Cover

Lucy Foley hat englische Literatur studiert und in der Verlagsbranche gearbeitet, bevor sie ihren großen Traum wahr machte und sich ganz dem Schreiben widmete. Wenn sie nicht gerade mörderisch spannende Thriller entwickelt, malt und reist sie leidenschaftlich gern. Die Idee für »Neuschnee« entstand, nachdem sie einen wildromantischen und besonders abgelegenen Ort in den schottischen Highlands besucht hatte, der sie einfach nicht mehr losließ. Lucy Foley lebt in London.

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Lucy Foley

NEUSCHNEE

Aus dem Englischen
von Ivana Marinovic

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Hunting Party bei HarperCollins, London.

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Copyright © 2018 by Lucy Foley

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Penguin Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: Bürosüd

Umschlagmotiv: Scott Robertson/Gettyimages, Malcolm Fife/Gettyimages

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25394-3
V004

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Für AC – als Komplizen vereint

Should old acquaintance be forgot

And never brought to mind?


Aus einem alten schottischen Lied

Jetzt

2. Januar

HEATHER

Durchs Schneegestöber sehe ich einen Mann kommen. Aus der Ferne, durch den Vorhang aus dichtem Weiß, wirkt er kaum menschlich, eine Schattengestalt.

Als er näher kommt, stelle ich fest, dass es Doug ist, der Wildhüter. Er läuft eilig auf die Lodge zu, in dem tiefen Schnee strauchelt er bei jedem Schritt. Etwas Schlimmes ist passiert. Das weiß ich. Seine Züge sind starr vor Schock. Ich kenne diesen Ausdruck. Es ist das Gesicht eines Menschen, der etwas Schreckliches erlebt hat, was jenseits der normalen menschlichen Erfahrung liegt.

Ich öffne die Tür und lasse ihn herein. Mit ihm dringen ein Schwall eisiger Luft und ein Schwung pulvrigen Schnees in die Lodge.

»Was ist passiert?«, frage ich ihn.

Kurz herrscht Stille, während er versucht, zu Atem zu kommen. Doch seine Augen erzählen die Geschichte, bevor er selbst es vermag. Eine stumme Botschaft des Grauens.

Endlich beginnt er zu sprechen. »Ich habe die vermisste Person gefunden.«

»Das ist doch wunderbar«, erwidere ich. »Wo …?«

Er schüttelt den Kopf, und ich spüre, wie die Frage auf meinen Lippen erstirbt.

»Ich habe eine Leiche gefunden.«

Drei Tage zuvor

30. Dezember

EMMA

Silvester. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten sind alle wieder vereint: Mark und ich, Miranda und Julien, Nick und Bo, Samira und Giles mit ihrem sechs Monate alten Baby Priya. Und Katie.

Vier Tage in der winterlichen Wildnis der Highlands. Das Landgut heißt Loch Corrin, nach dem gleichnamigen See, und es ist äußerst exklusiv. Pro Jahr sind nur vier Besuchergruppen zugelassen, die übrige Zeit dient es als Privatresidenz. Wie man sich vorstellen kann, ist diese Zeit des Jahres die gefragteste. Ich musste schon Anfang Januar buchen, kaum dass es zur Reservierung freigegeben war. Die Frau, mit der ich telefonierte, versicherte mir, dass wir das gesamte Anwesen für uns haben würden, da unsere Gruppe den Großteil der Unterkünfte belegte.

Ich ziehe den Prospekt noch einmal aus meiner Tasche. Dicker, hochwertiger Karton, aufwendig gemacht. Er zeigt den von dunklen Nadelbäumen gesäumten See und dahinter die heideroten Hügelkuppen, die momentan allerdings von Schnee bedeckt sein dürften. Den Fotos nach zu urteilen, handelt es sich bei der Lodge selbst – der »Neuen Lodge«, wie der Jagdsitz im Prospekt genannt wird – um eine große, hypermoderne Glaskonstruktion, entworfen von einem namhaften Architekten, der erst vor Kurzem den Sommerpavillon der Londoner Serpentine Gallery gestaltet hat. Das Konzept besteht darin, dass das Gebäude scheinbar nahtlos mit dem stillen Wasser des Sees verschmilzt, indem es die weite Landschaft und die harsche Silhouette des mächtigen Munro-Gipfels widerspiegelt, der sich dahinter erhebt.

In der Nähe der Neuen Lodge befindet sich ein Grüppchen kleiner Behausungen, die aussehen, als würden sie sich zum Schutz vor der Kälte zusammenkauern. Das sind unsere Hütten. Jedes Paar hat eine eigene, aber zu den Mahlzeiten werden wir uns in der Lodge treffen, dem größten Gebäude in der Mitte. Bis auf das Highland-Dinner am ersten Abend – »eine erlesene Auswahl regionaler und saisonaler Produkte« – werden wir selbst kochen. Die Angestellten haben auf meinen Wunsch hin die Lebensmittel besorgt. Ich habe ihnen vorab eine ausführliche Liste der Zutaten zukommen lassen – frische Trüffel, Foie gras, Austern. Ich plane zu Silvester ein richtig opulentes Festmahl, auf das ich mich schon ungemein freue. Ich liebe Kochen. Freundschaft geht schließlich durch den Magen, nicht wahr?

Dieser Teil der Bahnstrecke ist besonders spektakulär. Auf der einen Seite fährt man am Meer entlang, und das Festland fällt immer wieder so steil ab, dass man das Gefühl hat, eine Unachtsamkeit würde genügen, um uns in den Abgrund rasen zu lassen. Das Wasser ist schiefergrau, aufgepeitscht. Auf einer Weide oberhalb der Klippen drängen sich die Schafe dicht aneinander, als wollten sie sich gegenseitig wärmen. Man kann den Wind hören – wieder und wieder wirft er sich gegen die Fenster, und der Zug erbebt unter seiner Wucht.

Die anderen scheinen eingeschlafen zu sein, selbst die kleine Priya. Giles schnarcht sogar.

Schaut doch!, will ich sagen, schaut doch mal, wie schön es ist!

Ich habe diesen Aufenthalt geplant, daher fühle ich mich für alles zuständig und mache mir ständig Gedanken, dass es den Leuten nicht gefallen und alles schieflaufen könnte. Zugleich empfinde ich einen gewissen Stolz, auf jeden noch so kleinen Erfolg. Wie jetzt angesichts der wilden Schönheit, die sich uns darbietet.

Es wundert mich nicht, dass sie schlafen. Wir sind heute furchtbar früh aufgestanden, um ja den Zug nicht zu verpassen. Miranda sah zu dieser Uhrzeit ganz besonders übellaunig drein. Und natürlich haben sie sich bereits über den Alkohol hergemacht. Auf der Höhe von Doncaster haben Mark, Giles und Julien angefangen, den Getränkekoffer zu plündern, obwohl es gerade mal elf Uhr war. Schon bald waren sie angeheitert und laut, sehr zum Missfallen der Leute in den benachbarten Sitzreihen. Irgendwie scheinen die Jungs ganz mühelos in die unbeschwerte Kame­radschaft längst vergangener Tage verfallen zu können, ganz egal, wie viel Zeit seit ihrem letzten Treffen vergangen ist – erst recht mit der Unterstützung von ein, zwei Bier.

Nick und sein amerikanischer Lebensgefährte Bo sind nicht ganz in diesen Jungsklub integriert, da Nick damals in Oxford nicht Teil der Clique war. Katie hat mal behauptet, dass noch mehr dahinterstecken würde, nämlich eine unterschwellige Homophobie der anderen Jungs. Nick ist in erster Linie Katies Kumpel. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er die anderen nicht sonderlich leiden kann und uns nur Katie zuliebe duldet. Ich meine, schon immer eine gewisse Kühle zwischen Nick und Miranda gespürt zu haben – wahrscheinlich weil sie beide so eigenwillige Persönlichkeiten sind. Und doch wirkten sie heute früh wie die dicksten Freunde, als sie Arm in Arm durch die Bahnhofshalle liefen, um »Pro­viant« für die Fahrt zu besorgen. Dieser entpuppte sich als eine perfekt temperierte Flasche weißer Sancerre, die Nick vor den etwas neidischen Blicken der Bierfraktion aus der Kühltasche zog. »Er wollte uns eigentlich diese Gin Tonics in Dosen besorgen«, erzählte Miranda, »aber ich habe ihn davon abgehalten. Auf diesem Level wollen wir gar nicht erst anfangen.«

Miranda, Nick, Bo und ich nahmen jeder ein wenig von dem Wein. Selbst Samira beschloss im letzten Augenblick, sich ein Gläschen zu genehmigen. »Es gibt doch diese neuen Forschungsergebnisse, die besagen, dass man auch in der Stillzeit Alkohol trinken darf«, behauptete sie.

Katie schüttelte zunächst den Kopf und blieb bei ihrem Mineralwasser. »Ach, komm schon, Katie«, bettelte Miranda mit ihrem einnehmenden Lächeln und streckte ihr ein Glas hin. »Wir sind im Urlaub!« Es ist schwierig, ­Miranda etwas auszuschlagen, wenn sie einen zu etwas überreden möchte, und so ergriff Katie – natürlich – das Glas und nahm einen zögerlichen Schluck.

Der Alkohol half, die Stimmung etwas aufzuheitern. Beim Einsteigen in den Zug hatte es ein Problem mit der Sitzordnung gegeben. Es stellte sich nämlich heraus, dass einer der neun reservierten Sitzplätze sich aus irgendeinem Grund im nächsten Waggon befand, vollkommen isoliert von den anderen. Der Zug war aufgrund der Feiertage gerammelt voll, weshalb es keinen Spielraum gab, um noch umzudisponieren.

»Tja, das wäre dann wohl mein Platz«, sagte Katie. Da sie als Einzige keinen festen Freund oder Ehemann hat, ist sie gewissermaßen das fünfte Rad am Wagen. Man könnte durchaus behaupten, dass sie mittlerweile das Anhängsel in der Gruppe bildet, nicht ich.

»Oh, Katie«, sagte ich. »Es tut mir so leid. Ich habe keine Ahnung, wie das passieren konnte. Ich war mir ganz sicher, dass ich alle Plätze in der Wagenmitte reserviert hatte, damit wir zusammensitzen können. Da muss was im Buchungssystem schiefgelaufen sein. Pass auf, setz du dich hierher, und ich gehe rüber.«

»Nein«, widersprach Katie, während sie ihren Koffer umständlich über die Köpfe der anderen Fahrgäste hievte, die bereits auf ihren Plätzen saßen. »Das kommt gar nicht infrage. Es macht mir nichts aus.«

Doch ihre Stimme ließ das Gegenteil vermuten. Herrgott noch mal, schoss es mir durch den Kopf. Es ist doch nur eine Zugfahrt. Ist es denn wirklich so schlimm?

Die anderen acht Sitze befanden sich an zwei Tischen in der Mitte des Waggons. Direkt dahinter saß eine ältere Dame neben einem gepiercten Teenager – beide Allein­reisende. Mir kam keine Idee, wie wir diesen Schlamassel irgendwie beheben könnten. Doch dann beugte sich ­Miranda über den Gang hinweg zu der älteren Dame hinü­ber und ließ ihren Charme spielen. Es war nicht zu über­sehen, wie entzückt die Dame von ihr war: von ihrem Aussehen, ihrem golden glänzenden Haar und der geschliffenen Aussprache.

»Aber ja«, sagte sie, »selbstverständlich kann ich mich umsetzen. Im nächsten Waggon wird es wohl ohnehin etwas ruhiger zugehen. Ich weiß ja, wie es ist, bei euch jungen Leuten!« Dabei ist keiner von uns sonderlich jung. »Außerdem sitze ich sowieso viel lieber in Fahrtrichtung.«

»Danke, Manda«, sagte Katie mit einem knappen Lä­­cheln, doch sie sah nicht so aus, als wäre sie ihr wirklich dankbar. Katie und Miranda sind schon seit ewigen Zeiten befreundet. Allerdings weiß ich, dass die beiden in letzter Zeit nicht viel voneinander mitbekommen haben – ­Miranda meint, Katie sei bei der Arbeit ziemlich eingespannt. Und da Samira ganz in ihrer Babyblase abgetaucht ist, haben Miranda und ich mehr Zeit miteinander verbracht als je zuvor. Wir waren shoppen, wir sind was trinken gegangen. Wir haben miteinander gequatscht und getratscht. Allmählich habe ich wirklich das Gefühl, dass sie mich als ihre Freundin akzeptiert hat – und nicht nur als Marks Freundin, die nach beinahe einem Jahrzehnt als Letzte zur Clique dazugestoßen ist.

In der Vergangenheit hatte Katie ständig versucht, mich zu verdrängen. Sie und Miranda standen sich immer so nah, fast wie Schwestern. Früher fühlte ich mich ausgeschlossen von dieser Nähe und der gemeinsamen Vergangenheit von Katie und Miranda, denn dadurch hat eine neue Freundschaft kaum Raum, sich zu entfalten. Daher ist ein Teil von mir insgeheim … na ja, ziemlich froh, dass Miranda mehr Zeit für mich hat.

Ich möchte wirklich, dass alle eine schöne Zeit verbringen, dass der Aufenthalt ein voller Erfolg wird. Der Silvesterausflug ist eine große Sache. Die anderen haben ihn bisher jedes Jahr unternommen, und zwar schon lange bevor ich auf der Bildfläche erschien. Die Organisation dieses Trips ist wohl so etwas wie ein kümmerlicher Versuch meinerseits zu beweisen, dass ich eine von ihnen bin. Um klarzustellen, dass ich endlich in ihren »Inner Circle« aufgenommen werden sollte. Man sollte meinen, drei Jahre – das ist nämlich die Zeit, die Mark und ich nun schon zusammen sind – würden genügen. Aber das ist nicht so. Man muss dazu wissen, dass ihre Freundschaft weit zurückreicht, bis zu ihren Studententagen in Oxford, wo sie sich kennengelernt haben.

Wie jeder weiß, der schon einmal in dieser Situation war, ist es nicht einfach, in eine Clique alter Freunde hi­n­einzukommen. Ich habe den Eindruck, dass ich für immer der Neuzugang bleiben werde, ganz gleich, wie viele Jahre vergehen.

Wieder werfe ich einen Blick auf den Prospekt in meinem Schoß. Vielleicht wird dieser Trip alles ändern.

KATIE

Der Bahnhof von Loch Corrin ist geradezu lächerlich klein. Ein einsamer Bahnsteig, dahinter der stahlgraue Hang eines jäh aufragenden Berges, dessen Gipfel sich in den Wolken verliert. Der Bahnsteig ist von einer dünnen Schicht Pulverschnee bedeckt. Nicht ein einziger Schuhabdruck verschandelt das makellose Weiß. Ich muss an den Schnee in London denken, wie schmutzig er ist, kaum dass er auf dem Boden liegt, achtlos zertrampelt unter Tausenden von Füßen. Mir kommt es so vor, als wäre ich am Ende der Welt gelandet. Wir haben mit dem Zug etliche Meilen in dieser rauen, wilden Landschaft zurückgelegt. Ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ein menschliches Bauwerk gesehen habe, geschweige denn einen Menschen.

Vorsichtig gehen wir über den gefrorenen Bahnsteig und an dem winzigen Bahnhofsgebäude vorbei. Es wirkt vollkommen verlassen, und ich frage mich, wie oft der Wartesaal mit seinem handgeschriebenen Schild in Anspruch genommen wird. Wir kommen an einem kleinen Kabuff mit schmutziger Glasscheibe vorbei: ein Fahrkartenschalter oder ein winziges Büro. Ich spähe hinein, fasziniert von der Vorstellung eines Büros inmitten dieser Einöde, und erschrecke unwillkürlich, als ich feststelle, dass es keineswegs leer ist. Da drin, im Dunkeln, sitzt jemand. Ich kann nur die Umrisse erkennen: breitschultrig, gekrümmt, dann das kurze Aufleuchten von Augen, die uns beobachten, während wir vorbeigehen.

»Was ist?« Giles, der vor mir geht, dreht sich um. Ich muss wohl einen überraschten Laut ausgestoßen haben.

»Da drin ist jemand«, flüstere ich. »Ein Bahnwärter oder so. Ich habe mich nur kurz erschrocken.«

Giles späht ebenfalls durch die Scheibe. »Du hast recht.« Er tut so, als würde er einen imaginären Hut lupfen. »Grüß Gott und einen wunderschönen guten Morgen, der Herr«, sagt er grinsend in breitestem Irisch. Giles ist der Clown in unserer Truppe: gutmütig und albern, auch wenn er manchmal über das Ziel hinausschießt.

»Wir sind hier doch in Schottland, du Dummkopf«, rügt Samira ihn liebevoll. Bei den beiden geschieht alles liebevoll. Mein Singlestatus ist mir nie so bewusst wie in ihrer Gesellschaft.

Zunächst antwortet der Mann in dem Kabuff nicht, doch dann, ganz langsam, hebt er die Hand zu einer Art Gruß.

Ein Land Rover steht bereit, um uns abzuholen: schlammbespritzt, einer von der alten Sorte. Die Tür öffnet sich, ein Mann steigt aus und richtet sich zu seiner vollen Größe auf.

»Das muss der Wildhüter sein«, sagt Emma. »In der ­E-Mail stand, dass er uns abholen würde.«

Der Mann sieht gar nicht so aus, wie ich mir einen Wildhüter vorstelle. Er ist wahrscheinlich gerade mal in unserem Alter. Als er uns mit einem tiefen Brummen willkommen heißt, hat seine Stimme etwas Sprödes an sich, als würde sie nicht oft zum Einsatz kommen.

Mir fällt auf, wie er uns mustert. Ich glaube nicht, dass ihm gefällt, was er da sieht. Ob das die Andeutung eines spöttischen Grinsens ist, während er Nicks makellose Barbour-Steppjacke, Samiras Hunter-Gummistiefel und Mirandas Fuchspelzkragen betrachtet? Wenn ja, will ich nicht wissen, was er sich beim Anblick meiner Großstadtklamotten und meines Samsonite-Rollkoffers denken mag. Ich habe beim Packen kaum darüber nachgedacht, da ich mit meinen Gedanken ganz woanders war.

Ich sehe, wie Julien, Bo und Mark Anstalten machen, ihm mit dem Gepäck zu helfen, doch er schiebt sie nur beiseite. Neben ihm sehen sie so brav und adrett aus wie Schulknaben am ersten Tag nach den Sommerferien.

»Ich nehme an, wir fahren in zwei Gruppen«, sagt Giles. »Schließlich kriegen Sie uns ja nicht alle da rein.«

Der Wildhüter hebt die Augenbrauen. »Ganz wie Sie wollen.«

»Ihr Mädels fahrt zuerst«, sagt Mark in einem Anflug von Ritterlichkeit, »und wir Kerle halten die Stellung.« Ich warte angespannt darauf, dass er einen Witz hinterherschiebt – irgendwas nach dem Motto, dass Nick und Bo natür­lich als Mädchen durchgehen –, doch glück­licherweise scheint er nicht auf die Idee zu kommen, oder er hat es einfach nur geschafft, zur Abwechslung die Klappe zu halten. Wir zeigen uns heute alle von unserer besten Seite, im besonders toleranten Urlaub-mit-Freunden-Modus.

Es ist ewig her, dass wir in dieser Konstellation zusammen waren – wahrscheinlich seit letztem Silvester nicht mehr. Trotzdem fallen wir sofort in unsere alten Rollen zurück, die wir schon immer in dieser Gruppe innehatten. Ich bin die Stille – ganz im Gegensatz zu Miranda und Samira, meinen ehemaligen Mitbewohnerinnen, die den extrovertierten Teil der Gruppe bilden. Nur um das noch mal klarzustellen: Wir alle fallen in unsere alten Rollen zurück. Ich bin mir ziemlich sicher, dass, sagen wir mal, Giles in der Notaufnahme, in der er als Assistenzarzt arbeitet, nicht ansatzweise so einen auf Clown macht wie mit uns.

Wir steigen in den Land Rover, in dem es nach nassem Hund und Erde riecht. Der Wildhüter würde vermutlich genauso riechen, wenn man ihm nahe genug käme. Miranda sitzt vorne, neben ihm. Hin und wieder bekomme ich eine Wolke ihres Parfüms ab, schwer und rauchig. Nur sie kann sich so was leisten. Ich wende meinen Kopf ab, um die frische Luft einzuatmen, die durch den Fensterspalt dringt.

Auf der einen Straßenseite fällt das Ufer schroff zum See hin ab. Auf der anderen Seite erhebt sich der Wald, der, obgleich es noch nicht richtig dunkel ist, bereits in undurchdringliche Schwärze getaucht ist. Die Straße ist kaum mehr als eine Schotterpiste. Wir schaukeln und schlingern vorwärts, doch plötzlich bremst der Wagen abrupt. Wir werden in unseren Sitzen nach vorne geworfen und gleich wieder zurückgeschleudert.

»Scheiße!«, entfährt es Miranda, während Priya, die bisher auf der Reise so still und ruhig war, zu brüllen anfängt.

Vor uns auf dem Weg steht ein Hirsch im Lichtkegel des Autoscheinwerfers. Er muss sich unbemerkt aus den Schatten der Bäume gelöst haben. Der gewaltige Kopf, der von einem ausladenden Geweih gekrönt wird, wirkt beinahe zu groß für den eleganten rötlich-braunen Körper. Im Scheinwerferlicht leuchten seine Augen in einem unheimlichen, fremdartigen Grün. Schließlich wendet er den Blick ab und verschwindet anmutig und ohne Hast zwischen den Bäumen. Ich lege eine Hand auf meine Brust und spüre das schnelle Trommeln meines Herzens.

»Wow«, keucht Miranda. »Was war das denn?«

Der Wildhüter dreht sich zu ihr und antwortet mit ausdruckslosem Gesicht: »Ein Hirsch.«

»Ich meine …«, sagt sie ungewohnt verlegen, »… ich meine, was für eine Art Hirsch?«

»Ein Rothirsch«, erwidert der Wildhüter und wendet sich wieder der Straße zu. Gespräch beendet.

Miranda dreht sich zu uns um und formt dabei mit den Lippen: Der ist heiß, oder? Samira und Emma nicken zustimmend. Laut fragt sie: »Findest du nicht auch, Katie?« Sie beugt sich über den Sitz und knufft mich, etwas zu fest, in die Schulter.

»Ich weiß nicht«, antworte ich und betrachte die teilnahmslose Miene des Wildhüters im Rückspiegel. Hat er erraten, dass wir über ihn sprechen? Wenn ja, lässt er sich wenigstens nichts anmerken. Trotzdem ist es peinlich.

»Du hattest ja schon immer einen schrägen Männergeschmack, Katie«, sagt Miranda lachend.

Miranda hat meine festen Freunde nie wirklich leiden können. Was beinahe schon witzig ist, denn die Abneigung beruhte immer auf Gegenseitigkeit, weshalb ich sie des Öfteren vor ihnen in Schutz nehmen musste. Aber sie ist meine älteste Freundin, und unsere Freundschaft hat bisher jede Liebesbeziehung überdauert – besser gesagt, alle meine Beziehungen. Miranda und Julien sind ja schon seit der Uni zusammen.

Damals wusste ich nicht, was ich von Julien halten sollte, als er gegen Ende des zweiten Semesters in Oxford auftauchte. Miranda erging es nicht anders. Er fiel, verglichen mit den Freunden, die sie bis dahin gehabt hatte, etwas aus der Reihe. Zugegebenermaßen standen nur zwei zum Vergleich, wobei es sich in beiden Fällen um Typen gehandelt hatte, die nicht ansatzweise so gut aussehend oder gesellig waren wie sie und sich darum in einem permanenten Zustand der Ungläubigkeit befanden, dass gerade sie auserkoren worden waren. Andererseits hatte Miranda schon immer ein Faible für solche Projekte.

Angesichts ihres Hangs zu Schützlingen und Streunern aller Art war Julien eine viel zu platte Wahl. Er war geradezu unverschämt attraktiv und viel zu selbstbewusst. Das waren im Übrigen ihre Worte, nicht meine. »Er ist so was von arrogant«, sagte sie immer, und ich fragte mich, ob sie wirklich nicht merkte, wie sehr er ihre eigene Arroganz, ihr eigenes Selbstbewusstsein widerspiegelte.

Julien ließ nicht locker. Doch jedes Mal ließ sie ihn abblitzen. Im Pub kam er rüber, um mit uns – nein, mit ihr – zu plaudern. Oder er lief ihr nach einer Vorlesung »ganz zufällig« über den Weg. Oder er schaute gelegentlich an der Bar im Gemeinschaftsraum der Uni vorbei, angeblich um sich mit irgendwelchen Kumpels zu treffen, verbrachte dann aber den Großteil des Abends an unserem Tisch, wo er Miranda mit einer geradezu peinlichen Offenheit umwarb.

Später erst verstand ich, dass Julien einfach nicht zuließ, dass sich etwas zwischen ihn und sein Objekt der Begierde stellte, wenn er etwas nur stark genug wollte. Und Miranda wollte er. Unbedingt.

Schließlich lenkte sie ein und beugte sich der schlichten Realität: Sie wollte ihn ebenso. Und wer hätte ihn nicht gewollt? Er war ein schöner Mann und ist es immer noch. Heute vielleicht noch mehr, da das Leben seiner perfekten glatten Fassade einen etwas raueren Schliff verpasst hat. Vermutlich ist es rein biologisch gesehen unmöglich, einen Mann wie Julien nicht zu begehren – zumindest auf rein körperlicher Ebene.

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie Miranda uns auf dem Sommerball einander vorstellte, nachdem sie endlich zusammengekommen waren. Ich wusste natürlich längst, wer er war. Schließlich hatte ich als Zeugin des endlosen Dramas fungieren dürfen: wie er Miranda nachstellte, sie ihn abwies, er es wieder und wieder versuchte und sie sich schließlich ins Unvermeidliche ergab. Ich wusste so viel über ihn, was er studierte, dass er in der Unimannschaft Rugby spielte. Ich wusste so viel, dass ich beinahe vergaß, dass er keinen blassen Schimmer haben könnte, wer ich war. Als er mich also auf die Wange küsste und in feierlichem Tonfall sagte: »Schön, dich kennenzulernen, Katie« – ziemlich höflich in Anbetracht seines ziemlich betrunkenen Zustands −, fühlte es sich für mich an wie ein schlechter Witz.

Das erste Mal, als er bei uns übernachtete – Miranda, ­Samira und ich wohnten in unserem zweiten Studienjahr zusammen –, überraschte ich ihn dabei, wie er aus dem Bad kam, nur mit einem Handtuch um die Hüften. Ich war so darauf bedacht, nicht auf seine breite Brust und seine muskulösen Schultern zu starren, dass ich nur »Hi, Julien« sagte.

Ich meinte zu sehen, wie er das Handtuch etwas fester um seine Hüften zog. »Hallo …« Er runzelte die Stirn. »Das ist mir jetzt ein bisschen peinlich, aber ich fürchte, ich kenne deinen Namen nicht.«

Ich erkannte meinen Fehler. Er hatte vollkommen vergessen, wer ich war … ja wahrscheinlich sogar, dass wir uns je kennengelernt hatten. »Oh«, sagte ich und streckte meine Hand aus. »Ich bin Katie.«

Er ergriff meine Hand nicht, und mir wurde klar, dass dies der nächste Fehler war – zu förmlich, zu linkisch. Doch dann fiel mir ein, dass es auch einfach daran liegen konnte, dass er mit dieser Hand das Handtuch festhielt, während er mit der anderen eine Zahnbürste umklammerte.

»Sorry.« Dann lächelte er sein charmantes Lächeln und erbarmte sich meiner. »Also? Was hast du angestellt, Katie?«

Ich blickte ihn fassungslos an. »Was meinst du?«

Er lachte. »Na, das Kinderbuch«, klärte er mich auf. »What Katie Did. Ich habe das Buch als Kind echt geliebt. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man das als Junge darf.« Zum zweiten Mal lächelte er sein unwiderstehliches Lächeln, und plötzlich meinte ich, in ihm das zu erkennen, was Miranda in ihm sah.

In einer dieser amerikanischen Liebeskomödien könnte jemand, der so gut aussieht wie Julien, die Rolle des Fieslings bekommen, der im Verlauf des Films geläutert wird und später seine Sünden bereut. Miranda wäre die zickige Abschlussballkönigin mit dem »dunklen Geheimnis«. Die graue Maus – also ich – wäre die nette, kluge, leider verkannte Freundin, die letzten Endes alle rettet. Aber das echte Leben ist nicht so. Menschen wie die beiden haben es gar nicht nötig, gemein zu sein. Warum sollten sie sich auch das Leben unnötig schwer machen? Sie können es sich leisten, sich von ihrer unfassbar charmanten Seite zu zeigen und ganz sie selbst zu sein. Und graue Mäuse wie ich entpuppen sich keineswegs immer als die wahren Helden der Geschichte. Manchmal haben auch wir unsere dunklen Geheimnisse.

Mittlerweile hat sich auch das letzte Tageslicht endgültig verabschiedet. Rechts und links der Straße lassen sich nur noch die schwarzen Bäume erahnen. Durch die Dunkelheit wirken sie dichter und näher – beinahe so, als würden sie auf uns zukommen. Bis auf das monotone Brummen des Motors ist nur das gedämpfte Rauschen des Waldes zu hören.

Vorne erkundigt sich Miranda beim Wildhüter nach der Anbindung zur Außenwelt. Diese Gegend ist wirklich abgeschieden. »Mit dem Auto braucht man eine Stunde zur Landstraße«, erklärt uns der Wildhüter. »Bei gutem ­Wetter.«

»Eine Stunde?«, fragt Samira entsetzt. Sie wirft einen nervösen Blick auf Priya, die friedlich in die dämmrige Landschaft hinausschaut, wobei das Mondlicht, das durch die Bäume hindurchflackert, von ihren großen dunklen Augen reflektiert wird.

Ich blicke nach hinten durch die Heckscheibe. Alles, was ich sehen kann, ist ein Tunnel aus Bäumen, der sich in der Ferne in einem schwarzen Punkt verliert.

»Wenn die Sicht oder die Witterungsverhältnisse schlecht sind, sogar über eine Stunde«, fährt der Wildhüter fort.

Ich brauche ja schon eine Stunde, um zu meiner Mutter nach Surrey zu fahren, und das ist etwas über neunzig Kilometer von London entfernt. Kaum zu glauben, dass diese Gegend hier überhaupt noch in Großbritannien liegt. Ich fand diese kleine Insel, die wir unsere Heimat nennen, immer eher überbevölkert.

»Manchmal ist die Straße zu dieser Jahreszeit überhaupt nicht mehr befahrbar«, sagt der Wildhüter. »Wenn zum Beispiel ordentlich Schnee runterkommt, aber das stand sicher in der Mail, die Sie von Heather bekommen haben.«

Emma nickt. »Ja, das hat sie geschrieben.«

»Wie meinen Sie das?« In Samiras Stimme schwingt ein schriller Unterton mit. »Wir können nicht mehr abreisen?«

»Wenn zu viel Schnee liegt, ist die Strecke unpassierbar. Selbst mit Winterreifen ist es dann zu gefährlich. Wir haben hier jedes Jahr mindestens ein, zwei Wochen, in denen Corrin komplett vom Rest der Welt abgeschnitten ist.«

»Das könnte ziemlich gemütlich werden«, wirft Emma rasch ein, wahrscheinlich, um Samiras weiteren besorgten Einwänden zuvorzukommen. »Richtig aufregend. Zum Glück habe ich genug Lebensmittel bestellt …«

»Und Wein«, ergänzt Miranda.

»… und Wein«, stimmt Emma ihr zu, »um im Zweifelsfall zwei Wochen über die Runden zu kommen. Womöglich habe ich es ein bisschen übertrieben. Ich habe nämlich ein kleines Festmahl für Silvester geplant.«

Niemand hört ihr so recht zu. Ich glaube, wir sind in Gedanken alle mit der neuen Erkenntnis über diesen Ort beschäftigt, an dem wir die nächsten Tage verbringen werden. Denn die Vorstellung, derart isoliert zu sein, das Bewusstsein, wie weit weg wir von allem sind, hat durchaus etwas Beunruhigendes an sich.

»Aber was ist mit dem Bahnhof?«, fragt Miranda triumphierend. »Man kann doch bestimmt den Zug nehmen?«

Der Wildhüter bedenkt sie mit einem kurzen Blick. Ich stelle fest, dass er ziemlich attraktiv ist. Oder zumindest wäre er es, wenn da nicht etwas Gehetztes, Getriebenes in seinen Augen wäre. »Auch Züge fahren auf einer meterdicken Schneedecke nicht so gut«, sagt er. »Also würde hier auch keiner halten.«

Mit einem Mal scheint sich die Landschaft trotz ihrer enormen Weite um uns herum zusammenzuziehen.

DOUG

Wenn da nicht die Gäste wären, könnte dieser Ort perfekt sein. Aber ohne sie hätte er wohl keinen Job.

Als er sie vorhin abholte, konnte er sich ein höhnisches Grinsen gerade noch verkneifen. Sie stinken nach Geld, diese Gäste – so wie alle, die herkommen. Als sie sich der Lodge näherten, wandte sich der kleinere dunkelhaarige Kerl – Jethro? Joshua? – auf diese Von-Mann-zu-Mann-Art an ihn und hielt ein silberglänzendes Smartphone in die Höhe. »Ich suche gerade das WLAN«, sagte er, »aber hier wird keins angezeigt. Mir ist schon klar, dass wir hier kein Netz haben, aber ich dachte, ich halt schon mal nach dem WLAN Ausschau. Oder muss man dazu noch näher an die Lodge ran?«

Doug hatte ihm erklärt, dass sie das WLAN fast nie einschalteten, außer jemand bat ausdrücklich darum. »Außerdem hat man durchaus manchmal Empfang, aber dazu müssen Sie schon dort raufklettern.« Er deutete auf den Berghang des Munro.

Das Gesicht des Mannes fiel in sich zusammen. Für einen Augenblick hatte er beinahe verängstigt ausgesehen. Nach unserer Ankunft beruhigte ihn seine Frau rasch: »Ich bin mir sicher, dass du ein paar Tage ohne Internet überleben wirst.« Dann erstickte sie jeden weiteren Protest mit einem Kuss, wobei ihre Zunge hervorschnellte. Doug wandte den Blick ab.

Diese Miranda, die Schöne in der Gruppe, hatte sich im Land Rover zu ihm nach vorne gesetzt und ihr Knie so angewinkelt, dass es seinem viel zu nahe war. Als sie in den Wagen stieg, hatte sie ihm unnötigerweise eine Hand auf den Arm gelegt. Jedes Mal, wenn sie sich ihm zuwandte, um mit ihm zu sprechen, bekam er einen Schwall ihres schweren, rauchigen Parfüms ab. Beinahe hatte er vergessen, dass es auf dieser Welt solche Frauen gab: komplex, kokett, eine von denen, die jeden betören und verführen müssen, der ihnen über den Weg läuft. Gefährlich, auf eine ganz besondere Art.

Heather ist da ganz anders. Benutzt sie überhaupt Parfüm? Er kann sich nicht erinnern, jemals eins an ihr bemerkt zu haben. Auf jeden Fall verwendet sie kein Make-up. Ihr Gesicht gefällt ihm: herzförmig, dunkeläugig, die Augenbrauen in zwei eleganten Bögen. Jemand, der sie nicht näher kennt, könnte auf den Gedanken kommen, sie wäre ein eher schlichtes Gemüt, doch er vermutet, dass sie vielmehr ein Beispiel für ein stilles und tiefes Wasser ist. Er meint gehört zu haben, dass sie zuvor in Edinburgh gelebt hat, wo sie einem richtigen Beruf nachgegangen ist. Aber er hat nicht versucht, mehr über ihre Vergangenheit zu erfahren. Denn das könnte bedeuten, dass er zu viel von seiner eigenen preisgeben müsste.

Heather ist ein guter Mensch. Doug nicht. Bevor er herkam, hat er etwas Schreckliches getan. Genauer gesagt, nicht nur einmal. Ein Mensch wie sie sollte vor jemandem wie ihm geschützt werden.

Momentan befinden sich die Gäste in Heathers Obhut – und das ist eine echte Befreiung. Es hat ihn immense Mühe gekostet, seine Abneigung zu verbergen. Der dunkelhaarige Kerl – Julien heißt er – ist ein typischer Vertreter des Menschenschlags, der hierherkommt: reich und verwöhnt, mit dem Wunsch nach unberührter Wildnis, während man insgeheim den Luxus und Komfort jener Hotels erwartet, in denen man sonst absteigt. Solche Leute brauchen immer eine gewisse Zeit, um zu begreifen, worauf sie sich hier eingelassen haben: die Abgeschiedenheit, die Einfachheit, die unbezahlbare Schönheit der Umgebung. Oft durchleben sie eine Art Verwandlung. Sie erliegen den Reizen dieses Fleckens Erde – wem würde es nicht so ergehen? Aber er weiß, dass sie es nicht verstehen, nicht wirklich. Sie glauben, dass sie hier das einfache Leben ausprobieren können, in ihren hübschen Blockhütten, mit ihren Himmelbetten und Fußbodenheizungen und der verdammten Sauna, zu der sie rüberstapfen können, wenn sie einmal so richtig ins Schwitzen kommen wollen. Und diejenigen, die er mit auf die Pirschjagd nimmt, führen sich auf, als wären sie plötzlich zu DiCaprio in The Revenant mutiert und würden sich einen blutigen Kampf mit der grausamen, unerbittlichen Natur liefern. Ihnen ist nicht bewusst, wie leicht er es ihnen macht, indem er alles Schwierige vorab erledigt: das Beobachten des Rudels und seiner Aktivitäten, das sorgsame Abfährten und Anstellen. Am Ende müssen sie eigentlich nur noch den Abzug drücken.

Doch selbst das mit dem Schießen bekommen sie kaum je richtig hin. Wenn sie den Schuss falsch ansetzen, riskieren sie, das Tier so zu verletzen, dass es tagelang unvorstellbare Schmerzen leidet. Bei einem stümperhaften Kopfschuss zum Beispiel (sie nehmen oft den Kopf ins Visier, obwohl er ihnen einbläut: Nie auf den Kopf zielen, viel zu leicht zu verfehlen) kann es passieren, dass sie dem Tier lediglich den Kiefer wegfetzen, sodass es unter höllischen Qualen am Leben bleibt – unfähig zu essen, langsam und elend verblutend. Also bringt er das Ganze mit einem professionellen Schuss zu Ende – sauber durch das Brustbein hindurch –, was es ihnen wiederum erlaubt, nach Hause zurückzukehren und sich als Jäger, als Helden zu brüsten. Die Bluttaufe. Etwas, das man auf Facebook oder Instagram posten kann. Bilder von sich selbst, blutverschmiert und mit einem irren Grinsen im Gesicht.

Doug hat vielen das Leben genommen. Und zwar nicht nur Tieren. Er weiß besser als jeder andere, dass es nichts ist, womit man sich brüstet. Das Töten ist ein dunkler Ort, von dem man nie mehr zurückkehrt. Das erste Mal macht etwas mit einem. Irgendwo tief in der Seele. Das erste Mal ist das schlimmste, doch mit jedem Tod wird der Seele eine weitere Wunde zugefügt. Und nach einer Weile ist nichts mehr übrig als vernarbtes Gewebe.

Er arbeitet hier schon lange genug, um alle Gästetypen zu kennen, und ist in dieser Hinsicht mittlerweile ein ebensolcher Experte wie mit dem Wild. Er ist sich nur noch nicht sicher, welche Sorte er mehr hasst: den Into the Wild-Typus – also diejenigen, die glauben, dass sie innerhalb weniger Tage Luxusurlaub »eins mit der Natur« geworden sind – oder die anderen, die es einfach nicht kapieren, die glauben, dass man sie hereingelegt, nein, schlimmer noch, bestohlen hat. Sie vergessen, was sie gebucht haben. Sie haben an allem was auszusetzen, was von den Etablissements abweicht, in denen sie sonst absteigen, mit ihren Indoor-Swimmingpools und ihren Sternerestaurants. Dougs Meinung nach haben diese Menschen am meisten mit sich zu kämpfen. Man nehme ihnen nur alle Ablenkung und Zerstreuung, und schon holen die Dämonen, die sie bis dahin in Schach gehalten haben, sie hier, in der Stille und Einsamkeit, wieder ein.

Bei Doug verhält es sich anders. Seine Dämonen sind immer bei ihm, egal, wo er ist. Hier haben sie wenigstens genug Platz zum Umherstreifen. Dieser Ort hat ihn, so vermutet er, aus ganz anderen Gründen angezogen als die Gäste. Sie kommen wegen seiner Schönheit – er wegen seiner Feindseligkeit, wegen der schieren Brutalität des Wetters. Jetzt hat das Klima seinen unerbittlichen Höhepunkt erreicht, inmitten des tiefen, langen Winters. Vor ein paar Wochen hat er oben auf dem Munro einen Fuchs entdeckt, der durch den Schnee streifte, den vertrockneten Kadaver eines kleinen Nagers zwischen den Zähnen. Unter dem dünnen und struppigen Fell waren die Rippen zu sehen. Als der Fuchs ihn erblickte, ergriff er nicht sofort die Flucht. Einen Moment lang erwiderte er nur seinen Blick, feindselig, herausfordernd − er sollte es nur ­wagen, ihm sein Festmahl streitig zu machen. Doug empfand eine tiefe Verwandtschaft mit dem Fuchs, eine intensivere Form von Identifikation, als er sie je mit einem Menschen gehabt hat, und wenn, ist es schon lange her. Überleben, existieren − nicht leben. Leben ist ein Wort für Leute, die sich tagtäglich auf die Suche nach Zerstreuung, Vergnügen und Annehmlichkeiten begeben.

Er hatte Glück, diesen Job bekommen zu haben, das ist ihm klar. Und das nicht nur, weil die Arbeit zu ihm passt – zu seiner geistigen Verfassung, seinem Verlangen, so weit wie irgend möglich vom Rest der Menschheit entfernt zu sein –, sondern auch, weil ihn höchstwahrscheinlich niemand sonst genommen hätte. Nicht mit seiner Vergangenheit. Der Mann, der vom Chef geschickt worden war, um das Bewerbungsgespräch mit ihm zu führen, hat den Eintrag in seinem Führungszeugnis gelesen, die Achseln gezuckt und gesagt: »Nun, dann wissen wir ja, dass Sie das nötige Zeug haben, um mit potenziellen Wilderern fertigzuwerden. Versuchen Sie einfach, nach Möglichkeit keine Gäste zu attackieren.« Dann hat er gegrinst, um zu zeigen, dass das ein Witz gewesen war. »Ich denke, Sie sind hervorragend für den Job geeignet.«

Das war’s auch schon. Er musste nicht einmal versuchen, sich zu entschuldigen oder zu erklären – auch wenn es keine Entschuldigung gibt, nicht wirklich. Ein kurzer Moment brutalen Wahnsinns? Nicht wirklich. Er wusste ganz genau, was er tat.

Wenn er heute an jenen Abend zurückdenkt, erscheint kaum etwas davon real. Es kommt ihm vielmehr wie etwas vor, das er mal irgendwo im Fernsehen gesehen hat, als würde er sich aus großer Entfernung bei seinen eigenen Taten beobachten. Doch er erinnert sich an den Zorn, der ihn wie ein Faustschlag in die Brust traf, dann die kurze Erlösung vom Schmerz. Dieses dümmliche, grinsende Gesicht und anschließend das Geräusch von etwas, das zerbrach. In seinem eigenen Kopf? Das Gefühl, die Fesseln des normalen menschlichen Verhaltens abgestreift zu haben und in eine animalische Welt entlassen worden zu sein. Das Gefühl seiner Finger, die sich fest um das nachgebende Fleisch schlossen. Fester, noch fester, als sei das Fleisch etwas, das er mit roher, brachialer Gewalt in eine neue, gefälligere Form pressen wollte. Schließlich erlosch das Lächeln. Ihn befiel jenes seltsam verquere Gefühl von Befriedigung, das ein paar Augenblicke anhielt, bevor sich die Scham einstellte.

Nach alldem wäre es wohl in der Tat schwierig gewesen, eine wie auch immer geartete Arbeit zu bekommen.

Jetzt

2. Januar

HEATHER

Eine Leiche. Ich starre Doug an.

Nein, nein. Das darf nicht sein. Nicht hier. Dies ist mein Hort, meine Zuflucht. Man kann von mir nicht erwarten, dass ich mich damit auseinandersetze. Ich kann nicht, ich kann einfach nicht …

Mit reiner Willenskraft gelingt es mir schließlich, der Gedankenflut in meinem Kopf einen Riegel vorzuschieben. Doch, du kannst es, Heather. Denn du hast keine andere Wahl.

Natürlich wusste ich, dass diese Möglichkeit bestand. Es war sogar sehr wahrscheinlich, angesichts der Dauer des Verschwindens – über achtundvierzig Stunden – und der momentanen Witterungsverhältnisse. Selbst für jemanden, der das Gelände kennt und über gewisse Überlebenskenntnisse verfügt, wären sie eine Herausforderung. Unser Gast jedoch verfügte, soweit ich weiß, über keinerlei solche Kenntnisse. Im Verlauf der Stunden, die ohne ein Lebenszeichen verstrichen, wurde die Wahrscheinlichkeit immer größer.

Sobald wir erfahren hatten, dass einer der Gäste verschwunden war, riefen wir die Bergwacht an, doch die Dame am Telefon erklärte uns: »Momentan ist es unwahrscheinlich, dass wir es überhaupt zu Ihnen rausschaffen.«

»Aber es muss doch irgendeine Möglichkeit geben …«

»Die Witterungsverhältnisse sind zu schwierig. Eine derartige Menge Schnee haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Das ist ein absolutes Ausnahmewetter. Die Sicht ist so schlecht, dass wir nicht einmal einen Hubschrauber landen lassen können.«

»Wollen Sie damit etwa sagen, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind?« Noch während ich es aussprach, wurde mir die ganze Tragweite der Situation bewusst. Keine Hilfe. Ich spürte, wie sich mir der Magen umdrehte.

Am anderen Ende der Leitung entstand eine längere Pause. »Sobald wir bessere Sichtverhältnisse haben, werden wir versuchen, zu Ihnen rauszukommen«, sagte die Frau schließlich.

»Einfach nur ›versuchen‹ ist mir zu vage«, erwiderte ich.

»Ich verstehe Sie, und wir werden zu Ihnen kommen, sobald es uns möglich ist. Leider gibt es noch mehr Leute in einer ähnlichen Situation: Wir haben einen ganzen Trupp Bergsteiger, die auf dem Ben Nevis festsitzen, und einen weiteren Zwischenfall in der Nähe von Fort William. Jetzt schildern Sie mir bitte Ihr Problem ganz genau, damit ich alle Details notieren kann.«

»Das letzte Mal wurde die vermisste Person gestern Nacht hier in der Lodge gesehen«, begann ich. »Um … etwa gegen vier Uhr.«

»Und wie groß ist das Gebiet?«

»Das Anwesen?« Ich kramte in meinem Kopf nach der Zahl, die ich in meinen ersten Wochen hier erfahren hatte. »Knapp über fünfzigtausend Morgen.«

Ich hörte, wie sie die Luft einsog. Dann entstand wieder eine lange Pause, so lang, dass ich mich schon fragte, ob die Leitung tot war, ob der Schnee auch diese letzte Verbindung zur Außenwelt gekappt hatte.

»Also gut«, sagte sie schließlich. »Fünfzigtausend Morgen. Nun. Wir werden jemanden rausschicken, sobald wir können.« Doch ihr Tonfall hatte sich verändert. Es lag mehr Unsicherheit darin. Ich hörte, wie eine Frage mitschwang: Selbst wenn wir es bis zu Ihnen schaffen würden, wie sollten wir in dieser riesigen Einöde einen vermissten Menschen aufspüren?

Im Verlauf der vergangenen vierundzwanzig Stunden haben wir so weit gesucht, wie es uns in Anbetracht des unablässig fallenden Schnees überhaupt möglich war. Ich bin erst seit knapp einem Jahr hier, daher hatte ich noch nicht erlebt, wie es ist, eingeschneit zu sein. Wir müssen zu einem der wenigen Orte in Großbritannien gehören, wo die Unwetter so heftig sind, dass nicht einmal die Rettungsdienste durchkommen. Wir warnen die Gäste zwar immer vor, dass sie das Anwesen bei entsprechenden Witterungsverhältnissen eine Zeit lang nicht verlassen können. Und genau das ist die Situation, in der wir uns gerade befinden. Sämtliche Zufahrtswege sind durch den Schnee blockiert, weswegen wir uns zu Fuß auf die Suche machen mussten. Allerdings nur Doug und ich. Ich bin mehr als erschöpft, psychisch wie körperlich. Wir haben nicht einmal Iain zur Unterstützung, der sonst öfter vorbeikommt, um diverse Arbeiten auf dem Anwesen zu erledigen. Er wird Silvester mit seiner Familie verbracht haben – irgendwo dort draußen, wo er vermutlich feststeckt und uns nichts nützt. Die Frau von der Bergwacht hat uns wenigstens mit einem Ratschlag weiterhelfen können. Sie hat vorgeschlagen, zunächst an den Orten nachzuschauen, die als Unterschlupf genutzt werden könnten. Doug und ich suchten alle potenziellen Schlupfwinkel auf dem Gelände ab, während uns die beißende Kälte im Gesicht brannte und der Schnee uns auf Schritt und Tritt am Vorankommen hinderte, bis ich so müde war, dass ich mich wie betrunken fühlte.

Ich legte die gesamte Strecke bis zum Bahnhof zu Fuß zurück, wofür ich gute drei Stunden brauchte, und sah dort nach, denn offenbar hatte es zwischen den Gästen Diskussionen gegeben, ob sie nicht mit dem Zug zurück nach London fahren sollten.

Ich schilderte dem Bahnhofsvorsteher Alec die Situation. Er ist ein bulliger Kerl mit einem finsteren Gesicht und tief stehenden Augenbrauen. »Wir sind dabei, das gesamte Anwesen abzusuchen.« Ich gab ihm eine genaue Beschreibung der vermissten Person. »Es besteht nicht zufällig die Möglichkeit, dass unser Gast mit dem Zug abgereist ist?« Ich wusste, dass es albern war, aber ich hatte trotzdem das Gefühl, die Frage stellen zu müssen.

Er lachte mir ins Gesicht. »Ein Zug? Bist du übergeschnappt, Mädel? Selbst wenn wir kein so mieses Wetter hätten, fahren am Neujahrstag doch keine Züge.«

»Aber vielleicht haben Sie was gesehen …«

»Ich hab niemand gesehen«, erwiderte er. »Nicht, seit der Haufen vor paar Tagen hier eingetrudelt ist. Hätt’ ich schon gemerkt, wenn ein Fremder sich hier rumgetrieben hätt’.«

»Na ja«, erwiderte ich, »vielleicht könnte ich mich ja trotzdem umschauen?«

»Nur zu, hereinspaziert«, bemerkte er spöttisch.

Es gab nicht viele Orte, wo man suchen konnte: den Wartesaal, die Putzkammer, die aussah, als wäre sie früher mal eine Toilette gewesen, und den Fahrkartenschalter, in dessen Inneres ich durch die Glasscheibe blicken konnte. Der Schreibtisch war mit Papierkram übersät, und durch die Fahrkartenausgabe drang ein süßlicher, leicht angefaulter Geruch. Einmal habe ich Iain darin mit Alec rauchen sehen. Iain nimmt oft die Bahn von hier, um Vorräte zu besorgen. Die beiden scheint eine Art Freundschaft zu verbinden.

Gleich neben dem Büro befand sich eine Tür. Ich öffnete sie und entdeckte ein Treppenhaus. »Da geht’s in meine Wohnung rauf«, erklärte Alec.

»Ich nehme mal nicht an …«, begann ich. Er fiel mir ins Wort.

»Zwei Zimmer«, sagte er. »Und ’n Klo. Ich denk, ich wüsst’ schon, wenn jemand sich da drin verstecken würd’.« Seine Stimme war etwas lauter geworden, und er hatte sich zwischen mich und die Tür geschoben. Das war mir entschieden zu nah. Ich roch abgestandenen Schweiß.

»Ja, natürlich.« Ich hatte plötzlich das Bedürfnis zu gehen.

Als ich mich auf meinen beschwerlichen Rückweg zur Lodge machte, drehte ich mich noch einmal um. Dort stand er und sah mir hinterher.

Während unserer stundenlangen Suche fanden Doug und ich nichts. Keinen Schuhabdruck, nicht eine Haarsträhne. Die einzigen Spuren, die unseren Weg kreuzten, waren die kleinen, scharf umrissenen Hufabdrücke eines Rotwild­rudels.

glaube