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Der neue Landdoktor
– Staffel 5 –

E-Book 41-50

Tessa Hofreiter

Impressum:

Epub-Version © 2019 KELTER MEDIA GmbH & Co. KG, Sonninstraße 24 - 28, 20097 Hamburg. Geschäftsführer: Patrick Melchert

Originalausgabe: © KELTER MEDIA GmbH & Co.KG, Hamburg.

Internet: https://ebooks.kelter.de/

E-mail: info@keltermedia.de

Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.

ISBN: 978-3-74095-128-3

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Leseprobe:
Das Geheimnis der schönen Antonia

Leseprobe

Dr. Leon Laurin stand wie festgewachsen auf einer belebten Straße in der Münchener Innenstadt, während er seine Frau Antonia, die vor einem Café auf der anderen Straßenseite saß, nicht aus den Augen ließ. Seit mehr als siebzehn Jahren waren sie miteinander verheiratet, hatten vier Kinder, führten, jedenfalls seiner Ansicht nach, eine glückliche Ehe. Und nun sah er sie zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit mit ihrem Jugendfreund Ingo Ewert in sehr vertrautem und angeregtem Gespräch – und auch dieses Mal, daran zweifelte er nicht, würde sie die Begegnung zu Hause ihm gegenüber nicht erwähnen. Er war der Ansicht gewesen, die Eifersucht seiner frühen Jahre längst überwunden zu haben, nun musste er feststellen, dass er einem Irrtum erlegen war. Am liebsten hätte er Ingo Ewert – Dr. Ingo Ewert, Leiter der Kinderklinik Dr. Ewert – direkt zur Rede gestellt. Oder noch besser: ihn am Kragen gepackt und geschüttelt und Auskunft darüber verlangt, wie er dazu kam, am helllichten Tag mit seiner, Leons, Ehefrau in einem Café zu sitzen und sich allem Anschein nach gut zu unterhalten. Jetzt griff er sogar nach ihrer Hand und drückte sie! Leon hatte Mühe, an sich zu halten. Als er die beiden vor zwei Wochen das erste Mal zusammen gesehen hatte, war er noch überzeugt gewesen, Antonia werde ihn mit den Worten empfangen: »Rate mal, wen ich heute getroffen habe!« Aber nichts Dergleichen war geschehen, kein Wort hatte sie gesagt, sie hatte Ingo Ewert nicht einmal erwähnt. Dabei wusste er ja nur zu gut, dass Ingo früher einmal bis über beide Ohren in Antonia verliebt gewesen war. Allem Anschein nach war er es immer noch. Er musste sie zur Rede stellen, er brauchte Gewissheit. Aber vielleicht war alles ganz harmlos, und er sah Gespenster. Dann würde sie ihn auslachen, und er stünde da wie der letzte Depp. War es also doch besser, ruhig abzuwarten, bis Antonia von sich aus auf ihn zukam, um mit ihm über Ingo zu sprechen? Aber was würde sie ihm dann sagen?

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Ein böses Omen?

Blinde Eifersucht war im Spiel

Roman von Hofreiter, Tessa

Es war kurz vor Mitternacht, als Anna Bergmann, Miriam Holzer und Bärbel Läutner, die Sekretärin des Bürgermeisters, die Konditorei Höfner verließen. Sie waren gut gelaunt, hatten sie doch gerade einen fröhlichen Abend mit den Damen der Bergmoosbacher Pilates Gruppe verbracht und auf Bärbels fünfundzwanzigsten Geburtstag angestoßen.

»Jetzt bin ich ein Vierteljahrhundert alt, das klingt schon ziemlich betagt«, seufzte Bärbel. »Ihr müsst mich ein bisschen stützen«, sagte sie und hakte sich bei Anna und Miriam unter, während sie über den Marktplatz mit seinem alten Kopfsteinpflaster liefen.

»Könnte es sein, dass du ein Glas Prosecco zu viel getrunken hast?«, fragte Anna schmunzelnd.

»Ein bisschen schwindlig ist mir schon, vielleicht hätte ich doch ein paar von den Schnittchen essen sollen, die Corinna auf den Tisch gestellt hat.«

»Ja, das hättest du tun sollen«, sagte Miriam amüsiert.

»Wartet, das kann nicht sein. Das ist doch unmöglich. Könnte mich mal jemand kneifen?«

»Warum? Was hast du?«, fragte Miriam.

»Hört ihr etwas?«

»Ja, meine Schuhe«, antwortete Miriam, die keine flachen Ballerinas wie ihre Begleiterinnen trug, sondern High Heels, deren Absätze auf dem Pflaster widerhallten.

»Nein, ich meine nicht deine Schuhe.«

»Sonst höre ich aber nichts.«

»Das ist es ja eben. Die Rathausuhr – sie müsste doch um Mitternacht schlagen«, flüsterte Bärbel und starrte wie gebannt auf die Uhr am Turm des Rathauses, deren vergoldete Zeiger um Mitternacht stehengeblieben waren.

»O Gott«, murmelte Miriam und folgte Bärbels Blick.

»Die Uhr ist stehengeblieben, das ist doch kein Drama«, sagte Anna, als die beiden ganz entsetzt dreinschauten.

»Du wohnst erst seit drei Jahren hier, du kannst es nicht wissen«, flüsterte Miriam, die Erbin des Sägewerks, die genau wie Bärbel zu einer der alteingesessenen Bergmoosbacher Familien gehörte.

»Was kann ich nicht wissen?«, fragte Anna

»Diese Uhr ist bisher erst einmal stehengeblieben und zwar auf den Tag genau vor achtzig Jahren. Deshalb hätten meine Eltern es auch gern gesehen, wenn ich mir mit meiner Geburt noch einen Tag länger Zeit gelassen hätte«, antwortete ihr Bärbel.

»Ich sehe keinen Grund zur Panik, ehrlich nicht. Diese Uhr hat über viele Jahre hinweg problemlos funktioniert und lässt sich bestimmt auch noch einmal reparieren.« Anna fragte sich, was mit den beiden plötzlich los war.

»Damals vor achtzig Jahren blieb sie auch um Mitternacht stehen, und in der Nacht darauf erlebte Bergmoosbach ein Jahrhundertunwetter. Der Bach und der See traten über die Ufer, und das ganze Dorf stand unter Wasser. Viele Familien haben ihr Hab und Gut verloren«, erzählte Miriam.

»Die beiden Ereignisse müssen doch nichts miteinander zu tun haben«, entgegnete Anna, die nun auch auf die Uhr am Rathausturm schaute.

»Die Bergmoosbacher glaubten damals, dass die Uhr nur deshalb stehenblieb, um sie zu warnen. Die Angst, diese Uhr könnte erneut stehenbleiben, ist in unserer Geschichte tief verwurzelt«, klärte Miriam Anna auf.

»Warum habe ich dann noch nie davon gehört?« Als niedergelassene Hebamme war sie viel in der Gegend unterwegs und kannte schon einige der alten Dorfgeschichten. Von diesem Ereignis aber hatte noch nie jemand gesprochen.

»Ein schlechtes Omen bleibt besser unerwähnt.«

»Ich denke, dass die Jüngeren von dieser Geschichte auch nichts mehr wissen. Im Sitzungssaal im Rathaus allerdings hängt ein Gemälde, das das überflutete Bergmoosbach darstellt. Ich habe es immer vor Augen, wenn ich die Treffen des Gemeinderates vorbereite«, sagte Bärbel.

»Und ich habe es während der Sitzungen ständig im Blick«, erzählte Miriam, die zum Gemeinderat gehörte.

»Also gut, es mag ja einige Bergmoosbacher geben, die heute mit einem mulmigen Gefühl zur Uhr hinaufschauen werden. Aber ihr beide glaubt doch nicht wirklich, dass dieses Ereignis ein schlechtes Omen ist. Oder?«

Anna schaute die beiden jungen Frauen abwartend an.

Die kleine zierliche Bärbel, die ihr hellblondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, trug ein rotweiß gepunktetes Minikleid und wirkte kein bisschen angestaubt. Und Miriam in ihrem weißen Leinenkleid war das Sinnbild der mondänen Schönheit, gertenschlank und mit wallenden blonden Locken. Beide hatten bisher nicht den Eindruck auf sie gemacht, als würden sie sich von alten Geschichten Angst einjagen lassen.

»Doch, es ist unheimlich«, flüsterte Miriam und setzte sich auf den Rand des alten Steinbrunnens, dem Mittelpunkt des Marktplatzes.

»Damals soll der Vollmond genau über dem Rathausturm gestanden haben. So wie jetzt«, flüsterte Bärbel, die sich neben Miriam auf den Brunnenrand gesetzt hatte.

»Hört auf, ihr zwei, sonst steckt ihr mich noch mit eurer Angst an.« Anna setzte sich neben Bärbel auf den Brunnen und schaute an den nächtlichen Himmel.

Wie immer in klaren Nächten wölbte sich die Milchstraße in einem großen Bogen über dem Dorf, und die kahlen Gipfel der Berge ragten vom Mondlicht angestrahlt an das tiefschwarze Firmament.

»Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die lassen sich einfach nicht erklären«, sagte Miriam leise, als eine Gruppe Fledermäuse über den Turm des Rathauses hinwegflatterte und gleich darauf in der Dunkelheit verschwand.

»Dieses Ereignis lässt sich erklären. Die Uhr muss gewartet werden, das ist alles.«

»Die Leute sagen, dass die Uhr damals erstarrt ist, weil sie das Unglück hat kommen sehen.«

»Bärbel, bitte, hört mit dem Unsinn auf.« Anna konnte einfach nicht fassen, wie die beiden sich gerade aufführten.

Sie saßen auf dem Brunnenrand, hielten sich wie zwei verstörte Kinder an den Händen und lauschten in die Stille hinein.

»Was macht ihr hier?«, unterbrach eine Stimme die Stille.

»Musst du dich so anschleichen?« Miriam fuhr herum, als sie plötzlich eine Hand auf ihrer Schulter spürte.

»Tut mir leid, ich wollte euch nicht erschrecken«, entschuldigte sich Corinna von Meiring. Ihrer Familie gehörten die Bäckerei und das Café mit der Konditorei. Als Mitglied der Pilatesgruppe sorgte sie dafür, dass das gemütliche Café für ihre privaten Zusammenkünfte immer zur Verfügung stand.

»Die Uhr ist stehengeblieben«, sagte Bärbel, ohne ihren Blick vom Rathausturm abzuwenden.

»O Gott«, murmelte Corinna und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.

»Bitte, Corinna, du wirst doch nicht auch an ein böses Omen glauben«, stöhnte Anna und schüttelte den Kopf.

»Meine Familie hat damals bei dem Unwetter beinahe ihre Existenz verloren. In der Bäckerei stand das Wasser über einen Meter hoch. Das ganze Haus musste saniert werden«, erzählte Corinna.

»Hochwasser gibt es ständig irgendwo auf der Welt. Das hat mit einer stehengebliebenen Uhr absolut nichts zu tun.«

»Es werden noch andere Dinge geschehen, wenn es so kommt wie damals. Du musst aufpassen, Anna, es kann jeden im Dorf treffen«, flüsterte Bärbel.

»Wisst ihr was, ich gehe jetzt ganz schnell nach Hause. Ihr werdet mir alle ein bisschen unheimlich«, sagte Anna.

»Wir sollten besser alle gehen. Was haltet ihr davon, wenn ich euch nach Hause fahre?«, schlug Corinna vor, die seit ihrer Hochzeit mit Andreas von Meiring auf dem Gut der Meirings außerhalb von Bergmoosbach wohnte und stets mit dem Auto unterwegs war.

»Ja, sehr gern. Ich habe jetzt überhaupt keine Lust, allein durch die Dunkelheit zu laufen«, sagte Miriam, die nur etwa fünf Minuten zu Fuß vom Marktplatz entfernt wohnte.

Auch Bärbel schloss sich Corinna an, obwohl ihr Heimweg auch nicht länger war und sich in Bergmoosbach niemand auf der Straße fürchten musste, auch nicht in der Nacht. Ein lauter Schrei und die Bergmoosbacher würden aus den Häusern stürmen und jeden vertreiben, der etwas Böses im Schilde führte. Dass sich die Leute im Dorf nun vor einer stehengebliebenen Uhr fürchten sollten, erschien Anna merkwürdig. Sie war daher zuversichtlich, dass das Ereignis, sobald es hell wurde, seinen Schrecken verlor und auch die jungen Frauen, die sich gerade so entsetzt zeigten, über sich selbst schmunzeln würden.

Nachdem Anna sich von den dreien verabschiedet hatte, lief sie über den Marktplatz, überquerte die Straße und eilte zum Seiteneingang des Hauses mit der Apotheke im Erdgeschoss. Im ersten Stock darüber hatte sie ihre Praxis, und ihre Wohnung lag im Dachgeschoss. Ich werde mich doch nicht von ihrem Aberglauben anstecken lassen, dachte sie, als sie gleich darauf die Treppen hinaufrannte, so als fühlte sie sich von jemandem verfolgt. Oben angekommen ging sie zum Fenster in ihrem Schlafzimmer. Von dort konnte sie auf den Turm des Rathauses blicken. Die Zeiger der Uhr standen noch immer auf Mitternacht.

*

Am nächsten Morgen herrschte große Aufregung in Bergmoosbach. Schon seit dem frühen Morgen war die Rathausuhr das beherrschende Thema. Vor der Bäckerei Höfner waren einige Damen des Landfrauenvereins aufeinander getroffen, die alle recht besorgt aussahen.

»Das mit der Uhr muss schnellstens in Ordnung gebracht werden.« Therese Kornhuber, die erste Vorsitzende, eine große stattliche Frau im taubenblauen Dirndl, richtete ihren Blick auf den Turm des Rathauses.

»Meinst du, damit ist das Unglück abgewehrt?«, fragte Elvira Draxler, die zweite Vorsitzende, eine hagere Frau im grauen Dirndl, die neben Therese stand und die vergoldeten Zeiger der Rathausuhr beobachtete, so als hoffte sie darauf, dass sie sich gleich wieder bewegten.

»Wenn es einmal ausgerufen ist, dann ist es nicht aufzuhalten«, erklärte eine kleine pummelige Frau, die in ihrem roten Dirndl noch rundlicher aussah.

»Unsinn, Gunhild, sobald die Uhr wieder geht, vertreibt sie das Unglück«, widersprach Therese der Kassenwartin der Landfrauen.

»Angesagt ist angesagt«, murmelte Gunhild Blissing, deren Familie seit fünf Generationen einen Aussiedlerhof in der Gemeinde Bergmoosbach bewirtschaftete.

»Gibt’s jemanden, den wir kontaktieren können?«, wollte Simone Windfang, die Kosmetikerin aus dem Hotel Sonnenblick, wissen, die mit einem Schokocroissant in der Hand aus der Bäckerei gekommen war und gehörte hatte, was Gunhild gesagt hatte.

»Vielleicht den Wetterdienst, ob sich ein Unwetter ankündigt«, schlug Therese vor.

»Geh, ich mein natürlich jemanden, der mehr weiß als der Wetterdienst«, entgegnete Simone mit leuchtenden Augen und sah Gunhild an.

»Du denkst an eine Séance?«, flüsterte Irene Süßmann, eine schlanke Mittfünfzigerin in Jeans und Strickpullover.

»Wie sollen wir denn sonst herausfinden, was auf uns zukommt? Was ist, können wir mit jemandem sprechen?«, wandte sich Simone wieder an Gunhild.

»Ich weiß nicht«, gab sich Gunhild zögerlich.

»Kann mir bitte jemand helfen!«

»Mei, Luzie, was ist denn?« Therese reagierte als erste und lief zu der hochschwangeren Frau, die nur wenige Meter neben ihnen auf das Kopfsteinpflaster gestürzt war.

Die Bäckertüte, die sie wohl kurz zuvor noch in der Hand gehalten hatte, war auf den Boden gefallen. Die zutraulichen Meisen, die sich stets auf der Kastanie vor der Bäckerei aufhielten, machten sich bereits über die verstreut herumliegenden Brötchen her.

»Ist dir schwindlig geworden?« Therese ging neben der jungen Frau in die Hocke.

»Nein, gar nicht, ich habe nur kurz zur Uhr hinaufgeschaut. Als ich weitergehen wollte, bin ich gestolpert«, erzählte Luzie. Mit angstvoll aufgerissenen Augen fasste sie sich an den Bauch, der sich unter dem hellen Baumwollkleid wölbte.

»Hast du Schmerzen?«, erkundigte sich Therese und half der jungen Frau, sich aufzurichten.

»Ich spüre ein heftiges Ziehen im Rücken und im Bauch. Es wird doch hoffentlich nichts mit dem Baby sein.« Luzie, die erst einmal auf dem Kopfsteinpflaster sitzen blieb, blickte in die besorgten Gesichter der anderen Landfrauen, die sich nun alle um sie herum versammelt hatten.

»Nicht aufregen, es wird alles gut«, beruhigte Therese die werdende Mutter.

»Ich hole Anna!«, hörten sie Corinna rufen, die auch nach ihrer Heirat mit Andreas von Meiring noch jeden zweiten Vormittag hinter der Ladentheke der Bäckerei stand.

»Ich glaube, das sind Wehen.« Luzie fasste sich mit beiden Händen an den Bauch, als ihr plötzlich der Schweiß auf die Stirn trat.

»Schön gleichmäßig atmen«, sagte Therese und betupfte Luzies Stirn mit einem sauberen Stofftaschentuch.

»Sie wird das Baby doch nicht etwa hier auf dem Marktplatz zur Welt bringen«, sprach Simone aus, was ihr gerade durch den Kopf ging.

»Simone, sei still«, fuhr Therese sie an, aber es war schon zu spät. Luzie hatte ihre Lage bereits neu bewertet, und vor lauter Angst, Simone könnte recht behalten, liefen ihr die Tränen über das Gesicht. »Geh, Madl, du hast nichts zu befürchten. Unsere Anna wird gleich da sein, und wie wir alle wissen, ist sie eine tüchtige Hebamme.«

»Die beste im ganzen Tal, die beste überhaupt«, erklärte Simone, die ihren Fehler wieder gut machen wollte.

»Ja, genau, die allerbeste«, stimmten ihr Elvira, Gunhild und die anderen Landfrauen zu.

»Danke für euer Lob, das sprecht ihr ja leider selten genug aus. Was ist passiert?«, fragte Anna, die sich mit ihrer Hebammentasche in der Hand einen Weg durch die Umstehenden bahnte.

»Ich bin gestolpert«, flüsterte Luzie, als Anna sich neben sie auf den Boden hockte und ihren Bauch abtastete. »Ich habe Wehen, nicht wahr?«

»Ja, das ist richtig. Aber es besteht absolut kein Grund zur Aufregung. Du bist bereits in der siebenunddreißigsten Woche; wenn das Kind jetzt kommen möchte, dann ist das in Ordnung«, sagte Anna, als Luzie die nächste heftige Wehe spürte und kurz aufschrie. »Muss ich hier liegen bleiben?«

»Aber nein, wir haben noch ein bisschen Zeit. Würden bitte zwei der Damen Luzie stützen, damit sie sicher in meine Praxis kommt?«

»Geh, das übernehme ich«, erklärte Xaver Talhuber, der auf dem Weg zum Rathaus an der Bäckerei vorbeikam und den Vorfall beobachtet hatte.

Der Bürgermeister von Bergmoosbach war ein großer starker Mann, dem das Wohlergehen seiner Mitbürger stets am Herzen lag. Wenn sich ihm schon einmal die Gelegenheit bot, sich vor aller Augen so tatkräftig einzusetzen, dann würde er das auch tun. Er knöpfte seine beige Trachtenjacke auf, half Luzie aufzustehen und nahm sie dann auf seine Arme.

»Danke, Herr Bürgermeister«, sagte Luzie und schlang ihre Arme um seinen Nacken.

Während Anna in ihre Praxis vorauseilte, rief sie Sebastian an, schilderte ihm Luzies Zustand und bat ihn, zu ihr zu kommen. Auch wenn in diesem Stadium der Schwangerschaft normalerweise keine Komplikationen zu erwarten waren, Luzies Wehen hatten aufgrund eines Unfalls eingesetzt, und dadurch konnte sich ganz plötzlich eine Notfallsituation ergeben. Es war für alle sicherer, wenn ein Arzt die Geburt begleitete.

Luzie entspannte sich sofort, als Xaver sie ein paar Minuten später auf der Liege in Annas Behandlungszimmer absetzte. Anna hatte Luzie während der gesamten Schwangerschaft betreut, und diese Umgebung war ihr vertraut. Die zartblauen Wände, der helle Dielenboden, der Leuchter mit den künstlichen Kerzen, der Holztisch mit der gemütlichen Bank und den zwei Stühlen –, nichts erinnerte an die sterile Atmosphäre eines Krankenhauses.

»Alles Gute, wir drücken alle die Daumen, dass es recht schnell geht«, verabschiedete sich Xaver, als Luzie die nächste Wehe über sich ergehen lassen musste.

»Wo ist dein Mann, Luzie, kannst du ihn erreichen?«, fragte Anna, nachdem Xaver gegangen war. Sie wusste, dass Luzies Mann als Bauleiter für eine Fertighausfirma arbeitete und oft unterwegs war.

»Er ist auf Montage in Norddeutschland. Wir dachten doch, es wäre noch Zeit. Mein Anruf würde ihn bestimmt nur in Aufregung versetzen. Er kann es ohnehin nicht mehr rechtzeitig schaffen. Ich rufe ihn später an, sobald alles vorbei ist. Ich glaube, es geht jetzt richtig los«, stöhnte Luzie, als sie der Schmerz der nächsten Wehe an den Rand der Ohnmacht brachte.

»Du musst nicht gegen die Schmerzen ankämpfen, lass sie einfach zu, dann wird es leichter.« Anna strich ihr behutsam das Haar aus der Stirn. »Danke, dass du gleich gekommen bist«, sagte sie, als Sebastian in diesem Moment hereinkam.

»Ich bin aber nur der Mann für alle Fälle, richtig?«, entgegnete er und nickte Luzie aufmunternd zu.

»Ja, du bist der Mann für alle Fälle«, antwortete Anna und streifte den gut aussehenden jungen Arzt mit einem kurzen Blick, bevor sie sich wieder ihrer Patientin zuwandte. »Kein Kommentar«, raunte sie Luzie zu, die sich wieder von ihrer Wehe erholt hatte und sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.

Alle in Bergmoosbach wussten, wie sehr Anna und Sebastian sich mochten, auch wenn sie eigentlich noch kein Paar waren.

»Ich denke, ich bin auch gerade nicht in Stimmung für ein tiefschürfendes Gespräch«, antwortete Luzie, bevor sie die Lippen fest zusammenpresste und dann mit einem befreienden Schrei die nächste Wehe überstand.

Sebastian stellte seine Arzttasche auf der Bank am Tisch ab und setzte sich in einen der bequemen Polster­stühle. Solange die Geburt ohne Komplikationen verlief, würde er nicht eingreifen.

*

Die Landfrauen, die Luzies Unfall beobachtet hatten, standen noch immer auf dem Marktplatz. Nach und nach gesellten sich noch andere Passanten dazu. Auch die Lohmeier Zwillinge, die auf dem Weg ins Café Höfner waren, um dort zu frühstücken. Ein Luxus, den sie sich zweimal in der Woche gönnten, bevor sie um Punkt elf Uhr ihren Handarbeitsladen öffneten. Die beiden Endfünfzigerinnen in ihren moosgrünen Dirndln trugen graue Lodenhütchen und weiße Seidenhalstücher mit einer goldenen Brosche. Hedwig und Heidi waren stolz auf ihre Ähnlichkeit, die sie durch die gleiche Kleidung noch betonten.

»Sie ist gestürzt, weil sie zur Uhr hinaufgeschaut hat, verstehe. Das lässt Böses erahnen«, stellte Hedwig Lohmeier stirnrunzelnd fest, nachdem sie von Elvira Draxler erfahren hatte, was passiert war.

»Was ganz was Böses«, schloss sich Heidi ihrer Schwester an.

»Vielleicht solltest du dich um eine Antwort bemühen«, wandte sich Hedwig mit resoluter Stimme an Gunhild.

»Richtig, Heidi, das habe ich auch schon angeregt«, stimmte Simone diesem Vorschlag gleich zu.

»Eine Séance? Ich bin dabei«, erklärte Miriam, die mit einer vollgepackten Stofftasche aus der Drogerie gegenüber der Bäckerei kam.

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte Gunhild und signalisierte ihre grundsätzliche Bereitschaft für dieses Unterfangen.

»Seid ihr jetzt alle dem Aberglauben verfallen?« Lydia Draxler, Elviras Nichte und Verantwortliche für den Tourismus in Bergmoosbach, führte eine Gruppe Urlauber über den Marktplatz und hatte ein paar Worte der Unterhaltung der Landfrauen aufgeschnappt.

»Wir müssen uns vorbereiten, Kind«, flüsterte Elvira und streichelte ihrer Nichte über die Schulter.

»Auf was denn?«, fragte Lydia.

»Auf das, was kommt«, antwortete Gunhild und schaute bedeutungsvoll in die Runde.

»Das mit der Uhr ist schon unheimlich«, sagte Miriam.

»Sicher, ganz unheimlich«, entgegnete Lydia lachend, weil sie Miriam nicht abnahm, dass sie sich tatsächlich von dieser Uhr beeinflussen ließ.

»Du warst gestern schon fort, aber Anna, Bärbel und ich haben gesehen, wie sie stehenblieb. Damals, als sie das erste Mal ausfiel, sind auf dem Ostenbachhof mehrere Kühe verendet, bevor das Wasser kam. Der Grönert Toni ist bei einer Klettertour abgestürzt und hat nur mit viel Glück überlebt, und das Hochwasser hat den meisten Schaden in der Bäckerei Höfner angerichtet.«

»Die Bäuerin vom Ostenbachhof, die Grönert Erika, die Frau vom Toni, und die Christel Höfner, die Großmutter von der Corinna, kamen damals um Mitternacht von einer Versammlung der Landfrauen. Sie haben beobachtet, wie die Rathausuhr stehenblieb«, erzählte Gunhild.

»Und jetzt ist die Luzie gestürzt«, flüsterte Heidi, woraufhin alle anderen betroffen nickten.

»Aber sie hat die Uhr heute Nacht nicht beobachtet«, wandte Hedwig ein.

»Nein, aber Anna. Sie wird durch Luzies Sturz nun vom Schicksal herausgefordert. Da kann man nur hoffen, dass alles gut geht«, flüsterte Simone und schaute auf die Fenster über der Apotheke.

»Euch kann man gar nicht zuhören«, erklärte Lydia kopfschüttelnd. Sie wandte sich wieder ihrer Reisegruppe zu, die inzwischen auf die Rathausuhr aufmerksam geworden war.

»Steht sie schon lange?«, wollte eine junge Frau in Shorts und T-Shirt wissen.

»Nein, erst seit heute Nacht, aber einige im Dorf sind trotzdem beunruhigt.« Touristen liebten mystisch angehauchte Geschichten, und deshalb nutzte Lydia die Gelegenheit, die Reisegruppe über die Macht der Rathausuhr aufzuklären.

*

Die Geburt des kleinen Nicolas verlief ohne Komplikationen. Trotzdem bat Anna Sebastian, Luzie noch einmal gründlich zu untersuchen, bevor sie Mutter und Kind nach Hause entließ.

»Ein paar blaue Flecken von dem Sturz, sonst ist alles in Ordnung«, versicherte ihr Sebastian.

»Deine Mutter wird sich um euch kümmern, bis dein Mann nach Hause kommt?«, wollte Anna von Luzie wissen, während sie das Baby in eine Decke hüllte.

»Meine Eltern, meine Großeltern, die Tanten, alle werden sich um uns kümmern.« Luzie küsste das rosige Gesichtchen des Neugeborenen, das Anna ihr in die Arme legte.

»Das klingt nach einer großen glücklichen Familie«, stellte Sebastian zufrieden fest. Kinder liebten die Geborgenheit einer großen Familie, und auch Erwachsene waren ungern allein. Selbst wenn einige das Gegenteil behaupteten, Einsamkeit war der Auslöser vieler Krankheiten, das war ihm schon lange klar.

Als Luzies Eltern kurz darauf eintrafen, begleiteten Anna und Sebastian die Familie noch zum Auto. »Wenn etwas ist, dann kannst du mich jederzeit anrufen, ansonsten komme ich heute Abend vorbei, um nach euch zu sehen, bis dann«, verabschiedete sich Anna von Luzie und überließ sie ihren Eltern, die sich bei ihr und Sebastian für die Hilfe bei der Geburt bedankten.

»Hallo, ihr beiden, ihr habt wieder einmal einem kleinen Bergmoosbacher auf die Welt geholfen, habe ich gerade gehört«, sagte Bärbel, die aus der Apotheke kam, nachdem der rote Kombi mit Herrn Ostenbach am Steuer sich in Bewegung gesetzt hatte.

»Ich war dieses Mal nur der Mann für alle Fälle und kam auch gar nicht zum Einsatz«, entgegnete Sebastian lächelnd.

»Der Mann für alle Fälle, aha. Das solltet ihr nicht weitererzählen. Sonst könnten einige Damen auf die Idee kommen, das man Sie mieten kann, Doktor Seefeld.«

»Interessante Vorstellung.«

»Wirklich? Dann sollten wir es vielleicht doch beim nächsten Treffen der Landfrauen oder in der Pilatesgruppe erwähnen«, sagte Anna.

»Ich glaube, die Damen haben im Moment keinen Nerv für so etwas«, stellte Sebastian fest, als er die skeptischen Blicke der Bergmoosbacher sah, die alle der Rathausuhr galten. Auch Therese und Elvira standen noch umringt von einigen anderen Landfrauen auf dem Marktplatz und schauten immer wieder zur Uhr. »Mich wundert es allerdings schon, dass diese Uhr für so viel Aufregung sorgt. Ich habe die Bergmoosbacher nicht für derart abergläubisch gehalten.«

»Ich auch nicht, aber sogar Miriam lässt sich von diesem Ereignis verunsichern«, verriet Anna ihm, als sie die Erbin des Sägewerks unter den Landfrauen entdeckte.

»Miri glaubt an so etwas?«, fragte Sebastian verblüfft, der Annas Blick gefolgt war.

»Wir wissen doch alle, dass sich hinter ihrer überheblichen Fassade auch noch die kleine gefühlvolle Miriam versteckt und dass die sich manchmal auch zeigt.«

»Ja, hin und wieder zeigt sie sich«, stimmte Anna Bärbel zu.

»Ehrlich gesagt, mir ist auch immer noch ein bisschen mulmig. Ich meine, du hast letzte Nacht zur Uhr hinaufgeschaut und musst dich heute schon mit einem Notfall befassen.«

»Bärbel, bitte, es war ein kleiner Unfall, alles ist gut gegangen.«

»Es hätte aber auch anders ausgehen können. Luzie soll ja auch zur Uhr hinaufgeschaut haben.«

»Hoffentlich wird diese Uhr bald repariert, sonst lastet man ihr noch wer weiß was an«, seufzte Anna. »Hast du schon einen Uhrmacher beauftragt?«

»Nein, leider noch nicht«, seufzte Bärbel. »Die einen kennen sich mit dieser Uhr nicht aus, die anderen haben in den nächsten Wochen keine Zeit. Es kann also noch dauern, bis sie wieder in Gang kommt.«

»Warte, mir fällt da gerade etwas ein.« Anna zückte ihr Handy und suchte nach der Telefonnummer des Uhrmachers, den sie vor kurzem während ihres Besuches bei ihrer Freundin Leni in Wien kennengelernt hatte.

»Danke, und wer ist das?«, fragte Bärbel, als Anna ihr eine SMS mit dieser Telefonnummer schickte.

»Er heißt Mirko Stadler. Der junge Mann wird demnächst die Uhrmacherwerkstatt seines Vaters übernehmen, die in Wien einen hervorragenden Ruf besitzt. Sie kennen sich auch mit Turmuhren aus.«

»Woher weißt du das so genau?«, wollte Sebastian wissen und sah Anna direkt an.

»Weil er mir erzählt hat, dass er hin und wieder auch ins Ausland reist, wenn es um reparaturbedürftige alte Turmuhren geht.«

»Ihr habt euch also gut verstanden, du und Mirko?«, hakte Bärbel schmunzelnd nach.

»Schon.«

»Dann würdest du dich sicher freuen, ihn wiederzusehen?«, fragte Sebastian.

»Aber ja, natürlich«, antwortete Anna lächelnd, während Sebastian sie mit seinen hellen grauen Augen musterte. »Ich hoffe, dass es ihm inzwischen besser geht. Er gehört zu Lenis Bekanntenkreis und ist wirklich sehr nett.«

»Was heißt besser geht? War er krank?«, wollte Bärbel wissen.

»Nein, er hatte sich gerade von seiner höllisch eifersüchtigen Freundin getrennt, weil er ihre ständige Beobachtung nicht mehr ertragen hat. Leni befürchtet allerdings, dass sie ihn noch eine Weile nerven wird.«

»Wien ist nicht gerade um die Ecke. Soll ich ihn wirklich anrufen?«

»Aber ja, wenn er Zeit hat, ist euch doch beiden geholfen. Du hast einen Uhrmacher gefunden und er kommt ein paar Tage aus Wien heraus und läuft nicht Gefahr, dieser Frau zu begegnen.«

»Wird er bei dir wohnen, wenn er herkommt?«, fragte Sebastian.

»Ich hätte kein Problem damit, wenn er sonst nirgendwo unterkommt.«

»Das klingt, als würdet ihr euch ziemlich gut kennen.«

»Was genau meinst du mit gut?«, fragte Anna.

»Ihr könnt damit aufhören, ich werde mich schon darum kümmern, dass er eine Übernachtungsmöglichkeit findet, wenn er herkommen sollte«, schaltete sich Bärbel ein, als sie das Funkeln in Annas grünen Augen sah. Sie schien nur darauf zu warten, dass Sebastian diesen Anflug von Eifersucht zugab, der ihn in diesem Moment ganz offensichtlich quälte.

»Für wen ist die?«, fragte Sebastian, als er die Salbe gegen Rückenschmerzen sah, die Bärbel in der Hand hielt. Er hatte sich wieder im Griff.

»Herr Talhuber hat Luzie vorhin in Annas Praxis getragen. Jetzt spürt er seinen Rücken und hat mich gebeten, ihm die Salbe zu holen, die Sie ihm neulich schon einmal verschrieben haben.«

»Wenn es schlimmer wird, soll er in die Praxis kommen.«

»Das sage ich ihm. Ich gehe dann mal los und werde gleich mein Glück bei Herrn Stadler versuchen«, sagte Bärbel und verabschiedete sich von den beiden.

»Wir sehen uns doch heute Abend zum Schafkopf?«, erinnerte Sebastian Anna an den Kartenabend bei den Seefelds, nachdem Bärbel gegangen war.

»Ich werde meinen Besuch bei Luzie so einrichten, dass ich rechtzeitig bei euch bin. Bis dann, Sebastian.« Lange halte ich das nicht mehr aus, dich nur aus der Ferne lieben zu dürfen, dachte sie, als sie zusah, wie der große schlanke Mann sich ans Steuer seines Geländewagens setzte, sein dunkles Haar aus der Stirn strich und sie mit einem liebevollen Lächeln betrachtete, bevor er losfuhr. Aber aufgeben werde ich dich auch nicht, fügte sie entschlossen hinzu und ging wieder hinauf in ihre Praxis, um sich auf ihre Hausbesuche vorzubereiten.

*

Das Vorzimmer, in dem Bärbel sich um die Belange des Bürgermeisters kümmerte, war ein heller Raum im ersten Stock des Rathauses. Ihr Schreibtisch stand seitlich zu dem großen Fenster, und sie konnte von ihrem Platz aus das Treiben auf dem Marktplatz beobachten, was sie auch tat, während sie mit dem Wiener Uhrmacher telefonierte. Sie sah die Landfrauen an den Tischen sitzen, die das Café Höfner unter dem Laubdach der alten Kastanie aufgestellt hatte. Offensichtlich hatten die Damen an diesem Vormittag großen Gesprächsbedarf.

»Ja, das wäre in Ordnung«, erklärte sie sich einverstanden, als Mirko Stadler ihr vorschlug, in zwei Tagen nach Bergmoosbach zu kommen.

»Vorher geht es leider wirklich nicht.«

»Kein Problem.« Ich könnte mich glatt in seine Stimme verlieben, dachte Bärbel.

»Gut, dann sehen wir uns übermorgen, Frau Läutner. Ich melde mich bei Ihnen im Rathaus, sobald ich da bin.«

»Bis dann, Herr Stadler«, sagte Bärbel und beendete das Gespräch. Mal sehen, ob diese fantastische Stimme zu einem ebenso fantastischen Mann gehört, dachte sie. Sie beschloss, Xaver Talhuber ihren Erfolg bei der Suche nach einem Uhrmacher gleich mitzuteilen, und klopfte an die Tür des Amtszimmers. »Ich habe einen Uhrmacher gefunden«, verkündete sie dem Bürgermeister, als sie nach seiner Aufforderung das Amtszimmer betrat.

Es war ein imposanter Raum mit hohen Fenstern, Dielenboden und weißem Stuck an den cremefarben gestrichenen Wänden. Vor dem offenen Kamin standen zwei dunkle Ledersofas, die der Bequemlichkeit seiner Besucher dienten. Xaver Talhuber selbst saß auf einem Bürosessel aus schwarzem Leder, der hinter dem wuchtigen Schreibtisch aus massiver Eiche stand. An der Wand hinter ihm hing ein lebensgroßes Ölgemälde, das ihn als amtierenden Bürgermeister darstellte.

»Geht es Ihnen besser?«, fragte Bärbel, als sie die Verpackung der Salbe im Papierkorb liegen sah. Offensichtlich hatte er die Salbe schon benutzt.

»Auch wenn ich ein bissel Schmerzen erdulden muss, ich bereue meinen Einsatz nicht«, antwortete Xaver Talhuber.

»Sicher nicht, das weiß ich doch, Herr Talhuber.«

»Verzeihung, Bärbel, aber er spricht mit mir«, meldete sich Tobias Meier, der leitende Redakteur des Bergmoosbacher Tagblatts zu Wort. Der schlaksige junge Mann kam hinter der weißen Marmorsäule hervor, die mitten im Zimmer bis an die Decke ragte und mit filigranen Blütenmustern bemalt war.

»Wann bist du denn gekommen?« Jeder, der zu Xaver Talhuber wollte, musste doch zuerst ihr Zimmer durchqueren.

»Ich hatte einen Termin im Standesamt und dachte, ich schau mal kurz bei unserem Bürgermeister vorbei. Du warst wohl gerade in der Kaffeeküche«, fügte Tobias lächelnd hinzu, als er sich umdrehte und die Tasse sah, die auf ihrem Schreibtisch stand.

»Ja, stimmt, ich war kurz weg. Du hattest also einen Termin auf dem Standesamt.«

»Sandra und ich wollen demnächst heiraten.«

»Echt? Meinen Glückwunsch«, sagte Bärbel und umarmte den jungen Mann. Dass er und die Fotografin, die seit einigen Monaten für das Tagblatt arbeitete, ein Paar waren, wussten alle im Dorf, aber dass sie heiraten wollten, war eine Neuigkeit.

»Auch von mir herzlichen Glückwunsch.« Xaver stand auf und reichte Tobias die Hand. »Wann ist denn der große Tag?«

»Wir haben einige Termine zur Auswahl, ich setze das genaue Datum dann rechtzeitig in die Zeitung. Aber jetzt erst einmal wieder zur aktuellen Lage. Befürchten auch Sie, dass der Ausfall der Uhr eine Katastrophe ankündigt, Herr Talhuber?«

»Selbstverständlich glaube ich nicht an diesen Unsinn. Trotzdem möchte ich, dass die Uhr möglichst schnell wieder in Gang kommt, damit wieder Ruhe in unserem beschaulichen Dorf herrscht.«

»Der Uhrmacher wird übermorgen hier eintreffen«, sagte Bärbel.

»Von wo kommt er?«

»Aus Wien.«

»Das ist der einzige, den du auftreiben konntest?«

»So sieht es aus, Herr Bürgermeister.«

»Gut, dann eben einer aus Wien. Die Hauptsache ist, dass die Uhr wieder in Gang kommt. Was ist?«, fragte er, als Bärbel auf die SMS sah, die sie gerade erhalten hatte.

»Gunhild Blissing lädt morgen Abend kurz vor Sonnenuntergang zu einer Séance in ihrer Scheune ein. Die Landfrauen und die Pilatesgruppe sind herzlich dazu eingeladen«, gab Bärbel wieder, was in der SMS stand.

»Oh, oh, Herr Talhuber, das klingt nicht nach Beruhigung«, stellte Tobias amüsiert fest.

»Hast du etwa vor, darüber zu berichten?«, fragte Xaver erschrocken.

»Klar werde ich darüber berichten. Es ist doch eine wundervolle Geschichte. Die Leute außerhalb von Bergmoosbach werden mit uns mitfiebern. Alle werden sich fragen, ob etwas passiert oder nicht.«

»Auf die große Flut werden sie aber vergeblich warten. Noch können wir Menschen das Wetter und die Natur nicht beeinflussen«, erklärte Lydia. Sie hatte ihr Büro im Erdgeschoss des Rathauses und war auf der Suche nach Bärbel gewesen, als sie die kleine Versammlung im Amtszimmer bemerkte. »Aber die Geschichte sorgt für Aufmerksamkeit, die dazu beitragen könnte, Touristen anzulocken. Viele Bergmoosbacher leben vom Tourismus, deshalb sehe ich nichts Schlechtes daran, ihn auch auf diese Weise anzukurbeln.«

»Ihr denkt also, Zurückhaltung sei hier nicht angebracht?«, fragte der Bürgermeister die drei jungen Bergmoosbacher.

»Damals vor achtzig Jahren haben die Leute im ganzen Tal davon gesprochen, dass die Uhr die Katastrophe angekündigt hat. Im Zeitungsarchiv gibt es einige Berichte darüber. Sollen wir warten, bis eine andere Zeitung darüber schreibt?« Tobias schien fest entschlossen, sich diese Geschichte nicht wegnehmen zu lassen.

»Im Internet wird es ohnehin bald verbreitet werden«, sagte Lydia.

»Das klingt, als sei eine Katastrophe auf keinen Fall zu vermeiden. Wir werden als abergläubische Dörfler dastehen, und die in der Stadt werden sich über uns lustig machen«, seufzte Xaver Talhuber.

»Ich werde den Artikel so verfassen, dass alle nur mitfühlend über uns sprechen werden«, versicherte Tobias dem Bürgermeister.

»Dann mach dich ans Werk, Bub«, ermutigte Xaver den Sohn des Verlagsleiters nun, den Artikel zu schreiben.

»Ich bin schon dabei«, antwortete Tobias und eilte davon. Das Verlagshaus des Tagblatts war gleich gegenüber dem Rathaus, und Tobias wollte sofort eine Redaktionssitzung einberufen, um mit seinen Kollegen diese Geschichte über die Uhr zu besprechen.

»Ich befürchte, da kommt in den nächsten Tagen noch einiges auf uns zu.« Xaver lehnte sich nachdenklich in seinem Sessel zurück.

»Wir werden die Unruhe zu unserem Vorteil nutzen. Es wird alles gut werden«, versicherte Lydia dem Bürgermeister.

»Ich denke auch, dass wir die Sache ein bisschen entspannter aufnehmen sollten«, sagte Bärbel.

»Gut so, Herzblatt, du hast dich wieder gefangen. Dann wirst du mir sicher auch die Druckkosten für neue Werbeflyer genehmigen, über die ich gerade mit dir verhandeln wollte. Ich denke, wir sollten die Geschichte der Uhr darin erwähnen«, schlug Lydia vor.

»Wir wollen also aus der angekündigten Katastrophe, die hoffentlich nicht eintrifft, einen Gewinn ziehen?«

»Richtig, und zwar dauerhaft.«

»Wenn es gelingt, soll es mir recht sein. Ihr habt freie Hand«, sagte Xaver. Die jungen Leute hatten recht, warum sollten sie diese alte Geschichte nicht für ihre Gegenwart und Zukunft nutzen. Sie schadete ja niemandem.

*

Anna war sicher, dass sie sich um Luzie und das Baby keine Sorgen machen musste. Die beiden hatten die Geburt gut überstanden, und sie waren auf dem Ostenbachhof bestens aufgehoben. Als sie gegen halb acht bei den Seefelds eintraf, nahm Traudel gerade den Kartoffelkäseauflauf aus dem Backofen.

Jedes Mal, wenn sie die Seefelds besuchte, war es ihr, als käme sie nach Hause. Sie hatte inzwischen sogar ihren festen Platz an dem schönen alten Esstisch in der großen Landhausküche. Sebastian saß am Kopfende des Tisches, dem Platz des Familienoberhauptes, der ihm nun zustand, nachdem er die Praxis übernommen hatte, wie sein Vater ihm erklärte. Benedikt Seefeld, groß und sportlich, saß rechts von seinem Sohn und fühlte sich in seinem selbst gewählten Ruhestand sichtlich wohl. Neben Benedikt hatte Traudel, die gute Seele des Hauses, ihren Platz, ihr gegenüber saß Emilia und links neben Sebastian Anna. So hatte Emilia es irgendwann bestimmt. Mit selbstbewussten vierzehnjährigen jungen Damen sollte man sich nicht anlegen, hatte Sebastian damals gesagt, als Anna zunächst zögerte, den Platz mit Emilia zu tauschen. Aber das war nun schon eine ganze Weile her.

»Doro und ich waren vorhin bei Rosi Kornhuber. Heute war einiges im Dorf los, haben wir gehört«, sagte Emilia, nachdem Traudel den Auflauf auf die Teller verteilt hatte. »Rosi hat erzählt, dass Luzie vom Ostenbachhof ihr Baby beinahe verloren hätte, weil sie zur Rathausuhr hinaufgeschaut hat.«

»Luzie ist gestolpert, weil sie nicht aufgepasst hat. Eine unheimliche Macht war da nicht im Spiel. Aber wie auch immer, ihr und dem Baby geht es gut«, versicherte Anna dem Mädchen.

»Wir wollen hoffen, dass es so bleibt«, sagte Emilia und schaute vielsagend in die Runde. Sie hatte die gleichen hellen grauen Augen wir ihr Vater und kastanienfarbenes Haar wie ihre verstorbene Mutter.

»Natürlich bleibt es so«, sagte Anna, nachdem sie einen verwunderten Blick mit Sebastian getauscht hatte.

»Aber Luzie ist eine geborene Ostenbach.«

»Ja, schon.« Plötzlich erinnerte sich Anna daran, dass auch Bärbel so merkwürdig auf Luzies Unfall reagiert hatte. »Gibt es da etwas, was ich wissen müsste?«, fragte sie.

»Damals vor achtzig Jahren haben drei Frauen beobachtet, wie die Rathausuhr stehenblieb«, erzählte Traudel nun auch Anna, was Emilia bereits von Rosi Kornhuber gehört hatte.

»Dieses Ereignis betraf Luzies Großmutter, aber Luzie war heute Nacht nicht dabei, als die Uhr stehenblieb«, entgegnete Anna, nachdem Traudel mit der Geschichte zu Ende war.

»Nein, aber du warst dabei, und nun wurdet ihr beide heute Morgen herausgefordert. Das behauptet zumindest Rosis Großmutter«, sagte Emilia.

»Ich dachte, ich lebe in einem aufgeklärten Haushalt, und jetzt muss ich mir hier den gleichen Unsinn anhören, wie schon den ganzen Tag in der Praxis«, stellte Sebastian kopfschüttelnd fest.

»Papa, es gibt eben Dinge zwischen Himmel und Erde, die lassen sich nicht erklären«, erwiderte Emilia mit verschwörerischer Miene.

»Genau das behauptet auch Miriam«, sagte Anna.

»Echt? Miriam ist auch im Katas­trophenwahn?«, hakte Emilia amüsiert nach.

»Zumindest tut sie so. Ich habe keine Ahnung, wie ernst sie es meint«, antwortete Anna achselzuckend.

»Und was meinst du, Opa?«, wandte sich Emilia an ihren Großvater, der bisher noch nichts zu diesem Thema gesagt hatte.

»Als ich noch ein kleiner Junge war, haben die Alten im Dorf noch oft von der Flutnacht gesprochen. Es heißt, dass der Höhlengulpert die Zeit anhält, wenn er aus seiner Höhle kommt, um die Menschen zu besuchen. Gefällt ihm nicht, was er sieht, wird er furchtbar traurig und weint einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Seine Tränen bringen dann den Bach und den See zum Überlaufen.«

»Wie sieht der Höhlengulpert aus?«

»Er kann die Gestalt eines jeden Menschen und Tieres annehmen. Ganz wie es ihm beliebt.«