Über das Buch

#perfectisnothappy

Gestatten: Livie. Ehrgeizig, zielstrebig, erfolgreich, kontrolliert. Vielleicht ein bisschen zu kontrolliert. Denn im Gegensatz zu ihrer Schwester hat man ihr nicht einmal den tragischen Unfalltod ihrer Eltern so richtig angemerkt. Nun ruft das Studium in Princeton. Womit Livie zu Semesterbeginn allerdings nicht gerechnet hat, sind die vielen aufregenden Partys. Und dieser arrogante, aber leider auch umwerfend attraktive Kapitän des Ruderteams, Ashton. Ihre Noten befinden sich bald im Sinkflug und die perfekte Fassade bekommt erste Risse. Was passiert wohl, wenn Livies Perfektionismus auf Kollisionskurs mit der Realität geht?

 

 

 

 

Für Lia und Sadie

Ihr allein bestimmt, wie ihr euer Leben lebt

 

Für Paul

Den perfekten Day Care Daddy

 

Für Stacey

Eine Agentin, wie man sie sich als Autorin
nur wünschen kann

 

 

 

 

Ich gehe fort.

Fort von den Stimmen, den lauten Vorwürfen, der Enttäuschung.

Fort von meiner Unehrlichkeit, meinen Fehlern, meinem Bedauern.

Fort von all dem, was ich sein soll und nicht sein kann.

Weil all das eine Lüge ist.

EINS

ZU PERFEKT

Juni

»Wenn du mich fragst, bist du krass im Arsch, Livie.«

Ich verschlucke mich so heftig an dem Bissen Cheesecake, den ich mir gerade in den Mund geschoben habe, dass die Krümel bis zur Terrassentür fliegen. Meine Schwester hat einen eigenartigen Sinn für Humor. »Das ist nicht witzig, Kacey.«

»Stimmt. Das ist überhaupt nicht witzig.«

Ihr sanfter Tonfall beunruhigt mich. Während ich mir die Kuchenkrümel vom Mund wische, mustere ich Kasey prüfend, kann in ihrem Gesicht aber keinerlei verräterische Anzeichen dafür entdecken, dass sie mich aufzieht. »Das hast du jetzt nicht ernst gemeint, oder? Inwiefern im Arsch?«

»Herzinfarktmäßig im Arsch.«

Panik steigt meine Kehle hoch. »Hast du wieder Drogen genommen?«

Sie reagiert auf die Frage mit einem finsteren Blick.

Aber ich bin noch nicht überzeugt. Ich beuge mich vor, um sie noch aufmerksamer anzuschauen und nach den Indizien zu suchen, die Drogenkonsumenten entlarven – erweiterte Pupillen, blutunterlaufene Augen. Zeichen, die ich schon mit zwölf Jahren deuten konnte. Nichts. Nur kristallklare, wache blaue Augen, die meinen Blick erwidern. Ich seufze erleichtert. Wenigstens haben wir es hier nicht mit einem Rückfall zu tun.

Ich gebe ein nervöses Lachen von mir, und weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, schiebe ich mir noch eine Gabel von dem Kuchen in den Mund, um Zeit zu schinden. Aber er schmeckt plötzlich bitter und pappig auf der Zunge. Ich muss mich förmlich zwingen, ihn runterzuschlucken.

»Du bist einfach zu perfekt, Livie«, sagt Kacey schließlich. »Bei allem, was du tust und sagst. Du bist über alles erhaben. Würde dir jemand ohne Grund eine kleben, würdest du dich entschuldigen. Du schaffst es ja noch nicht mal, mir Paroli zu bieten, wenn ich dir irgendwas Blödes an den Kopf knalle. Als wärst du total unfähig, wütend zu werden. Du könntest das uneheliche Kind von Mutter Teresa und Gandhi sein. Du bist …« Kacey hält inne, als suche sie nach den richtigen Worten, und entscheidet sich für: »… einfach zu perfekt, verdammte Scheiße!«

Ich zucke zusammen. Für Kacey ist fluchen so selbstverständlich wie atmen. Ich habe mich schon vor Jahren daran gewöhnt, trotzdem fühlt es sich in diesem Moment wie ein Boxhieb an.

»Ich würde mich nicht wundern, wenn du eines Tages platzt und dich in Amelia Dyer verwandelst.«

»In wen?«, frage ich stirnrunzelnd und schabe mit der Zunge die letzten mehligen Kuchenreste von meinem Gaumen.

Sie wedelt mit der Hand. »Ach, diese Frau aus London, die Hunderte von Babys umgebracht hat …«

»Kacey!« Ich funkle sie empört an.

Sie verdreht die Augen. »Egal. Darum geht es jetzt nicht. Sondern darum, dass Stayner sich bereit erklärt hat, mit dir zu sprechen.«

Diese Unterhaltung wird von Sekunde zu Sekunde absurder. »Was? Aber … Ich … Dr. Stayner?« Ihr auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisierter Therapeut? Meine Hände fangen an zu zittern. Hastig stelle ich meinen Kuchenteller auf einem Beistelltischchen ab, weil ich Angst habe, ihn sonst fallen zu lassen. Als Kacey ihn mir gereicht und vorgeschlagen hat, dass wir uns von unserer Terrasse aus den Sonnenuntergang von Miami Beach anschauen könnten, dachte ich noch, wie süß von ihr. Dabei hatte sie sich in ihrem Kopf diese absurde Idee einer vollkommen unnötigen Intervention zusammengesponnen. »Ich habe keine posttraumatische Belastungsstörung, Kacey.«

»Habe ich auch nicht behauptet.«

»Und was soll das dann?«

Statt es mir zu erklären, greift sie zu moralischer Erpressung. »Du bist mir was schuldig, Livie. Als du mich vor drei Jahren gebeten hast, eine stationäre Therapie zu machen, habe ich mich darauf eingelassen. Dir zuliebe. Ich wollte das gar nicht, aber …«

»Du hast sie gebraucht! Du warst total am Ende!« Was noch milde ausgedrückt ist. Nach dem durch Trunkenheit am Steuer verursachten Autounfall, bei dem unsere Eltern vor sieben Jahren getötet wurden, ist Kacey in einen selbstzerstörerischen Strudel aus Drogenexzessen, One-Night-Stands und blinder Wut geraten. Vor drei Jahren zog es ihr schließlich völlig den Boden unter den Füßen weg. Ich war mir sicher, sie für immer verloren zu haben.

Aber Dr. Stayner hat sie mir zurückgebracht.

»Ja, ich habe diese Therapie gebraucht«, gibt sie zu. »Und ich bitte dich auch nicht darum, dich stationär behandeln zu lassen. Ich möchte nur, dass du ans Telefon gehst, wenn Dr. Stayner dich anruft. Mir zuliebe, Livie.«

Das ist komplett absurd – geradezu irrsinnig –, aber daran, wie Kacey die Hände zu Fäusten ballt und auf ihrer Unterlippe kaut, erkenne ich, dass es ihr ernst ist. Dass sie sich aufrichtig Sorgen um mich macht. Ich schaue aufs Meer hinaus, wo die letzten Sonnenstrahlen über den Wellen tanzen, und denke darüber nach.

Über was um alles in der Welt sollte Dr. Stayner mit mir reden wollen? Ich bin eine Einserschülerin mit einer Princeton-Zulassung, die vorhat, Medizin zu studieren. Ich liebe Kinder und Tiere und alte Menschen. Ich hatte nie das Bedürfnis, einer Fliege die Flügel auszureißen oder sie unter einer Lupe zu rösten. Okay, ich stehe nicht gern im Mittelpunkt. In Gegenwart gut aussehender Typen neige ich zu heftigen Schweißausbrüchen. Und bei meinem ersten Date werde ich wahrscheinlich einen Schlaganfall bekommen. Falls ich mich nicht in einer Schweißpfütze auflöse, bevor irgendjemand überhaupt eine Chance hat, mich um ein Date zu bitten.

Aber daraus kann man ja wohl kaum schließen, dass ich kurz davor bin, mich in eine geistesgestörte Massenmörderin zu verwandeln, oder? Andererseits mag ich Dr. Stayner und habe trotz seiner etwas eigenwilligen Art großen Respekt vor ihm. Von mir aus unterhalte ich mich mal mit ihm, das wird sicher sowieso kein langes Gespräch …

»Na gut, dann telefoniere ich eben kurz mir ihm, wenn du darauf bestehst«, seufze ich und schiebe hinterher: »Aber vielleicht müssen wir uns mal über dieses Diplom in Psychologie unterhalten, auf das du hinarbeitest. Wenn wegen mir bei dir Alarmglocken schrillen, bin ich mir nicht sicher, ob du dauerhaft in dem Beruf Erfolg haben wirst.«

Kacey entspannt sich sichtlich und lässt sich mit einem glücklichen Lächeln in ihren Liegestuhl zurücksinken.

Und in dem Moment weiß ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe.

***

September

Manchmal trifft man im Leben eine Entscheidung und ertappt sich dabei, wie man anschließend an ihr zweifelt. Sehr sogar. Dabei ist es nicht unbedingt so, dass man sie bereuen würde. Man weiß, dass man wahrscheinlich die richtige Entscheidung getroffen hat und dass es wahrscheinlich zum eigenen Besten ist. Trotzdem verbringt man eine Menge Zeit damit, sich zu fragen, was zum Teufel man sich eigentlich dabei gedacht hat.

Ich frage mich immer noch, was mich geritten hat, diesem einen Telefonat zuzustimmen. Ich stelle mir diese Frage jeden Tag. Und ich stelle sie mir definitiv jetzt in diesem Moment.

»Ich habe nicht vorgeschlagen, die Hauptrolle in einem Girls-Gone-Wild-Video zu spielen, Livie.« Er hat bereits in diesen sanft-autoritären Tonfall umgeschaltet, den er zum Druckausüben benutzt.

»Woher soll ich das wissen? Vor drei Monaten haben Sie mir aufgetragen, mich mit einem Orang-Utan zu unterhalten.« Kein Scherz.

»Ist das schon drei Monate her? Wie geht es dem alten Jimmy?«

Ich schlucke einen schnippischen Kommentar hinunter und atme tief durch. »Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, Dr. Stayner.«

Tatsächlich könnte er nicht schlechter sein. Die Sonne scheint, die Luft ist warm und ich zerre gerade mit tausend anderen orientierungslosen Erstsemestern und aufgeregten Eltern meinen pinkfarbenen Rollkoffer sowie einen Kaktus quer über den malerischen Campus der Princeton University. Heute ist der Tag, an dem die Studierenden ihre Wohnheime beziehen, und mir ist immer noch schlecht von dem holprigen Flug hierher. Das Letzte, was ich in diesem Moment brauche, ist einer von Dr. Stayners Guerillataktik-Anrufen.

Aber was ich brauche beziehungsweise nicht brauche, tut hier offensichtlich nichts zur Sache …

»Nein, Livie. Vermutlich nicht. Vielleicht hättest du deine Therapiestunde mit mir rechtzeitig verlegen sollen, schließlich wusstest du, dass du heute nach New Jersey fliegst. Aber das hast du nicht«, hält er ruhig dagegen.

Ich schaue mich nach allen Seiten um, um mich zu vergewissern, dass niemand mithört, und zische: »Es gab nichts zu verlegen, weil ich keine Therapie bei Ihnen mache.«

Okay. Das stimmt vielleicht so nicht ganz.

Nachdem meine Schwester mich an jenem lauen Juniabend mit Cheesecake in einen Hinterhalt gelockt hatte, bekam ich gleich am nächsten Morgen einen Anruf von Dr. Stayner. Wie es für ihn typisch ist, begrüßte er mich nicht mit einem »Hallo, Livie« oder »Schön, dass wir uns mal wieder unterhalten«, sondern sagte bloß: »Wie ich gehört habe, bist du eine tickende Zeitbombe.«

Der Rest des Gesprächs verlief ziemlich angenehm. Wir plauderten über meine Erfolg versprechende akademische Karriere, mein nicht vorhandenes Liebesleben, meine Hoffnungen und Träume, meine Zukunftspläne. Wir sprachen auch einen Moment über meine Eltern, aber er biss sich nicht an dem Thema fest.

Ich weiß noch, dass ich lächelte, nachdem ich aufgelegt hatte. Ich war mir sicher, dass er Kacey berichten würde, dass mit mir alles in bester Ordnung sei und sie ihre Hexenjagd nach psychisch labilen Menschen woanders fortsetzen könnte.

Als am darauffolgenden Samstagmorgen um Punkt zehn erneut seine Chicagoer Nummer auf dem Display meines Handys erschien, war ich ziemlich überrascht. Aber ich ging ran. Und seitdem bin ich jeden Samstagmorgen um zehn Uhr rangegangen. Ich habe nie eine Rechnung oder eine Krankenakte oder das Behandlungszimmer eines Psychiaters von innen gesehen. Wir sind beide um das Wort »Therapie« herumgetänzelt, haben es aber nie ausgesprochen – bis jetzt. Vielleicht ist das der Grund, warum ich mich weigere, Dr. Stayner als das zu sehen, was er ist.

Mein Therapeut.

»In Ordnung, Livie. Dann lasse ich dich jetzt und wir setzen unseren Plausch nächsten Samstag fort.«

Ich verdrehe die Augen, erwidere aber nichts. Es würde zu nichts führen. Eher würde sich ein Maultier von mir über eine saftige Wiese zerren lassen.

»Trink zwischendurch mal einen Tequila. Mach Breakdance. Oder was immer ihr jungen Leute heutzutage während der Orientierungswoche so treibt. Es wird dir guttun.«

»Sie empfehlen mir, mich zu betrinken und beim Tanzen Knochenbrüche zu riskieren, um mein seelisches Gleichgewicht zu sichern?« Seit Dr. Stayners zweitem Anruf gab es praktisch keinen Zweifel mehr daran, dass er beschlossen hatte, meine extreme Schüchternheit zu »behandeln«, indem er mir jede Woche eine absurde, oft peinliche, aber letztlich immer harmlose Hausaufgabe mit auf den Weg gab. Er hat seine Vorgehensweise nie erklärt, hat sich nie dafür gerechtfertigt. Er erwartet einfach, dass ich die gestellten Aufgaben erledige. Was ich stets tue.

Vielleicht wäre das mal ein Grund, eine Therapie zu machen.

Das Verblüffende daran ist, dass es funktioniert. Die haarsträubenden Herausforderungen, vor die er mich in den vergangenen drei Monaten gestellt hat, haben tatsächlich dazu beigetragen, dass große Menschenmengen mich nicht mehr so nervös machen, dass ich meine innersten Gedanken und Gefühle nicht mehr unterdrücke und nicht mehr sofort aus sämtlichen Poren zu schwitzen anfange, sobald ein gut aussehender Mann den Raum betritt.

»Ich rede von Tequila, Livie. Nicht von Crystal Meth … Und nein, ich habe dir nicht empfohlen, dich zu betrinken, schließlich bist du erst achtzehn und ich bin Arzt. Das wäre höchst unprofessionell. Ich empfehle dir nur, auszugehen und Spaß zu haben wie ein ganz normales Mädchen!«

Ich seufze resigniert, muss dann aber trotzdem lächeln. »Tja. Ich war mal ein ganz normales Mädchen. Und dann sind Sie gekommen und haben eine Irre aus mir gemacht.«

Vom anderen Ende der Leitung schallt dröhnendes Lachen an mein Ohr. »Normal ist langweilig. Tequila, Livie. Er verwandelt Mauerblümchen in Schmetterlinge. Vielleicht lernst du ja sogar …«, er keucht übertrieben auf, »… einen Jungen kennen!«

»Ich muss jetzt wirklich Schluss machen.« Meine Wangen brennen, als ich die Stufen zu meinem überwältigenden, hogwartsmäßigen Studentenwohnheim hinaufgehe.

»Zieh in die Welt hinaus! Schaffe dir unvergessliche Erinnerungen. Das ist ein Freudentag für dich. Ein Triumph.« Auf einmal verschwindet der scherzhafte Unterton aus seiner Stimme und er klingt fast ein bisschen schroff. »Du solltest stolz auf dich sein.«

Ich lächle und bin froh darüber, dass er jetzt doch für einen Moment ernst geworden ist. »Das bin ich, Dr. Stayner. Trotzdem … danke.« Er spricht die Worte nicht aus, aber ich kann sie dennoch hören. Dein Vater wäre stolz auf dich.

»Und nicht vergessen …« Der scherzhafte Ton ist zurück.

Ich verdrehe die Augen. »Ja, ja. ›Girls Gone Wild‹, aber die halbwegs jugendfreie Version davon. Ich werde mich bemühen.« Ich höre ihn leise prusten, als ich das Gespräch beende.

ZWEI

JELL−O−SHOTS

Genau so muss sich Cinderella gefühlt haben …

Wenn sie auf einer College-Party an eine Wand gepresst und aus allen Richtungen von Betrunkenen angerempelt worden wäre, statt auf dem königlichen Ball anmutig über die Tanzfläche zu schweben.

Und wenn sie, statt in einem bezaubernden Ballkleid allen den Atem zu verschlagen, immer wieder verstohlen an ihrer Toga herumgezupft hätte, um dafür zu sorgen, dass alle primären und sekundären Geschlechtsteile bedeckt sind.

Und wenn sie statt einer guten Fee, die ihr jeden Wunsch erfüllt, eine große Schwester ohne jedes Schamgefühl gehabt hätte, die sie zwingt, Jell-O-Shots ohne Ende zu kippen.

Ja, ich fühle mich exakt wie Cinderella.

»Wir haben eine Abmachung!«, ruft Kacey über die laute Musik hinweg und reicht mir den nächsten kleinen Becher. Ich nehme ihn wortlos entgegen, lege den Kopf in den Nacken und lasse die glibberige orangefarbene Substanz meine Kehle hinuntergleiten. Tatsächlich muss ich zugeben, dass ich dieses Zeug großartig finde. Was ich meiner Schwester natürlich niemals auf die Nase binden würde. Ich habe es ihr noch nicht verziehen, dass sie mich durch Erpressung dazu gebracht hat, meinen ersten Abend als Studentin der Princeton University dafür zu nutzen, mich das allererste Mal in meinem Leben zu betrinken. Hätte ich mich geweigert, wäre sie in einem T-Shirt mit meinem Porträt und dem Spruch »Liberate Livie’s Libido« durch mein Wohnheim marschiert. Das war ihr voller Ernst. Sie hat sich dieses verdammte Shirt tatsächlich extra drucken lassen.

»Jetzt sei keine Spielverderberin, Livie. Ist doch ein Mordsspaß, oder?« Kacey reicht mir zwei weitere Shots. »Auch wenn wir Bettlaken tragen. Echt. Wer schmeißt denn bitte heutzutage noch Toga-Partys?«

Während sie weiterplappert, blende ich ihre Stimme aus und kippe nacheinander die beiden Shots hinunter. Wie viele sind das jetzt in der letzten Stunde gewesen? Ich fühle mich gerade ganz gut. Für meine Verhältnisse bin ich sogar entspannt. Andererseits bin ich noch nie betrunken gewesen, also was weiß ich schon? Allzu stark können diese Dinger jedenfalls nicht sein. Ist schließlich kein Tequila.

Verdammter Dr. Stayner! Ich hätte wissen müssen, dass er Kacey dazu anstiften würde, die Drecksarbeit für ihn zu erledigen. So hat er es schon den ganzen Sommer über gemacht. Natürlich habe ich keine stichhaltigen Beweise dafür, dass es heute Abend wieder so ist. Aber sollte Kacey heute Abend noch mit einer Flasche Tequila ankommen, weiß ich Bescheid.

Ich lehne mich seufzend an die kühle Wand und lasse den Blick über das Meer aus Köpfen wandern. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht mal so genau, wo wir eigentlich sind, außer dass wir uns auf einer rauschenden Party im großzügigen Untergeschoss eines Hauses unweit des Campusgeländes befinden. Einer extrem gut organisierten Party inklusive DJ, der dem riesigen Pulk von Leuten – manche tanzend, die meisten orientierungslos hin und her stolpernd – in der Mitte des großen Raums einheizt, und zuckenden Discolichtern. Man fühlt sich eher, als wäre man in einem Club statt auf einer Privatparty. Sämtliche Möbel, die wahrscheinlich normalerweise hier unten stehen, sind verschwunden – mit Ausnahme von ein paar Tischen, die sich entlang einer Wand reihen und als provisorische Bar dienen. Sie ist mit einem unerschöpflichen Vorrat an roten Plastikbechern für das unter den Tischen in Fässern lagernde Bier und diesen köstlichen Shots ausgestattet, die sich auf Tabletts drängen und von denen ich anscheinend nicht genug bekommen kann. Es müssen Hunderte sein. Tausende. Millionen!

Okay. Möglicherweise bin ich doch schon betrunken.

Als ein kleiner kurviger Körper an mir vorbeischwebt und mir mit flatternder Hand zuwinkt, muss ich lächeln. Er gehört Reagan, meiner neuen Zimmernachbarin und der einzigen anderen Person, mit der ich mich abgesehen von meiner Schwester bisher hier unterhalten habe. Die Zimmer in den Wohnheimen werden jedes Jahr per Losverfahren vergeben, und wer neu ist, weiß noch nicht mal, mit wem er es teilen wird. Aber obwohl wir uns erst heute kennengelernt haben, bin ich mir jetzt schon ziemlich sicher, dass ich Reagan mag. Sie ist ein extrovertiertes Energiebündel, das ohne Punkt und Komma redet und eine künstlerische Ader zu haben scheint. Sobald wir unsere Sachen in unser Zimmer geschafft hatten, bastelte sie für unsere Tür ein Schild, auf das sie mit verschnörkelten Buchstaben unsere Namen schrieb und das sie mit Herzchen und Blumenranken verzierte. Ich finde es total süß. Kacey findet, es schreit: »Lesbenpärchen«.

In der Sekunde, in der wir auf der Party ankamen, zog Reagan los und quatschte eine Gruppe von Typen an. Dafür, dass sie genau wie ich ein Freshman ist, kennt sie erstaunlich viele Leute. Hauptsächlich männliche Personen. Der Vorschlag hierherzukommen stammt von ihr; ich hatte eigentlich fest vor, auf eine der vielen Univeranstaltungen zu gehen, bis Kacey meine Pläne durchkreuzte. Es gibt anscheinend nicht viele Princeton-Studenten, die außerhalb des Campus wohnen, weshalb man sich diese Privatpartys auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

»Okay, Prinzessin. Trink das hier.« Kacey zaubert aus dem Nichts eine Flasche Wasser hervor. »Nicht dass du mir heute Nacht noch kotzen musst.«

Ich nehme die Flasche, lasse das herrliche kühle Wasser in meinen Mund fließen und stelle mir dabei vor, wie ich Kacey mit den Fajitas vollspucke, die ich zum Abendessen hatte. Würde ihr recht geschehen.

»Ach, komm schon, Livie! Jetzt hör endlich auf, sauer auf mich zu sein«, sagt sie mit diesem jammernden Unterton, der ein Zeichen dafür ist, dass sie sich schuldig fühlt. Worauf ich sofort anfange, mich schuldig zu fühlen, weil sie sich wegen mir schuldig fühlt …

Ich seufze schwer. »Ich bin nicht sauer. Ich verstehe bloß nicht, warum du so besessen von der Idee bist, mich betrunken zu machen.« Schließlich war es Trunkenheit am Steuer, die dazu geführt hat, dass unsere Eltern ums Leben kamen. Ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich mich bis jetzt immer von Alkohol ferngehalten habe. Kacey rührt das Zeug mittlerweile ebenfalls kaum noch an. Aber heute Abend scheint sie alles Versäumte nachholen zu wollen.

»Ich bin davon besessen, dafür zu sorgen, dass du Spaß hast und Leute kennenlernst. Das ist die Orientierungswoche für dein erstes Collegejahr. Ein einmaliges Erlebnis. Dazu gehören Massen von Alkohol und mindestens ein Morgen, den du mit dem Kopf in der Kloschüssel verbringst.« Ich verdrehe die Augen, aber sie lässt sich nicht aus dem Konzept bringen, sondern schlingt mir die Arme um den Hals und sieht mir fest in die Augen. »Livie. Du bist meine kleine Schwester und ich liebe dich. In den letzten sieben Jahren ist in deinem Leben nichts normal verlaufen. Heute Abend wirst du dich endlich mal wie eine ganz normale, unbekümmerte Achtzehnjährige amüsieren.«

»Mit achtzehn darf man noch keinen Alkohol trinken«, gebe ich zurück, auch wenn mir klar ist, dass dieses Argument bei meiner Schwester nicht zieht.

»Ach ja, da erinnerst du mich an etwas.« Ihre Hand verschwindet in den Falten ihrer Toga, um etwas aus der Tasche ihrer Shorts zu ziehen. Sie hält mir eine Plastikkarte hin, die wie ein Führerschein aussieht. »Deswegen bist du auch die einundzwanzigjährige Patricia aus Oklahoma, falls die Cops hier auftauchen.«

Ich hätte wissen müssen, dass meine Schwester an alles gedacht hat.

Als die Musik jetzt schneller wird, fängt mein Körper wie von selbst an, sich im Takt des treibenden Beats zu bewegen. »Ha! Jede Wette, dass du mich gleich auf die Tanzfläche zerrst!«, johlt Kacey und reicht mir zwei weitere Shots. Die wievielten? Ich habe den Überblick verloren, aber meine Zunge fühlt sich irgendwie merkwürdig an. Plötzlich zieht Kacey mich so dicht zu sich herunter, dass unsere Wangen sich berühren. »Okay, bist du bereit?« Sie hält ihr Handy eine Armlänge von uns weg und ruft »Cheeeeese!«, bevor der Blitz ausgelöst wird. »Für Stayner.«

Aha! Das ist der Beweis!

»Auf dich!« Kacey stößt ihren kleinen Becher an meinen, setzt ihn an die Lippen, wirft den Kopf in den Nacken und kippt den zweiten Becher direkt hinterher. »Oh! Da drüben gibt es Blaue! Bin gleich wieder da!« Wie ein Golden Retriever, der einem Eichhörnchen nachjagt, setzt Kacey einem Typen hinterher, der ein großes, rundes Tablett über der Schulter balanciert. Um sie herum verdrehen alle die Köpfe nach ihr. Mit ihrer roten Mähne, dem ausdrucksvollen Gesicht und ihren durchtrainierten Kurven zieht sie immer alle Blicke auf sich. Ich glaube, sie merkt es noch nicht einmal. Es ist ihr jedenfalls definitiv nicht unangenehm.

Ich schaue ihr seufzend hinterher. Klar, sie will mich um jeden Preis betrunken machen, aber ich weiß, dass es ihr nicht allein darum geht. Vor allem versucht sie mich von dem traurigen Aspekt abzulenken, den dieser Tag hat – nämlich, dass mein Dad ihn nicht erleben kann. Diesen ganz besonderen Tag, an dem ich mein Studium in Princeton beginne. Er hat immer davon geträumt. Dad war stolz auf seinen Abschluss und hat sich gewünscht, dass seine beiden Töchter eines Tages ebenfalls hier studieren. Kaceys Noten, die nach dem Unfall in den Keller sackten, haben es ihr nicht erlaubt. Also lebe ich jetzt seinen – und meinen – Traum, auch wenn er nicht mehr da ist, um daran teilzuhaben.

Ich atme tief durch und füge mich stumm in das, was auch immer das Schicksal – und mit Schicksal meine ich Jell-O-Shots – heute Abend für mich bereithält. Fest steht jedenfalls, dass ich mittlerweile viel weniger nervös bin als in dem Moment, in dem ich in diesen Raum getreten bin. Die flirrende Atmosphäre hier ist eigentlich ziemlich cool. Ich bin auf meiner ersten Studentenparty! Daran ist nichts falsch, sage ich mir, genauso wenig wie daran, dass ich hier bin und Spaß habe.

Einen Shot in der Hand schließe ich die Augen und spüre, wie die Bässe durch meinen Körper vibrieren. Lass los, lebe. Das sagt Dr. Stayner immer zu mir. Den Kopf in den Nacken gelegt, hebe ich den kleinen Becher an den Mund und drücke den unteren Teil etwas zusammen, um mit der Zunge nach dem wackelnden Teufelszeug zu angeln. Mittlerweile fühle ich mich schon wie ein Profi.

Was sich als pure Selbstüberschätzung herausstellt, weil es mich zu einem schweren Anfängerfehler verleitet hat – ich hätte niemals die Augen schließen dürfen.

Dann hätte ich vielleicht nicht den Eindruck vermittelt, total betrunken und damit leicht zu haben zu sein. Und ich hätte ihn kommen sehen.

Genau in dem Moment, in dem der herbe Orangengeschmack meine Zunge berührt, schlingt sich ein starker Arm um meine Taille und reißt mich von meiner Stabilität spendenden Wand weg. Während ich mit dem Rücken an eine fremde Brust gepresst werde, reiße ich die Augen auf und starre fassungslos auf den muskulösen Arm, der sich um meinen Körper windet. Einen Herzschlag später – allerdings nicht meinem, weil mein Herz seinen Dienst komplett eingestellt hat – schließt sich eine Hand um mein Kinn und den kleinen Becher an meinen Lippen und neigt meinen Kopf nach hinten. Mir weht der herbe Duft eines Eau de Cologne in die Nase und eine Millisekunde später beugt ein Typ seinen Kopf von hinten über meine Schulter, gleitet mit seiner Zunge über meine und umkreist sie einen Moment spielerisch, bevor er den Jell-O-Shot in seinen Mund saugt. Das Ganze passiert so schnell, dass ich weder denken noch rechtzeitig meine Zunge zurückziehen oder sonst irgendwie reagieren kann. Zum Beispiel, indem ich dem Eindringling die Zunge abbeiße.

Ich bleibe shot- und atemlos zurück und habe so wacklige Knie, dass ich mich an der Wand abstützen muss. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich meine Fassung zurückgewonnen habe, und als es so weit ist, registriert mein Gehirn zustimmendes Gejohle hinter mir. Ich wirble zu einer Horde großer, muskelbepackter Typen herum, deren Togen so ausgetüftelt drapiert sind, dass sie wohl definierte Oberkörper zur Schau stellen. Sie klatschen dem Typen Beifall und klopfen ihm auf den Rücken, als hätte er gerade irgendeine Meisterschaft gewonnen. Alles, was ich von ihm sehen kann, sind ein zerzauster Schopf welliger dunkler Haare und ein muskulöser Rücken.

Ich weiß nicht genau, wie lange ich so dastehe und ihn mit offenem Mund anstarre. Als einer der Typen aus der Gruppe es bemerkt, wirft er dem Jell-O-Räuber einen verstohlenen Blick zu und nickt in meine Richtung.

Was mache ich denn jetzt? Ich halte fieberhaft nach den leuchtend roten Haaren meiner Schwester Ausschau und versuche gleichzeitig, mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Verflucht, wo steckt sie? Sie kann mich doch nicht einfach so lange hier allein lassen und … Mein Atem stockt, als der Jell-O-Räuber sich langsam zu mir umdreht und mir direkt in die Augen sieht.

Die Zunge dieses Typen war in meinem Mund? Dieser Typ … dieser groß gewachsene, dunkelhaarige Adonis mit der olivfarben schimmernden Haut und einem Körper, dem selbst eine Blinde nicht widerstehen könnte … hatte seine Zunge in meinem Mund?

O Gott. Die Schweißausbrüche sind zurück! Das wochenlange Speed-Dating – umsonst! Ich spüre, wie mir eine feine Tröpfchenspur zwischen den Schulterblättern den Rücken hinunterrinnt, als seine kaffeebraunen Augen über meinen Körper wandern, bevor sie sich wieder auf mein Gesicht richten. Dann zieht er einen Mundwinkel leicht nach oben und grinst. »Nicht übel.«

Ich habe keine Ahnung, was ich gesagt hätte, wenn er mir Zeit gelassen hätte, etwas zu sagen. Aber er musste ja unbedingt diesen blöden Spruch von sich geben und mich so frech angrinsen …

Also hole ich aus und ramme ihm die Faust ans Kinn.

Bis zu diesem Moment habe ich erst einmal in meinem Leben jemanden geschlagen. Das Opfer war Trent, der Freund meiner Schwester, nachdem er ihr vorübergehend das Herz gebrochen hatte. Es dauerte zwei Wochen, bis meine Hand nicht mehr wehtat. Inzwischen hat Trent mir beigebracht, wie man richtig zuschlägt, nämlich indem man die Hand zur Faust ballt, den Daumen aber außen gegen die Knöchel drückt und das Handgelenk nach unten neigt.

Ich liebe Trent in diesem Moment von ganzem Herzen.

Lautes Gejohle ertönt, als der Jell-O-Räuber sich das Kinn reibt und den Kiefer hin- und herschiebt, um zu prüfen, ob noch alles funktioniert. Was für mich der Beweis ist, dass der Hieb schmerzhaft war. Wäre ich nicht so fassungslos darüber, dass dieser Typ mir gerade einen Zungenkuss aufgezwungen hat, hätte ich wahrscheinlich ein breites Grinsen im Gesicht. Er hat es verdient. Er hat mir nicht bloß meinen Shot geklaut – sondern meinen ersten Kuss!

Als er einen Schritt auf mich zutritt, weiche ich instinktiv zurück, bis ich wieder mit dem Rücken an der Wand stehe. Mit einem durchtriebenen Lächeln, als wüsste er, dass ich in der Falle sitze, und würde es genießen, stützt er rechts und links meines Gesichts die Hände an der Wand ab und nimmt mich mit der gesamten Präsenz seines hochgewachsenen, muskulösen Körpers in eine Art Geiselhaft. Auf einmal kann ich nicht mehr atmen und habe das Gefühl zu ersticken. Ich versuche, an ihm vorbei nach meiner Schwester Ausschau zu halten, aber alles, was ich sehe, sind feste Muskeln und olivfarbene Haut. Als ich schließlich einen Blick nach oben wage, begegnen mir funkelnde Augen, die so dunkel wie die Nacht sind. Ich schlucke und mein Magen schlägt mehrere Saltos.

»Mörderkinnhaken für jemanden, der so …« Er lässt eine Hand zu meinem Arm hinunterwandern und streicht mit dem Daumen über meinen Bizeps. »… weiblich ist.« Ein Schauder durchläuft mich und vor meinem inneren Auge blitzt das Bild eines zitternden Kaninchens auf, das von einem Wolf in die Enge getrieben wird. Er legt den Kopf schräg und betrachtet mich neugierig. »Du bist schüchtern … aber nicht zu schüchtern, um mir eine zu knallen.« Er hält kurz inne, bevor er mich wieder mit diesem frechen, leicht arroganten Grinsen ansieht. »Sorry, aber ich konnte nicht anders. Du hast ausgesehen, als gäbe es auf der Welt nichts Köstlicheres als diesen Shot. Ich musste ihn einfach probieren.«

Irgendwie gelingt es mir, die Arme zu heben und vor meiner Brust zu verschränken, um zwischen unseren Körpern einen kleinen Schutzwall zu errichten. »Und, wie hat er geschmeckt?«, frage ich mit zitternder Stimme.

Sein Grinsen wird breiter und sein Blick wandert zu meinem Mund, wo er so lange verharrt, dass ich nicht mehr damit rechne, eine Antwort zu bekommen. Doch dann fährt er sich mit der Zunge über die Lippen und raunt: »Absolut köstlich. Ich könnte noch einen zweiten vertragen. Bist du dabei?«

Unwillkürlich presse ich mich noch fester gegen die Wand und würde am liebsten mit ihr verschmelzen, um diesem Typen und seinen eindeutig zweideutigen Absichten zu entkommen.

»Okay, das reicht!« Eine Welle der Erleichterung durchflutet mich, als eine zierliche Hand zwischen uns auftaucht, sich auf die nackte Brust des Jell-O-Räubers legt und ihn wegschiebt. Er fügt sich und tritt langsam und mit erhobenen Händen ein paar Schritte zurück, bevor er sich umdreht und wieder zu seinen Freunden gesellt.

»Krasser Einstieg, Livie. Damit solltest du dir Stayner eine Weile vom Leib halten können«, sagt Kacey, die sich vor Lachen kaum halten kann. Sie lacht!

»Das ist nicht witzig, Kacey!«, zische ich. »Dieser Typ hat sich mir buchstäblich aufgezwungen

Sie verdreht die Augen, nickt dann aber. »Du hast recht«, sagt sie seufzend, dreht sich um und kneift ihn, ohne zu zögern, in den Arm. »Hey, du!«

»Hey! Scheiße was …?« Er wirbelt mit einem finsteren Blick zu uns herum und reibt sich den Arm. Als er Kaceys Blick sieht, der nicht weniger finster ist, oder besser gesagt, als er sieht, wie sie aussieht, entspannt er sich und setzt wieder sein dämliches Grinsen auf. Überraschung.

»Solltest du noch mal so eine Nummer mit ihr abziehen, schleiche ich mich nachts in dein Zimmer und reiße dir im Schlaf die Eier ab, kapiert?«, knurrt sie mit warnend erhobenem Zeigefinger. Die Drohungen meiner Schwester beinhalten fast immer Hodenverstümmelungen.

Der Jell-O-Räuber starrt sie einen Moment sprachlos an. Meine Schwester starrt unbeeindruckt zurück. Schließlich fängt er sich wieder und lässt den Blick zwischen uns beiden hin- und herwandern. »Seid ihr Schwestern? Ihr seht euch ähnlich.« Das bekommen wir ziemlich oft gesagt, wobei ich das selbst überhaupt nicht finde. Wir haben zwar dieselben blauen Augen und denselben hellen Teint. Aber meine Haare sind pechschwarz und ich bin größer als Kacey.

»Hübsch anzusehen und nicht auf den Kopf gefallen. Da hast du dir ja einen echten Hauptgewinn an Land gezogen, Livie!«, sagt Kacey so laut, dass auch er es hören kann.

Er grinst wieder frech und zieht vielsagend eine Braue hoch. »Zwei Schwestern hatte ich noch nie …«

Oh. Mein. Gott.

»Wirst du auch nie. Jedenfalls nicht diese zwei Schwestern.«

Er zuckt mit den Schultern. »Muss ja nicht unbedingt gleichzeitig sein.«

»Vergiss es. Wenn meine kleine Schwester das erste Mal flachgelegt wird, dann garantiert nicht von dir.«

»Kacey!« Ich werfe ihm einen panischen Blick zu und bete, dass die laute Musik ihre Worte übertönt hat. Aber als ich den überraschten Ausdruck auf seinem Gesicht sehe, weiß ich, dass mein Gebet nicht erhört wurde.

Ich packe Kacey am Arm und ziehe sie hinter mir her. »Gott, Livie, das tut mir so leid«, entschuldigt sie sich reumütig. »Ich glaube, ich bin betrunken, und wenn ich betrunken bin, rede ich, ohne nachzudenken, und …«

»Ist dir klar, was du gerade getan hast?«

»Dir eine riesige Zielscheibe auf den Rücken gemalt, in deren Mitte dick und fett Jungfrau steht?«, gibt Kacey zerknirscht zurück.

Ich schaue verstohlen über die Schulter und sehe, dass er wieder bei seinen Freunden steht und in sich hineinlächelnd an seinem Bier nippt. Aber seine dunklen Augen sind nach wie vor auf mich geheftet. Als unsere Blicke sich begegnen, nimmt er einem seiner Freunde den Shot-Becher aus der Hand, hebt ihn an seine Lippen und lässt aufreizend langsam die Zunge über den Rand gleiten, wobei er mich mit hochgezogener Braue ansieht und etwas sagt, das aussieht wie: »Und jetzt du?«

Ich schaue hastig weg und funkle stattdessen wieder meine Schwester an. »Ich hätte dich einfach dieses verdammte T-Shirt anziehen lassen sollen!« Gut möglich, dass ich in manchen Lebensbereichen naiv und unerfahren bin, aber ich weiß sehr wohl, dass die Entdeckung einer achtzehnjährigen Jungfrau für Typen wie ihn wie der Fund eines sagenumwobenen Goldschatzes am Ende des Regenbogens ist.

»Tut mir echt leid …« Sie schaut zu ihm zurück. »Aber du musst zugeben, dass er ziemlich heiß ist. Er sieht wie ein exotisches Unterwäschemodel aus. Da gäbe es am Morgen danach definitiv kein hässliches Erwachen.«

Ich seufze. Keine Ahnung, warum Kacey so versessen darauf ist, dass ich meine Unschuld verliere. Jahrelang hat sie mich in Ruhe gelassen. Sie schien sogar froh darüber zu sein, dass ich während der Highschool nie irgendwelche Dates hatte. Aber in letzter Zeit ist sie wie getrieben von der fixen Idee, ich würde meine Sexualität unterdrücken. Allmählich fange ich ernsthaft an mir zu wünschen, sie hätte sich niemals dazu entschieden, Psychologie zu studieren.

»Schau ihn dir doch nur an!«

»Ganz bestimmt nicht«, entgegne ich stur.

»Wie du willst.« Sie schnappt sich vier Shots von einem Tablett, das ein untersetzter Typ in einem Kilt – ein Kilt? Auf einer Toga-Party? – gerade an uns vorbeiträgt. »Aber wenn du irgendwann vorhast, dich entjungfern zu lassen … mit ihm würde es bestimmt zu einem unvergesslichen Erlebnis werden. Ich wette, er würde dich auf allen Gebieten, die du in den letzten Jahren vernachlässigt hast, schnell auf den neusten Stand bringen.«

»Einschließlich Erfahrungen mit Tripper und Filzläusen?« Ich starre auf die zwei blauen Shots in meiner Hand und bin froh, dass es so dunkel ist und niemand meine brennenden Wangen sehen kann. Als ich einen von ihnen wie vorhin an die Lippen setze und die Zunge darübergleiten lasse, erlebe ich im Geist noch einmal diese … ich weigere mich, es als meinen ersten Kuss zu betrachten … diese Sache, die er mit mir gemacht hat.

»Hoch die Tassen!« Kacey schluckt kurz hintereinander ihre beiden Shots hinunter.

Bei meinem ersten mache ich es so wie sie. Als ich den zweiten an den Mund hebe, bin ich so dämlich, einen Blick in seine Richtung zu riskieren, davon überzeugt, dass er bereits zu einem anderen nichts ahnenden Opfer weitergezogen ist. Ist er aber nicht. Er steht noch an derselben Stelle und ist von ein paar Mädchen umringt, von denen eine die Hand auf das Tattoo auf seiner Brust gelegt hat. Aber er sieht mich immer noch an. Hat immer noch ein Lächeln im Gesicht. Nur dass es jetzt ein abgründiges Lächeln ist, so als … als wüsste er ein Geheimnis.

Ich schätze, das tut er auch. Mein Geheimnis.

Ein nervöses Kribbeln breitet sich in mir aus, während der Becher wie festgefroren an meinem Mund sitzt.

»Das ist Ashton Henley!«, schreit mir jemand ins Ohr. Ich fahre erschrocken herum und sehe Reagan neben mir stehen, in der einen Hand ein Bier und in der anderen einen Shot. Sie muss sich auf die Zehenspitzen stellen, um an mein Ohr zu kommen.

»Woher kennst du ihn?«, frage ich ertappt.

»Er ist der Kapitän der Rudermannschaft. Mein Dad ist der Coach«, antwortet sie mit schon etwas schwerer Zunge und macht eine ausholende Geste. »Ich kenne ziemlich viele von den Typen hier.« Das erklärt die Entspanntheit, mit der sie sich auf der Party bewegt. »Und ich glaube, der Kapitän hat es auf meine neue Mitbewohnerin abgesehen«, schiebt sie frech zwinkernd hinterher.

Ich zucke mit den Schultern und versuche ihr mit einem verhaltenen Lächeln deutlich zu machen, dass ich gern das Thema wechseln würde. Nicht dass er noch bemerkt, dass wir über ihn reden. Diese Genugtuung gönne ich ihm nicht. Aber als ich mich umschaue und die Blicke bemerke, die ihm die in Grüppchen zusammenstehenden Studentinnen zuwerfen – manche verstohlen, andere völlig ungeniert –, bin ich mir sicher, dass es diesem Ashton sowieso nie an Aufmerksamkeit mangelt.

Was Reagan eine Sekunde später bestätigt. »Er ist der mit Abstand heißeste Typ an der Uni.« Sie nimmt einen Schluck von ihrem Bier. »Und ein Riesenarschloch.«

»So viel habe ich schon mitbekommen«, murmle ich leise, kippe meinen Shot hinunter, drehe ihm den Rücken zu und hoffe, dass er seinen Raubtierblick auf ein willigeres Opfer lenkt.

»Er hat einen ziemlich üblen Ruf als Fuckboy. Total schwanzgesteuert.«

Das wird ja immer besser. »Es fällt ihm bestimmt nicht schwer, jemanden zu finden, mit dem er … seinem Ruf gerecht werden kann.« Und dieser Jemand werde definitiv nicht ich sein.

Ich weiß nicht so genau, ob ich jetzt ganz offiziell betrunken bin oder ob Kacey plötzlich zaubern kann, jedenfalls wirbelt sie einmal im Kreis und drückt mir anschließend wie aus dem Nichts zwei weitere Shots in die Hand. Die Musik ist wieder schneller geworden und meine Hüften entwickeln plötzlich ein Eigenleben und fangen an sich im Takt hin- und herzuwiegen.

»Megaparty, oder?«, schreit Reagan. Ihre glatten honigblonden Haare fliegen in alle Richtungen, als sie mit erhobenen Armen auf und ab hüpft und laut »Wooohooo!« kreischt. Sie muss über unerschöpfliche Energievorräte verfügen. Wie diese hyperaktiven Kinder, denen man Ritalin verabreicht. »Die Leute, die Wahnsinnsstimmung, die Musik. Mehr Spaß geht nicht!«

Ich schaue mich lächelnd um und nicke. Sie hat recht, die Party ist wirklich cool. »Ich bin froh, dass ich mitgekommen bin!«, schreie ich zurück, dann stupse ich Kacey mit der Schulter an und hebe warnend einen Finger. »Aber halte mir bitte für den restlichen Abend Typen wie diesen Ashton vom Hals.«

Kacey hängt sich lachend bei mir ein und schlingt den anderen Arm um Reagan, die sich vergnügt mitziehen lässt. »Keine Sorge, kleine Schwester. Heute Abend feiert Princeton nach Art der Clearys.«

Ich kichere und lasse mich von ihrer Euphorie anstecken, die vorübergehend alles andere ausblendet. »Ich habe keine Ahnung, was das überhaupt bedeutet.«

»Das wirst du schon noch herausfinden«, antwortet meine Schwester mit ihrem berüchtigten teuflischen Grinsen.