Früher war Weihnachten für Kate Thompson die schönste Zeit des Jahres. Schon im September hatte sie alle Geschenke gekauft, und im Oktober wurden Weihnachtsplätzchen gebacken. Die Adventszeit war voller Liebe, Wärme und Vorfreude. Aber dann änderte sich von einem auf den anderen Tag alles. Kates Ehemann war Soldat und kam von einem Auslandseinsatz nicht zurück. Seitdem ist der Dezember schwer auszuhalten für sie. Kate glaubt nicht, dass sie jemals wieder einen Mann in ihrem Leben lieben kann. Nur für ihren Sohn Jack möchte sie die Weihnachtszeit schön machen. Für ihn denkt sie sich ihr ganz eigenes Weihnachtswunder aus: Sie bastelt einen Adventskalender für ihn. Jeden Tag bekommt er eine kleine Überraschung mit seiner Mutter – zum Beispiel eine Schlittenfahrt oder einen Besuch des Weihnachtsmarkts.
Daniel lebt auf einem Hausboot, er ist Englands nettester Immobilienmakler und seit dem Tod seiner Schwester sehr einsam. Beim täglichen Gang ins Büro gibt es nur einen Menschen, der ihn zum Lächeln bringt: die schöne unbekannte Weihnachtsbaumverkäuferin mit den traurigen Augen ...
Ein Adventsroman
Aus dem Englischen
von
Elfriede Peschel
Ullstein
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Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage Oktober 2019
© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH,
Berlin 2019
© 2018 by Sara Waights
Titel der englischen Originalausgabe: 25 Days in December
First published by The Orion Publishing Group on 1 Nov. 2018
Umschlaggestaltung: zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®, München
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Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-8437-2149-3
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FÜR JONATHAN
Als er in seinen Mantel schlüpfte, fiel sein Blick auf den Kalender. Schon fast Dezember. Noch immer staunte er, wie unbeirrt die Zeit verstrich, die Erde sich um ihre eigene Achse drehte und jeder Tag ihn weiter von jenem schrecklichen Moment vor zehn Monaten entfernte. Jenem Moment, als sie ihn verließ.
Es heißt, der Tod sei immer ein Schock, auch wenn man ihn erwartet hat, und das stimmt. Er war erstaunt gewesen. Wobei das Nicht-glauben-Können noch der leichteste Teil war. Richtig schwer wurde es danach, die Trauer, die ihn in Wellen überkam, jeder erste Jahrestag wieder ein Schmerz … ihr Geburtstag, sein Geburtstag und jetzt dieses Großereignis. Weihnachten.
Er fragte sich, ob das Christbaummädchen wohl wieder am üblichen Platz war. Das wäre dann schon das vierte Jahr, lang genug, es eine Tradition zu nennen, wenn er zweimal am Tag an ihr vorbeiging und ihren Blick suchte. Meist war sie viel zu beschäftigt gewesen, hatte mit anderen Kunden zu tun, sodass er unbemerkt vorbeiging, was jedes Mal eine merkwürdige Enttäuschung zurückließ, die seinen ganzen Tag bestimmte. Dann – an einem Samstag Anfang Dezember – war es Zeit für das Zeremoniell: »Wir kaufen einen Weihnachtsbaum.« Zoe bestand Jahr für Jahr auf dem ersten Samstag im Dezember, Daniel hätte den zweiten bevorzugt aus Sorge, der Baum könnte am Weihnachtstag dann schon vertrocknet und kahl sein. Das Geplänkel darum begann schon Ende November, und im Allgemeinen trug Zoe den Sieg davon. Im letzten Jahr hatte er sie im Rollstuhl hinbringen müssen, dick eingemummelt gegen die Kälte, weil ihr Kreislauf so schwach war. Ihre Lippen waren immer blau, als hätte sie gerade Brombeeren gegessen, die Wangen gerötet, als wollten sie gute Gesundheit vortäuschen, was die langsamen Bewegungen und die schwache Stimme jedoch Lügen straften.
Das Christbaummädchen hatte Zoe dennoch begrüßt wie immer und sie wegen ihrer Mütze aufgezogen und war, ohne den Rollstuhl zu erwähnen, unbefangen in die Hocke gegangen, um ihr auf Augenhöhe zu begegnen und zu verstehen, was Zoe ihr flüsternd mitteilte. Als sie Zoe dennoch bitten musste, das Gesagte zu wiederholen, machte sie sich über ihre eigene Dummheit lustig, denn das Christbaummädchen gab nie vor, Zoe zu verstehen, wenn sie es nicht tat. Sie war nicht wie die anderen Leute, die sie vor lauter Verlegenheit mit einem übertriebenen Lächeln und einem Nicken abfertigten. Zoe hielt diese Leute für Idioten, und Daniel konnte ihr nur zustimmen. Nein, das Christbaummädchen war anders gewesen.
Wie immer war auch im letzten Jahr die schwierige Frage, welchen Baum man nehmen sollte, heiß diskutiert worden. Zahllose Bäume waren gemustert und Wuchs, Höhe, Buschigkeit und allgemeines Erscheinungsbild gründlich untersucht worden. Man traf eine engere Wahl und ging erneut die Auswahlkriterien durch, bis – endlich – die Entscheidung fiel und Daniel sich den Baum auf seine Schulter hieven und zurück zum Wagen schleppen konnte. Im letzten Jahr hatte das Christbaummädchen rasch die Geldkassette an sich genommen, den Rucksack geschultert und die Griffe des Rollstuhls gepackt. Bis Daniel den Baum auf seiner Schulter richtig ausbalanciert hatte, war auch sie abmarschbereit gewesen.
»Wo steht das Auto?«, fragte sie.
»Das geht doch nicht … was wird aus den Bäumen?«
»Die kommen schon klar. Sie schaffen das nicht allein.«
Sie liefen den kurzen Weg zu seinem geparkten Wagen und plauderten dabei über dieses und jenes. Wäre der Weg doch nur länger gewesen. Es war ein peinlicher Moment, als sie sich zum Gehen wandte.
»Frohe Weihnachten«, sagte sie und winkte Zoe durchs Fenster zu, als das Mädchen es sich im Wagen bequem machte.
»Frohe Weihnachten«, erwiderte er und hätte ihr unheimlich gern einen Kuss auf die Wange gedrückt. Doch er bremste sich und hielt ihr stattdessen die Hand hin. »Frohe Weihnachten«, sagte er noch mal und kam sich dabei wie ein Volltrottel vor. Sie ergriff seine Hand und grinste schief – der rechte Mundwinkel höher als der linke –, aber ihre Augen blieben traurig.
Jetzt blinzelte er entschieden gegen diese Erinnerung an. Dieses Jahr konnte er sich diesen Samstagsbesuch sparen. Er würde keinen Baum brauchen … wollte das Christbaummädchen aber unbedingt den Grund dafür wissen lassen. Wollte ihr – dieser Frau, von der er nicht einmal den Namen kannte – erzählen, dass er Zoe verloren hatte, für immer verloren hatte, und wie unerträglich ihm das war. Er wollte es ihr erzählen, weil er ihr in die Augen geschaut und dabei etwas gesehen hatte, das ihm jetzt auch sein eigenes Spiegelbild zeigte.
Das Christbaummädchen kannte sich aus mit Verlust.
»Wir freuen uns schon alle darauf«, beendete Mr Wilkins seinen Vortrag und rückte dabei mit einem selbstgefälligen Grinsen seine unsagbar hässliche Krawatte zurecht.
»Sie wollen damit also sagen«, erwiderte sie und lenkte ihren Geist widerwillig in den drögen Raum mit dem beigen Teppichboden zurück, in dem Mr Wilkins sich hinter den Lagerräumen sein kleines Reich geschaffen hatte, »dass Sie – obwohl Sie mir im letzten Jahr versprochen haben, es würde das letzte Mal sein – von mir erwarten, mich wieder vor dem Laden zu postieren und diese Christbäume zu verkaufen.«
»Genau! Ihr Talent und die Begeisterung, mit der Sie sich in den vergangenen drei Jahren der Aufgabe angenommen haben, haben beim Managementteam der Portman Brothers Eindruck gemacht«, erläuterte er, ganz offensichtlich in der Annahme, sie würde sich dankbar gebauchpinselt fühlen. »Und in diesem Jahr erwartet Sie eine besonders befriedigende Herausforderung. Denn mit unserem vollen Lager an zwei Meter hohen Norwegischen Blautannen – zu einem Ladenpreis höher denn je, wie ich hinzufügen möchte – zielen wir darauf ab, dieses Jahr unseren besten Umsatz damit zu machen.«
»Bekomme ich denn einen Bonus?«
»Nein.«
»Muss ich Überstunden machen?«
»Ja.«
»Bekomme ich diese bezahlt?«
»Nein.«
»Gibt es unterstützende Werbemaßnahmen?«
»Ja.«
»Meinen Sie damit tatsächliche Werbemaßnahmen, oder heißt das, Sie möchten, dass ich in der Eiseskälte ein sexy Elfenkostüm mit Schläppchen und einer bis zum Schritt reichenden Tunika trage? Wieder?«
»Ja.« Mr Wilkins machte eine Pause. »Letzteres«, ergänzte er. »Sie werden sich einen fellgefütterten Schlüpfer besorgen müssen«, schlug er vor und grinste anzüglich.
Recht hatte er ja, sagte sich Kate. Der vom Fluss kommende Wind fegte eisig durch die High Street und trieb einem die Kälte in die Knochen. In den vergangenen Jahren hatte nie viel zu einer Unterkühlung gefehlt.
»Gibt es denn ein Budget für fellgefütterte Hosen?«, erkundigte sie sich, ohne sich Hoffnungen zu machen.
»Nein. Für eine Ausstattung, die nicht zur Uniform gehört, kommt der jeweilige Angestellte selbst auf.«
Hab ich’s mir doch gedacht, überlegte sie finster. »Und was genau soll mich nun ohne einen umsatzbezogenen Bonus und andere Anreize dazu motivieren, Ja zu sagen?«
»Ich denke«, meinte Mr Wilkins mit kaum verhohlener Häme, »dass es allen Angestellten mit Verträgen, die im Januar auslaufen, gut zu Gesicht stünde, sich nicht zu fragen, was Portman Brothers für sie tun kann, sondern was sie für Portman Brothers tun können.«
»Mein Vertrag läuft aus?«
»Zum einunddreißigsten Dezember«, bestätigte Mr Wilkins. »Wie schnell die Zeit doch vergeht, wenn man Spaß hat … Sie haben, wie Sie zweifellos wissen, einen bedingten Vertrag, der sich mit Ende des Geschäftsjahres unabhängig vom Eintrittsdatum verlängert. Das steht alles hier. Wissen Sie das nicht mehr?«
»Ja schon«, erwiderte Kate, weil sie sich undeutlich erinnerte, dass es da eine Klausel gab. Die Vertragsbedingungen waren ganz allgemein sehr schlecht gewesen, das wusste sie mit Sicherheit, Lohn, Urlaubstage und Zusatzleistungen beschränkten sich auf das absolute Minimum, aber der Job war eine Notlösung gewesen, und sie hätte nie gedacht, noch immer hier zu sein. »Aber er hat sich doch jedes Jahr automatisch verlängert, deshalb dachte ich …«
»Weil es ein bedingter Vertrag ist«, erklärte er geduldig, »aber jetzt ist es schon bald vier Jahre her – kaum zu glauben, nicht wahr? –, seit ich mit Ihnen das Einstellungsgespräch geführt habe. Sie haben Max mitgebracht, wie ich mich erinnere, er war erst wie alt? Drei?«
»Zwei«, korrigierte Kate ihn matt. »Er war zwei. Und er heißt Jack.«
»Ja, nun egal.« Er verlor das Interesse. »Wie gesagt, alles in allem vier Jahre, wir müssen alle den Gürtel enger schnallen, Kürzungen und so weiter und so fort … da ist es immer klug, einen guten Eindruck zu machen, nicht wahr? Sie wollen doch sicherlich nicht ohne Beschäftigung ins neue Jahr starten, schon gar nicht bei Ihrer Verantwortung für den Kleinen.«
Mit einem breiten Lächeln im Gesicht öffnete Helen die Tür zu ihrem hellrosa Reihenhaus.
»Ich bitte vielmals um Entschuldigung«, sagte Kate. »Ich hatte nach der Arbeit noch eine Besprechung. Ich habe auch überlegt anzurufen, als ich rauskam, habe aber dann beschlossen, sofort herzukommen.«
»Kein Problem«, meinte Helen, die von Haus aus ein sonniges Naturell hatte, deren Lächeln aber durchaus einen handfesten Grund hatte: Sie hatte für alle Eltern, die ihre Kinder nach der von ihr festgesetzten Zeitschranke von neunzehn Uhr abholten, eine Strafgebühr von fünfzehn Pfund festgelegt, und jetzt stand der Minutenzeiger entschieden auf zehn nach.
Sie hatte es nicht anders verdient, sagte Kate sich grollend, aber das Geld fehlte nun anderswo. Dennoch war Helen ein Rückhalt, ohne den Kate überhaupt nicht hätte arbeiten können, und die vielen Gefallen, die sich im Lauf der Jahre angehäuft hatten, wogen viel schwerer, als dass sie der älteren Frau diese kleine Aufbesserung ihres Einkommens hätte missgönnen können.
»Es lief gut mit ihm«, sagte Helen. »Er hat seine Hausaufgaben gemacht und anständig zu Abend gegessen, jetzt ist er aber ein wenig müde. Mrs Chandler bat mich, Ihnen auszurichten, sie wolle Sie morgen sprechen, wenn Sie ihn bringen. Jack wird Ihnen sagen, warum …«, ergänzte sie und schnitt dabei eine Grimasse. »Jedenfalls seine Version dazu.«
»Gekämpft!«, empörte sich Kate, als sie mit Jack draußen war. »Was habe ich dir übers Kämpfen gesagt?«
»Dads Beruf war es zu kämpfen«, meinte er eingeschnappt. »Und Onkel Stuart sagte, er sei ein ›verdammter Held‹.«
»Du sollst nicht fluchen. Und das tut hier nichts zur Sache. Dad war Soldat. Das ist nicht das Gleiche. Worum ging es eigentlich bei diesem Kampf?«
»Lucas und Krishna sagten, der Weihnachtsmann komme nur, wenn man einen Dad hat.«
»Und wie kommen sie da drauf?«
Seufzend erklärte Jack es ihr. »Es ist ganz einfach. Weißt du, der Weihnachtsmann kann doch unmöglich in einer Nacht in alle Häuser kommen, oder?«
Kate musste blinzeln. »Kann er nicht?« Sie spielte auf Zeit.
»Offenbar nicht«, sagte Jack geduldig. »Realistisch ist das doch nicht, oder? Also muss er was tun, wozu er die Väter braucht, verstehst du? Es ist also – irgendwie – so, als wäre er es selbst, ist es aber nicht, weißt du. Die Väter …«, er suchte nach einer logischen Lösung, »die helfen ihm. Verstehst du?«
»Oookay«, erwiderte Kate, »aber dann ist doch alles gut, denn du hast ja einen Daddy, oder?«
»Ja, aber er ist doch nur ein dummer Stern, oder nicht?«, sagte Jack und zeigte hoch in den Himmel. »Wie soll er denn dem Weihnachtsmann von dort oben helfen, mir die Geschenke zu bringen?«
Inzwischen waren sie zu Hause angekommen. Sie und Jack wohnten in Stokes Croft, dem trendigen Viertel, das eigentlich im Kommen war, aber es doch nicht ganz schaffte. Architektonisch dominierten spätviktorianische Häuser – nunmehr überwiegend in Wohnungen umgewandelt –, durchsetzt von der Architektur im Stil des Brutalismus aus den Sechzigerjahren, die das ersetzte, was infolge verirrter Kriegsbomben, die eigentlich für die Hafenanlagen bestimmt gewesen waren, kaputtgegangen war. Es war der einzige Stadtteil in der Nähe des Zentrums – und somit ihrem Arbeitsplatz –, der nicht völlig überteuert war. Das war einer der Gründe, weshalb Kate so froh gewesen war, diese halbwegs bezahlbare kleine Wohnung über der Wäscherei zu bekommen. Außerdem fand Kate, dass die behaglichen Gerüche von Seifenpulver und heißer Wäsche, die über die Treppe hinauf zu ihrer Haustür waberten – die nur durch die Wäscherei zu erreichen war –, einen weiteren Pluspunkt ausmachten.
»Zeit fürs Bett«, sagte sie, als sie beim Öffnen der Haustür bemerkte, wie der kleine Junge sich die Augen rieb, und sie schob ihn vor sich her, während sie mit ihren Tüten hinterherkam.
»Kann ich nicht einen heißen Kakao bekommen?«
Sie überlegte kurz. Es war kaum noch Milch da, aber für einen Becher reichte sie noch, vorausgesetzt, sie gab ihm zum Frühstück ein Toastbrot und kein Müsli und trank ihren Tee am Morgen schwarz. »Natürlich bekommst du den«, gab sie lächelnd nach.
»Willst du denn keine?«, fragte er, als sie die restliche Milch in den Becher goss und ihn in die Mikrowelle stellte.
»Nein danke, Liebling, ich will keine.«
»Kann ich Marshmallows haben?«
»Es sind keine mehr da«, gab sie zu, »aber sobald ich meinen Lohn bekomme, hole ich welche.«
»Juhu! Ich liebe Marshmallows … aber ich mag den heißen Kakao auch ohne«, fügte Jack rasch hinzu, als er die traurige Miene seiner Mama bemerkte.
Bis er seinen Schlafanzug anhatte, den Kakao getrunken, das Gesicht gewaschen und unter Kates Aufsicht gründlich die Zähne geputzt hatte, konnte er kaum noch die Beine heben und gähnte laut. Sie bugsierte ihn in sein Schlafzimmer, das gar kein richtiges Zimmer war, und redete ihm gut zu, bis er im Bett lag. Kate hatte sich schon gewundert, dass eine Zweizimmerwohnung angeboten wurde, die ihrem Budget entsprach, doch als sie zur Besichtigung kam, wurde der Grund für die niedrige Miete offensichtlich: Das sogenannte »zweite Schlafzimmer« war praktisch nur ein Schrank oder, besser gesagt, eine Schlafnische, die man vom eigentlichen Schlafzimmer durch eine dünne Wand abgetrennt hatte. Sie verfügte über eine eigene Tür, die vom kleinen Flur abging, hatte aber keine Außenwand und demzufolge auch kein eigenes Fenster. Dass Jack dort ohne Tageslicht oder Ventilation untergebracht war, bekümmerte Kate, aber sie hatte das Zimmerchen gemütlich eingerichtet – mit einer kleinen Kommode und vielen Bücherregalen, auf denen sich Kinderbücher stapelten, die überwiegend aus Secondhandläden stammten, und auf dem schmalen Bett lag buntes Bettzeug mit Raumfahrtmotiven.
Kaum hatte Kate angefangen, Jack vorzulesen, fielen ihm schon die Augen zu. Sie las noch ein wenig weiter und senkte ihre Stimme dabei nach und nach zu einem Flüstern, bevor sie das Buch zuklappte, aber kaum erhob sie sich, riss er die Augen wieder auf.
»Ich brauche einen Kolander«, verkündete er, plötzlich wieder hellwach.
»Du meinst wohl einen Kalender?«, sagte sie, setzte sich wieder und strich ihm eine Haarsträhne aus den Augen. Die Haare mussten geschnitten werden. »Einen besonderen Kalender?«
»Einen Wendkalender.«
»Für die Wand?«
»Neiin …«, erwiderte er frustriert und verzog das Gesicht. »Einen Wendkalender … damit wir wissen, wann Weihnachten ist.«
»Ah!«, sagte Kate, als der Groschen fiel. »Einen Adventskalender.«
»Genau. So einen«, bestätigte Jack erleichtert. »Ich glaube, es gibt welche mit Schokolade«, fügte er hoffnungsvoll hinzu.
»Hab ich auch gehört«, meinte Kate lächelnd. »Mal sehen, was ich tun kann.«
Rasch bewegte sie sich durch das hässliche kleine Wohnzimmer mit den schäbigen Möbeln und einer kleinen Küchenzeile an der Wand, um Jacks Sachen im Licht der Straßenlaterne aufzuheben, das durchs Fenster einfiel. Sie musste Ordnung schaffen und sich dann wenigstens noch ein paar Stunden mit ihrer Schmuckherstellung beschäftigen. Es war mehr als ein Hobby. Als Jack noch klein war, hatte sie damit angefangen, aber schon bald erwies sich dieses Kunsthandwerk als Möglichkeit, zusätzliches Geld zu verdienen, nur dass es ihr nach einem ohnehin schon anstrengenden Arbeitstag oft an Motivation mangelte.
Während sie den achtlos abgelegten Schulpullover zusammenlegte, schaute sie aus dem kleinen rechteckigen Fenster in den Nachthimmel. Ein Schmutzschleier aus Abgasen und Straßenstaub hatte sich von außen auf die Scheibe gelegt, doch der Himmel war klar, Kate konnte den Mond und sogar einige der hellsten Sterne sehen.
War es falsch gewesen, Jack zu erzählen, dass sein Vater vom Himmel auf ihn heruntersah? Ihr war es tröstlich erschienen, ihm etwas sagen zu können – vielleicht glaubte sie sogar selbst daran –, aber wenn sie jetzt auf die stecknadelgroßen Lichtpunkte schaute, die so viele Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt waren, fragte sie sich … könnte Tom tatsächlich auf irgendeine Weise dort bei ihnen sein? Tat es ihm leid, dass er sie allein zurückgelassen hatte, sie, verwitwet mit sechsundzwanzig, und den zweijährigen Jack? Sie presste ihre Stirn gegen das kalte Glas. Wie sie diese Zeit des Jahres hasste. Vor vier Jahren, nur wenige Tage vor Weihnachten, hatte es an ihrer Tür geklopft. Sie war davon ausgegangen, es sei eine der Frauen von der Armeebasis, die auf einen Kaffee vorbeikam, sich Milch ausborgen oder einfach nur plaudern wollte, aber als sie die beiden Offiziere in Ausgehuniform sah, die Käppis unter die Arme geklemmt, die Handschuhe in den Händen, wusste sie Bescheid.
Anfangs war man vonseiten der Armee mehr als entgegenkommend gewesen, hatte sie eingeladen, »so lange wie für sie nötig« in ihrem Quartier zu bleiben, aber es dauerte nur wenige Wochen, bis einer der anderen Männer – Toms Kamerad – ihr überdeutlich zu verstehen gab, dass er sie nur zu gern in ihrer Trauer »trösten« wollte, und seine Belästigungen unerträglich für sie wurden. Gleichzeitig ließ die Unterstützung der anderen Frauen rapide nach. Wo zuvor Mitgefühl war, wurde sie nun mit Argusaugen beobachtet aus Eifersucht, die hübsche junge Witwe könnte ihren Männern gefährlich werden. Kate hatte die Anzeichen zu deuten gewusst. Die Pension, die sie von der Armee bekam, war gering und reichte gerade mal für die Zusatzausgaben in dem guten, aber teuren Pflegeheim, in dem Toms Großmutter Maureen – die ihn großgezogen hatte – nur wenige Monate nach seinem Tod untergebracht worden war, nachdem ihre Demenzerkrankung, die bereits seit Jahren an ihrem Verstand zehrte, sich durch den Kummer erheblich verschlechtert hatte. Kate besuchte sie noch immer gelegentlich mit Jack, aber es war eine lange Fahrt dorthin, und Maureen erkannte außerdem niemanden mehr. In Jack sah sie den kleinen Tom, was für Jack beängstigend und verwirrend war.
Kate hatte sich aufgerafft und war nach Bristol gezogen, wo sie sich einen beschissenen Job gesucht und ein Dach über dem Kopf organisiert hatte. Der Alltagstrott hatte ihr keine Zeit zum Nachdenken gelassen und ihr geholfen weiterzumachen. Seit Toms Tod verband sich bei ihr mit Weihnachten ein besonders starkes Verlangen, sich unter einer Decke zu verkriechen und erst wieder aufzutauchen, wenn alles vorbei war. Stattdessen nahm sie all ihre Kraft zusammen und sorgte dafür, dass Jack einen schönen Weihnachtstag hatte, aber dieses Jahr war er älter, bekam viel mehr mit und wusste deshalb schon viel früher, dass Weihnachten vor der Tür stand. Morgen war bereits der erste Dezember. Überall machte sich Vorfreude breit, und Kate würde das Verlangen nach einer Decke einen ganzen Monat lang unterdrücken müssen. Allein der Gedanke daran entlockte ihr ein lautes Stöhnen.
War das wirklich alles, was das Leben für sie beide nun in petto hatte? Die Armut, die Müdigkeit, die Freudlosigkeit …? Vor Toms Tod hatte sie Weihnachten geliebt. Er hatte gelacht über ihre Rituale, ihre Pläne, die bereits im Oktober mit Geschenkelisten begannen, worauf dann im November das Plätzchenbacken folgte und sie zu schnulzigen Weihnachtsliedern ihrer Playlist auf dem iPad – Slade, George Michael, Mariah Carey – durch die Küche tanzte … wo war diese alte Kate geblieben? Sie starrte aus dem Fenster in den Himmel. Das war sie jetzt.
Selbst auch ein Stern: kalt, fern, distanziert und einsam.
Jack hatte bereits einen Elternteil verloren. Er durfte nicht noch den anderen verlieren. Sie musste die Weihnachtsfreude mit ihrem Sohn teilen, ihm eine richtige Mutter sein, da sein … Genau das hatte er verdient, aber woher sollte sie die Kraft dazu nehmen?
Sie brauchte ein Weihnachtswunder.