Das Buch
Louisa hält es kaum noch aus. Paul ignoriert ihre Nachrichten und will sie nie wieder sehen. Auch seine Freunde können sich nicht erklären, was plötzlich mit ihm los ist. Die vergangenen Wochen in Redstone, in denen sie nicht genug von einander bekommen konnten, erscheinen Louisa inzwischen wie ein ferner Traum.
Paul stürzt sich in das Partyleben am College, um Louisa endlich zu vergessen. Niemals darf sie erfahren, was ihm klargeworden ist: Er trägt die Schuld für die Flammen, die ihr Leben vor fünf Jahren zerstört haben. Doch Louisa will ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Gibt es eine zweite Chance für die beiden? Um das herauszufinden, muss Paul ihr die Wahrheit sagen, doch damit riskiert er, sie für immer zu verlieren …
Die Autorin
Sophie Bichon wurde 1995 in Augsburg geboren und studiert Germanistik. Ihre Bachelorarbeit beschäftigt sich mit der Liebe in der Literatur, weil ihrer Meinung nach letztendlich jeder Roman von der Liebe handelt. Schon immer hat sie das Schreiben geliebt. Deswegen trägt sie auch stets ein Notizbuch bei sich, in dem sie ihre Ideen festhalten kann. Wenn sie nicht gerade schreibt, lässt sie sich von Musik und den Verrücktheiten des Lebens inspirieren, überlegt sich neue Tattoomotive und träumt von der Weltreise, die sie eines Tages machen möchte.
Instagram: @sophiebichon.autorin
Pinterest: @sophiebichon
SOPHIE BICHON

ROMAN
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie tatsächlich existierenden Einrichtungen oder Unternehmen ist rein zufällig und in keiner Weise beabsichtigt.
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Originalausgabe 06/2020
Copyright © 2020 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Steffi Korda, Büro für Kinder- & Erwachsenenliteratur, Hamburg
Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München,
unter Verwendung von FinePic®, München
Satz: Leingärtner, Nabburg
e-ISBN: 978-3-641-25182-6
V001
www.heyne.de
Für Christian,
der mein Paul ist, und meine Louisa.
Für den Mann, der mein Herz
seit diesem einen Sommerabend
mit jedem Blick schneller schlagen lässt.
Danke für jeden einzelnen Tag,
an dem du mein Zuhause bist.
Für all die Funken zwischen uns,
für das Lachen und das Glücklichsein.
Du und ich: zusammen die beste Gang der Welt.
Storms make trees take deeper roots.
Dolly Parton
PLAYLIST
Minimum von Charlie Cunningham
Tummy von Tamino
Of my Mind von Pional
Acid Rain von Lorn
Running up that Hill von Placebo
Salt and the Sea von The Lumineers
Sadness is taking over von Flora Cash
Can I be forgiven von Highaskate
You von Brothers Moving
I am the Changer von Cotton Jones
Soul meets Body von Death Cab for Cutie
Jungle von Tash Sultana
Mt. Washington von Local Natives
Island in the Sun von Weezer
Nica Libres at Dusk von Ben Howard
A Trick of the Light von Villagers
UND ALLES WAR ANDERS
Paul
In der Sekunde, in der es krachte, war Louisa das Erste, an das ich dachte. Und die Welt hielt den Atem an. Scheiße, scheiße, mein Feuermädchen. Mein Mädchen.
Es rauchte, es brannte. Und ich drehte mich zu ihr um, viel zu langsam. Ihre Locken leuchteten in dem gleichen grellen Orange und Rot wie das Feuer, das sich von hinten durch das Auto zu fressen begann. Sie schrie meinen Namen und blickte mich an, ihre tiefblauen Augen weit aufgerissen. Und da erst sah ich das Blut, von dem ich nicht wusste, ob es ihr eigenes war oder vielleicht doch meins. Ich packte sie an der Hand, sie musste hier raus. Du kannst sie nicht retten, ertönte da plötzlich eine höhnische Stimme aus dem Nichts. Es ist zu spät! Doch verdammt nochmal, ich musste Louisa retten. Ich hatte doch gar keine andere Wahl, als alles dafür zu tun, dass sie lebte. Etwas zerbarst und explodierte dann. Ich sah nichts mehr wegen all des Rauchs, der sich schwer und dunkel vor mein Gesicht legte. Knackende Flammen und ein Feuersturm, der mir nicht nur endgültig die Sicht nahm, sondern auch meine anderen Sinne: das Fühlen, das Hören. Um mich herum waren nur noch verdammte Stille und ein unerträgliches Summen. Verzweifelt tastete ich um mich, rief immer wieder ihren Namen, leise und laut und in allen Nuancen dazwischen, Louisa aber … sie war einfach nicht mehr da. Alles, was zurückblieb, waren die Flammen, die immer höher schlugen.
Es war mein eigenes Keuchen, das mich hochschrecken ließ. Vielleicht hatte ich auch geschrien, ich konnte es nicht sagen. Ein Piepsen, unerträglich grelles Licht, das mich blendete und die Augen wieder zusammenkneifen ließ. Mein Herz schlug laut und wild, während ich versuchte, tief ein- und auszuatmen – doch ich bekam kaum Luft, jeder Atemzug brannte höllisch. Der stechende Schmerz und die Bilder des Traums beherrschten meine Gedanken, während ich mich zu orientieren versuchte: Krankenhaus, der Geruch nach Desinfektionsmittel, leise gesprochene Sätze, von denen ich nicht wusste, wer sie sagte. Und im nächsten Moment verschwand alles wieder in Dunkelheit.
Als ich das nächste Mal aufwachte, flüsterte jemand inmitten des Nebels meinen Namen. Eine helle, weiche Stimme, die ich überall erkennen würde. Es war Louisa, ausgerechnet Louisa, die neben dem Bett stand und mit vom Weinen geröteten Augen zu mir hinuntersah. Als ich ihren Blick erwiderte, sammelten sich neue Tränen in dem Blau.
Ich schluckte, und eine verdammte Ewigkeit verging.
Ich fand kaum die Kraft, zu sprechen, doch als sie ihre Finger unerträglich sanft um meine schloss, zuckte ich zusammen und tat das einzig Richtige.
Feuerherz
ZWEI WOCHEN SPÄTER
1. KAPITEL
Louisa
Sternenstaub vor tiefem Schwarz war alles, was ich sah, als ich die Augen fest zusammenkniff.
Als hätte ich mich daran verbrannt, hatte ich das Handy wieder zurück in meinen Rucksack gleiten lassen, so weit nach unten wie nur möglich. Doch da war es bereits zu spät gewesen, da hatte ich mit dem Daumen schon auf Senden geklickt. Langsam stieß ich die Luft aus, die ich unbewusst angehalten hatte. Es war nichts Falsches daran, Paul zu schreiben.
Ich wollte unbedingt an etwas anderes denken, als ich die Augen langsam wieder öffnete und meine Finger um den heißen Kaffeebecher vor mir schloss. Ich ließ mich damit tiefer in den weichen Sessel sinken. Die Sonne schien hell durch die beschlagenen Fenster direkt auf den dunklen Holztisch mit der alten Ausgabe von Madame Bovary darauf. Ich hatte sie auf einem Flohmarkt entdeckt und beim ersten Mal Lesen mit beinahe schon unleserlichen Notizen am Rand versehen. Daneben wie immer mein Notizbuch, um die schönsten Wörter und Sätze zu sammeln, denen ich im Laufe des Tages begegnen würde. Vielleicht auch in und zwischen den Zeilen von Emmas Geschichte.
Ich leckte mir den Milchschaum von den Lippen und betrachtete die im Sonnenlicht rot schimmernden Wände und den feinen Staub, der durch die Luft tanzte. Doch keine Sekunde später sprangen meine Gedanken wieder zurück zu der gerade verschickten Nachricht, auf die Paul mir sowieso nicht antworten würde. Genauso, wie er es auch auf all die anderen nicht getan hatte, seit er mich im Krankenhaus einfach gebeten hatte, zu gehen.
Hier im Café zu sitzen und auf Aiden zu warten war fast schon ein Déjà-vu, eine Wiederholung meines zweiten Tages auf dem Campus. Selbst die Tatsache, dass Aiden immer noch nicht aufgetaucht war, obwohl wir schon vor fünfzehn Minuten verabredet gewesen wären. Und gleichzeitig war alles anders. Dieser laue Septembertag, an dem Trish mich gefragt hatte, wann ich im Firefly zu arbeiten anfangen könnte, erschien mir inzwischen unendlich weit weg.
Eine leichte Berührung an der Schulter riss mich aus meinen Gedanken. Aiden. Mit dem Gitarrenkoffer in der einen und einem Kaffee in der anderen Hand stand er vor mir und seine Lippen kräuselten sich zu einem entschuldigenden Lächeln, als er die Gitarre an den grünen Sessel mir gegenüber lehnte, mich kurz an sich drückte und sich dann in die Polster fallen ließ.
»Ich dachte schon, du würdest mich wieder versetzen«, sagte ich und zog bemüht ernst eine Augenbraue hoch, während ich meinen Cappuccino auf dem Tisch abstellte.
»Komm schon, Lou«, grinste Aiden, »als ob ich dich jemals versetzten würde!« Mit einem belustigten Ausdruck in den blauen Augen fuhr er sich durch die ohnehin schon zerzausten blonden Haare. Geschmolzener Schnee glänzte darin. »Hast du das nicht letztens erst gelesen?«, wollte er wissen und deutete auf das Buch, das zwischen uns auf dem Tisch lag.
Amüsiert folgte ich seinem Blick. »Na und?«
Aiden verschränkte die Arme vor der Brust. »Wird das nicht irgendwann langweilig?«
Ich schnaubte: »Wir beide sehen uns gefühlt jeden Tag zusammen Game of Thrones an. Wird das nicht langweilig?«
»Verdammt«, Aiden lachte, »du hast recht: Wird es nicht. Aber es ist eben auch Game of Thrones, also …« Er ließ den Satz in der Luft hängen und zuckte mit den Schultern.
»Beim Lesen ist es genauso. Man kennt die Geschichte zwar irgendwann in- und auswendig, weiß genau, was wann passiert«, erklärte ich dankbar für dieses unverfängliche Gesprächsthema, »aber mit jedem Mal fallen einem mehr von diesen Kleinigkeiten auf. Diese winzigen Puzzleteile, die sich nach und nach zusammensetzen. Wie viel Bedeutung in manchen Stellen steckt, wenn man das Ende erst einmal kennt. Wie perfekt alles ineinandergreift. Deshalb kann ich das gleiche Buch immer und immer wieder lesen!«
In der nächsten Stunde erzählte ich Aiden von einer Buchverfilmung, die auf Netflix gestartet war und die ich mir unbedingt ansehen wollte. Als ich erwähnte, dass es sich bei der Vorlage um einen Liebesroman handelte, stöhnte Aiden auf. Er wusste nur zu gut, dass heute Abend ich dran war, einen Film für uns herauszusuchen. Wir diskutierten über eine Serie, die wir vor wenigen Tagen beide zu Ende geschaut hatten, die Aiden jedoch deutlich besser gefallen hatte als mir. Und über die Prüfungsergebnisse der Midterms, auf die wir alle ungeduldig warteten, obwohl wir sie eigentlich doch nicht wissen wollten. Schließlich erzählte Aiden mir von den Songs, die Goodbye April aus ihrer Gig-Liste gestrichen hatte, weil sie sich als Band weiterentwickelt hatten. Und als ich ihn fragte, wie die Probe heute gelaufen war, erntete ich irgendetwas zwischen Seufzen und Lachen. Scheinbar hatten zwei der Jungs, ohne es zu wissen, etwas mit demselben Mädchen angefangen. Das Ganze war jetzt herausgekommen, und die Situation hatte sich während der Probe immer weiter verschärft, bis die beiden sich erst angebrüllt hatten und dann aufeinander losgegangen waren – Aiden und Landon hatten dazwischengehen müssen.
»Also wirklich geprobt haben wir heute auf jeden Fall nicht«, fügte Aiden hinzu. »Aber immerhin leben noch alle Bandmitglieder.« Er grinste und ließ sich tiefer in den Sessel sinken. »Ich seh das einfach mal als Erfolg an!«
»Dein Optimismus ist wirklich beneidenswert«, erwiderte ich mit einem Lächeln und strich mir meine Locken hinter die Ohren.
»Na ja, jetzt, wo Paul zurück ist, kann ich den Jungs immer noch damit drohen, dass ich ihn mit zu den Proben nehme. Und das wollen sie ganz sicher nicht, weil er das letzte Mal nämlich -«
Ich erstarrte.
Jetzt, wo Paul zurück ist.
Wo Paul zurück ist.
Paul.
Zurück.
Paul.
Aidens Worte hallten in meinem ganzen Körper nach, und ich setzte mich ruckartig auf. Der Kaffee in meiner Hand schwappte über und mein Herz, das für die Dauer dieses Satzes ausgesetzt hatte, begann nun heftiger zu schlagen als zuvor. Madame Bovary und mein Notizbuch segelten zu Boden, als ich mich leicht zu Aiden nach vorn beugte. »Er ist wieder da?«, flüsterte ich.
»Ich … ja«, sagte Aiden sichtlich verwirrt und nickte. »Seit zwei Tagen schon. Ich dachte, das wüsstest du! Verdammt, ich dachte, er hätte dir Bescheid gesagt …« Dann verstummte er und betrachtete mich stirnrunzelnd.
Bei dem Gedanken daran, dass Paul offensichtlich wieder zurück am Redstone College war, sich jedoch bisher kein einziges Mal bei mir gemeldet hatte, machte sich wieder das flaue Gefühl der letzten Tage in mir breit, das ich immer beiseitezuschieben versuchte. Warum hatte er mich einfach fortgeschickt und ignorierte seitdem meine Nachrichten? Die Nachrichten seiner Freundin. Und warum erfuhr ich als Letzte und nicht einmal von ihm persönlich von seiner Rückkehr?
»Ich …«, fing ich zögerlich an und schüttelte langsam den Kopf. »Nein, das wusste ich nicht.« Ein dumpfer Schmerz pochte in mir, während ich die Wörter zu ganzen Sätzen formte. »Ich wusste nicht einmal, dass Paul überhaupt entlassen werden sollte.«
»Er hat sich selbst entlassen«, erklärte Aiden mit dieser steilen Falte zwischen seinen Augen, die ich so selten an ihm sah. »Er meinte, er würde es da drin nicht mehr aushalten, und die Ärzte haben gesagt, dass er gehen kann, solange er es ruhig angehen lässt.«
Genauso wie die leise Musik im Hintergrund wurde auch Aidens Stimme mit jedem Wort leiser, bis ich schließlich mit dem Strudel meiner Gedanken allein war. Umherwirbelnde Erinnerungen, die ich über zwei Wochen lang so gut es ging verdrängt hatte, die jetzt aber unaufhaltsam auf mich niederprasselten.
Paul, der am 24. Dezember nicht auftauchte, obwohl der Tisch bereits gedeckt und das Essen fast fertig war. Der nicht an sein Handy ging, obwohl ich einen verpassten Anruf von ihm hatte. Stattdessen rief Trish mich an, völlig hysterisch. Und ich, die an Ort und Stelle zusammenbrach – nicht laut und schreiend, sondern ganz still und leise. Lähmende Angst um den Mann, den ich liebte. Und dann passierte alles wie in einem Film, viel zu schnell und gleichzeitig viel zu langsam: Mel, die versuchte, aus mir herauszubekommen, was passiert war, und mich dann an der Hand packte und ins New Forreston Hospital fuhr. Aiden, der plötzlich die Ruhe selbst war mit genug Energie, um Trish und mich zu beruhigen. Doch an die alles verbrennende Panik in mir war er nicht herangekommen. Nicht schon wieder, bitte nicht. Bitte nicht Paul. Der einzige flehende und durch meine Venen treibende Gedanke, als wir durch die Flure des Krankenhauses liefen und niemand uns etwas sagen konnte. Seine Eltern, die nicht auftauchten. Aiden in der Mitte, Trish und ich links und rechts von ihm. Seine Arme um uns und wir drei ein Knoten aus beruhigenden Berührungen. Weil Drei eine ungerade Zahl und Paul unsere Vier war.
Menschen in Weiß und alles monoton, jede Stimme und jeder Satz. Er ist jetzt wach, hieß es irgendwann. Seine Eltern sind auf dem Weg, hieß es auch. Endlich durften wir zu ihm. Sein Vater wirkte einfach nur gereizt. Seine Mutter war völlig versteinert. Dazwischen Luca mit verquollenen Augen, der sich kein einziges Mal beschwerte, als Trish ihn Kleiner nannte, obwohl er sie deutlich überragte. Der mich in seine Arme zog, mich mein Gesicht an seine Schulter pressen ließ. Dass er Paul in vielen Punkten so ähnlich war, machte in diesem Moment alles besser und noch tausendmal schlimmer. Das Piepsen der Geräte war unerträglich. Und als ich den Schlauch sah, der an Pauls rechter Seite zwischen seinen Rippen hervorragte, rang ich erschrocken nach Luft. Er schien Schwierigkeiten mit dem Atmen zu haben, jeder einzelne Atemzug endlos lang zu sein. Ein Keuchen.
Wie Paul mich ansah mit diesem leblosen Blick, der mir noch mehr Angst machte als die Stunden, in denen ich mich so machtlos und betäubt gefühlt hatte. Ich umfasste seine große Hand mit meinen beiden kleineren. Lange, raue Finger, die mir so vertraut waren. Doch Paul zuckte unter meiner Berührung zusammen – bestimmt hatte er Schmerzen.
Spannungspneumothorax.
Thoraxdrainage.
HWS-Distorsion.
Commotio.
Fremde Wörter, die in einer Ecke des Zimmers zwischen Pauls Mutter und einem Arzt fielen. Wörter, die ich unter anderen Umständen vielleicht schön gefunden hätte. Doch so beschrieben sie nur den Zustand meines Freundes, objektiv und sachlich, während mein Herz schrie, weil er so hilf- und kraftlos wirkte. So wenig wie er selbst.
Und dann, als er wieder sprechen konnte, bat Paul mich plötzlich mit dieser Leere in den Augen, zu gehen und ihn nicht mehr zu besuchen. Irgendetwas an dem Ausdruck in diesem sonst so warmen Braun hatte mich dazu gebracht, seinen Wunsch zu respektieren, auch wenn es mir einen wahnsinnigen Stich versetzte und ich es beim besten Willen nicht verstehen konnte. Ich hatte mir eingeredet, dass Paul womöglich einfach nicht wollte, dass ich ihn auf diese Art sah. Obwohl wir so viel miteinander geteilt hatten. Letztendlich hatte ich diese Entscheidung akzeptiert. Das Wichtigste war doch sowieso, dass er lebte, sagte ich mir. Alles andere war bedeutungslos.
»Lou, er ist wirklich komisch drauf«, drang Aidens Stimme wieder zu mir durch. Er sah mich plötzlich ungewohnt ernst an und drückte für einen flüchtigen Moment meine Hand. »Mach dir bitte nicht so viele Gedanken. Paul wird sich bei dir melden, wenn er so weit ist!«
Ungläubig starrte ich Aiden an. »Er wird sich bei mir melden, wenn er so weit ist?«, echote ich hohl. In meinen Fingerspitzen kribbelte es, in mir eine Unruhe, die sich auf meiner ganzen Haut ausbreitete. Und plötzlich war da ein anderes Gefühl, das sich zu den widerstreitenden Emotionen in mir gesellte: Wut, die irgendwo zwischen Sorge, Unverständnis und Zuneigung hin und her waberte.
»Ich weiß, dass das verdammt schwer ist. Paul ist mein längster und vor allem bester Freund«, meinte Aiden und rieb sich über das Kinn. »Trish und ich kommen gerade auch nicht wirklich an ihn ran, mit Luca spricht er auch nicht. Nur das Nötigste.«
»Ich bin fast gestorben vor Sorge! Er ist doch mein Freund und ich …« Ich schluckte schwer. »Er hat mich weggeschickt, falls du das vergessen haben solltest, Aiden. Euch nicht. Und ich hab keine Ahnung, wieso. Ich habe ihn vermisst. Ich habe mir unglaubliche Sorgen gemacht. Ich hatte wahnsinnige Angst, ihn zu verlieren, als uns am Anfang niemand gesagt hat, was genau eigentlich passiert ist. Und jetzt sagt er mir nicht einmal Bescheid, dass er wieder hier ist? Das … das ist doch nicht normal. Das …« Ich stockte und biss mir auf die Unterlippe, bevor ich weitersprach. »Ich geh jetzt. Ich will wissen, was los ist! Und ich möchte mit eigenen Augen sehen, dass es ihm gut geht.«
»Lou«, sagte Aiden sanft und versuchte mich mit einem Griff an mein Handgelenk zurückzuhalten.
Doch da schnappte ich mir schon meinen Rucksack, stopfte den Roman und das Notizbuch achtlos hinein und stürmte aus dem Firefly. Ich musste Paul sehen. Ich wollte, dass er mir sagte, was ich ihm bedeutete, und dass zwischen uns alles in Ordnung war. Einfach weil wir wir waren. Dass er bei mir bleiben und nicht verschwinden würde, obwohl er gesehen hatte, wie kaputt ich tatsächlich war. Dass ich wie immer zu viel nachdachte und mir nur einbildete, dass sein Verhalten mehr als seltsam war.
Laut und bebend drang Musik aus der WG, als ich klingelte und niemand mir öffnete. Ich strich mir die von feinen Schneeflocken feuchten Haare aus dem Gesicht, holte tief Luft und presste meine zitternden Finger erneut auf die Klingel.
Meistens weiß man nicht, welche Momente das Leben in ein Vorher und Nachher einteilen. Nicht sofort und schon gar nicht in dem Augenblick selbst. Wenn überhaupt, erkennt man die Zäsur erst sehr viel später. Doch manchmal spürt man es bereits in der Sekunde, in der es passiert. So wie an dem Abend meines Geburtstags, als Paul mich festgehalten und mir tief in die Augen gesehen hatte. Nasenspitze an Nasenspitze, Herz an Herz. Da hatte ich gewusst, er würde mir sagen, dass er sich auch in mich verliebt hatte. Das hier war ebenfalls einer dieser Momente – nur dass es dieses Mal eine Vorahnung war, die mein Herz noch vor meinem Verstand begriff.
Die Musik wurde leiser gedreht, dann war das Geräusch näher kommender Schritte zu hören. Es war Isaac, der mir die Tür öffnete. Der mich ansah und anschließend einen Blick über die Schulter warf, so kurz, dass es mir fast nicht aufgefallen wäre.
Ich wippte von einem Bein auf das andere, fragte mich, wieso er mich nicht einfach vorbei ließ.
»Mann, wieso stehst du da wie festgefroren? Lass Luke doch einfach rein!« Der Klang seiner tiefen Stimme war so vertraut, und mein Herz reagierte sofort auf den dunklen Bass, mit dem er mich in so vielen Nächten Feuermädchen genannt hatte. Dann stand Paul in meinem Sichtfeld, vor der Wand mit den unzähligen Polaroid-Fotos, die eine Hand in der Hosentasche einer dunkelblauen Jogginghose vergraben.
Ich blinzelte und hatte plötzlich Angst, ihn direkt anzusehen, weil seine Blicke immer schon mehr gesagt hatten als seine Worte. Ich hatte Paul in mein Herz gelassen und jetzt das Gefühl, dort drin wäre es zu eng für uns. Und als ich schließlich doch den Blick hob, ertrank ich in dem warmen, tiefen Bernsteinton seiner Augen. Da waren nur er und ich. Und dann lächelte ich ihn an – trotz aller Vorsicht. Trotz all der Warnsignale.
Doch er rührte sich nicht von der Stelle, sah abgekämpft aus. Geschockt, beinahe schon panisch sah er mich an, den ganzen Körper angespannt. Dann verfinsterte sich sein Gesichtsausdruck, und der Blick, mit dem er mich bedachte, war so kalt und leer, dass meine Knie weich wurden. Ein Schlag in den Magen, der mich für einen kurzen Moment nach Luft ringen ließ. Ganz leise sagte ich seinen Namen und streckte instinktiv eine Hand nach ihm aus, obwohl Isaac immer noch vor mir in der Tür stand. Verunsichert blickte ich Paul über Isaacs Schulter hinweg an und suchte in seinen Augen nach einer Antwort auf die Frage, die ich mich seit sechzehn Tagen nicht zu stellen traute.
Einen Moment lang starrte er mich noch an. Etwas anderes flackerte in seinem Blick auf, als er diesen für einen winzigen Moment über mich gleiten ließ. Dann presste er seine Lippen zu einem harten, geraden Strich zusammen. Bei mir: Herzstillstand. Bei ihm: gemurmelte Flüche. Eine wirre Mischung aus Englisch und Deutsch, dann verschwand er wieder irgendwo in der Wohnung, während mir immer kälter wurde.
»Sag ihr einfach, dass sie verschwinden soll!«, drang seine Stimme gedämpft durch die geöffnete Tür. Er klang, als hätte er getrunken. Langsame und träge Worte, völlig emotionslos ausgesprochen. Den feinen Riss in meinem Herzen, den dieser Satz gefährlich mühelos verursachte, versuchte ich, mit aller Kraft zu ignorieren. Ihr? Ich schluckte schwer. Das war ich also. Vor sechzehn Tagen Baby und heute nicht mehr als ein Pronomen.
Ich begriff einfach nicht, was hier passierte. Ich wollte Paul anschreien. Gleichzeitig wollte ich mit meinen Fingerspitzen seine feinen Augenringe wegstreichen. Und ihn dann wieder anschreien, dass es doch sicher keine gute Idee war, zu trinken, wenn er erst seit zwei Tagen aus dem Krankenhaus zurück war. Ich wollte nichts mehr, als dass er seine Arme um mich schlang und mich festhielt. So viele Menschen hatten mich verlassen. Nicht auch noch er.
Isaac räusperte sich, als er da zwischen mir und dieser Wohnung stand. Seine Augen hinter den Brillengläsern sagten: Sorry! Ich hab echt keine Ahnung, was los ist. Und ich stand dort wie festgefroren. »Paul, bitte. Ich …«, startete ich einen letzten verzweifelten Versuch, weil ich nur noch Gefühle und Gedanken und Emotionen war. Alles, was an mir sonst so vernünftig und bedacht war, war wie weggeblasen.
»Gott, sie soll einfach gehen!« Seine Stimme klang wieder näher. Ein genervtes Murmeln. Diese tiefe Stimme, die ich eigentlich so liebte, deren Klang mir jetzt aber einfach nur wehtat. Sie. Beliebigkeit statt Bedeutsamkeit. Nicht nur austauschbar, sondern ausgetauscht. Ich straffte die Schultern und gab mir alle Mühe, mir nicht anmerken zu lassen, wie da etwas in mir zerbrach.
Dann verschwand ich im Treppenhaus. Ein Schritt nach dem nächsten. Ein Fuß vor den anderen und Stufe für Stufe. Eine Stimme in mir flüsterte mir zu, dass ich nicht so leicht hätte aufgeben sollen. Dass ich Isaac zur Seite schieben und Paul mit seinem Verhalten hätte konfrontieren müssen.
Letzten Monat noch hatte er mir versprochen, nicht zu gehen und bei mir zu bleiben, denn er kannte meine größte Angst, mein Herz an andere Menschen zu hängen und dann verlassen zu werden. Und ich hatte ihm geglaubt. Er hatte mich öfter festgehalten, als ich zählen konnte – in seinen Armen, wo ich nicht auseinanderfallen konnte. Ich hatte um Paul kämpfen müssen, weil er nicht hatte verstehen wollen, dass man kaputt sein und trotzdem lieben konnte. Und dass er das war, was ich wollte. Das, was ich brauchte.
Sag ihr einfach, dass sie verschwinden soll, hallten seine Worte überall in mir wider. Ich war ein Kompass ohne Norden, eine Kriegerin, die nicht wusste, welchen Kampf sie eigentlich ausfocht.
Als ich aus dem Wohnheim in die Sonne trat, fühlte es sich so an, als wäre das alles, was Paul und ich jemals sein würden: ein unvollendeter Satz, eine halb geschriebene Geschichte, fertig erzählt und doch ohne Ende.