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Mami Classic
– 6 –

Der kleine Ausreißer

Eva-Maria Horn

Impressum:

Epub-Version © 2019 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

E-mail: info@keltermedia.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74094-895-5

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Die Stille, die Barbara umgab, war einfach wundervoll. Sie hatte beide Fenster weit geöffnet. Sie hörte das Spielen des Windes mit den Blättern der Bäume, die wie stumme Wächter das kleine Holzhaus beschützten. Barbara dehnte sich, drückte den Rücken gegen die harte Lehne des Stuhles und sah hinaus.

Sie sah einen Falken, der beinahe regungslos über der Krone der mächtigen Linde stand. Sie stieß einen wohligen Seufzer aus, so sehr begeisterte sie das Bild.

Der Schäferhund, der zu Barbaras Füßen auf dem Schafswollteppich lag, hob den Kopf, ließ ihn aber sofort wieder auf seine Pfoten sinken.

Barbara lachte. »Bist du noch immer müde, Rex? Aber ich konnte heute mittag einfach nicht genug bekommen. Du mußt doch zugeben, daß unser Spaziergang durch den Wald einfach himmlisch war.«

Rex öffnete nur ein Auge, blinzelte, seine Ohren spielten, und er stieß einen zustimmenden Seufzer aus.

Barbara spähte über den Himmel. Die Sonne hing wie ein zitronengelber Ball über dem Wald. Sie sah die dunklen Wolken, die sich zusammenballten. Das Licht, eben noch so sanft und friedlich, bekam etwas Gespenstisches, Bedrohliches. Aber Barbara konnte sich nicht satt sehen daran.

Der Wind wurde stärker, er riß an den Kronen der Bäume, duckte die kleine Tanne, daß die Zweige beinahe den Boden berührten. Der erste Blitz zuckte über den Himmel.

In ihrer Stadtwohnung liebte Barbara das Gewitter, aber hier in dem einsamen Holzhaus, das mitten im Wald stand, wurde es ihr doch ein wenig unheimlich.

Rex sprang auf, streckte sich, er machte einen Buckel, als wäre er eine Katze, und hob witternd den Kopf. »Kein Grund zur Panik, Rex. Es ist schließlich nicht das erste Gewitter, das du über dich ergehen lassen mußt. Jetzt regnet es. Hör doch nur, ist das Geräusch nicht herrlich? Dieser Regen klingt ganz anders als der Regen in der Stadt. Hier klingt er wie Musik. Beinahe wie eine Fuge von Bach.«

Der Hund war an Barbaras Begeisterung wenig interessiert. Vielleicht spürte er auch, daß sie sich selbst Mut zusprechen mußte. Er reckte noch immer witternd den Kopf und stieß aufgeregte Laute aus.

»Du bist ein ganz Dummer, mein Lieber.« Barbara stand auf und schloß energisch die Fenster. »Jetzt wirst du dich gleich wohler fühlen, wir brauchen uns ja nichts vorzuspielen, Helden sind wir nicht. Wir werden uns ganz einfach die Welt in unser behagliches Zuhause holen.«

Leichtfüßig lief Barbara durchs Zimmer, der Hund betrachtete sie nicht einmal. Sie schaltete den Fernseher ein. Die Stimme des Sprechers vertrieb die Stille.

»Und jetzt noch eine wichtige Durchsage. Wir bitten die Bevölkerung um ihre Hilfe. Vermißt wird seit heute morgen ein 10jähriger Junge. Er ging um kurz vor acht Uhr wie jeden Morgen aus dem Haus, in der Schule war er nicht. Begleitet ist er von einem großen schwarzen Hund unbestimmter Rasse. Der Junge trägt blaue Jeans, ein buntes Hemd und hat vermutlich einen Rucksack anstelle der Schultasche bei sich. Wer zweckdienliche Angaben machen kann, wende sich bitte an die nächste Polizeidienststelle oder sofort an den Vater des Jungen.«

Barbara schaltete den Apparat aus, der ziehende Schmerz, der für einen Augenblick ihren Körper zu durchbohren schien, nahm ihr den Atem. Verflogen war das Glücksgefühl, daß sie noch bis vor wenigen Minuten in sich spürte. Sie starrte auf den Hund hinunter, aber sie sah ihn nicht, so gefangen war sie in ihrem Kummer. Auch die Kopfschmerzen quälten sie wieder, schienen schlimmer als sonst.

Rex knurrte, jaulte, er rannte zur Tür, kratzte am Holz, das ohnehin schon Spuren des Alters zeigte. Er kam zu ihr zurück. Da Barbara nicht reagierte, nur dastand, als wäre sie aus Holz, faßte er mit seinen scharfen Zähnen behutsam ihr Hand, die schlaff hinunterhing. Seine klugen Augen bettelten um ihre Aufmerksamkeit.

»Schon gut, Rex. Es geht gleich vorüber. Ruhig! Laß mir nur ein wenig Zeit.«

Aber der Hund dachte gar nicht daran. Er nahm den Stoff ihrer Bluse zwischen seine Zähne, riß aufgeregt daran.

»Das mißtönende Geräusch der zerreißenden Bluse bracht Barbara in die Wirklichkeit zurück.

»Ja, sag’ mal, bei dir piept es wohl! Bei dem wenigen Gepäck das ich mit hierher brachte, kann ich auf diese Bluse gar nicht verzichten. Hör doch auf, Rex. Was ist denn nur mit dir?«

Er jaulte nur noch heftiger, er stieß beinahe menschliche Töne aus, rannte zur Tür, bellte aufgeregt zu ihr hinüber und versuchte, an die Türklinke zu springen.

»Hast du den Verstand verloren? Was hast du denn? Ach, jetzt geht mir ein Licht auf. Dir machen die Nudeln von heute mittag zu schaffen, aber darum brauchst du dich ja nicht anstellen, als stehe der Teufel vor der Tür.«

Sie hatte die Tür noch nicht richtig geöffnet, da jagte er schon hinaus. Rannte im gestreckten Galopp über den Weg.

»Hierher, Rex«, schrie Barbara, aber er hörte nicht. Der Regen strömte aus pechschwarzen Wolken, Blitze zuckten über den Himmel, und der Donner folgte sofort.

Sie sah den Hund nur schemenhaft, war aber jetzt überzeugt, daß sie ihm folgen mußte. Das heißt, sie dachte gar nicht darüber nach, sie nahm sich nicht einmal die Zeit, ihren Regenmantel aus der Garderobe zu holen. Ihr Körper schien von ihrem Verstand losgelöst zu sein.

Es war gut, daß sie Rex sehen konnte, wenn auch nur schemenhaft. Ihre dünnen Schuhe waren im Nu durchnäßt, der Regen klatschte auf ihr braunes Haar, lief über ihr Gesicht.

Sie hatte den Hund erreicht. Rex scharrte mit den Pfoten im Gras, er stand vor den Sträuchern, die sich zu einer grünen Wand zusammendrängten. Rex stieß aufgeregte Laute aus, hob den Kopf und bellte sie auffordernd an.

Ein schwaches, ängstliches Knurren kam aus dem grünen Dickicht. Barbara bückte sich, sie mußte sich sehr tief bücken, sie bog die nassen Zweige zur Seite.

Ein Hund hockte da und stieß ein drohendes Kurren aus. Einen Moment zuckte Barbara angstvoll zurück. Der Hund sah aber auch wirklich gefährlich aus. Pechschwarz war er, die Zähne in dem drohend aufgerissenen Maul blinkten gefährlich.

Aber das sah Barbara nur einen Moment. Sie hatte das Kind entdeckt. Es hatte den Rücken gegen den Baumstamm gelehnt, das kleine Gesicht war weiß wie eine Wand, der Mund trotzig geschürzt. Aber die Augen! Angst, Verzweiflung, Ohnmacht hockten darin.

»Hör auf zu knurren, Rex.« Wie gut, daß Barbaras Stimme ihr gehorchte, so als sei es die normalste Sache der Welt, daß man bei einem schrecklichen Gewitter einen Hund und einen Jungen fand, in einer Gegend, die eine Autostunde von dem nächsten Dorf entfernt war.

Kannst du deinen Hund beruhigen? Er sieht aus, als wollte er Rex an die Gurgel springen. Rex hat euch gehört, obwohl das Fenster geschlossen war. Kluger Rex.« Barbara richtete sich auf und klopfte dem Schäferhund den Rücken. Der fremde schwarze Hund ließ keinen Blick von ihnen.

»Dein Hund sieht aus, als wollte er uns am liebsten in Stücke reißen.« Barbara versteckte ihr Mitleid hinter einem Lachen. »Willst du mit ins Haus kommen? Du mußt ja völlig durchnäßt sein. Hoffentlich hockst du nicht schon lange unter dem Strauch. Du wärst besser sofort zu mir gekommen.«

Sie wartete. Was sollte sie tun, wenn er nicht freiwillig aus seinem Versteck kam? Sie war ganz sicher, daß der schwarze Teufel sie nicht an den Jungen heranließ, vermutlich würde er ihr an die Kehle springen. Nicht auszudenken, was Rex dann machte.

Die Blätterwand teilte sich, ein nasser Kopf kam zum Vorschein, jetzt reckte sich der Junge zu seiner ganzen Größe auf.

Es zerriß Barbara das Herz, als sie die kleine, schmächtige Gestalt da stehen sah. Ein Blitz erhellte den Himmel, der Donner folgte, beide Hunde zuckten zusammen, und unwillkürlich machte der Junge einen Schritt auf sie zu, als suchte er Schutz.

»Komm rasch, wenn wir laufen, bist du sofort in Sicherheit. Ich bin sehr ungern im Wald, wenn es gewittert.«

Ein Strom der Freude durchfuhr sie, als er seine Hand zwischen ihre Finger schob. Eiskalt war sie, und Barbara spürte, wie der kleine Kerl zitterte.

Der Hund drückte sich noch immer eng an ihn. »Lauf, Till.« Die Stimme des Jungen klang heiser, seine Zähne schlugen hörbar aufeinander. »Fang bloß keinen Streit mit Rex an«, mahnte er ihn.

»Im Haus werden sie sich beschnüffeln, wir kümmern uns einfach nicht darum. Komm.«

Sie liefen nahe nebeneinander über den Weg und erreichten keuchend das Haus. In ihrer Aufregung hatte Barbara vergessen, die Tür zu schließen. Eine große Pfütze stand im Windfang auf den hellen Steinen.

Beide Hunde drängten sich in den Wohnraum und rannten zum Kamin hinüber. Barbara knipste das Licht an, sofort war das Zimmer in wohltuende Sicherheit gehüllt, die Schatten waren aus den Winkeln verschwunden. Sie lächelte in das schmale Kindergesicht. Die Haare hingen in nassen Strähnen um seinen Kopf und verdeckten die Stirn. Der Junge stand nahe an der Tür, als wäre er bereit, sofort wieder davonzulaufen. Er schien keinen trockenen Faden am Körper zu haben.

»Das beste ist, du gehst ins Badezimmer und duschst dich. Du kannst trockene Sachen von mir bekommen.« Sie unterbrach ihre Sachlichkeit mit einem Lachen, sie zwinkerte ihm sogar zu. »Du wirst allerdings wie ein Clown aussehen, es wird dir alles viel zu groß sein. Oder möchtest du zuerst etwas Heißes trinken?«

Er hatte graue, ein wenig schräg stehende Augen, das Gesicht war gezeichnet von Kummer und Müdigkeit. Er schien genauso wachsam, wie sein Hund noch eben gewesen war. Jetzt allerdings hatten die beiden Hunde nur Augen für einander. Sie standen sich gegenüber, starrten sich an, beschnüffelten einander.

»Warum tun Sie das? Ich meine, warum kümmern Sie sich um mich? Sie kennen mich doch gar nicht.«

Sie lächelte erstaunt, als wunderte sie sich über ihn.

»Muß man jemanden kennen, dem man helfen möchte? Ich kenne dich.« Das war dumm gesagt, sie sah genau, wie er zusammenzuckte. »Du bist ein Junge, wenigsten nehme ich an, daß du ein Junge bist, der sich verirrt hat, der naß wie eine Katze ist und Hilfe braucht. Das genügt doch, nicht wahr? Komm, das Badezimmer ist in der ersten Etage. Wenn die Hunde Lust haben, können sie mitkommen, aber wie es scheint, haben sie im Augenblick mit sich selbst zu tun. Lassen wir einfach die Tür geöffnet. Während du dich duschst, suche ich dir etwas zum Anziehen zusammen. Die Hauptsache ist ja, du erkältest dich nicht.«

Sie sprach absichtlich so viel, während sie an seiner Seite die Treppe hinaufstieg. Die Stufen knarrten unter ihrem Schritt.

In ihrem Zimmer preßte sie einen Moment die Hände gegen ihr glühendes Gesicht. Jetzt mußt du scharf und ruhig überlegen, Barbara George. Wer der Junge war, wußte sie natürlich. Wie gut, daß sie vor wenigen Minuten den Fernseher eingeschaltet hatte. Lag dieser Augenblick wirklich erst kurze Zeit zurück? Und war das alles nicht Fügung? Eine Laune des Schicksals? Vielleicht auch als Trost für sie gedacht?

Was fiel ihr ein, unnütze Zeit zu verlieren? Sie sollte doch wirklich klüger sein und nicht dastehen, als wäre sie selbst das wichtigste.

Sie ging zur Badezimmertür, aber sie öffnete sie nicht.

»Kommst du zurecht?«

»Klar, ich bin doch kein Baby mehr.«

»Ich heiße Barbara.« Sie legte den Kopf gegen die Holztür, sie spürte ihr Herzklopfen vom Kopf bis zum Zeh. »Wie darf ich dich nennen?«

»David«, kam seine Stimme nach kurzem Zögern.

»Schön. David, ich gehe jetzt in die Küche und stelle Wasser auf. Mir ist auch nach einem heißen Tee. Die Sachen lege ich vor die Tür. Wenn du fertig bist, kommst du einfach hinunter.«

»In Ordnung.«

Seine Stimme klang schon fester. Sie lief die Treppe hinunter, horchte noch einmal hinauf, ihre Hand lag auf dem Geländer. Sie hörte das Wasser der Dusche rauschen, im Wohnzimmer knurrten die Hunde. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, nach ihnen zu sehen. Das Telefon stand in der Küche.

Ihre Hände zitterten, als sie die Nummer wählte. Wenn Michaela jetzt nicht zu Hause war? Was sollte sie dann tun?

Aber sie meldete sich sofort! Barbara fiel ein Stein vom Herzen. »Michaela, hör bitte genau zu, stell’ keine unnötigen Fragen«, sprach sie aufgeregt in den Hörer. Sie dämpfte ihre Stimme zum Flüstern. »Vor meinem Haus habe ich einen kleinen Jungen und einen schwarzen Hund gefunden. Der Junge heißt David, der Hund Till. Du hast die Durchsage im Fernsehen gehört?«