Zum Buch
Zahlen begegnen uns überall: Sie bestimmen, was wir essen, wie schnell wir arbeiten oder wie wir uns fühlen. Vor allem in den Medien scheinen Zahlen glasklare Botschaften zu senden: über gute oder schlechte Entwicklungen, besorgniserregende Zustände oder verlockende Chancen. Doch können wir ihnen wirklich trauen? Anhand erstaunlicher Beispiele zeigt die Ökonometristin und Zahlenkorrespondentin Sanne Blauw, dass Zahlen keineswegs so neutral sind, wie sie zu sein scheinen. In ihrem Buch erzählt sie vom Nutzen und Nachteil von Statistiken, Diagrammen und Co. und gibt hilfreiche Tipps, wie wir uns die Deutungshoheit über unsere zahlenbasierte Welt zurückerobern.
Zur Autorin:
Sanne Blauw, geboren 1986, ist Ökonometristin und Journalistin. Sie hat über den Zusammenhang von Ungleichheit, Vertrauen und Glück promoviert, und die Frage, ob Glück messbar ist, hat sie auch zum Journalismus gebracht: Als Datenkorrespondentin für die niederländische Zeitung »De Correspondent« schreibt sie in ihrer viel gelesenen Kolumne über den großen Einfluss, den Zahlen auf unser Leben haben. Blauw ist eine gefragte Rednerin, »Der größte Bestseller aller Zeiten (mit diesem Titel)« ist ihr erstes Buch, das in den Niederlanden große Beachtung fand und ein Bestseller wurde.
SANNE BLAUW
DER GRÖSSTE
BESTSELLER
ALLER ZEITEN
(mit diesem Titel)
Wie Zahlen uns
in die Irre führen
Aus dem
Niederländischen
von Birgit Erdmann und Ira Wilhelm
Für meine Mutter.
Vorwort: Im Bann der Zahlen
1. Zahlen können Leben retten
2. Die dumme Diskussion über den Zusammenhang zwischen IQ und Hautfarbe
3. Was uns eine schlüpfrige Sexstudie über Stichproben verrät
4. Rauchen verursacht Lungenkrebs (und Babys werden trotzdem nicht vom Storch gebracht)
5. Warum wir auch in Zukunft Zahlen nicht blind vertrauen sollten
6. Wir bestimmen selbst, wie wichtig Zahlen sind
Nachwort: So lassen sich Zahlen in ihre Schranken weisen
Checkliste: Was man tun sollte, wenn man auf eine Zahl trifft
Quellenverweise und Lesetipps
Dank
Anmerkungen
Durch die Schiebetür betrat sie das staubige Büro und gab mir die Hand. »Juanita.«1
Das große ausgeblichene Sweatshirt ließ sie kleiner wirken, als sie ohnehin war. Nachdem sie auf dem Klappstuhl gegenüber von mir Platz genommen hatte, erklärte ich ihr auf Spanisch, dass ich für eine niederländische Universität arbeitete und in Bolivien über Glück und Einkommensunterschiede forschte. Deshalb würde ich ihr gerne einige Fragen stellen, wie sie über ihr Leben und ihr Land denkt.
Wie oft ich diesen Spruch schon aufgesagt hatte. Seit zehn Tagen interviewte ich Einwohner der bolivianischen Kleinstadt Tarija nahe der argentinischen Grenze. Ich hatte mit Marktfrauen gesprochen, mit Erdbeerbauern Bier getrunken, mit Familien gegrillt – all das, um möglichst viele Daten zusammenzutragen. Heute hatte es mich mit meinen Fragebögen in das Büro einer Frauenorganisation verschlagen. Die Direktorin hatte mir angeboten, mich mit empleadas domésticas, mit Hausangestellten, in Kontakt zu bringen. Mit Frauen wie Juanita.
»Also, fangen wir an«, sagte ich. »Wie alt sind Sie?«
»58.«
»Welcher ethnischen Gruppe gehören Sie an?«
»Aymara.« Sieh mal an, dachte ich, sie gehört zu einer der indigenen Bevölkerungsgruppen. Bislang war ich von ihnen nur wenigen begegnet.
»Familienstand?«
»Ich lebe allein.«
»Können Sie lesen?«
»Nein.«
»Schreiben?«
»Nein.«
So ging ich meinen Fragebogen durch – Beruf? Bildungsstand? Besitzt sie ein Handy, einen Kühlschrank, einen Fernseher?
»Ich verdiene zweihundert Bolivianos im Monat«, sagte sie, als ich mich nach ihrem Gehalt erkundigte. Das war weit unter dem Mindestlohn von 815 Bolivianos, den Präsident Evo Morales vor kurzem eingeführt hatte. »Ich habe Angst, dass mich meine Chefin entlässt, wenn ich sie um mehr Geld bitte. Ich wohne in einem carpita.« Ich notierte das Wort, wusste aber nicht, was es bedeutete. Erst später begriff ich: Sie wohnte in einem Zelt.
Schließlich kamen wir zu dem Teil meiner Studie, um den es mir hauptsächlich ging: Glück und Einkommensungleichheit. An meinem Schreibtisch im elften Stock der Erasmus Universität Rotterdam hatte ich fünf PowerPoint-Diagramme erstellt. Jedes markierte eine andere Einkommensverteilung. Alle enthielten die gleiche Anzahl an Quadraten, mein Professor hatte mich das doppelt und dreifach überprüfen lassen.
Doch schon an meinem ersten Forschungstag in Bolivien wurde mir bewusst, dass die Frage nach Einkommensunterschieden nicht bei jedem funktionieren würde. Die Marktfrauen verstanden beispielsweise nicht, was meine Diagramme darstellen sollten. Wie konnte ich nun also erwarten, dass Juanita – die weder lesen noch schreiben konnte – die Frage nach der Einkommensungleichheit begreifen würde? Also beschloss ich, diesen Teil zu überspringen.
Doch bevor ich die nächste Frage stellen konnte, begann sie selbst darüber zu sprechen: »Wissen Sie, wie das in Bolivien ist?« Sie richtete sich auf. »Es gibt hier eine riesige Gruppe armer Leute und eine winzige Gruppe reicher. Und der Unterschied wird immer größer. Und dann wundert man sich, dass keiner mehr dem anderen vertraut!«
Ohne es zu wissen, hatte sie gerade Diagramm A beschrieben. Und sie hatte damit auch gleich zwei weitere meiner Fragen beantwortet, über ihre Ansichten zur Zukunft und über das gegenseitige Vertrauen im Land. Ich hatte sie völlig unterschätzt. Ich bekam einen roten Kopf, doch ich fuhr mit dem Interview fort, als wäre nichts geschehen. Zeit für die abschließenden Fragen.
»Wie glücklich sind Sie auf einer Skala von eins bis zehn?«
»Eins.«
»Was meinen Sie, wie glücklich Sie in fünf Jahren sein werden?«
»Eins.«
Ich glaube, damals, während dieses Interviews im Jahr 2012, habe ich angefangen, Zahlen zu misstrauen. Bis dahin hatte ich die Zahlen, die mir in Zeitungen oder in den Nachrichtensendungen präsentiert wurden, einfach konsumiert. Während meines Studiums der Ökonometrie hatte ich das Zahlenmaterial für meine Hausarbeiten von meinen Dozenten bekommen oder hatte sie von den Webseiten der Weltbank und anderen Organisationen heruntergeladen.
Nun aber bekam ich keine fertigen Kalkulationstabellen mehr. Nun war ich selbst die Datensammlerin. Seit einem Jahr war ich nämlich Doktorandin. Zahlen waren mein Fachgebiet, doch das Gespräch mit Juanita brachte meinen Glauben an Zahlen ins Wanken. Ich wollte Juanitas Glück erforschen, aber konnte ihr Leben in einem Carpita nicht in Zahlen ausdrücken. Ich hörte mir ihre Meinung über die Einkommensunterschiede an, konnte aber ihre Aussagen nur mit den Diagrammen A, B, C, D oder E vergleichen. Vieles von dem, was sie sagte, war nicht zählbar – aber es zählte.
Juanita brachte mir noch etwas Anderes bei, nämlich, dass ich einen großen Einfluss darauf hatte, was Zahlen ausdrücken sollen. Ich fand Glück wichtig und dachte, es wäre auf diese Weise messbar. Ich hatte mir am Schreibtisch ausgedacht, diese abstrakte Frage in Diagrammen auszudrücken. Ich glaubte, Juanita wäre nicht schlau genug, um etwas zur Einkommensungleichheit zu sagen. Ich, ich, ich. Jemand anderes mit denselben Forschungsfragen, aber anderen Überzeugungen und Sichtweisen, wäre wahrscheinlich zu ganz anderen Resultaten gekommen. Zahlen sollten objektiv sein, doch mit einem Mal erkannte ich, wie sehr sie von der Persönlichkeit des Forschenden abhängen.
Nach dem Gespräch tippte ich in Reihe 80 meiner Excel-Tabelle Juanitas Angaben: 58 (Alter), 200 (Gehalt), 1 (Glück). Es sah genauso ordentlich aus wie alle Spreadsheets, die ich in den vergangenen Jahren heruntergeladen hatte. Doch nun bemerkte ich plötzlich, wie trügerisch diese Ordnung war.
Schon als Kindergartenkind war ich den Zahlen verfallen. Als ich gerade gelernt hatte zu zählen, war ich von Zahlenbildern begeistert. In einer meiner ersten Erinnerungen zeichne ich im Schwarzwald-Urlaub aus diesem Zahlenwirrwarr Schneemänner oder Wolken. Wenig später schenkten mir meine Großeltern einen Radiowecker. Nachts starrte ich vom Bett aus auf die Leuchtziffern und bildete aus den vier Zahlen alle möglichen Summen. In der Schule war Mathe mein Lieblingsfach, und schließlich entschied ich mich für das Studium der Ökonometrie, ein Fachbereich, in dem ich auch promovieren sollte. Ich lernte alles über die Statistik, die hinter den Wirtschaftsmodellen steckt. Ich rechnete, analysierte, programmierte. Und so studierte ich, was ich schon als Kind bei den Zahlenbildern getan hatte: die Suche nach Mustern hinter den Zahlen.
Doch Zahlen spielten in meinem Leben noch eine andere Rolle. Sie gaben mir Halt. Zwischen meinem fünften und meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr wurde ich in der Schule und der Universität mithilfe von Zahlen beurteilt. Zahlen waren für mich der Gradmesser meiner Leistungen. Bekam ich eine schlechte Note, stürzte ich in eine Krise. Eine gute Note aber ließ mich durch das Leben fliegen. Dass ich den Lehrstoff nach ein paar Tagen wieder vergessen hatte, kümmerte mich wenig, wenn nur der Notendurchschnitt stimmte. Auch außerhalb der Bildungseinrichtungen hielt ich mich an Zahlen fest. Als ich aus Bolivien zurück war, zeigte die Waage 56 Kilo an. Ein Body-Mass-Index von 18,3 – was war ich stolz.
Aber nicht nur ich wurde von Zahlen angetrieben. An der Universität wurden diejenigen Kollegen bevorzugt, die genügend Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht hatten. In dem Krankenhaus, in dem meine Mutter arbeitete, sehnte man jedes Jahr die Veröffentlichung der Krankenhaus-Top-100 des Algemeen Dagblad herbei. Und mein Vater wurde mit fünfundsechzig in Rente geschickt.
Erst später wurde mir bewusst, dass Juanita mir auch über diese Art der Zahlen etwas Wichtiges offenbart hatte. So wie ich Einfluss auf die Daten habe, die ich sammele, so haben andere Menschen Einfluss auf die Zahlen, die das Leben von mir und anderen bestimmen. Lehrer bestimmen, was eine gute Note verdient, Ärzte entscheiden, welcher BMI akzeptabel ist, Entscheidungsträger bestimmen, in welchem Alter man in Rente gehen soll.
Nach meiner Promotion 2014 beschloss ich, Journalistin zu werden. Denn noch etwas hatte ich bei meinem Gespräch mit Juanita gelernt: Ich fand die hinter den Zahlen verborgenen Geschichten interessanter als die Zahlen selbst. Bei De Correspondent, einer journalistischen Online-Plattform, fing ich unter dem Namen correspondent Ontcijferen (»Korrespondent Entziffern«) an zu schreiben. Dieses Entziffern hatte für mich eine doppelte Bedeutung. Ich wollte den Lesern damit bewusstmachen, wie Zahlen zustande kommen, aber auch die Frage aufwerfen, ob Zahlen innerhalb der Gesellschaft vielleicht weniger wichtig genommen werden sollten. Sollten wir uns von ihnen befreien, sollten wir uns ent-ziffern?
Schnell merkte ich: Das Thema fiel auf fruchtbaren Boden. Leser schickten mir zahlreiche Beispiele für verzerrte Umfragen, irreführende Grafiken, unzureichend belegte wissenschaftliche Studien. Häufig wimmelte es in ihnen von Fehlern, die mir während meiner Promotionszeit selbst unterlaufen waren. Bei Diskussionen auf Kongressen und durch Feedback auf die Publikation meiner Forschung wurde ich darauf gestoßen, dass meine Stichproben nicht repräsentativ gewesen waren oder dass ich Korrelation mit Kausalität verwechselt hatte. Jetzt entdeckte ich dieselben Fehler bei Zahlen, mit denen Journalisten die Welt beleuchten, mit denen unsere Volksvertreter politische Entscheidungen treffen, mit denen Ärzte Aussagen über unsere Gesundheit treffen. Die Welt schien aus lauter Quatschzahlen zu bestehen.
Auch andere Berichte über Zahlen beschäftigten mich. Ich hörte von Eltern, deren einjährige Kinder von der Kinderkrippe ein Zeugnis ausgestellt bekommen, von Polizisten, die Bußgelder verteilen, um eine Quote zu erfüllen, von Uber-Fahrern, die wegen schlechter Kundenbewertungen gefeuert wurden.
Allmählich wurde mir immer deutlicher: Vom Rentenalter bis zu den Facebook-Likes, vom Bruttosozialprodukt bis zum Einkommen – Zahlen bestimmen, wie die Welt aussieht. Und der Einfluss von Zahlen scheint immer größer zu werden. Der Einsatz von Big-Data-Algorithmen verbreitet sich wie ein Lauffeuer in Politik und Wirtschaft. Immer häufiger sind es nicht mehr Menschen, die Entscheidungen treffen, sondern mathematische Modelle.
Wir scheinen massenhaft von Zahlen hypnotisiert zu sein.2 Während wir kein Problem damit haben, Wörter kritisch zu hinterfragen, erstarren wir bei Zahlen in Ehrfurcht. Inzwischen, nach jahrelangen Recherchen als Journalistin, bin ich zu der Schlussfolgerung gekommen, dass wir den Zahlen eine viel zu hohe Bedeutung in unserem Leben zumessen. Zahlen sind so mächtig geworden, dass wir nicht länger die Augen davor verschließen dürfen, wie sehr sie uns in die Irre führen können. Wir müssen uns unbedingt ent-ziffern.
Dennoch ist dies kein Anti-Zahlenbuch. Zahlen an sich sind, wie Wörter, unschuldig. Es sind die Menschen hinter den Zahlen, die Fehler begehen. Dieses Buch handelt von den Menschen hinter den Zahlen. Von ihren Denkfehlern, ihren Bauchgefühlen, ihren Interessen. Wir werden Psychologen kennenlernen, die ihren Rassismus hinter Zahlen verstecken, einen weltberühmten Sexualforscher mit einer schlichtweg schlüpfrigen Datensammlung und Tabakmagnaten, die Zahlen so hinbiegen, dass sie das Leben von Millionen Menschen zerstören.
Doch dieses Buch handelt auch von uns, den Zahlenkonsumenten. Denn wir sind es, die sich von Zahlen blenden und in die Irre führen lassen. Schlimmer noch, wir lassen uns von ihnen leiten. Zahlen beeinflussen, was wir trinken, was wir essen, wo wir arbeiten und wohnen, wie viel wir verdienen, wen wir heiraten, welche Partei wir wählen, ob wir einen Kredit bekommen oder wie hoch unsere Versicherungsprämie ausfällt. Sie beeinflussen sogar, ob wir von einer Krankheit geheilt werden, ob wir leben oder sterben.
Selbst wenn wir glauben, nichts mit Zahlen am Hut zu haben, lassen sie uns keine Wahl: Wir können den Zahlen nicht entkommen.
Dieses Buch soll helfen, die Welt der Zahlen zu entziffern, sodass wir erkennen können, wann Zahlen korrekt verwendet werden und wann man sie missbraucht. Denn jede und jeder von uns sollte sich fragen, welche Rolle Zahlen in unserem Leben tatsächlich spielen dürfen.
Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Zahlen auf den Platz zu verweisen, auf den sie gehören: nicht auf das Podest, nicht auf den Müll, sondern an die Seite von Wörtern.
Dazu müssen wir an den Anfang zurückkehren. Wann hat unsere Obsession für Zahlen eigentlich begonnen? Um diese Frage zu beantworten, stelle ich Ihnen die berühmteste Krankenschwester der Geschichte vor: Florence Nightingale.

ZAHLEN KÖNNEN LEBEN RETTEN
Niemals würde sie die lebenden Gerippe vergessen1, die britischen Soldaten, die auf verrotteten Feldbetten lagen. Wie sie gelitten haben, während das Ungeziefer über sie hinweg kroch. Wie sie einer nach dem anderen starben.
Schlachthäuser waren es, diese überfüllten Krankenhäuser, in denen Florence Nightingale während des Krimkriegs arbeitete – des Kriegs zwischen Russland einerseits und England, Frankreich, Sardinien-Piemont und dem Osmanischen Reich, dem Vorgängerstaat der Türkei, andererseits. 1854 wurde Nightingale als Krankenschwester in Scutari, auf der asiatischen Seite des heutigen Istanbul gelegen, eingesetzt. Doch die britische Krankenpflege war so schlecht organisiert, dass sie viel mehr tun musste, als sich nur um die Patienten zu kümmern: kochen, waschen, das Magazin mit Nachschub versorgen. Manchmal arbeitete sie zwanzig Stunden am Tag. Nach ein paar Wochen schnitt sie sich ihre dicken braunen Haare ab, denn es blieb ihr keine Zeit für deren Pflege. Allmählich wurde ihre schwarze Schwesterntracht schmutzig und die weiße Haube riss ein. Hatte sie Zeit zum Essen, schrieb sie währenddessen Briefe, in denen sie die Außenwelt um Hilfe bat. Das alles tat sie, um ihre Soldaten am Leben zu halten.
Doch das reichte nicht, viel zu viele Leben glitten ihr durch die Finger. »Alle 24 Stunden begraben wir sie«, schrieb sie in einem ihrer zahlreichen verzweifelten Briefe an Sidney Herbert, den Staatssekretär im britischen Kriegsministerium. Im schlimmsten Monat, im Februar 1855, starben im Krankenhaus mehr als die Hälfte der Soldaten. Die meisten aber erlagen nicht etwa ihren Verwundungen, sondern starben an Krankheiten, deren Ausbruch man hätte verhindern können. Die Kanalisation war verstopft, sodass sich der Boden unter dem Gebäude in eine einzige, große Sickergrube verwandelte. Die Exkremente flossen aus den Toilettenhäuschen in den Wassertank. Es musste sich dringend etwas ändern.
Nach Kritik an der stümperhaften Kriegführung auf der Krim trat in England die Regierung zurück. Der neue Premierminister Henry John Temple wollte an den Missständen etwas ändern und gründete einen »Sanitärausschuss«, der dafür sorgen sollte, dass die Sterberate unter den Soldaten in Scutari abnahm. Und so traf am 4. März 1855, vier Monate nach Nightingales Ankunft, endlich Hilfe ein.
Die Mitglieder dieses Ausschusses empfanden die Situation im Krankenhaus als »mörderisch« und machten sich ans Werk. Sie schafften über 25 Tierkadaver fort (darunter ein stark verwestes Pferd, das die Wasserzufuhr blockierte). Sie schlugen zur besseren Belüftung Löcher in das Krankenhausdach, weißten die Wände, entfernten verrottete Böden. 1856, gegen Ende des Kriegs, hatte sich das Militärkrankenhaus in Scutari bis zur Unkenntlichkeit verändert. Es war sauber, gut organisiert, und die Sterberate war drastisch gesunken. Nicht nur der Sanitärausschuss, auch Nightingale hatten bei dieser Verwandlung eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Ohne Nightingales Lobbyarbeit wäre der Ausschuss möglicherweise niemals nach Scutari gekommen. Bei ihrer Rückkehr nach England wurde sie als Heldin empfangen, als »Schutzengel«.
Dennoch hatte sie das Gefühl, versagt zu haben. »Ach, meine armen Männer. Ihr habt so tapfer durchgehalten«, schrieb sie nach ihrer Abreise in ihr Tagebuch. »Ich bin euch eine schlechte Mutter gewesen, einfach so nach Hause zu fahren und euch in den Krimgräben zurückzulassen.«
Die unnötig gestorbenen Soldaten beschäftigten sie weiterhin. Die überfüllten Säle. Das Ungeziefer. Die Situation im Krankenhaus von Scutari mochte sich zwar verbessert haben, doch die Krankenversorgung des Militärs war noch immer miserabel organisiert. Und das kostete Leben.
Nightingale kämpfte fortan für eine Reform des Sanitätswesens. Sie wollte all ihre Erfahrung, ihre Kontakte und ihren neu erworbenen Ruhm dafür einsetzen, die Regierung von der bitteren Notwendigkeit einer besseren Hygiene zu überzeugen. Und in diesem Kampf würde sie eine messerscharfe Waffe einsetzen: Zahlen.
Florence Nightingale, 1820 geboren, wuchs in einer wohlhabenden britischen Familie auf. Ihr Vater war ein fortschrittlicher Mann: Er war der Ansicht, dass Mädchen eine ebenso gute Ausbildung erhalten sollten wie Jungen. Deshalb wurden Florence und ihre Schwester Parthenope – beide nach ihren Geburtsorten benannt – auch in Physik, Italienisch, Philosophie und Chemie unterrichtet.
Florence wurde zudem in Mathematik unterwiesen, ein Fach, das ihr auf den Leib geschrieben schien. Von Kindesbeinen an besaß sie eine Faszination fürs Zählen und Kategorisieren. Seit ihrem siebten Lebensjahr schrieb sie Briefe, denen sie regelmäßig Listen und Tabellen zufügte. Und sie war ein großer Fan von Rätselheften mit Textaufgaben wie: »Angenommen, es gibt sechshundert Millionen Heiden auf der Welt. Wie viele Missionare braucht man, wenn man einen Missionar für zwanzigtausend Heiden benötigt?«
Ihr Talent für und ihr Interesse an Zahlen sollte sie sich Zeit ihres Lebens bewahren. Als der Kriegsminister sie bei ihrer Rückkehr aus Scutari nach ihren Erfahrungen an der Front fragte, ergriff sie die Chance. Zwei Jahre lang schrieb sie an einem 850-seitigen Bericht, in dem sie anhand von Zahlen aufzeigte, was bei der Krankenpflege im Militär alles falsch lief.2 Ihre wichtigste Schlussfolgerung: Viele Soldaten starben an Krankheiten, deren Auftreten man hätte verhindern können, Wundinfektionen etwa und ansteckende Krankheiten. Selbst in Friedenszeiten starben in britischen Militärkrankenhäusern ungefähr doppelt so viele Patienten wie in zivilen Krankenhäusern. Nicht weniger schändlich wäre es gewesen, fand Nightingale, »wenn man 1100 Mann pro Jahr auf die Hochebene von Salisbury führen würde, um sie dann dort zu erschießen«.
Wie schockierend dieser Schluss auch war, Nightingale fürchtete, dass er in den vielen hundert Seiten aus Buchstaben und Zahlen untergehen könnte. Deshalb verwandelte sie die Statistiken in bunte Grafiken, die das, was sie zeigen wollte, auf einen Blick verdeutlichten. Auf dem berühmtesten Bild sieht man zwei Diagramme, die zwei der drei Jahre des Krimkriegs darstellten. Nightingale zeigte darin Monat für Monat auf, was den Tod der Soldaten verursacht hatte: Die meisten von ihnen starben an Krankheiten, die man hätte vermeiden können.

»Diagram of the Causes of Mortality in the Army in the East« (Grafik der Todesursachen bei der Armee im Orient), das Diagramm, das Florence Nightingale in ihrem dicken Bericht über die britische Militärkrankenpflege veröffentlichte. Quelle: Notes on Matters Affecting the Health, Efficiency, and Hospital Administration of the British Army (1858)
Diese und andere Grafiken schickte sie an einflussreiche Leute wie den ehemaligen Staatssekretär Sidney Herbert, der mittlerweile zum Leiter des königlichen Untersuchungsausschusses zum Krimkrieg ernannt worden war. Außerdem ließ sie ihre Erkenntnisse an die Presse durchsickern3 und bat die Schriftstellerin Harriet Martineau, für die breite Öffentlichkeit einen Aufsatz über die Notwendigkeit einer Reform zu verfassen.4
Nightingale konnte die Autoritäten schließlich mit ihrem Zahlenmaterial überzeugen. In den 1880er Jahren wurden viele der Probleme gelöst: Soldaten erhielten besseres Essen, es gab mehr Waschgelegenheiten, und die Baracken waren sauberer als je zuvor.5 Die Situation verbesserte sich derart schnell, dass sich neu errichtete Krankenhäuser als zu groß herausstellten. »Es ist nicht unsere Schuld, dass der Krankenstand so stark gesunken ist, dass sie [die medizinische Abteilung des Militärs, SB] ihre Krankenhäuser nicht mehr füllen können«, merkte Nightingale dazu trocken an.6
Florence Nightingale war weltweit eine der Ersten, die Grafiken einsetzte, um Dinge zu verändern.7 Natürlich war sie intelligent, starrsinnig und arbeitete hart, doch ihre Errungenschaften sagen auch viel über die damalige Zeit aus: Im 19. Jahrhundert wurde Zahlenmaterial zum ersten Mal in der Geschichte in großem Maßstab verwendet – eine Entwicklung, die bis zum heutigen Tag andauert.
Im 19. Jahrhundert entstanden die Nationalstaaten, die für die wachsende Bürokratie stets mehr Informationen von ihren Bürgern verlangten. Wer verstarb, wer wurde geboren, wer heiratete wen – erst seit dem 19. Jahrhundert wurde all dies umfangreich festgehalten.8 Eine »Lawine gedruckter Zahlen« nannte der Philosoph Ian Hacking diese Entwicklung.9 Die Technologieforscherin Meg Leta Ambrose sprach von »der ersten Big-Data-Welle«.10
Auch die Durchschnittswerte und Grafiken, die täglich in den Zeitungen abgedruckt werden, die Statistikämter, unsere Zahlen über Armut und Kriminalität – sie alle haben ihre Anfänge im 19. Jahrhundert.
Und dies kam vor knapp zweihundert Jahren nicht unerwartet. Um zu verstehen, weshalb Nightingale und ihre Zeitgenossen anfingen, im großen Stil Zahlen zu benutzen, muss man kurz in die Geschichte eintauchen, in die drei wichtigsten Entwicklungen, die der Zahlenwut des 19. Jahrhunderts den Weg bereitet hatten.
Zahlen gibt es seit Menschengedenken.11 Die ältesten schriftlichen Zeugnisse beinhalten bereits Symbole, die auf Zahlen verweisen. »29 086 Maß. Gerste. 37 Monate. Kushim«, steht beispielsweise auf einer Tontafel aus der Zeit zwischen 3400 und 3000 vor Christus aus Uruk, einer antiken Stadt im heutigen Irak. Wahrscheinlich bedeutet der Text, dass ein gewisser Kushim über einen Zeitraum von 37 Monaten knapp 30 000 Maß Gerste empfangen hat.
Kushim ist demnach der erste Mensch überhaupt, dessen Namen wir kennen, schreibt der Historiker Yuval Noah Harari. »Es ist bezeichnend, dass der älteste überlieferte Name einem Buchhalter gehört und nicht einem Propheten, Dichter oder Eroberer.« Ja, sehr bezeichnend, denn Zahlen waren für die Entwicklung einer Gesellschaft ausschlaggebend.
Als Jäger und Sammler konnte man sich noch alle Informationen, die man zum Überleben brauchte, merken. Wo sich die Raubtiere aufhielten, welche Beeren giftig waren, wem man vertrauen konnte. Auch als Bauer in einer kleinen Gemeinschaft konnte man das nötige Wissen noch im Kopf behalten. Doch seit der agrarischen Revolution begannen die Menschen, in viel größerem Maßstab zusammenzuarbeiten, in Städten und sogar in Ländern. Wirtschaft und Handel wurden immer komplexer: Geld löste den Tauschhandel ab, und es wuchs ein immer weniger zu überschauendes Netz wirtschaftlicher Beziehungen. Man schuldete dem einen diesen Betrag, bekam von einem anderen noch Geld, musste an einen Dritten Pacht bezahlen. Und so stieß die Menschheit an ihre Grenzen: Sie konnte sich nicht mehr alles merken.
Das galt natürlich erst recht für einen Staat, der von Tausenden Einwohnern Steuern erheben wollte. Ein Beamter brauchte ein System, um alle Forderungen zu registrieren und das Geld eintreiben zu lassen. Aus diesem System entwickelte sich die Schrift. Da Übereinkünfte nun schriftlich festgehalten wurden – Gesetzgebung – und dabei auch bestimmt wurde, wer für was zuständig war – Administration –, brauchte man sich all diese Informationen nicht mehr zu merken. Und vieles, was notiert wurde, waren, wie im Falle von Kushims Gerste, Zahlen.
Bei dieser ersten Entwicklungsphase der Zahlen war jedoch nicht allein die Tatsache bemerkenswert, dass man begann, Zahlen aufzuschreiben, sondern auch, was man mit ihrer Hilfe registrierte. Nehmen wir die Angabe in Kushims Aufstellung: »29 086 Maß«. In diesem Fall mussten alle Beteiligten sowohl wissen, was mit einer Zahl wie 29 086 gemeint war, als auch, was ein »Maß« bedeutete.
Vereinbarungen über Maßeinheiten wurden in den Anfängen der Menschheitsgeschichte anfangs vorwiegend lokal getroffen.12 Jeder Ort benutzte eigene, für ihn zweckmäßige Einheiten. So wurde Grund und Boden in Frankreich in bicherées – die Anzahl der Korngarben, die ein Bauer benötigte, um sein Land zu besäen – oder in journaliers gemessen – die Zahl der Tage, die ein Traubenpflücker für die Weinlese benötigte.13 (In unserer Sprache finden sich noch heute Spuren dieser veralteten Maße: nur einen Steinwurf entfernt, in Hörweite.) Selbst wenn verschiedene Landstriche dasselbe Wort für ein Maß benutzten, konnte die Bedeutung eine völlig andere sein. So war im 17. Jahrhundert die Längeneinheit »Rute« in Ezinge, einem Dorf in der Groninger Provinz, mit fünf Metern mehr als doppelt so lang wie eine »Rute« im knapp siebzig Kilometer entfernten Bellingwolde.14 Man schätzt, dass es im 18. Jahrhundert in Frankreich über eine Viertelmillion unterschiedliche Maß- und Gewichtseinheiten gab.15
Doch man kann sich nicht verstehen, wenn man keine gemeinsame Sprache hat, und man kann keine Vereinbarungen treffen, wenn man Zahlen auf unterschiedliche Weise gebraucht.16 1999 zeigte sich einmal mehr, wie gefährlich das Fehlen einer gemeinsamen Zahlensprache sein kann. Die Raumsonde Mars Climate Orbiter sollte den Mars umrunden, verschwand jedoch am 23. September 1999 vom Radar und tauchte nie wieder auf. Was war passiert? Um die Sonde zu steuern, mussten zwei Computerprogramme miteinander kommunizieren. Das eine rechnete mit der Britisch-Amerikanischen Maßeinheit zur Bemessung von Kraft »Pound force pro Sekunde«, während das andere mit dem internationalen Einheitssystem »Newton pro Sekunde« arbeitete. Die Folge dieses Missverständnisses war gravierend: Die Sonde flog etwa 100 Kilometer tiefer als geplant und verglühte wahrscheinlich in der Marsatmosphäre.17
Glücklicherweise sind solche Vorkommnisse heute eher die Ausnahme, denn nahezu jedes Land der Welt verwendet mittlerweile das sogenannte Internationale Einheitensystem. Doch bis es so weit war, mussten nicht nur viele Widerstände überwunden werden – es brauchte buchstäblich eine Revolution. Die siegreichen Revolutionäre in Frankreich waren die Ersten, die im Zuge der Französischen Revolution (1789 –1799) alle örtlichen Maßeinheiten verwarfen und die Einführung des Metrischen Systems propagierten. Einheiten wie der Meter oder das Kilogramm passten gut zu den Ideen der zeitgenössischen Wissenschaftler, und – nicht unwichtig – sie würden dabei helfen, das Land regierbar zu machen.18
Wie sollte ein Staat Steuern auf, sagen wir mal, Grundbesitz erheben können, wenn jeder ein anderes Längenmaß benutzte? Es dauerte eine Weile, doch schließlich setzte sich das Metrische System – später das Internationale Einheitensystem – von Frankreich aus in der ganzen Welt durch. Naja, fast: drei Länder – die Vereinigten Staaten, Liberia und Myanmar – verwenden auch heute noch eigene offizielle Maß- und Gewichtseinheiten wie Meilen und Pfund.19
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