NATURAL MOVEMENT
NATURAL MOVEMENT
Zurück zur natürlichen Bewegung – für mehr Kraft, Ausdauer und einen gesunden Körper

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1. Auflage 2019
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2019 bei Victory Belt Publishing Inc. c/o Simon & Schuster unter dem Titel The Practice of Natural Movement. Reclaim Power, Health And Freedom. © 2019 by Erwan Le Corre. All Rights Reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Mark Bergmann, Dr. Kimiko Leibnitz
Redaktion: Lucia Rojas, www.derschoenstesatz.de, Tillmann Courth
Umschlaggestaltung: Erwan Le Corre, Dylan Chatain
Umschlagabbildung: Anton Brkic
Layout: Charisse Reyes, Elita San Juan
Satz: Daniel Förster, Belgern
Bildnachweis: alle Fotos im Innenteil von Anton Brkic, außer: Christopher Baker: 39; Dreamstime/Andrey Gudkov: 78; Dreamstime/ Donyanedomam: 70; Dreamstime/Nataliia Shcherbyna: 34; Dreamstime/Operationshooting88: 27; Dreamstime/Sergey Uryadnikov: 55; Dreamstime/Sjors737: 24
Druck: Florjancic Tisk d.o.o., Slowenien
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-1011-8
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0647-7
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0648-4
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Vorwort
1 Manifest
Kapitel 1: Evolutionär
Kapitel 2: Instinktiv
Kapitel 3: Universell
Kapitel 4: Praktisch
Kapitel 5: Überlebenswichtig
Kapitel 6: Nicht spezialisiert
Kapitel 7: Adaptierbar
Kapitel 8: Umweltbezogen
Kapitel 9: Progressiv
Kapitel 10: Effizient
Kapitel 11: Achtsam
Kapitel 12: Kooperativ
2 Prinzipien der Bewegungseffizienz
Kapitel 13: Atmung
Kapitel 14: Positionierung
Kapitel 15: Spannung – Entspannung
Kapitel 16: Sequenz und Timing
Kapitel 17: Lokale Positionskontrolle
3 Prinzipien der Trainingseffizienz
Kapitel 18: Fußfreiheit, Gesundheit, Funktionalität und Kraft
Kapitel 19: Trainingsumgebungen
Kapitel 20: Techniken erlernen
Kapitel 21: Progressionen
Kapitel 22: Strukturieren von Trainingseinheiten
Kapitel 23: Programmgestaltung
4 Techniken
Kapitel 24: Bodenbewegungen 1: Liegen, Rollen, Krabbeln
Kapitel 25: Bodenbewegungen 2: Sitzen, Knien, Aufstehen
Kapitel 26: Balancierbewegungen
Kapitel 27: Gangarten
Kapitel 28: Bewegungen durch die Luft
Kapitel 29: Kletterbewegungen
Kapitel 30: Manipulative Bewegungen 1
Kapitel 31: Manipulative Bewegungen 2
Dank


»Siehst du den Knubbel da am Stamm? Setz deinen Fuß darauf«, sagte mein Vater, während er mir half, auf einen Apfelbaum zu klettern. Ich war gerade vier und hatte etwas Angst, war aber bereit, seine Anweisungen zu befolgen und seinem Rat zu vertrauen. Ich wollte stark sein und zeigen, was ich konnte. Ich war gewillt, etwas zu lernen.
Aber hatte ich überhaupt eine andere Wahl? Hätte ich einfach herunterklettern und aufgeben können? Es kam mir nicht so vor. Denn mein Vater stand nicht unter mir, um mich aufzufangen, falls etwas schiefgegangen wäre. Stattdessen war er genau über mir. Ich befand mich gut 1,80 Meter über dem Boden, was damals noch wie eine tödliche Höhe auf mich wirkte. Etwas wie das hier hatte ich zuvor noch nie alleine gewagt. Mein älterer Bruder Yann war auf selber Höhe wie mein Vater und hatte bereits Vertrauen in seine Kletterfähigkeiten gefasst, was den Wunsch, meinen Vater nicht zu enttäuschen, in mir nur noch verstärkte. Auch ich wollte es bis nach oben schaffen. Ich wollte stolz auf mich sein. Und ich wollte, dass auch mein Vater und Bruder stolz auf mich waren.
Es ist ein angeborener Instinkt kleiner Kinder, durch ihre Taten Bestätigung von anderen zu bekommen. Damals war ich noch zu jung, um in exakt diesen Worten über die Situation nachzudenken, aber ich spürte bereits den praktischen, realen Wert, den diese Herausforderung für mich besaß. Das hatte ich einfach im Gefühl.
Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie ich zum ersten Mal auf diesen Baum geklettert bin. Aber dies war nicht der Moment, in dem mein Training der »natürlichen Bewegung« begann. Mein Vater erzählte mir noch von einer anderen Situation, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, obwohl sie eine ebenso einschneidende Erfahrung für mich gewesen sein musste. Er war damals auf einen steilen, schlammigen Hügel geklettert und ich hatte Schwierigkeiten, ihm zu folgen. Ich war noch recht jung, nur etwa zwei Jahre alt. Mein Vater sagte, dass ich ihn um Hilfe bat, er aber nicht zurückkam, um mir zu helfen. Ich versuchte, den Hügel hinaufzukommen, aber rutschte immer wieder hinunter. Nach einigen gescheiterten Versuchen begann ich, aus Frust zu weinen, und rief abermals um Hilfe. Mein Vater bat mich, es noch einmal zu versuchen. Er erklärte mir, dass er nicht herunterkommen würde, um mich hochzutragen, sondern dass ich das selbst schaffen müsste.
Weil ich keine andere Wahl hatte, hörte ich auf zu jammern und kämpfte mich nach oben, wo mein Vater mich überschwänglich lobte und mir erklärte, welche Lektion ich gerade gelernt hatte: nämlich, dass man zu viel mehr imstande ist, als man glaubt. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er mir nicht geholfen hatte. Aber er wollte mich schon in jungen Jahren Selbstständigkeit lehren, eine wichtige Eigenschaft, die man trainieren kann und sogar muss.
Im Alter von sechs hing ich an einem Metallgeländer an meinem Kinderzimmerfenster, viereinhalb Meter über der Erde. Ich wollte damit nicht auf den Putz hauen, es war niemand da, der es sehen konnte. Ich wollte mir einfach beweisen, dass ich über genug Selbstbeherrschung verfügte, um dieses Manöver zu schaffen. Instinktiv wendete ich nun selbstständig das an, was mir mein Vater vier Jahre zuvor beigebracht hatte.
Von seinen langen täglichen Spaziergängen einmal abgesehen, hatte mein Vater nie sonderlich gesund gelebt, sodass sich seine Gesundheit über die Jahre langsam, aber sicher konsequent verschlechterte. Ich wuchs derweil schnell heran, war aber nie der Größte, Stärkste oder Sportlichste, sondern sah vielmehr aus wie ein typischer Teenager. Ich suchte nach Orientierung in meinem Leben und wusste lediglich, dass ich in Sachen Lebenswandel auf keinen Fall in die Fußstapfen meines Vaters treten wollte. Ich hatte die Vision, stark, gesund, glücklich und frei zu sein und er war nichts von diesen Dingen.
Mit 15 begann ich mit Karate und ging voller Begeisterung zum Training. Ich mochte die Mischung aus physischer und mentaler Stärke, die dieser Sport erforderte. Die traditionelle japanische Kampfkunst lehrte mich viel über präzise Bewegung, Effizienz und methodisches Training. Ich war süchtig danach, trainierte jeden Tag – an manchen Tagen sogar zweimal – und ergänzte die Kampfsport-Einheiten durch Laufen, Schwimmen, Dehnen und sogar Krafttraining. Bald nahm ich auch an Wettkämpfen teil, erst auf regionaler Ebene, später landesweit. Karate war damals mein Ein und Alles.
Mit 19 begann ich ein Universitätsstudium, das ich nach nur wenigen Wochen wieder abbrach, weil es mir schlicht zu langweilig war. Ich war nun allerdings ein junger Erwachsener und alles erschien mir auf einmal viel komplizierter als damals im Kindes- und Jugendalter. Was sollte ich mit meinem Leben anfangen? Wie konnte ich in dieser Welt stark, gesund, glücklich und frei sein? Ich konnte mir nicht vorstellen, dies auf konventionellem Wege zu erreichen, und stellte plötzlich jeden noch so kleinen Aspekt des sogenannten normalen Lebens infrage.
Bis ich jemanden traf, der mich verstand. Don war so alt wie mein Vater und ein charismatischer Typ. Er war bekannt als eine Art Natur-Stuntman und Natur-Lifestyle-Guru. Einmal war er nahe eines Eisbergs aus einem Helikopter heraus in die eisigen Gewässer Grönlands gesprungen, nur mit einer Shorts des Ausrüsters bekleidet, für den er mit der Aktion Werbung machen wollte. Alles, was ich von diesem Mann sah und hörte, faszinierte mich. Don verkörperte in vielerlei Hinsicht all das, wonach ich suchte.
Also kontaktierte ich ihn und begann gleich bei unserem ersten Treffen, mit ihm zu trainieren. Ich wurde ein Anhänger seiner Philosophie und seiner Methoden. Während andere Leute in meinem Alter noch studierten oder bereits Karrieren starteten und Familien gründeten (also »normale« Leben führten), rannte ich nachts barfuß durch die Straßen von Paris, kletterte auf Brücken, balancierte in schwindelerregender Höhe, tauchte, nur mit Badehose bekleidet, in dunkle und eiskalte Gewässer oder sprang ohne Netz und doppelten Boden von Dach zu Dach. Ich lernte Thaiboxen in verrufenen Ecken des Pariser Untergrunds und machte jeden Morgen bei Sonnenaufgang Atemübungen, um Energie aus den »Elementen« zu beziehen. Ich fastete täglich 15 Stunden lang und einmal pro Woche für 24 bis 36 Stunden, in denen ich ausschließlich Wasser trank.
Konventionelle Arten der Unterhaltung lehnte ich komplett ab, um all meine Energie diesem neuen Lebensstil zu widmen und durch mein tägliches Training so gesund, stark und frei wie möglich zu werden. Das Internet war damals für die meisten Menschen noch etwas völlig Neues und Smartphones noch nicht erfunden. Einen Fernseher besaß ich nicht und wollte auch keinen. Ich lief barfuß umher und trainierte »wild« und »ursprünglich«, lange bevor es trendy wurde. Ich praktizierte Intervallfasten und Kältebäder, ebenfalls lange bevor sie trendy wurden – und lange bevor es Digitalkameras und soziale Medien gab. Ich tat all das schon vor 20 Jahren, als ich gerade einmal 19 war.
Ich tauchte vollständig ein in diese ungewöhnliche, existenzielle Suche und lernte dabei unglaublich viel. So viel, dass ich allein über diese Phase meines Lebens ein ganzes Buch schreiben könnte.
Während dieser Jahre konstanter Übungen fürs Leben, wie ich sie bezeichne, trainierte ich häufig draußen auf der Straße, in Parks und in der freien Natur – jederzeit, überall. Oft wurde ich dabei von anderen Leuten schief angeschaut, aber das war mir egal. Selbst wenn sie mit den Fingern auf mich zeigten, mich auslachten oder auf sarkastische Art anlächelten. Einige fragten mich, was ich tue, weil sie nicht verstehen konnten, warum ich barfuß, mit langen Haaren und wie ein Ninja in schwarze Kleidung gehüllt, irgendwelche mysteriösen Übungen machte, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. Wenn ich ihnen meine Methoden erklärte, verstanden sie mich in der Regel nicht und entgegneten Dinge wie: »Wenn du stärker werden willst, warum machst du dann nicht einfach Bodybuilding?« Offenbar waren meine Auffassung, mein Verhalten und mein Lebensstil durch eine dicke Mauer von denen anderer Menschen abgegrenzt. Doch ich konnte nicht anders, ich musste meinem angeborenen Drang folgen. Das war für mich unabdingbar, auch wenn ich natürlich bemerkte, dass es eine klaffende Lücke gab zwischen dem, was ich tat, und dem Verhalten, das die Gesellschaft normalerweise von einem jungen Mann wie mir erwartet. Ich machte weder konventionelle Fitness oder militärisches Training noch trieb ich irgendeinen Sport oder sonst eine bekannte Form der Leibesertüchtigung. Was genau tat ich da also? Trainierte ich auf eine Karriere als Stuntman hin? Hielt ich mich für eine Art Rambo? Selbst wenn ich versuchte, es Leuten zu erklären, verstand mich einfach niemand.
Dafür verstand ich, dass das, was mir fehlte und ich mein Leben lang intuitiv gesucht habe, die Entwicklung und Verfeinerung der wohl zeitlosesten Fähigkeiten war, die ein Mensch nur beherrschen kann.
Wenn du durch einen Park spazierst und Menschen beim Sport siehst, kannst du recht einfach erkennen, was genau sie dort treiben. Jemand hält eine bestimmte Pose und steht dabei vielleicht auf dem Kopf? Klar, das ist Yoga. Ein anderer macht langsame, kontrollierte und bewusste Bewegungen? Dann ist das wohl Tai-Chi oder Qigong. Jemand dehnt sich? Nun, dann … macht er eben Dehnübungen. Jemand macht Handstand oder akrobatische Übungen? Dann ist das Turnen oder Calisthenics. Liegestütze und Sit-ups? Fitnesstraining. Ich glaube, du verstehst, worauf ich hinauswill. Es lässt sich leicht unterscheiden, ob jemand Capoeira oder Hip-Hop, Karate oder Judo betreibt. Viele Menschen erkennen sogar die Unterschiede zwischen verschiedenen Tanzstilen. Man muss eine solche Tätigkeit nicht selbst praktizieren, um zu erkennen, dass jemand anders sie gerade ausübt.
Nun stell dir vor, ein erwachsener Mann oder eine erwachsene Frau klettert auf einen Baum, springt von Ast zu Ast und landet mit einer Rolle auf dem Boden, um danach sofort ein paar Meter auf allen vieren zu kriechen und sich schließlich zu einem Sprint aufzurichten, zu springen und kurz darauf einer anderen Person etwas zuzuwerfen oder diese Person gar herumzutragen. Was würdest du denken, wenn du so etwas siehst? Was für eine Art von Sport ist das? Sind diese Leute verrückt? Oder ist das ein neuer Trend?
Ich begann mit dem Training der »natürlichen Bewegung« bereits als kleines Kind, auch wenn ich damals noch nicht wusste, dass es so heißt und eine uralte Technik ist. Erst später begriff ich, dass die Idee eines Trainingssystems, das komplett aus ganz natürlichen menschlichen Bewegungen besteht, für viele Leute etwas völlig Neues sein würde. Mir wurde klar, dass die meisten körperlichen Übungen und sportlichen Disziplinen einen Namen besaßen und vielen Menschen bekannt waren, dass meine uralten Bewegungstechniken aber noch keinen Namen hatten. Ohne Namen besaßen sie auch keine Identität, ohne Identität keine Bekanntheit, ohne Bekanntheit keinen Wert und ohne Wert hatten sie in der heutigen Zeit, in unserer modernen Welt, keine Daseinsberechtigung.
Ich studierte die Geschichte körperlichen Trainings und lernte, dass schon andere vor mir versucht hatten, diese Art der Leibesertüchtigung bekannter zu machen, jedoch mit gemischten Ergebnissen. Girolamo Mercuriale, Johann Heinrich Pestalozzi, Francisco Amorós, Johann GutsMuths, Friedrich Jahn und Georges Hébert – um nur die wichtigsten Wegbereiter dieser alternativen Bewegungslehre zu nennen – wurden meine neuen Helden. Mir wurde klar, dass eine Vielzahl von Menschen über sehr lange Zeit diese Form des Trainings erforscht hatte und dass ich nun ihr neuer Vorkämpfer und geistiger Führer war.
Ich machte mir fortan zur Aufgabe, dieser neuen und zugleich alten Trainingsform zunächst einen Namen zu geben und anschließend ein einfaches Grundprinzip, ein Konzept zu formulieren, mit dem ich sie anderen Leuten leicht und verständlich erklären konnte, um sie einer breiten Masse vorzustellen und weltweit zu etablieren. Ein ambitioniertes Ziel! Meine Vision war es, die Vorteile dieser Techniken und dieses Lifestyles so vielen anderen Leuten wie möglich zu vermitteln, damit sie davon profitieren könnten. Ich hoffte, die Lebensqualität der Menschen dadurch verbessern zu können. Dies ist auch der Zweck dieses Buchs und meines Lebenswerks, der Methode der »natürlichen Bewegung«, die ich vor über zehn Jahren erfunden habe.
Mehr und mehr Menschen wissen inzwischen um das Prinzip der »natürlichen Bewegung« und dass es dabei um Kriechen, Laufen, Rennen, Balancieren, Springen und derlei Dinge mehr geht. Doch das war nicht immer so. Kannst du dich noch erinnern, wann du den Begriff »natürliche Bewegung« zum ersten Mal im Zusammenhang mit einer eigenen Disziplin oder Trainingsform gehört hast und nicht als anekdotische Beschreibung einer ganz normalen Bewegung mit dem Begriff »natürlich«? Inzwischen habe ich ein komplettes Jahrzehnt darauf verwendet, den Begriff »natürliche Bewegung« und die Idee, die dahintersteht, systematisch und kontinuierlich bekannter zu machen, in unzähligen Zeitschriftenartikeln, Podcasts, Blogeinträgen, Interviews, Videos und schließlich mit diesem Buch, das du in den Händen hältst. Nun endlich steht das Prinzip kurz davor, auch bei der breiten Masse anzukommen.
Genau wie andere Tiere haben auch wir Menschen uns seit Anbeginn unserer Spezies ganz natürlich bewegt. »Natürliche Bewegung« als klar umrissenes und sachlich definiertes Konzept mit einer Reihe detaillierter Prinzipien existiert jedoch erst, seit ich es geschaffen und ihm zu Popularität verholfen habe. Zwar mag eine kleine Handvoll Leute denselben Begriff schon früher verwendet haben – etwa als Buchtitel oder Schlagwort –, doch haben sie damit etwas gänzlich anderes beschrieben und taten dies, ohne ihre Idee damit wirklich bekannter zu machen.
Als ich begann, die MovNat-Methode der »natürlichen Bewegung« zu entwerfen und darüber zu sprechen und Menschen mich fragten, um was es sich dabei handele, war ich erstaunt, dass die Reaktionen, ganz gleich aus welchem Land die Leute stammten, immer gleich ausfielen: »Natürliche Bewegung, was ist das?« oder: »Du meinst, so etwas wie Yoga oder Tai-Chi?«. Kein einziger Experte, mit dem ich mich unterhielt, konnte sich unter dem Begriff etwas vorstellen. Ich begriff deshalb drei Dinge sehr schnell:
Die Definition meiner Idee musste also mehr beinhalten als das bloße Ausformulieren der verschiedenen Bewegungen, die sie umfasst. Sie musste auf grundlegenden Prinzipien fußen, die aus einer zunächst vagen Vorstellung ein solides Konzept machten. Ich entwarf deshalb zwölf Grundprinzipien, die ich in Teil 1 dieses Buchs beschreibe und die das »Manifest der natürlichen Bewegung« bilden. Obwohl sich jedes dieser Prinzipien auf einen einzigen Satz herunterbrechen lässt, habe ich mir die Zeit genommen, alle detailliert zu beschreiben. Du wirst sehen, wie alle Prinzipien miteinander im Zusammenhang stehen und sich wechselseitig beeinflussen. Nachdem du diese Prinzipien gelesen und verstanden hast, dürften deine meisten Fragen, was »natürliche Bewegung« ist – und was sie nicht ist –, beantwortet sein.
Die Erkenntnisse, die ich in meinem Manifest mit dir teile, werden deine konventionellen Vorstellungen vom Begriff »Training« vermutlich in ihren Grundfesten erschüttern. Ich bin der festen Überzeugung, dass es sich beim weitverbreiteten, maschinenbasierten Fitnesstraining um ein zum Scheitern verurteiltes Experiment handelt – einen von der Industrie forcierten Ansatz, der den Menschen eher in großem Maße schadet als hilft. Mein Manifest enthält sinnvolle und sachliche, kritische Elemente in Bezug auf das moderne Verständnis von Fitness und die ungesunden Aspekte unseres modernen Lebensstils. Ich trotze darin konventionellem Wissen, sprenge Konventionen und versuche gleichzeitig, das reiche Wissen meiner Vorgänger zu bewahren. Meine Motivation, dieses Wissen und meine Prinzipien zu teilen, ist das tief sitzende Verlangen, anderen Menschen zu helfen. Die positiven Erkenntnisse und wenigen Elemente konstruktiver Kritik in diesem Manifest sollen dich informieren und inspirieren. Im Anschluss an das Manifest findest du sofort praktische Lösungsansätze für die von mir in meinen Prinzipien offengelegten Problemstellungen.
Als körperlich aktiver Mensch bist du in meinen Augen ein Held der Moderne, ganz gleich, welche Form der Bewegung oder des Trainings du für dich gewählt hast. Wenn du zu den Glücklichen gehörst, die das perfekte Trainingsprogramm gefunden haben – oder zumindest eins, das ihnen Spaß macht und ihrem Körper und Geist guttut –, dann hast du großen Applaus und einen ganz dicken Daumen nach oben verdient. Hast du dieses Programm noch nicht gefunden, dann heißt das nicht zwingend, dass du es noch nicht versucht hast, sondern vielleicht nur, dass du neben all den anderen Hindernissen, die der moderne Alltag dir in den Weg legt, einfach noch von keinem bestimmten Programm oder Konzept überzeugt wurdest. Und vielleicht stellst du nach dem Lesen dieses Buchs ja fest, dass du endlich ein System gefunden hast, das zu dir passt.
Für Menschen, die wieder in Form kommen wollen, gibt es keine einfache Antwort auf die Frage, welches Fitnessprogramm denn nun das Beste für sie ist. Die Fitnessindustrie bietet so viele verschiedene Ansätze, dass eine Durchschnittsperson auf der Suche nach dem richtigen leicht den Überblick verlieren kann. Ich möchte dir eine einfache Frage stellen. Sie mag etwas albern klingen, kann dir beim Beantworten der Frage, welches Fitnessprogramm für dich am sinnvollsten ist, aber vielleicht helfen. Die Frage lautet: Was ist das beste Fitnessprogramm für einen Tiger?
Musst du bei dieser Frage schmunzeln? Findest du sie sinnlos oder albern? Viel wichtiger ist doch: Wie lautet die Antwort? Wie würdest du einen wilden Tiger fit machen? Würdest du ihn aufs Laufband stellen? Oder ihm erklären, dass er auf einen BOSU-Ball springen und sich auf die Aktivierung seines Cores konzentrieren muss, weil das funktionell ist? Kannst du dir vorstellen, wie ein Tiger auf einem Fahrradergometer schwitzt und ständig seinen Puls checkt? Oder muss ein Tiger vielleicht gar nicht trainieren, weil er von Natur aus fit ist?
Hier ist meine Antwort: Um fit und gesund zu bleiben, muss sich ein Tiger so bewegen, wie sich ein Tiger im Rahmen seines natürlichen Biotops nun einmal bewegt, um täglich zu überleben. So einfach ist das. Tiger bewegen sich ganz natürlich, wenn sie ein freies Leben in der Wildnis führen, so wie es jedem Tiger – und jedem anderen wilden Tier – möglich sein sollte. Wilde Tiere bewegen sich ihr gesamtes Leben über so, wie es Natur und Evolution für sie vorgesehen haben, denn in der freien Natur sind eine natürliche Bewegung und Fitness wichtig für das Überleben und Fortpflanzen des individuellen Tiers und somit den Fortbestand der Art. Aus diesem Grund beginnt jedes neugeborene Tier schon sehr früh, die speziellen Bewegungsmuster auszubilden, die seiner Spezies eigen sind. Wenn wilde Tiere ihre Fitness also auf so natürlichem Weg perfekt ausbilden, warum in aller Welt sollten wir Menschen es ihnen nicht gleichtun? Weil wir keine Tiere sind? Weil wir schlau sind und Tiere nicht? Weil wir hoch und Tiere unterentwickelt sind? Oder weil wir dank der modernen Wissenschaft wissen, wie es besser geht? Wäre der Gedanke nicht viel logischer, wir Menschen könnten eine ganz erstaunliche Fitness ausbilden, indem wir einen unserer Spezies eigenen Bewegungsansatz nutzen, der methodisch, skalierbar, progressiv und sicher ist?
Gray Cook, ein renommierter Physiotherapeut und Experte für funktionelle Bewegungslehre, hat einmal gesagt: »Wir wurden dazu geschaffen, stark zu sein und würdevoll zu altern. Das Wiederentdecken authentischer Bewegungsmuster ist dafür der Anfang.« Vielleicht ist es höchste Zeit für einen gesunden und bedeutsamen Paradigmenwechsel, was die Art und Weise angeht, wie wir das Thema Training betrachten.
Nachdem du dieses Buch ganz gelesen hast, wird dir die Idee der »natürlichen Bewegung« wahrscheinlich ganz simpel erscheinen. Das hoffe ich zumindest. Du wirst hoffentlich entdecken, dass eine natürliche Bewegung dir eigentlich ganz vertraut ist, auch wenn sie lange Zeit kein Teil deines Lebens war, und dass du lediglich jemanden gebraucht hast, der dich mit der Nase darauf stößt, damit dir das Prinzip wieder bewusst wird.

1 Evolutionär: »Natürliche Bewegung« leitet sich von der Art und Weise ab, wie wir Menschen uns seit Anbeginn unserer Spezies an das Leben in der Natur angepasst haben.
2 Instinktiv: Wir beginnen mit dem Ausbilden natürlicher Bewegungsmuster bereits als Säuglinge, ohne dass sie uns jemand erklären müsste.
3 Universell: »Natürliche Bewegung« ist eine Fähigkeit, die jedem Menschen angeboren ist, gleich welcher Ethnie, welchen Geschlechts oder welchen Alters.
4 Praktisch: Der Hauptzweck der »natürlichen Bewegung« ist es, beim Erfüllen grundlegender physiologischer Bedürfnisse von Nutzen zu sein.
5 Überlebenswichtig: »Natürliche Bewegung« sichert das Überleben in bedrohlichen Situationen und verbessert die biologische Fitness.
6 Nicht spezialisiert: Natürliche Bewegungsmuster stehen miteinander im Zusammenhang und beeinflussen sich gegenseitig.
7 Adaptierbar: Natürliche Bewegungen passen sich den verschiedenen Anforderungen und Variablen des alltäglichen Lebens an.
8 Umweltbezogen: Natürliche Bewegungen entstanden ursprünglich als Anpassungsverhalten auf die verschiedenen Umweltumgebungen, in denen frühe Menschen lebten.
9 Progressiv: Natürliche Bewegungsmuster werden Schritt für Schritt entwickelt und müssen ständig wiederholt werden, um sie zu bewahren.
10 Effizient: »Natürliche Bewegung« ermöglicht hohe Leistungsfähigkeit bei maximaler Effektivität und Sicherheit und gleichzeitig minimalem Energieverbrauch.
11 Achtsam: Konzentration und Bewusstsein ermöglichen eine effiziente »natürliche Bewegung«.
12 Kooperativ: Menschen setzen »natürliche Bewegung« vorrangig zum Vorteil der Gruppe oder Gemeinschaft ein, der sie angehören.
»Wir vermögen mehr, als wir glauben. Wenn uns das bewusst wird, werden wir uns wahrscheinlich nicht mehr mit weniger zufriedengeben.«
Kurt Hahn

Stell dir vor, du gehst draußen in der Natur spazieren, vielleicht mit einer Gruppe enger Verwandter und Freunde, nur eben nicht jetzt, sondern vor 50 000 Jahren. Die Struktur deines Körpers sieht nicht anders aus als heute, aber deine Umgebung ist eine völlig andere. Alles ist wild, es gibt keine Straßen, keine Autos, keine Städte, keine Restaurants oder Einkaufszentren und keine Flugzeuge am Himmel. Du bist ein Jäger und Sammler, manchmal sogar ein Aasfresser, und deine hungrige Truppe will so viele nahrhafte Lebensmittel wie möglich auftreiben.
Zur Verfügung stehen dir nur primitive Hilfsmittel, aber dein Körper selbst ist eine erstaunlich leistungsfähige biologische Maschine. Vielleicht ist er ganz schlank und durchtrainiert – fit, wie man heute sagen würde –, vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall ist er aber kräftig, flink, agil und widerstandsfähig. Zusätzlich zu diesen beneidenswerten physischen Qualitäten verfügst du außerdem über extrem scharfe Sinne, akute Wachsamkeit und mentale Stärke. Und nicht zuletzt verfügst du über Scharfsinnigkeit und Erfahrung, die bei der Planung effektiver Überlebensstrategien unerlässlich und der Kombination aus roher Kraft und stumpfem Geist weit überlegen sind. Unter Umständen musst du ein weitläufiges Gebiet erkunden und mit verschiedenen Umwelt- und Wetterbedingungen zurechtkommen, um zu jagen oder zu sammeln, was deine Gruppe zum Überleben benötigt. Was immer deine Überlebensstrategie auch sein mag, du brauchst effektive natürliche Bewegungen, um opportunistisch, anpassungsfähig und vor allem erfolgreich zu sein.
Deine Art zu leben zwingt dich ständig zu vielen verschiedenen, manchmal äußerst intensiven körperlichen Anstrengungen. Zwar sind auch längere Phasen der Ruhe und Erholung eine unerlässliche Komponente langfristigen Überlebens, für notorische Faulpelze ist in dieser wilden Zeit und Welt jedoch kein Platz. Deine Gruppe besteht deshalb aus ungezähmten, wilden und ursprünglichen Individuen. Mit anderen Worten: Du bist ein natürlicher Mensch und das Ausüben natürlicher Bewegungen ist für dich ein Muss und tägliche Realität. So sah der Alltag von Menschen und frühmenschlichen Lebewesen rund drei Millionen Jahre lang aus.
Bis vor etwa 12 000 Jahren etwas passierte, das die Überlebensstrategie der meisten Menschen auf der Erde radikal veränderte und ihr Leben tief greifend beeinflusste: die Erfindung der Landwirtschaft. Zwar war der Ackerbau in Verbindung mit Fischen, Jagen und dem Sammeln wilder Früchte zweifellos ein Vorteil im Kampf ums Überleben und entwickelte sich – gemeinsam mit der Viehzucht – schnell zur wichtigsten Methode der Lebensmittelversorgung, verursachte aus Sicht der Bewegungslehre aber auch zusehends physische Probleme.
Es dauerte nicht bis zum Beginn des Informationszeitalters oder gar der Industrialisierung, bis die Menschheit ihr physisches Verhalten dramatisch veränderte. Tatsächlich begann diese Veränderung bereits in der Ära von Ackerbau und Viehzucht. Weil wir uns plötzlich um Felder, Ernten und Tiere kümmern mussten, die sich auf räumlich begrenzten Flächen befanden, sanken die Distanzen, die wir täglich zurücklegen mussten, auf einmal erheblich. Niemand musste mehr kilometerweit laufen, um zur Arbeit zu gelangen. Die Veränderungen betrafen nicht nur die bloße Strecke, die wir täglich zu Fuß zurücklegten, sondern reduzierten auch die Vielfalt der Bewegungen, die wir regelmäßig ausführten, massiv. Felder wurden aller natürlichen Variablen beraubt und so zu künstlichen Anlagen. Bäume (lebend oder tot), Stümpfe, ungewünschte Vegetation und selbst Hügel und Senken im Boden wurden entfernt, sodass das Land vollständig kontrolliert und bewirtschaftet werden konnte. Felder waren nun flach, linear und berechenbar, natürliche Komplexität und Diversität gab es nicht mehr. Diese drastischen Veränderungen des Terrains zogen auch drastische Veränderungen unserer natürlichen Bewegungsmuster nach sich.
Aktivitäten, die vorher im Alltag lebenswichtig waren, wie Laufen, Springen, Balancieren, Kriechen oder Klettern, waren auf einmal nur noch selten gefragt. Sie verschwanden jedoch nicht gänzlich – kleine Kinder üben sie bis heute ganz instinktiv –, sie waren nur plötzlich nicht mehr die Norm. Es war auch nicht so, dass uns nun keine physischen Anstrengungen mehr abgefordert wurden. Im Gegenteil: Der menschliche Alltag wurde sogar noch anstrengender, weil Landwirtschaft damals ausschließlich aus körperlicher Arbeit bestand. Im Vergleich zur Bewegung der Jäger und Sammler war die Bewegungsvielfalt der Bauern aufgrund der Veränderungen an ihren Anbauflächen allerdings massiv limitiert.
Wenn man das grundsätzliche Bewegungsverhalten heutiger Jäger-und-Sammler-Kulturen betrachtet, die sich technologisch noch immer auf einem primitiven Niveau befinden, dann sehen wir, dass sie sich notwendigerweise ein breites Repertoire an Bewegungen bewahrt haben. Um genau zu sein, die gesamte Bandbreite der »natürlichen Bewegung«, inklusive Laufen, Kriechen, Springen, Balancieren, Klettern, Werfen, Fangen, Heben, Tragen und manchmal auch Schwimmen. Vielleicht üben sie nicht all diese Formen von Bewegung mit der gleichen Frequenz und Intensität aus – denn die Ausprägung und Verwendung bestimmter Bewegungsmuster hängt stets auch von den individuellen Fähigkeiten und der Umgebung ab, in der eine Menschengruppe lebt –, aber insgesamt lässt sich eine größere Bewegungsvielfalt beobachten als in Kulturen, die Ackerbau betreiben.
Es existiert ganz klar ein gravierender Unterschied zwischen unserem heutigen physischen Verhalten und dem unserer Urahnen sowie neuzeitlichen Kulturen von Jägern und Sammlern. Jahrmillionenlang wurden wir Menschen physisch und physiologisch von natürlichen Bewegungen in einer wilden Umgebung geformt. Ein paar Tausend Jahre waren für unsere Körper nicht genug, um uns genetisch an die Bedingungen neuzeitlicher Lebensverhältnisse anzupassen. Dieses evolutionäre Missverhältnis beeinflusst unseren Körper, unsere Gesundheit, unseren psychologischen Zustand und unser Leben. Die Evolution – also Millionen Jahre des Lebens in der freien Wildnis – bestimmt nicht nur, zu was wir imstande sind, sondern auch, was unsere Natur physisch und mental von uns erwartet. Menschen sind in unserer modernen Welt zwar noch nicht komplett fehl am Platz – einige unserer evolutionär bedingten Verhaltensweisen allerdings schon.
Betrachten wir das typische physische Verhalten und die Bewegungsmuster eines modernen, zivilisierten Menschen. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht auf die Künstlichkeit moderner Lebenswelten eingehen, die auch ein Grund für das evolutionäre Missverhältnis sind und oft als »Zoomensch-Zustand« bezeichnet werden. Zunächst geht es mir nur darum, wie wir uns in einer modernen Umgebung bewegen oder nicht bewegen.
Was tun wir, wenn wir aufwachen? Wir steigen aus dem Bett und gehen einige wenige Schritte in die Küche, wo wir uns zum Frühstück an den Tisch setzen. Oder wir gehen ins Bad, wo wir uns unter die Dusche stellen. Schon bald wird es dann Zeit, uns auf den Weg zur Arbeit oder zur Schule zu machen. Vielleicht müssen wir dafür einen kurzen Weg zu Fuß zurücklegen, zum Auto, zur Bushaltestelle oder zum Bahnhof. Einige wenige, körperlich aktive Menschen fahren mit dem Rad. Doch selbst die sitzen, während sie fahren.
In der Schule oder auf der Arbeit nehmen wir sofort Platz, um mit unseren Aufgaben zu beginnen. In der Mittagspause stehen wir vielleicht kurz auf und gehen ein paar Schritte zur Kantine oder in einen Imbiss, wo wir uns wieder setzen und essen, bis wir an unseren Arbeitsplatz zurückkehren. Über den Tag verteilt unterbrechen wir unsere sitzende Tätigkeit vielleicht hin und wieder, dann stehen wir auf und gehen hinüber zum Kaffeeautomaten (wo wir mitunter kurz stehen bleiben und plaudern), oder zur Toilette, wo wir uns wieder kurz hinsetzen.
Nach Feierabend kehren wir auf dieselbe Art nach Hause zurück, wie wir gekommen sind – also vermutlich im Sitzen. Am Ende des Tages fühlen wir uns müde und setzen uns aufs Sofa, wo wir entspannen wollen und Unterhaltung suchen. Oder wir setzen uns auf einen Stuhl, um noch mehr Zeit am Computer zu verbringen – entweder, um ein paar Überstunden zu machen, oder um uns in den sozialen Medien mit anderen zu vernetzen. Physisch aktive Menschen – die in der heutigen Gesellschaft eine Minderheit ausmachen – gehen nach Feierabend vielleicht in ein Sportstudio (natürlich sitzend, in privaten oder öffentlichen Transportmitteln) und trainieren im Sitzen an verschiedenen Fitnessgeräten. Und am Ende des Tages nehmen sie am Tisch Platz zum Abendessen.
Zum Schluss gehen wir noch ein paar Schritte zum Bett, um zu schlafen und den gesamten Ablauf am nächsten Tag zu wiederholen. Wie haben wir uns also den ganzen Tag bewegt? Wir haben überwiegend gesessen, sind ab und zu kurz aufgestanden, um ein paar Schritte zu gehen, und haben im Rahmen der Kommunikation höchstens noch ein paar Gesten mit den Händen gemacht.
»Die menschliche Natur ist in einem engen Raum gefangen, wird Tag für Tag zur Unterwerfung gepeitscht. Wie können wir da über ihre Potenziale sprechen?«
Emma Goldman
Wenn es deine hauptsächliche, wenn auch nicht einzige Art der täglichen Fortbewegung ist, über äußerst kurze Distanzen langsam auf einem ebenen Untergrund zu gehen, und du den übrigen Tag irgendwo träge herumsitzt, dann befindest du dich aus biologischer Sicht in einem Zustand der Bewegungsarmut. Wo sind da die Vielfalt und Abwechslung, die Häufigkeit und Intensität, die Effizienz und Anpassungsfähigkeit der Bewegung, zu denen wir dank der Evolution imstande sind? Nicht vorhanden. Im typischen physischen Verhalten eines modernen Menschen sind sie nicht erkennbar. Dieses Aktivitätsdefizit wird gemeinhin als »normal« angesehen, aber ist es das auch tatsächlich? Ist es natürlich? Ist es gesund oder erstrebenswert?
Evolutionswissenschaft und die simple Beobachtung des Verhaltens wilder Tiere zeigen, dass physische Untätigkeit nichts mit Faulheit zu tun hat, sondern eine überlebenswichtige Anpassung ist. Wenn du überleben willst, darfst du nicht deine gesamte Energie verschwenden. Du musst sie für Situationen aufsparen, in denen du sie wirklich brauchst, und darfst sie nur dann einsetzen, wenn es unbedingt nötig ist. Es handelt sich dabei um einen ähnlichen Überlebensinstinkt wie das Überessen in Situationen, in denen die Lebensmittelversorgung unsicher, unregelmäßig oder knapp ist. Gleichwohl sind wir zu »Biofaulpelzen« geworden, zu Menschen also, die ihr natürliches Wesen in einem Maße vernachlässigt haben – allem voran unseren angeborenen Drang nach ausreichend Bewegung –, dass wir in vielerlei Hinsicht Fremde in unserem eigenen Körper geworden sind.
Ich bezeichne physische Untätigkeit als Bewegungsarmut, und die führt zu physischer Schwäche, verminderter Gesundheit und Depressionen. Sie ist ein Zustand, den wir selbst verursachen und den sich aus biologischer Sicht niemand leisten kann.
Wir sind heute weit entfernt von den körperlichen Fähigkeiten und der täglichen Bewegungshäufigkeit und -vielfalt unserer Vorfahren. Stattdessen betrachten wir unseren Körper als Bürde. Wir versuchen, ihn zu ignorieren und trotzdem mit ihm klarzukommen, so als würde er überhaupt nicht zu uns gehören. Bewegung ist zu einer lästigen Unannehmlichkeit geworden, die unser Körper nun einmal erfordert und die wir – so gut es eben geht – zu vermeiden versuchen. Dauerhafte, fast vollständige physische Untätigkeit ist jedoch eine biologische Anomalie, ein Verhaltensfehler, durch den sich unsere physiologische Gesundheit und unser körperlicher Zustand langsam, aber sicher immer weiter verschlechtern. Wir müssen uns nicht erst in die Schwerelosigkeit des Weltalls schießen lassen, um Muskelmasse und Knochendichte zu verlieren. Körperliche Untätigkeit hier auf der Erde genügt dafür völlig.
Auch Bewegungstraining kann unerwünschte Folgen haben, die jedoch meist gering und nur von kurzer Dauer sind. Der stille Verfall durch Bewegungsmangel ist langfristig jedoch garantiert, der dabei entstandene Schaden meist irreversibel oder nur äußerst schwer wieder zu reparieren. Oft kennen die Betroffenen den Grund für ihre Leiden überhaupt nicht. (Natürlich ist Bewegungsmangel nicht der einzige Grund, aber einer der bedeutendsten.)
In einer Dokumentation, die ich einmal gesehen habe, besuchte ein Jäger und Sammler aus dem Amazonasgebiet die Vereinigten Staaten und ließ sich vom Moderator in einen Supermarkt führen. Er war völlig sprachlos, als der Moderator ein kleines Stück Plastik – eine Kreditkarte – für riesige Mengen Lebensmittel eintauschte. Noch perplexer war der Jäger und Sammler, als der Kassierer das Stück Plastik nach Ende des Bezahlvorgangs wieder zurückgab. Wie war es möglich, dass jemand Lebensmittel bezog, ohne sie gejagt oder gesammelt und ohne etwas dafür getauscht zu haben?
Ursprünglich war es uns Menschen nicht möglich, Lebensmittel zu beziehen, ohne uns dafür natürlich zu bewegen. Heute brauchen wir nur ein paar Klicks, unser Gehirn, unsere Augen und unseren Zeigefinger, um uns eine fertige Mahlzeit unserer Wahl ganz bequem überallhin zu bestellen. Natürlich kostet diese Annehmlichkeit Geld, das wiederum erst verdient werden muss, dieser Umstand ist jedoch nichts im Vergleich dazu, raus in die Natur zu gehen und dort stundenlang zu jagen. Wäre die »natürliche Bewegung« für uns Menschen auch heute noch eine Grundvoraussetzung der Lebensmittelversorgung, unsere Gesundheit und Vitalität würden sich durch die Bank weg dramatisch verbessern. Doch dieser Imperativ existiert eben nicht mehr.
Wir lachen über Filme wie WALL•E, in denen die Menschen der Zukunft nicht mehr in der Lage sind, aufzustehen und umherzulaufen, und bemerken dabei gar nicht, dass Laufen schon heute praktisch zu einer optionalen Komponente unseres modernen Alltags geworden ist. Wenn wir schon heute kaum noch laufen müssen, dann werden wir es in Zukunft vermutlich gar nicht mehr tun, bis das Laufen nur noch eine blasse Erinnerung geworden ist und die Leute sagen werden: »Was, du willst mir erzählen, dass die Menschen sich früher ernsthaft mit ihren Körpern BEWEGT haben? Das glaub ich doch nicht!« Das Attribut »gut in Form« zu sein, könnte nach den Standards der modernen, zivilisierten Gesellschaft bald nicht mehr bedeuten als die erstaunliche Fähigkeit, ohne technologische Hilfe selbstständig aufstehen zu können.
Was passiert, wenn heranwachsende, junge Menschen ausschließlich von Erwachsenen in katastrophaler körperlicher Verfassung umgeben sind, die sich nur schwerfällig und mit viel Mühe bewegen können und körperliche Anstrengungen meiden? Was, wenn stundenlanges Stillsitzen in der Schule eine tägliche Pflicht ist und Schüler, die ihren Bewegungsdrang nicht kontrollieren können, als »unruhig« oder »hyperaktiv« bezeichnet werden? Dann werden diese Kinder unterbewusst die Ansicht übernehmen, dass wir Menschen nun mal einen untauglichen, unfitten und vielleicht sogar funktionsuntüchtigen Körper besitzen. Sie werden glauben, dass körperliche Untätigkeit die Norm ist, ein ganz normales und alltägliches Verhalten. Obwohl die »natürliche Bewegung« bei kleinen Kindern ein äußerst starker Drang und ein angeborenes Bedürfnis ist, hat der Großteil von uns schon früh gelernt, diesen Drang zu unterdrücken, ihm zu misstrauen, ihn nicht zu beachten und ihn manchmal sogar zu verlachen. Auf Bäume klettern ist schließlich nur was für Affen, herumkriechen für Krokodile und springen für Kängurus. All diese Bewegungen gelten als seltsames Tierverhalten, das wir beim Heranwachsen ablegen sollen, um das Leben, aber auch unser Training, eines Tages endlich mit der nötigen Ernsthaftigkeit anzugehen. In Wahrheit sind wir Menschen – abgesehen von denjenigen mit angeborenem Handicap – jedoch nicht schlecht im Bewegen. Und wir sind ganz sicher nicht dazu geboren, es überhaupt nicht zu tun. Bewegung gewöhnt man sich nicht an, wir bewegen uns von Geburt an.
»Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht.«
Rosa Luxemburg
Alejandro Jodorowsky hat einmal geschrieben: »Vögel, die in einem Käfig geboren werden, glauben, dass fliegen eine Krankheit ist.« Warum fürchten Menschen stets, sich bei körperlichen Aktivitäten zu verletzen, und verstehen dabei nicht, dass der Schaden für den Körper viel größer ist, wenn wir uns nicht bewegen?
Hat man auch dir beigebracht, dass Bewegung nur eine mögliche Option oder, schlimmer noch, eine lästige Bürde ist? Nichts ist falsch an Bewegung, sich nicht bewegen ist dagegen das Falscheste, was du tun kannst. Viele von uns stecken fest in einer Art selbst auferlegten Bewegungskomas, das zu einer der am weitesten verbreiteten Formen des Selbsthasses in unserer modernen Gesellschaft geworden ist. Körperlich nicht aktiv zu sein, ist nicht mehr länger ein Luxus, den sich nur Reiche finanziell leisten können. Es ist eine Lebensverarmung, die sich aus biologischer Sicht niemand – egal ob arm oder reich – leisten kann. Körperliche Untätigkeit ist eine biologische Anomalie, ein künstliches Verhalten, eine kulturell auferlegte Gefangenschaft und ein selbstzerstörerischer Habitus. Ein Bewegungsdefizit führt nicht nur zu weniger Kraft und Gesundheit in unserem Leben, sondern zu weniger Leben in unserem Leben. Deshalb müssen wir diesen Zustand hinter uns lassen und uns buchstäblich in Bewegung setzen.
Der berühmte Genforscher Theodosius Dobzhansky sagte einst: »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution.« Die Biologie ist das Studium lebender Organismen, unterteilt in spezifische Fachbereiche, in denen Morphologie, Physiologie, Anatomie, Verhalten, Herkunft und Verbreitung dieser Organismen erforscht wird. Als lebendige Wesen besitzen wir eine menschliche Morphologie, Physiologie und Anatomie, die Elemente einer gemeinsamen Biologie sind, welche wiederum auf unsere gemeinsame Vergangenheit als tierische Spezies zurückgeht. Unser Bewegungsverhalten, das grundlegende Bewegungsreflexe, -fähigkeiten und -bedürfnisse umfasst, ist ein so wichtiger Teil dieser Biologie, dass er unsere physiologischen Funktionen, unser menschliches Erscheinungsbild und – zumindest ursprünglich einmal – unsere Überlebenschancen in großem Maße beeinflusst. Die »natürliche Bewegung« ist also ein Produkt der Evolution oder, mit anderen Worten, des Lebens und Überlebens in der Natur über einen langen Zeitraum hinweg. Sozial, kulturell oder kreativ beeinflusstes Bewegungsverhalten mag ein neuer, klitzekleiner Baustein der Bewegungsvielfalt im Repertoire menschlicher Bewegungen sein, aber weder ist es das Fundament natürlichen menschlichen Bewegungsverhaltens noch ist es ein befriedigender Ersatz dafür.
Wenn wir also nach einer Trainingsmethode suchen, die unserer Biologie entspricht, dann müssen wir uns an der gemeinsamen Vergangenheit unserer Spezies orientieren und uns fragen: Wie haben wir uns früher bewegt? Das Hauptkriterium, das eine physische Aktivität zur »natürlichen« Aktivität macht, ist, dass sie im evolutionären Sinne natürlich ist. Sie muss, vereinfacht gesagt, ein natürliches Ergebnis der Evolution sein. Ist sie das nicht, dann handelt es sich dabei auch um keine echte »natürliche Bewegung«. Oder, um es mit Dobzhansky zu sagen: »Nichts Natürliches ergibt einen Sinn, außer im Licht der Evolution.« Die Evolution ist die Grundlage für Natürlichkeit und deshalb auch eines der Grundprinzipien der »natürlichen Bewegung«.
Was bedeutet »natürliche Bewegung« für einen Tiger, Adler oder Delfin? Sich zu bewegen wie ein wilder Tiger, Adler oder Delfin in freier Natur. Woher kommen die Bewegungsmuster und Fähigkeiten, die sie dabei einsetzen? Sie sind im Laufe der Evolution ihrer ganz eigenen Spezies entstanden. Um für das Leben und Überleben in freier Natur optimal angepasst zu sein und zu bleiben, machen Tiger keine Burpees, Hampelmänner oder Crunches. Sie verwenden auch keine Fitnessgeräte oder machen an verschiedenen Tagen Kraft- und Beweglichkeitstraining (was nicht heißen soll, dass wir Menschen aus diesen Trainingsmethoden nicht auch Vorteile ziehen können). Sie müssen sich einfach nur bewegen wie andere Tiger, also gewissermaßen »natürliche Tigerbewegung« üben. Sie brauchen keinen Enten-, Krebs- oder Bärengang. Sie bewegen sich wie Tiger, denn zu Tigern haben sie sich im Rahmen der Evolution entwickelt, nicht zu irgendeiner anderen Tierart, und sie müssen auch keine andere Tierart imitieren, um herauszufinden, wie ihre eigene »natürliche Bewegung« auszusehen hat.
Welche Bewegungsfähigkeiten ein Tier besitzt, hängt von seiner Art ab. Diese spezifischen Bewegungen machen diese Tiere schon immer, weshalb Tiger nicht durch die Luft fliegen, Adler nicht im Meer schwimmen und Delfine nicht auf Bäume klettern können. Wir Menschen können unsere Biologie kleinreden, unterdrücken oder ausblenden, aber wir können uns biologisch nicht neu erfinden. Entscheiden wir uns dennoch, auch weiterhin einen biologisch völlig unpassenden Lebensstil zu führen, dann führen wir damit einen Kampf gegen die Natur, den wir nicht gewinnen können. Auch wenn wir menschengemachte Regeln verändern können, die Gesetze der Natur sind unumstößlich. Niemand besiegt die Biologie, wir besiegen höchstens uns selbst. Entweder sind wir für die Biologie – oder wir sind gegen sie.