Vespasian: Das ewige Feuer

Cover

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel «Vespasian. Rome’s Sacred Flame» bei Corvus/Atlantic Books, Ltd., London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, September 2020

Copyright © 2020 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«Rome’s Sacred Flame» Copyright © 2018 by Robert Fabbri

Redaktion Tobias Schumacher-Hernández

Karten © Peter Palm, Berlin

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

Covergestaltung HAUPTMANN & KOMPANIE Werbeagentur, Zürich,,

nach der Originalausgabe von Atlantic Books Ltd.

Coverabbildung Illustrator: Tim Byrne

Schrift DejaVu Copyright © 2003 by Bitstream, Inc. All Rights Reserved.

Bitstream Vera is a trademark of Bitstream, Inc.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-644-00632-4

www.rowohlt.de

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

ISBN 978-3-644-00632-4

Rom,
November A.D. 63

Das Kind hatte nicht länger als hundert Tage gelebt, nun wurde es in die Unsterblichkeit erhoben. Im Januar hatte das ganze Reich die Geburt der Claudia Augusta, der Tochter des Kaisers Nero und seiner Kaiserin Poppaea Sabina, begeistert gefeiert. Doch bald nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche war sie einer Kinderkrankheit erlegen. Der Senat hatte dem verstorbenen Kind göttliche Ehren votiert, um den Schmerz des trauernden Vaters zu lindern, der ebenso maßlos war wie seine Freude über die Geburt. Nun liefen Tränenströme über seine bleichen Wangen in den goldenen Bart unter dem Kinn, während Nero, prächtig in einer goldgesäumten purpurnen Toga, einen Kienspan nahm. Er entzündete ihn an dem Feuer, das die sechs Priesterinnen der Vesta aus ihrem Tempel hergebracht hatten.

Die versammelten hochrangigen Senatoren – allesamt vormalige Prätoren oder Konsuln – hatten in Ehrerbietung vor der jüngsten Gottheit im römischen Pantheon ihr Haupt mit einer Falte ihrer Toga bedeckt. In feierlichem Ernst sahen sie zu, wie der Kaiser den brennenden Kienspan an das Kleinholz auf dem Altar hielt. Das Feuer griff darauf über; Rauch kringelte sich zum Dach des neuen Tempels neben dem des Apollon auf dem Palatin empor. In den sieben Monaten seit dem Tod des Kindes

In der vordersten Reihe der Versammlung hatte Titus Flavius Sabinus alle Mühe, angesichts dieser ganz und gar lächerlichen Zeremonie einen Anfall von Heiterkeit zu unterdrücken. Er war schon früher zugegen gewesen, wenn Verstorbene vergöttlicht wurden, und hatte die Vorstellung immer recht befremdlich gefunden, ein toter Mensch könne durch gesprochene Formeln und am Heiligen Feuer Roms entzündete Flammen als Gott zu neuem Leben erweckt werden. So wurden Götter nicht geschaffen, das wusste Sabinus. Sie wurden in einer Höhle aus dem Fels geboren wie sein Herr Mithras. Es war unfassbar, dass ein kleines Kind, das kaum mehr geleistet hatte, als an der Brust seiner Amme zu saugen, als göttlich verehrt werden sollte. Während nun der mit Bändern geschmückte Widder für das Opfer zum Altar geführt wurde und die zwei Priester des neuen Kultes Beschwörungen anstimmten, wäre Sabinus beinahe dem drohenden Lachanfall erlegen. «Als Nächstes werden wir wohl auch noch einen Feiertag zu Ehren der göttlichen Claudia Augusta einführen», flüsterte er seinen Nebenmännern zu, seinem Schwiegersohn Lucius Caesennius Paetus und seinem Onkel Gaius Vespasius Pollo, einem Mann in den Siebzigern von gewaltiger Leibesfülle mit zahlreichen Kinn- und Bauchfalten.

«Hmm? Wie, lieber Junge?», fragte Gaius, dessen Gesicht eine Maske religiöser Andacht war.

Sabinus wiederholte seine Vermutung.

«In diesem Fall werde ich einen Ehrenplatz bei den Spielen bekommen, denn ich habe dem göttlichen Kind ein mehr als

Weitere Gebete wurden angestimmt, während zwei Tempeldiener den Kadaver auf den Rücken wälzten. Mit langsamen, präzisen Schnitten wurde der Körper geöffnet, und die Rippen wurden auseinandergebogen, um Herz und Leber freizulegen. Der Kaiser schaute unter Tränen zu, kniend, mit ausgestreckten Armen, ein Inbild des Grams, wie ein Schauspieler im Theater es nicht besser hätte darstellen können.

Die Priester entnahmen Herz und Leber. Ersteres wurde zischend in das entzündete Feuer gelegt, Letztere daneben auf den Altar. Die ganze Versammlung hielt den Atem an. Langsam, um die Spannung zu steigern, wischten die Priester sich das Blut von Händen und Unterarmen, ehe sie die Leber abtupften und die Tücher den Tempeldienern zurückgaben.

Jetzt war der Moment gekommen, auf den alle gewartet hatten: Die Leber wurde in Augenschein genommen. Nero, schaudernd und von Schluchzern geschüttelt, blickte durch

Die Gesichter der beiden Priester wurden immer andächtiger, während sie die Leber von beiden Seiten eingehend untersuchten.

Nero begann vor Spannung zu wimmern.

Nachdem sie Vorder- und Rückseite zweimal genau betrachtet hatten, wechselten die Priester einen Blick, nickten und wandten sich dann dem Kaiser zu.

«Die vergöttlichte Claudia Augusta wurde von den himmlischen Göttern angenommen und sitzt nun in ihrer Mitte», verkündete der Ältere der beiden feierlich.

Nero schnappte nach Luft und fiel in Ohnmacht – wohlweislich auf seine Arme, sodass sein Gesicht nicht auf dem Marmorboden aufschlug und womöglich Blessuren davontrug. Die versammelten Senatoren jubelten hingerissen und riefen die neue Göttin an, ihre Hände über sie zu halten.

«Wir sollten den Göttern sehr dankbar sein, dass sie ihre jüngste kleine Kollegin angenommen haben», bemerkte Gaius ohne eine Spur von Ironie, während er sich lautstark an dem Beifall beteiligte. «Vielleicht hat Nero jetzt den Kopf wieder frei, um sich auf die Regierungsgeschäfte zu konzentrieren.»

Sabinus streifte die Falte seiner Toga vom Kopf ab, denn der religiöse Teil der Zeremonie war beendet. «Hoffentlich. Seit mit dem Bau dieses Tempels begonnen wurde, hat er nicht eine Berufung verhandelt und nicht eine Petition gehört. Ich habe wenigstens hundert verurteilte oder beschuldigte Bürger aus allen Teilen des Reiches in der Stadt, die auf ihre Gelegenheit warten, an den Kaiser zu appellieren. Der Stadtpräfekt von

Paetus runzelte die Stirn, während er ebenfalls sein Haupt wieder entblößte. «Der Stadtpräfekt ist von jeher für Gefangene zuständig.»

«Ja, mit der Unterstützung eines Prätors, aber nie für so viele zur gleichen Zeit. Gewöhnlich, wenn der Kaiser die Appellationen regelmäßig anhört, sind es nicht mehr als zwei oder drei auf einmal. Dieser widerliche kleine Paulus von Tarsus macht mir nichts als Scherereien. Er verbreitet seinen Dreck in Briefen an alle möglichen Leute. Die meisten seiner Schreiben werden durch meine Mittelsmänner abgefangen und vernichtet, aber manche kommen durch. Wenn ich ihn zur Rede stelle, sagt er, solange der Caesar nicht das Urteil über ihn gesprochen habe, sei es sein Recht zu schreiben, an wen er wolle. Selbst wenn die Inhalte aufrührerisch sind und sich gegen ebendie Gesetze richten, hinter denen er sich versteckt – unsere Gesetze. Aber wenn Nero sich wieder seinen eigentlichen Aufgaben zuwendet, werde ich den elenden Wicht bald los sein. Allerdings, nun ja …» Sabinus warf seinem Schwiegersohn einen bedauernden Blick zu. «Das heißt dann auch, dass du dich ihm stellen musst.»

«Ich hatte gehofft, ihm sei entgangen, dass ich aus Armenien zurück bin», gestand Paetus mit düsterer Miene. Sein knabenhaftes Gesicht war von dem Feldzug im Osten wettergegerbt, sodass seine ausgeprägten Vorderzähne noch weißer wirkten.

Ehe sie das Thema vertiefen konnten, gebot Nero mit erhobenen Armen Ruhe. Alle verstummten. Die Rührung des Augenblicks war zu viel für den Kaiser: Eine ganze Weile stand er nur da und trug tief atmend seine Erleichterung zur Schau. «Meine Freunde», sagte er schließlich, als er sich wieder

Sabinus verzog das Gesicht und wappnete sich. Gaius schaute sich besorgt nach einer Sitzgelegenheit um, doch es gab keine.

Mit zwei weiteren Akkorden, die nicht harmonierten, begann Nero ein misstönendes Klagelied mit holperigem Reim und Versmaß.

Strophe um Strophe sang er, und die Senatoren standen da und lauschten mit andächtiger Miene, als könnten sie ihr Glück nicht fassen, der Darbietung eines solchen Genies teilhaftig zu werden.

Sie hatten reichlich Übung darin: Bereits seit ein paar Jahren präsentierte Nero sich vor einem kleinen Publikum aus ausgewählten Senatoren als Musiker, als wäre er ein Sklave oder Freigelassener und nicht der Kaiser von Rom. Inzwischen war seine Mutter Agrippina auf seinen Befehl ermordet worden, und sein einstiger Lehrer Seneca, stets bemüht, den jungen Princeps zu Würde und Besonnenheit anzuhalten, hatte seinen Einfluss verloren. Seither hatte Nero erkannt, dass es nichts

Denn Rom war mehr denn je Neros Stadt.

Niemand gab sich mehr Mühe, so zu tun, als könnte der Kaiser sich nicht alles nehmen, was er wollte. Augustus hatte wenigstens noch den Schein gewahrt, um zu verschleiern, dass seine Macht in Wahrheit absolut war. Selbst der ungestüme junge Kaiser Gaius – bekannt unter dem Spitznamen aus seiner Jugend, Caligula – hatte eine gewisse Rücksicht auf das Gesetz genommen: Wenn er es auf das Vermögen eines Mannes abgesehen hatte, so hatte er anstandshalber dafür gesorgt, dass ein ehrgeiziger Informant denjenigen fälschlich des Verrats bezichtigte. Nun jedoch war die Realität für alle schonungslos offensichtlich: Alles war letztendlich Eigentum des Kaisers. Denn wer hätte sich einem Mann widersetzen können, dessen Macht durch die fast zehntausend Mann starke Prätorianergarde abgesichert wurde? Und wer hätte ihm etwas verwehren wollen? Wenn er nun also ein Loblied auf die Göttin singen wollte, die aus seinen göttlichen Lenden entsprungen war, so mochte er das tun – keiner der Anwesenden gab im mindesten zu erkennen, dass sie hier nicht der großartigsten Komposition aller Zeiten lauschten, vorgetragen von dem meistgeliebten Mann, der je gelebt hatte.

«Meine Freunde», krächzte Nero, als nach dem zweiten Vortrag der Applaus wieder erstarb. Seine Stimme war vom vielen Gebrauch noch heiserer als sonst. «Nun, da ich meiner Tochter zu ihrem rechtmäßigen Platz im Götterhimmel verholfen und ihr ein angemessenes Haus hier in Rom gebaut habe, richten sich meine Gedanken auf meinen eigenen Trost und den meiner Frau, der Augusta Poppaea Sabina.» Einen Handrücken an die Stirn gelegt, blickte er in die Rauchschwaden unter der hohen Kassettendecke mit Tafelgemälden zwischen Zedernholzbalken auf und seufzte melodramatisch. «Doch das muss warten, liebe Freunde, denn mir ist wohl bewusst, dass der Senat nach mir verlangt. Ich werde dem Ruf unverzüglich folgen. Corbulos Bericht über den Fortgang des erneuten Krieges gegen die Parther in Armenien muss verlesen werden. Es gilt, unsere Politik und den Verlauf des dortigen Konflikts zu überdenken, nachdem ich Corbulo ja wieder das Kommando im Osten übertragen musste, da der Partherkönig Vologaeses meinem Feldherrn Lucius Caesennius Paetus eine schmähliche Niederlage beigebracht hat.» Er hielt inne, und Rufe der Empörung über das Versagen des Generals wurden laut.

Paetus stand stocksteif da und ließ die Schmähungen über sich ergehen.

Sabinus trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen.

Gaius’ feiste Wangen zitterten vor Entrüstung. «Lieber Junge, du und dein Bruder, ihr habt wahrhaftig kein Glück mit euren Schwiegersöhnen, das muss einmal gesagt werden. Der von Vespasian hat seinerzeit bei der Revolte in Britannien seine gesamte Legion verloren, und nun hat der deine den Glanz seines Konsulats eingebüßt, indem er sich mit seinen zwei Legionen den Parthern ergab, die sie unter das Joch schickten, ehe sie ihnen gestatteten, ohne ihre Waffen und Rüstungen aus Armenien abzuziehen.»

Nero gebot mit Gesten Ruhe, dann wandte er sich direkt an

Die Versammelten brachen in schallendes Gelächter aus. Paetus lief vor ohnmächtigem Zorn rot an.

Sabinus erbleichte. «Gewiss, Princeps.»

Neros Lächeln ließ die Grausamkeit, die in ihm schlummerte, mehr als nur erahnen. «Und dann, nachdem die Senatssitzung beendet ist, werde ich natürlich die ausstehenden Appellationen anhören. Alle, die ein Urteil von mir wünschen, sollen auf dem Forum warten, Präfekt.»

«Ich werde dafür sorgen, Princeps.»

«Gut. Ich werde mir im Dienste Roms die Finger wund arbeiten und meine eigene Bequemlichkeit gänzlich hintanstellen.»

Das rief gewaltigen Jubel hervor, der diesmal weniger geheuchelt war, denn zum ersten Mal seit dem Tod seiner Tochter würde Nero in den Senat kommen und ihnen sagen, was sie zu denken hatten.

 

«Corbulo hat sich geweigert, mir zu Hilfe zu kommen, Vater», beteuerte Paetus, während er, Sabinus und Gaius zwischen den übrigen Senatoren den Palatin hinuntergingen.

«Das ist aber nicht die Version, die der Kaiser gehört hat», erinnerte Gaius ihn. «Wir alle haben dort im Senat gesessen und gehört, wie Vologaeses’ triumphierender Brief verlesen wurde. Er frohlockte darüber, wie er dich großmütig ziehen ließ, obwohl er die Möglichkeit hatte, dich zu vernichten und

«Und Corbulos Bericht ebenfalls», fügte Sabinus hinzu. «Er machte nur allzu deutlich, dass du dich in eine verzweifelte Lage hineinmanövriert hattest, aber zu stolz warst, es einzugestehen und um Hilfe zu bitten. Und nun bezichtigt der Kaiser dich öffentlich, in Panik geraten zu sein, und macht dich zum Gespött.»

«Das werde ich ihm nie verzeihen!»

Gaius verzog das Gesicht und schaute sich erschrocken nach den anderen Senatoren um. Sie bogen jetzt nach links auf die Via Sacra ab und näherten sich dem Forum. «Nicht so laut, lieber Junge. Solche Bemerkungen können ein übles Nachspiel haben.»

Paetus machte ein finsteres Gesicht. «Glaubt nicht, ich würde eine solche Schmach ungerächt lassen.»

Sabinus packte seinen Schwiegersohn am Arm und zog ihn dicht zu sich heran. «Hör mir zu, Paetus: Mit Rücksicht auf meine Tochter wirst du nichts Törichtes unternehmen, das dich in Gefahr bringen könnte. Schiebe alle Gedanken an Rache beiseite und konzentriere dich darauf, Neros Gunst wiederzuerlangen, denn ob es dir passt oder nicht, er hat uneingeschränkte Macht über jeden Bereich unseres Lebens, und er ist ein entsetzlich launischer Mensch. Hast du mich verstanden?»

Paetus befreite sich aus seinem Griff. «Es ist unerträglich. Nicht einmal unsere Ehre wird uns mehr zugestanden.»

«Unsere Ehre ist mit dem Untergang der Republik verblasst, inzwischen ist sie nur mehr eine vage Erinnerung. Nero hält alle Macht in seinen Händen, somit bleibt uns natürlich keine Ehre. Aber uns bleibt immer noch das Leben.»

Darüber war Gaius sich vollauf im Klaren: «Weit angenehmer als der Tod ohne Ehre, lieber Junge.»

 

«Als dann der parthische Marionettenkönig Tiridates Gesandte schickte, um über einen Friedensschluss zu verhandeln, wies ich sie nicht ab», las Lucius Verginius Rufus, der zweite Konsul, aus Corbulos schriftlichem Bericht vor, «denn ich hatte von einer Rebellion im Osten des Partherreiches gehört und erkannte, dass Vologaeses nicht zwei Kriege gleichzeitig führen wollte. Deshalb erklärte sich der Großkönig zu einem Waffenstillstand bereit. Indessen die Verhandlungen ihren Fortgang nahmen, bestrafte ich all diejenigen armenischen Edelleute, die erst uns die Treue geschworen und alsdann nach Paetus’ Debakel die Seiten gewechselt hatten, mit Tod oder Verbannung. So stellte ich die Treue der Verbliebenen sicher.» Verginius hielt inne, da ein düsteres Raunen durch die Reihen der Senatoren lief, die auf Schemeln entlang beider Längsseiten des Senatsgebäudes saßen.

Sabinus legte Paetus eine Hand auf den Arm, um ihn auf seinem Sitz zu halten.

«Anschließend machte ich ihre Festungen sämtlich dem Erdboden gleich, damit sie nicht erneut gegen uns benutzt werden können. Tiridates bat um eine Friedensverhandlung von Angesicht zu Angesicht, und ich wählte dazu denselben Ort, an dem Paetus geschlagen worden war. Ich scheute mich nicht davor, da ich fand, eine Machtdemonstration am Schauplatz ihres früheren Sieges würde den Kontrast zwischen den beiden Situationen hervorheben.»

Wieder lief ein Raunen durch die Versammlung, und Sabinus bemerkte, dass viele Augenpaare sich auf seinen

«Ich wollte mich von Paetus’ Schande nicht beeinträchtigen lassen, deshalb schickte ich seinen Sohn, der als Militärtribun in meinem Stab dient, mit ein paar Einheiten voraus, um jegliche Spuren jener unseligen Begegnung zu beseitigen. Er übernahm das bereitwillig, darauf bedacht, das Andenken an die Torheit seines Vaters austilgen zu helfen.»

Das war beinahe zu viel für Paetus – jetzt mussten alle, die um ihn herumsaßen, ihn körperlich zurückhalten. Nero grinste höhnisch bei dem Anblick.

«Ich traf mit einer Eskorte aus zwanzig Reitern ein, gleichzeitig mit Tiridates, der ein ähnlich starkes Gefolge bei sich hatte. Zu meiner Freude kann ich berichten, dass er mir die Ehre antat, als Erster vom Pferd zu steigen. Daraufhin ging ich ihm ohne Zögern entgegen, ergriff seine beiden Hände und rühmte den jungen Mann dafür, dass er den Krieg ablehnte und stattdessen eine Einigung mit Rom anstrebte. Wir gelangten zu einem ehrenhaften Kompromiss: Er erklärte, er werde seine Krone zu Füßen der Statue des Kaisers ablegen und nach Rom kommen, um sie aus Neros Hand erneut zu empfangen. Ich habe diesem Vorgehen grundsätzlich zugestimmt, sofern der Kaiser es billigt, und die Begegnung endete mit einem Kuss.»

Sämtliche Blicke richteten sich auf Nero. Alle Anwesenden erinnerten sich an das letzte Mal, als Corbulo eine rasche Einigung in Armenien gemeldet hatte: Damals waren die Senatoren in Jubel ausgebrochen, doch Nero hatte sie wütend zum Schweigen gebracht und erklärt, Corbulo habe nur getan, was jeder von ihnen hätte leisten können. Diesmal wollten sie erst vom Kaiser hören, was sie von der Angelegenheit zu halten hatten, ehe sie reagierten. Sie brauchten nicht lange zu warten.

Nero breitete die Arme aus, wie um das gesamte Haus einzuschließen, und die Senatoren erhoben sich fast gleichzeitig und jubelten ihrem Kaiser zu, dem Herrn von Armenien.

«Steh auf!», befahl Sabinus barsch und zerrte Paetus hoch, damit dieser in den Beifall einstimmte. «Und mach ein erfreutes Gesicht.»

Paetus schloss sich widerstrebend dem Applaus an.

«Anscheinend hat Corbulo die Kunst erlernt, dem Kaiser zu schmeicheln», bemerkte Gaius, der durch die Anstrengung, Nero zu preisen, stark ins Schwitzen geriet. «Das dürfte sein Leben ein wenig verlängern.»

Und so klatschten sie, riefen, winkten mit Falten ihrer Togen und streckten ihre Hände nach dem Kaiser aus, der sich in dem Ruhm sonnte. Endlich begannen auch die ausdauerndsten Senatoren zu ermüden. Als Nero bemerkte, dass die Lautstärke allmählich nachließ, brachte er den Beifall zum Verstummen und setzte sich wieder.

«Gibt es sonst noch etwas?», erkundigte er sich bei Verginius, als alle wieder Platz genommen hatten.

«Nur noch ein paar Zeilen, Princeps.»

«Nun, dann verlest sie, ehe ich gehe, um die Appellationen zu hören.»

Die letzten Worte hallten durch den Saal, dann wurde es still.

Nero saß bebend vor Wut da, die Armlehnen seines Stuhls krampfhaft umklammert. Dann fasste er sich, stand abrupt auf und stürmte mit wehender purpur-goldener Toga hinaus.

«Oh weh, liebe Jungen», murmelte Gaius, während nach Neros Abgang der Saal in Tumult ausbrach. «Corbulo schart Legionen um sich – mir scheint, dadurch hat er das gute Ansehen wieder zunichtegemacht, das er sich verschafft hatte, indem er Nero als Königsmacher dastehen ließ.»

«Und ich dachte schon, aus dieser Angelegenheit würde gar nichts Gutes mehr entstehen», bemerkte Paetus, ein unangenehm höhnisches Grinsen auf dem Gesicht.

 

«Antrag abgelehnt!», schrie Nero. Ein weiterer verurteilter Bürger, ein Ritter, der zuvor des Mordes an seinem Geschäftspartner für schuldig befunden worden war, fiel der schlechten

Epaphroditus warf einen raschen Blick auf das Schriftstück, das er vor sich auf dem Tisch hatte. «Tod durch Enthaupten, Princeps.»

«Entzieht ihm die Bürgerrechte und werft ihn den wilden Tieren vor zur Strafe dafür, dass er mir meine Zeit gestohlen hat.»

Die große Menge überwiegend einfacher Leute, die sich um das Gericht unter freiem Himmel versammelt hatte, rief Beifall, denn der Pöbel sah es immer gern, wenn ein Höhergestellter verurteilt wurde, und scherte sich nicht sonderlich darum, ob es bei der Anhörung gerecht zugegangen war.

Der Verurteilte warf sich auf den Boden und flehte um Gnade, doch er wurde an den Füßen gepackt und davongeschleift. Seine Finger krallten sich noch in die Ritzen zwischen den Pflastersteinen auf dem Forum.

Sabinus schaute sich nach den gut zwanzig weiteren Bittstellern um. In den zwei Stunden, die Nero nun schon zu Gericht saß, hatten sie nichts als Ablehnungen mit angesehen, und so schien keiner der Wartenden mehr zuversichtlich. Wirklich keiner? Doch, ein Mann fiel Sabinus ins Auge: Klein, mit schütterem Haar und krummen Beinen, trug Paulus von Tarsus einen Ausdruck heiterer Gelassenheit zur Schau, den man in Anbetracht seiner bedrohten Lage beinahe mit dem leeren Blick eines geistig Verwirrten verwechseln konnte.

«Eine interessante Reaktion, findet Ihr nicht auch? Überaus, nun … was ist das passendste Wort dafür? Überaus gefasst, ja, genau, gefasst, wenn man bedenkt, dass er vor einen Kaiser treten muss, dessen Sorge um einen potenziellen Rivalen im Osten anscheinend noch den letzten Funken Gerechtigkeitssinn in ihm ausgelöscht hat.»

«Von Paulus von Tarsus natürlich. Es war nicht zu übersehen, wie eingehend Ihr ihn eben angeschaut habt.»

Sabinus’ Neugier war geweckt. «Ihr kennt ihn?»

Seneca strahlte ihn in seiner onkelhaften Art an und legte ihm einen speckigen Arm um die Schultern. «Seit er nach Rom gekommen ist, um an den Kaiser zu appellieren, bedrängt er mich ständig, ich solle meinen Einfluss auf Nero geltend machen, damit seine Anklage wegen Aufwiegelei fallengelassen wird.»

«Aber Ihr habt doch gar keinen Einfluss mehr auf Nero.»

Seneca klopfte Sabinus auf die Schulter. «Nun, ganz so verhält es sich nicht, und das wisst Ihr auch. Ich habe noch immer Zugang zu ihm, nur nimmt er meinen Rat aus Prinzip nicht mehr an. Es bereitet ihm Freude, mir seine Missachtung zu zeigen, indem er das genaue Gegenteil dessen tut, was ich ihm empfehle. Und Epaphroditus bestärkt ihn noch darin, um mir vor Augen zu führen, dass er jetzt die Macht hinter dem Kaiser ist. Es ist, nun … wie würdet Ihr es nennen? Es ist ein Ärgernis, ja, ein Ärgernis – wenigstens war es eines.»

Sabinus begriff sofort. «Bis Ihr dazu übergegangen seid, dem Kaiser das genaue Gegenteil dessen zu raten, was Ihr erreichen wollt?»

«Ach, mein Freund, wie gut Ihr doch unseren Nero versteht. Nun, ich habe einiges von dem abscheulichen Atheismus gelesen, den Paulus vertritt, und davon, wie er seine Anhänger drängt, den Kaiser nicht als die höchste Macht auf Erden anzuerkennen – wie scheinheilig, da er sich doch nur zu gern mit seiner Appellation an ihn wendet. Also beschloss ich, Paulus

Sabinus nickte beifällig. «Gut. Ich musste in meiner Zeit als Statthalter von Thrakien und Makedonien etliche seiner Anhänger kreuzigen lassen. Sie verleugnen die Götter, weigern sich, dem Kaiser Opfer zu bringen – oder auch nur um des Kaisers willen, wie die Juden es tun –, und glauben an ein nächstes Leben, das besser ist als das in dieser Welt. Deshalb scheinen sie den Tod kaum zu fürchten, der offenbar uns alle bald ereilen wird, da das, was er das Ende der Tage nennt, angeblich unmittelbar bevorsteht. Das Ganze ist gefährlich, wider die Vernunft und fanatisch, und es steht im Widerspruch zu allem, woran unsere Vorfahren seit Generationen geglaubt haben.»

«Dem stimme ich zu, auch wenn er in einem Punkt recht hat.»

«Worin denn?»

«Ich habe eine Kopie eines Briefes von ihm an einen griechischen Anhänger gesehen. Darin schrieb er, die Frauen sollten schweigen. Ach, würde Poppaea Sabina sich doch nur an diese Empfehlung halten.» Seneca kicherte über seine eigene Bemerkung. «Euer Bruder Vespasian wäre gewiss auch dieser Ansicht», fügte er hinzu, gerade als Paulus vor den Kaiser geführt wurde.

Epaphroditus las von einer Schriftrolle ab. «Gaius Iulius Paulus, angeklagt durch Porcius Festus, den scheidenden Prokurator von Judäa. Der Vorwurf lautet, er habe Hetze gegen die Römer und die Juden verbreitet und einen Aufruhr angestiftet. Er lehnte einen Prozess in Jerusalem ab und zog es vor, direkt an Euch zu appellieren, Princeps.» Epaphroditus reichte dem Kaiser das Dokument. «Seneca hat in diesem Fall zur Milde geraten», fügte er mit einem verschlagenen Blick zu Seneca hinzu.

Paulus lächelte den Kaiser übertrieben liebenswürdig an und breitete die Arme aus. «Princeps, möge der Friede des Herrn Euch besänftigen und –»

«Komm zur Sache!» Nero war nicht in der Stimmung, sich besänftigen zu lassen.

Paulus wich ob dieser Heftigkeit einen Schritt zurück. «Ich, äh … Es tut mir leid, Princeps.» Er rieb seine Hände, zog die Schultern hoch und lächelte so schmeichlerisch, dass Sabinus ganz übel wurde. «Princeps, ich wurde missverstanden. Ich kam nach Jerusalem, um Geld zu überbringen, das für die Armen gesammelt worden war. Die Priester im Tempel verwehrten mir, es zu verteilen. Sie fanden, es sei ihre Aufgabe, doch das hätte bedeutet, dass sie alles selbst behalten hätten. Als ich protestierte, ließ der Hohepriester mich durch die Tempelwache verhaften und übergab mich dem Prokurator. Daraufhin brach der Aufruhr los.»

Nero unterbrach ihn. «Es gab also einen Aufruhr, und du hast dich deinen Priestern widersetzt, die um meinetwillen Opfer darbringen. Und zudem wolltest du persönlich Geld an die Armen verteilen, als wärest du der Quell aller Wohltätigkeit und nicht ich, dein Kaiser?»

Paulus schien verunsichert. «Nun, ja, und dann auch wieder nicht. Ich –»

«Schafft ihn fort», befahl Nero, «und richtet ihn hin.» Er schaute zu Seneca hinüber. «Milde?» Angewidert schüttelte Nero den Kopf.

Selbst Sabinus war erschrocken über die Willkür, mit der Nero an diesem Tag Recht sprach. «Es freut mich sehr, dass wir Paulus für immer los sind, aber ich bin doch erleichtert, dass er

«Wahrhaftig ein Glück», pflichtete Seneca ihm lächelnd bei, während Paulus sich ohne Gegenwehr in Ketten legen ließ. «Und ein höchst befriedigender Urteilsspruch.»

«Denkt Ihr, es gibt irgendeine Möglichkeit, den Schaden wiedergutzumachen, den Paetus am Ansehen meiner Familie angerichtet hat?»

«Das hängt ganz von zwei Dingen ab: wie Euer Bruder Vespasian seine Sache in Africa macht und wie Ihr über den Vorschlag entscheidet, den ich Euch unterbreitet habe.»

«Wie ich schon sagte, Seneca: Ich werde keine Entscheidung fällen, ehe nächstes Frühjahr mein Bruder zurück ist und ich mit ihm gesprochen habe.»

«Bis nächstes Frühjahr könnten wir alle bereits tot sein.» Seneca lächelte freudlos und ging davon. Da schien mit Paulus plötzlich eine Veränderung vor sich zu gehen: Seine liebenswürdige Art verflog schlagartig, da ihm die Endgültigkeit seines Urteils bewusst wurde. Er schaute auf seine Fesseln hinunter, dann straffte er sich und blickte Nero in die Augen. «Euer Urteil bedeutet mir nichts. Diese Welt wird nicht mehr lange bestehen. Ich verlasse sie nur ein wenig früher als Ihr, denn der Tag des Gerichts ist nahe. Bis dahin werde ich bei meinem Herrn sein, Jeschua bar Joseph, dem Christus.»

«Wartet!» Nero hob eine Hand. «Was hat er gesagt? Christus?»

«Ich glaube schon, Princeps», bestätigte Epaphroditus.

Nero beäugte Paulus. «Du bist also ein Anhänger dieses neuen Kultes um den gekreuzigten Gott, wie?»

«Ich glaube, dass der Christus für unsere Sünden gestorben ist», erwiderte Paulus entschieden. «Und dass er sehr bald

Über diese Worte schien Nero höchst erfreut. «Ach, tatsächlich? Wird es das?» Er wandte sich an Sabinus. «Haltet ihn im Tullianum sicher verwahrt, Präfekt, vielleicht kann sein Tod mir später noch von Nutzen sein.»

Garama, 400 Meilen südlich der römischen Provinz Africa, Dezember A.D. 63