
Kurzbeschreibung:
Wales, 1861.
Schon bald nach ihrer Festnahme wegen Wilderei wird die 17-jährige Meriel Ellis mit einem Gefangenentransport nach Australien verschifft. Der Weg in die Freiheit eröffnet sich ihr dort erst, als sie eine Zweckehe mit dem charmanten Viehtreiber Dylan Ayreheart eingeht. Das Paar zieht auf eine Rinderfarm, wo Meriel sich in ihrem neuen Leben einrichtet und genauso harter Arbeit nachgeht wie die Männer. Mit der Geburt ihrer Tochter Eira ist ihr Glück nahezu perfekt, würden ihre Gedanken nicht regelmäßig nach Wales zurückschweifen – zu ihrer großen Jugendliebe Trevor Vaughan. Als Dylan einen schrecklichen Unfall hat, muss Meriel erneut beweisen, dass sie eine Kämpferin ist – allen Widrigkeiten des Schicksals zum Trotz. Trost findet sie in dem wilden Land und in ihrer Begeisterung für die geheimnisvollen Lieder der Ureinwohner, da Musik seit jeher eine besondere Bedeutung für sie hatte. Und als es Trevor Vaughan, inzwischen ein erfolgreicher Gartenarchitekt, auf einer Expedition nach Australien verschlägt, scheint das Glück plötzlich zum Greifen nah …
Unter dem Kauribaum
Roman
Edel Elements
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Lektorat: Barbara Krause
Korrektorat: Susann Harring
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München
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ISBN: 978-3-96215-304-5
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„Los, aufstehen, ihr faulen Weibsbilder!“ Der Wärter ließ seinen Schlagstock am Zellengitter entlang rattern.
Das laute Klappern weckte auch die letzte Schlafende. Die Frauen fluchten und gähnten, während sie peinlich darauf bedacht waren, ihre wenigen Habseligkeiten zusammenzuraffen.
Auch Meriel überprüfte, ob alles noch da war. Das winzige Medaillon, das sie von ihrer Mutter bekommen hatte, und das Beutelchen mit Handwerkszeug.
„Aufstellen!“, schrie der Wärter.
Meriel richtete sich auf und zupfte das Stroh aus ihrem Zopf.
Die Frau neben ihr begann zu zittern, sie war älter als ihre eigene Mutter und klapperdürr. Schorfige Stellen an ihrem Hals verrieten, dass die Wanzen es offenbar ganz besonders auf sie abgesehen hatten oder ihre Nachbarin dem Juckreiz nicht widerstand.
„Keine Angst“, flüsterte Meriel ihr zu, dabei fürchtete sie sich selbst, wie wohl auch die anderen achtundzwanzig Frauen, die gemeinsam mit ihr die Gefängniszelle teilten. Seit Tagen schon verkündeten die Wärter, dass sich an ihrer Situation bald etwas ändern würde. Angeblich würden die Mädchen und Frauen die Freiheit schon riechen und ihrem Leben einen Sinn geben können.
Meriel mochte dieser Behauptung kaum Glauben schenken. Hatte sie doch schon seit Wochen nichts anderes gesehen als die dreckigen Gefängniswände der fünf mal sieben Schritt großen Zelle, an denen der Kalkputz nur noch zu erahnen war.
„Sie lassen uns frei!“, rief eine junge Frau, deren Verstand gerade dazu reichte, sich ihren eigenen Namen zu merken. Weil sie einen Kanten Brot gestohlen hatte, hockte sie schon seit zwei Jahren in der Zelle. Zu ihrem Unglück war sie nicht nur dumm, sondern dabei auch recht hübsch, sodass die Wärter sie regelmäßig herausholten, um ihren Spaß mit ihr zu haben. Meriel schmierte sich mit Absicht Dreck ins Gesicht und achtete darauf, dass ihre Gestalt stets so verhüllt war, wie es nur ging, um nicht ihr Schicksal teilen zu müssen.
Nun aber wischte sie sich sauber und rieb sich die Wangen, bis sie rosig waren. Eine Abordnung von vier Gefängniswärtern und zwei Fremden kam den Gang herunter.
„In einer Reihe aufstellen!“, brüllte ein feister Wächter, dem der Schweiß das fädige Haar platt an den Kopf klebte.
Meriel gehorchte, stellte sich dicht in eine Reihe mit den anderen. Dann wurde es still. Vereinzelt schniefte jemand, eine andere weinte.
Der Wächter strich noch einmal mit dem Knüppel über das Zellengitter, dann schloss er auf und ließ die beiden Fremden eintreten. Es waren ein Mann und eine Frau. Sie trug ein Klemmbrett bei sich, auf dem offenbar eine Liste steckte. Der Herr trug einen Anzug, den Hut hielt er in der Hand. Sein Gesicht war ungewöhnlich dunkel gebräunt für diese Jahreszeit und seine vornehme Erscheinung. Männer wie er verbrachten wenig Zeit unter freiem Himmel, während die einfachen Leute auf den Äckern schufteten. Er strich sich über den Schnäuzer und musterte die Häftlinge wie ein Rinderhändler auf einer Auktion das Vieh.
Gemeinsam mit seiner Begleiterin schritt er die beiden Reihen ab. Sie flüsterten, dann gaben sie ihre Entscheidungen bekannt.
„Die“, sagte der Mann und zeigte auf eine junge Frau von ungefähr achtzehn Jahren. „Und die und die und die. Du da, mach den Mund auf, zeig mir deine Zähne.“
Die Angesprochene öffnete den Mund und entblößte eine Reihe schwärzlicher Stummel. Der Mann schüttelte den Kopf.
Nach und nach wurden die Gefangenen ausgesucht. Sie waren alle jung und kräftig. Die ausgemergelten und älteren Frauen fanden keine Beachtung. Dann war Meriel an der Reihe. Die beiden sahen sie kaum an. Ausgewählt wurde sie trotzdem.
„Mein Herr, was geschieht mit uns?“, fragte sie, und ihre Stimme bebte in einer Mischung aus Angst und Hoffnung.
„Die fürsorgliche Krone schenkt euch ein neues Leben!“, sagte er und wandte sich ohne ein weiteres Wort von ihr ab.
„Sind Sie hier fertig?“, fragte der feiste Wärter.
„Ja, sehen wir uns die anderen an.“
Es gab weitere Zellen mit weiteren Frauen, Dutzende, vielleicht Hunderte fristeten hier ihr Dasein.
Am nächsten Morgen wurden Meriel und die anderen ausgewählten Frauen früh geweckt. Durch das vergitterte Fenster fiel noch kein Licht herein, als sie zusammengetrieben und durch die Gänge gescheucht wurden. Meriel bekam einen Schlag mit dem Knüppel ab, nur weil sie die Letzte in der Gruppe war.
Schließlich erreichten sie einen kahlen, gefliesten Raum. Auf dem Boden standen mehrere Eimer mit Wasser, daneben lagen Seifenbrocken, und es roch nach Essig, der oft gegen Läuse eingesetzt wurde.
„Los, ausziehen und waschen, und zwar gründlich! Das ist das letzte Mal für die nächsten Wochen!“, brüllte ein Aufseher. Gleich sechs Wärter standen abwartend da. Sie waren gekommen, um die Frauen nackt und hilflos zu sehen und sich daran aufzugeilen.
Meriel hasste jeden Einzelnen von ihnen. Während sie sich aus ihrer dreckstarren Kleidung schälte, versuchte sie sich mit der Frage abzulenken, was es bedeutete, dass sie sich in den nächsten Wochen nicht würde waschen können. Sie hatten auch im Gefängnis selten die Möglichkeit. Meist mussten sie sich gemeinsam mit allen Frauen drei Eimer teilen. Vielleicht wurden sie verlegt in eine noch miesere Anstalt.
Sie rieb sich mit Wasser und Seife ein, schrubbte sich mit einer groben Bürste die Haut, dann tauchte sie den Kopf ein und wusch sich das Haar, erst mit Seife, dann goss sie Essig darüber und rieb ihn ein, dann wieder Seife.
Die Blicke der Wärter brannten unterdessen wie kleine Glutfunken auf ihrer Haut. Obwohl sie endlich wieder sauber war, fühlte sie sich schmutzig. Den anderen Frauen erging es nicht besser.
Als die erste ihre Kleidung nahm und in den Eimer stopfte, um auch die zu waschen, schrie ein Wärter sie an, sofort aufzuhören. Dann warf er einen prall gefüllten Sack in die Mitte. Es waren Kleider aus ungefärbtem, grobem Tuch. Die Frauen stürzten sich darauf. Es wurde gekratzt und geschrien.
Die Männer lachten und genossen das Schauspiel. Meriel beteiligte sich nicht an dem Kampf. Ihr Blick begegnete dem eines hageren, pockennarbigen Wärters. Er fasste sich in den Schritt und bewegte rhythmisch die Hüften. Seine Erektion drückte sich gegen den Stoff. Meriel verschränkte die Arme vor den Brüsten und machte einige Schritt zur Seite, sodass er sie nicht mehr sah, dann wandte sie sich dem Sack mit frischer Kleidung zu. Die Frauen hatten aufgehört zu kämpfen. Es war für jede etwas da. Einen Unterschied gab es nicht. Zu den Kleidern gab es wollene Beinlinge und Decken.
Meriel zog sich an und legte sich die Decke um die Schultern.
„Weiter, marsch, marsch!“
Erneut ging es durch Gefängnisflure, dann in den Innenhof, wo die Sonne grell vom Himmel brannte und ihr in den Augen wehtat. Der Boden war schlammig und nur in der Mitte so weit abgetrocknet, dass die Erde harte, wulstige Krusten warf.
Zwei vergitterte Wagen erwarteten sie. Die Wärter teilten sie in zwei Gruppen auf und drängten je zwölf Frauen in einen Wagen. Meriel wurde von den anderen weitergeschoben und geschubst und fand schließlich einen Platz nah am Gitter, sodass sie hinaussehen konnte.
Ein kühler Wind fegte über den Platz und erinnerte an den vergangenen Winter. Während Meriel in einer dunklen Zelle gehockt hatte, war es Frühling geworden, und am Himmel jubilierten die Drosseln und Stare.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Mutter hatte jetzt bestimmt ihr Kindlein zur Welt gebracht, und sie würde ihren kleinen Bruder oder die Schwester wohl nie sehen. Sie ahnte, dass man sie weit, weit wegbringen würde.
Die Gittertüren fielen zu und wurden verriegelt. Meriel klammerte sich mit beiden Händen an die Stäbe, um etwas Halt zu finden. Sie fühlte sich, als habe man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, und nun fiel und fiel sie bis zum Aufprall.
Der Kutscher brachte die beiden braunen Pferde mit einem Peitschenknall in Bewegung. Die Gefängnistore schwangen auf, und der Wagen rumpelte hindurch. Bald schon befanden sie sich auf einer großen Straße, die in das pulsierende Herz von Cardiff führte. In den Hafen.
Kolonnen schwer beladener Fuhrwerke transportierten die Kohle walisischer Bergwerke zu den Schiffen. Mineralisch riechender Staub lag in der Luft, und in Meriels Brust machte sich ein beklemmendes Gefühl breit.
In diese Richtung gab es kein anderes Gefängnis. Sie fuhren nach Süden, und dort gab es nur Wasser. Dort mündete der schlammfarbene Taff in das dunkelgrüne Meer.
Ihre Ahnung wurde zur Gewissheit, als die vergitterten Wagen den Hafen erreichten und sich in dem dichter werdenden Verkehr immer weiter vorarbeiteten.
Meriel stand auf, die Hände noch immer fest um die Gitterstäbe gelegt. Den schneidenden Wind, der durch ihr nasses Haar wehte und eine Gänsehaut auf ihrem Kopf hinterließ, beachtete sie gar nicht. Um sie herum erhob sich ein Wald aus Masten und eingerollten Segeln, aus Reepen, Takelwerk und Seilen. Es roch nach Fisch, Unrat und Kalfater. Hier lagen die großen Überseeschiffe vor Anker.
Matrosen eilten umher, manche schwarz wie Moorboden, andere mit schmalen Augen und fremdländischer Kleidung. Sie rollten Fässer über schmale, schwingende Planken an Bord oder betätigten Kräne und Seilwinden, mit denen Bündel verladen wurden.
„Mein Herr, mein Herr“, rief Meriel dem Kutscher zu. „Bitte erhören Sie mich!“
Der Mann wandte sich mit mürrischem Gesicht zu ihr um. „Was ist denn, Mädchen?“
„Bitte sagen Sie uns, wo wir hingebracht werden.“
Andere Frauen sprangen auf und wiederholten Meriels artig vorgetragene Frage mit wachsender Verzweiflung. „Bitte, bitte, Herr. Wohin?“
Der Kutscher spuckte aus und konzentrierte sich eine Weile auf seine Pferde, die in dem immer dichter werdenden Gedränge zunehmend nervös wurden. Eines stieg sogar, als ein Handkarren voller Hühnerkäfige ganz dicht an ihm vorbeigeschoben wurde.
Schließlich wandte er sich zu ihnen um. „Das hat man euch nicht gesagt?“
„Nein, wir wissen gar nichts.“
„Ich habe doch nur etwas Essen gestohlen, für meine Kinder, meine armen Kinder!“, rief eine.
„Nach Queensland bringen sie euch“, erwiderte der Mann, kratzte sich am Kopf und schob seine Mütze zurecht. „Arbeitslager in Queensland, und dann werdet ihr dort Ehemänner finden.“
„Ehemänner?“, rief eine andere, „aber ich bin verheiratet.“
„Sagen Sie nicht mir das, Lady, ich habe das nicht zu entscheiden.“
„Queensland“, sagte Meriel ratlos. „Davon habe ich noch nie gehört. Wo liegt das?“
„Ganz im Süden, in den Kolonien, Terra Australis, Van Diemen‘s Land, da in der Gegend. In der Südsee.“
Meriel sackte zusammen und rutschte entlang der Gitterstäbe zu Boden. In ihren Ohren war ein helles Fiepen. Sie würden sie wegbringen, ganz weit weg, und sie würde nie wieder heimkehren. Entweder auf der Überfahrt sterben oder in diesem fernen Land, von dem sie nichts wusste, außer dass es eine Wüste war, wo das Empire sich all jener Menschen entledigte, die es für überflüssig hielt: Verbrecher, Bettler und Diebe.
Niemand, der dort hingeschafft wurde, kam je zurück.
In Amerika lockten Freiheit und Gold, in Australien gab es nur den Tod.
Meriel kauerte sich zusammen und weinte so sehr wie noch nie seit ihrer Gefangennahme. Sämtliche Hoffnung auf eine baldige Freilassung war dahin. Auch die anderen Frauen trauerten, eine schrie den Namen ihres Ehemanns, andere klammerten sich nur mit weit aufgerissenen Augen aneinander.
Die Kutsche hielt von einem riesigen Schiff. Es verfügte über drei Masten, die einen Schornstein überragten. Der Bug war von Wetter und Salzwasser gegerbt. Die Ladung gelöscht, ragte es weit aus dem Wasser, und die an den Spundwänden anhaftenden Seepocken und Miesmuscheln waren der Luft ausgesetzt. Matrosen schlugen besonders dicke Verkrustungen ab. Kreischende Möwen machten sich über die Reste her.
Teilnahmslos ließ Meriel über sich ergehen, dass man ihr Eisen an die Füße legte. Eine Frau nach der anderen wurde an Bord getrieben. Das Rasseln ihrer kettenbeschwerten Schritte war weithin zu hören, doch es kümmerte niemanden.
Sie wurden an Deck versammelt. Meriel blickte unter Tränen auf die Reihe weiterer Leidensgenossinnen, die über eine Rampe hinaufstiegen. Eine junge Frau sah sich mit wilden Augen um, dann sprang sie von der Rampe ins Wasser. Das trübe Wasser des Taff verschlang sie sofort. Matrosen liefen herbei, einer stocherte mit einer langen Stange bis zum Grund, doch das Mädchen tauchte nicht mehr auf. Die schweren Ketten hatten es hinabgezogen.
Meriel fühlte keine Trauer, nur leisen Neid. Vielleicht hatte sie die bessere Wahl getroffen.
Jemand stieß sie vor die Schulter, drängte sie, weiterzugehen, hin zu einer dunklen Luke, die wie ein gieriger Rachen vor ihr klaffte. Sie sah ein letztes Mal über den Hafen und die Stadt Cardiff hinweg auf die grünen Hügel in der Ferne, dann schlurfte sie den anderen hinterher in eine ungewisse Zukunft.
***
Vier Tage verstrichen. Vorher gelang es Trevor nicht, sich davonzustehlen. Mutter hatte einen Schneider bestellt, der von allen Familienmitgliedern die Maße nahm, um neue Winterkleidung zu nähen. Die halb fertigen Stücke hatte er mitgebracht, und Trevor wurde immer wieder gerufen, um ärmellose Mäntel und Hosen mit umgeschlagenen Säumen anzuziehen. Dazwischen sah er sehnsüchtig aus dem Fenster, wo Regen und Nebel einander abwechselten, und paukte in den Pausen Latein. Es war nötig, diese sperrige Sprache zu lernen, wollte er sich tatsächlich wie Onkel Samuel der Pflanzenwelt verschreiben. Trevor hatte sich vorgenommen, ihn um eine Assistentenstelle zu bitten, wenn der im Sommer wieder auf Reisen ginge. Ein Auftrag wartete an der schottischen Westküste auf ihn, wo er einen weitläufigen Garten neu gestalten wollte.
Bislang wussten weder Onkel Samuel noch die Eltern von seinen Plänen. Bis er sie offenbarte, hatte er noch Zeit und wollte so gut wie möglich vorbereitet sein.
Ihm schwirrte noch der Kopf vor neuen Worten, als er endlich aufbrach. Er hatte mit Meriel verabredet, sich frühestens nach drei Tagen zu treffen und dann an dem ersten Nachmittag, an dem wieder die Sonne schien.
Nun lugte sie hinter schweren grauen Wolken hervor. Trevor ritt mit leiser Aufregung im Bauch los. Er beachtete die Hunde kaum, sondern dachte an sie. Das forsche Mädchen, das ihm so mutig begegnet war. Ob sie wohl noch genauso unbeschwert mit ihm sprechen würde, wenn sie wüsste, wer er war?
Trevor war sich sicher, dass sie ihn nicht erkannt hatte. Er mied das Dorf, weil ihm die kriecherische Art, mit der die einfachen Leute seiner Familie begegneten, missfiel. Er war nicht besser als sie, er hatte nur mehr Glück gehabt.
Je näher er dem Treffpunkt kam, desto aufgeregter wurde er.
Meriel war so anders als die jungen Frauen, denen er sonst auf Festen und Jagden begegnete.
Jene erschienen ihm wie völlig fremde Wesen, mit denen es keine Überschneidungspunkte gab. Die ein oder andere hatte er hübsch gefunden, doch wenn sie dann den Mund aufmachten, war sein Interesse schnell wieder verflogen.
Nun war er fast da. Die Hunde jagten voraus und kläfften. Als er am Bau ankam, war Meriel nicht zu sehen.
Trevor blickte zum Himmel hinauf. Ja, die Sonne schien, doch es standen auch viele Wolken am Himmel. Vielleicht würde sie nicht zu ihrer Verabredung kommen, sondern auf einen besseren Tag warten.
Er hielt sein Pferd an, wartete.
Allein mit der Jagd beginnen wollte er nicht. Je mehr Zeit verstrich, desto unruhiger wurde er. und seine Stimmung sank. Warum kam sie nicht? Hatte sie herausgefunden, wer er war, und scheute daher eine erneute Begegnung?
Nein, so schätzte er sie nicht ein. Und wenn ihr etwas zugestoßen war?
***
Auf dem Schiff, neun Monate später
Das Stroh, mit dem das Zwischendeck bei ihrer Ankunft ausgestreut gewesen war, taugte längst nicht mehr als Lager. Es war zerbrochen, zerdrückt, und in den Halmen hauste Ungeziefer.
Meriel schlief lieber auf den blanken Holzbohlen, die sie jeden Abend sorgfältig sauber fegte.
Seit sie auf offener See waren, hatte man ihnen die Fußfesseln abgenommen. Wohin sollten sie auch fliehen? Meriels anfängliche Tränen waren Trotz und blankem Überlebenswillen gewichen. Sie weinte nicht mehr, sondern konzentrierte sich nur noch darauf, diese Überfahrt irgendwie zu überstehen, ohne dabei ihre Würde zu verlieren.
Zwei der Frauen schliefen mit Matrosen, um sich durch die Gefälligkeiten etwas besseres Essen zu erkaufen. Meriel machte es ihnen nicht zum Vorwurf, doch viele andere Frauen taten es.
Als Meriel an diesem Morgen aufwachte, hatte sie das Gefühl, dass eine Veränderung bevorstand. Das Schiff ächzte und knarrte unter der Kraft von Wind und Wasser. Schon seit drei Tagen schwiegen die Motoren. Nur die Segel zogen sie jetzt noch ihrem unbekannten Ziel entgegen.
Eine Weile lauschte sie den Wellen, die unermüdlich gegen den Bug schlugen. Einige Frauen schnarchten, hin und wieder kratzte sich jemand. Meriel lag neben Beth. Die junge Frau schlief ihr zugewandt. Sie hatte noch immer volle Lippen und ein rundliches Puppengesicht, obwohl ihr Leib genauso hager war wie Meriels. Ihre Haare waren zu kurzen Stoppeln geschnitten. Sie kam aus einem anderen Gefängnis. Dort hatte man den Frauen vor Antritt der Reise die Köpfe geschoren, weil in den Zellen so viele Läuse waren, dass die Frauen sich die Haut blutig gekratzt hatten.
„Du bist wach?“, sagte sie und blinzelte Meriel an wie eine träge Katze.
„Schon eine ganze Weile. Irgendwas ist anders heute.“
Beth runzelte die Stirn, lauschte. Dann zog sie die Decke höher um die Schultern, nur um sie plötzlich von sich zu schieben. „Es ist wärmer, das ist es.“
Meriel wurde erst in diesem Moment klar, dass auch sie ihre Decke noch in der Nacht zur Seite geschoben haben musste.
„Jetzt sind wir wirklich weit weg von daheim“, sagte sie, dabei hatte das Schiff den Hafen von Cardiff erst vor zehn Tagen verlassen, wenn sie richtig gezählt hatte.
Beth seufzte. „Ich würde so gerne mal sehen, wie es dort oben ist. Sollen sie mich in Eisen legen, aber sehen möchte ich es.“
Meriel nickte betrübt. „Ich wäre schon mit frischer Luft zufrieden.“ Sie stand auf und schlug sorgfältig ihre Decke aus. Eine vollgesogene Bettwanze purzelte hinaus, die sie zertrat, bevor das Insekt in einer der Spalten im Holzboden verschwinden konnte. Meriel hängte die Decke an einen krummen Nagel, der aus einem Balken ragte.
Beth rappelte sich ebenfalls auf und verstaute ihr Zeug.
„Macht nicht so einen Lärm!“, brummte eine Frau, deren Namen sie bislang nicht erfahren hatten. Sie lag die meiste Zeit herum, ruhte oder schlief. Meriel kam es vor, als habe sie jeglichen Lebensmut verloren.
„Komm, machen wir uns nützlich und kochen Grütze“, sagte Beth. Sie waren zwar nicht an der Reihe, doch ihnen beiden war es lieber, eine Beschäftigung zu haben, als in Grübeleien zu verfallen. Schnell hatten sie das Feuer in dem kleinen Ofen geschürt und setzten einen großen Kessel auf, dessen Wände schwarz vom Ruß waren. Meriel goss eine Mischung aus Süß- und Meerwasser hinein, das sie sonst zum Waschen verwandten. Durch das Salz würde die Grütze nicht mehr ganz so fad schmecken.
Es gab fetten Speck, der grünlich und schon ein wenig ranzig war. Beth schnitt ihn in hauchdünne Scheiben, peinlich darauf bedacht, alle gleich groß zu machen. Jede Frau würde zwei Stück bekommen.
Der Geruch des Essens weckte auch die anderen auf. Beth und Meriel füllten ihre Holzschüsseln und setzten sich mit ihrem kargen Mahl in einen Winkel. Sie teilten sich eine rohe Zwiebel, das einzige Gemüse, das noch übrig war.
„Was denkst du, wie lange sie uns in der Kolonie noch einsperren werden?“, fragte Meriel zwischen zwei Löffeln Grütze.
„So lange sie möchten, fürchte ich. Hast du dich mal umgehört? Viele Frauen sind für Lappalien verhaftet worden, für die früher niemand belangt worden wäre. Mir kommt es beinahe so vor, als hätten sie Gründe gesucht, um uns ins Gefängnis zu stecken.“ Beth war aufgegriffen worden, als sie auf der Suche nach Arbeit umhergezogen war und im Freien kampiert hatte. Man warf ihr Landstreicherei vor.
Meriel nickte. Schon oft war es ihr merkwürdig vorgekommen, dass sie für einen Diebstahl derart hart bestraft wurde.
„Und sieh dich mal um. Alles junge, gesunde Frauen.“
„Die rothaarige Vinnie meint, sie haben uns nur verhaftet, damit sie Ehefrauen für die Siedler in Queensland bekommen. Denn freiwillig reist keine anständige Frau in dieses Höllenloch.“
„Das kann ich nicht glauben!“, entfuhr es Meriel, doch tief in ihrem Innersten dachte sie längst so wie Vinnie. Hatte sie doch mittlerweile genug der immer gleichlautenden Gerüchte gehört, dass das Empire versuchte, die arme Unterschicht auszudünnen, indem die Menschen in die Kolonien abgeschoben wurden. Nach Australien kamen all jene, die nicht aus freien Stücken nach Amerika ausreisten oder keine Chance hatten, dort Aufnahme zu finden. Für die Oberschicht waren sie nichts als Abschaum, Dreck, den man beseitigen musste.
Es gab ihr einen Stich ins Herz. Trevors Familie gehörte zu diesen Leuten. Ob auch er mittlerweile so dachte?
Beth zuckte zusammen, als die Verriegelung an der Tür geöffnet wurde. Von außen lag ein schwerer Balken davor, der nun weggeschoben wurde.
Gebannt sahen sie zum Ausgang. Um diese Uhrzeit kam nie jemand. Jeden zweiten Tag brachte jemand abends Nahrungsmittel und Wasser und leerte Eimer, in denen sie ihre Notdurft verrichteten.
Zwei Matrosen traten herein. Sie mussten gebückt gehen, damit sie nicht mit den Köpfen an die niedrigen Balken der Zwischendecke stießen. Sie bauten sich beiderseits der Tür auf, wie Soldaten, die ihre Posten bezogen.
Etwas würde geschehen. Stille hatte sich über die Frauen gesenkt. Sollten sie Angst haben, oder gab es einen Grund zu hoffen?
Beth nahm Meriels Hand und drückte sie.
Ein dritter Seemann trat ein. Aus Beobachtungen wusste sie, dass er an Bord etwas zu sagen hatte. „Ladys, guten Morgen!“, brüllte er. „Heute ist der Tag des Herrn! Der Kapitän hat verfügt, dass auch ihr verlorenen Seelen sein Wort hören sollt.“ Die Matrosen lachten, als habe er einen Witz gemacht.
„Steht auf! Mitkommen. Denkt nicht mal daran, abzuhauen. Dieses Schiff ist eine Insel, und in jede gottverdammte Richtung gibt es nur Wasser. Hunderte Meilen Wasser.“
Seine Worte trieben Meriel einen Schauer über den Rücken, der genauso schnell verflog, wie er gekommen war. Denn sie würden aus diesem Loch herauskommen, und sei es auch nur für die Dauer einiger Gebete.
Aufgeregt stolperte Meriel mit den anderen Frauen an den Matrosen vorbei durch die Tür, von der sie geglaubt hatte, dass sie sich für sie erst an ihrem Ziel wieder öffnen würde. In einem kleinen Flur stapelten sich Bündel bis hoch unter die Decke. Bohlen knarrten unter ihren Schritten. Die Treppe, die hinaufführte, war schmal.
Meriel atmete tief ein, als ein plötzlicher Luftzug ihr den salzigen Odem des Meeres entgegenwarf. Das Schiff tauchte in ein Wellental. Meriel wurde gegen das Geländer gedrückt, doch nun konnte nichts mehr sie aufhalten. Dann wurde es hell. Sie blinzelte angestrengt, wie ein Tier, das nach einem langen Winter im Stall endlich wieder auf die Weide kam.
Die Sonne stach ihr schmerzhaft in den Augen. Die Frauen kamen ins Straucheln.
„Vorwärts!“, rief jemand. Die Männerstimme hatte nicht den strengen Ton der Gefängniswärter. Meriel wurde am Arm gefasst und weitergeführt. Die Eindrücke überwältigten sie. Möwen und Sturmvögel schrien. Der Wind umbrauste ihr Gesicht und zerrte an den Haaren. Tränen traten ihr in die Augen, während sie auf den gleißend hellen Horizont starrte, der nur langsam das Blau des Himmels und das Grüngrau des Meeres trennte.
„Setzt euch hier hin“, sagte jemand. Meriel wurde losgelassen. Mit den Händen ertastete sie aufgerolltes Seil, dick wie Männerarme, und hockte sich daneben auf die Planken.
Nach und nach konnte sie mehr erkennen.
Das Schiff stand unter vollen Segeln, die sich majestätisch blähten. Meriel erschien es wie ein König, der sein Reich aus endlosen Wogen besichtigte.
Neben ihr saß Beth und staunte genauso sehr wie sie.
Dann läutete ein Matrose eine kleine Schiffsglocke aus maisgelbem Messing. Die Frauen, die bis dahin aufgeregt getuschelt hatten, verfielen in Schweigen. Beth ergriff aufgeregt Meriels Hand.
„Kapitän Fortman an Deck!“, rief der Matrose, der die Glocke geläutet hatte, und erst jetzt wurde Meriel klar, dass sich wohl fast die gesamte Mannschaft versammelt hatte. Sie erkannte zwei Schiffsjungen, die nicht älter als zwölf Jahre alt sein konnten und sie an elternlose Straßenkinder erinnerten. Trotz ihrer Jugend standen ihnen die Strapazen eines harten Lebens ins Gesicht geschrieben. Das dort neben ihnen schien der Koch zu sein. Die Haare, die ihm auf dem Kopf fehlten, quollen ihm als roter Wust aus dem Hemd und bedeckten seine Arme. Er trug eine fleckige Schürze und im Gürtel ein kleines Beil sowie ein Messer.
Dann bemerkte sie ihn. Einen Mann so schwarz wie Ruß, der inmitten der versammelten Schiffsbesatzung stand. „Schau nur, ein echter Mohr!“, flüsterte sie ihrer Freundin zu. Beth sog den Atem ein. Der Mann stand wie selbstverständlich zwischen den Matrosen. Jetzt, da Meriel genauer hinsah, wurde ihr klar, dass viele Männer aus fremden Ländern kamen. Wenn sie darüber nachdachte, war es nur verständlich, fuhr doch der Dreimaster tagein, tagaus über die Meere der Welt und brachte Güter in ferne Häfen.
„Männer!“, rief der Kapitän energisch und zog damit aller Aufmerksamkeit auf sich. Er war ein klein gewachsener Mann, dafür umso breiter in den Schultern. Sein Gesicht war glatt rasiert und wettergegerbt, das graue Haar kurz. Seine Hände waren groß und kräftig wie Pranken, und es schien nicht richtig, dass er sie in diesem Moment nicht benutzte, sondern sie bloß vor der Brust verschränkte. Er ließ seinen Blick über die Mannschaft und dann auch über die gefangenen Frauen gleiten, und Meriel meinte, seine Autorität wie ein Gewicht zu spüren, das ihr auf die Seele drückte. Dennoch straffte sie die Schultern und richtete sich gerade auf.
„Männer, ihr wisst, dass mich die Anwesenheit der Damen nicht sonderlich erfreut. Zwar glaube ich nicht, dass sie Unglück bringen …“ Er machte gekonnt eine Pause. Die Männer lachten, und der ein oder andere schickte begehrliche Blicke herüber. „Aber diese … Personen sind auch nicht der Moral an Bord förderlich. Unser verehrter Kaplan Mister Rees ist allerdings der Meinung, dass es schlimmer wäre, die Damen vor euch zu verbergen, als euch sehen zu lassen, was für jämmerliche Gestalten der Herrgott auf unser Schiff befohlen hat. Daher werden die uns von der Krone anvertrauten Gefangenen ab sofort jeden Sonntag gemeinsam mit uns die Messe feiern.“
„Amen“, rief ein in dunklen Farben gewandeter dicklicher Mann, der nun zwischen den Matrosen hervortrat. Er trug eine schlichte Bibel im Arm, und um seinen Hals hing ein Kruzifix. „Auf dass euch allen durch das Gebet Gottes Gnade zuteilwerde.“
Jemand brachte eine Seekiste, auf die er sich stellte und sofort aus der Bibel vorzulesen begann. Seine Stimme war unangenehm hoch und ein wenig zu dünn, um es mit dem Rauschen der Wellen aufnehmen zu können.
Meriels Gedanken drifteten schnell ab. Die vergangenen Wochen und Monate waren derart eintönig gewesen, dass sie sich nun kaum sattsehen konnte an der Weite des Ozeans, an den zahlreichen Segeln, Masten und Seilen. Sie betrachtete Vögel und Menschen, genoss die ungewöhnlich warme Sonne auf ihrer Haut. Selbst die Bewegung der Luft hatte ihr gefehlt.
Nach einer Weile spürte sie, dass sie beobachtet wurde.
Es war einer der Matrosen. Ein schlaksiger, hoch aufgeschossener Mann, nicht viel älter als sie selbst. Er hatte ein offenes, freundliches Gesicht, doch seine Augen waren tiefgründig und erinnerten sie an jemand anderes.
Trevor hatte solche Augen gehabt.
Der Matrose lächelte knapp und wandte sich dann beinahe schuldbewusst wieder der Predigt zu.
Meriels Gedanken folgten dem einmal eingeschlagenen Pfad zurück in die Vergangenheit, zurück zu Trevor und dem Tag, an dem ihr Unglück seinen Lauf genommen hatte.
***
Als die Sonne ihre Strahlen wie spitze Lanzen durch die Wolkendecke sandte und dem grauen, nebeligen Herbstland einige Farben zurückgab, wusste Meriel, dass dies der Tag war, an dem sie Trevor wiedersehen würde.
Doch ach, die Sturmböen hatten in der Nacht einige Steinplatten aus dem Dach gerissen, und bevor sie den Schaden nicht ausgebessert hatte, konnte sie nicht aufbrechen.
Vater hatte immer Ersatz bereitliegen, und so war sie schließlich fertig und rannte die halbe Strecke. Dann war sie so außer Atem, dass sie langsamer gehen musste. Sie flocht ihren Zopf neu und schob sich sorgfältig einige verirrte Strähnen aus der verschwitzten Stirn. Auch ihr dunkelblaues Wollkleid strich sie noch einmal glatt. Zum Glück hatte Mutter nicht gesehen, dass sie ihr gutes Gewand trug. Es war eigentlich für Kirchgänge und Festtage vorgesehen.
Warum sie es ausgerechnet für einen Landstreicherjungen anzog, war ihr selbst nicht ganz klar.
Trevors Gegenwart machte etwas mit ihr, das sie ganz aufgeregt und kribbelig werden ließ.
Sie stieg durch eine Hecke, und da breitete sich die Rinderweide mit der Karnickelburg vor ihr aus. Im Schatten, der sich wie ein blassblauer Streifen an der Hecke entlang zog, waren noch Eiskristalle auf den Grashalmen. Sie knisterten unter ihren Schritten, als sie sich weiter vorwagte.
Und dann sah sie ihn. Trevor stand neben einem grasenden Pferd und hielt es am Zügel. Zwei sehr schlanke Hunde spielten windschnell miteinander fangen.
Meriel zögerte. Sollte sie wirklich zu ihm gehen? Ihr Herz hämmerte plötzlich in der Brust, als sei sie die gesamte Strecke gerannt. Angst war das nicht, zumindest nicht ausschließlich.
Noch hatte er sie nicht bemerkt, sondern blickte in eine andere Richtung und streichelte gedankenverloren das Pferd. Etwas an dem Bild stimmte nicht. Ein Landstreicher sollte kein derart gutes Tier besitzen. Bevor Meriel eine Entscheidung treffen konnte, hatten die Hunde sie jedoch entdeckt und kamen bellend auf sie zu.
Erschrocken wich sie zurück. Dann waren die Tiere auch schon bei ihr. Sie wedelten mit den Schwänzen, sprangen an ihr auf und ab und einer leckte ihr die Hand.
„Meriel!“ Trevor eilte zu ihr, das unwillige Pferd hinter sich her ziehend. Er grinste breit. „Ich dachte schon, du würdest nicht kommen.“
„Ich, ich wollte eher hier sein, ehrlich, aber es gab so viel zu tun.“
Meriel streckte dem Pferd die Hand hin und strich ihm über die seidigen Nüstern. „Wo hast du ihn her?“ Sie musste die Frage einfach stellen. Mit einem Viehdieb wollte sie nichts zu tun haben, das war um einiges schlimmer, als hie und da ein Kaninchen zu erlegen. Die Leute, denen das Land gehörte, hatten ohnehin keine Verwendung für Niederwild, so stellte sich Meriel es zumindest vor, auch um ihr Gewissen zu beruhigen. Ein Pferd hingegen war wertvoll.
„Er ist eine sie“, sagte Trevor und grinste noch immer. „Rose gehört mir schon seit drei Jahren, sie ist ein großartiges Pferd.“
Sie wollte ihren Ohren nicht trauen. „Sie gehört dir?“
„Was ist denn daran so ungewöhnlich?“
Meriel rang nach Worten, dann platzte es nur so aus ihr heraus. „Ich dachte, du seist ein Landstreicher und das Pferd …“
„ … sei gestohlen“, ergänzte Trevor und wurde schließlich ernst. „Und wenn es nicht so wäre, wenn ich kein Landstreicher bin, läufst du dann wieder davon?“
Er hatte sie durchschaut. Meriel war kurz davor, umzudrehen und in das Schlehengebüsch zu rennen. Wenn Trevor ein Pferd besaß, dann war er reich, und wenn er reich war, dann gab es nur sehr, sehr wenige Familien in der Gegend, die in Frage kamen. „Trevor, wie ist dein Nachname?“
Er zog seine Brauen zusammen. Sein Blick verdüsterte sich. „Tut das etwas zur Sache?“
Sie nickte.
„Vaughan!“ Er spuckte ihn ihr regelrecht entgegen.
Das Wort traf Meriel wie ein Schlag. Sie hatte nicht nur Trevors Frettchen auf dem Gewissen, sondern auch noch auf seinem Land gejagt und ihn bestohlen. Und nun war er hergekommen, um sie zu überführen oder sich über sie lustig zu machen oder gleich beides zusammen. Sie wollte umdrehen und heimlaufen, als er sie auch schon am Oberarm packte und unerbittlich festhielt.
„Meriel, bleib stehen!“
„Nein, bitte, bitte lass mich. Ich mache es nie wieder, ich werde es dir zurückzahlen, jeden Penny, bitte.“
„Meriel!“ Nun war er richtig wütend. Seine Stimme ließ ihn zusammenzucken. Das Pferd scheute, und die Hunde, die zuvor so freundlich gewesen waren, blieben erstarrt stehen, und ihr Rückenfell stellte sich auf.
Und da hatte Meriel der Mut verlassen. Sie brauchte nicht versuchen, sich loszureißen, die Hunde würden sie finden. Trevor würde sie auf seiner Stute einholen.
Zitternd hielt sie inne. Und dann tat Trevor etwas, das sie nicht erwartet hatte. Er nahm eine Kiste, die er sich umgehängt hatte, und reichte sie ihr. „Halt das, und mach auf keinen Fall die Klappe auf.“
Meriel fühlte, wie sich in dem Behältnis etwas bewegte. „Was ist das?“
Und da war Trevors freundliches Wesen wieder zurück. „Willst du denn nicht mehr lernen, wie man mit Frettchen jagt?“
Die Zeit bis zum Abend verging wie im Flug. Anfangs war Meriel noch gehemmt, da sie nun wusste, dass Trevor ausgerechnet zur Familie Vaughan gehörte, doch er machte es ihr durch seine fröhliche Art leicht, das zu vergessen.
Gemeinsam bedeckten sie viele Ausgänge des Kaninchenbaus mit Netzen, dann schickten sie das Frettchen in einen Gang und warteten.
Zuerst schwiegen sie, und das einzige Geräusch kam von der Stute, die langsam umherwanderte und Gras rupfte. Die Hunde lauerten wie erstarrt auf das erste flüchtende Beutetier.
Meriel und Trevor standen nebeneinander, und die Herbstsonne wärmte ihre Rücken.
„Schade, dass wir uns nicht schon eher begegnet sind“, brach Trevor das Schweigen.
Meriel sah ihn irritiert an. Meinte er das wirklich ernst? Schließlich war ihr erstes Treffen alles andere als gut verlaufen. Sie fühlte sich noch immer schuldig, besonders nachdem sie gesehen hatte, wie liebevoll er mit dem übrig gebliebenen Frettchen umgegangen war. Doch er schien ihr verziehen zu haben. Warum fiel es ihr so schwer, das zu glauben?
Er war ganz anders, als man es sich in Stonebridge von den Vaughans erzählte. Sie hatte einen arroganten jungen Mann erwartet, der auf sie herabsah, als sei sie weniger wert als seine Hunde.
Trevor griff in seine Tasche und nahm ein kleines Päckchen heraus. In dem gewachsten Papier war ein Stück kalter Braten eingeschlagen, sorgfältig in gleichmäßige Scheiben geschnitten. „Hier, nimm“, sagte er. „Es kann etwas dauern, bis die ersten Kaninchen flüchten.“
„Aber bist du denn nicht hungrig?“ Meriel war sich sicher, dass er den Proviant auch alleine geschafft hätte.
„Nicht so sehr, ich habe gegessen, bevor ich aufgebrochen bin“, sagte er und sah sie dabei nicht an.
Die Vorstellung, dass er es nur für sie mitgebracht hatte, war ihr noch unangenehmer. Meriel wollte keine Almosen. Doch ihr Magen kannte keine solchen Bedenken und knurrte verräterisch. Seit dem kargen Frühstück, einer Scheibe altbackenen Brotes, hatte sie nichts mehr bekommen.
„Danke“, murmelte sie und nahm sich ein Stück. Trevor wickelte die Reste ein und bestätigte damit Meriels Verdacht. „Hast du Geschwister?“, fragte sie, bevor sie anfing zu essen.
„Einen Bruder. Seit er ein Studiosus ist, ist er ein noch schlimmerer Besserwisser als vorher. Er ist die meiste Zeit in der Stadt.“
„Mein Bruder ist auch fort. Er ist mit dem Vater im Holz.“
„Hast du noch mehr Geschwister?“
Meriel nickte und kaute hastig. Der Braten schmeckte großartig. „Einen kleinen Bruder, Carl, und eine kleine Schwester. Sie heißt Mary. Und die Mutter erwartet noch ein Kindchen.“
„Eine große Familie“, stellte Trevor fest.
„Ja.“ Meriel seufzte, und dann platzte es einfach so heraus. „Wir haben nicht viel im Winter. Und dieses Jahr waren auch noch die Ernten schlecht. Ein Unwetter hat das Getreide zerstört, und die Kartoffeln sind im Boden verfault. Deshalb habe ich gewildert, Trevor. Sonst hätte ich das nie getan.“
Er blickte sie ernst an. „So schlimm?“, fragte er, und es klang mehr nach einer Feststellung.
„Mutter glaubt, dass sie das Kind verlieren wird, weil wir so wenig zu essen haben. Ich habe ihr versprochen, dass wir genug haben werden, ganz gleich, was ich dafür tun muss.“
Trevor schwieg betreten. Vielleicht wurde ihm gerade klar, wie gut er es hatte. Sie lebten nur wenige Meilen voneinander entfernt, und doch konnten ihre Leben nicht unterschiedlicher sein.
In diesem Moment schoss ein Kaninchen aus dem Bau, befreite sich aus dem Netz, bevor Trevor es erwischte, und raste davon. Einen Augenblick lang waren alle Sorgen vergessen. Gebannt beobachtete Meriel, wie die Hunde die Verfolgung aufnahmen. Sie waren schnell wie Schatten. Nie zuvor hatte sie Windhunde in vollem Lauf gesehen. Obwohl die Beute wilde Haken schlug, schnappte ein Hund es schließlich an den Hinterläufen, der andere biss in den Kopf, und es war aus.
Trevor stieß einen schrillen Pfiff aus, und schon kehrten die Hunde ausgelassen umherspringend zurück und legten ihm das Kaninchen zu Füßen.
„Das Erste ist für dich“, sagte Trevor feierlich.
Die Nacht war hereingebrochen, als Meriel mit drei Kaninchen heimkehrte. Trevor hatte sie den Großteil der Strecke begleitet und behauptet, das gehöre sich so. Zum Abschied hatte er sie scheu umarmt, und seitdem fühlte sie sich federleicht und glücklich.
Sie trafen sich noch mehrere Male, bevor der schicksalhafte Tag im Dezember alles änderte.
***
Oktober
Der Großteil der Kartoffelernte war verdorben. Käfer und Maden hatten die Pflanzen geschädigt und die angefressenen Knollen waren bei dem feuchten Wetter noch im Boden verfault.
Meriel hatte im Kartoffelkeller nach dem Rechten gesehen und im Licht einer flackernden Kerze jede einzelne Knolle geprüft, nachdem ihr ein fauler Geruch aufgefallen war. Von dem wenigen, was sie besaßen, hatte sie vier weitere aussortieren müssen. Eine Knolle war nur zur Hälfte faul, die würden sie heute noch essen. Meriel legte ein paar in ihren Korb, tat noch eine Steckrübe sowie eine Zwiebel hinzu und öffnete dann ein hölzernes Schränkchen, in dem ihr Geheimnis aufbewahrt wurde. An Schnüren aufgereiht hingen darin gepökelte Kaninchen und eine Ente. Sie schnitt eine Keule von dem fetten Vogel und lächelte. Den Stolz auf ihren guten Einfall und sein Gelingen zeigte sie nicht vor den anderen, aber hier unten gestand sie sich ein kleines Lächeln zu.
Ja, sie hielt ihr Versprechen. Wenn sie es nur gut genug machte, würden sie trotz der Missernte nicht hungern müssen.
Meriel stieg mit dem Korb und ihrem Licht die Treppe hinauf. Der Keller war in den Lehmboden unter das Haus getrieben worden und nahm nur ein Drittel der Fläche ein. Hier war es stets feucht und kühl, genau richtig, um Vorräte zu lagern und Flachs und Wolle zu bearbeiten. Die Stufen unter ihren Füßen knarrten. Sie waren ausgetreten und glatt.
Meriel brachte den Korb in die Küche, wo ihre Mutter bereits das Feuer im Herd schürte. Mit einem Haken entfernte sie einen Eisenring aus der Platte, sodass der große Kessel eingesetzt werden konnte. Heute würde es, wie an vielen anderen Tagen, Suppe geben.
„Hier“, sagte Meriel leise und stellte ihre Fracht ab.
„Schon wieder? Aber das ist doch nicht nötig, Kind.“
„Ich werde mehr holen, sorge dich nicht. Ich werde noch einmal die Fallen kontrollieren.“
„Ist es denn schon dunkel genug? Du weißt, wenn dich jemand sieht …“
„Mich wird niemand sehen. Ich werde einen Sack mitnehmen und Zunderholz suchen. Du weißt, dass ich vorsichtig bin.“
„Ich bin deine Mutter, ich sorge mich nun mal“, sagte sie und drückte Meriels Hand. „Nun geh, möge Gottes Segen dich begleiten.“
Sie erwiderte nichts. Die Worte hatten einen schalen Beigeschmack, wie trübes Wasser. Sie war eine Diebin, nichts anderes. Und der Herrgott würde wohl kaum gutheißen, was sie tat. Andererseits … war es nicht ihre Pflicht, fürsorglich zu sein?
Ihre Geschwister spielten auf dem elterlichen Bett mit Puppen aus Lumpen. Sie waren so sehr darin vertieft, dass sie nicht merkten, wie Meriel stehen geblieben war und ihnen einen Moment lang zusah. Dann zog sie ihre Pantinen an, hängte sich einen graugrünen Filzmantel um die Schultern und trat hinaus.
Es war dunkel. Vom letzten Licht angestrahlt, zogen vereinzelte, gräuliche Wolken über den Himmel, und über den Hügeln ging soeben der Mond auf. In einer Woche würde er in vollem Glanze stehen, jetzt reichte sein Schein gerade so aus, dass Meriel losziehen konnte. Auf dem ehemaligen Kartoffelacker waren die ersten Fallen ausgelegt. Eine nach der anderen war leer und unberührt. Die Kaninchen und Tauben besuchten das Feld kaum noch, seit es abgeerntet war. Hier gab es nichts mehr zu holen, und die alten Wildpfade wiesen keine frischen Spuren auf.
Enttäuscht sammelte Meriel die Schlingen ein. Es würde wohl doch nicht so einfach werden, wie sie es sich erträumt hatte.
Auch auf den anderen Feldern war nichts in den Fallen, bis auf eine unglückliche Ratte, die von einem kleinen Raubtier bereits halb aufgefressen worden war.
Meriel überlegte kurz, ob sie für den Marder eine Schlinge legen sollte, doch soweit sie wusste, waren sie nicht essbar, und einen Pelz zu verkaufen wäre viel zu auffällig.
Sie schlich weiter, eine Hecke entlang, die den Pachtgrund der Familie begrenzte.
Zögernd hielt Meriel inne. Trotz der Kühle der heraufziehenden Nacht wurde ihr plötzlich heiß. Schweiß bedeckte ihre Hände, dann hatte sie ihren Entschluss gefasst. Vorsichtig sah sie sich noch einmal um, dann schob sie sich zwischen den dichten Ginsterbüschen hindurch, bemüht, keinen Laut zu machen.
Hinter den Sträuchern war noch eine Findlingsmauer zu überwinden, dann war sie endlich auf der anderen Seite. Hier erstreckten sich schier endlose Weiden. In der Ferne machte sie einige Rinder aus, die unter einer Eiche ruhten. Ein Käuzchen schrie, ansonsten war es beinahe unheimlich still. Das Summen und Zirpen der Sommernächte war herbstlichem Schweigen gewichen.
Nun bin ich schon einmal hier, da kann ich mich auch umsehen, dachte Meriel bei sich und lenkte ihre Schritte tiefer in unbekannte Gefilde. Dies waren die Ländereien der Familie Vaughan. Leute, von denen Meriel bislang nur gehört hatte. Im Dorf gab es viel Tratsch über ihren Reichtum.
Da würden sie doch sicher nicht merken, wenn ihnen einige Kaninchen fehlten, oder?
Anfang November lud der Hausherr oft zu einer Treibjagd. Auch Meriel war schon zusammen mit Vater und Bruder und fast allen anderen Einwohnern von Stonebridge durch den Wald und die Hecken gezogen und hatte Tiere mit Schreien und Pfiffen den Jägern zugetrieben. Die Pfade hatte sie sich gut eingeprägt.
Meriel machte an einigen Eichen halt und sammelte Eicheln, denn so hätte sie eine Ausrede, falls sie erwischt wurde. Menschen, die so arm waren, dass sie Eichelbrei essen mussten, würden doch sicher nicht von ihnen angezeigt werden, oder? Von den Vaughans hatte bestimmt noch niemand den bitteren Brei gekostet.
Meriel hingegen aß ihn fast jeden Winter. Dazu wurden die Nüsse getrocknet und zerrieben. Den Brei wässerte man, um ihn weniger bitter zu machen. Sie verzog bei der Erinnerung an den Geschmack den Mund.
Nun war der Boden ihres Leinensacks bedeckt und die Schlingen darunter nicht mehr sichtbar.
Dort! Eine Bewegung! Auf einer kleinen Kuppe, nahe an einem Haselgebüsch gelegen, hockten gleich mehrere Kaninchen und fraßen vom taubedeckten Gras. Meriel schlich näher, blieb stehen, wenn die Tiere lauschend die Ohren hoben, dann schlich sie wieder ein Stück weiter. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Überall auf der Kuppe waren große Ein- und Ausgänge. Vielleicht bestand diese Kaninchenburg schon seit Jahrzehnten. Es musste Dutzende Tiere geben, wenn nicht mehr.
Schließlich flüchteten die Tiere. Schnell wählte Meriel vier Tunneleingänge aus und befestigte die Schlingen tief in den Gängen, sodass sie nicht zufällig entdeckt werden konnten. Dann hieß es warten.
Sie suchte sich ein Versteck, zehn Schritt entfernt. Dort hockte sie sich hin, wickelte sich fest in ihren graugrünen Filzmantel, der an vielen Stellen verschlissen war, und lauschte.
Langsam zog der Mond über das Firmament. Sternschnuppen huschten vorbei, und auf den Gräsern bildete sich Reif. Meriel konnte den Eiskristallen beim Wachsen zusehen. Ihre Aufregung schwand, niemand würde um diese Uhrzeit zufällig hier vorbeikommen und sie bemerken. Sie war sicher. Mit dem Gefühl von Sicherheit kehrte die Müdigkeit zurück, und sie nickte ein.
Ein Rascheln ließ sie auffahren. Es kam aus dem Bau. Mehr stolpernd als rennend lief sie zu ihrem Fang. Ein Kaninchen quiekte. Es hatte sich in der Schlinge verfangen und zerrte panisch daran. Meriel löste den Pflock, mit dem sie ihre Falle im Boden befestigt hatte, und zog ihre Beute heraus. Mit einer schnellen Bewegung brach sie dem Tier das Genick und stopfte es in ihren Beutel. Die Falle legte sie erneut aus, aber sie würde nicht länger hier warten, sondern in der folgenden Nacht zurückkehren.
Mit einem Hochgefühl im Herzen trat sie den Heimweg an. Dies war ein perfekter Ort, um einen Wintervorrat zusammenzubekommen!
***
Drei Tage später
Trevor hatte den Vormittag damit zugebracht, Mathematik, Latein und Griechisch zu lernen. Nun summte ihm der Kopf von all den Vokabeln und Formeln.
Sein Lehrer war endlich fort, und auch er sehnte sich danach, das Anwesen zu verlassen. In den vergangenen Tagen war das Wetter regnerisch und kühl gewesen und Trevor ans Haus gefesselt. Seine Mutter wünschte ihn meist in ihrer Nähe, seit der Vater geschäftlich unterwegs war und der Bruder zurück zum Studium in der Stadt.
Heute würde er der aufdringlichen Fürsorge entfliehen, das hatte er sich fest vorgenommen. Trevor rüstete sich in der Küche mit Proviant aus, dann machte er sich auf in die Stallungen. Er sattelte seine Stute, befreite seine beiden Windhunde aus dem Zwinger und nahm auch zwei Frettchen mit. Die Kiste mit den kleinen Wieseln und die restliche Ausrüstung fanden ebenfalls Platz auf dem Pferderücken.
Der Stallknecht wünschte ihm eine erfolgreiche Jagd, Trevor stieg in den Sattel und ritt davon. Endlich!
Als die Außenmauern des weitläufigen Gartens hinter ihm lagen, fühlte er sich endlich frei. Er reckte die Arme zu den Seiten, während sein Pferd in ruhigem Galopp dahin lief. Die Hunde jagten einander in wildem Spiel über Stock und Stein.
Trevor wusste schon genau, wohin er wollte. Er kannte alle größeren Karnickelbauten auf dem Anwesen, und der Onkel hatte ihn gebeten, einen bestimmten zu bejagen, da die vielen Tunnel bereits die Mauer der Weide zum Absacken brachten. Trevor war es nur recht. Auch wenn Vater und Bruder seine Freude an dieser Form der Jagd belächelten, hielt ihn das nicht davon ab. Mit Frettchen zu jagen galt als Sport der einfachen Leute, aber ihm gefiel die Zusammenarbeit der verschiedenen Tiere.
Schließlich erreichte er den Bau, band sein Pferd so an, dass es grasen konnte, und machte sich an die Arbeit. Er sah sofort, dass er nicht genug Netze dabei hatte, um alle Ausgänge des gewaltigen Tunnelsystems zu verschließen. Also würden die Hunde viel zu tun bekommen. Die beiden Windhunde saßen mittlerweile still im Gras und beobachteten ihn aufmerksam bei der Arbeit. Sie schienen zu ahnen, dass sie ihre Kräfte noch brauchen würden.