
Aus dem Amerikanischen von Susanne Picard

Impressum
Die amerikanische Originalausgabe Without Warning
erschien 2017 im Verlag Tyndale House Publishers.
Copyright © 2017 by Joel C. Rosenberg
Copyright © dieser Ausgabe 2019 by Festa Verlag, Leipzig
Lektorat: Alexander Rösch
Titelbild: Arndt Drechsler
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-86552-734-9
www.Festa-Verlag.de
www.Festa-Action.de

Die Charaktere
Journalisten
J. B. Collins — Auslandskorrespondent für die New York Times
Allen MacDonald — Auslandsredakteur der New York Times
Bill Sanders — Chef des New York Times-Büros in Kairo
Amerikaner
Harrison Taylor — Präsident der Vereinigten Staaten
Martin Holbrooke — Vizepräsident der Vereinigten Staaten
Margaret Taylor — First Lady der Vereinigten Staaten
Carl Hughes — Interimsdirektor der Central Intelligence Agency
Robert Khachigian — ehemaliger Direktor der CIA
Paul Pritchard — ehemaliger Leiter des CIA-Büros in Damaskus
Lawrence Beck — Direktor des Federal Bureau of Investigation
Arthur Harris — Spezialagent des FBI
Matthew Collins — J. B.s älterer Bruder
Lincoln Sullivan — Anwalt
Steve Sullivan — Anwalt und Enkel von Lincoln
Jordanier
König Abdullah II. — Oberhaupt des Haschemitischen Königreichs Jordanien
Israelis
Yuval Eitan — israelischer Premierminister
Ari Shalit — stellvertretender Direktor des Mossad
Yael Katzir — Mossad-Agentin
Ägypter
Wahid Mahfouz — Präsident von Ägypten
Amr El-Badawy — General und Kommandant der ägyptischen Streitkräfte
Walid Hussam — ehemaliger Chef des ägyptischen Geheimdienstes
Terroristen
Abu Khalif — Abu Khalif, Anführer des Islamischen Staates im Irak und Syrien (IS)
Tarik Baqouba — Kommandant der IS-Milizen in Syrien und Stellvertreter Jamal Ramzis
Weitere Personen
Prinz Mohammed — Direktor des Geheimdienstes der
bin Zayid — Vereinigten Arabischen Emirate
Dr. Abdul Aziz — emeritierter Professor und Mentor
Al-Siddig — von Abu Khalif
Was bisher geschah
Die Kamera fokussierte sich auf den US-Präsidenten. Wie auf Kommando sprach er direkt in die Kamera.
»Mein Name ist Harrison Beresford Taylor«, begann er langsam und betonte dabei jedes einzelne Wort. Er zuckte mehrfach zusammen, als hätte er Schmerzen. Arabische Untertitel wurden eingeblendet, während er weitersprach. »Ich bin der 45. Präsident der Vereinigten Staaten und wurde vom Islamischen Staat am 5. Dezember in Amman gefangen genommen. Ich werde vom IS an einem Ort festgehalten, der mir nicht bekannt ist, aber ich kann sagen … ehrlich sagen … also ehrlich sagen, dass ich gut behandelt werde und dass man mir die Möglichkeit gegeben hat, dem Islamischen Staat bai’ah, also Gefolgschaft zu schwören. Ich bitte meine amerikanischen Mitbürger, einschließlich all meiner Kollegen in Washington, dem Emir zuzuhören. … Gut zuzuhören, meine ich, gut zuzuhören und seinen Anweisungen zu folgen. Den Bedingungen, die er für meine sichere und zeitnahe Rückkehr nennen wird.«
Kaum hatte Taylor geendet, schwenkte die Kamera zurück auf Abu Khalif, den Emir des Islamischen Staates. »Allah hat diesen Ungläubigen in unsere Hand gegeben«, fuhr er auf Arabisch fort. »O ihr Muslime überall, frohe Kunde bringe ich euch! Haltet den Kopf erhoben, denn heute, Allah sei Dank, scheint das Licht seiner Gnade über euch. Auch habt ihr nun einen Staat und ein Kalifat, das euch eure Würde zurückgibt, eure Macht, eure Rechte und Führung. Lob und Dank sei Allah. So kommt denn in Scharen, Brüder, in euren Staat. Denn dies ist euer Staat. Kommt, denn Syrien gehört nicht den Syrern, Irak nicht den Irakern und Jordanien nicht den Jordaniern. Die Erde gehört Allah allein.
Besonders euch rufe ich, euch Soldaten des Islamischen Staates rufe ich. Lasst euch von der Überzahl eurer Feinde nicht abschrecken. Denn Allah ist mit euch. Ich an eurer Stelle würde mich nicht vor ihrer Überzahl fürchten, nicht vor Bedürftigkeit oder Armut, denn Allah hat eurem Propheten, Friede sei mit ihm, versprochen, dass ihr nicht hungers sterben werdet. Euer Feind wird euch weder erobern noch eure Grenzen durchbrechen, um euer Land zu stehlen. Ich habe euch im Namen Allahs versprochen, dass wir den amerikanischen Präsidenten ergreifen werden, und ich habe mein Wort gehalten. Auch der König von Jordanien wird sich bald in unserer Hand befinden, genau wie alle ungläubigen Anführer dieser Region und alle römischen Bestien. Die alten Prophezeiungen verkünden uns, dass das Ende aller Tage gekommen ist und mit ihm der Tag, an dem Gericht über alle gehalten wird, die nicht das Knie vor Allah und seinen Befehlshabern auf Erden beugen.«
Jetzt wandte Khalif sich nach rechts und die Kamera nahm ihn aus einem anderen Blickwinkel auf. Hinter ihm geriet eine im Schatten liegende Steinwand in Sicht. Er sprach auf Englisch weiter.
»Ich wende mich nunmehr direkt an Präsident Holbrooke, den neuen Anführer Roms. Furchtsam und zitternd, schwach und unbeständig. Sie und die Ungläubigen, die Sie anführen, haben den rechten Pfad verlassen. Sie haben die Wahl zwischen drei Möglichkeiten: Sie treten zum Islam über, entrichten die jizya-Steuer, die der Koran für die Religionen der Schriftbesitzer vorsieht, oder Sie sterben. Zwischen diesen drei Möglichkeiten können Sie wählen, aber das müssen Sie sofort tun. Sie müssen Ihr Schicksal wählen, und zwar schnell. Wenn Sie und Ihr Land sich entschließen, zum Islam überzutreten, müssen Sie diesen Entschluss in einer Rede an den Rest der Welt verkünden, und zwar genau in der Sprache und unter den Bedingungen der islamischen Scharia. Allah wird Sie segnen und Sie werden Frieden mit dem Kalifat schließen. Wenn Sie sich dafür entscheiden, die jizya zu zahlen, haben Sie 1000 US-Dollar für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind zu entrichten, die in den Vereinigten Staaten von Amerika leben. Sollten Sie es nicht tun oder gar aggressive Schritte gegen mich oder das Kalifat einleiten, zeigt unser nächstes Video, wie Ihr geliebter Präsident bei lebendigem Leibe verbrannt oder geköpft wird. Vom Augenblick dieser Übertragung an bleiben Ihnen 48 Stunden, keine Minute mehr.«
TEIL EINS
1
Weißes Haus
Washington, D. C.
Dienstag, 15. Februar
Ich hatte das Oval Office bisher nie betreten.
Meinen ersten Besuch hatte ich mir immer anders vorgestellt.
In dem Augenblick, in dem ich die Schwelle zum am besten gesicherten Raum des Planeten überschritt, war nichts von einer angespannten Atmosphäre zu spüren. Aber das würde noch kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche. Ich würde dafür sorgen. Und wenn ich es tat, war mein Schicksal wohl besiegelt.
Zuerst benahmen der Präsident und ich uns vorbildlich. Soweit es ihn betraf, waren unsere vergangenen Meinungsverschiedenheiten bereits vergessen. Ja, in Amman war er von einem Feind getäuscht worden, den er weder verstand noch hatte kommen sehen. Aber in seinen Augen reichte seine erfolgreiche Befreiung offenbar aus, um das Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen. Folgerichtig war er nun ganz in seinem Element. Am heutigen Abend würde er sich mit einer live übertragenen Rede vor dem Kongress an die Nation und die Weltöffentlichkeit wenden. Er stand auf dem Gipfel des Erfolgs, seine Umfragewerte überschlugen sich, politische Gegner rangen um eine angemessene Reaktion. Er wirkte entschlossen, dem amerikanischen Volk den Frieden, den Wohlstand und die Sicherheit zu bescheren, nach denen es sich so sehnte.
Präsident Taylor winkte mich heran und bedeutete mir, Platz zu nehmen, bevor er sich selbst auf den Stuhl hinter seinem Arbeitstisch setzte. Man hatte das Möbelstück aus den Planken des britischen Segelschiffs HMS Resolute gefertigt, das 1854 gefangen im Packeis des Polarmeers von der Besatzung aufgegeben worden war. Er öffnete eine schwarze Mappe mit eingeprägtem präsidialen Siegel. Dann griff er zu einem teuren Füller von Montblanc und führte zu seiner Entschuldigung an, er müsse noch einige kleine Änderungen an seiner Rede vornehmen, bevor wir in den Fahrzeugkonvoi stiegen, der uns zum Kapitol brachte.
Meine Anspannung wuchs mit jedem weiteren Augenblick. In weniger als einer Stunde würde Harrison Beresford Taylor, der 45. Präsident der Vereinigten Staaten, seinen jährlichen Bericht vor dem Parlament abliefern. Er würde unmissverständlich feststellen, wie bei jeder Ansprache zuvor, dass die »Lage der Nation besser nicht sein könnte«.
Doch nichts lag weiter von der Wahrheit entfernt.
Ich hielt es nicht länger aus. Es wurde Zeit, den Grund meines Kommens zu erklären.
»Mr. President, ich weiß es sehr zu schätzen, dass Sie mich eingeladen haben. Ich weiß, dass Sie derzeit viele Probleme haben. Aber ich muss Sie das fragen, und zwar nicht als Reporter: Haben Sie Pläne, Abu Khalif zu töten, oder nicht?«
Eine einfache und direkte Frage. Aber sobald ich sie gestellt hatte, wurde mir klar, dass Taylor es vermeiden würde, eine direkte und klare Antwort zu geben.
»Ich glaube, Sie werden mit meiner Rede heute Abend sehr zufrieden sein, Collins.« Er lehnte sich im schwarzen Ledersessel zurück.
»Warum?«
Er lächelte. »Vertrauen Sie mir.«
»Das liegt nicht gerade in meiner Natur, Sir.«
»Nun, versuchen Sie es.«
»Mr. President, werden Sie dem amerikanischen Volk Pläne vorlegen, um den Emir des Islamischen Staates auszuschalten?«
»Sehen Sie, Collins, nur für den Fall, dass Sie es nicht bemerkt haben: In den letzten beiden Monaten haben wir den IS vernichtend geschlagen. Wir haben all seine Anführer im Visier, auch den Emir. Wir haben mehr Drohnen eingesetzt als je zuvor und allein in den letzten sechs Wochen 23 wichtige Ziele ausgelöscht. Geht es so schnell voran, wie ich es mir wünsche? Nein, und ich sitze den Joint Chiefs deswegen durchaus im Nacken. Aber Sie müssen Geduld haben. Wir machen große Fortschritte und werden es schaffen. Sie werden schon sehen.«
»Mr. President, bei allem Respekt, wie können Sie behaupten, dass wir Fortschritte machen?«, erwiderte ich gereizt. »Abu Khalif arbeitet mit aller Gewalt auf einen Genozid hin. Während wir uns unterhalten, schlachtet er Muslime, Christen, Jesiden und überhaupt alle ab, die sich ihm in den Weg stellen. Er köpft sie, kreuzigt und versklavt sie, Männer, Frauen und Kinder. Täglich treffen neue Berichte über unaussprechliche Grausamkeiten ein, es wird immer schlimmer. Er hat Ihre und meine Freunde ermordet, er hat Sie gefangen gehalten. Wenn wir nicht im richtigen Augenblick aufgetaucht wären, hätte er zur Machete gegriffen und Ihnen persönlich den Kopf abgesäbelt. Oder Sie in einen Käfig gesteckt und bei lebendigem Leib verbrannt. Dann hätte er wahrscheinlich das Video auf YouTube hochgeladen, damit alle Welt es sehen kann.«
»Und jetzt haben wir ihn in die Flucht geschlagen«, gab Taylor zurück. »Wir jagen ihre Ölfelder in die Luft und erobern ihre Territorien. Wir verhindern, dass sie Geld auf ihre Konten in aller Welt transferieren. Wir blockieren ihre Social-Media-Accounts und schneiden ihre Kommunikation ab.«
»Aber das reicht nicht, Mr. President.« Ich blieb hartnäckig. »Nicht wenn Sie auf einen direkten Angriff auf den Emir verzichten. Sie treffen seine Leute und sein Geld, Sir, aber die Schlange ist erst tot, wenn man ihr den Kopf abschneidet. Also muss ich meine Frage wiederholen: Haben Sie ein Präsidialdekret erlassen, das die Ausschaltung von Abu Khalif vorsieht, oder nicht?«
2
Der Präsident beugte sich vor und starrte mich erbost an.
»Ich war dort, Collins. In diesem Käfig. Bei diesen Kindern. Jede Nacht habe ich Albträume mit ihren Gesichtern. Jeden Morgen höre ich selbst hier in den Korridoren des Weißen Hauses ihre Schreie. Tun Sie also nicht so, als wäre ich untätig. Sie wissen sehr wohl, dass das nicht stimmt. Ich liege nicht auf der faulen Haut. Ich habe dafür gesorgt, dass US-Soldaten wieder im Irak stationiert wurden, was bedeutet, dass die USA dort erneut Krieg führen, und zwar gegen den Willen meiner Partei und eines Großteils meines Kabinetts. Meine Wähler sind wütend, aber ich habe es trotzdem veranlasst, weil ich es für das Richtige hielt. Und wir gewinnen. Wir schalten den IS aus, schneiden ihn vom Nachschub ab und erobern das Land zurück. Die IS-Milizen wurden in die Flucht geschlagen. Was wollen Sie denn noch?«
»Ganz einfach. Abu Khalifs Kopf.«
»Das ist eben nicht so einfach, Collins.«
»Mr. President, begreifen Sie überhaupt, wer dieser Mann ist, was er vorhat und wie weit er dafür gehen wird?«
»Ob ich das begreife?« Taylor sprang wütend auf. »Sie fragen mich allen Ernstes, ob ich verstehe, mit wem wir es zu tun haben?«
»Sir, das ist nicht Saddam Hussein, auch nicht bin Laden oder Zawahiri oder Zarkawi. Abu Khalif ist anders als alle, denen wir je gegenüberstanden. Es handelt sich um einen Mann, der glaubt, Allah habe ihn auserkoren, um das Ende der Welt herbeizuführen. Er würde nicht mal vor einem Genozid zurückschrecken, um seinen Messias herbeizurufen und ein globales Kalifat zu errichten.«
Taylor kochte vor Wut. Aber ich war noch nicht fertig.
»Und er wird herkommen, Mr. President. Hierher, nach Amerika. In unsere Straßen, das hat er selbst so formuliert. Er hat geschworen, Sie und so viele Amerikaner wie möglich zu töten, und das wird er auch tun. Es sei denn, Sie töten ihn zuerst.«
Taylor schüttelte angewidert den Kopf und trat ans Fenster. Er blickte hinaus auf den Rosengarten, der sanft von Schneeflocken berieselt wurde.
Ich stand ebenfalls auf.
»Sie sind ein Mistkerl, Collins, wissen Sie das? Atmen Sie mal tief durch, beruhigen Sie sich und zeigen Sie ein wenig Vertrauen in die Streitkräfte der Vereinigten Staaten und ihre Kommandanten. Wir gewinnen diesen Krieg. Der Feind ist in die Flucht geschlagen und wir werden ihn nicht entkommen lassen.«
»Mr. President, ich habe gesehen, wie Abu Khalif zwei Männer enthauptete. Ich wurde Zeuge, wie er Saringas an Gefangenen testete, die daraufhin einen qualvollen und schrecklichen Tod starben. Ich habe ihm in die Augen gesehen und weiß, wer er ist. Und er hat mir genau erklärt, wozu er bereit ist.«
Taylor antwortete nicht. Er schielte kurz auf die Uhr und starrte stumm aus dem Fenster in die kalte Nacht, die sich über die Hauptstadt gesenkt hatte.
»Schauen Sie, Mr. President. Ich weiß, Sie haben sich gegen Ihre Partei gestellt, gegen Ihr Kabinett, ja, Sie haben sogar Ihre Wahlversprechen gebrochen, indem Sie US-Streitkräfte wieder im Irak stationierten. Ich sage nicht, dass Sie auf der faulen Haut liegen. Sie wollen gewinnen, das erkenne ich durchaus. Aber, Sir, unterschätzen Sie diesen Mann nicht. Abu Khalif hat bisher jede seiner Drohungen wahr gemacht. Wie oft hat er bereits mit seinen erfahrenen, trainierten und in Schlachten gestählten Dschihadisten geprahlt, die mit amerikanischen Pässen in die USA eingereist sind? Mit Kämpfern, die im Stillen über unsere Grenze geschlüpft und in der Gesellschaft untergetaucht sind, um auf Kommando jederzeit zuzuschlagen? Er wird zu uns kommen, Mr. President, und wenn Sie ihn nicht aufhalten, steht uns ein Blutbad bevor.«
Bei diesen Worten drehte Taylor sich zu mir um. »Glauben Sie, dass mir das nicht bewusst ist, Collins? Sind Sie tatsächlich so arrogant?«
»Dann sagen Sie mir, dass Sie einen Erlass unterschrieben haben, um den Emir des IS gefangen zu nehmen; ganz egal, was es kostet oder wo er sich aufhält. Wenn Sie mir das bestätigen, halte ich den Mund.«
»Ich werde Sie nicht in Details meiner Amtsführung einweihen, Collins. Vergessen Sie nicht, wer Sie sind. Ein Reporter der New York Times.«
»Das ist also ein Nein.«
»Hören Sie auf mit Ihren Spielchen, Collins, und verdrehen Sie mir nicht die Worte im Mund. Ich habe nichts dementiert. Ich sage nur, dass ich mich dazu nicht äußern werde. Jedenfalls nicht Ihnen gegenüber.«
»Unter der Hand?«
»Netter Versuch. Diese ganze Unterhaltung ist unter der Hand.«
»Aber …«
»Wie oft muss ich es noch sagen, Collins? Mir ist klar, worauf Sie hinauswollen. Abu Khalif ist ein Krimineller, ein kaltblütiger Killer. Er ist das Gesicht des IS, da haben Sie recht. Aber Sie nehmen ihn zu ernst. Er ist auch nur ein Mensch, und wir werden ihn finden und auslöschen. Machen Sie sich nichts vor, damit ist die Sache nicht vorbei. Auf ihn wird ein anderer Krimineller folgen, nach diesem ein weiterer. Und die werden wir auch finden und neutralisieren. Aber ich werde meine Regierung nicht durch die Jagd nach einem einzelnen Verbrecher lähmen. Wir werden die gesamte Führungsriege des IS ausfindig machen, ihre Infrastruktur zerstören und ihr Vermögen beschlagnahmen. Systematisch, einen nach dem anderen, bis wir es geschafft haben und es vorbei ist.
Eins müssen Sie begreifen, Collins: Der IS stellt eine Bedrohung dar, allerdings keine existenzielle Bedrohung für die USA. Sie können uns nicht zerstören oder vernichten. Mir ist das Gerede über ein weltweites Kalifat gleichgültig. Es wird nie so weit kommen. Sie wollen über existenzielle Bedrohungen sprechen? Dann lassen Sie uns über den Klimawandel reden, nicht über den IS.«
Wovon redet er da um alles in der Welt?, fragte ich mich. Ich hatte den IS doch gar nicht als existenzielle Bedrohung bezeichnet. Und was sollte dieser Vergleich mit dem Klimawandel?
»Mr. President, Abu Khalif ist nicht einfach nur ›ein Mensch‹. Er ist anders als die meisten Terroristen – brillant, gewitzt und charismatisch. So gesehen ist er unersetzlich.«
»Niemand ist unersetzlich.«
»Dieser Kerl schon. Er ist nicht bloß ein dahergelaufener Gauner wie Zarkawi. Er ist einer der intelligentesten Gegner, mit denen wir es je zu tun hatten. Er hat einen Doktortitel in islamischer Theologie und einen in islamischer Eschatologie. Er beherrscht sieben Sprachen und ist ein Genie, was den Umgang mit sozialen Medien angeht. Er hat die gesamte islamische Welt in seinen Bann gezogen und wie ein Magnet Dschihadisten aus 140 verschiedenen Ländern angelockt. Er mobilisiert ausländische Söldner nicht nur, er bildet sie aus und setzt sie auf eine Weise ein, wie wir es bisher nicht erlebt haben. Abu Khalif hat eine ganze Armee von Dschihadisten aufgebaut, 100.000 Mann stark, die von der Vorstellung besessen sind, dass Allah sie auserwählt hat, die Welt zu erobern. Im Irak mögen sie sich auf dem Rückzug befinden, Mr. President, aber sie verbreiten sich im Nahen Osten und in Nordafrika wie ein Krebsgeschwür. Sie stoßen nach Zentralasien vor, nach Europa und Lateinamerika. Und als Nächstes werden sie sich die USA vornehmen.«
3
In diesem Augenblick betrat ein Agent des Secret Service das Oval Office.
»Mr. President, es wird Zeit. Der Konvoi steht bereit.«
Taylor, der tatkräftige ehemalige Gouverneur North Carolinas und Gründer und Geschäftsführer eines erfolgreichen Technologieunternehmens mit Sitz im Industrie- und Forschungspark von Raleigh, war es nicht gewohnt, offen herausgefordert zu werden. Er blickte mir noch einige Augenblicke zornig ins Gesicht.
»Mr. Collins, ich habe Sie hergebeten, um Ihnen für alles zu danken, was Sie getan haben, um mein Leben zu retten. Als meinen persönlichen Ehrengast anlässlich der Rede zur Lage der Nation. Morgen wird man Ihnen wie geplant im Rahmen einer besonderen Zeremonie die Freiheitsmedaille des Präsidenten der Vereinigten Staaten verleihen. Und Sie danken mir das, indem Sie mir vorwerfen, ich täte nicht genug für die Sicherheit der Amerikaner? Wir stehen kurz vor einem großartigen und historischen Sieg über den Islamischen Staat. Und Sie platzen ins Oval Office und verlangen Rache.«
»Nein, Sir, ich verlange keine Rache. Ich verlange Gerechtigkeit.«
Der Präsident schüttelte den Kopf. »Ich bin Demokrat und verabscheue Krieg, Collins. Und doch habe ich den Kongress um eine formale Kriegserklärung gegen den IS gebeten. Ich bin der Mann, der die letzten Truppenkontingente aus Afghanistan abgezogen hat. Trotzdem habe ich Tausende amerikanischer Soldaten zurück in den Irak geschickt. Warum? Um den IS ein für alle Mal zu vernichten, und genau das werden wir auch tun. Haben wir Abu Khalif in Alqosh gefunden? Nein. Haben wir ihn in Mossul ergreifen können? Nein. Werden wir es weiter versuchen? Definitiv. Und dass Sie nun angesichts all dessen behaupten, ich nähme die Verfolgung dieses Kerls nicht sonderlich ernst, ist nicht nur einfach verrückt, sondern eine klare Beleidigung.«
»Werden Sie Rakka angreifen?« Ich spielte auf das Machtzentrum des IS in Syrien an.
»Wir konzentrieren uns zunächst auf den Irak, und das wissen Sie auch.«
»Und was ist mit Homs? Mit Aleppo und Dabiq?«
Das gesamte Verhalten des Präsidenten änderte sich schlagartig. Nun war er nicht länger zornig auf mich, er lachte mich schlichtweg aus. »Collins, haben Sie völlig den Verstand verloren? Ich versuche hier, einen Waldbrand zu löschen, und Sie wollen noch Benzin draufkippen. Ich arbeite Tag und Nacht mit Russen, Iranern, Türken und UN zusammen, um einen Waffenstillstand auszuhandeln, der Bestand hat. Ich will das Töten verhindern und aufhalten, statt es zu verschlimmern.«
»Aber Sir, verstehen Sie denn nicht? Ein Waffenstillstand, bevor Khalif ausgeschaltet ist, wäre eine Katastrophe. Auf diese Weise verschaffen Sie ihm eine sichere Zuflucht und spielen ihm Gebiete in die Hand, die er allein kontrollieren kann. Territorien, die er als Basis für Anschläge auf die USA und unsere Verbündeten nutzen könnte.«
»Was genau soll ich Ihrer Meinung nach unternehmen?«, fragte Taylor und nahm das Jackett von einem Kleiderständer in der Ecke. »Wollen Sie uns in einen blutigen Stellungskrieg in Syrien verwickeln? Denn genau das ist es doch, was Abu Khalif vorschwebt. Er bettelt mich geradezu an, eine Viertelmillion amerikanischer Soldaten in den syrischen Bürgerkrieg zu entsenden. Er will, dass ich Dabiq angreife und mich in eine Zwickmühle bringe. Warum? Doch nur, um das Ende der Welt umso schneller herbeizuführen. Sie sagten es selbst. Er ist völlig davon besessen, das globale Kalifat zu errichten, die ›Streitkräfte Roms‹ abzuschlachten, wie er es nennt, und das Ende aller Tage herbeizuführen. Und jetzt wollen Sie, dass ich mich auf sein übles, krankes Spiel einlasse? Ich habe Sie für klüger gehalten.«
Das alles führte zu nichts. Ich holte tief Luft. »Mr. President, ich habe Ihnen eine einfache, klare Frage gestellt. Ich probiere es noch ein letztes Mal: Haben Sie einen Plan, wie Sie Abu Khalif ergreifen und töten können, wo auch immer er ist, was es auch kosten mag? Oder haben Sie keinen?«
Der Präsident antwortete nicht. Stattdessen knöpfte er das Jackett zu, ging zum Schreibtisch und nahm das Redemanuskript an sich. Er ging die einzelnen Seiten noch einmal durch, als würde er nach einem bestimmten Abschnitt suchen. Dann kritzelte er ein paar Notizen zwischen die Zeilen.
»Sir?«, hakte ich nach ein paar Sekunden des Schweigens nach.
Taylor ignorierte mich einen weiteren Moment und änderte noch eine Passage, bevor er die Blätter in die Mappe schob.
»Ja, wir haben einen Plan«, entgegnete er schließlich. Er sprach leise, schloss die Mappe und sah mich erst dann kurz an. Seine Stimme klang wieder ruhig, gelassen und sehr staatsmännisch.
Er drückte eine Taste am Telefon, dann wandte er sich um und fuhr fort. »Abu Khalif war persönlich hinter mir her. Weil wir tatsächlich einen umfassenden Friedensvertrag zwischen Israelis und Palästinensern ausgehandelt hatten. Meine Vorgänger haben versucht, so etwas zu erreichen, und sind daran gescheitert. Ich stand ganz kurz davor. Dann rückten Abu Khalif und seine Schergen an und haben alles zunichtegemacht. Das werde ich ihm nicht vergessen, Collins. Niemals. Und solange ich der Kommandant der US-Streitkräfte bin, werde ich nicht ruhen, bis wir diese Kerle erwischt haben. Jeden Einzelnen. Darauf haben Sie mein Wort.«
Er wirkte ehrlich und klang auch so. Aber es überzeugte mich nicht. Harrison Taylor war ein ausgebuffter Politiker, also traute ich ihm nicht über den Weg. Vor gerade mal zwei Monaten hatten die Kräfte des Islamischen Staates einen Anschlag mit chemischen Waffen auf den Flughafen der jordanischen Hauptstadt Amman verübt und den Führer der freien Welt gefangen genommen. Zwei Wochen später erklärte der US-Kongress ihnen den Krieg. Eine Koalition aus amerikanischen Streitkräften und alliierten Truppen war erneut in den Irak ›einmarschiert‹, diesmal allerdings auf Einladung Bagdads. Man hatte in weltweiten Live-Schalten eine große Show daraus gemacht. Dennoch schlachtete der IS nach wie vor Tausende Unschuldige ab. Und mir wurde zunehmend klar, dass dieser Präsident keinesfalls eine zwingende Strategie hatte, diesen Mann der Gerechtigkeit zu überantworten, und auch keine entwickeln wollte.
Schon seit Jahren glich die Nahost- und Maghreb-Politik der Taylor-Administration einer Katastrophe. Ihr Handeln beschränkte sich im Grunde auf Pressemitteilungen und Fototermine. Taylor war immer wieder vor der Gefahr gewarnt worden, die der IS darstellte, und doch hatte ihn das Ausmaß des Anschlags in Amman kalt erwischt. Nun stand die ganze Region in Flammen. Die Verluste an Menschenleben ließen sich nur als katastrophal bezeichnen. Und doch hatte es ihn kaum Ansehen gekostet. Im Gegenteil, Taylor war beliebter denn je.
Dem Präsidenten gefiel es zu betonen, dass der IS sich auf dem Rückzug befand und das Kalifat mittlerweile nur noch halb so groß war. Aber er hatte den Kongress nicht gebeten, in Syrien einzumarschieren. Er weigerte sich, Bombenangriffe auf das Land zu fliegen oder Elitetruppen auf Abu Khalif oder die übrigen Psychopathen des IS anzusetzen. Dennoch schenkte die öffentliche Meinung Taylor und seiner Regierung einen enormen Vertrauensvorschuss, den Irak endgültig zu befreien und es Millionen von Flüchtlingen zu ermöglichen, in ihre Heimat zurückzukehren. Die Rückkehrer unter den Irakis jubelten den Amerikanern und den alliierten Streitkräften zu, verbeugten sich sogar vor laufender Kamera und küssten den Boden, den man für sie zurückerobert hatte. Großes Kino, das musste ich zugeben. Ich will nicht behaupten, dass es kein Sieg war. Dennoch blieb es am Ende ein Pflaster auf einer verletzten Arterie.
Die Region blutete aus und es war der IS, der die Wunde verursacht hatte. Mit Rezepten aus dem Kalten Krieg ließ sich der Konflikt nicht lösen. Man konnte die Dschihadisten nicht einfach aus dem Irak nach Syrien scheuchen und sie dort ›unter Kontrolle‹ halten. Es handelte sich immerhin um blutdürstige Verrückte, die von einer apokalyptischen, mörderischen Abart des Islam angetrieben wurden, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hatte. Abu Khalif und seine Männer ließen mir das Blut in den Adern stocken. Sie glichen einem tödlichen Virus, den man ausrotten musste, bevor er sich auf der Welt ausbreiten konnte und eine Schneise aus Tod und Leid zurückließ.
Um herzukommen und im Oval Office den Präsidenten zu treffen, hatte ich einem winterlichen Unwetter getrotzt, das sich gerade zusammenbraute. Zum ersten Mal seit man uns mit der Air Force One Anfang Dezember aus Erbil weggebracht hatte. Ich war auf seinen persönlichen Wunsch gekommen und hatte darauf gehofft, einem von der Realität ernüchterten Mann zu begegnen. Einem Anführer, der etwas aus den schweren Lektionen gelernt hatte, die hinter ihm lagen.
Stattdessen traf ich auf einen Politiker, der jedes Risiko scheute, sich aber trotzdem im Glanz einer Nation sonnte, die ihn verehrte und sich auf verstörende Weise weigerte, die Katastrophe zur Kenntnis zu nehmen, von der ich längst spürte, dass sie sich anbahnte.
4
»Oh, James, es ist schön, Sie wiederzusehen!«
Die First Lady begrüßte mich in der für sie typischen warmen und herzlichen Art, als sie das Oval Office betrat. Die Stimmung verlor etwas von ihrer Anspannung.
»Danke, Mrs. Taylor.« Sie umarmte mich rasch, drückte mir einen Kuss auf die Wange und hinterließ dabei einen Hauch blassrosafarbenen Lippenstift. »Es ist mir eine Ehre.«
»Bitte, James!« Sie zog ein Taschentuch aus der Handtasche und tupfte mir damit den Lippenstift ab. »Wie oft habe ich es Ihnen schon gesagt: Bitte nennen Sie mich Meg.«
»Tut mir leid, Ma’am. Ich schätze, ich bin es nicht gewohnt, eine First Lady mit Vornamen anzusprechen.«
»Unsinn! Sie gehören doch fast zur Familie, James.« Ihr Südstaatenakzent trat deutlich hervor. »Harrison und ich können Ihnen nie zurückzahlen, was Sie für uns getan haben. Wir möchten, dass Sie sich hier stets willkommen und daheim fühlen. Wie geht es Ihrer Mutter? Hat sie die OP gut überstanden?«
Was ihr Mann an sprichwörtlichem North-Carolina-Charme vermissen ließ, machte Margaret Reed Taylor mehr als wett. Sie war 58, die älteste Tochter eines ehemaligen Senators aus North Carolina und Enkelin eines ehemaligen Präsidenten der Universität von North Carolina, Chapel Hill. Doch sie hatte es politisch gesehen faustdick hinter den Ohren. Sie war ausgestattet mit einem Bachelor der Universität Wharton und einem Harvard-Abschluss in Jura, und ihre Kollegen, die für das Weiße Haus zuständig waren, schworen, dass sie die Chefstrategin hinter der Politik ihres Mannes war. Allerdings war sie viel zu clever, um sich von anderen in die Karten blicken zu lassen. An diesem Abend trug sie ein bescheidenes, aber elegantes taubenblaues Kostüm, dazu eine wunderschöne Perlenkette. Sie befreite den Mann, mit dem sie seit 32 Jahren verheiratet war, dank ihrer Erfahrung aus einer enorm prekären Lage.
»Das hat sie«, antwortete ich und war beeindruckt, dass sie sich an die Hüftoperation meiner Mutter vor weniger als zwei Wochen erinnerte. »Vielen Dank, dass Sie fragen.«
»Ist sie schon wieder fit?«
»Noch nicht ganz, aber es könnte schlimmer sein.«
»Wie ich höre, ist sie sehr zäh.«
»Sie würde sich freuen, das zu hören, Ma’am. Sicher wäre sie heute Abend gern gekommen, gar nicht mal so sehr meinetwegen, sondern eher um Sie zu treffen.«
»Die Gute! Sagen Sie ihr, dass ich sie in ein paar Tagen anrufe, um Sie beide zum Essen einzuladen, wenn sie wieder auf dem Damm ist.«
»Sehr freundlich, Ma’am! Sie wird ganz aus dem Häuschen sein.«
»Gut. Sind denn auch Ihr Bruder und seine Familie für die Feierlichkeiten nach Washington gekommen? Werden sie heute Abend im Kongress sein?«
»Matt ist gekommen, ich treffe ihn gleich. Er hat mit Senator Barrows zu Abend gegessen.«
»Und seine Frau?«
Ich schüttelte den Kopf. »Annie wollte lieber bei Mom und den Kindern bleiben. Aber sie hätte Sie bestimmt auch gern kennengelernt.«
»Wir werden sie zu unserem Mittagessen mit Ihrer Mutter einfach dazuholen. Sicher verfolgen sie alles im Fernsehen, nicht wahr?«
»Aber natürlich, und die Zeremonie morgen Abend auch. Ich kann Ihnen versichern, das ist in Bar Harbor ein großes Spektakel.«
»Wir haben schon gehört, dass Sie dort als echter Held gefeiert werden.« Sie lächelte und drehte sich kurz um, wischte ihrem Mann ein paar Staubkörnchen vom marineblauen Anzug und rückte seine knallrote Glückskrawatte zurecht.
In diesem Augenblick betrat ein weiterer Secret-Service-Agent den Raum. Er sagte nichts, aber das musste er auch nicht.
»Liebling, es ist so weit«, meinte die First Lady. »Wir dürfen deine zahlreichen Fans nicht warten lassen.« Sie wandte sich wieder mir zu und zwinkerte. »Die Amerikaner lieben meinen Mann einfach, James. Vergessen Sie das nicht, hören Sie?«
Sie hielt meinen Blick fest, bis ich nickte. Ihre Botschaft ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Mein Mann ist beliebt, verehrt und einflussreicher denn je. Sie sind nur ein Reporter. Vergessen Sie das nicht, James. Niemals.
Sicher, die Umfragewerte des Präsidenten waren in den Himmel geschossen. Aber was Abu Khalif betraf, standen die amerikanischen Bürger auf meiner Seite. Es war ein kleiner Trost, dennoch die Wahrheit. Erst heute hatte Allen MacDonald, mein Redakteur bei der New York Times und kürzlich zum Leiter des Washingtoner Büros befördert, mir eine Vorabauswertung einer gemeinsamen Umfrage von Times und CBS zukommen lassen: 86 Prozent der Amerikaner wollten, dass der Präsident »alles im Rahmen seiner Möglichkeiten« tat, um den Anführer der gefährlichsten Terrorbewegung der Welt vor Gericht zu bringen. 62 Prozent erklärten, sie empfänden es als »befriedigend«, wenn der IS-Chef gefangen, verurteilt und nach Guantanamo geschickt würde. Satte neun von zehn Amerikanern vertraten die Meinung, dass Abu Khalif als Vergeltung für das, was er unserem Land angetan hatte, getötet werden müsse.
Ich war sicher, dass Taylor diese Ergebnisse bekannt waren. Und doch hatten sie offensichtlich keinerlei Eindruck hinterlassen. Dachte der Präsident wirklich, dass das amerikanische Volk ihm Glauben schenkte, wenn er den Menschen heute Abend in die Augen sah und behauptete, alles zu tun, was möglich sei? Er schien entschlossen, keine US- oder alliierten Truppen nach Syrien zu schicken. Glaubte Taylor allen Ernstes, dass Abu Khalif seine sehr oft und sehr öffentlich verkündete Absicht, ihn zu töten und die schwarze Flagge des IS über dem Kongress zu hissen, zurücknahm?
Fast zwei Monate hatte ich in einem Krankenhausbett verbracht und viele Operationen über mich ergehen lassen, mich durch die Reha gekämpft und von den geistigen und körperlichen Strapazen erholt, die mir in Alqosh widerfahren waren. Fast 700 Dschihadisten, aber auch zwei Einheiten der Delta Force waren im Rahmen einer der tödlichsten Schlachten umgekommen, die diese Elitekämpfer je erlebt hatten. Und ich hatte alles aus nächster Nähe miterlebt.
Das Einzige, was mich jeden Tag trotz der schlimmen Schmerzen und der puren Erschöpfung auf den Beinen hielt, war die Gewissheit, dass eines schönen Tages in naher Zukunft Abu Khalif gefangen genommen oder getötet würde.
Und jetzt schien diese Hoffnung gänzlich verloren zu sein.
Der Präsident und die First Lady verließen das Oval Office, um durch den Westflügel des Weißen Hauses zu ihrem Konvoi zu gelangen. Ich folgte ihnen und zückte meine goldene Taschenuhr, ein Geschenk meines Großvaters. Ich blickte kurz auf die Anzeige: 20:27 Uhr an einem düsteren und verschneiten Abend Anfang Februar. Ich wohnte zum ersten Mal einer Vollversammlung des Kongresses bei, als Gast des Präsidenten, um seiner State-of-the-Union-Rede zu lauschen. Einer Rede, in der ich persönlich erwähnt wurde.
Dabei war ich vollkommen gegen die politische Linie, die der Präsident gegenüber dem IS verfolgte. Meine Angst, dass Abu Khalif sich auf einen Gegenschlag vorbereitete, wuchs. Womöglich würde er sogar hier in den USA zuschlagen.
Vorerst blieb mir nichts anderes übrig, als gespannt abzuwarten, was als Nächstes passierte.
An diesen Abend würde ich mich noch lange erinnern.
5
Ich fuhr zum ersten Mal im Konvoi des Präsidenten mit.
Eine beeindruckende Angelegenheit. Im böigen und bitterkalten Schneesturm, die Temperatur war mittlerweile auf unter zehn Grad minus gefallen, setzten sich sieben Motorradstreifen der Washingtoner Polizei in Bewegung. Sie fuhren in Richtung des nordöstlichen Eingangs des Weißen Hauses, um auf der zwei Meilen langen Strecke zum Kapitol die Führung zu übernehmen. Es folgte der erste Pkw, ein Streifenwagen der Polizei, dessen blau-rote Warnlichter angeschaltet waren. Die Beamten, die darin saßen, trugen dicke Wintermäntel und nippten an einem Getränk aus einer Thermoskanne, von dem ich unterstellte, dass es starker schwarzer Kaffee war.
Dahinter kamen zwei gleich aussehende schwarze Cadillac-Stretchlimousinen, bedeckt von weißem Pulverschnee und einer dünnen Eisschicht. Heute saß der Präsident in der ersten, die zweite sollte Verwirrung unter etwaigen Angreifern stiften, die nicht wussten, in welcher sich der Kopf der US-Regierung befand. An anderen Tagen verhielt es sich umgekehrt.
Angesichts meiner kleinen Meinungsverschiedenheit mit dem Präsidenten im Oval Office vermutete ich, dass die Einladung, gemeinsam mit dem First Couple zum Kongress zu fahren, nicht länger galt. Wie sich rasch herausstellte, hatten mich meine Instinkte nicht getrogen. Als ich aus dem Nordeingang unter die Säulenarkade trat, bemerkte ich den Drei-Sterne-General Marco Ramirez, den Kommandanten der Delta Force. Er trug eine Galauniform unter dem dicken Wollmantel und stieg gerade mit seinem Oberkommandanten und der First Lady in den Wagen.
Ein Agent schloss die Tür hinter ihnen. Ich muss gestehen, ich war ein wenig eifersüchtig. Nicht dass ich gern mehr Zeit mit dem Präsidenten verbracht hätte. Er hätte mir heute Abend ohnehin nicht mehr als bisher gesagt, ob nun inoffiziell oder nicht. Immerhin hatte ich ihm gesagt, was ich hatte sagen wollen. Trotzdem hätte ich zu gern einen Blick in das Fahrzeug geworfen, das im amerikanischen Volksmund ›the beast‹ hieß. Der maßangefertigte Cadillac besaß einen Wert von anderthalb Millionen Dollar. In jeder Tür waren 20 Zentimeter dicke Stahlplatten verbaut, die einem direkten Angriff einer raketengetriebenen Granate oder einer Panzerabwehrwaffe standhalten konnten. Die Fensterscheiben widerstanden dem direkten Feuer von Maschinengewehren, ohne zu zersplittern. Das Chassis wurde von unten mit massiven Stahlplatten gesichert, um eine Straßenmine aushalten zu können. Der Wagen war sogar hermetisch versiegelt, um Schutz vor biochemischen Attacken zu bieten.
Zumindest hatte man mir das so erklärt. Heute Abend würde ich mich wohl nicht mehr persönlich davon überzeugen können. Aber das ging schon in Ordnung. Ich hatte kein schlechtes Gewissen und für den Augenblick war das alles, was mich interessierte.
Hinter den beiden Limousinen fuhren noch fünf schwarze Chevy Suburban, alle mit rot-blauen Signallichtern, die während der Parkphase ständig vom Schnee befreit wurden, so gut es ging. Ich wusste aus meinen Recherchen, dass der erste SUV als Halfback bekannt war. In ihm befand sich ein schwer bewaffneter Angriffstrupp. Im nächsten war das geheime elektronische Equipment zur Abwehr von feindlichen Angriffen untergebracht. Beim Rest war ich mir nicht so sicher, obwohl ich wusste, dass sich darin weitere Agenten, ein medizinisches Team und Spezialisten für biochemische Angriffe befanden. Am Ende der Kolonne folgte ein Gefährt, das man Roadrunner nannte. Darin fuhren die PR-Leute des Weißen Hauses und einige Ersthelfer mit.
Ich selbst hatte einen schwarzen Ledermantel und dazu passende Lederhandschuhe angezogen und zupfte die schwarze Wollmütze auf meinem kahlen, frierenden Kopf zurecht. Ich war noch keine drei Schritte vom Weißen Haus entfernt, da kondensierte bereits mein Atem und die Brille beschlug. Einer der Pressesprecher lotste mich in eins der schwarzen Lincoln Town Cars, in dem der Stab des Präsidenten mitfuhr. Hinter ihm hatten sich einige weiße Vans für das Pressekorps des Weißen Hauses aufgereiht, ein paar Chevy Suburbans für die Agenten, drei oder vier zusätzliche Polizeifahrzeuge und weitere Motorräder.
Glücklicherweise hatte der Fahrer meiner Limousine bereits die Heizung angestellt. Es tat gut, in die Wärme zu klettern und die Tür zu schließen, sodass das Innere vom Schneesturm abgeschirmt wurde.
Nun, damit hatte ich gerechnet. Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass ich den anderen Mitfahrer kannte.
»Guten Abend, Collins«, grüßte er von der Rückbank. »Schön, Sie wiederzusehen. Und dass Sie zur Abwechslung wohlauf sind. Wie geht es Ihnen?«
»Agent Harris! Das ist ja eine Überraschung.« Ich war ehrlich froh, ihm in die Augen sehen zu können. Zumindest nachdem ich die beschlagenen Gläser geputzt und die Brille wieder aufgesetzt hatte. »Welchem Umstand verdanke ich dieses Vergnügen?«
Arthur Harris war bereits seit über 30 Jahren beim FBI und galt als Veteran. Er gehörte zu einer rasch wachsenden Truppe von Agenten, die man auf IS-Anführer in den USA und im Ausland ansetzte. Ich war ihm das erste Mal in Istanbul begegnet, wo er eine Autobombe untersuchte, die einen meiner Kollegen und Freunde bei der Times das Leben gekostet hatte. Später war er an der Jagd nach dem CIA-Maulwurf beteiligt, die im Dezember in der spektakulären Verhaftung von CIA-Direktor Jack Vaughn, seiner Geliebten und eines hochrangigen NSA-Analysten gipfelte.
Es war Harris gewesen, der mich in der Marka Air Base bei Amman aufgespürt und nach meiner Festnahme für meine Entlassung aus jordanischer Haft gesorgt hatte. Kurzzeitig verdächtigte man mich, Komplize beim Angriff auf den königlichen Palast gewesen zu sein. Harris und ich hatten in den letzten Monaten also einige Zeit miteinander verbracht. Wir gehörten zu den wenigen Amerikanern, die alles überlebt hatten, was in Jordanien und im Irak seit November vorgefallen war. Umso mehr freute es mich, ihn wiederzusehen.
Harris lächelte. »Mal ganz unter uns, ich glaube, der Präsident sähe es gern, wenn Sie verhaftet und verprügelt würden. Aber das bleibt natürlich unter uns.«
Ich lachte, während der Konvoi sich in Bewegung setzte.
Für den Moment war ich mir nicht ganz sicher, ob es sich tatsächlich um einen Scherz handelte.
6
Direkt nach der Abfahrt klingelte Harris’ Handy.
Während er sprach, verließen wir das Gelände des Weißen Hauses durchs Nordost-Tor und bogen rechts auf die Pennsylvania Avenue ab. Sofort ging es wieder nach rechts auf die 15th Street, direkt am Finanzministerium vorbei. Nur wenige Sekunden später kehrten wir auf die Pennsylvania Avenue zurück und hielten nun direkt auf das Kapitol zu.
Zahlreiche Schneepflüge arbeiteten fieberhaft daran, die Route für den Konvoi des Präsidenten zu räumen. Dabei widerstand ich erneut der Versuchung, auf meinem Smartphone die aktuellen Twitter-Feeds abzurufen. Ich wusste auch so, dass es nichts Gutes zu berichten gab. Das türkische Militär bombardierte kurdische Rebellen in Nordsyrien. Eine Reihe von Selbstmordattentaten, die meisten auf Regierungseinrichtungen und Hotels abzielend, die oft von Ausländern frequentiert wurden, erschütterte Istanbul, Ankara und Antalya. Im ägyptischen Alexandria war eine Ölraffinerie von bisher unbekannten Milizen gestürmt worden. Ich wollte den Augenblick genießen, statt mich daran zu erinnern, was alles schiefging in der Welt.
Trotz allem, was geschehen war, befand ich mich auf dem Weg zum Kapitol als Gast des Präsidenten. Illusionen machte ich mir keine. Ich verdiente es gar nicht, dort zu sein. Im Gegenteil: Nach allem, was in den letzten Monaten geschehen war, hätte ich nach menschlichem Ermessen tot sein müssen, nicht mehr als Journalist arbeiten oder Auszeichnungen entgegennehmen dürfen. In den ersten anderthalb Monaten meiner Genesung war ich fest entschlossen gewesen, nicht in mein altes Leben als Auslandskorrespondent zurückzukehren. Falls ich es wider Erwarten doch tat, wollte ich zumindest keine Kriege oder terroristischen Themen mehr behandeln. Ich hatte die Ermordung und Verwundung zu vieler Freunde miterlebt, zu viele Grausamkeiten.
Die bittere Wahrheit war, dass ich den Großteil meiner Karriere darauf verschwendet hatte, Teil eines exklusiven Zirkels von Kriegskorrespondenten zu sein, und das hatte mich beinahe alles gekostet. Jetzt, mit Anfang 40, war ich geschieden, hatte keine Kinder, bekam meine Mutter, meinen Bruder und seine Familie kaum zu Gesicht und schlug mich als trockener Alkoholiker durch. Meine Nachbarn wussten nicht, wer ich war. Der Concierge in meinem Wohnhaus drüben auf der anderen Seite des Potomac erkannte mich nicht auf Anhieb. Es wurde Zeit, etwas zu ändern.
Aber was sollte ich ändern? Ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte – außer für die altehrwürdige Times zu schreiben. Vielleicht hätte ich versuchen können, einer Bande von faulen, verwöhnten Mittzwanzigern beizubringen, wie es in der Welt so lief. Oder Geld als Pressesprecher eines an der Wall Street gelisteten Großunternehmens, einer multinationalen Bank oder einer Investmentfirma verdienen können. Nein, lieber hätte ich mir die Zunge abgebissen. Theoretisch klang das gut: neu anfangen. Aber dazu brauchte ich eine klare Idee. Etwas, das mir wirklich Spaß machte.
Unwillkürlich wanderten meine Gedanken zu Yael Katzir, der schönen Mossad-Agentin, der ich erstmals in Istanbul begegnet war und mit der ich die grausigen Ereignisse in Jordanien und im Norden des Irak überlebt hatte. Ich hatte sie seit unserer Evakuierung in der Air Force One nach der Schlacht in Alqosh so gut wie nicht mehr zu Gesicht bekommen. In Gedanken war ich allerdings stets bei ihr gewesen. Als versierteste Spezialistin des Mossad für biochemische Waffen hatte Yael die Herausforderung genossen. Ihre Behauptung, dass der IS chemische Waffen in Syrien erbeutet hatte, erwies sich als richtig. Sie war es auch gewesen, die den damaligen israelischen Premierminister Daniel Lavi vor einem Staatsstreich des IS in Amman gewarnt hatte. Er hörte nicht auf sie und war nun tot.
Darüber hinaus hatte sie auch mit ihrer Vermutung recht, dass Präsident Taylor von IS-Milizen in der irakischen Kleinstadt Alqosh festgehalten wurde, die sich auf der Ebene von Ninive befand. Das hatte sie beinahe mit dem Leben bezahlt. Und jetzt war sie geradezu ein Rockstar im Kreis der ranghöchsten Berater der israelischen Regierung. Die letzte Nachricht, die mich von ihr erreicht hatte, lag ungefähr drei Wochen zurück. Der neue Premierminister Yuval Eitan wollte sie zur nationalen Sicherheitsberaterin ernennen. Eine große Aufgabe, die einer gewaltigen Beförderung entsprach. Yael war allerdings nicht sicher, ob sie das Angebot annehmen wollte. Immerhin belegte es, welchen enormen Respekt und Einfluss sie sich in Jerusalem erworben hatte.
Sie bat mich in ihrer Nachricht auch, ihr einen Rat zu geben, was sie tun sollte. Ich hatte sofort geantwortet und gesagt, sie solle annehmen und nicht vergessen, sich dabei eine kräftige Gehaltserhöhung zu sichern. Ich hätte kaum stolzer auf sie sein können. Sie verdiente jede Auszeichnung und noch mehr.
So selbstsüchtig es auch sein mochte, es fiel schwer, an ihre Beförderung zu denken, ohne mir den Verlust auszumalen, den es für mich bedeutete. Mir war klar, dass es wahrscheinlich keine Zukunft für uns gab. Sie hatte einen Job und würde ihn für mich wohl kaum aufgeben. Und ganz ehrlich, was hätte ich tun sollen? Nach Israel ziehen? Hebräisch lernen? Zum jüdischen Glauben konvertieren? Fakt war doch, dass wir uns erst seit wenigen Monaten kannten. Wir standen ganz am Anfang unserer Freundschaft. Und doch vermisste ich sie. Nun, wo ihr neue Aufgaben winkten, wusste ich nicht mal, wann ich sie wiedersehen würde.
Endlich hatte Harris sein Gespräch beendet und wandte sich mir zu. Er wirkte bedrückt.
»Was ist los?«, fragte ich.
»Soll ich Ihnen eine exklusive Story liefern?«
»Im Ernst jetzt?«
»Ja.« Seine Miene machte klar, dass er keine Späße trieb.
»Sicher. Was ist passiert?«
»Die State Police in Alabama hat gerade in der Nähe von Birmingham eine IS-Schläferzelle auffliegen lassen.«
»Wow.« Ich zog sofort mein Notizbuch und einen Stift.
»Vier Männer, alles Iraker, und eine Frau aus Syrien.«
»Was wollten die in Birmingham?«
»Das ist seltsam, nicht?«
»Ja, sehr«, bestätigte ich.
»Und es ist noch nicht mal alles«, fuhr Harris fort. »Was glauben Sie, was die Fahnder in der Wohnung fanden, nachdem sie sich einen Durchsuchungsbefehl besorgt hatten?«
Ich zuckte mit den Achseln.
»Beinahe 500 Granaten, keine aktiven wohlgemerkt, nur Dummys, wie man sie für militärische Übungen verwendet.«
»Wozu hätten sie die verwenden können? Und wie kamen sie überhaupt an das Zeug ran?«
»Das ist es ja gerade. Wir haben keine Ahnung.«
»Weiß der Präsident schon Bescheid?«
»Noch nicht … zumindest nach meinem derzeitigen Kenntnisstand. Wir haben es selbst gerade erst erfahren.«
»Nun, es wäre besser, wenn ihn jemand vor seiner Rede informiert.«
Der Konvoi hielt schon bald auf dem Parkplatz nördlich des Kapitols. Fotografen und Fernsehkameras hielten fest, wie der Präsident, die First Lady und General Ramirez den Sprecher des Repräsentantenhauses begrüßten und hineingeführt wurden.
Ein kurzer Blick auf die Taschenuhr meines Großvaters: fast neun.
In sechs Minuten gingen die landesweiten Networks live auf Sendung.