Den Opfern.

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KINDHEIT

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JUGEND

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KINDHEIT

1

Bei mir begann es im Kindergarten. Sie hatten dort so kleine Eisenbahnen. Eine Lokomotive und mehrere kleine Wägelchen, mit einem Faden verbunden. Ich war vielleicht drei, vier Jahre, und ich klaute die Eisenbahn. Ich steckte sie mir in die Hosentasche, und als mich meine Mutter abholte, wurde ich nicht kontrolliert. Es war in Ludwigsfelde, und der Kindergarten hieß nach Clara Zetkin. Die Lokomotive und die Wägelchen waren je so groß, wie eine halbe Streichholzschachtel. Ich hatte jetzt ein Problem: Ich konnte nicht mit dieser Eisenbahn spielen, ohne vernünftige Erklärung, woher ich sie hätte.

Ich war ein Anfänger, ein Dilettant. Wir waren am Abend im Haus meiner Oma, und ich fragte, ob ich dieses eine Feuerzeug, das in einem Papierkorb lag, haben dürfte. Meine Mutter nahm es, probierte es aus und ließ die winzige Flamme einige Sekunden brennen, bis das restliche Gas alle war. Jetzt durfte ich es haben, und das war gut, es gehörte alles zu meinem Plan. Es wurde früh dunkel, es muss Herbst oder Winter gewesen sein. Ich saß bei meinem Vater auf dem Fahrradsitz, und er fuhr nach Hause. Wir fuhren den Weg an der Kirche vorbei, hier musste es passieren.

„Halt!“ schrie ich, mein Vater stoppte. „Da ist was!“ sagte ich, stieg ab und rannte ein Stück. Mein Vater blieb mit dem Fahrrad stehen. Ich ließ das Feuerzeug blitzen, tat so, als suchte ich etwas dort, wo es dunkel war. Ich zerrte die Eisenbahn aus meiner Hosentasche, es schien mir ewig zu dauern. „Hier, schau was ich gefunden habe!“ Wir fuhren weiter nach Hause. Ich war ein Dilettant, aber mein Vater nahm es mir ab. „Augen wie ein Adler“, sagte meine Mutter zu Hause. Ich war ein blutiger Anfänger, aber ich kam damit durch.

2

Irgendwann später stahl ich, auch wieder aus dem Kindergarten, ein kleines Spielzeugauto.

„Das habe ich gefunden, auf dem Weg vom Kindergarten“, sagte ich meiner Mutter.

„Stimmt das auch?“ fragte sie.

„Ja.“

„Hast du es auch nicht aus dem Kindergarten?“

„Nein.“

„Ich kann im Kindergarten fragen. Schau mir mal in die Augen!“ Ich schaute ihr in die Augen.

„Na gut“, sagte sie. Es hatte wieder geklappt.

3

Jedes Wochenende waren wir in Rangsdorf, wo wir ein Pachtgrundstück hatten. Ich war am besten befreundet mit einem Jungen vom Grundstück nebenan, Martin Frühling, der zwei Jahre jünger war als ich. Im Kinderzimmer hatten er und seine zwei Geschwister ein echtes Skelett, und sein Vater hatte ein Gehirn aus Plastik auf dem Schreibtisch liegen. Bei einer Weihnachtsfeier fing der Weihnachtsbaum Feuer, wir Kinder standen auf der Straße und besprachen, wer wo wohnen könnte, wenn das Haus abbrannte. Aber die Väter löschten den Baum, und die Feier ging weiter.

Einmal riss ich ihm, Martin Frühling, meinem besten Freund, in irgendeinem Streit ein Büschel Haare vom Kopf. Er schrie, es gab einen riesigen Auflauf all der Eltern aus der Nachbarschaft. Den erschrockenen Erwachsenen wurde von Martins Mutter der Beweis, ein Büschel Haare in einer Tasse, herumgereicht. Alle machten besorgte Gesichter und dachten nach über das Böse und die Zukunft. Ich musste als Wiedergutmachung mein Lieblingsspielzeugauto an Martin verschenken.

Wir vertrugen uns wieder, wir streiften durch die Wälder. Ich hatte Nägel und Schrauben aus dem Werkzeugkasten meiner Eltern geklaut, die legten wir auf die Gleise der Bahn und warteten, bis ein Zug drüberratterte. Dann waren sie plattgefahren, und wir konnten sie aufsammeln. Schrauben sahen aus wie Sägen für Puppenstuben, die Nägel wie Keile. Auch Geldstücke legten wir hin und Steine. Die Steine wurde zu Staub zermahlen, das Aluminiumgeld dagegen in unförmige Scheiben verwandelt. Nur die 20-Pfennig-Stücke aus Messing verzauberten sich in kleine ovale Platten, die glatt und wie poliert waren, und auf denen man noch die Beschriftung wie Intarsien erkennen konnte.

Wir klauten Streichhölzer und Benzin, wir wussten immer, wo sie versteckt waren. Wir warfen die Streichhölzer ohne sie anzuzünden in das Benzin und dachten, dass irgendwas passieren würde, aber es passierte nichts.

4

Zu Hause in Rangsdorf, im Sommer, da experimentierten wir viel mit Tieren, mein bester Freund Martin und ich. Es gab die normalen Schnecken und die Weinbergschnecken, die wir „Oma-Schnecken“ nannten, weil ihre helle runzlige Haut und ihre weißen Häuser sie uns sehr alt erscheinen ließen. Wir holten eimerweise Oma-Schnecken von einem Bahndamm, um im Sandkasten einen Schneckenzoo zu bauen. Natürlich flohen die Schnecken über Nacht aus ihren aus Sand und Hölzern gebauten Gehegen und vernichteten die Erdbeerernte. Wir holten Käfer, Raupen, Kellerasseln und Würmer unter Steinen hervor, um sie in Gläsern und Schachteln zu halten oder im Sandkasten kleine Burgen zu bauen, die sie bevölkern mussten.

Einmal hatten wir einen Eimer Schnecken gesammelt, meist veranstalteten wir Schneckenrennen. Doch dieses Mal wollten wir etwas anderes machen, etwas Spannenderes. Ich holte eine Kneifzange aus dem Werkzeugkasten und versuchte, einer Schnecke den Kopf abzukneifen. Sie schaute irgendwie überrascht und blieb in der Bewegung stecken, wie eingefroren. Ihre Fühler blieben halb eingezogen. Aber so sehr ich auch presste, ich bekam den Schneckenkopf einfach nicht abgeknipst. Der Kopf verfärbte sich, wurde blass, dann irgendwie bläulich. Als ich die Zange öffnete, verschwand die Schnecke schnell in ihrem Häuschen.

Wir versuchten es noch bei den anderen, aber so sehr wir auch die Zange pressten, wir bekamen keinen Kopf ab, die Natur war uns irgendwie überlegen.

5

Wir wollten einen Frosch fangen, mein Freund Martin und ich. Es war Sommer, wir waren mit Fahrrädern unterwegs und durch den brüchigen Zaun eines alten Gutsgartens gekrochen, in einem kleinen Dorf zwischen Ludwigsfelde und Rangsdorf.

Das erste Mal sah ich Frösche, die diese kleinen weißen Blasen am Kopf hatten, aus denen sie die Luft für ihr Quaken pressten. Aber sie waren zu schnell. Grüne Entengrütze bedeckte den Schlamm, und die Frösche waren weg, bevor wir in ihre Nähe kommen konnten. Wir holten uns lange, dünne Äste und schlugen zu. Ein Frosch begann im Kreis zu kriechen wie ein Spielzeugauto, dem die Räder auf der einen Seite fehlten. Aber das war kein Spielzeugauto, es war ein Tier, auch kein Insekt, sondern ein ziemlich hochentwickeltes Tier, das spürte Schmerz.

„Wir müssen ihn totmachen, er quält sich.“ sagte ich. Wir schlugen auf den Frosch ein, der im Modder verschwand. Wir schauten nicht nach, ob er tot war oder nicht. Wir setzten uns auf unsere Fahrräder, fuhren los und redeten kaum auf dem Heimweg.

6

Sommers an der Ostsee, die ganze Familie und noch andere, befreundete Familien, dazu. Es gab viele Mücken und Fliegen. Die Mücken erschlug man, und die Fliegen waren eklig, weil sie sich auf die Kackhaufen setzten, die überall im Wald verteilt lagen. Fliegen fand ich nicht so spannend, sie waren erst einmal schwer zu fangen, dann flogen sie gleich wieder davon, wenn man doch mal eine lebendig erwischt hatte. Die Mücken waren eine echte Qual, abends kamen sie aus dem Wald bis auf den Zeltplatz am Strand.

Sie stachen und saugten Blut. Ich beobachtete eine auf meinem Arm, wie ihr Leib auf Tropfengröße anschwoll, während sie saugte. Dann erschlug ich sie, und es gab einen Blutfleck. Ich fand, dass die Mücken viel zu gut davonkamen, dafür, dass sie einem richtig weh taten und auch noch Blut stahlen. Mücken waren böse. Ich fing eine lebendig und versuchte, ihr den Saugrüssel abzureißen. Leider gelang es nicht, es riss der ganze Kopf mit ab. Bei einer anderen ging es dann doch, und ich sah der Mücke zu, wie sie davonflog. Ich war hochbefriedigt. Ich hatte die Mücke zu einem schrecklichen Hungertod verurteilt, da sie doch jetzt nicht mehr Blut saugen konnte. Ich hatte auch andere Ideen: Was war, wenn man einer Mücke alle Beine ausriss? Dann konnte sie doch nirgends mehr landen und musste irgendwann vor Erschöpfung vom vielen Fliegen zu Boden fallen. Aber das machte ich nie.

Die schönsten Fliegen dagegen waren zweifellos die metallisch grünen, auch bekannt als normale Scheißhausfliegen. Ich hatte eine gefangen, ich weiß nicht mehr, warum ich es machte. Ob ich sie bestrafen wollte, weil sie sich auf so eklige Sachen wie Scheiße setzte? Oder vielleicht tat ich es auch nur aus reiner Neugier. Ich riss der Fliege beide Flügel aus. Jetzt krabbelte sie im Ostseesand herum wie ein kleiner Käfer.

„Kuck mal Mutti!“ rief ich, „Was ich für einen komischen Käfer gefunden habe.“ Meine Mutter kam aus dem Zelt.

„Ist ja ein Ding!“ murmelte sie, „So einen Käfer habe ich ja noch nie gesehen.“ Ich konnte nicht mehr an mich halten vor stolz auf mein Werk und sagte:

Das ist ja gar kein Käfer. Das ist eine Fliege, der ich die Flügel ausgerissen habe.“ Meine Mutter machte ein angewidertes Gesicht, als hätte ich etwas sehr Schlimmes gesagt.

7

Sommerurlaub an der Ostsee, Prerow, der einzige Zeltplatz direkt am Meer. In den Dünen der Halbinsel Darß lag das größte FKK-Gebiet der Welt. Vielleicht gab es doch noch ein größeres, aber die Welt war damals kleiner. Zu den Parkplätzen führte ein Weg aus Betonplatten, auf denen immer nur ein Auto fahren konnte. Begegneten sich zwei, dann musste ein Fahrer von beiden seinen Wagen zurück auf einen dieser Ausweichplätze fahren.

Wir fuhren in dem Trabbi Kombi auf diesem Plattenweg, da kamen uns zwei olivgrüne NVA-Kleinbusse entgegen. Unser Trabbi und der erste „Barkas“ standen sich gegenüber. Die kleine Armeekolonne hatte es nicht so weit zum nächsten Ausweichplatz. Meine Mutter am Steuer des Trabbi blieb einfach stehen. Ein Soldat kam heraus und bat meine Mutter, zurückzufahren. Doch sie fühlte sich im Recht: Die Armeefahrzeuge müssten zurück ausweichen, nicht sie. So standen wir, die Soldaten im Barkas besprachen sich und wollten keine Schwäche zeigen. Die Minuten verstrichen seltsam träge und zäh, die Sonne brannte herunter auf den Darß, es war Sommer, und es gab keine Klimaanlagen.

Jetzt kamen zwei Soldaten aus dem Armee-Barkas und versuchten nochmals, meine Mutter zu überreden. Doch sie fühlte sich mehr im Recht denn je und gab nicht nach. Ein Trabant Kombi und zwei Armee-Barkas standen sich unter der sommerlichen Sonne gegenüber: scheinbar mehr eine Geduldsprobe als ein Kräftemessen. Schließlich fuhren die Armeefahrzeuge seitlich vorbei. Dafür mussten sie vom Plattenweg runter, immerhin eine hohe Kante. Sie rumpelten über den sandigen Boden voller Dellen und Furchen. Die Gesichter der fahrenden Soldaten waren ernst und angespannt. Nicht ein einziges Mal schauten sie zu uns herüber. Ihre Fahrzeuge wackelten bedenklich, dann fuhren sie wieder auf den höheren Plattenweg. Wir hatten gewonnen.

Eine Stunde später saßen wir vor unserem Zelt, als die Durchsage über die Strandlautsprecher kam: „Die Fahrerin des PKW Trabant mit dem amtlichen Kennzeichen PA 90 - 72 sofort bei der Zeltplatzleitung melden!“ Das war unser Trabbi. Meine Mutter trank noch ihren Kaffee aus, als die nächste Durchsage kam: „Margot Hennig, Frau Margot Hennig bei der Zeltplatzleitung melden!“

„Ach“, sagte sie, „jetzt haben sie schon den Namen raus.“ Sie ging los, nahm als Zeugin ihre Freundin mit, die auch mit im Auto gesessen hatte, und ich sah sie noch den Weg gehen. Gulag, Sibirien, Arbeitslager. Es hätte ein Abschied für immer sein können, aber er war es nicht.

Bei der Befragung erfuhren sie, was passiert war. In dem einen Armee-Barkas war Heinz Hoffmann gewesen, der Armeegeneral der DDR, früher sagte man Kriegsminister. Es ging alles noch glimpflich ab, weil sie meiner Mutter glaubten, die versicherte, dass sie natürlich zurückgefahren wäre und dem Barkas Platz gemacht hätte. Aber die Soldaten hatten nicht gesagt, dass Heinz Hoffmann ihr Passagier war. Nur eine Ahnung, hätte sie nur eine Ahnung von Heinz Hoffmann da drin gehabt! Ihr wurde geglaubt. Außerdem kannte sie einer der Verhörer, immerhin war meine Mutter Spielerin in der Nationalmannschaft gewesen, Feldhandball.

8

Im Sommer waren wir an der Ostsee, im Winter machten wir Wintersport, meist im tschechischen Riesengebirge. So sahen unsere Urlaube aus. Uns ging‘s gut, keine Frage: Wohnung, Grundstück, Auto, zweimal im Jahr weite Urlaubsreisen. Kurz hatte mein Vater sogar den Saporosch seines Vaters, Sapo genannt. Man erkannte Autos dieser Marke schon von weitem an ihrem Pfeifen. Doch mein Vater und technische Sachen, das war noch eine Geschichte für sich.

Dort in den tschechischen Bergen hatten wir immer Quartier bei Rübezahl in der Kleinstadt Swoboda. Swoboda bedeutet tschechisch „Freiheit“, und so hatte das Städtchen auch früher geheißen, als es noch deutsch war. Rübezahl lebte mit seiner Frau in einem 200jährigen, schiefen Haus mit mächtigen alten Balken, und eigentlich hieß das Ehepaar Umlauf mit Nachnamen. Aber Rübezahl war schon der echte Rübezahl, man konnte an jedem Kiosk und in jedem Schreibwarenladen Ansichtskarten mit Fotos von ihm kaufen, und auf der Rückseite stand als Erklärung in tschechisch, russisch, englisch und deutsch: „Rübezahl, Berggeist im Riesengebirge“.

Er hatte einen großen weißen Bart, schippte morgens laut Kohlen in den Ofen direkt vor der Tür unseres Zimmers und ächzte dabei. Alles an seiner Frau war rund, ihre Arme, ihre Beine, selbst die Nickelbrille, die auf ihrer runden Nase saß, und sie schnaufte beim Treppen Steigen.

Für mich war die Tschechoslowakei hauptsächlich das Paradies der Gummitiere. Es gab sie in allen unglaublichen Arten in den Spielzeug- und Schreibwarenläden. Es gab Schlangen und Affen, mit und ohne Baströckchen, es gab Käfer und Eidechsen, Würmer, Spinnen und Monster aller Art aus weichem, stark riechendem Gummi. Ich gab mein ganzes Geld dafür aus und bettelte um mehr, um mir auch noch die letzten und neuesten Tiere zu kaufen. Die Tschechoslowakei war der DDR in Bezug auf Gummitiere um mindestens 100 Jahre voraus.

Wenn es richtig kalt wurde, hatten die Ostautos Schwierigkeiten. Entweder die Batterien hatten sich entladen oder irgendwelche Bowdenzüge waren festgefroren. Meine Eltern nahmen unsere Autobatterie mit ins Zimmer. Wenn sie morgens wieder eingebaut wurde, sah ich, wie andere Motorisierte Feuer anzündeten unter ihren Trabants, Skodas oder Saporoschs.

Wir fuhren los in dem eiskalten Trabant, die Skier waren auf dem Dach, nach Pez. Kaum war es in dem Auto wärmer und erträglich geworden, waren wir auch schon da. In Pez gab es massenhaft Abfahrtshänge mit Skilifts. Mittags aßen wir in einer Baude, und danach fuhren wir weiter Ski und abends wieder nach Hause zu Rübezahls Haus.

Manchmal, wenn mir die Füße in den Schuhen vor Kälte taub geworden waren, wärmten mein Vater und ich uns zusätzlich irgendwo auf, wo wir auf meine Schwester und meine Mutter warteten. Auf dem Weg zur „Grill-Bar“, die wir wegen der erstaunlichen, blubbernden Lavalampen bevorzugten, kamen wir an einem Mercedes vorbei, hinter dessen Windschutzscheibe eine phantastische Auswahl an Gummitieren versammelt war: Frösche auf Skiern, Frösche mit Brillen, Frösche, die in einem kleinen Bett übereinanderlagen. Ich starrte auf die Gummitiere, dann auf meinen Vater, der von meiner Begeisterung für die elastischen Geschöpfe wusste.

„Man könnte“, sagte ich, „die Scheibe mit einem Stein einschlagen und die Gummitiere nehmen und schnell wegrennen.“

„Ja,“ sagte mein Vater, „die Scheibe kostet bestimmt 200 Mark West. Wenn wir das dem Besitzer des Autos erzählen, dann gibt er uns die Gummitiere so und ist noch froh, dass wir die Scheibe nicht eingeschlagen haben.“ Ich hielt das für einen wunderbaren Vorschlag und dachte, wir würden nun auf den Besitzer des Mercedes warten. Aber mein Vater ging einfach weiter, als wäre die Sache damit erledigt, und ich musste ihm, obwohl ich es nicht verstand, folgen.

9

Mein Großvater mütterlicherseits war an der Ostfront gefallen, er war Bäcker gewesen. Der harten Arbeit und dem Frühaufstehen, so hatte er geglaubt, entfliehe er am besten als Mitglied der Wehrmacht. Er hinterließ eine Witwe mit drei Töchtern. Die Tränen der verzweifelten Frau trockneten erst, als sie mit dem Nachlass ihres Mannes die Liebesbriefe einer anderen Frau zugesandt bekam. Sie floh mit ihren drei kleinen Mädchen vor der grollenden Ostfront und landete in Sachsen-Anhalt.

Irgendein Vorfahr väterlicherseits, der früheste, von dem es ein Foto gab, hatte eine Augenklappe wie ein Seeräuber. Bei einem anderen war die Herkunft unklar, unehelich. Dann war er bei einem Polizeimeister aufgewachsen. Es war der Vater meines Großvaters, und er war Sozialdemokrat geworden. Als er, mein Großvater war noch ein kleines Kind, um die Jahrhundertwende gestorben war, entfernte seine Witwe im Morgengrauen die und Schleifen von den Kränzen der sozialdemokratischen Genossen vom Grab, aus Angst vor dem unbarmherzigen Klatsch der Kleinstadt und der kaiserlichen Geheimpolizei.

Mein Großvater väterlicherseits wurde später Mitglied in SA und NSDAP, nach dem Krieg trat er schnellstmöglich in die SED ein. Wie es verlangt wurde, hatte er in der Nazizeit Ahnenforschung betrieben, voller Angst, dass hinter dem Mädchennamen „Bergmann“ seiner Frau jüdische Vorfahren stecken könnten. Doch Glück des Tüchtigen: Alles arisch. Seinen Kindern verbot er in der DDR das Westfernsehen.

Seine Frau, meine Großmutter, stammte aus einer Försterfamilie. Ihr Vater hatte die Weltwirtschaftskrise mit Baumstämmen überstanden, die er unter der Wasseroberfläche eines Sees gelagert hatte. Während er in den 20er Jahren Krieg mit den Berliner Wilddieben führte und einem auch mal eine Ladung Schrot in den Arsch schoss, nahm er es selbst mit den Jagdregeln nicht so genau. So ging er auf nächtliche Entenjagd, ausgerüstet mit Akku und Scheinwerfern. Das grelle Licht zu nächtlicher Stunde verwirrte die Vögel und machte sie zu leichter Beute.

Bei meinem Vater hatte das Westfernsehverbot nicht die erhoffte Wirkung. Nachdem er in den 50ern auf FDJ gesteuerten Friedensdemos in Westberlin von den dortigen Polizisten zusammengeschlagen worden war, äußerte er in den 60ern unangebrachte Vergleiche zu den Praktiken der Volkspolizei, was ihn für zwei Jahre ins Gefängnis brachte. Auch bei seinem Bruder wirkte das Westfernsehverbot nicht, er setzte sich schon kurz vor Mauerbau ganz nach Westdeutschland ab, machte dann selbst Westfernsehen beim WDR und fuhr mit seinem roten Sportwagen über die Autobahn.

Eine Schwester meiner Mutter freundete sich 1964 mit einem westdeutschen Arbeiter an, der auf Montage in der DDR war. Der schmuggelte sie in Männerkleidung mit dem Pass eines Kollegen in den Westen. Noch jahrzehntelang spielte ihm die Stasi bei anonymen Anrufen die DDR-Nationalhymmne vor.

10

Meine Eltern nahmen es mit den Gesetzen nicht so genau. Wenn wir ins Ausland fuhren, hatten wir immer irgendwas dabei, was man eigentlich nicht mitnehmen durfte. Das mit dem Zoll war immer eine heikle Sache. Und wenn wir zurückkamen, meist aus der Tschechoslowakei, dann war es dasselbe. Ein Kasten Bier, Westzeitungen, ein paar Kanister Benzin, Sachen dieser Art.

Wir hatten eine Wohnung in Ludwigsfelde und ein Wochenendgrundstück in Rangsdorf, 20 Kilometer entfernt. Wenn wir mit dem Trabant Kombi die Autobahnabfahrt nahmen, mussten wir meist an der Eisenbahnschranke eine kleine Ewigkeit warten. Diese Schranke wurde mit der Hand betrieben, und wenn zwei Züge in 10-Minuten-Abstand durchfuhren, dann ließ der Schrankenwärter die Schranken einfach unten. Aber es gab einen Parkplatz auf der Autobahn, einen Kilometer vor der offiziellen Abfahrt, von dem man einen Schleichweg durch den Wald fahren konnte. Die Polizei führte einen aussichtslosen Kampf gegen die illegalen Abfahrer. Manchmal lauerten sie auf, manchmal versuchten sie mit Gräben und Erdhügeln Barrieren zu schaffen. Aber die hochbeinigen Trabbis bahnten sich schon bald einen neuen Weg.

Einmal, mein Vater fuhr, und meine Schwester und ich saßen hinten im Auto, wollte er abends diese illegale Auffahrt benutzen. Es war schon spät und dunkel, da leuchtete jemand mit der Taschenlampe.

„Scheiße!“ sagte er und zu uns nach hinten: „Sagt nichts!“ Es waren Polizisten, die irgendeine Kontrolle machten. Mein Vater kurbelte die Scheibe herunter und sagte zu dem Beamten:

„Wir wollen meine Frau abholen. Sie ist auf einem Ausflug zum Frauentag, und vielleicht kann sie den Busfahrer überreden, dass er sie hier rauslässt.“ Der Polizist glaubte die Geschichte. Wir warteten zehn Minuten, dann fuhr mein Vater wieder zurück durch den Wald, und wir nahmen die normale Auffahrt. Wenn wir auf der Autobahn fuhren, dann ruckelte es. Zwischen den Betonplatten waren große Spalten, und sie waren voller Risse. Manchmal sagte mein Vater: „Scheiß Nazis, Scheiß Hitler. Erst bauen sie die Autobahn, und dann machen sie 40 Jahre lang nichts dran.“

11

Die Schule begann, und irgendwas stimmte nicht. Ich kam erst mit der Zeit dahinter, was es war. Es war die Schule, an der mich meine Eltern angemeldet hatten. Es war dieselbe Schule, an der sie Lehrer waren und die auch schon meine Schwester besuchte. Ich habe meine Eltern nie gefragt, ob es ihnen bewusst war, dass sie mir die Kindheit zur Hölle machten.

Am Anfang schien es mir noch originell, dass ich meine Eltern außer zu Hause auch noch täglich auf dem Schulhof sah. Bald aber wurde mir klar, dass ich das schrecklichste, das grauenhafteste, das unerträglichste Schicksal hatte von allen in meiner Klasse: Ich war Schüler an der Schule meiner Eltern. Die Petzerei der Kollegen, die ständige Überwachung, der widerliche Sonderstatus, abscheulich. Während alle Mitschüler Seiten aus ihren Hausaufgabenheften rissen, wenn Lehrer Tadel oder Beschwerden hineingeschrieben hatten, konnte ich das nicht. Jedes kleine oder mittlere Vergehen wurde meinen Eltern erzählt, irgendwo auf den vielen Fluren der Schule. Meine Mutter stellte mich dann zur Rede, ob ich denn nicht wenigstens ihr zuliebe im Unterricht braver sein könnte?

Ich wäre gern ein normaler Schüler gewesen, aber ich hatte keine Möglichkeit dazu. Ein wenig entspannte sich die Lage einige Jahre später, als meine Schwester an eine Sportschule in Berlin ging und mein Vater fristlos entlassen wurde. Meine Mutter aber blieb mir bis zum Ende der Schulzeit erhalten.

12

Ich sammelte Briefmarken. Ich hatte sie nach Themen geordnet, Politik, Raumfahrt, Natur, Köpfe war das bei weitem umfangreichste Gebiet. Ich bekam sie von Verwandten ausgeschnitten zugeschickt, es wurden riesige Mengen, die in stundenlangen Arbeitseinsätzen in Wasser abgelöst und dann auf Zeitungspapier getrocknet werden mussten. Aber es waren meistens nur die langweiligen Motive, die üblichen Marken.

Dagegen gab es in Papierwarenläden und manchen Kaufhallen abgepackte und in Folie verschweißte Marken mit wunderbaren Autos, Katzen, Fischen oder kubanischen Satelliten. Von meinem Taschengeld kaufte ich davon, doch das Taschengeld war schnell alle. So stahl ich die Marken, das war nicht schwer. Ich steckte sie unter die Jacke, kaufte eine Kleinigkeit und ging wieder aus der Kaufhalle. Es war ein wunderbar freies Gefühl, mit dem jeweiligen Briefmarkenschatz unter der Jacke durch die Straßen zu laufen, sie zu Hause anzuschauen und dann in das Album einzusortieren.

Es waren große Sommerferien, wie immer um diese Zeit waren wir in Rangsdorf, und ich ging in die Kaufhalle. Ich schlenderte eine Weile zwischen den Regalen hin und her, dann steckte ich eine Packung Briefmarken für 10 Mark unter die Jacke und ging zum Ausgang. Ich sah dort eine Dame stehen, mir hätte klar sein müssen, dass sie mich gesehen hatte. Doch ich hoffte, dass es, entgegen allem Augenschein, nicht so wäre, und sie mich einfach vorbei ließe. Natürlich hielt sie mich an, ob ich mit nach hinten kommen könne? Ich bekam einen roten Kopf und ging mit durch einen Gang in ihr Büro. Ob ich etwas mitgenommen hätte, fragte sie, und ich reichte ihr die Briefmarken.

Wie ich hieße? Wo meine Eltern arbeiteten? Sie müsse leider einen Brief schicken an die Arbeitsstelle meiner Eltern. Ich fragte, ob es nicht so ginge. Nein, das müsse sein. Sie ließ sich die Schule nennen und die Adresse. Dann konnte ich gehen, ohne die Briefmarken. Ich nahm mir jeden Morgen vor, es meiner Mutter zu beichten: „Du, ich muss Dir was ganz Schlimmes sagen.“ Dann verschob ich es auf den Abend und am Abend auf den nächsten Tag.

Es waren noch so viele Wochen bis Ferienende. Ich verschob es jede Woche, jeden Tag, jede Stunde. Zwischendurch hatte ich immer wieder die aberwitzigsten Hoffnungen, dass der Brief verlorengegangen wäre oder die Dame doch vergessen hätte, ihn abzuschicken. Ich betete sogar, schwor im Stillen, wenn dieser Brief verschwände, ich würde in die Kirche eintreten und sonstwas tun. Nur dieser eine Wunsch, das wäre doch nicht zu viel verlangt. Ich hoffte, in ein Koma zu fallen und erst 100 Jahre später wieder aufzuwachen, noch so jung wie heute, aber alle, die ich kannte, wären längst gestorben.

Nichts von alldem geschah, meine Mutter wurde bei Schulanfang mit meinem Diebstahl konfrontiert, und als sie mich zur Rede stellte, wünschte ich, zu verschwinden oder tot umzufallen. Es war nicht allein der Diebstahl, der ihr unverständlich blieb. Mehr noch wollte sie wissen, warum ich ihr nichts gesagt hatte. Dann hätte sicher diese Blamage vor den Kollegen vermieden werden können. Sie hätte nur zur Kaufhalle zu gehen brauchen und alles im Guten klären können. Warum ich nichts gesagt hätte? Es sei doch klar gewesen, dass es rauskommen musste. Ich konnte nicht antworten. Sollte ich erzählen, wie sehr ich gehofft hatte, der Brief möge verschwinden? Ich schwieg und schaute in eine Ecke des Zimmers, und die Sekunden vergingen quälend langsam.

13

Im Klassenzimmer hatte die Lehrerin eine Tafel aufgehängt mit vielen Lokomotiven, die unsere Namen trugen. Wenn jemand 50 Pfennig für Solidarität spendete, dann bekam er an die Lokomotive mit seinem Namen einen Waggon gemalt. Ich hatte meine Mutter nach Geld für Solidarität gefragt, aber aus irgendwelchen Gründen gefiel ihr das nicht richtig, und sie gab mir nur sehr widerstrebend 50 Pfennig. Andere in der Klasse hatten schon vier Waggons und ich gerade mal einen einzigen.

Meine Eltern hatten viel zu tun, sie verdienten sich zu ihren Gehältern durch die Betreuung von Arbeitsgemeinschaften noch Geld hinzu. Außerdem trieben sie selber Sport, wie auch meine Schwester, und ich war nachmittags nach der Schule oft allein in der Wohnung. Ich durchstöberte die Schubladen, die Schränke, alles. In einem Fach hatte meine Mutter Münzen gesammelt, gültige DDR-Münzen, Fünf-, Zehn- und Zwanzigmarkstücke, irgendwelche Sonderprägungen, von denen sie wohl hoffte, dass sie irgendwann im Wert steigen würden. Es war ein ansehnlicher Haufen, in einer kleinen Tüte. Ich sah sie mir an und packte sie alle wieder zurück.

Im Schrank meines Vaters war eine beeindruckende Sammlung winziger Schnapsflaschen, dahinter standen Bücher, und hinter den Büchern fand ich die Briefe. Sie waren aus den 60er Jahren. Ein Anwalt schrieb darin, dass er an der Gefängnisstrafe meines Vaters nichts ändern könnte im Moment. Das war ja ein Ding! Mein Vater war im Gefängnis gewesen! Ich fand es keinen Augenblick verwunderlich, dass ich davon nichts wusste. Im Gefängnis! Es war ja klar, dass sie mir davon nichts gesagt hatten. Denn um ins Gefängnis zu kommen, musste mein Vater irgendwelche geheimen, schweren Verfehlungen begangen haben, von denen man einem Kind selbstverständlich nichts erzählte. Mein Vater stieg sehr in meiner Achtung. Es machte mich stolz, auch wenn leider nicht zu erfahren war, warum er gesessen hatte. Ich packte die Briefe zurück und stellte die Bücher wieder genauso davor.

Ich machte das Schubfach mit den Münzen noch mal auf, nahm eine Fünf-Mark-Münze heraus. Es war nicht zu bemerken, dass eine fehlte, es waren zu viele Münzen. Niemand, der nicht die genaue Anzahl der Münzen wusste, konnte das Fehlen dieser einen bemerken. Am nächsten Tag schaute mich meine Klassenlehrerin erstaunt an, aber sie musste mir zehn Waggons malen, mein Solidaritätszug war der längste.

14

Mein Vater unterrichtete die höheren Klassen. Wer mit irgendwas rumspielte oder sich eine Zeitschrift anschaute, die nicht zum Unterricht gehörte, und sich erwischen ließ, dem wurde sein Zeug abgenommen. Mein Vater nahm seinen Schülern Spielzeugautos ab, Westzeitungen, Comic-Hefte, Barbiepuppen, Messer, Zangen, Wimpel, Pornohefte, Playboy-Ausgaben, Nacktposter, Science-Fiction-Bücher, Gebisse zum Aufziehen, Zigaretten und kleine Schnapsflaschen für seine Sammlung.

Eigentlich hätte er sie wohl dem Direktor abgeben müssen, oder, nach einer gewissen Frist, den Schülern zurück. Aber er behielt sie einfach oder schenkte sie an mich weiter. Die Schüler, die ihre halb verbotenen Sachen auf diese Art verloren hatten, waren froh, so glimpflich davongekommen zu sein und glaubten wohl auch, dass der Verlust zum normalen Risiko gehörte. Irgendwann schienen sie was zu ahnen. Ich wurde auf dem Schulweg von Größeren angesprochen, ob ich nicht dieses Witzbuch hätte, oder ob ich wüsste, wo jenes Pornoheft hingeraten sei.

„Nein, nein,“ sagte ich, „keine Ahnung.“

15

Ich stahl Spielzeug aus einer Kaufhalle. Es gab eine Kaufhalle ganz in der Nähe unserer Wohnung, aber dort gab es nur Lebensmittel, und die interessierten mich nicht. Die Kaufhalle mit dem Spielzeug war direkt gegenüber der Schwimmhalle. Meine Klasse kam dort immer vorbei, wenn es zum Schwimmunterricht ging.

Ich klaute Wundertüten, das waren kleine Papiertüten mit Kartonspielen, Plastspielzeug und anderem Schnickschnack und wieder Spielzeugautos. Es waren mittelgroße mit Schwungradmotor, eins kostete 10 Mark. Ich packte sie in den Schwimmbeutel, kaufte Kuchen und bezahlte den Kuchen an der Kasse. Aber irgendwann hatte ich wohl ein paar von diesen Autos zu viel. Meine Mutter fand mehrere in meinem Schwimmbeutel. Ich war immer noch ein Dilettant, und ich hatte gepatzt. Ich hätte sie sofort verstecken müssen.

„Wo hast du die her?“ fragte meine Mutter.

„Gekauft“, log ich. Eine sehr schlechte Lüge, denn meine Mutter hatte genauen Überblick über meine Finanzen.

„Wo?“ fragte sie.

„Na in der Kaufhalle.“

„Gut, wir gehen da hin.“ Aus irgendeinem Grund vertraute meine Mutter mir nicht mehr. Es war schrecklich, selbstverständlich wusste ich, dass es aus war. Es würde auffliegen. Ich ging mit meiner Mutter, wie zu meiner Hinrichtung. Ich wünschte, ein Auto würde mich anfahren, damit ich schwerverletzt ins Krankenhaus käme und irgendwelche Spielzeugautos völlig nebensächlich würden. Ich hoffte, ein Flugzeug würde abstürzen, direkt hier. Alle würden sterben, nur ich würde überleben. Niemand würde das Schlimme erfahren. Aber natürlich stürzte kein Flugzeug ab, wir kamen in die Kaufhalle, es war alles aus.

„An welcher Kasse hast du sie gekauft?“ fragte meine Mutter. Obwohl es aberwitzig war, es schien mir, wie meine letzte winzige Chance, ich zeigte auf eine unbesetzte Kasse:

„An der.“ Vielleicht doch eine Hoffnung, vielleicht war die Kassiererin weg, in der Hölle verschwunden, in Atome aufgelöst, plötzlich in die Mongolei abberufen, in die UdSSR verzogen, einfach weg. Meine Mutter fragte an einer anderen Kasse nach, jemand verschwand nach hinten, und die Kassiererin tauchte auf.

„Ist es die?“ fragte meine Mutter, ich nickte, ich musste nicken, was sollte ich noch tun.

„Hat mein Sohn heute diese Autos bei Ihnen gekauft?“

Die Kassiererin verneinte. Meine Mutter sah mich an:

„Hast du sie geklaut?“ Ich nickte. Meine Mutter gab die Autos zurück, entschuldigte sich vielmals. Wir gingen nach Hause. Ich wollte sterben, sofort tot umfallen, aber es ging immer weiter.

16

Ich wurde bestraft, zwei Wochen Fernsehverbot, es traf mich ziemlich hart, denn ich sah, wie alle Kinder, leidenschaftlich gern fern. Was waren die größten Abenteuer, die man im Wald und auf Feldern erleben konnte, gegen die von „Ein Colt für alle Fälle“, dem Stuntman, der immer Sträflinge jagte? Oder „Der Unsichtbare“, der die Verbrecher überführen konnte, weil er nicht zu sehen war, „Der Fahnder“, „Tom und Jerry“, „Der rosarote Panther“, „Bugs Bunny“, „Die Olsenbande“, die „Muppetshow“. Das Fernsehverbot traf mich bis ins Mark, es schien mir die schlimmste mögliche Strafe. Während ich genau wusste, was lief, und es zum Teil sogar durch die Tür zum Wohnzimmer hören konnte, durfte ich es nicht sehen.

Das Ewige der Strafe war für mich besonders schlimm, zwei Wochen! Ein Leben ohne Fernsehen schien mir so grau, so wenig lebenswert, so langweilig. Es war eine schreckliche und brutale Strafe, nicht so sehr, weil ich nicht fernsehen durfte. Viel mehr, weil die anderen aus meiner Klasse es weiter durften. Denn in den Pausen standen die verschiedenen Grüppchen beieinander, und alle unterhielten sich übers Fernsehen. Nur ich konnte nichts dazu beitragen, begierig hörte ich, was ich verpasst hatte, es wurden Szenen nacherzählt:

„Und wie die dann über den Abgrund laufen, das Klavier, und dann kommt der andere von der anderen Seite.“ Ich blieb in der Runde stehen, sagte nichts. Jemand erzählte weiter:

„Und wie es aus dem Fenster kommt, wie das Klavier aus dem Fenster fällt! Und der andere steht da unten!“ Ich blieb noch länger stehen, bis ich mir die Szene ziemlich gut vorstellen konnte. Dann schlenderte ich zu einem anderen Kreis und erzählte genau, was ich eben gehört hatte:

„Und wie die dann über den Abgrund laufen, das Klavier, und dann kommt der andere von der anderen Seite.“

„Ja,“ sagte ein anderer, „und wie es dann runter fällt, aus dem Fenster.“ Es schien, als ließe sich so ein Fernsehverbot doch aushalten.

17

Mein Vater stahl alles, was nicht niet- und nagelfest war. Er war Lehrer für Geografie, Astronomie und Sport. Er sagte, wenn er mit einem riesigen Netz Volleybälle oder einem Stapel Sporthemden das Schulgelände verließ: