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Dargestellte Personen auf den Titelbildern stehen mit dem Roman in keinem Zusammenhang.
ISBN: 978-3-74095-564-9
»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?« Sebastian hatte mitten auf dem sandigen Feldweg angehalten, auf den sie vor ein paar Minuten eingebogen waren. Nirgendwo war das Landhaus zu sehen, das Lena ihnen beschrieben hatte.
»Was sagt denn das GPS?«, fragte Anna, die auf dem Beifahrersitz des dunkelblauen Geländewagens saß.
»Es sagt, dass wir unser Ziel erreicht haben«, antwortete Sebastian, während er aus dem geöffneten Seitenfenster schaute.
Sie waren inmitten einer hügligen Landschaft. Der Weg schlängelte sich vorbei an hoch gewachsenen Weizenfeldern, die durch saftige Wiesen und Akazienhaine voneinander getrennt waren. Jetzt um die Mittagszeit standen die Felder in der prallen Sonne und schienen sich bis zum blauen Horizont hin auszubreiten.
»Dass das Haus so weit außerhalb von Wien liegt, war mir gar nicht bewusst.« Anna beugte sich zur Seite und schaute auf die Karte, die auf dem Display des GPS-Gerätes abgebildet war. Kein Zweifel, sie waren an ihrem Ziel angekommen, auch wenn sie es nicht sehen konnten. »Irgendwo hier muss das Haus sein. Warte, ich sehe mal nach.« Sie stieg aus dem Auto und lief zu dem Akazienhain, der direkt vor ihnen lag und vor dem der Weg endete.
»Ich habe das Haus gefunden!«, rief sie gleich darauf.
Sebastian spürte, wie ihm ganz warm ums Herz wurde, als Anna sich ihm zuwandte. Sie trug eine fliederfarbene Jeans und eine taillierte rote Bluse mit kurzen Ärmeln. Ihr seidiges dunkles Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten. Wir werden drei wundervolle Tage zusammen verbringen, dachte er, als sie lächelte und ihn mit ihren strahlenden grünen Augen anschaute.
»Wir müssen ein Stück über die Wiese fahren und am Ende des Akazienwäldchen nach rechts abbiegen«, sagte Anna, als sie wieder zu ihm ins Auto stieg.
»Einfach über die Wiese?«, wunderte sich Sebastian.
»Keine Sorge, da ist ein Weg, den kann man nur von hier aus nicht sehen. Fahr einfach weiter. Oder vertraust du mir nicht?«
»Doch, ich vertraue dir, das weißt du.«
»Gut, dann fahren wir«, sagte sie und betrachtete ihn mit einem liebevollen Lächeln. Es war das erste Mal, dass sie mehrere Tage mit ihm verreiste. Sie gingen hin und wieder ins Theater nach München oder in ein Museum, aber sie waren noch nie über Nacht zusammen fort gewesen.
»Hier entlang?«, fragte Sebastian.
»Ja, genau hier«, sagte sie und beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken, was alles in den nächsten Tagen passieren könnte.
»Viel benutzt wird dieser Weg aber nicht«, stellte Sebastian fest, weil die Fahrspur nur durch das zusammengedrückte Gras auszumachen war.
»Leni ist nur an ihren freien Tagen hier draußen. Sie hat ihre Wohnung in der Stadt behalten. Der tägliche Weg in die Klinik wäre ihr einfach zu weit. Erst recht, wenn sie außerplanmäßig zu einem Notfall gerufen würde. Hebammen sind auch an ihrer Klinik knapp bemessen. Nach rechts abbiegen«, bat Anna, als Sebastian das Ende des Akazienwäldchens erreichte.
»Ich bin beeindruckt«, sagte Sebastian, als sie nun wieder einen sandigen Weg vor sich hatten, der zu einem schönen alten Bauernhaus führte.
Es war in L-Form gebaut, hatte einen gelben Verputz und war von einem verwilderten Garten umgeben. Kleine Apfelbäume mit roten Früchten standen an beiden Seiten des Weges.
»Leni hat nie damit gerechnet, dass ihre Großtante ihr das Haus vererben wird. Alle in der Familie waren davon ausgegangen, dass sie es dem örtlichen Tierheim vermachen würde. Sie hatte wohl in den letzten Jahren mehr Vertrauen in Tiere als in Menschen.«
»Leni hat sie aber offensichtlich gern gehabt.«
»Vielleicht, weil sie die einzige in der Familie war, die mit ihrer kratzbürstigen Art zurechtkam. Die Wiesen gehören jetzt übrigens auch Leni. Sie hat die Tradition ihrer Tante beibehalten. Jeder, der möchte, kann sich das Obst von den Bäumen holen. Im Herbst dürfte einiges hier los sein.«
»Dann war die Tante doch ein Menschenfreund. Sie hätte das Obst auch verkaufen können.«
»Wir wissen doch, dass jeder seine Geheimnisse hat«, entgegnete Anna lächelnd.
»Geheimnisse, die wir manchmal gern aufdecken möchten.«
»Ja, davon träumen wir«, sagte Anna. Ich wünschte, ich könnte wenigstens ein paar deiner Geheimnisse aufdecken, dachte sie und sah in seine Augen, diese wundervollen hellgrauen Augen, die sie immer wieder aufs Neue ins Träumen versetzten.
»Da ist Leni«, sagte Sebastian, als er die junge Frau in dem hellroten Dirndl sah, die durch den Laubengang lief, der die Haustür mit dem Gartentor verband. Sie hatte Anna vor einiger Zeit in Bergmoosbach besucht, und Anna hatte sie ihm vorgestellt. Da er in den nächsten Tagen so viel Zeit wie möglich mit Anna verbringen wollte, hatte er nicht gezögert, Lenis Einladung, dass sie beide bei ihr übernachten sollten, anzunehmen.
»Hier kannst du parken, Sebastian!«, rief Leni und deutete auf den freien Platz vor der Garage neben dem Haus.
»Mache ich!« antwortete er und steuerte seinen Wagen auf das Grundstück.
»Hattet ihr eine gute Fahrt?«, fragte Leni, nachdem ihre Gäste ausgestiegen waren und sie beide herzlich umarmt hatte.
»Es war eine entspannte Reise. Das Wetter war super, und wir sind in keinen Stau geraten«, antwortete Anna.
»Ich gratuliere dir zu diesem schönen Anwesen«, sagte Sebastian.
»Danke, ich habe es auch schon richtig liebgewonnen.«
»Es liegt ganz schön abseits. Nachbarn hast du wohl keine?«, fragte Anna.
»Doch, hinter dem nächsten Wäldchen etwa einen Kilometer entfernt stehen zwei Bauernhäuser. Die Leute dort sind sehr nett.«
»Ein Kilometer? Das ist nicht gerade nebenan.«
»Hier schon. Aber meistens bin ich ohnehin nicht allein hier«, entgegnete Leni mit einem verträumten Lächeln.
»Mit wem bist du denn hier?«, fragte Anna, als Leni plötzlich ganz verlegen wurde und mit den Spitzen ihres dunkelblonden schulterlangen Haares spielte.
»Ihr werdet ihn morgen kennenlernen«, sagte sie, und als sie Anna anschaute, lag ein tiefer Glanz auf ihren hellbraunen Augen.
»Mach es nicht so spannend. Wen werden wir kennenlernen?«, fragte Anna.
»Ich war vor einigen Wochen mit einer Kollegin in einem hübschen Weinlokal. Es gehört Oskar, und in ihn habe ich mich verliebt«, gestand sie den beiden. »Für morgen Abend habe ich uns in seinem Lokal einen Tisch reservieren lassen. Ich hoffe, ihr seid damit einverstanden.«
»Aber ja, wir freuen uns darauf, Oskar zu treffen.«
»Auf jeden Fall wollen wir ihn kennenlernen«, schloss sich Sebastian Anna an.
»Er ist auch schon sehr gespannt auf euch. Und jetzt kommt rein«, bat Leni.
Zuerst zeigte sie ihren Gästen das Haus, führte sie durch das Erdgeschoss mit dem großen Wohnzimmer, in dem ein blauer Kachelofen und zwei blaue Samtsofas standen. Danach ging es in die Küche mit ihren schon recht betagten Möbeln aus Buchenholz. Dort duftete es nach frischen Erdbeeren und Kaffee. Nach einem kurzen Blick in das Bad und das Arbeitszimmer neben der Küche ging es hinauf in den ersten Stock. Dort gab es vier helle Schlafzimmer und ein frisch renoviertes Bad.
»Ich schlafe dort«, sagte Leni und deutete auf dir Tür gleich neben der alten Holztreppe. »Die beiden Zimmer in der Mitte des Gangs habe ich für euch hergerichtet. Macht unter euch aus, wer wo schläft. Ich bin im Garten«, sagte sie und lief die Treppe hinunter.
»Ist es für dich in Ordnung, wenn ich hier schlafe?« Anna streifte Sebastian nur mit einem kurzen Blick, nachdem sie beide Zimmertüren geöffnet hatten. Das mit dem hellblauen Bett und dem mit Malvenblüten bemalten Bauernschrank lag an der Seite zum Garten und der Duft wilder Rosen zog durch das geöffnete Fenster herein. Das andere Zimmer mit seinem weißen Polsterbett und den Möbel aus Kirschbaumholz war weniger verspielt und passte besser zu Sebastian, wie Anna fand.
»Ich hole unser Gepäck aus dem Auto. Du kannst ruhig schon zu Leni in den Garten gehen«, schlug er ihr vor, nachdem sie die Zimmertüren wieder geschlossen hatten und sich in dem Gang mit seinen knarrenden Holzdielen gegenüberstanden.
»Danke«, sagte Anna. Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus, als sie nebeneinander die Treppe hinuntergingen und sie mit ihrer Hand versehentlich seine Hüfte streifte. In diesem Moment wagte sie es nicht, ihn anzusehen. Er erschien ihr auf einmal seltsam fremd und unnahbar, aber gerade dieses Gefühl raubte ihr fast den Atem.
Ein weißer Kiesweg gesäumt von bunten Kübeln mit Oleander und Olivenbäumchen führte zu der Sitzgruppe im Garten. Der schöne alte Holztisch und die vier Stühle mit ihren bequemen Polstern standen in einem mit Efeu und gelben Rosen berankten Pavillon. Es war ein ruhiger Ort inmitten der Hecken, Büsche und Blumen in ihren schillernden Farben.
»Dein Garten ist ein Festival für die Augen«, stellte Anna fest, als sie sich zu Leni an den hübsch gedeckten Tisch setzte.
»Deshalb wird er auch nicht dem Rasenmäher zum Opfer fallen. Das, was wächst, wird gehegt und gepflegt, aber keiner Norm unterworfen.«
»Mit Normen können wir auch nicht gut umgehen, sonst hätten wir einen anderen Beruf.«
»Jede Geburt ist anders und jedes Kind ist einzigartig«, sprach Leni aus, was Anna nur angedeutet hatte.
»Es gibt noch mehr Einzigartiges«, sagte Anna leise und betrachtete das weiße Kaffeegeschirr mit dem winzigen Blümchenmuster, das vor ihr auf dem Tisch stand.
»Damit meinst du nicht mein Geschirr«, stellte Leni lächelnd fest. »Deine Gefühle für Sebastian sind nicht weniger geworden, das ist mir klar. Mach dir keine Gedanken über das, was sein könnte, gib dich dem hin, was ist.« Leni streichelte über Annas Hand und sah sie aufmunternd an.
»Er gehört schon so sehr zu meinem Leben, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen kann, wie ich ohne ihn leben könnte. Aber ich bin nicht Helene. Ich kann und will nicht mit ihr konkurrieren.«
»Seine Frau ist jetzt fast zwei Jahre tot, irgendwann wird er den Lebenden den Vorzug geben.«
»Ich will sie nicht verdrängen.«
»Ich weiß, und er wird sich auch immer an sie erinnern. Das bedeutet aber nicht, dass er eine andere Frau nicht mehr auf diese Weise lieben könnte.«
»Ich hoffe, du hast recht«, sagte Anna, als Sebastian in diesem Moment zu ihnen kam. Es gefiel ihr, wie er sich bewegte und wie er sich beim Gehen durch sein dunkles Haar strich. Sie liebte seine sanfte Stimme, den klaren Duft seiner Haut, und er brachte sie beinahe um den Verstand, wenn er sie mit seinen hellen grauen Augen ansah.
»Ich habe deine Reisetasche in dein Zimmer gestellt.«
»Danke«, antwortete sie und wich seinem Blick aus, als er sich auf den Stuhl neben sie setzte. Sie wollte nicht, dass er ihre Gedanken erriet.
»Ich hoffe, euch schmeckt mein Erdbeerkuchen mit Sahne. Ich habe extra fette geschlagen, weil das die einzige ist, die wirklich schmeckt.« Leni hatte die Unterhaltung übernommen, um das Schweigen, das plötzlich zwischen Anna und Sebastian herrschte, zu überbrücken.
»Leni, du hast dich selbst übertroffen«, lobte Anna die Freundin, nachdem sie den dick mit Erdbeeren belegten Kuchen und die köstliche Sahne versucht hatte.
»Mit diesem Kuchen würdest du Traudel ins Schwärmen bringen«, sagte Sebastian, der sich auch eine ordentliche Portion Sahne genommen hatten.
»Das ist ein großes Kompliment. Euer Hausjuwel ist sicher nicht leicht zu überzeugen.« Leni mochte Traudel, die sich um den Haushalt der Seefelds kümmerte und seit Sebastians Geburt zur Familie gehörte, wirklich sehr gern.
»Sie ist durchaus in der Lage, die Kunst eines anderen anzuerkennen«, versicherte ihr Sebastian.
»Sie weiß, was sie kann, und muss deshalb auf niemanden neidisch sein. Sie ist eine liebenswerte Person.«
»Apropos liebenswert. Willst du uns nicht noch ein bisschen mehr von Oskar erzählen?«, fragte Anna mit einem verschmitzten Lächeln.
»Ich kann nur sagen, dass ich ihn liebe und dass er für mich der wundervollste Mann auf der Welt ist. Außerdem ist er der beste Koch, der mir je begegnet ist, und sein Weinlokal ist das romantischste in ganz Wien.«
»Der Mann hat dich zweifellos von sich überzeugt.«
»Sieht so aus«, antwortete Leni lachend. »Noch Kaffee?«, fragte sie, und als Anna und Sebastian nickten, füllte sie ihre Tassen wieder auf.
Sie saßen noch eine ganze Weile im Garten und ließen sich die Erdbeertorte schmecken, während Lena von Wien und all den Orten schwärmte, die Anna und Sebastian unbedingt zusammen besuchen sollten.
»Wir werden erst einmal sehen, wie viele Vorträge wir besuchen«, erinnerte Anna Leni daran, dass sie eigentlich wegen des Ärztekongresses in Wien waren, an dem Sebastian teilnehmen wollte, und für den sie als seine Begleitung angegeben hatte.
»Ihr solltet euch trotzdem ein bisschen Freizeit gönnen. Für euren letzten Abend haben Oskar und ich uns auch etwas ganz Besonderes ausgedacht«, erklärte sie mit einem Augenzwinkern.
»Was habt ihr euch denn ausgedacht?«, wollte Anna wissen.
»Das verrate ich nicht, weil wir euch mit dieser Idee überraschen wollen.«
»Du gibst uns nicht den kleinsten Hinweis?«
»Wie gesagt, es ist eine Überraschung.«
»Dann werden wir uns wohl gedulden müssen«, seufzte Anna.
Nach dem Kaffee stellte Leni ihren Gästen Fahrräder zur Verfügung und zeigte ihnen die nähere Umgebung. Es ging über Wiesen und Felder vorbei an den beiden Bauernhöfen in der Nachbarschaft, zwei großen Gehöften, die sich gegenüberlagen. Danach fuhren sie zu einem kleinen See, der von wilden Büschen umgeben auf der Lichtung eines Tannenwäldchens lag. Sie saßen eine Weile im Gras, und dann ging es wieder zurück nach Hause.
Leni stellte den Nudelauflauf in den Ofen, den sie schon am Vormittag für das Abendessen vorbereitet hatte, und sie blieben in der Küche, bis er fertig war. Schließlich gingen sie wieder in den Garten, machten es sich im Pavillon gemütlich, und Leni öffnete eine Flasche Weißwein, die Oskar ihr mitgegeben hatte.
»So einen Himmel bekommt man nur fernab der Stadt zu sehen. Bedauerlich für alle, die in der Stadt leben«, sagte Anna, als es dunkel wurde und die Sterne sich zeigten, einer nach dem anderen, so als hätte jemand draußen im All die Beleuchtung eingeschaltet.
»So spektakulär wie in Bergmoosbach ist es hier nicht. Die Milchstraße ist nicht überall so gut zu sehen wie bei euch.«
»Das bedeutet wohl, dass Bergmoosbach ein ganz besonderer Ort ist«, sagte Anna und streifte Sebastian mit einem kurzen Blick.
»Zum Kongresszentrum werdet ihr etwa eine halbe Stunde unterwegs sein. Für den morgendlichen Stau müsst ihr etwa zwanzig Minuten einplanen«, klärte Leni die beiden auf, als sie sich kurz vor eins eine gute Nacht wünschten. »Ich werde morgen früh leider nicht hier sein, wenn ihr aufsteht. Ich habe Oskar versprochen, mit ihm in den Großmarkt zum Einkaufen zu fahren. Ihr findet alles, was ihr für das Frühstück braucht, in der Küche. Wir treffen uns dann gegen sieben bei Oskar. Damit ihr uns auch findet«, sagte sie und drückte Anna eine Visitenkarte in die Hand.
»Wir helfen dir.« Anna wollte die Freundin nicht mit dem Geschirr in der Küche allein lassen, das sie gerade zusammen aus dem Garten hereingetragen hatten.
»Nein, geht ruhig schlafen. Ich räume nur den Geschirrspüler ein und gehe dann auch ins Bett. Ich wünsche euch schöne Träume«, sagt Leni. Sie passen so wunderbar zusammen, dachte sie, als sie den beiden nachschaute, wie sie die Treppe in den ersten Stock hinaufgingen.
Gleich darauf wünschten sich Anna und Sebastian oben auf dem Gang vor ihren Zimmern eine gute Nacht und versicherten sich gegenseitig, dass sie den Wecker ihres Handys stellen würden, um nicht zu verschlafen.
*
Am nächsten Morgen war Anna schon wach, als ihr Handy läutete. Sebastian würde sicher auch gleich aufstehen, deshalb überließ sie ihm das Bad im ersten Stock und ging ins Erdgeschoss hinunter, um sich dort in dem kleinen Bad in aller Ruhe zu duschen und anzuziehen.
Für den ersten Tag im Kongresszentrum hatte sie sich für ein leicht ausgestelltes knielanges Kleid entschieden. Es war schwarz mit winzigen weißen Pünktchen. Darüber konnte sie den kurzen weißen Blazer tragen, und ihre schwarzen Wildlederballerinas passten auch hervorragend dazu. Sie wollte gemeinsam mit Sebastian einige Vorträge besuchen und wollte nicht nur elegant, sondern auch bequem angezogen sein.
Gegen halb acht stand sie in der Küche und kochte Kaffee. Als sie zehn Minuten später noch immer nichts von Sebastian hörte, beschloss sie, hinaufzugehen, um nach ihm zu sehen. Sie mussten spätestens um halb neun aufbrechen, wenn sie nicht zu spät zu ihrem ersten Vortrag kommen wollten.
Sebastians Zimmertür war geschlossen und das Bad schien noch unbenutzt. Sie horchte einen Augenblick vom Gang aus in Sebastians Zimmer hinein, konnte aber kein Geräusch wahrnehmen. Als er auch auf ihr Klopfen nicht reagierte, öffnete sie vorsichtig die Tür.
Sebastian schien noch tief und fest zu schlafen. Er lag auf der linken Seite in das weiche Kissen mit dem weißen Satinbezug gekuschelt. Sie brachte es nicht fertig, ihn gleich zu wecken. Leise setzte sie sich auf den Rand seines Bettes und sah ihn liebevoll an. Als sie in der Nacht zuvor in ihrem Bett lag, hatte sie sich gewünscht, die Wand, die ihre Zimmer trennte, würde für einen Augenblick durchsichtig werden und sie könnte ihn noch einmal anschauen, bevor sie einschlief.
»Guten Morgen«, sagte sie, als er die Augen aufschlug.
»Guten Morgen, Anna.« Er drehte sich auf den Rücken und sah sie verwundert an.
»Du hast verschlafen.«
»Wie spät ist es?«
»Viertel vor acht.«
»Ich hatte mein Handy auf halb acht gestellt.«
»Wo ist es?«
»Keine Ahnung.« Er setzte sich auf und sah sich genau wie Anna suchend um.
»Ich habe es.« Sie hatte das Telefon unter dem Kissen auf der anderen Bettseite entdeckt und beugte sich über Sebastian, um es dort hervorzuziehen. Sie hielt in der Bewegung inne, als sie spürte, wie er mit den Spitzen ihres Haares spielte, das seine Brust streifte.
»Ich sollte meinen Wecker öfter überhören.«
»Und dann?«
»Könntest du mich wecken.«
»Das willst du doch nicht wirklich.«
»Du weißt nicht, was ich wirklich will.«
»Weißt du es denn?«, fragte sie, als sie sich wieder aufrichtete und das Handy auf den Nachttisch neben ihn legte.
»Irgendwie ist hier alles anders. So als seien meine Erinnerungen zu Hause in Bergmoosbach geblieben.«
»Es wird Zeit, Sebastian. Ich warte unten in der Küche auf dich«, sagte sie, als er eine Strähne ihres seidigen Haares über seinen Zeigefinger wickelte und sie dabei zärtlich ansah.
»Gib mir eine Viertelstunde.«
»Bis gleich.« Sie löste ihr Haar von seinem Finger und lief in die Küche hinunter. So viel Nähe ließ Sebastian selten zu. Dass er gesagt, dass seine Erinnerungen ihn auf dieser Reise nicht begleiteten, wollte sie nicht weiter bewerten. Aber was auch immer es bedeuten sollte, es versetzte sie in eine eigenartige Unruhe.
Als er eine Viertelstunde später in einem hellgrauen maßgeschneiderten Anzug, zu dem er ein anthrazitfarbenes T-Shirt trug, zu ihr in die Küche kam, wünschte sie sich, dass ihn seine Erinnerungen auch die nächsten Tage nicht quälen würden. Wenigstens für ein paar Stunden wollte sie ihn ganz für sich haben.
Als sie um halb neun in seinen Wagen stiegen, spürte sie erneut diese ungewohnte Fremdheit zwischen ihnen, so als hätten sie sich gerade erst kennengelernt. Offensichtlich hatte auch sie ihre Erinnerungen zu Hause gelassen. Die Geburten, die sie gemeinsam gemeistert hatten, ihre Ultraschallsprechstunden in seiner Praxis, ihre Abende mit seiner Familie in seinem Haus, alles schien so weit weg.
»Hast du die Adresse von Oskars Lokal?«, fragte Sebastian, als sie Lenis Grundstück verließen.
»Ich habe die Visitenkarte eingesteckt«, antwortete sie und sah aus dem Fenster auf die wilden Wiesen, die sich bis zum Horizont erstreckten.
»Gut«, sagte er und schaute vor sich auf den Feldweg.
Sie hatten beide, jeder für sich, beschlossen zu schweigen. Diese Vertrautheit, die sie sonst verband, war nicht mehr da.
*
Das Kongresszentrum lag nur ein paar Minuten von der Innenstadt entfernt. Der moderne helle Gebäudekomplex in der Nähe des Flussufers beeindruckte schon von weitem durch seine Größe.
Sebastian stellte seinen Wagen in einem Parkhaus ab, und sie liefen zu Fuß zu dem Gebäude, in dem der Ärztekongress stattfand. In der Eingangshalle hatten die Pharmafirmen ihre Stände aufgebaut. Es gab Häppchen und Champagner und dazu jede Menge Werbebroschüren. Da sie unterwegs in keinen Stau geraten waren, hatten sie noch ein bisschen Zeit, bis der erste Vortrag anfing. Sie schlenderten an den Ständen vorbei und blieben hin und wieder stehen, um sich anzuhören, mit welchen Argumenten die modisch gekleideten jungen Damen und Herren der Marketingabteilungen sie in ein Gespräch zu verwickeln versuchten.
»Wenn man bedenkt, dass die größten Errungenschaften der Gesundheitsvorsorge sauberes Wasser und eine anständige Kanalisation sind, dann klingt hier vieles nach falschen Versprechungen. Natürlich gibt es Medikamente, die zur Heilung einer Krankheit beitragen, aber nicht jedes Pfefferminzbonbon ist ein Verdienst der Pharmaindustrie«, machte sich Sebastian Luft, als sie sich erneut dem Redeschwall eines von sich überzeugten Vertreters ausgesetzt hatten.
»Das wirklich Wichtige erfahren wir von ihnen ohnehin nicht, das steht in den wissenschaftlichen Abhandlungen, die sie uns am liebsten nie zeigen würden.«
»Sie sind eine kluge junge Frau.«
»Roger, mit dir hätte ich nicht gerechnet. Du kommst extra wegen eines Kongresses aus Kanada nach Europa?« Sebastian wandte sich dem großen sportlichen Mann in dem dunklen Leinenanzug zu, der plötzlich hinter ihnen stand.
»Ich bin nur aus München angereist. Ich habe dort seit zwei Wochen eine Stelle an der Uniklinik.«
»Das ist eine überraschende Neuigkeit. Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?«, wollte Sebastian von seinem ehemaligen Kollegen wissen, mit dem er einige Jahre zusammen in der Klinik in Toronto gearbeitet hatte.
»Ich dachte, ich überrasche dich persönlich mit dieser Nachricht. Ich wollte dich demnächst in deinem Dorf besuchen, aber nun weißt du ja schon Bescheid.«
»Die Überraschung ist deshalb nicht kleiner.«
»Roger Wilson«, stellte der junge Arzt sich Anna vor und reichte ihr die Hand.
»Anna Bergmann«, sagte sie und wartete darauf, dass er ihre Hand wieder losließ. Charmant ist er ja schon, dachte sie, als er lächelte und sich winzige Fältchen um seine tiefblauen Augen zeigten.
»Und wer sind Sie, Anna Bergmann?«, fragte er, als er ihre Hand wieder losließ.
»Anna und ich arbeiten zusammen. Sie ist Hebamme in Bergmoosbach«, kam Sebastian ihr mit der Antwort zuvor.
»Dann seit ihr nur so etwas wie Kollegen?«
»Wir treffen uns auch privat«, sagte Sebastian.
»Okay, alles klar«, entgegnete Roger und ließ seinen Blick über Anna gleiten, nur ganz kurz, so dass sie es kaum bemerkte.
»Ist Chrissy auch in München?«, fragte Sebastian.
»Wir haben uns vor einigen Wochen getrennt. Sie ist jetzt in Los Angeles. Sie hat sich ganz klassisch in einen Filmproduzenten verliebt. Egal, unsere Beziehung war sowieso schon in einer Art Endstadium. Die Trennung von ihr hat es mir allerdings leichter gemacht, mich für den Job in München zu entscheiden.«
»Welcher Job genau ist es?«
»Ich leite die Internistische Abteilung und habe die Option, Forschungsprojekte an der Uni zu begleiten. Ich habe die Gelegenheit wahrgenommen. So ganz nebenbei kann ich dann auch die Heimat meiner Vorfahren kennenlernen. Die Familie meiner Mutter stammt aus der Gegend von München«, wandte er sich Anna wieder zu.
»Deshalb Ihre perfekten Sprachkenntnisse.«
»Naja, perfekt sind sie noch nicht, aber ich bin lernwillig. Es ist übrigens noch jemand aus unserer gemeinsamen Zeit aus Toronto hier«, erzählte Roger und betrachtete Sebastian mit einem mitfühlenden Lächeln.
»Der Vortrag fängt gleich an«, sagte Sebastian, als er auf seine Armbanduhr geschaut hatte. »Wir sehen uns, Roger.«
»Davon gehe ich aus«, entgegnete Roger und sah Sebastian, der sich bei Anna unterhakte und sie zur Eile drängte, nachdenklich nach. »Ich befürchte, es kommen unruhige Zeiten auf dich zu, mein Freund«, murmelte er.
»Wieso hast du ihn einfach stehen lassen?«, wollte Anna wissen.
»Das habe ich doch gar nicht getan. Ich wollte nur rechtzeitig zu unserem Vortrag kommen«, verteidigte sich Sebastian.
»Du hast ihn nicht gefragt, von welchem ehemaligen Kollegen er gesprochen hat. Ich meine den, der auch hier sein soll. Oder geht es um eine sie?«
»Keine Ahnung. Roger wird es mir schon erzählen, wenn wir ihm das nächste Mal begegnen«, sagte er, als sie den Konferenzraum betraten, in dem der Vortrag stattfinden sollte, den sie hören wollten.
Die runden Tische in dem fensterlosen Raum waren weiß eingedeckt. Auf jedem standen eine Glasvase mit weißen Tulpen und ein Messingkübel, in dem eine Flasche Champagner kühl gehalten wurde. Die Deckenscheinwerfer waren eingeschaltet und leuchteten den Raum in jedem Winkel aus, was ihn taghell erscheinen ließ.
»Wir könnten dort bleiben.« Sebastian deutete auf einen freien Tisch gleich neben dem Eingang.
»In Ordnung«, stimmte Anna seinem Vorschlag zu, obwohl sie sich wunderte, dass er einen Platz so weit entfernt von der Bühne wählte. Selbst im Theater saß er gern in einer der vorderen Reihen, weil er dort näher am Geschehen war, wie er es nannte. Was ist denn nur mit ihm los?, dachte sie, als er seinen Blick ständig durch den Raum kreisen ließ und auch die Tür zu beobachten schien. Erst als der erste Redner an das Mikrophon trat, entspannte er sich ein wenig.
»Roger interessiert sich wohl nicht für dieses Thema«, stellte Anna fest, als der erste Redner das Pult verließ und es eine kleine Pause gab.
»Er besucht solche Veranstaltungen mehr wegen der menschlichen Kontakte. Wenn er dich interessiert, solltest du die nächste Bar aufsuchen. Da wirst du ihn vermutlich antreffen.«
»Ich habe nur eine höfliche Frage gestellt.«
»Tut mir leid, das war eine dumme Antwort«, entschuldigte sich Sebastian, als Anna ihn bestürzt ansah.
»Willst du mir nicht sagen, was mit dir los ist?«
»Es ist alles gut«, versicherte er ihr. »Ich habe mir nur gerade etwas überlegt. Wie wäre es, wenn wir uns nach dem nächsten Redner freigeben und die Stadt besichtigen?«
»Wir sind doch gerade erst angekommen.«
»Ich weiß, aber wir können auch wieder gehen. Wir haben keine Verpflichtungen. Alles ist freiwillig. Oder kannst du dir nicht vorstellen, mit mir einen Stadtrundgang zu unternehmen?«
»Doch, natürlich kann ich mir das vorstellen.« Gut, ich frage nicht mehr nach. Wenn du nicht darüber reden willst, was dich gerade beschäftigt, dann werde ich das respektieren. Erst einmal, dachte Anna. Letztendlich war es ihr egal, wohin sie gingen. Sie waren zusammen, mehr konnte sie sich nicht wünschen.
Gleich nachdem der zweite Redner sich wieder auf seinen Platz setzte, verließen sie den Saal. Sebastian steuerte auf den Hinterausgang des Gebäudes zu und behauptete, dass es von dort aus näher zum Parkhaus sei. Aber so war es nicht, und Anna war sicher, dass er das auch wusste. Offensichtlich wollte er das Gelände so schnell wie möglich verlassen. Ob es mit diesem anderen Kollegen aus Toronto zusammenhing, darüber konnte Anna nur spekulieren.
*
Sie fuhren mit dem Auto in die Stadt, stellten es im Parkhaus in der Nähe des Stephansdoms ab und spazierten durch die Fußgängerzone mit ihren Cafés und exklusiven Läden. Danach mieteten sie einen Fiaker und betrachteten die Hofburg, das Parlamentsgebäude, das Opernhaus und die anderen historischen Gebäude der Altstadt von der Kutsche aus.
Es war ein warmer sonniger Tag. Anna hatte ihren Blazer ausgezogen und neben sich auf die Bank gelegt. Sie versuchte, ruhig zu atmen, als Sebastian seinen Arm auf der Lehne hinter ihnen ausstreckte und seine Hand wie zufällig ihre nackten Schultern berührte. Sie tat, als würde sie es nicht bemerken, während sie die Fassade des Rathauses betrachtete, an dem sie gerade vorbeifuhren.
»Unser Rathaus hat nur einen Turm.« Sebastian wandte sich zur Seite, um den hohen mittleren Turm des Gebäudes zu betrachten, der rechts und links von zwei kleineren Türmen flankiert wurde. Für den Bruchteil einer Sekunde berührte sein Kinn ihre Wange, und das allein versetzte ihr einen Stich, der durch ihren ganzen Körper jagte.
»Das Bergmoosbacher Rathaus ist auch nicht im verspielten neugotischen Stil erbaut«, sagte sie, um sich abzulenken.
»Stimmt, es wirkt um einiges robuster.«
»So wie alle ländlichen Gebäude.« Anna richtete ihren Blick fest auf das prächtige Rathaus und hörte auf das gleichmäßige Schlagen der Hufe der beiden Schimmel, die ihre Kutsche zogen. Sie musste sich erst beruhigen, bevor sie sich Sebastian wieder zuwandte. Es gelang ihr gerade noch rechtzeitig, bevor die Kutsche anhielt und er ihr beim Aussteigen half.
Nach der Fahrt mit dem Fiaker aßen sie in einem gemütlichen Gartenlokal zu Mittag. Es lag auf einem Hügel am Donauufer, und von der Terrasse aus bot sich ihnen ein grandioser Blick auf das Wasser und die Stadt.
»Das schmeckt wirklich gut. Ich sollte mir das Rezept besorgen und irgendwann einmal zu Hause nachkochen«, sagte Sebastian, als sie die Semmelknödel in Walnuss-Marinade versuchten, die sie bestellt hatten.
»Bitte, lade mich dazu ein«, bat Anna.
»Auf jeden Fall, du bist doch die einzige, die beurteilen kann, ob ich den Geschmack des Originals hinbekomme.«
»Nur aus diesem Grund würdest du mich einladen?«
»Ja, warum denn sonst?«, fragte er mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich glaube, ich war zwölf, als ich das letzte Mal in Wien war. Es war eine Klassenfahrt gewesen und wir fanden diese Stadt mit ihren alten Gebäuden damals schrecklich langweilig«, sprach er schnell weiter, als Anna auf einmal verunsichert wirkte.
»Die meisten Kinder finden historische Gebäude und Antiquitäten langweilig. Ich war da wohl eher die Ausnahme.«
»Wer seine Kindheit bei einer liebevollen Tante in einem Antiquitätenladen verbracht hat, ist uns anderen eben voraus, wenn es um das Verständnis für die Vergangenheit geht.«
»Vergangenheit und Erinnerungen, das gehört zusammen. Du hast heute Morgen gesagt, dass du deine Erinnerungen in Bergmoosbach zurückgelassen hast. Aber irgendeine Erinnerung quält dich gerade.«
Vielleicht war er jetzt bereit, sich ihr anzuvertrauen.
»Lass uns über etwas anderes sprechen, Anna«, bat er sie und hielt ihren Blick fest.
»Worüber? Vielleicht über Sissi, die schöne Kaiserin, die ständig gehungert hat, sich dreimal am Tag gewogen haben soll und vermutlich magersüchtig war?«
»Wie kommst du gerade auf sie?«
»Weil wir in Wien sind, sie hier gelebt hat, Frauen als Ideal gilt, aber vielleicht gar nicht so glücklich war, wie man gern annehmen möchte. Menschen, die glücklich sind, geißeln sich doch eher weniger, weder mit Hungern noch mit Erinnerungen.«
»Lass es gut sein, Anna. Wir könnten mit diesem Tag eine neue Erinnerung erschaffen, eine, die uns beiden etwas bedeutet.«
»Tut mir leid, Sebastian, ich weiß auch nicht, was gerade mit mir los ist.« Anna schaute dem Ausflugsdampfer nach, der unten auf dem Fluss vorbeifuhr. Sie hatte sich doch so auf diese Reise mit ihm gefreut, und nun nutzte sie jede Gelegenheit, ihn mit Fragen und Unterstellungen zu drangsalieren.
»Sieh mich an, Anna«, bat er. »Es ist für uns beide neu, das macht es wohl ein wenig kompliziert«, sagte er, als sie sich ihm zuwandte.
»Was meinst du mit neu? Wir waren schon oft miteinander essen.«
»Du weißt, dass es nicht darum geht.«
»Sondern um was? Sage es mir, Sebastian. Ich will es hören.«
»Was willst du hören? Dass es das erste Mal ist, dass wir zusammen in einer anderen Stadt übernachten? Dass wir nicht wissen, wie weit das gehen wird und was danach sein wird?«
»Es geht so weit, wie wir es zulassen.«
»Ich weiß.«
»Wir könnten noch einen Ausflug zum Schloss Schönbrunn unternehmen, bevor wir uns mit Leni und Oskar treffen«, schlug Anna vor, als sie beide plötzlich wieder schwiegen und nicht wagten, einander anzusehen.
»Sissis Mann, Franz Joseph I., wurde dort 1830 geboren.«
»Und starb 1916 auch dort. Wie groß war die Liebe zwischen den beiden wohl wirklich?«
»Das scheint dich sehr zu beschäftigen?«
»Vielleicht suche ich nur nach einer Ablenkung.«
»Du musst dich nicht ablenken, Anna. Ich möchte zahlen!«, wandte sich Sebastian der Bedienung in dem gelben Dirndl zu, die ein paar Tische von ihnen entfernt gerade kassierte.
Was meint er damit, dass ich mich nicht ablenken muss?, fragte sich Anna, und sie spürte ihr Herz schneller schlagen, als sie darüber nachdachte.
Eine halbe Stunde später stiegen sie auf dem Besucherparkplatz des Schlosses aus dem Auto und spazierten durch den prächtigen Park mit seinen Blumenanlagen und Springbrunnen. Seit sie das Restaurant verlassen hatten, sprachen sie nur über die Geschichte der Stadt. Sebastian hatte gesagt, dass sie sich nicht ablenken musste, aber sie taten beide seit einer ganzen Weile nichts anderes.
Nach ihrem Spaziergang durch den Park schlossen sie sich einer Führung an und besichtigten die prunkvollen Räume, die früher von der königlichen Familie bewohnt wurden. Gewaltige Deckengemälde, Stuck, Spiegel und Kronleuchter – es ist von allem zu viel, dachte Anna.
Sie versuchte sich vorzustellen, wie das Zusammenleben einer Familie in einem solchen Gebäude funktionieren sollte. Sie dachte auch daran, wie Kinder damals behandelt wurden, dass die Mütter sie kaum zu Gesicht bekamen und sie der Obhut anderer überlassen mussten. Niemals würde ich das meinen Kindern und mir zumuten, dachte sie, und ihr Blick wanderte unwillkürlich zu Sebastian. Er war immer für seine Tochter da und würde alles tun, damit sie glücklich war. So stellte sich Anna einen guten Vater vor. »Ich bin echt froh, dass ich heute lebe«, sagte sie, als sie nach der Führung zurück zu ihrem Auto gingen. »Der Adel hatte kaum etwas von seinen Kindern, das einfache Volk wusste nicht, wie sie sie durchbringen sollten, und Hebammen waren so etwas wie Kräuterfrauen, denen die Ärzte nicht über den Weg trauten. Da ich meinen Beruf und Kinder liebe, eignet sich die moderne Zeit weitaus besser für mich.«
»Ärzte waren in den vergangenen Jahrhunderten auch nicht besonders angesehen.«
»Es gab schon einige Kapazitäten.«
»Denen die anderen blind folgen mussten, wenn sie nicht ins Abseits geraten wollten.«
»Dass Ärzte mit Hebammen zusammengearbeitet haben, kam auch eher selten vor.«
»Vielleicht hätten wir es getan, wenn wir damals gelebt hätten und uns begegnet wären.«
»Meinst du wirklich, du hättest dich über Standesdünkel hinweggesetzt?«
»Ich hoffe doch sehr, dass ich es getan hätte.«
»Ja, ich glaube, du wärst dazu in der Lage gewesen.«
»Danke für dein Vertrauen«, entgegnete er lächelnd.
»Wir sollten die Adresse von Oskars Lokal in das GPS-Gerät eingeben«, sagte sie, als Sebastian die Autotüren mit der Fernbedienung öffnete.
»Ja, das sollten wir tun«, stimmte er ihr zu und hielt ihr Beifahrertür auf.
*
Oskars Lokal lag in den Weinbergen im Stadtgebiet von Wien. Das weiß verputzte Haus mit seinen roten Dachziegeln stand inmitten der goldgelben Reben. Helle Holztische und bequeme Stühle standen auf dem gepflegten Rasen. Moosgrüne Wolldecken hingen ordentlich zusammengelegt über den Stuhllehnen. Falls es einem Gast am Abend zu kühl wurde, musste er nicht frieren.
Die meisten Plätze waren bereits belegt. Leni saß an dem Tisch gleich neben der geöffneten Flügeltür, die die Weinstube mit ihren rustikalen Tischen und Bänken mit dem Garten verband. »Hattet ihr einen schönen Tag?«, fragte sie, als Anna und Sebastian zu ihr kamen.
»Wir haben die Stadt besichtigt und waren auf Schloss Schönbrunn«, erzählte Anna, nachdem sie sich ihr gegenüber an den Tisch gesetzt hatten. Leni trug ein gelbes Sommerkleid mit einem zarten Farnmuster und kurzen Ärmeln. Sie sah nicht nur hübsch aus, sondern auch glücklich, wie Anna gleich auffiel.
»Ehrlich gesagt, wirkt ihr beide aber nicht sehr entspannt, eher nachdenklich«, stellte Leni lächelnd fest.
»Das liegt vermutlich an unserem Schlossbesuch. Wir haben uns vorgestellt, wie unser Leben wohl in früheren Jahrhunderten verlaufen wäre.«
»Hätte es euch gefallen?«
»Nein, ich denke nicht«, sagte Sebastian. Zumal es noch viel komplizierter als heute gewesen wäre, dachte er, während er Anna mit einem liebevollen Blick streifte.
»Ich finde auch, dass wir es heutzutage besser haben. Oder was meinst du, mein Schatz?« Leni wandte sich mit einem strahlenden Lächeln an den jungen Mann, der aus der Weinstube zu ihnen herauskam.
Er trug Jeans und ein schwarzes Hemd und hatte eine weiße Schürze um seine schmalen Hüften gebunden. Seine hellen Augen strahlten ebenso glücklich wie die von Leni.
»Ich weiß zwar nicht, um was es geht, aber da es mir mit dir an meiner Seite ausgesprochen gut geht, stimme ich dir zu. Hallo, Anna, hallo, Sebastian, ich bin Oskar. Ich freue mich, dass ihr hier seid«, begrüßte er Lenis Freunde.
»Wir freuen uns, dich kennenzulernen«, sagte Anna. »Es ist doch in Ordnung, wenn wir uns duzen?«
»Aber ja, natürlich. Hier sind wir nicht ganz so förmlich wie auf eurer Seite der Grenze«, erwiderte Oskar lächelnd. »Was darf ich euch bringen?«, fragte er und strich über sein dunkelblondes lockiges Haar, das er nach hinten aus der Stirn gekämmt trug.
»Ich nehme einen Hauswein«, sagte Sebastian.
»Den versuche ich auch«, schloss sich Anna an.
»Ist das Olivenbrot schon fertig, das du vorhin in den Ofen getan hast?«, fragte Leni.
»Ich habe es gerade herausgenommen. Ich bringe euch etwas.« Oskar nickte seinen Gästen, die ihm fröhlich zuwinkten, freundlich zu, bevor er wieder in die Weinstube hineinging.
»Ich würde mir gern die Hände waschen. Wo sind die Toiletten?«, wandte sich Sebastian an Leni.
»Gleich vor der Theke den Gang entlang.«
»Danke.« Gemütlich, dachte Sebastian, als er die Weinstube betrat.
Es gab einen weiß ummauerten offenen Kamin, der an kühleren Tagen für Wärme sorgte. Die Tische boten Platz für höchstens 50 Gäste, was eine familiäre Atmosphäre versprach. Ihm fiel auf, dass in dem aus dunklem Holz gezimmerten Regal hinter der Theke nur Flaschen von einem einzigen Weingut standen. Was war das denn?, fragte er sich, als er einen Blick in die Küche warf, deren Tür ein Stück offen stand.
Oskar hatte das Körbchen mit dem geschnittenen Brot, das er in die Hand genommen hatte, sofort wieder abgestellt und stützte sich mit beiden Händen an der Arbeitsplatte neben dem Herd ab. Wie es aussah, kämpfte er gegen Schmerzen an.
Sebastian wäre am liebsten zu ihm gegangen, um ihn zu fragen, ob er Hilfe braucht. Er hielt sich aber zurück, als er sich gleich wieder aufrichtete. Oskar sollte nicht den Eindruck gewinnen, dass er ihn beobachtete. »Soll ich das Brot schon mitnehmen?«, fragte er, als er vom Händewaschen zurückkam und Oskar mit dem Brotkörbchen die Küche verließ.
»Ja, gern«, erklärte er sich einverstanden und drückte Sebastian das Körbchen mit dem noch warmen Olivenbrot in die Hand.
»Wie viele Angestellte hast du?«, fragte Sebastian, als die beiden Kellnerinnen in den hellblauen Dirndln, die im Garten bedienten, voll bepackt mit benutzten Tellern und Gläsern durch den Gastraum in die Küche eilten.
»Vier Bedienungen, die sich abwechseln, und einen Koch, mit dem ich mir die Arbeit teile.«
»Leni ist der Meinung, dass du der beste Koch der Welt bist.«
»Naja, das würde ich nicht unbedingt behaupten«, entgegnete Oskar lachend, während er eine Weinflasche öffnete. »Aber wenn Leni das so sieht, soll es mir recht sein. Ich komme gleich zu euch«, sagte er und füllte die Weingläser, die vor ihm auf dem Tablett standen, während Sebastian mit dem Brotkörbchen schon vorausging.
»Ihr habt ein bisschen geplaudert«, stellte Leni zufrieden fest, als Sebastian sich wieder zu ihr und Anna an den Tisch setzte. »Wie findest du ihn?«
»Ich denke, du hast eine gute Wahl getroffen.«
»Anna findet ihn auch sympathisch.«
»Anna hat heute schon andere getroffen, die ihr sympathisch waren.«
»So, habe ich das?«, wandte sich Anna Sebastian mit blitzenden Augen zu.
»Etwa nicht?«
»Oh, du meinst den sympathischen jungen Arzt, der mit dir in Toronto zusammen gearbeitet hat.«
»Und inzwischen eine Stelle an der Uniklinik in München hat. Also nicht allzu weit weg von Bergmoosbach.«