Anna Quindlen, Jahrgang 1952, gehört in den USA zu den wenigen ganz großen Autorinnen, die sowohl die Literaturkritik als auch das breite Publikum begeistern. Ihre Romane erobern regelmäßig die amerikanischen Bestsellerlisten. Die Seele des Ganzen (1995) wurde unter dem Titel Familiensache mit Meryl Streep verfilmt.
Unsere Jahre im Haus am Fluss in der Presse:
»Warmherzig, klug und mitreißend erzählt. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen möchte.«
HÖRZU
»Ein Wohlfühlbuch mit Niveau.«
WDR
»Großherzig und schnörkellos. Spontan ein Lieblingsbuch.«
EMOTION
Außerdem von Anna Quindlen im Penguin Verlag lieferbar:
Der Platz im Leben
Ein Jahr auf dem Land
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Anna Quindlen
Unsere Tage
im Haus am
Fluss
Roman
Aus dem amerikanischen Englischen
von Tanja Handels

Für meine Mutter und meinen Vater,
die mir auf ewig ein Segen sind.
Vielleicht ist Heimat ja kein Ort,
sondern ein unabänderlicher Zustand.
James Baldwin
PROLOG
Es war ein abgekartetes Spiel, das wussten wir damals alle längst. Das ganze Frühjahr über hielten die Leute von der Regierung Anhörungen ab, um die Meinungen der Anwohner zu ihren Plänen einzuholen. Meinungen einholen, so nannten sie das, doch in Miller’s Valley wusste selbst der Letzte, was das hieß: Man durfte an eins der Mikrofone treten, die in der Aula der Middle School aufgestellt waren, und fand dann hinterher heraus, dass die Leute von der Regierung genau das taten, was sie ohnehin vorgehabt hatten. Alle versuchten nur, die Form zu wahren. So läuft das eben. Die Leute entscheiden, was sie wollen, und hinterher versuchen sie, einem einzureden, dass man es ebenfalls will.
Donalds Großvater kam zu jeder Versammlung, mit zitternden Händen und einem Stapel loser Blätter, von denen er schon so lange ablas, dass sie an den Rändern ganz abgegriffen waren. Dauernd trug er eine dicke Mappe mit sich herum, selbst wenn er einfach nur im Diner frühstücken ging. Den ursprünglichen Ordner hatte er schnell durch eine Fächermappe ersetzt, weil er einfach zu voll geworden war. Es steckte allerdings genau der Kram darin, den alte Männer so zusammentragen: Zeitungsausschnitte mit schiefen Rändern, Durchschläge zehn Jahre alter Briefe und sogar die ein oder andere Quittung über eine neue Schmutzwasserpumpe oder ein neues Brunnenbecken, als könnte sich noch irgendwer bereitfinden, ihm all die Jahre zu bezahlen, die er im Kampf gegen das Wasser verbracht hatte. Ich habe mich immer gefragt, ob man ihn vielleicht deswegen nicht für voll nahm, weil er Elmer hieß. Die Leute von der Regierung redeten viel über die Zukunft. Und Elmer war ein echter Altmänner-Name, ein Stückchen Vergangenheit.
»Wir müssen zumindest dafür sorgen, dass wir den Schweinehunden möglichst viel abknöpfen«, sagte Donalds Großvater bei der Versammlung, die sich als die vorletzte herausstellen sollte.
»Das muss doch nicht sein, Elmer«, sagte meine Mutter. Damit meinte sie den Kraftausdruck – wenn es darum ging, die Regierung auszunehmen, war sie sofort dabei. Ein langes Berufsleben im Krankenhaus hatte sie gelehrt, dass das ebenso weise wie einfach zu bewerkstelligen war. Sie hatte ihre Prinzipien, aber dumm war sie nicht.
Mutter galt etwas in Miller’s Valley. Sie hatte ihr ganzes Leben dort verbracht. Ihre Mutter hatte sie und ihre jüngere Schwester Ruth alleine in einem einstöckigen Haus mit drei Zimmern, Asphaltschindeln auf dem Dach und einer baufälligen Veranda großgezogen, das am Rand des Tals stand, und als Mutter meinen Vater heiratete und eine Miller wurde, war sie mit ihm in das Farmhaus seiner Familie gezogen, das mitten im Tal lag, dort, wo es am tiefsten war und der Nebel an feuchten Morgen so dick wie Zuckerwatte hing. Sie war eine Miller aus Miller’s Valley, genau wie ich. Die Leute glaubten, Mutter würde mit praktisch allem fertig. Ich glaubte das damals auch.
Die Leute von der Regierung trugen Berufsbezeichnungen statt Eigennamen. Sie verteilten stabile Visitenkarten mit eingeprägtem Siegel, die wir noch in unseren Hosen- und Handtaschen fanden, als es schon längst nichts mehr brachte. Es waren Geologen und Ingenieure dabei und eine stämmige Frau mit reizendem Lächeln, die den Leuten bei der Umsiedelung helfen sollte, wenn die Regierung ihnen die Häuser wegnahm. Umzugsberatung nannten sie das. Diese Frau hatte die weichsten Hände, die man sich denken kann, rosig und feucht, und wenn sie auf Mutter zukam, die Hände wie kleine Seesterne in die Luft gereckt, dann machte Mutter auf dem Absatz kehrt. Heutzutage, wo sich alle ständig anfassen, Leute küssen, die sie kaum kennen, und selbst den Hausarzt nach der Untersuchung umarmen, ist das der Jugend schwer zu vermitteln, doch Mutter ließ sich nicht gern anfassen, und den meisten ihrer Freunde und Nachbarn ging es genauso. »Das mit dem Tätscheln kann sie bei mir vergessen«, sagte sie immer, wenn es um die Umzugsberaterin ging.
Mir tat die Frau ein bisschen leid. Sie musste von Berufs wegen so tun, als wäre ein Wohnort so gut wie der andere, so gut wie das Haus, in das man vor fünfzig Jahren mit den neugeborenen Kindern aus dem Krankenhaus zurückgekommen war, das Haus, in dem die Eltern gestorben und in manchen Fällen, bei denen selbst den Leuten von der Regierung sichtlich unwohl wurde, sogar begraben waren. Ein neues Haus mit schönem trockenem Keller verlockend klingen lassen, das konnten sie, aber einen Sarg zu exhumieren, der noch vor dem Ersten Weltkrieg beigesetzt worden war, das ließ sich beim besten Willen nicht schönreden.
Wenn die Leute im Krankenhaus oder auf dem Markt über die Pläne der Regierung diskutierten, sagte irgendwann immer jemand: »Können sie das denn wirklich machen?« Die Antwort lautete: Ja. »Die können machen, was sie wollen«, sagte Mutter, worauf Donalds Großvater jedes Mal seine Mappe wie einen Schild vor sich hielt und rief: »Miriam, ich glaube, du überblickst die Lage nicht ganz.« Aber das stimmte nicht. Meine Mutter überblickte immer die Lage. Jede Lage.
»Wenn ich mir meinen Atem so anhöre, schätze ich, dass ich Sonntag tot bin«, sagte sie viele Jahre später, als sie im Sterben lag, und sie hielt sich genau an den Zeitplan.
Bei allen Versammlungen wurden kleine Broschüren verteilt, mit einer Zeichnung vorne drauf, die Menschen beim Spaziergang am Ufer eines großen Sees zeigte. Über das Wasser glitten Segelboote, und eine Frau ließ sich, einen Arm in die Luft gereckt, auf Wasserskiern von einem Motorboot ziehen. In der Broschüre konnte man lesen: »Hochwasserschutz, Wasserversorgung, Hydroenergie und ein neues Naherholungsgebiet – so viele Vorteile bringt die Wasserwirtschaft in Ihrer Gegend!« Und auf der Rückseite stand: »Eine strahlende Zukunft durch Fortschritt!« Fortschritt ist immer ein krummes Konzept: die zweispurige Schotterpiste, die zur vierspurigen Asphaltstraße wird und den Anwohnern das Leben zur Lärmhölle macht, das Maisfeld, das einem Einkaufszentrum mit Friseursalon, Supermarkt und Autowaschanlage weichen muss. Wir wuschen unsere Autos noch selbst mit dem Gartenschlauch, bis die Kinder groß genug waren, um das zu übernehmen.
Mein ältester Neffe, der Schlaukopf, hat einmal eine Projektarbeit über Miller’s Valley geschrieben und mich einen Nachmittag lang dazu befragt. »Warum habt ihr nicht gekämpft?«, wollte er wissen.
Ich verstehe das. Er ist jung. Wenn man jung ist, scheint einem alles einfach. Das weiß ich noch sehr gut. Ich bin keine von den Alten, die vergessen.
Und es gab ja Leute, die gekämpft haben, auch wenn es im Lauf der Jahre immer weniger wurden. Donalds Großvater ließ Autoaufkleber und Buttons machen und versuchte, alle aufzuwiegeln, aber es gab ja von vornherein nicht allzu viele Anwohner im Tal, und als es schließlich vorbei war, da war praktisch keiner mehr übrig.
Ich war vermutlich die Einzige in Miller’s Valley, die alle geologischen Berichte gelesen und alle Karten studiert hatte, die wusste, was wirklich los war. Es gibt da eine Luftaufnahme, die lange vor meiner Geburt entstanden ist, und beim Anblick des Damms, des Flussverlaufs, des ungenutzten Landes und der Zahl der betroffenen Häuser musste eigentlich jeder vernünftige Mensch zu dem Schluss kommen, dass hier eine großräumige Niederung förmlich danach schrie, geflutet zu werden. Zum ersten Mal sah ich diese Aufnahme mit siebzehn, in einem Regierungsbüro mit grauen Wänden und Metallmöbeln, und dort sah ich auch das Zentrum dieser großräumigen Niederung, das Dach unseres Hauses. Ich wusste von allen am besten, was los war. Als Kind hatte ich am Bach gespielt, Stöckchen und Steine aufgeschichtet und zugesehen, wie sich das Wasser dahinter staute, bis es schließlich einen Bereich überschwemmte, der eben noch trocken gewesen war. Der Unterschied war nur, dass bei einem echten Damm mitunter Häuser, Kirchen und Farmen in dem überschwemmten Bereich stehen. Einmal sah ich ein Foto von einem großen europäischen Stausee, aus dem bei niedrigem Wasserstand ein Kirchturm hervorragt.
Genau das meinten die Leute von der Regierung, wenn sie von Wasserwirtschaft sprachen. Bei uns im Tal gab es allerdings keinen Kirchturm, der hoch genug gewesen wäre, um aus dem Wasser zu ragen und daran zu erinnern, dass dort, wo jetzt das Wasser war, einmal eine Ortschaft gestanden hatte. Eine strahlende Zukunft durch Fortschritt. Leider war eine Handvoll von uns noch im Weg.
Alle warteten darauf, dass Mutter den Kampf aufnehmen würde, auch wenn niemand es laut aussprach. Alle warteten darauf, dass sie erklärte, das könne man doch nicht machen: einfach 2.500 Hektar Land mit alt eingesessenen familiengeführten Farmen und kleinen, maroden Wohnhäusern in einen Stausee verwandeln, indem man mithilfe des Damms den Fluss umlenkte. Alle warteten darauf, dass sie erklärte, man könne doch nicht einfach unser aller Leben ungeschehen machen, eine glatte, dunkle Wasserdecke darüberbreiten, als wäre hier in Miller’s Valley nie gepflügt, gespielt, geheiratet, gestorben und gelebt worden. Das lag nicht nur daran, dass Mutter ihr Leben lang hier im Tal gewohnt und sich mit dem Wasser herumgeschlagen hatte. Dass sie zu dem Menschenschlag gehörte, der seine Probleme am liebsten selbst löst, anstatt die Dinge für sich und die Nachbarn von irgendwelchen Leuten in Anzug und Krawatte und Arbeitsschuhen regeln zu lassen, die gar keine richtigen Arbeitsschuhe waren. Es lag vielmehr daran, dass sie, Miriam Miller, etwas darstellte. Manche Menschen sind einfach so. Wenn sie etwas zu sagen haben, hört man ihnen zu, selbst wenn man sie gar nicht gut kennt oder nicht besonders mag.
Mutter ging zu allen Versammlungen, die die Leute von der Regierung einberiefen, sie sagte aber nie etwas, und wenn sie davor oder danach von jemandem angesprochen wurde, dann war sie höflich, aber mehr auch nicht, erkundigte sich nach den Kindern oder nach der Arthrose und verlor kein Wort über die Pläne, Miller’s Valley unter Wasser zu setzen. Zu der entscheidenden Versammlung in der Kirche kam ich extra aus der Stadt, obwohl Mutter meinte, das sei doch nun wirklich nichts, wofür man Uni und Arbeit versäumen sollte, und obwohl sich auf meinem Schreibtisch die Dinge türmten, die erledigt werden wollten. Wahrscheinlich tat ich es, weil ich schon die Anfänge mitbekommen hatte, damals, als ich noch ein Kind war und an dem Klapptisch vor unserer Scheune Mais verkaufte, als zum ersten Mal die Rede davon war, Miller’s Valley in einen Stausee zu verwandeln, und eigentlich noch niemand glaubte, dass es jemals dazu kommen würde.
Man lässt sich so leicht täuschen, wenn einem etwas nahesteht. Das weiß ich inzwischen. Gelernt habe ich es damals.
Nach der Versammlung fuhren Mutter und ich zusammen nach Hause, durch die dunklen Nebenstraßen bis zu unserer Farm, und während ich zügig um die Kurven bog, die ich kannte, seit ich zum ersten Mal auf dem Schoß meines Vaters das Lenkrad unseres Lieferwagens gehalten hatte, schaute sie so starr aus dem Fenster, dass der kränklich-grünliche Schein vom Armaturenbrett nur ihren angespannten Kiefer beleuchtete.
»Du weißt schon, was das heißt, oder?«, fragte ich. »Wenn die damit durchkommen, beschlagnahmen sie das Haus, die Scheune und das kleine Haus. Dann musst du umziehen. Du musst alle deine Sachen zusammenpacken. Und du musst etwas Neues für Tante Ruth suchen und alle ihre Sachen zusammenpacken. Sie irgendwie dazu bringen, das Haus zu verlassen. Und danach wird es sein, als hätte es das alles hier nie gegeben. Sie werden das ganze Tal zwölf Meter unter Wasser setzen.«
»Ich bin nicht blöd, Mary Margaret«, erwiderte Mutter. Die Nacht war so still, dass man die Tauben hörte, die einander auf den Feldern mit sanfter Stimme Trost zusprachen.
»Wenn die damit durchkommen, werden sie das ganze Tal einfach verschwinden lassen«, sagte ich, und meine Stimme klang rau in der Stille.
Vor uns sprang geisterhaft ein Reh durchs Scheinwerferlicht, und ich bremste, weil Vater immer gesagt hatte: Ein Reh kommt selten allein. Tatsächlich jagten noch zwei weitere hinterher. Sie blieben kurz stocksteif stehen und starrten uns an, dann liefen sie weiter. Ich wollte gerade weiterreden, doch Mutter kam mir zuvor.
»Sollen sie doch«, sagte sie. »Soll das Wasser doch diesen ganzen gottverdammten Ort verschlingen.«
KAPITEL 1
ICH WUCHS MIT dem Klang der Stimmen meiner Eltern auf, wenn sie an den Abenden, an denen Mutter freihatte, in der Küche redeten, und mit dem Geräusch der Schmutzwasserpumpe, wenn es draußen regnete. Manchmal wache ich auch nach all den Jahren noch nachts auf und meine, das eine oder das andere zu hören, das leise Pochen der Drosselklappe oder das Murmeln der beiden gedämpften Stimmen. In verregneten Nächten hörte ich bestenfalls ein leises Raunen, selbst wenn meine Eltern laut sprachen. Eine Schmutzwasserpumpe, die gut in Schuss gehalten wird, und darauf achtete Vater sehr, gibt eine Art kehliges Tuckern von sich, fast wie ein Zug, nur ohne das Pfeifen. Mein Bruder Tommy behauptete immer, er liebe dieses Geräusch, aber ich glaube, das sagte er nur, weil er sich dann spätabends unbemerkt aus dem Haus schleichen konnte. Auch Mutter störte sich nicht daran, weil sie wegen ihres Schichtdiensts nachts so gut wie nie zu Hause war und nach der Rückkehr immer so müde, dass sowieso nichts mehr sie wach hielt.
Mein Zimmer lag im hintersten Eck des Hauses, direkt über der Pumpe, die zwei Stockwerke unter mir auf dem Zementboden des Kellers stand. Von meinem Zimmerfenster aus sah ich den Weg, der zum hinteren Teil des Grundstücks führte, und das Licht, das vom Haus meiner Tante Ruth durch die Bäume schimmerte. Sie ließ nachts immer mindestens eine Lampe an. Ich mochte dieses Licht da draußen im Dunkeln, das immer schon da war, mit dem ich rechnen konnte. Die meiste Zeit war es abends sehr still rund um unser Haus, so still, dass ich manchmal sogar mitbekam, was Tante Ruth gerade im Fernsehen schaute; ich erkannte die Titelmelodie der Dick van Dyke Show.
Direkt über dem Kopfende meines Bettes befand sich ein Heizungsgitter, und wäre man dem Schacht dahinter gefolgt, man hätte das Heizungsgitter gleich hinter dem Küchentisch passiert, bevor es weiter nach unten ging bis zu dem alten gusseisernen Heizkessel im Keller. Mit fünf glaubte ich, in meinem Zimmer würde es spuken, denn jedes Mal, wenn ich fast eingeschlafen war, drang ein Stöhnen unter meinem Bett hervor. Jahre später erzählte mir mein Bruder Eddie, Tommy habe den Mund an das Gitter gedrückt und diesen Laut gemacht, bis Eddie ihn einmal dabei erwischte und ihm sagte, er solle es lassen. Das klang alles sehr plausibel, inklusive der Tatsache, dass Eddie unseren Eltern nichts davon erzählt hatte.
Die Eltern durch den Heizungsschacht zu belauschen, das war letztendlich so, als würde man auf einem schlecht eingestellten Radiosender einen Song hören, den man richtig gut findet, der aber immer wieder unterbricht, sodass man die Lücken füllen und selbst weitersingen muss. Ich war ganz gut darin, die Lücken in den Gesprächen meiner Eltern zu füllen, und hörte sicher einiges, was ich gar nicht hätte hören sollen. Hätte LaRhonda das alles mitbekommen, dann hätte gleich der ganze Ort Bescheid gewusst. Das Heizungsgitter ließ sich mit einer kleinen Zugschnur verschließen, was ich immer tat, wenn LaRhonda bei mir übernachtete. Den Rest der Zeit aber hörte ich mir alles, was mich erreichte, aufmerksam an.
Und jetzt hat sie Brustkrebs, sagte Mutter zum Beispiel.
Wird schwer für Bernie, erwiderte Vater.
Für Bernie? Für sie wird es schwer, so sieht’s doch aus. Nach allem, was ich mitbekomme, fehlt es Bernie nicht gerade an weiblicher Zuwendung.
Ist doch alles nur Gerede, sagte Vater. Dann war es wieder still, und ich schlief ein.
Oder Mutter sagte: Das Baby kommt direkt in die staatliche Fürsorge, so viel steht fest.
Traurige Geschichte, entgegnete Vater.
Noch trauriger wär’s, es in der Familie zu lassen, sagte Mutter.
Kann gut sein, erwiderte Vater. Meine Mutter war sich ihrer Sache immer sicher. Mein Vater so gut wie nie, außer vielleicht wenn es um die Leute von der Regierung und ihre Pläne für Miller’s Valley ging. Davon war in der Küche im Lauf der Jahre ziemlich oft die Rede.
Gestern habe ich mit Bob Anderson gesprochen, sagte Mutter dann.
Mit Maklern hab ich nichts am Hut, erwiderte Vater.
Er hat nach dir gefragt, sagte Mutter.
Kein Bedarf, brummte Vater.
Töpfe klapperten in der Spüle. Wasser rauschte.
Was mache ich mir eigentlich die Mühe, sagte Mutter.
»Mims, bist du noch wach?«, flüsterte Tommy und schob meine Zimmertür auf. Wenn er wollte, konnte er wie ein Geist durchs Haus gleiten, selbst wenn er betrunken war. Vielleicht sogar gerade, wenn er betrunken war.
»Wieso bist du denn noch zu Hause?« Ich setzte mich im Bett auf.
Ich will kein Wort mehr zu dem Thema hören, sagte Vater.
»O Mann, nicht schon wieder«, sagte Tommy. Er setzte sich auf meine Bettkante und nickte in Richtung Heizungsgitter. Dabei fiel ihm eine Haarsträhne in die Stirn. Ich fand es verwirrend, einen so attraktiven Bruder zu haben. Ich versuchte immer, ihn nicht so zu sehen, aber LaRhonda ritt die ganze Zeit darauf herum.
»Worüber reden die denn?«, fragte ich. »Wer ist Bob Anderson?«
»War der Typ vom Wasseramt heute wieder hier?«
»Wer?«
»War heute ein Typ mit einem Chevy hier, der Pop sprechen wollte?«
»Es war jemand da, mit einer Visitenkarte von der Regierung. Donald sagt, der hätte auch schon mit seinem Großvater geredet. Danach war er wohl auch noch bei den Langers und ein paar anderen.«
»Dann geht es bestimmt darum. Um den gottverdammten Damm.«
»Das sagt Mr Langer auch immer«, sagte ich.
»Na, ist ja auch ein Problem. Die Alten erzählen doch alle, es hätte damals einen Riesenkrach gegeben, als sie Kinder waren und der Damm gebaut wurde. Und jetzt finden sie auf einmal, dass sie ihn damals an die falsche Stelle gebaut haben oder das Wasser an der falschen Stelle ist oder so was. Sie wollen das ganze Tal unter Wasser setzen.« Wir schauten beide zu dem Lichtschein aus Ruths Fenster hinüber.
»Was wird denn dann mit uns?«, fragte ich.
Ich kannte den Damm. Er hieß nach Präsident Roosevelt, allerdings nicht nach dem mit dem Scotchterrier und der Frau mit den großen Zähnen, sondern nach dem mit dem Schnurrbart und dem Monokel. Wir hatten einmal einen Schulausflug dorthin gemacht. Der Reiseführer hatte uns erklärt, der Damm sei aus Beton erbaut worden und diene dem Hochwasserschutz, was wenig überzeugend klang, weil wir bei uns im Tal ständig Hochwasser hatten. Die meisten Kinder fanden die Angaben zu Kubikmetern und -litern todlangweilig, doch wir wurden alle wieder munter, als der Reiseführer uns erzählte, dass beim Bau des Damms vier Arbeiter ums Leben gekommen seien. Unsere Lehrerin war sich allerdings nicht sicher, ob wir diese Information unbedingt gebraucht hätten.
Es ist vielleicht schwer zu glauben, doch eigentlich kümmerte uns der Fluss nicht weiter, obwohl er so breit war und so nah und obwohl einer seiner gewaltigen Arme mitten durch das Tal floss. Der Arm hieß Miller’s Creek, weil er vor Jahren nur ein kleiner, schmaler Bach gewesen war, doch seit es den Damm gab, war er beträchtlich angewachsen. Ich hatte als Kind viel Zeit an Bächen verbracht und nach Elritzen und Krebsen gefischt, und das hier konnte man beim besten Willen nicht als Bach bezeichnen.
Den Fluss besuchten hauptsächlich Leute von auswärts. Zum Schwimmen war die Strömung viel zu stark, und am Pride’s Beach, einem kleinen aufgeschütteten Sandstrand am Ufer des Sees südlich der Ortschaft, war es sowieso viel schöner. Auch angeln ließ es sich besser an den Wasserläufen im Tal, auch wenn man da einiges Geschick beim Auswerfen der Angelschnur brauchte, um sich nicht in den tief hängenden Zweigen zu verfangen.
Aus dem Heizungsgitter drang lautes Scharren nach oben, zwei Holzstühle wurden auf dem rissigen Linoleumboden der Küche zurückgeschoben. »O Mann«, flüsterte Tommy. »Hast du ’n Streichholz?«
»Was soll ich denn mit Streichhölzern?«
Tommy seufzte. »Ich hatte immer Streichhölzer, als ich so alt war wie du.«
»Quatsch!«, rief ich, und Tommy machte: »Pssst!« Draußen gingen unsere Eltern auf dem Weg ins Schlafzimmer vorbei. »Nie weiß ich, wo er steckt und was er treibt«, sagte Mutter, und im Mondlicht sah ich, wie Tommy mit den Augenbrauen wackelte. Wir wussten beide, dass sie über ihn sprachen.
Seit dem Highschool-Abschluss ließ sich mein Bruder treiben. So nannte das zumindest Tante Ruth: sich treiben lassen. Die Schule war für ihn auch kein großer Erfolg gewesen: Anders als Eddie, der als Jahrgangsbester abgeschlossen hatte, war Tommy von Anfang an ein miserabler Schüler gewesen. Vielleicht hatte er ja eines dieser Probleme, auf die man erst viel später kam, eine Lern- oder eine Rechtschreibschwäche oder etwas in der Art. Seine Handschrift war so lausig, dass sie wirklich kein Mensch lesen konnte. Manchmal konnte er sie nicht einmal selbst entziffern. Die einzigen Prüfungen, bei denen er auch nur den Hauch einer Chance hatte, waren die Richtig-oder-falsch-Tests, und selbst da war bei ihm manchmal ein R kaum von einem F zu unterscheiden. Irgendwie hatte er sich durchgemogelt, doch das spielte damals im Grunde gar keine große Rolle, denn als er mit hochgerecktem Zeugnis durch die Aula schritt, war der Jubel deutlich lauter als nach der Rede des Jahrgangssprechers.
Danach aber musste er in die Welt hinaus, und es fiel ihm schwer, mit nichts als seiner einnehmenden Art Geld zu verdienen. Er wäre sicher ein großartiger Politiker geworden, fing aber stattdessen in einer Autowerkstatt an. Doch schon nach einem halben Jahr verlor er seine Arbeitserlaubnis, weil er eines Nachts auf der Main Street angehalten worden war, mit überhöhter Geschwindigkeit, ein paar offenen Bierdosen sowie einem jungen Mädchen auf dem Beifahrersitz, das aus dem Fenster kotzte. Der Polizist, der ihn anhielt, war der Vater des Mädchens, und als er durch das Fahrerfenster schaute, konnte er unschwer erkennen, dass seine Tochter kein Höschen trug. Tommy hatte sie in der Autowerkstatt kennengelernt, die ihrem Onkel gehörte, und saß somit gleich doppelt in der Tinte. Die Situationen, in die Tommy so geriet, hörten sich oft wie erfundene Geschichten an, entsprachen aber leider der Wahrheit.
Er arbeitete auch bei uns auf der Farm mit, trieb Vater aber regelmäßig zur Weißglut. »Der schert sich wirklich um nichts«, sagte Vater oft, ohne auch nur darauf zu achten, ob Tommy ihn gerade hören konnte. »Ich sage ihm, er soll das Heu wenden, und zwei Tage später finde ich die Heugabel halb verrostet in der Regentonne.«
»Sag dem Alten, ich bin Sprit für die Traktoren holen«, sagte Tommy manchmal zu mir und verschwand dann für zwei Stunden. »Hast du deinen Bruder gesehen?«, fragte Vater dann immer kurz darauf, und während ich noch zur Antwort ansetzte, sagte er: »Erzähl mir jetzt bloß nicht, er ist wieder Sprit holen, die Traktoren sind nämlich beide vollgetankt.« Ich war schlecht im Schwindeln. »Bleib einfach hinter mir«, sagte LaRhonda immer, wenn wir ihrer Mutter irgendein Märchen erzählen mussten.
»Hast du Kohle?«, flüsterte Tom, als er sicher war, dass Mutter aus dem Bad im Schlafzimmer verschwunden war.
»Nein«, sagte ich, doch er sah mich so lange unverwandt an, bis ich schließlich doch antwortete: »Sieben Dollar.«
»Kriegst du wieder«, sagte Tommy.
»Von dir krieg ich nie was wieder.«
Er schob die Scheine in die Tasche, strich sich das dichte Haar aus der Stirn, glitt aus der Zimmertür und war verschwunden. Ich hörte nicht einmal, wie er den Wagen anließ. Die Schmutzwasserpumpe tuckerte wieder. Da fiel es immer schwer, zu hören, wie Tommy sich aus dem Staub machte.
Die sieben Dollar hatte ich mir mit Maisverkaufen verdient. Für eine Elfjährige war das ein ernst zu nehmender Betrag. Ich hatte ganze Spätsommertage hinter einem Klapptisch am Straßenrand verbracht, manchmal alleine, meistens aber mit LaRhonda und Donald. Es war langweilig, aber immerhin eine Beschäftigung, auch wenn jeder Tag mehr oder weniger gleich verlief. Ein Wagen hielt, eine Frau winkte aus dem offenen Fenster. »Was nehmt ihr?«, fragte sie. Sie hatte Lockenwickler im Haar. Obwohl sie sich ein Kopftuch umgebunden hatte, war die erste Reihe der Wickler rund ums Gesicht doch nicht verdeckt, und die Haarklemmen funkelten in der grellen Augustsonne.
»Fünf Cent der Kolben«, sagte ich. »Dreizehn das Dutzend.«
»Weiter unten an der Straße sind sie aber billiger.« Die Frau rieb sich den Kopf. Ich weiß nicht genau, warum Lockenwickler so jucken, aber das tun sie.
»Dann geh halt weiter unten kaufen«, brummte LaRhonda leise. Sie hatte schon eine große Klappe, seit sie sprechen konnte.
Donald trug die Papiertüte zum Wagen. »Vielen Dank, Ma’am«, sagte er. Die Frau gab ihm einen Dollar und sagte: »Behalt den Rest.« Ich gab erst ihm und dann LaRhonda zehn Cent aus der Büchse und steckte mir selbst zwanzig Cent in die Brusttasche meines Karohemds.
Es war ein altes Hemd von Tommy. Ich bekam viele abgelegte Kleider von Tommy und Eddie, was noch dadurch verschlimmert wurde, dass die beiden so viel älter waren als ich und ich folglich Jungskleidung trug, die aus der Mode war. Donald trug in diesem Sommer eine Art Hemd ohne Kragen mit drei Knöpfen vorne. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und war überzeugt, dass es sehr modern sein musste, auch wenn das Donald überhaupt nicht interessierte. Seine Mutter wohnte in einer halbwegs großen Stadt, über seinen Vater war wenig bekannt. Donald verbrachte viel Zeit in Miller’s Valley. Er sagte immer, er sei auf Besuch, doch diese Besuche waren so häufig und so lang, dass sie schon als dauerhaftes Wohnen durchgingen. Wenn er wieder nach Hause fuhr, falls man das überhaupt so nennen konnte, fühlte ich mich immer ein wenig einsam.
»Sie lädt den armen Jungen bei den Großeltern ab, wenn ihr gerade danach ist«, hörte ich Mutter durch das Heizungsgitter. »Und kümmert sich nur um ihre Abenteuer.« Ich konnte nur hoffen, dass diese Abenteuer nicht das waren, wonach es klang.
LaRhonda trug weiße Lacklederschuhe mit Riemchen und einem kleinen Absatz zu rosa Shorts und T-Shirt. Ihre weißen Füße waren ganz rot gescheuert, an den Fersen klebte ein Pflaster neben dem anderen auf den Blasen. An den meisten Tagen humpelte sie abends regelrecht, und ihre Mutter wollte sie zu einem Fußbad mit Salz überreden, doch sie sagte nur: »Wie eine alte Oma?«, und humpelte zu Bett. LaRhondas Mutter hatte sich beschwatzen lassen, ihr die Schuhe zu Ostern zu kaufen, und LaRhonda zog sie erst aus, wenn sie abends in ihr geblümtes Shorty schlüpfte.
Ich trug auch im Bett Tommys alte Sachen, in diesem Fall seinen Schlafanzug. Das Schlimmste war, dass mir all die Jungskleider auch noch passten, weil ich schmal war, knochige Schultern hatte und im Grunde wie ein Junge gebaut war. Alles an mir war gerade, die Beine, die Nase, die Haare, lang und schmal, oben wie unten. Das sollte sich auch nicht groß ändern. Je älter ich wurde, desto mehr kam mein Erscheinungsbild in Mode, doch da war mir das längst egal. Nur als Kind, als ich die Kleider meiner Brüder auftragen musste, war mein Aussehen für mich eine Bürde, wie Tante Ruth alles nannte, was sie belastete. »Ich will keine Klagen darüber hören, was du am Leib trägst, Mary Margaret«, sagte Mutter. »Wir haben einfach zu viele undichte Stellen im Zaun.« Ich weiß noch, wie ich den Ausdruck »undichte Stelle« zum ersten Mal in einem Buch las und ganz verwirrt war, weil ich ihn nur auf Zäune bezog. Eine Kuh wird unruhig, sie kriegt Lust oder stolpert einfach nur zur Seite, schon liegt ein Stück Zaun am Boden, die Kühe trotten hinaus auf die Straße, und man muss die undichte Stelle im Zaun so schnell wie möglich flicken, weil sonst weitere Kühe folgen und womöglich von einem Laster angefahren werden, dessen Fahrer gerade nicht richtig aufpasst. Das passiert ständig.
Vater war Farmer, obwohl die Nachbarn das sicherlich anders erzählt hätten. Sie hätten gesagt, Bud Miller verdiene sein Geld mit Reparieren. »Richten« nannte man das damals, als Dinge noch gerichtet und nicht einfach weggeworfen wurden. Wenn das Radio plötzlich den Dienst quittierte oder der Ventilator nicht mehr funktionieren wollte, brachte man sie in den kleinen viereckigen Schuppen, der wie ein nachträglicher Einfall außen an der kleinen Scheune mit dem Futtermais klebte, und überließ sie Vater. Wenn er nicht da war, stellte man das Gerät einfach mit einem Zettel auf die Werkbank. Ich war immer wieder erstaunt, dass Vater diesen Zetteln tatsächlich entnehmen konnte, was nicht stimmte. Meist stand nichts weiter darauf als: »Summt«. Und wenn das defekte Gerät einmal zu groß war, um es vorbeizubringen, weil es sich zum Beispiel um eine Waschmaschine oder auch um einen Schaufelbagger handelte, dann fuhr Vater selbst vorbei und kletterte dort schwerfällig aus seinem Lieferwagen. Seit seiner Football-Zeit in der Highschool taten ihm die Knie weh, und mit dem Alter wurde es nicht besser.
Mutter war Krankenschwester. Als ich klein war, ging sie nach dem Abendessen aus dem Haus und war am Morgen rechtzeitig zurück, um meine Brüder und mich zum Schulbus zu scheuchen, vor allem Tommy, der meist eine ganze Reihe Ideen hatte, wie er den Tag angenehmer verbringen konnte als mit Geometrie und Gesellschaftskunde. Sie trug eine weiße Schwesterntracht, und auf ihrem Namensschild stand Schwester Miriam Miller. Früher hieß sie Miriam Kostovich, und sie hatte sich gefreut, Miriam Miller zu werden, weil das ein wenig nach Filmstar klang. Den Großteil ihrer Schicht verschliefen wir, und so kam es uns fast vor, als wäre sie gar nicht weg.
»Glaubst du, deine Mutter fährt uns in den Ort? Wir könnten uns ein Eis kaufen«, sagte LaRhonda und strich mit dem Daumen über das Profil von Franklin D. Roosevelt auf ihrem Zehn-Cent-Stück. Damit wollte sie mich nur ärgern. Sie wusste, dass die Antwort »Nein« lauten würde. Mutter war sehr sparsam. Ich würde nie weiße Lacklederschuhe bekommen, bis ich mein eigenes Geld verdiente und sie mir selbst kaufen konnte, und auch dann würde sie mir vermutlich noch erklären, was für eine Verschwendung das sei und dass ich das Geld doch lieber auf ein Sparbuch legen solle. Sparbücher waren Mutters große Leidenschaft.
Mutter war also Krankenschwester, und Vater richtete defekte Gegenstände. Hätten sie allerdings, wozu es nie kam, einen Pass beantragt und dabei ihren Beruf angeben müssen, dann hätten sie – oder zumindest er – sicherlich »Farmer« geschrieben. Unser Haus war von 65 Hektar flachen und häufig feuchten Landes umgeben, das dem Vater meines Vaters gehört hatte und zuvor im Besitz der Familie seiner Mutter gewesen war. So war es von einer Seite des Familienstammbaums zur anderen gewandert. Als ich acht war und Vater einen neuen Herd für Mutter einbaute, entdeckte er in der Wand dahinter einen alten Türsturz aus Kalkstein, in den die Jahreszahl 1822 eingemeißelt war, ungelenk wie die Handschrift eines Kindes.
Meine Eltern besaßen einige schwarz-weiße Schlachtrinder, ein Feld, auf dem das Heu angebaut wurde, das ihnen als Futter diente, ein weiteres, auf dem der Mais angebaut wurde, der ebenfalls als Futter diente, und ein drittes, auf dem wir den zweifarbigen Mais pflanzten, den wir von Mitte Juli bis September an unserem Klapptisch vor der Scheune verkauften.
»Reich wird man nicht davon«, sagte Vater immer über die Arbeit auf der Farm, hauptsächlich damit meine Brüder die Schule fertig machten, obwohl er eigentlich darauf setzte, dass mindestens einer der beiden den Betrieb übernehmen würde, wenn er einmal nicht mehr konnte. Von Zeit zu Zeit wurden die Kühe verkauft, und ich hockte währenddessen schluchzend auf einem Heuballen in der Scheune – »Wie oft hab ich dir schon gesagt, du sollst ihnen keine Namen geben?«, schimpfte Vater dann –, doch der Verkaufspreis deckte kaum die Kosten für das Futter, geschweige denn die vielen Stunden, die mein Vater damit zubrachte, vor Sonnenaufgang in der dunklen, kalten Scheune die Tröge zu füllen, während ihm die Stallkätzchen flaumig wie Pusteblumen um die Stiefel kullerten. Unsere Rechnungen wurden mit dem Gehaltsscheck aus dem Krankenhaus beglichen und mit den knittrigen Dollarscheinen, die die Hausfrauen aus der Büchse mit dem Haushaltsgeld fischten, wenn Vater ein Ersatzteil in ihren altersschwachen Kühlschrank eingebaut hatte. Das Geld aus der rostigen Kaffeebüchse, in der ich sammelte, was mir die Kunden für den Mais bezahlten, leistete keinen großen Beitrag, und meistens riss es sich sowieso Tommy unter den Nagel, indem er sich auf dem Weg zu seinem klapprigen Cabrio beiläufig den Büchseninhalt in die Hand kippte, als wäre er in der Großstadt und klaute einem Touristen die Geldbörse.
»Das sag ich den Eltern!«, rief ich ihm nach, doch er zwinkerte mir nur zu und ließ den Motor aufheulen, bis der Auspuff röhrte wie eine feuchte Tuba. Tommy hatte den Sommer immer schon geliebt. Im Sommer rief kein Schuldirektor bei unseren Eltern an, um zu melden, dass Tom Miller es wieder einmal nicht für nötig befunden hatte, in der Schule zu erscheinen.
»Deine Brüder sind echt süß«, sagte LaRhonda, und Donald machte Würgegeräusche. Er mochte LaRhonda kaum mehr als sie ihn, war aber längst nicht so gemein zu ihr.
»Beide?«, fragte ich.
»Also, Tommy. Eddie sieht auch ganz gut aus, aber er schaut mich immer an, als hätte ich was ausgefressen.«
»Hast du ja auch meistens«, bemerkte Donald.
»Woher willst du das denn wissen, Entenschnabel? Du wohnst doch gar nicht hier.«
Mutter meinte, LaRhonda sei eifersüchtig auf Donald, weil sie sich als meine beste Freundin sah, gleichzeitig aber merkte, dass ich Donald genauso gern, wenn nicht sogar lieber hatte. Mutter meinte, LaRhonda sei ein Mädchen, das nicht verstehe, wie man mit einem Jungen befreundet sein könne. Ich hatte allerdings eher den Eindruck, dass LaRhonda einfach nicht recht wusste, was sie mit Donald anfangen sollte. Vom Wesen her war Donald wie Vanilleeis und LaRhonda wie dieses seltsame Fürst-Pückler-Eis mit seinen Schichten aus Erdbeer, Vanille und Schokolade, das immer ganz hellbraun wurde, wenn es in der Schüssel schmolz und man Eissuppe daraus machte. Manchmal teilte Donald unser Leben, und manchmal teilte er es nicht. Er ging ein Jahr lang, vielleicht auch zwei, mit uns zur Schule und wohnte bei seinen Großeltern am anderen Ende des Tals, dann wohnte er plötzlich wieder bei seiner Mutter und verschwand für geraume Zeit, bis ich fast vergaß, wie er aussah. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass etwas fehlte. Manchmal stellte ich mir ihn und LaRhonda als das Engelchen und das Teufelchen vor, die manchmal in Zeichentrickfilmen auf den Schultern der Figuren hocken. Sie redete ohne Punkt und Komma und hackte dauernd auf mir herum, er schwieg meistens, war aber immer sehr nett, wenn er doch einmal etwas sagte. Ich war am Maistisch fleißig damit beschäftigt, die Blumen auf Mutters Papierservietten mit Buntstift auszumalen. LaRhonda sagte: »Das ist doch doof.« Donald sagte: »Das ist aber hübsch.« Und damit hatte man sie beide im Kern erfasst, wie Tante Ruth immer sagte.
»Ich hätte auch gern einen Bruder«, setzte LaRhonda hinzu, während Tommy, wie immer mit quietschenden Reifen, davonbrauste. Aber das stimmte nicht. Hätte Donald gesagt, er hätte gern einen Bruder, dann hätte ich ihm geglaubt, doch ich kannte niemanden, der sich so sehr zum Einzelkind eignete wie LaRhonda. »Oder eine Schwester«, fuhr sie fort. Ich schwieg. Ich würde wohl nie eine Schwester bekommen, aber ich wollte auch gar keine, ich wusste schließlich, wie Mutter und ihre Schwester Ruth miteinander umgingen – oder meist eben nicht. Daran konnte ich nichts Vorteilhaftes erkennen.
Ein weiterer Wagen hielt am Straßenrand, und ein Mann im Seersucker-Anzug stieg aus. Wir wussten alle drei sofort, dass er nicht von hier war, weil wir ihn noch nie gesehen hatten und weil er ausstieg. Die Leute, die sonst bei uns Mais kauften, bestellten ihn durchs offene Fahrerfenster, und die, die etwas von meinem Vater richten lassen wollten, fuhren direkt über den Kiesweg zu seinem Schuppen.
»Tag, die Damen«, sagte der Mann. Er hatte eine Glatze, auf der Schweißperlen glitzerten. Wir waren so still, dass man die großen Insekten und die kleinen Vögel hören konnte. Im Jahr zuvor war ein Mann im Ort herumgefahren und hatte mehrere Mädchen nach dem Weg gefragt, die Landkarte auf dem Schoß. Wenn ein Mädchen dann an seinen Wagen trat, zog er die Landkarte weg. »Sieh mal an, da steht er«, hatte ich Tommy zu zwei Freunden sagen hören, und sie hatten alle drei gelacht, doch Mutter hatte mir nur eingeschärft, ich solle jeden Mann, der mich nach dem Weg fragte, zur nächsten Tankstelle schicken und keinesfalls zu nah ans Auto gehen. Ich erwiderte, ich müsse aber doch zumindest so nah rangehen, dass er mich verstehen könne. »Immer musst du Widerworte geben«, sagte Mutter, die gerade Vaters Sonntagshemd bügelte. Was unfair war und außerdem nicht stimmte. Ich hielt mich nur gern an die Tatsachen.
»Ich weiß nicht, ob meine Mutter zu Hause ist«, sagte ich jetzt. LaRhonda trat mir auf den Fuß. »Mimi«, flüsterte sie, immer auf der Hut vor Perverslingen.
»Deine Mutter ist sicher eine reizende Frau, aber ich möchte zu Mr Miller«, sagte der Mann. »Vielleicht kannst du ihm das ja bringen?« Er zog eine Visitenkarte aus der Brieftasche. Darauf stand sein Name, Winston Bally, sowie der ellenlange Name der Regierungseinrichtung, für die er arbeitete.
»Nicht schon wieder«, sagte Vater, als er die Karte sah, folgte mir aber trotzdem vors Haus und führte den Mann zu seinem Schuppen.
»Der war auch schon bei meinem Großvater«, sagte Donald. »Wegen dem Wasser.«
»Was ist denn mit dem Wasser?«, fragte LaRhonda, die nicht in Miller’s Valley wohnte, oder zumindest nicht direkt. Die ganze Ortschaft hieß zwar Miller’s Valley, doch das eigentliche Tal lag etwas abseits, inmitten der steilen steinigen Hänge, die sich ringsum erhoben. Am einen Ende des Tals führte eine Schneise auf die kurvige Straße in den Ort hinein.
»Mein Großvater sagt, es gibt da ein Problem mit dem Grundwasserleiter.« So, wie Donald das Wort Grundwasserleiter aussprach, hörte man, dass es ihm gefiel, er aber womöglich nicht genau wusste, was es bedeutete.
LaRhonda ließ ihre zehn Cent auf dem Klapptisch tanzen. Man merkte ihr an, dass sie das Wasser nicht als großes Problem sah. Mir ging es auch so. Manchmal, wenn es richtig schüttete, floss der Schlamm den Hang hinab, landete auf unserer Veranda, und Mutter musste ihn mit dem Schrubber wieder vertreiben. Manchmal stand auch der Keller unter Wasser, weshalb wir alle wertvollen alten Gegenstände, Mutters Abschlussurkunde von der Schwesternschule oder Vaters Uniform aus der Zeit beim Militär, auf dem Dachboden aufbewahrten. Manchmal war unser Trinkwasser braun, und Mutter kochte es ab, füllte es in leere Hohes-C-Flaschen und stellte es in den Kühlschrank, und zweimal war unser Brunnen ganz versiegt, und die Bauarbeiter mussten einen tieferen ausheben. Beim ersten Mal stand mein Bruder Eddie daneben und fragte Vater immer wieder: »Aber wie kann es sein, dass manchmal so viel Wasser da ist und dann wieder zu wenig?«
Eddie war der Stolz von Miller’s Valley. Er studierte mit einem Rotary-Stipendium an der staatlichen Universität und wollte Ingenieur werden. Außerdem wollte er nur noch Ed genannt werden. Er war Mitglied der Science National Honor Society und hatte eine Freundin namens Debbie, deren Vater als Anwalt in Philadelphia arbeitete. Wenn er sie mit nach Hause brachte, zog ich aufs Sofa um, und sie bekam mein Zimmer. Das roch dann anschließend nach Badeöl von Jean Naté, wie warme Limonade. Eddie war zehn Jahre älter als ich und kam mir eigentlich gar nicht vor wie ein Bruder, nicht so wie Tommy. Er war eher eine Art gern gesehener Gast.
»Kann ich vielleicht mal meinen Mais kriegen?«, rief Mr Brown, der am anderen Ende der Straße wohnte, als würde er schon ewig warten, dabei hatte er doch gerade erst gehalten. Zweimal in diesem Sommer sollte er am nächsten Tag wiederkommen und einen missratenen Kolben reklamieren, wie man sie manchmal findet – dessen Körner nicht ganz gerade sind, so wie bei Menschen mit schiefen Zähnen. »Dafür will ich mein Geld zurück«, verlangte er. Beim zweiten Mal kam Mutter aus dem Haus. »Wir erstatten dir gerne den Betrag, Bob«, sagte sie, »aber dann kannst du deinen Mais in Zukunft woanders kaufen.«
Winston Bally blieb nicht lange. »Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu reden«, sagte er zum Abschied zu Vater, als er wieder zu seinem Wagen ging, doch man sah sofort, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Vater stand noch in der Tür seines Schuppens, die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn gesenkt.
»Ich bin weg«, sagte LaRhonda und schwang sich auf ihr Fahrrad. Der Diner, der ihrem Vater gehörte, lag nur drei Kilometer entfernt, und dort fand sich immer jemand, der sie nach Hause fuhr. Wenn ich LaRhonda begleitete, bekamen wir praktisch alles umsonst: Cheeseburger, Zitronen-Baiser-Kuchen, Pfefferminzbonbons aus dem Glas neben der Kasse. Der reinste Überfluss.
»Ich weiß wirklich nicht, warum sie immer ›Entenschnabel‹ zu mir sagt«, meinte Donald und zupfte an seiner Oberlippe. Fast hätte er mir leidtun können, aber er war einfach so gutmütig, dass es ihm meistens gar nicht auffiel, wenn jemand gemein zu ihm war. Und wenn ich mir anschaute, wie groß und breitschultrig er jetzt schon war, vermutete ich, dass er in der High School auf jeden Fall zu den Sportlern gehören würde. Bei solchen Jungs war es egal, wie sie sich benahmen: Für sie lief immer alles nach Plan.
Ich blieb noch zwei Stunden am Tisch sitzen, malte ein paar weitere Servietten aus, las Nancy Drew und sah einer grünen Raupe, die an ihrem Seidenfaden von dem dicken Eichenast über meinem Kopf herabhing, bei ihren akrobatischen Übungen zu. Manchmal ging ich auch in das Maisfeld hinein, wanderte mit geschlossenen Augen zwischen den Reihen hindurch und spielte, ich wäre blind, ließ mich von den Halmen streifen, als würden sie mir auf den Rücken klopfen. Aber dafür war es jetzt zu heiß. LaRhonda schwor Stein und Bein, in einem Sommer sei es so heiß gewesen, dass die Maiskörner in ihren Hülsen zu Popcorn wurden, und Donald sagte, das sei gelogen, und ich sagte gar nichts. Man durfte LaRhonda gar nicht beachten, wenn sie solche Sachen erzählte.
Um kurz nach fünf streckte Mutter den Kopf durch die Seitentür. »Wer noch Mais fürs Abendessen kaufen wollte, hat das längst getan«, sagte sie. Sie balancierte einen zugedeckten Teller auf einer Hand. »Bring deiner Tante das Abendessen«, sagte sie.