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Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2020

Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Redaktion Heike Brillmann-Ede

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Covergestaltung FAVORITBUERO, München

Coverabbildung Alice Mollon/Getty Images

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

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ISBN 978-3-644-40403-8

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-40403-8

würden ihre Männer nicht ihrer besten

Freundin empfehlen.»

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen man sich unausweichlich fragt: Bin ICH das?

Dies ist so ein Augenblick.

Gut, es kommt nicht so unerwartet, wie man vielleicht denken könnte. Irgendwie hat sich die Lage in den letzten Wochen zugespitzt, und deshalb sitze ich nun hier und betrachte das Ergebnis dieser Zuspitzung in einer Mischung aus Faszination, Verwunderung und … Ablehnung. Ja, genau, Ablehnung. Und das gibt mir gerade mächtig zu denken. Bin ich vielleicht doch die, die ich seit einundvierzig Jahren zu kennen glaube?

Das ist immerhin etwas.

Genau genommen sitze ich auf der vorderen Kante eines weiß bezogenen Doppelbettes in einem Landhotel im Bergischen. Die Fenster sind geschlossen, die Vorhänge zugezogen, die Klimaanlage brummt. Kein Geräusch dringt in diesen seltsamen Kosmos.

Und ich habe geplant, Sex zu haben.

Nicht mit meinem Mann.

Aber auch nicht ohne dessen Zustimmung.

Vor mir steht Michael, achtunddreißig Jahre alt, Baumchirurg, ordnungsgemäß gestählt. Da gibt es nichts zu meckern. Er ist Vater eines Sohnes, und in seiner Freizeit spielt

Aber ich will nicht.

Das weiß ich jetzt. Nur, wie komme ich aus der Nummer wieder raus?

Hilfe!

Bedürfnisse

drei Wochen zuvor

«Nina, kommst du mal bitte?»

«Mama!»

«Mama, ich habe Hunger. Wann gibt es was zu essen?»

Ich sitze auf dem Sofa und habe genau eine Zeile meines Krimis gelesen. Seufzend klappe ich ihn zu. Das wird wohl nichts. Die Familie hat Bedürfnisse.

Es ist Freitag, früher Abend. Die Familie ist zu Hause, der Kühlschrank gefüllt, das Haus gesaugt, die Bäder blitzen und blinken. Der obligatorische Streit, der uns nahezu wöchentlich heimsucht, liegt hinter uns.

Warum wir zu Beginn des Wochenendes mehr streiten als an anderen Tagen, liegt auf der Hand. Der Alltag mit seinen Verpflichtungen endet, die Kernfamilie trifft für zweieinhalb Tage unkontrolliert aufeinander, und daran müssen sich alle gewöhnen.

Mein Mann Steffen gewöhnt sich beispielsweise jede Woche wieder daran, dass er am Wochenende genauso für den Haushalt verantwortlich ist wie ich. Natürlich immer wieder völlig überrascht. Bäder putzen? Treppe saugen? Nie gehört, nun gut, aber wenn die Frau darauf besteht …

Unsere Töchter hingegen haben es an diesen Tagen in geballter Form mit der Schwester zu tun. Und die funktioniert

Aber wie gesagt, freitagabends ist diese Hürde geschafft, und meistens können wir uns dann auch wieder leiden.

Ich friemle mich also aus meiner blauen Lieblingswolldecke, hieve mich aus dem Sofa, lege mein Buch auf den Couchtisch und suche nach den Gründen des Begehrtwerdens.

Carlotta, achtjähriges Nesthäkchen, braune Kulleraugen, emphatisch bis in die Haarspitzen und dickköpfig gleichermaßen, sitzt auf dem Klo und benötigt Klopapier. Ich eile in den Keller, schnappe mir drei Rollen und werfe sie schwungvoll in den ersten Stock, wo sie direkt vor Carlottas Füßen landen. Jahrelange Übung macht es möglich.

Milla, elf Jahre alt, Pubertistin in der Ausbildung, seit neuestem Entdeckerin ausgiebiger Körperhygiene, blitzgescheit und ebenso bequem, hat unerträglichen Hunger. Ich vertröste sie auf das Abendessen.

Steffen sucht im Keller verzweifelt das Panzerband, und ich verrate ihm, wo es liegt, seitdem wir hier eingezogen sind.

Problem erkannt, Problem gebannt. Was täte die Familie nur ohne mich? Wenn ich es positiv sehen will, ist das irgendwie auch eine Form der Bestätigung.

Ich decke den Tisch mit unserem Abendgeschirr, schnipple Rohkost, schneide Brot, hole Getränke aus dem Keller, stelle eine Schale mit sauren Gurken auf den Tisch und ermahne die bereits sitzende Milla, sie zu lassen, wo sie sind, bis alle da sind. Anschließend rufe ich zum Essen. Nachdem alle satt sind, verhandeln wir das Wochenendprogramm.

«Wandern, immer nur wandern. Das ist so langweilig. Ich muss mich doch erholen», mault Milla planmäßig.

«Du kannst dich morgen erholen. Morgen ist Schlafanzugtag. Sonntags unternehmen wir was. Wie jede Woche», kläre ich sie mantraartig auf. Der Schlafanzugtag ist ihr heilig. Meistens bleibt sie, wie der Name es sagt, im Schlafanzug. Es ist der Tag in der Woche, an dem die Kinder keine Verpflichtungen haben, außer dreimal am Tag am Essenstisch zu erscheinen.

«Genau», sagt Steffen heftig nickend. «Da hat Mama völlig recht!»

Ich nicke ihm dankbar zu.

«Gut, aber nur eine halbe Stunde», lenkt Milla großmütig ein.

«Das ist dann aber keine Wanderung, sondern ein Spaziergang», stelle ich klar.

Es entbrennt eine Diskussion darüber, ab wann eine Wanderung als Wanderung gilt und wie lange ein Spaziergang dauern darf. Da sind wir uns nämlich so gar nicht einig. Ich finde, eine Wanderung sollte mindestens einen halben Tag dauern, um als solche zu gelten, und bis zu drei Stunden ist es ein Spaziergang. Wobei ich nicht auf die Minute pochen will. Die Kinder finden das ziemlich kleinlich, und Steffen fragt, in welchem Lexikon das stünde. Er spricht nämlich schon von Wandern, wenn wir eine Stunde lang durch den hiesigen Buchenwald trotten.

«Jetzt stellt euch nicht so an», versuche ich, die Wogen zu glätten, «meistens macht es euch doch Spaß, wenn wir einmal unterwegs sind.»

Ich schlage einen Kompromiss vor. «Dann machen wir eben einen langen Spaziergang und gehen anschließend ein Eis essen. Wärt ihr damit einverstanden?»

Die Familie nickt einmütig, und wir können das Thema wechseln.

«Wann kommt eigentlich der Babysitter?», fragt Steffen.

 

Nadine und Manuel, Freunde aus der Studienzeit, feiern heute ihren Vierzigsten. Schon seit längerem schleppen wir uns von einem runden Geburtstag zum nächsten. Uns hat es ebenfalls schon erwischt. Die Feiern zum Vierzigsten haben mittlerweile die Hochzeiten und Kinderbegrüßungspartys abgelöst, die uns in den ersten Jahren unserer Dreißiger begleitet haben. Ein Lebensabschnitt folgt unaufhaltsam dem nächsten. Enden wird es in Beerdigungsfeiern, die den Freundes- und Verwandtenkreis zwangsläufig ausdünnen.

Das dauert natürlich noch ein Weilchen, und doch ist im Großen und Ganzen der Zeitpunkt gekommen, an dem man das erste Mal Bilanz zieht: Habe ich erreicht, was ich erreichen wollte? Bin ich glücklich damit? Und: Geht da noch was? Von Midlife-Crisis zu sprechen finde ich übertrieben, es ist eher eine Art Midlife-Nachdenken. Was erwarte ich noch von dieser zweiten Lebenshälfte? Auch wenn ich mich nicht wirklich so fühle, als wäre ich genau dort angekommen. ICH bin doch nicht alt! Ich tanze, feiere Partys und mache schlechte Witze. Innerlich hat sich nicht viel geändert. Die Erfahrung klopft an, und der Körper lässt an Jugendlichkeit vermissen. Aber sonst? Noch gehört das Leben mir.

 

Wir räumen unterdessen den Tisch ab. Steffen verstaut akribisch Löffel für Löffel in der Besteckschublade, ich wische den Tisch ab und geselle mich anschließend zu ihm, um die guten Gläser mit der Hand zu spülen. Dabei schaue ich aus dem Fenster. Das Haus gegenüber bekommt ein neues Dach. Dachziegel für Dachziegel legen die hemdsärmeligen Dachdecker die Dachsparren frei und geben, wie ich fasziniert feststelle, ein eindrucksvolles Bild ab. Schöne Männer sind das auf dem Dach, kraftvoll und männlich. Ich ertappe mich bei dem für mich eher untypischen Gedanken, es könnte sich lohnen, in der nächsten Zeit mehr Gemüse zu schnippeln als sonst. Echtes Fernsehen sozusagen.

«Und? Betrinkst du dich heute?», fragt Steffen, stupst mich neckisch in die Seite und reißt mich aus meinen Überlegungen zu den reizvollen Dachdeckern.

«Wieso soll ich mich betrinken?», frage ich geistesabwesend.

«Weil du danach immer so schön willig bist und dir die Ausreden ausgehen», antwortet er lapidar und grinst mich unverblümt an, «und weil ich finde, wir könnten mal wieder Sex haben, oder was meinst du?» Sorgfältig stapelt er nun die benutzten Teller und Tassen in die Maschine.

«Sehr romantisch.» Ich verdrehe die Augen amüsiert, ärgere mich aber gleichzeitig ein bisschen.

Ich weiß nicht, wann genau es angefangen hat, aber seit einiger Zeit begnügt sich Steffen damit, seinen «Bedarf»

Leider liegt er mit seiner Einschätzung nicht völlig daneben. Seit der Geburt der Kinder ist mein Verlangen nach Sex auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Anfangs konnte ich es gut auf die Kinder und meinen geschundenen Körper schieben, doch mittlerweile funktioniert diese Ausrede nicht einmal mehr vor mir selbst. Aber was soll ich denn machen, wenn mir nicht danach ist? So etwas kann man schließlich nicht erzwingen, oder? Immer wieder denke ich darüber nach, aber eine Antwort oder gar eine Lösung habe nicht.

Mittlerweile habe ich zwei Vorgehensweisen etabliert, um auf diese «Sexanträge» zu reagieren. Nachgeben (dann bin ich unzufrieden) oder diskutieren und ablehnen (dann ist Steffen unzufrieden). Letzteres in dem Wissen, dass die Stimmung danach eher … nicht so gut ist. Ganz offensichtlich haben wir uns in Sachen Sex in eine Art Sackgasse manövriert.

Dabei sind wir im Großen und Ganzen ein gutes Paar. Denke ich. Seit achtzehn Jahren sind wir zusammen. Wir haben uns auf einer Studentenparty an der Uni kennengelernt. Sein Kumpel war der Kurzzeitfreund einer meiner Kurzzeitfreundinnen. Steffen war ein gut aussehender Charmeur, der mich an nur einem Abend um den Finger wickelte und mir das Gefühl gab, eine wirklich begehrenswerte Frau zu sein. In den Jahren zuvor waren gleich drei längere Beziehungen in die Brüche gegangen, weil ich abserviert wurde. So etwas

«Wir werden sehen», sage ich schließlich und schenke Steffen ein aufmunterndes Lächeln, das er mit einem zufriedenen Grinsen und einem leichten Klaps auf meinen Po quittiert. Vielleicht betrinke ich mich wirklich. Dann hat mein Verstand nicht mehr allzu viel zu sagen.

Dass dies eine mehr schlechte als rechte Lösung ist, weiß ich selbst.

 

Es ist schön kühl hier draußen. Während die Luft in der Wohnung, angefüllt durch die Gerüche zahlreicher Menschen, schwerfällig durch die Räume wabert, betört uns auf der Terrasse ein frühsommerliches Lüftchen. Bierbänke mit bunten Windlichtern und der in der Schnelle abgedeckte Grill stehen verloren im Garten. Nadine und Manuel wollten draußen feiern, doch ein feister Sommerregen hat ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ich sitze zusammen mit Nadine auf der kleinen überdachten Terrasse. Während wir angeregt und schon leicht angeschickert durch die Themen hoppeln, beglückt uns Steffen regelmäßig mit seiner Anwesenheit und kontrolliert den

«Man könnte auf die Idee kommen, du willst deine Frau abfüllen», stellt Nadine fest, als Steffen mir den dritten Wein innerhalb einer Stunde kredenzt.

«Da liegst du mit deiner Einschätzung völlig richtig», entgegnet er lapidar.

«Was? Du willst deine Frau abfüllen?», tönt Manuel, der hinter Steffen aus der Terrassentür tritt und ihm anerkennend auf den Rücken klopft. «Das machst du genau richtig, Kollege. Soll ich den Sambuca aus dem Schrank holen? Dann geht es schneller!»

«Au ja.» Ich kichere. Ich liebe Sambuca, er ist besser als jede Süßigkeit.

«Dein Wunsch sei mir Befehl», erwidert Manuel, deutet eine galante Verbeugung an und entschwindet.

«Steffen, wenn ich in diesem Tempo weitertrinke, schnarche ich dir höchstens noch was vor. Wenn du mich willig willst, musst du das Tempo drosseln.» Unschuldig klimpere ich meinen Ehemann an. Es ist die kleine Rache für seinen uncharmanten Sexantrag.

Nadine lupft amüsiert ihre Augenbrauen nach oben. Zu viel Information, definitiv. Aber ich kann nicht anders.

Steffen verzieht sich schneller, als wir gucken können. Klar, jetzt könnte es unangenehm für ihn werden.

«Irgendwie muss man ja das Prickeln in der Ehe aufrechterhalten», sinniere ich in die Röte des Weins, den ich andächtig im Glas kreisen lassen. «Und manchmal muss man eben nachhelfen. Obwohl das eigentlich schade ist.»

«Ja», entgegnet Nadine nachdenklich, «da könnte was dran sein. Irgendwann ist wohl jede Beziehung an dem Punkt

«Das ist bestimmt wieder so eine Sache, an der die Kinder schuld sind. Die versauen einem nicht nur den Schlaf, sondern auch den Beischlaf.»

Nadine gluckst. «Die Schuldigen sind identifiziert. Wenn man immer mit einem Ohr im Kinderzimmer hängt, ist es mit der erotischen Stimmung schwierig. Man muss einfach lernen, sich kleine Inseln zu schaffen.»

«Hm, vermutlich hast du recht. Wie schafft ihr euch diese Inseln?»

«Gar nicht», antwortet Nadine giggelnd, «wir etablieren generös das Thema eheliche Enthaltsamkeit mit der Aussicht auf Besserung, wenn die Kinder das Abitur in der Tasche haben.»

«Wie gut, dass das recht bald der Fall ist», erwidere ich ernsthaft. Ihre Kinder sind drei und sechs Jahre alt. «Kinder sind echte Sexkiller. Allein die Vorstellung, sie stünden plötzlich in der Schlafzimmertür …»

«Das ist eine absolut gruselige Vorstellung.» Nadine schüttelt sich.

«Und wie steht Manuel dazu?», frage ich.

Nadine grinst schief. «Möglicherweise wäre er empfänglicher, wenn ich öfter gewisse Knöpfe drücken würde, aber ich habe den leisen Verdacht, es wäre ihm viel zu anstrengend. Er strotzt nicht gerade vor Eifer.»

Ich seufze. «Jetzt weiß ich gar nicht, ob ich dich bedauern oder beglückwünschen soll. Steffen ist jedenfalls nicht wirklich glücklich. Und er glaubt ernsthaft, wir sind die Einzigen, bei denen es nicht rundläuft. Doch egal, mit wem ich darüber spreche, irgendwie geht es allen ähnlich. Ich meine,

Nadine stimmt mir heftig nickend zu. «Männer sollten wirklich darüber reden, aber das tun sie ja nicht. Und dann gehen sie stillschweigend davon aus, dass alle anderen vieeel besseren Sex haben.»

«Haben sie vielleicht auch, nur ihre Frauen nicht.»

Nadine kichert. «Auch eine Möglichkeit. Trotzdem, Männer sind untereinander erschreckend verklemmt, was DIESE Themen angeht, oder sie reden in aller Ausführlichkeit darüber und halten es mit der Wahrheit nicht so genau.»

«Der Mann ist und bleibt eben ein Rätsel. Aber haben wir jetzt eine Lösung für das Problem?», frage ich und hoffe auf eine furchtbar weise und geistreiche Antwort.

«Nö!» Sie leert ihr Glas in einem Zug und hievt sich umständlich aus dem klapprigen Gartenstuhl. «Wir reden uns einfach ein, es sei kein Problem, sondern das normale Leben. Mist, ich muss aufs Klo, bin gleich wieder da.» Ein letztes Mal späht sie um die Ecke. «Auf jeden Fall hast DU heute noch einen Termin. Ich übernehme jetzt mal für Steffen deine Druckbetankung und hole den Sambuca, den Manuel uns versprochen hat, damit dein Mann nachher auf seine Kosten kommt.»

«Er wird dir auf ewig dankbar sein», nuschle ich ihr hinterher.

Während sie weg ist, sinniere ich weiter. Mit diesem «Problem» nicht alleine zu sein, ist beruhigend, doch gibt es wirklich keine Lösung? Irgendwo muss es sie doch geben, diese Paare, die auch nach langer Zeit noch richtig guten Sex

Gemütlich fahren wir nach Hause.

Ich liebe es, nachts durch die stillen Straßen zu radeln. Richtig geradeaus möchte mein Fahrrad allerdings nicht fahren. Komischerweise ist der ein oder andere Schlenker dabei, und auch meine beruhigenden Worte veranlassen den geliebten Drahtesel nicht, diese Mätzchen einzustellen. Betrunken Fahrrad zu fahren, ist definitiv unvernünftig, das brauche ich gar nicht schönzureden, aber wenn das alles ist, was an Unvernunft geblieben ist, so lebe ich gut damit.

Zu Hause angekommen, schließen wir sorgfältig die Räder ab, entlohnen die Babysitterin, und sobald sie in die laue Nacht entschwunden ist, schäle ich mich aus den Klamotten, wohl wissend, eine Pflicht noch erfüllen zu müssen …

 

Anders als erwartet, geht es meinem Kopf prima, als ich am nächsten Morgen aufwache.

Leicht verwundert, weil uns noch kein Kind aus den Laken gescheucht hat, kontrolliere ich mit zusammengekniffenen Augen den Wecker. Acht Uhr. Die Kinder müssten längst wach sein. Richtig. Ich spitze die Ohren und höre von unten leise den Fernseher. Das haben sich die Mädels fein ausgedacht. Weil sie genau wissen, dass wir ihnen nach einer Party wohlgesonnen sind, haben sie sich eine zusätzliche Stunde Fernsehen erschlichen. Ich gönne es ihnen, weil wir schließlich alle etwas davon haben, und lasse mich zurück in die Kissen fallen.

Steffen liegt selig schnarchend neben mir und frönt den Segnungen des Tiefschlafes nach durchzechter Nacht. Mit

Einige Zeit später will ich mich aufraffen und die Kinder vom Fernseher befreien, als mich ein starker Arm ins Löffelchen zieht.

«War schön gestern», nuschelt mir Steffen mit alkohol- und schlafgeschwängertem Atem ins Ohr, «warum können wir das nicht öfter machen?»

Ich seufze und erspare mir jeden Kommentar, denn dann muss ich nicht wieder diskutieren und uns damit vielleicht den Morgen versauen. Gott sei Dank belässt Steffen es dabei, und ich gönne ihm einige Minuten Zweisamkeit, ehe ich endgültig aus dem Bett flüchte.

«Welches Sonderbrötchen darf ich dir mitbringen?», frage ich, während ich eine frische Jeans aus dem Schrank ziehe, an meinem T-Shirt von gestern schnüffle und beschließe, es noch einmal tragen zu können, weil es mein bequemstes ist.

«Laugenstange», erwidert er und reckt sich genüsslich.

Ich lasse ihn liegen, tapse nach unten, knuddle die Kinder, die es stoisch über sich ergehen lassen, und frage auch sie nach den Brötchenwünschen. Es folgt die allwöchentliche Diskussion über die Wahl des Bäckers.

«Ich will eine Laugenstange, aber ohne Salz», fordert Milla.

«Ich will ein Käsebrötchen, aber nicht von deeem Bäcker, da sind die voll eklig», mäkelt Carlotta.

Ich seufze, weil ich genau weiß, was nun kommt. Wir haben in der direkten Umgebung drei Bäcker, allesamt schnell und gut erreichbar. Aber egal, zu wem ich gehe, es gibt immer einen in der Familie, dem die Brötchen nicht schmecken. Bei Bäcker A sind die Brötchen zu hart und geradezu ungenießbar (Milla). Bei Bäcker B gibt es keine Laugenstangen mit

Und da ich mich standhaft weigere, alle drei Bäcker abzuklappern, ist mindestens ein Familienmitglied am sonntäglichen Frühstückstisch muffelig. Ich überlege, welche schlechte Laune ich heute am besten ertragen kann, und entscheide mich für Steffen. Der soll das Maulen schön bleibenlassen, schließlich war ich eine brave Ehefrau.

Und das tut er auch. Ein harmonisches Frühstück eröffnet den Samstag.

 

Nach dem Frühstück überlassen wir die Kinder mit diversen Ermahnungen im Gepäck und einer aufmerksamen Nachbarin als Back-up ihrem Schlafanzugtag und fahren mit dem Auto in einen großen Baumarkt an die Bonner Stadtgrenze. Wir wollen den Vorgarten umgestalten und sind auf der Suche nach den passenden Materialien. Er ist DAS große Projekt dieses Jahres und zum großen Teil auf meinem Mist gewachsen. Bisher bietet er einen eher traurigen Anblick: Waschbetonplatten aus den Fünfzigern, Unkraut, dazwischen ein paar traurige Pflanzen. Ich möchte daraus etwas Praktisches und Schönes gleichzeitig machen. Mir schweben Natursteine, eine bienenfreundliche Bepflanzung, eine kleine Sitzecke und ein Fahrradstellplatz vor. Das alles auf knapp dreißig Quadratmetern. Ich bin hoch motiviert und habe Steffen mit Engelszungen davon überzeugt, dass wir alles selbst machen können und sich die Kosten so in Grenzen halten. Seit seiner Zustimmung sind YouTube-Tutorials zum Thema Pflastern, Trockenmauerbau oder dem Einbetonieren von Fahrradständern meine tägliche Selfmade-Droge. Die

Wir sind schweigsam auf der Fahrt, denn uns beiden steckt die Party noch in den Knochen. Wir sind eben keine zwanzig mehr. Bescheuerter Satz! Ich äffe mich in Gedanken nach. So ein blöder Alte-Leute-Gedanke! Ja nun, sagt die Realistin in mir, finde dich damit ab, du näherst dich ebendieser Grenze. Da helfen weder Verdrängung noch das Einreden konservierter Jugendlichkeit. Nach den Maßstäben des Mittelalters wären wir so gut wie tot und können deshalb froh sein, bisher mit ein paar vernachlässigbaren Schwächen davongekommen zu sein. Ich will der blöden Realistin die Argumentationsgrundlage entziehen und erkläre, man könne das Mittelalter wohl kaum als Referenz heranziehen, da könne man ja gleich Äpfel mit Birnen vergleichen.

 

Der Besuch im Baumarkt selbst ist ernüchternd. Die Materialien, die uns vorschweben, gibt es nicht, und den Rest haben wir schon über das Internet rausgefunden. So richtig bei der Sache sind wir auch nicht.

«Irgendwie hatte ich mir das fruchtbarer vorgestellt», maule ich, als ich stirnrunzelnd die Auswahl an Natursteinen betrachte. Es gibt genau eine Sorte.

«Dafür war doch wenigstens der gestrige Abend fruchtbar», unkt Steffen, aber ich gehe nicht darauf ein. Vielleicht weil es gestern mehr Pflichterfüllung als alles andere war, auch wenn Steffen etwas anderes denkt.

«Komm, wir packen wenigstens noch ein paar Blumen ein», schlage ich stattdessen vor. Wir fahren ernüchtert wieder nach Hause, ich beschäftige mich im Garten, pflanze die Sommerblumen und diskutiere nach getaner Arbeit mit

Abends grillen wir spontan mit den Nachbarn, und dann ist der Tag auch schon wieder vorbei, und wir schlafen uns in den sonntäglichen Wandertag.

Verhandlungen

Milla und Carlotta trödeln plaudernd vor uns den Waldweg entlang. Es ist ein schöner Tag. Der Mai zeigt sich von seiner schönsten Seite. Nicht schwül und dennoch warm. Die Sonne schickt ihre Strahlen durch das dichte Blätterdach, die Vögel zwitschern.

Steffen und ich wechseln zwischendurch ein paar Sätze, die meiste Zeit jedoch schweigen wir einmütig und genießen das schnöde DA-Sein. Etwas ohne Ziel und Verpflichtung zu tun, ist der Luxus des Wochenendes.

Ich sinniere über die Umsetzung meines Großprojekts und bin so in Gedanken versunken, dass Steffens Worte ungehört im Wald verhallen. «Hä? Hast du was gesagt?»

«Jaaa», antwortet er gedehnt. «Ich hab dich gefragt, warum wir eigentlich so selten Sex haben, es hat dir doch auch Spaß gemacht.»

Och, Mensch. Warum kommt er denn mit DEM Thema wieder um die Ecke? Wenigstens die Tage danach könnte er sich zurückhalten, oder nicht? Auf der anderen Seite scheint es ihn wirklich zu beschäftigen. Und mich beschäftigt es ja auch, wenn ich ehrlich bin. Doch ich habe keine Lust, mir die sonntägliche Wohlfühlstimmung verderben zu lassen, und gebe meinen Unmut leider ungefiltert an ihn weiter. Manchmal wünschte ich mir eindeutig mehr Fingerspitzengefühl.

«Immer wenn ich dich darauf anspreche, wirst du abweisend. Aber was soll ich denn machen, wenn ich dich begehre? Ich hab eben Bedürfnisse.»

«Aha. Und was ist mit meinen Bedürfnissen?», frage ich schärfer als beabsichtigt.

«Du meinst wohl die eher nicht vorhandenen», zieht er mich auf.

Ich verdrehe affektiert die Augen und knurre unwirsch, denn diese Diskussion führt erfahrungsgemäß nicht weit. Doch weil mich meine Reaktion schon selbst nervt, beschließe ich in Erinnerung an das Gespräch mit Nadine, ihm einen Brocken hinzuwerfen und ihm wenigstens ein bisschen entgegenzukommen. «Es nervt mich eben, wenn du lediglich ankündigst, was DU willst. Das ist nämlich weder erotisch noch romantisch. Nicht reden, MACHEN

Wie üblich hinterlässt ihn diese Aufforderung ratlos. «Dann sag mir doch einfach mal, was ich tun soll. Ich würd es ja gerne versuchen. Ehrlich. Ich möchte doch, dass du auch wieder Spaß daran hast.»

«Genau das ist es doch. Ich kann dir nicht sagen, was du tun sollst. Das wäre ja so, als würde ich dir diktieren, WIE du einen Heiratsantrag machen sollst.»

«Ich durfte dir gar keinen Heiratsantrag machen», grummelt er, «das hast du mir doch verboten.»

«Oh Mann, das war nur ein Beispiel!» Genervt blase ich die Backen auf, dabei weiß ich genau, wie er ist: nicht

Ein altes, sehr altes Ehepaar stöckert an uns vorbei und wirft uns seltsame Blicke zu. Waren wir zu laut? Vermutlich. Das sind wir fast immer, wenn wir diskutieren. Ich versuche, Steffen zu verstehen. Zu verstehen, dass es wirklich Bedürfnisse sind, die er hat, es nichts ist, was er sich ausdenkt, um mich zu ärgern. Ich habe einmal gelesen, dass die Krux beim Sex im Grunde die folgende ist: Männer brauchen Sex, um zu entspannen, Frauen müssen entspannt sein, um Sex zu haben. Demnach wäre es nicht böse oder egoistisch, was Steffen sich wünscht. Oder? Was wäre also, wenn ich ihm entgegenkäme? Die Hauptschuld liegt schließlich bei mir. Ob Steffen nun romantisch ist oder nicht, er sich Mühe gibt oder auch nicht – allein mein fehlendes Bedürfnis steht uns im Weg. Vielleicht sollte ich mein stures Ich endlich verbannen und mit ihm an einem Strang ziehen. Das wär mal eine Neuerung.

Ich bleibe abrupt stehen, drehe mich zu ihm um und fixiere ihn. «Gut, ich habe keine Lust, mitten im Wald Sexdiskussionen für die Allgemeinheit zu veranstalten. Ich verstehe deine Unzufriedenheit. Wirklich. Aber lass uns heute Abend darüber reden. In Ruhe!»

«Was meinst du mit in Ruhe?» Steffen beäugt mich verdutzt. Damit hat er jetzt nicht gerechnet. Und dann habe ich plötzlich diese Idee. Sie ist so typisch Nina, aber egal, einen Versuch ist es wert.

«Wenn die Kinder schlafen, setzen wir uns zusammen und schreiben unsere Wünsche und Sehnsüchte auf Zettel. Ganz ehrlich. Wir versprechen, uns nicht zu verurteilen, und schauen, ob es Gemeinsamkeiten gibt. Danach entscheiden

«Hm.» Steffen kratzt sich seinen angegrauten Wochenendbart. «Ehrlich? So richtig ehrlich

«Ja», antworte ich und blicke ihn offen an. Leise Zweifel verdränge ich. Das Bild der berühmten Büchse der Pandora wabert vorbei, aber wie dramatisch kann es schon werden?

Schließlich nickt er und grinst. «Wenn du meinst, es hilft, bin ich dabei.»

Milla und Carlotta wetzen heran, als wüssten sie genau, dass die brenzlige Situation vorüber ist. Wir mögen sie bitte schnellstens zur Eisdiele lotsen, denn ein Eis, das wäre von unabdingbarer Dringlichkeit. Wir stellen ihnen das Eis für die nächste halbe Stunde in Aussicht, und sie flitzen noch einmal motiviert davon.

 

Die Mädchen sind im Bett, wir sitzen uns am Esstisch gegenüber und starren einander ratlos an. Ich fühle mich, als säße ich mitten in einer heiklen Pokerrunde – die Colts griffbereit auf den Schenkeln, die Mienen unbewegt. Eine verbissene Ernsthaftigkeit flackert durch die Luft. «Spiel mir das Lied vom Tod» wäre jetzt eine fulminante musikalische Untermalung.

Zettel und Stifte liegen bereit, daneben steht für jeden ein Glas Rotwein. Keiner weiß, welches Blatt der andere hat oder wie dieser Abend enden wird. Alles ist offen und kann uns überallhin führen.

Ein Anwalt wäre nicht schlecht. Für beide Seiten. Schließlich sind wir gerade im Begriff, neue Sexkonditionen für unsere Ehe auszuhandeln. Ich glaube, wir kommen uns beide blöd vor, aber abgemacht ist abgemacht, und wer weiß, vielleicht kommt am Ende etwas Gutes dabei heraus.

Steffen belohnt mich mit einem dankbaren Grinsen. «Auf jeden Fall», erwidert er. Er hat meine Vorbereitungen für diesen Abend verwundert beobachtet, sich aber jeden Kommentar erspart. Er kennt mich, ich neige dann und wann zu Überorganisation.

Froh um den kleinen Aufschub, trotte ich in den Keller, nehme die Flasche Sambuca aus dem Regal und trödele Stufe für Stufe wieder nach oben. Was mache ich eigentlich, wenn Steffen Vorstellungen hat, die ich nicht erfüllen kann? Oder will? Und was soll ich nur auf diese Zettel schreiben? Ich kann mir wohl kaum keinen Sex wünschen. Irgendwas wird mir schon einfallen. Irgendwie muss sich der Spaß am Sex doch reaktivieren lassen. Dennoch sollten wir dringend ein paar Regeln festlegen. Und ehrlich gesagt, fände ich die Idee einer dritten Person gar nicht schlecht. Sie könnte vorsortieren, uns jeweils nur die Dinge mitteilen, bei denen wir beide gleichauf liegen, und den Rest unauffällig vernichten. Aber wen fragt man in so einer Lage? Liebe/r Sowieso, könntest du bitte die neutrale Person bei unseren Sexverhandlungen spielen? Oh danke, fein, das wäre nett von dir.

Ich knalle die Schnapsflasche schwungvoll auf den Tisch, hole aus dem Küchenschrank zwei Gläser, knalle sie hinterher, und Steffen füllt sie bis zum Anschlag. Wir prosten uns gegenseitig zu.

«Du und deine Ideen», sagt er schmunzelnd, «meinst du, es gibt Paare, die so etwas schon einmal gemacht haben?»

«Sieh’s mal so. Wir sparen vielleicht viel Geld für eine

Steffen guckt verdutzt und prustet los. Er hat ja recht. Wir machen es uns unnötig schwer. Erleichtert falle ich in sein Lachen ein, der Sambuca und der Rotwein entfalten ihre Wirkung, und der Gedanke, die ganze Angelegenheit könnte sogar spaßig werden, ist gar nicht mehr so abwegig.

«Und was ist, wenn Dinge auf den Zetteln stehen, die dem anderen total gegen den Strich gehen?», fragt Steffen mit einem etwas verunsicherten Blick.

Ein mulmiges Gefühl kriecht meine Speiseröhre hinauf. Ich schlucke und schicke das mulmige Gefühl schnell wieder hinunter. «Wir sind erwachsen, wir kennen uns seit fast zwanzig Jahren, wenn in dir ein Perverser schlummert, hätte ich es hoffentlich bemerkt. Wir sind nicht prüde, und es sind alles nur Möglichkeiten, zu denen jeder von uns auch nein sagen darf. Wenn’s richtig schlimm wird, schießen wir uns ab, damit wir uns morgen nicht mehr daran erinnern können», lautet mein hochvernünftiger Vorschlag, ohne mir weiter Gedanken über seinen unsicheren Blick zu machen.

«Hört sich nach einem Plan an», antwortet Steffen.

Erneut huscht ein leiser Zweifel über sein Gesicht. Das Gesicht, das ich nun schon so lange kenne. Werde ich heute Dinge erfahren, die neu sind oder fremd? Und wenn die Antwort ja lautet, wie werde ich damit umgehen? Nun, für diese Überlegungen ist es zu spät.

«Also, auf Los geht’s los. Topp, die Wette gilt», verkünde ich launig. Ob eine Sanduhr übertrieben wäre?

Steffen sieht mich an, als würde er gerne in meine Gehirnwindungen kriechen, um herauszufinden, was ich denke.

«Jetzt glotz nicht so», herrsche ich ihn gemimt humorig an, «schreib verdammt nochmal was Harmloses auf deinen Zettel.»

Er nickt, schreibt ein einziges Wort, faltet seinen Zettel akribisch zusammen und schiebt ihn wortlos über den Tisch. Mein Herz klopft. Ich bin aufgeregt, es wird konkret. Ich schreibe ebenfalls was auf, falte den Zettel übertrieben sorgfältig und schiebe ihn bedeutungsschwanger über den Tisch.

Ohne mich aus den Augen zu lassen, faltet Steffen das Stück Papier auseinander, wirft einen Blick darauf und stöhnt.

«So brauchst du gar nicht erst anzufangen», murre ich. «Wir haben gesagt, wir tasten uns langsam voran.»

«Das ist aber kein Wunsch, das hätten wir vorher klären können.»

«Nein», widerspreche ich vehement, «es ist sehr wohl ein Wunsch, denn nur so kann ich meine anderen Wünsche formulieren. Ich will nicht mehr in die Loserecke gedrängt werden.» Keine Vorwürfe mehr, steht auf dem Zettel.

«Okay, du hast ja recht. Es soll also wirklich ein Neuanfang in Sachen Sex sein?»

«Ja, das wäre schön.»

Ich nehme seinen Zettel und hoffe inbrünstig, ihm geben zu können, was darauf steht. Öfter. Puh, im Geiste wische ich mir den Angstschweiß von der Stirn, auch Steffen fängt mit ein paar Aufwärmübungen an. «Wie oft ist öfter?»

«Na ja, öfter eben. Das wär schön. Seltener geht ja fast nicht mehr.»

«Wo du recht hast, hast du recht», sage ich seufzend und schiebe nach: «Wie sollen wir eigentlich mit unseren Wünschen umgehen? Sollen wir sie direkt besprechen, oder sammeln wir erst mal?»

«Wir sammeln und machen hinterher eine Auswertung», schlägt Steffen vor.

Ich erspare ihm und mir eine Antwort und werfe lieber den Weinkorken nach ihm. «Depp.»

«Du kannst natürlich auch sofort anfangen, die guten Vorsätze in die Tat umzusetzen», schlägt er feixend vor.

Mir liegt eine Erwiderung auf der Zunge, aber ich schlucke sie herunter. Und lobe mich, weil ich mich so prima im Griff habe. «Ich leg’s auf Wiedervorlage», sage ich stattdessen großmütig. «Nächste Runde, diesmal mache ich mit. Versprochen.»

«Dann bin ich aber jetzt echt gespannt.»

Ich strecke ihm die Zunge raus und genehmige mir einen weiteren Schluck Wein. Mehr Romantik, aber nicht von der kitschigen Sorte, schreibe ich diesmal. Mal sehen, was er dazu sagt. Dann falte ich seinen zweiten Zettel auseinander, lese ihn und lehne mich beruhigt zurück. Das ist machbar.

«Okay», sage ich, «aber nur, wenn die Kinder nicht da sind.»

«Sehe ich ein», erwidert er.

, hatte er geschrieben.

Jetzt ist er wieder dran. Mein Romantikwunsch dürfte eine größere Herausforderung für ihn sein. «Ich kann mir Mühe geben, Nina, aber du musst mir helfen und sagen, was du darunter verstehst. Woher soll ich sonst wissen, was kitschig ist und was nicht.»

«Du bist, wie du bist, das weiß ich doch, aber wir müssen endlich von dieser routinemäßigen Ebene runter. Eine Anleitung gibt es dafür leider nicht. Vielleicht googelst du einfach mal und sortierst alles, was Kai Pflaume empfiehlt, aus. DAS wäre nämlich kitschig.»

«Schade, der wäre mir als Erstes in den Sinn gekommen. So ein Meer aus roten Rosen, hundert Teelichter und ein Nümmerchen auf dem Eisbärenfell vor dem Kamin, das hätte ich hingekriegt.»

«Was für ein Glück, dass wir keinen Kamin haben», bemerke ich trocken.

Wir fangen beide an zu lachen, und es ist, als wäre ein Damm gebrochen. Wir sind schließlich keine Gegner, sondern Partner. In nunmehr beschwingter Stimmung machen wir weiter. Die nächsten Vorschläge bewegen sich im Rahmen des Machbaren. Schritt für Schritt tasten wir uns voran und erobern zurück, was vor den Kindern selbstverständlich war und in dem ganzen Familienwahnsinn irgendwie unter die Räder gekommen ist.

Back to the roots lautet unser gemeinsames Motto.

 

Der Alkohol entfaltet zusätzlich seine positive Wirkung, und die Ernsthaftigkeit ist einer lässigen Heiterkeit gewichen. Wir kichern und albern wie zwei Teenager, und ich klopfe mir für diese Idee im Minutentakt auf die Schulter.

«So, jetzt schreiben wir auf, was wir uns noch nie getraut haben zu sagen. Egal, wie peinlich es wird.» Ups, war das wirklich mein Vorschlag?

Vor Schreck kippt sich Steffen den Schnaps, den er gerade trinken wollte, übers Kinn. Mit dem Ärmel wischt er darüber und betrachtet mich in einer Mischung aus Neugier und Argwohn. «Du willst also wirklich wissen, was ich mir wünsche?»

«Jawoll, kann ja nach fast zwanzig Jahren nicht verkehrt sein», sage ich und bin mir der Brisanz des Augenblicks nur teilweise bewusst. Für mehr ist eindeutig schon zu viel Alkohol geflossen.

Ich krame nun tief in meiner Seele, irgendwo müssen die frivolen Träume doch rumliegen. Ich suche. Wäre ich ein Computer, würde nun das Ladezeichen im Kreis laufen. Wieder und wieder und wieder. Natürlich habe ich Phantasien, aber ehrlich gesagt, findet der Sex dabei eher am Rande statt. Ich träume lieber Geschichten und lasse dem Geschehen davor viel mehr Raum als dem Akt selbst. Vielleicht ist genau das mein Problem. Denn das Davor kann ich mit Steffen nicht zurückholen. Unser Davor ist längst vorbei und der Sex für mich nur noch eine Nachwehe längst vergangenen Prickelns. Ist der Zeitpunkt gekommen, an dem unsere Vorstellungen diametral auseinanderdriften? Kommen nun die Wünsche, die mich überfordern werden?

Ich verdränge alle unheilschwangeren Gedanken und notiere: Spielzeug. Nicht weil ich wirklich scharf darauf bin,

Gespannt schiebe ich meinen Zettel über den Tisch und beobachte Steffen, der immer noch nichts geschrieben hat. Er presst seine Lippen zusammen, der Stift liegt schreibbereit in seiner Hand. Worüber, zum Teufel, grübelt er so lange nach? Ich meine, Unsicherheit in seinem Blick zu erkennen. Ob er etwas im Sinn hat, von dem er glaubt, es könne mich vor den Kopf stoßen? Gefühlte Stunden später schiebt er mir endlich den Zettel vorsichtig über den Tisch.

«Bevor du das liest: Ich sollte ehrlich sein. Es ändert nichts an meinen Gefühlen, und du musst nicht darauf eingehen. Aber wir sind gerade so offen zueinander. Ich finde, du solltest es wissen. Dass ich davon träume. Ich erkläre es dir auch. Verurteile mich nicht direkt. Ja?»

Ach du meine Güte, was kommt denn jetzt? Meine gute Laune weicht urplötzlich dem Gefühl, danach könnte alles anders sein. Kann ich bitte zurückspulen, anhalten, löschen oder fliehen?

«Dann lies du zuerst», bitte ich, lasse seinen Zettel durch meine Hände wandern und verschaffe mir eine Galgenfrist, die nur etwa eine Minute dauert, denn meinen Wunsch gewährt mir Steffen mit kurzem Nicken. Was wohl heißen soll: Kein Problem, wir werden in Bälde ein kleines Päckchen bestellen.

Ich schlucke, obwohl es nichts zu schlucken gibt, so trocken ist mein Mund. Vorsichtig falte ich auseinander, was er geschrieben hat, lese – und die Zeit bleibt stehen.

Es ist nur ein Wort, doch es zieht mir den Boden unter den Füßen weg.

Partnertausch.

«Bist du schockiert?», fragt Steffen vorsichtig.

Der hat sie doch nicht mehr alle!

Will der mich verarschen?

O Gott, mein Mann ist pervers!

Er will ’ne andere vögeln, er will wirklich eine andere vögeln!

Unsere Ehe ist im Eimer!

Erste Gedanken, die mich spontan überrennen. Doch ich schweige, versuche, die Panik zu verbannen und klar zu denken, es nüchtern zu betrachten. Es muss für ihn die Hölle sein, auf meine Antwort zu warten. Ich muss ihn – uns – erlösen, sollte ihm zumindest mitteilen, was ich denke. Es wäre ein Anfang.

«Ich habe jetzt fertig geflucht. Also innerlich», setze ich an, und gefühlt atmet auch Steffen das erste Mal seit mindestens zwei Minuten. Der ist ganz schön angespannt. Recht so! «Natürlich bin ich schockiert. Ist doch klar. Mit so was habe ich nicht gerechnet. Aber, also, ich kann mir schon vorstellen, dass jemand solche Wünsche hat, und vielleicht auch, dass du sie hast. Was mich aber wirklich überfordert, ist die Tatsache, dass ich mir nun Gedanken darüber machen muss. Ob ich mir so was vorstellen kann. Oder ob ich dir die Flasche Wein über den Schädel ziehe und dich frage, ob du noch alle Tassen im Schrank hast.»

«Ich werfe dir nichts vor», unterbreche ich ihn, «ehrlich. Ich muss das nur verarbeiten, okay?» Ich will nicht streiten, nichts zerstören. Deshalb überspiele ich meine Erschütterung und reiße einen Witz: «Gut, lass uns eine Liste anlegen, und dein Vorschlag kommt in die Mittelfristplanung. Okay?»

Steffen sieht mich an, als hätte ich ein Kaninchen mit Hörnern aus dem Hut gezaubert, dann schmunzelt er erleichtert. «Interessanter Ansatz, aber jetzt ernsthaft. Möchtest du gar nicht wissen, warum ich das geschrieben habe?»

«Ja, hm, schon. Oder lieber nicht? Ach, ich weiß nicht. So viele Gründe kann es nicht geben, oder? Gib mir bitte Zeit.»

Steffen greift über den Tisch nach meinen Händen und hält sie fest. «Nur eins noch: Ich will und wollte dich nie betrügen, habe es nie getan und werde es auch in Zukunft nicht tun. Ich liebe dich, und das wird auch so bleiben.»

Ich nicke und schlucke das Tränchen hinunter, das sich den Weg in meine Augenwinkel kämpfen möchte. «Das war ja fast schon romantisch», stelle ich fest, um den rührigen Augenblick wegzuwischen, «also der hintere Teil.»

Er lächelt schief, wir schweigen, ich trinke meinen letzten Schnaps. Einvernehmlich beschließen wir, ins Bett zu gehen. Es gibt nichts mehr zu sagen, das spüren wir beide. Zum Glück ist morgen Pfingstmontag, an einem normalen Sonntagabend hätten wir uns eine solche Alkoholsause nicht leisten können.

Ich sehe noch kurz nach den Kindern. Sie liegen so harmlos in ihren Betten. Carlotta hat ihre Decke weggestrampelt. Liebevoll decke ich sie wieder zu, woraufhin sie sich kurz rührt und im Schlaf vor sich hin nuschelt. Ich drücke ihr

 

Der Morgen danach. Mein Schädel schmerzt, als würde ein Zahnarzt darin herumbohren. Als nach und nach die Ereignisse unseres Tuns in mein Bewusstsein tröpfeln, wird mir schlecht. Was war das nur? Haben wir diese dämliche Büchse wirklich geöffnet? Und war das, was heraussprang, schon alles?

Ich schlurfe ins Bad, im Wohnzimmer läuft leise der Fernseher. Die Kinder haben die Gunst der Stunde erneut genutzt. Ich verüble es ihnen nicht und würde mir eher Sorgen machen, wenn sie es nicht täten. Denn dafür ist die Kindheit da, oder nicht?

Ich nehme eine Kopfschmerztablette und lege mich wieder ins Bett, um auf die Wirkung zu warten. So lange muss es Zeit haben, das Nachdenken darüber, ob wir an einem Punkt angelangt sind, an dem unsere Ehe neue Wege gehen wird.

In welcher Form auch immer.

Meine Güte, wie soll ich nur auf Steffens Vorschlag reagieren, und was soll ich davon halten? Warum möchte er mit einer anderen Frau schlafen? Und warum möchte er, dass ich dasselbe mit einem anderen Mann tue? Es klingt absurd. Träumt Steffen davon, weil ein Partnertausch der besondere Kick ist? Oder will er schon länger eine andere Frau in seinem Bett, und dies ist der Weg, es zu legitimieren? Ist es so profan und billig? Indem er mir dasselbe erlaubt, wird sein Wunsch real?