiraten. Auch wegen Victor und was da noch kommt.“

Wieder verschwindet Tatjana unter den Tisch, um nach ihrem Sohn zu sehen. Frank weicht Danas Blicken nicht aus.

Nun ja, wer einer ukrainischen Hexe Paroli bietet, hat auch keine Angst vor einer polnischen. Dana ist aber noch nicht fertig.

„Sind wir mit den beiden durch? Dann habe ich noch etwas für Morgen. Gestern Abend hat meine Schwester angerufen. Oliwia will morgen mit Mann und Sohn kommen. Es ist ja auch Ewas Geburtstag. Wir haben uns seit drei Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen. Ich habe zugesagt, auch im Hinblick auf Ewa.“ Sie fasst nach Brunos Hand und blickt erwartungsvoll in die Runde. Es freut Bruno, dass sich alle freuen und Angelika sofort die Verteilung der Gästezimmer korrigiert. Alle wissen, wie sehr Dana unter der Ablehnung ihrer Familie leidet. Nicht einmal zur Hochzeit gab es eine Reaktion. Nun scheint die Mauer zu bröckeln und ein Vorauskommando soll das Terrain sondieren.

„Frank, das mit den Aufgaben lass dir von Chaim erklären, er kommt ja heute. Und nun los, wir sehen uns zum Abendessen.“

Frieda Wiallas steht auf. Die Tafel wird aufgehoben. Die Mütter wollen mit Kinderwagen und Sportkarre eine Runde durch den Park machen, Frieda sich ausruhen, und der Rest hat zu tun.

Bruno lässt sich zum Flughafen fahren. Er wird Marek, Agneta und ihren neun Monate alten Sohn abholen. Marek ist über seine Großmutter mit der Familie Wiallas verwandt und arbeitet, ebenso wie seine Frau, beim polnischen Inlandsdienst. Vor einem Jahr hatten sie beruflich mit Bruno zu tun. Marek ermittelt noch immer in einem Mordfall, und Agneta war sehr erfolgreich bei der Verfolgung des organisierten Menschenschmuggels. Die Männer haben sich in den letzten zwölf Monaten mal in Warschau und mal in Kraków getroffen. Die Frauen sehen sich erst jetzt wieder.

Eine Stunde später wird Thomas losfahren und Joana, die Tochter seiner Schwester Catharina, abholen. Joana kommt nicht allein. An ihrer Seite wird Chaim Caspary sein. Der Mann ist so etwas Ähnliches wie ein Polizist und der Grund, warum Joana seit einem halben Jahr in Israel lebt. Sie fällt auf.

Und das nicht nur, weil ihr Vater ein Kubaner war. Spanisch, Deutsch, Französisch, Englisch, und vermutlich auch Neuhebräisch, spricht sie fließend und als ehemalige „Fachkraft für Werkschutz“, ist sie sehr gut vorbereitet für das Leben an Chaims Seite. Er gehörte auch zu der Ermittlungsgruppe, die vor einem Jahr den Anschlag auf Bruno und das Attentat auf einen israelischen Wissenschaftler aufklärte.

Die Flieger sind pünktlich und die Rollen verteilt. Agneta bleibt mit ihrem Sohn bei Dana. Sie müssen sich gegenseitig die Kinder präsentieren, über Geburtswehen, ihre Männer und andere Gebrechen reden. Chaim, Joana, Marek und Frank folgen Bruno, der mit Friderike, Ewa, und, soweit die Führung durch das Außengelände geht, auch mit der Huskyhündin Lena, seinen Gästen die Insel zeigt und deren Geschichte erzählt.

Schloss Burgdorf war in seinem früheren Leben eine Wasserburg, wurde in der Renaissance zu einem Adelssitz mit Wirtschaftsgebäuden ausgebaut, und Ende des 18. Jahrhunderts von einem vermögenden Bürgerlichen gekauft. Der ließ den Südflügel im Stil des Barock umbauen, dann war sein Geld alle.

1815 wurde der Landstrich preußisch, und die Krone erwarb die Insel samt Schloss, Wirtschaftsgebäuden und Barockpark. Hier wurde ein Staatsgefängnis eingerichtet.

Fünfzig Jahre später hatten die Gefangenen und ihre Wärter das Schloss so heruntergewirtschaftet, dass es unbenutzbar wurde. Der Staat verpachtete es. Alle paar Jahre wechselten die Pächter, dass machte es nicht besser.

Der terrassierte Barockgarten verkam zur Obstplantage, die große Scheune und die kleine Wassermühle fielen in sich zusammen und wurden nie wieder aufgebaut. Der Nordflügel blieb ungenutzt.

1890 übernahm ein kunstsinniger und vermögender Ausländer die Anlage. Der Mann war Buchhändler, kam aus Sachsen und gehörte der israelitischen Glaubensgemeinschaft an. Er stellte den Park wieder her, ließ das Dach neu decken, die Ruinen und den Nordflügel abreißen.

Schloss und Park wurden in den Sommermonaten zum Treffpunkt der preußisch-thüringisch-sächsischen Gesellschaft, insoweit sie kunstsinnig und freigeistig war. Seine Kinder brachten Schloss Burgdorf noch über die Inflation, seine Enkel mussten es 1935 unter Wert verkaufen.

Käufer war mal wieder der Preußische Staat, der es flugs einem Günstling des Herrn Ministerpräsidenten vermietete. Dieser Standartenführer gab nun auch wieder rauschende Feste. Nicht so kunstsinnig und freigeistig wie ehedem, mehr rustikaler Art. So wurden die Balustervasen auf der Attika des Mittelrisalits im Zuge einer Sonnenwendfeier schlichtweg vom Dach geschossen. Seit Kriegsbeginn weilte der Schlossherr nur noch zu Besuch auf seinem Besitz. Im März 1945 nahm er auf dem Weg in die Alpenfestung Frau, Kinder und Raubgut mit nach Süden.

Nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages hat Bruno nach dem weiteren Schicksal der Familie geforscht.

Diesmal trafen die Bomben wohl mal die Richtigen, wenn man von den Kindern absieht. In Burgdorf marschierten derweilen die amerikanischen Soldaten ein. Sie nahmen mit, was ihnen gefiel, ihre sowjetischen Nachfolger, das, was sie gebrauchen konnten.

Den Rest holten sich die Dorfbewohner.

Ohne Möbel, Wasserhähne und Küchengeräte wurde das Schloss Unterkunft für Umsiedler. Das waren diejenigen Deutschen, die ihre Heimat östlich von Oder und Neiße, südlich des Erzgebirges und wer weiß von woher noch, verlassen mussten. Sie konnten nicht viel kaputtmachen, es war nichts mehr da. Auf den Terrassen des Parks weideten Kühe und Ziegen, die Hühner schissen auf die Freitreppe, bevor sie in den Topf wanderten.

Die seit sechzig Jahren tadellos funktionierende Zentralheizung wurde in der Sowjetunion als Wiedergutmachung benötigt. Also wurden aus vierundsechzig Räumen die Heizkörper rausgerissen, sämtliche Armaturen abgeschraubt, und selbst die Kokskessel in die Waggons verladen. Ob diese Reparationsleistung jemals ihren Bestimmungsort erreichte, weiß nur allein der Vorsitzende des Rates der Volkskommissare der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Genosse Josef Dschughaschwili, genannt Stalin, und der ist schon länger tot.

Im eiskalten Winter 1945/46 verheizten die Bewohner in den Kaminen und den organisierten Kanonenöfen die letzten Bäume und die Treppengeländer.

Weihnachten 1950 verließen die Umsiedler das Schloss, und bescherten den neuen Machthaber ein Problem. Herrenlose Schlösser und Gutshäuser gab es genug. Schloss Burgdorf wurde einer der zugelassenen Parteien verpachtet. Diese Partei mit dem „C“ in ihrem Namen hatte zwar auch kein Geld, aber Mitglieder, die kunstverständig und historisch gebildet waren. Mit deren Hilfe und vor allem mit Unterstützung der Schwesterpartei im anderen Teil Deutschlands, wurde der Verfall gestoppt. Eine neue Zentralheizung wurde eingebaut und das Dach geflickt.

Als 1990 das kleinere Deutschland sich dem größerem anschloss, löste die ebenfalls wiedervereinigte Partei den Pachtvertrag auf. Der alte und neue Eigentümer, der Staat, verkaufte 1991 die gesamte Insel an einen Handwerksmeister aus dem Sauerland, für eine Deutsche Mark.

Der machte nichts, außer, das letzte Inventar zur verhökern.

Zwei Jahre später verkaufte er an einen Börsenmakler. Der wollte aus dem Schloss ein Hotel machen und ließ die Treppenhäuser in den Seitenflügeln abreißen. Er brauchte Platz für die Aufzüge. Als er auch noch Hand an das Renaissance-Torhaus legte, schritt die Denkmalpflege ein.

Sie gewann den Prozess, der Makler gab entnervt auf und verkaufte an eine Fondsgesellschaft. Die wollte eigentlich nur mit Gewinn weiterverkaufen, überlebte aber das Platzen der Dotcom-Blase im Frühjahr 2000 nicht.

Die „Jadwiga Groszanski-Stiftung“, in der der Grundbesitz der Familien Wiallas verwaltet wird, kaufte alles zusammen für 150.000 DM. Das von ihr beauftragte Architekturbüro setzte sich zuallererst mit den Denkmalpflegern zusammen.

Sie fanden einen Kompromiss. Die Barockfassade des Südund des Westflügel wurde wieder hergestellt, ebenso die Renaissancemauern vom Ostflügel und die vom alten Burgturm. Das halb abgerissene Torhaus wurde geschleift, als Kopie neu gebaut und beherbergt nun die Sicherheitszentrale. Der linke Flussarm wurde entkrautet und das historische Wehr wieder instandgesetzt.

An einer der ersten Bauberatungen nahmen Bruno und der Baudezernent des Landkreises teil. Bruno erinnert sich an das Gespräch und wundert sich noch heute über die Zuverlässigkeit seiner damaligen Prognosen.

Der Dezernent hat drei Sorgen.

„Ich will, dass der Gesamteindruck wieder hergestellt wird. Das betrifft vor allem den Mittelrisalit mit Attika und Balustervasen am Südflügel. In zehn Jahren fahren hier die ICE-Züge vorbei, da dürfen die Reisenden keine verpfuschte Fassade sehen.“

Bruno betrachtet seinen Gesprächspartner und muss grinsen.

„Wir sind beide Grauköpfe, Sie mehr als ich, warten wir ab, ob wir noch die Einweihung der Talbrücke erleben. Und wenn es soweit ist, ist es immer noch fraglich, was die Leute wirklich sehen. Die Züge sollen mit dreihundert Sachen vorbeihuschen, da bleiben den Fahrgästen zwanzig Sekunden, um etwas zu erkennen.“

Der Baudezernent schluckt und wird ganz still, als Bruno weiter macht.

„Die Leute in der Bahn sind mir egal. Es geht um meine Familie, vor allem um die Kinder. Die sollen in einem formvollendeten Haus und einer gepflegten Umgebung aufwachsen. Mir geht es um Ästhetik, da spielt der aus der Flucht hervorragende Gebäudeteil, der Risalit, eine große Rolle. Der wird ordentlich saniert, ihre Leute können das gerne überwachen. Die Dachverblendung, oder Attika, wie sie es nennen, wird wieder hergestellt und die sechs Schmuckvasen, die dann da oben stehen, sind schon in Auftrag gegeben.“

Der Mann vom Landkreis stutzt.

„Was wollen sie mit dem Dachgeschoß machen? Zu DDR-Zeiten war das ein Gerümpellager.

„Das Mezzaningeschoß wird zur Wohnung ausgebaut. Dafür brauchen wir aber drei Dachfenster, die sich hinter den Balustervasen verstecken.“

„Einverstanden. Dann bleibt noch der Festsaal, der Park und die Zugänglichkeit.“

Bruno holt aus seinen Unterlagen ein vergilbtes

Blatt, ein altes Foto und Kopien heraus.

„Das ist das Programm der Pfingstkonzerte von neunzehnhundertdreizehn. Wir werden so etwas auch anbieten, einschließlich Parkrundgang.

Und hier sehen sie den Festsaal, bevor der SSMann hier einzog. Es ist nur in schwarz-weiß, Sie können aber erkennen, dass der ehemalige Barockraum im Jugendstil ausgestattet war. Einer ihrer Vorgänger, der preußische Provinzialkonservator, hat neunzehnhundertzwölf dem Eigentümer den Umbau und die Einrichtung im Stil der Zeit genehmigt. Diesen Zustand werden wir wieder herstellen.

Der Dezernent, der Bauleiter und ihre Mitarbeiter beugen sich über die Unterlagen.

Nach fünf Minuten nickt der Entscheidungsträger. „Machen Sie es so. Das wird aber teuer.“

„Damit habe ich kein Problem“, entgegnet Bruno und setzt noch einen drauf: „Zum Tag des offenen Denkmals machen wir den Saal und den Park zugänglich.“

Diese Vereinbarung wurde ebenso schriftlich fixiert, wie das Einverständnis der Behörden, was das Innere der Gebäude angeht.

Im Erdgeschoß des Südflügels wurde der große Festsaal im Jugendstil eingerichtet. Sind beide Ziehharmonikatüren offen, passen neunzig Personen an runde Tische und einhundert fünfzig Gäste haben in der Konzertbestuhlung Platz. Das östliche Drittel des Saales wird als Familienund Betriebsküche genutzt. Die Küche ist für zweihundert Portionen pro Stunde konzipiert. Die Freitreppe zum Obergeschoß wurde restauriert. Im Westflügel befinden sich Wohnungen, unten für Gäste und oben für die Familie, erreichbar über einen Aufzug oder über die Treppe. Die 4-Raum Wohnung belegt Tante Frieda mit ihrer Haushälterin und in der 3Raum Wohnung lebt zurzeit Tatjana mit ihrem Sohn Victor. Unter dem Dach sind zwei Personalwohnungen.

Das Obergeschoß des Südflügels hat sich Thomas Wiallas mit Frau und den zwei Töchtern reserviert. Bruno und Dana haben sich bei der Besichtigung vor knapp einem Jahr für das Mezzaningeschoß im Südflügel entschieden. Hier sind die Räume zwar nur drei Meter hoch und der Balkon ist kleiner, dafür haben sie zwei Etagen des alten Turmes für sich. Besser gesagt, für Ewa, die ihren Traum vom Burgfräulein auf diese Art verwirklicht. Die beiden Arbeitszimmer, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer und das große Bad mit Ankleideraum gehen nach Süden. Das zweite Kinderzimmer, die beiden Gästezimmer, das Gästeund das Kinderbadezimmer liegen zur Hof-, also zur Nordseite. Die alles verbindende Wohnküche bekommt ihr Tageslicht über drei Dachfenster. Im Ostflügel sind die Büros der Detektei untergebracht. Gemäß den Auflagen sind die Dächer der Barockflügel mit Kupferblech und die des Ostflügels mit Zinkblech gedeckt. Wobei das Zinkdach auf zwanzig Meter nur so aussieht. In Wahrheit ist das Dach aus Kunststoff und dient als Radom für die darunter liegenden Hochleistungsantennen.

Das Schloss selbst liegt zwölf Meter über dem mittleren Hochwasser und wurde nachweislich der schriftlichen Aufzeichnungen noch nie überflutet.

Beim Torhaus und dem Nebengebäude sind es auch noch acht Meter.

Hier gab es in den Jahren 1857, 1922, und 1954 nasse Füße, ohne das die Zufahrt zum Schloss zerstört wurde.

Brunos Gäste sind erschöpft. Von den Worten, den Treppen, den Räumen und den Ausblicken. Bis zum Kaffee wird eine Pause vereinbart.

Zwischen Kaffee und Abendessen wollen Marek, Agneta, Chaim, Joana und Bruno über ihre Arbeit reden. Dazu gehen sie in Brunos Arbeitszimmer. Die deutsch-polnischeisraelische Sicherheitslage ist ebenso kompliziert wie die Familienverhältnisse der hier Sitzenden. Das wird nach einem Nebensatz von Bruno deutlich.

Übrigens, Danas Schwester kommt morgen, mit Mann und Kind.“

Marek erschrickt.

„Das geht nicht!“

„Warum, was ist los?“, fragt Bruno.

„Nach dem Tod des Wojewoden, der ja Ewas Vater ist und Danas damaliger Geliebter war, haben wir auch ihre Familie durchleuchtet.

Ihre Schwester Oliwia ist ein Dummchen, deren Mann, Krzystof Michalski, ist allerdings Vorsitzender der ‚Polnischen Nationalpartei‘ in der Wojewodschaft Pommern und stellvertretender Landesvorsitzender. Der Mann ist gegen Europa, gegen Deutschland, gegen Abtreibung, gegen das Wahlrecht für Frauen und so weiter. Für ihn gilt: ‚Polen zuerst‘.

Er hat nachweislich die Pressekampagne gegen Danutas Ausstellung vor zwei Jahren gesteuert. Der will hier nur herausbekommen, wo und wie sie lebt. Wir haben eine Akte über ihn, die liegt aber in Warschau. Dana ist in Gefahr, wir müssen unbedingt mit ihr reden.“

Bruno nickt.

„Da sollte aber Angelika dabei sein, die kann dann gleich den Wachschutz instruieren. Wir machen das beim Abendessen.“

Das wird aber nichts. Die Kinder, das Personal, und vor allem die Wiedersehensfreude fordern ihren Tribut. Erst nachdem die Kinder im Bett und das Personal im Feierabend sind, versammeln sich die Erwachsenen vor dem Kamin. Marek erzählt, was er von Oliwias Mann weiß.

„Ich konnte meinen Schwager nie ausstehen. Seine politischen Ansichten kenne ich. Aber, er ist der Mann meiner Schwester. Was machen wir jetzt?“

Angelika nimmt Danas Hand.

„Wir ändern nur wenig. Die drei schlafen wie geplant hier bei euch in der Gästewohnung. Es ist ja nur eine Nacht.

Lass bitte nichts auf deinem Schreibtisch liegen, das gilt auch für dich, Bruno. Die Rechner sind passwortgeschützt, lasst sie trotzdem ausgeschaltet. In die anderen Räume kommt er nicht, dem Personal sage ich morgen früh noch mal Bescheid. Schwieriger ist die Sache mit euch, Marek und Agneta. Kennt er euch? Weiß er, was ihr macht?“

„Nein. Wir hatten nie persönlichen Kontakt. Aber, solange er dabei ist, können wir nicht offen reden, das belastet. Ich habe mich auf Klaus gefreut.“ Marek blickt in die Runde.

„Es tut mir leid, Bruno. Ich verderb dir den Geburtstag. Aber mein Schwager kann kein deutsch.“

Bruno fasst Dana um die Hüfte, lächelt und gibt ihr einen Wangenkuss.

„Dann reden wir mal über das Wetter und

über unsere Frauen. Sonst beschwert ihr euch ja ständig, dass wir nur die Arbeit im Kopf haben. Er muss ja nicht immer dabei sein.“ Angelika nimmt sich einen Zettel vom Schreibtisch und notiert: „Dana, Ewa und Bruno, ihr holt sie um 10.30 Uhr vom Flughafen ab. Die Zwillinge bleiben bei mir. Zum Mittag sind wir vierzig Personen, davon sieben neue Gesichter und neun Kinder. Es wird also nur über das Wetter und die Geburtstagskinder geredet.

Für fünfzehn Uhr ist Kaffe, Kuchen und Eis im Park vorbereitet.

Die Kinder werden rumtoben, wir schwatzen. Da dein Schwager kein Deutsch spricht, wird er sich langweilen, wir müssen ihn beschäftigen.“

„Mir fällt schon etwas ein.“, antwortet Bruno. Angelika macht sich Notizen und stellt den weiteren Ablauf vor.

„Um 19.00 Uhr geht es im Festsaal weiter. Ewas Freundinnen und deren Mütter sind nicht mehr dabei, dafür Brunos gesamte Detektei mit Partnern und Kindern, dazu der Vorstand, macht rund neunzig Personen.“

Der Plan für Sonntag wird abgesegnet.

Chaim und Joana bitten um Aufmerksamkeit.

„Ab September übernehme ich, besser: übernehmen wir, eine Aufgabe in Wien“, sagt Chaim und zieht Joana an sich heran. „Das ist ein Posten nur für Ehepaare, wir werden also heiraten. Morgen rede ich mit Joanas Mutter. Die Hochzeit ist für das Ende des Sukkot geplant, ihr bekommt rechtzeitig Bescheid.“

„Das ist doch euer Laubhüttenfest, bei uns heißt es Erntedankfest, gibt es da keine festen Termine?“, fragt Bruno.

Dana bohrt gleich weiter: „Joana, musst du konvertieren?“

Chaim und Joana sehen sich an, lächeln und schieben sich die Aufgabe, wer jetzt antwortet, gegenseitig zu. Joana gewinnt.

„Jein. Die Orthodoxen würden mich nicht nehmen. Von der einen Großmutter habe ich gelernt, wie Huhn mit roten Bohnen richtig gemacht wird, zur Not kann ich auch einen Sauerbraten ansetzen, aber ein zweiter Kühlschrank würde mich überfordern. Auf gut deutsch: Ich kann nicht koscher kochen, jedenfalls nicht wirklich. Chaim ist Israeli und Jude, hat aber mehr Lebenszeit bei den Gojim verbracht, als zu Hause. Er isst, das, was auf den Tisch kommt.“

Chaim murmelt etwas, offenbar bittet er seinen Gott um Vergebung, legt Joana seine Rechte auf ihren linken Arm, und ergänzt: „Wir haben meinen Rabbi gefragt. Der kennt mich seit der Bar-Mizwa, und weiß, was ich mache. Wir folgen seinem Rat, und lassen alles so wie es ist. Fest steht: wir heiraten in Wien, und ihr seid alle eingeladen.“