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Buch

Vom Feuer, das die Dunkelheit brachte

In der Endphase des Zweiten Weltkrieges, im Februar 1945, bombardierten die Alliierten Dresden: Circa 25000 Menschen fanden den Tod, die Überlebenden waren zutiefst traumatisiert, das einst prächtige Elbflorenz lag in Schutt und Asche. In »Die Nacht, als das Feuer kam« begibt sich der britische Journalist und Autor Sinclair McKay auf eine ganz besondere Spurensuche und erzählt die Geschehnisse dieser drei verhängnisvollen Tage und Nächte aus der Perspektive der Bewohner der Stadt: Schülern, Mitgliedern der Hitlerjugend und des Kreuzchors, Künstlern, Musikern, des Kriegsgefangenen Kurt Vonnegut und nicht zuletzt Victor Klemperer sowie Piloten und Besatzungsmitgliedern der britischen und amerikanischen Verbände.

Noch nie zuvor wurde das Ausmaß dieses Luftangriffs für die Zivilbevölkerung der Stadt so vielstimmig, emotional und zutiefst menschlich geschildert wie in diesem Meisterwerk der narrativen Geschichtsschreibung – das noch lange, nachdem die letzte Seite umgeblättert ist, im Gedächtnis bleiben wird.

Sinclair McKay

Die Nacht,
als das Feuer kam.
Dresden 1945

Ins Deutsche übertragen
von René Stein

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Dresden: The Fire and the Darkness« bei Viking, a division of Penguin Books Limited and Penguin Random House, London, UK.


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Deutsche Erstausgabe Januar 2020

Copyright © 2020 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München,
unter Verwendung folgender Motive: © akg-images »Zweiter Weltkrieg / Ostfront / Kämpfe um Danzig, März 1945: Durchbruch der Roten Armee am 23. März 1945 bei Zoppot, Danzig und Gdingen zur Ostsee. Deutsche Truppen räumen Danzig am 30. März 1945« und © ullstein bild / dpa

© 2020 Sinclair McKay

Published by agreement with Johnson & Alcock Ltd., London, UK.

Redaktion: Antje Steinhäuser

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25269-4
V001

www.goldmann-verlag.de

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Inhalt

Vorwort
Dresden damals – die Stadt im Spiegel der Zeit

Karte: Dresden in Europa, Februar 1945

Karte: Dresden, Bombardierte Stadtgebiete, Februar 1945

Karte: Dresden Zentrum 1945

TEIL 1: Die Katastrophe rückt näher

1 – Am Vorabend der Schreckensnacht

2 – In den Wäldern der Gauleiter

3 – Die Entthronung der Vernunft

4 – Kunst und Entartung

5 – Der Gläserne Mensch und der Physiker

6 – Eine Art Klein-London

7 – Die Wissenschaft vom Weltuntergang

8 – Die idealen Wetterbedingungen

9 – Mit dem Schlauch ausgespritzt

10 – Keine Verschnaufpause dem Teufel

TEIL 2: Die Schreckensnacht

11 – Der Tag der Finsternis

12 – Fünf Minuten vor Fliegeralarm

13 – Hinein in den Höllenschlund

14 – Schatten und Licht

15 – Zweiundzwanzig null drei Uhr

16 – Das Brennen in den Augen

17 – Mitternacht

18 – Die zweite Welle

19 – Aus dem Reich der Toten

20 – Die dritte Welle

TEIL 3: Das Nachbeben

21 – Untote und Träumer

22 – Glühende Gräber

23 – Der Sinn des Terrors

24 – Die Musik der Toten

25 – Rückschlag

26 – »Der Stalin-Stil«

27 – Schönheit und Erinnerung

Danksagung

Anmerkungen

Bildteil

Bildnachweis

Personenregister

Sachregister

Vorwort

Dresden damals –
die Stadt im Spiegel der Zeit

An der Schlossmauer, im Schatten der Kathedrale, kann es gelegentlich passieren, dass das winterliche Zwielicht für einen atemberaubenden Moment sorgt. Wenn man sich umblickt, wird es einem vielleicht nur für einen flüchtigen Augenblick so vorkommen, als wäre man vollkommen allein. Und hier auf diesem dreieckigen Geläuf aus Kopfsteinpflaster und reicher Steinmetzkunst – dem Schlossplatz, der von dem großen Torbogen überragt wird, der zum Schlosshof führt, und der Kirchturmspitze, die sich hoch und scharf gegenüber dem violetten Himmel abzeichnet – kann sich die Zeit ihrer Fesseln entledigen.

Wenn Sie sich ein bisschen in Kunstgeschichte auskennen, finden Sie sich vielleicht ins frühe 19. Jahrhundert zurückversetzt, eine Figur, die in einem Gemälde Casper David Friedrichs eingefroren scheint; der Maler der Romantik lebte in Dresden und tauchte Kirchen und Kathedralen auf seinen Bildern in zitronenfarbenes Sonnenlicht. Vielleicht gehen Sie auch noch ein Stück weiter in der Zeit zurück und lustwandeln in einer eleganten Landschaft Bellottos, der sich ebenfalls von der architektonischen Eleganz angezogen fühlte – weitläufige Marktplätze, wunderschön proportionierte Häuser und öffentliche Prachtbauten prägten das Bild der Stadt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Wenn Sie lang genug dort stehen, nehmen Sie auch die Musik wahr, die die damaligen Künstler gehört haben müssen: die Glocken der Katholischen Hofkirche, deren Klang eine gewisse Dringlichkeit hat, wenn nicht gar fast schon nach Aufruhr klingt, sowie einen tieferen Nachhall, als würden sie grollen.

Und in dieser Beinahe-Nichtübereinstimmung kann es passieren, dass sich die jüngere, weitaus schrecklichere Vergangenheit ebenfalls einstellt, wie ein uneingeladener Gast; viele Menschen, die sich hier gerade aufhalten, können gar nicht anders, als sich das tiefe Brummen der Flugzeugmotoren über sich vorzustellen. Der Himmel erleuchtet von grünen und roten Leuchtraketen, gefolgt von lodernden Flammen in der ausgebrannten Kathedrale, die noch höher aufragen.

Solche Visionen beschränken sich nicht auf diesen einen Ort. Nur einige Meter von diesem Platz liegt die Brühlsche Terrasse, die die Elbe und ihre erstaunlich breiten Uferflächen überblickt. Heute wie damals erstreckt sich dieser Teil der Dresdner Befestigungsanlage entlang der Kunstakademie, die von einer glänzenden Glaskuppel gekrönt wird. Genau wie bei der Hofkirche mäandert jeder Spaziergang in zwei zeitlich verschiedenen Sphären – Sie sind gleichzeitig hier in der Gegenwart und bestaunen die Elbe, die sich durch das Tal schlängelt, und gleichzeitig sehen Sie im kalten, klaren Nachthimmel Hunderte Bomber, die von Westen auf die Stadt zuhalten. Sie stellen sich die verängstigte Bevölkerung vor, die der Hochofenhitze zu entrinnen sucht und instinktiv hinunter zum Fluss flüchtet. Das ist die makabre Wahrheit über Dresden: Jeder noch so schöne Augenblick trägt für den Bruchteil einer Sekunde auch immer das Bewusstsein von der schrecklich anmutenden Gewalt in sich. Alle Besucher dieser Stadt werden diesen kurzen Moment der Störung und Verwerfung gespürt haben; Unbehagen trifft es nicht, denn das Gefühl ist nicht gespenstischer Natur. Aber es gibt sie, die unbarmherzige Grausamkeit angesichts des Nebeneinanders von märchenhaft anmutender Architektur und dem Wissen, was sich hier ereignet hat. Und natürlich wurden hier Illusionen auf Illusionen errichtet: viele der märchenhaften Bauten, die wir heute bestaunen können, sind bei der Katastrophe zerstört worden.

Es ist beinahe unmöglich, sich die Stadt vorzustellen, die der Expressionist Conrad Felixmüller in den 1920er-Jahren mit so viel Esprit skizziert hat; über die Mauern und das Glas zu staunen, die Margot Hille, ein siebzehnjähriges Lehrmädchen in einer Brauerei im Westen der Stadt, auf ihrem Heimweg während des Krieges Mitte der 1940er-Jahre gesehen haben musste, oder die annehmliche Welt des Bürgertums, die Dr. Albert Fromme und die Isakowitzens sowie Georg und Marielein Erler zu Beginn des Jahrhunderts erlebt haben – die schicken Restaurants, das Opernhaus, die exquisiten Galerien. Es ist beinahe unmöglich, sich all diese Dinge vorzustellen, denn nur in einer einzigen Nacht, am 13. Februar 1945 und nur einige Wochen vor Kriegsende, überflogen siebenhundertsechsundneunzig Bomber diesen Platz und diese Stadt und öffneten – mit den Worten einer jungen Zeitzeugin – »die Pforten zur Hölle«. Dieser einen infernalischen Nacht fielen etwa fünfundzwanzigtausend Menschen zum Opfer.

Dresden wurde – nach und nach – wiederaufgebaut, und nicht ohne diverse Schwierigkeiten und Konflikte. Die minutiös ausgeführten Restaurationsarbeiten haben sich mit der einfühlsamen, modernen Landschaftsgestaltung verwoben, sodass sich dem Besucher das Neue an den wiederaufgebauten Gebäuden auf den Marktplätzen nicht sofort offenbart. Doch kurios bleibt, dass trotz der wundersamen Wiederauferstehung die Ruinen irgendwie präsent bleiben.

Im Falle der im 18. Jahrhundert errichteten Frauenkirche, die den Neumarkt überstrahlt, ist es geradezu augenscheinlich: Der Eindruck ist beabsichtigt, wie der blasse Sandstein des restaurierten Gotteshauses, das sich hoch in den Himmel erhebt, mit dem geschwärzten Original-Mauerwerk kontrastiert, der sich wie verkrüppelte Stümpfe abhebt – der klägliche Rest, der nach dem Überflug der Piloten des britischen Bombergeschwaders (sowie am Folgetag der 8. US-Luftwaffe) übrig blieb.

Die Stadt ist nun zu einer Art Totem für die Obszönität des Totalen Kriegs geworden: Wie Hiroshima und Nagasaki wird ihr Name mit totaler Vernichtung in Verbindung gebracht. Die Tatsache, dass die Stadt tief im Herzen von Nazideutschland lag und sich tatsächlich schon früh und enthusiastisch für die menschenverachtende Nazipolitik begeisterte, macht den Gordischen Knoten dieses außergewöhnlichen moralischen Dilemmas noch vertrackter.

Im Verlauf der Jahrzehnte wurde die Krassheit dieser Moral – und Unmoral – sowohl der Stadt als auch ihrer Zerstörung durch das Feuer diskutiert und analysiert, begleitet von Wut, Reue, Leid und Entsetzen in den unterschiedlichsten Abstufungen. Solche Auseinandersetzungen haben sich bis heute gehalten. In Dresden existiert das Vergangene in der Gegenwart, und man kann sich nur vorsichtig durch diese Schichten von Zeit und Erinnerung vorwagen.

Eine weitere Schwierigkeit bringt die jüngste Vergangenheit der Stadt mit sich: Nach dem Krieg war Dresden Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), die unter sowjetischer Kontrolle stand. Die Sowjets übernahmen im buchstäblichsten Sinne die Hoheitsgewalt über die Geschichte, und sie waren es auch, die neue Gebäude im Zentrum errichteten, die den Weg in die Zukunft weisen sollten. Im Zuge der europaweiten Feierlichkeiten rund um die Deutsche Wiedervereinigung im Jahre 1990 gab (und gibt) es viele Menschen, die den Zusammenbruch der DDR betrauerten.

Eine von Dresdens berühmtesten Persönlichkeiten ist der Intellektuelle Victor Klemperer, einer der wenigen jüdischen Einwohner, der noch in der Stadt verblieb, als die meisten schon in die Vernichtungslager deportiert waren. Er bemerkte nach dem Krieg, dass die Stadt einst ein »Schmuckkästchen« war und mit einer der Hauptgründe dafür, warum der Feuersturm so viel Aufmerksamkeit erregte. Denn gewiss haben andere deutsche Städte und Gemeinden proportional gesehen mehr gelitten; die Stadt Pforzheim wurde einige Wochen nach dem Angriff auf Dresden bombardiert und erlitt innerhalb nur weniger Minuten prozentual gesehen höhere Verluste im Vergleich zu den außergewöhnlich hohen, absoluten Opferzahlen in Dresden.

Und es gab weitere Feuerstürme: 1943 regneten auf die Häuser und Wohnungen Hamburgs, deren Dachstühle und Treppenhäuser aus Holz bestanden, tonnenweise Brandbomben herab; die Brände griffen um sich, Glas splitterte, Dächer stürzten ein. Und die Piloten im orange erleuchteten Himmel hatten mit Erstaunen dabei zugesehen, wie sich die Flammen über engen Gassen miteinander vereinigten und einen immer größeren Feuerkessel bildeten, der die Elemente durcheinanderwirbelte: Luft wurde abgesaugt und sengendheiße, tornadoartige Winde bahnten sich den Weg in den Nachthimmel. Und die Menschen, die nicht einfach verbrannt oder in der Hitze förmlich zu Tode gebacken wurden, erstickten stattdessen, die Lungen von jedem, immer vergeblicheren Atemzug verätzt.

Des Weiteren wären Köln, Frankfurt, Bremen, Mannheim, Lübeck zu nennen, die Aufzählung ist nicht vollständig; bei den meisten von ihnen, einmal abgesehen von dem schwer vorstellbaren tödlichen Blutzoll, sind die architektonischen Verluste zu beklagen: die Paläste, die Opernhäuser, die Kirchen, einst ideelles Symbol für die europäische Zivilisation.

Anders als viele andere Städte in Westdeutschland genoss Dresden, das nahe an der polnischen und tschechischen Grenze und etwa hundert Kilometer von Prag entfernt ist, international bereits einige Aufmerksamkeit. Die Stadt war sowohl für ihre außergewöhnlichen Kunstsammlungen, für ihre reiche sächsische Geschichte als auch für die einladende Naturlandschaft berühmt, die sich rings um ihre wunderschönen Barockkirchen, Kathedralen und Gässchen erstreckte. Damals wie heute schien Dresden einen Schritt weiter, so tief im Elbtal gelegen und umgeben von sanften Hügelketten, die sich in der Ferne zu malerischen, bewaldeten Bergen erhoben. Im frühen 19. Jahrhundert beschrieb der Philosoph Johann Gottfried Herder Dresden als das »deutsche Florenz«, wobei er bewundernswerte Parallelen zwischen den beiden Städten aus dem Hut zauberte; nach seinem Diktum bürgerte sich der weithin verbreitete Begriff »Elbflorenz« ein.

Aber die Stadt war auch berühmt, weil sie gerade nicht idyllisch war. Dresden war niemals nur ein »Schmuckkästchen« gewesen, sondern hatte sich auch das Ansehen und den Ruhm für die quicklebendige Vitalität seiner Kunstszene erworben. Hier versammelten sich einige der frühesten Vertreter der Moderne; visionäre Architekten, die neue Ideen für die perfekte Stadt mitbrachten, wurden ebenso von der Stadt angezogen. Darüber hinaus schien die Musik ein Teil der chemischen Zusammensetzung dieser Straßen zu sein, und das gilt bis heute: In der Altstadt erschallt überall Klassik, die von Straßenmusikanten dargeboten wird, untermalt vom zarten Widerklang der Chöre in den Kathedralen. Und dieser Widerklang hatte schon viele, viele Dekaden zuvor die Stadt erfüllt.

Die Geschichte Dresdens, von seiner Zerstörung bis hin zu seiner Wiederauferstehung, bietet ein fast schon Shakespeare-artiges Spektrum an grausamen ethischen Fragestellungen. Wenn wir das Leid der Abertausenden – Kinder, Frauen, Flüchtlinge, Betagtere – in dieser Nacht und den Folgejahren anerkennen, bagatellisieren wir dann die scheußlichen Verbrechen, die seit dem Aufstieg der NSDAP um sie herum verübt wurden? Indem wir tiefer in einzelne Schicksale eintauchen, setzen wir uns damit dem Risiko aus, einen besonders schönen Ort herauszupicken und zu idealisieren, während viele andere Dörfer und Städte in ganz Europa noch viel barbarischer traktiert wurden?

Und dann wäre da noch die Art und Weise, wie wir Hunderte von Piloten betrachten, die Dresden überflogen und ihre todbringende Fracht auf das Ziel abwarfen: Diese jungen Männer befolgten einfach nur die Befehle ihrer Kommandeure – erschöpft, leer, frierend und hochgradig verängstigt am bitteren Ende eines langen Konflikts, in dem sie dabei zusehen mussten, wie so viele ihrer Kameraden vom Himmel geholt wurden. Die Besatzungen, unter anderem bestehend aus Briten, US-Amerikanern, Kanadiern, Australiern, legten Flugrouten an, zielten auf feindliche Kampfflugzeuge, lagen mit ihren Bäuchen über den Bombenschächten, kommunizierten über Funk miteinander und umklammerten fest ihre Glücksbringer – Schiebermützen, spezielle Socken oder gar einen BH der Freundin (ein BH spendete als Talisman wesentlich mehr Zuversicht als ein Kreuz). Diese Männer schauten durch die Dunkelheit hinab, hinab auf die Feuer Hunderte Meter unter ihnen, und dennoch warfen sie immer weitere Brandbomben, immer in dem Bewusstsein, dass sie selbst jeden Augenblick in einem Feuerball aufgehen und bei lebendigem Leib verbrennen konnten. Wie konnten diese Jungspunde sich jemals späterer Anschuldigungen erwehren, dass sie – wie auch der Oberste Befehlshaber der Royal Air Force, Arthur Harris, den sie »Fleischer« nannten – sich an einem Kriegsverbrechen beteiligt hatten?

Auch wenn dies teilweise eine Geschichte über die Macht des Militärs ist, können wir das Thema nicht rein mit Begriffen aus militärhistorischer Sicht abhandeln. Wir sollten die Katastrophe lieber weiter ergründen, indem wir sie so authentisch wie möglich aus der Sicht derjenigen betrachten, die dabei waren – auf dem Boden oder in der Luft, am Kommandostand oder auf sich selbst gestellt. Aus dieser Sicht handelt es sich um eine Tragödie, die aus dem Krieg herauswogt. Nicht nur wurden Tausende Menschenleben in jener Nacht ausgelöscht – auch in der Kultur und Erinnerung zerbrach etwas an jenem Tag. Und der Horror dieser Nacht ist bis heute erstaunlich lebendig geblieben, ein Politikum: Man muss größte Vorsicht walten lassen, um nicht denjenigen versehentlich zu helfen oder die zu unterstützen, die das massenhafte Sterben in der Vergangenheit für sich ausschlachten wollen, denn die Hoheit über die Erinnerung selbst ist ein Schlachtfeld. Da gibt es die extreme Rechte in Ostdeutschland und anderen Teilen des Landes, die nicht aufhört zu behaupten, dass die einheimische Bevölkerung in Nazideutschland ebenfalls zu Opfern einer Gräueltat wurden. Sie reichern ihre Argumente mit ausländischen Verschwörungstheorien an, die als Grund für das Bombardement herhalten müssen. Demgegenüber stehen die Bürger, die verstanden haben, dass man diesen Extremisten nicht erlauben darf, die Ereignisse dieser Nacht für ihre eigenen Zwecke einzusetzen. Die Vergangenheit muss geschützt werden.

Vielleicht ist es ein Weg, denjenigen zuzuhören, die damals dabei waren. Die Lebensgeschichten derer zu erkunden, die in Dresden geboren wurden, lange bevor die Stadt von der Dunkelheit eingehüllt wurde, und die ihrer Kinder, die in diese Finsternis hineingeboren wurden. Denjenigen, die den unermesslichen Terror dieser Nacht durchlitten haben, und denjenigen, die in den darauffolgenden Jahren irgendwie einen Weg finden mussten, zu einem normalen Leben zurückzukehren.

In den letzten Jahren ist eine sehr intensive Zusammenarbeit zwischen den Behörden in der modernen Stadt entstanden, und es gibt Freiwillige einer britischen Organisation, die den Fokus darauf gelegt hat, Dresden beim Wiederaufbau zu unterstützen. Der Dresden Trust hat sich besonders beim akribischen Neubau der Frauenkirche hervorgetan.

Die Stadt und die Stiftung haben viel zu der symbiotischen Beziehung zwischen Dresden und Coventry in den englischen Midlands beigetragen; Letztere wurde im November 1940 von der deutschen Luftwaffe angegriffen, von der Stadt blieb nichts als geschmolzener Stahl und heißer Schutt und Ziegel übrig. Die Partnerschaft der Städte dient dem Übereinkommen, dass sich eine solche Sache niemals wiederholen darf.

Aber man darf auch nicht aus dem Auge verlieren, dass die Geschichte Dresdens genauso vom Leben wie auch vom Tod handelt; sie handelt von der unendlichen Anpassungsfähigkeit des menschlichen Geistes, selbst unter den außergewöhnlichsten Umständen.

Und jetzt, wenn die Ereignisse die Phase der lebenden Erinnerung verlassen und wir sie mit einem klareren Blick betrachten können, der weniger von Forderungen, Gegenforderungen und Propaganda verzerrt wird, bietet sich auch eine Gelegenheit für eine ganz andere Art des Wiederaufbaus: eine Erinnerung an die Dresdner Bevölkerung und die Textur ihres Alltags.

In den letzten Jahren waren die Stadtarchive mit bemerkenswertem Einsatz damit beschäftigt, so viele Zeugnisse und Augenzeugenberichte zu sammeln wie möglich. In einem inspirierenden Projekt der kommunalen Geschichte wurden Stimmen eingefangen und Erinnerungen zum Leben erweckt, die verloren geglaubt waren. Diese waren – sind – die Geschichten eines breiten Spektrums an Bürgern jeden Alters, die zu verschiedenen Zeiten niedergeschrieben wurden. Es gibt Zeugnisse von jenen, die den Angriff als Kind erlebten, wie auch die Tagebücher, Briefe und Fragmente von älteren Menschen, die die Katastrophe überlebten und das Grauen aufzeichneten. Von der stillen Autorität von Dresdens leitendem Mediziner bis hin zu Luftschutzwärtern, von den von der Stadt unbarmherzig verfolgten Juden bis hin zu den aufrechten Dresdnern, die sich schämten und zu helfen versuchten; von den Erinnerungen von Jugendlichen sowie Schülerinnen und Schülern bis hin zu den außergewöhnlichen Erfahrungen einiger älterer Einwohner, umfassen die Archive kaleidoskopartig nicht nur ein stimmiges Bild jener einen Nacht, sondern bieten gleichzeitig eine außergewöhnliche geschichtliche Momentaufnahme vom Leben einer außergewöhnlichen Stadt. Eine Vielzahl von Stimmen wartet darauf, gehört zu werden, viele davon zum ersten Mal.

Es ist nun an der Zeit, hinter beziehungsweise unter diese Ruinen und Wiederaufbauten zu blicken und wiederaufleben zu lassen, was einst – vor einer Obszönität wie dem Nationalsozialismus – eine unglaublich innovative und kreative Stadt war. Durch längst verschwundene Straßen zu wandeln und sie mit den Augen zu sehen, mit denen die Dresdner sie damals wahrnahmen. Die Geschichte handelt nicht nur von einer unfassbaren Zerstörung, sondern auch von zerrissenen Lebenswegen, die sich im Nachgang auf irgendeine Weise wieder zusammengefügt haben.

TEIL 1

Die Katastrophe
rückt näher