Cover

Buch

Todestanz

Etwas Seltsames passiert mit Eve Dallas: Sie hat Visionen und Déjà-vus und spricht plötzlich fließend Russisch. Und sie muss eine Frau finden, die spurlos verschwunden ist – wie auch acht weitere junge Frauen, alles Tänzerinnen. Kann sie ihre neuen »Kräfte« für diese Suche einsetzen?

Eine heiße Spur

Ein seltsamer Fall hält Eve Dallas in Atem, denn die einzige Augenzeugin eines Mordes berichtet, dass der Killer grüne Haut, geschwollene rote Augen und Koboldohren hat. Ist es eine Maske, oder gutes Make-up? Die Ermittlungen führen sie zu einer Reihe von Medizinstudenten, aber wer von ihnen hat ein Motiv?

Der besessene Mörder

Zwei kleine Kinder verschwinden spurlos, ihre Nanny wird tot aufgefunden. Auf der Suche nach den Kindern wird Eve Dallas mit einem Killer konfrontiert, der sich rächen will – koste es, was es wolle! Und Eve läuft die Zeit davon …

Mörderlied

Eine junge Erbin ermordet ihren Bruder und springt danach von einem Dach in den Tod. Eve Dallas glaubt nicht an ein Familiendrama oder an einen Selbstmord und ermittelt schließlich in einem seltsamen Fall von Gehirnwäsche und Manipulation …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren und veröffentlichte 1981 ihren ersten Roman. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Liste lieferbarer Titel

Rendezvous mit einem Mörder · Tödliche Küsse · Eine mörderische Hochzeit · Bis in den Tod · Der Kuss des Killers · Mord ist ihre Leidenschaft · Liebesnacht mit einem Mörder · Der Tod ist mein · Ein feuriger Verehrer · Spiel mit dem Mörder · Sündige Rache · Symphonie des Todes · Das Lächeln des Killers · Einladung zum Mord · Tödliche Unschuld · Der Hauch des Bösen · Das Herz des Mörders · Im Tod vereint · Tanz mit dem Tod · In den Armen der Nacht · Stich ins Herz · Stirb, Schätzchen, stirb · In Liebe und Tod · Sanft kommt der Tod · Mörderische Sehnsucht · Ein sündiges Alibi · Im Namen des Todes · Tödliche Verehrung · Süßer Ruf des Todes · Sündiges Spiel · Mörderische Hingabe · Verrat aus Leidenschaft · In Rache entflammt · Tödlicher Ruhm · Verführerische Täuschung · Aus süßer Berechnung · Zum Tod verführt · Das Böse im Herzen

Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas · Mörderstunde. Drei Fälle für Eve Dallas

Nora Roberts ist J. D. Robb

Ein gefährliches Geschenk

J. D. Robb

Mörderlied

Vier Fälle für Eve Dallas

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgaben der Kurzromane erschienen 2010, 2011, 2012 und 2015

unter den Titeln »Possession in Death«, »Chaos in Death«, »Taken in Death« und »Wonderment in Death« bei Jove Books,
The Berkley Publishing Group, a member of Penguin Group (USA) Inc., New York.

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Copyright © der Originalausgabe 2010, 2011, 2012, 2015

by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe by Blanvalet Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Regine Kirtschig

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: plainpicture/Andrea Schoenrock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

LH ∙ Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-25577-0
V002

www.blanvalet.de

Todestanz

Denn Liebe ist stark wie der Tod.

Salomo

Was bist du und woher, verfluchtes Bild?

John Milton

1

Sie hatte ihren Vormittag mit einem Mörder zugebracht.

Er hatte streng bewacht in einem Bett im Krankenhaus gelegen, denn sein eigener Komplize hätte ihn versehentlich fast umgebracht, aber sie hatte nicht einen Hauch von Mitleid mit dem Kerl.

Natürlich war sie froh, dass er noch lebte, denn sie wünschte ihm viele, viele Jahre möglichst in einer der Sträflingskolonien irgendwo im All. Die Beweise, die sie und ihre Leute gegen ihn gesammelt hatten, waren so erdrückend, dass der Staatsanwalt bei ihrer Durchsicht beinah einen kleinen Freudentanz vollführt hätte. Wobei das Sahnehäubchen auf dem Kuchen das Geständnis war, das sie dem Kerl entlocken konnte, während er ihr gegenüber eine spöttische Bemerkung nach der anderen fallen ließ.

Nachdem es ihm nicht gelungen war, sie am Vortag zu töten, obwohl er sich alle Mühe gegeben hatte, war seine Häme einfach von ihr abgeprallt.

Sylvester Moriarity würde dank der besten medizinischen Behandlung, die man einem Menschen im New York des Jahres 2060 angedeihen lassen konnte, wieder vollkommen gesund, und nach seiner Genesung in das Gefängnis überführt, in dem sein Kumpel Winston Dudley bereits saß. Dort würden sie auf die Eröffnung des Prozesses warten, über den bestimmt im großen Stil berichtet würde, da sie beide Sprosse reicher, angesehener Familien waren.

Für sie war der Fall jetzt schon abgeschlossen, dachte Eve, als sie an diesem heißen Samstagnachmittag nach Hause fuhr. Den Toten war die einzige Gerechtigkeit zuteilgeworden, die sie ihnen anzubieten hatte, und ihre Familien und Freunde müssten sich mit dem Gedanken trösten, dass die beiden Kerle für das Leid, das den geliebten Menschen ihretwegen widerfahren war, zahlen würden.

Trotzdem ließen die Grausamkeit und Egozentrik dieser beiden Männer sie noch immer nicht ganz los. Sie hatten sich aufgrund ihrer eigenen Wichtigkeit und ihres gesellschaftlichen Stands das Recht herausgenommen, Mord als amüsanten Zeitvertreib oder vielleicht auch schlicht als ihnen zustehenden Luxus anzusehen.

Sie manövrierte ihren Wagen durch die Straßen von New York. Es herrschte der gewohnte Lärm aus Hupen und nervtötender Fröhlichkeit, mit der die Werbeflieger Kundschaft in die Sky Mall oder andere Geschäfte locken wollten. Die Bürgersteige waren, wie wahrscheinlich auch die Läden, mit Touristen überfüllt, die sich die an den Schwebegrills verkauften Sojadogs und Pommes schmecken ließen, während sie in den gepriesenen Geschäften und bei diversen Straßenhändlern auf der Jagd nach Andenken und Schnäppchen waren.

Ein brodelnder Hexenkessel, dachte Eve, und die drückende Hitze, die in diesem Sommer auf der Stadt lag, trug das ihre dazu bei.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr, wie sich ein Taschendieb blitzschnell an einem Touristenpaar vorbeischob, dem die eigene Sicherheit eindeutig nicht so wichtig war wie das Staunen über die Gebäude und die hochmodernen Gleitbänder, die sie umgaben. Im Handumdrehen verschwand die Brieftasche des Mannes in einer der Taschen seiner schlabberigen Cargohose, bevor er wie eine Schlange durch den Pulk an Menschen glitt, der sich über die Straße schob.

Wenn sie zu Fuß oder zumindest in derselben Richtung unterwegs gewesen wäre, hätte sie sich an die Fersen dieses Kerls geheftet, und wahrscheinlich hätte ihre Stimmung sich bei der Verfolgung deutlich aufgehellt. So aber tauchten er und seine Beute einfach ab, und wenn ihn niemand anderes stoppte, nähme er an diesem Tag bestimmt noch jede Menge argloser Touristen aus.

Das Leben ging immer weiter, egal was auch geschah.

Als Lieutenant Eve Dallas endlich in die Einfahrt ihres ausgedehnten Grundstücks bog, rief sie sich diesen Leitspruch nochmals in Erinnerung. Egal, was auch passiert war, ging das Leben weiter, was die Grillparty, zu der sie heute eine Horde Polizisten, Freundinnen und Freunde eingeladen hatten, nachdrücklich bewies.

Bis vor zwei Jahren wäre sie nie auf die Idee gekommen, einen Samstagnachmittag auf diese Weise zu verbringen, aber schließlich hatte sie damals auch keinen Ehemann gehabt. Statt in einem von besagtem Gatten selbst entworfenen Palast hatte sie in einer kleinen Wohnung mit nur einer Handvoll Möbel mitten in der Stadt gelebt. Der Mann, mit dem sie kurz zuvor den zweiten Hochzeitstag gefeiert hatte, hatte das Verlangen, die Vision und die erforderlichen finanziellen Mittel zur Errichtung eines wunderbaren Hauses mit zahlreichen elegant und funktional möblierten Räumen inmitten einer ausgedehnten Parklandschaft mit Bäumen, Sträuchern, bunt blühenden Blumen und selbst bei sommerlicher Hitze leuchtend grünem Gras gehabt.

Ein einladender, friedlicher und warmer Ort. Genau das brauchte sie im Augenblick vielleicht sogar noch mehr als sonst.

Sie ließ den Wagen vor der Haustür stehen, damit Summerset ihn in die Garage fuhr, und hoffte, dass sie in ihr Schlafzimmer gelangen würde, ohne dass Roarkes Butler vogelscheuchengleich am Fuß der Treppe stand.

Sie brauchte nur ein paar Minuten in der kühlen Stille dieses Raums, um vor der Invasion der Gäste die bedrückte Stimmung abzuschütteln, in der sie seit dem Gespräch mit dem Mörder war.

Auf halbem Weg zur Haustür blieb sie stehen. Um Himmels willen, schließlich gab es auch noch andere Eingänge ins Haus, warum in aller Welt hatte sie bisher nie daran gedacht? Sie joggte los, und ihre langen Beine trugen sie im Handumdrehen durch einen kleinen, von einer hübschen Steinmauer umgebenen Garten, dann weiter über eine der Terrassen bis zu einer Seitentür. Sie zog sie auf, rollte mit ihren müden braunen Augen, weil sie keine Ahnung hatte, ob der Raum, den sie betrat, ein Wohn-, ein Frühstücks- oder Fernsehzimmer war, und schlich sich so verstohlen wie der Taschendieb durch das Foyer, bis sie ein Spielzimmer erreichte, das ihr annähernd vertraut war und ihr deutlich machte, wo sie war.

Sie rief den Fahrstuhl, und als die Türen sich schlossen, schloss sie im Bewusstsein ihres kleinen Sieges auch die Augen und lehnte sich müde an die Wand.

Der Lift trug sie direkt ins Schlafzimmer, oben angekommen fuhr sie sich mit einer Hand durch das wirre braune Haar, zog die Jacke aus und warf sie achtlos über einen Stuhl. Dann lief sie weiter bis zu dem riesengroßen Bett und nahm ermattet auf der Kante Platz. Am liebsten hätte sie sich ausgestreckt und kurz geschlafen, aber dafür gingen ihr zu viele Dinge durch den Kopf.

Also blieb sie als erfahrene Mordermittlerin, die bereits unzählige Male durch das Blut von irgendwelchen unschuldigen Opfern gewatet war, einfach sitzen und gab sich der Trauer um die Opfer ihrer letzten beiden Mörder hin.

Als Roarke ins Zimmer kam, erkannte er an ihren hängenden Schultern und dem ausdruckslosen Blick, mit dem sie aus dem Fenster sah, wie es ihr ging. Entschlossen setzte er sich neben sie, nahm ihre Hand und stellte fest: »Ich hätte dich begleiten sollen.«

Sie schüttelte den Kopf, lehnte sich aber an ihn. »Zivilisten haben bei Verhören nichts zu suchen. Selbst wenn du als Berater wie schon öfter mit von der Partie gewesen wärst, hätte das nichts daran geändert, wie es abgelaufen ist. Ich habe diesen Typ kalt erwischt, nicht einmal das Bataillon an Anwälten, das ihm zur Seite stehen sollte, kam gegen die Beweise an. Vor lauter Freude hätte mich der Staatsanwalt fast auf den Mund geküsst.«

Auf diesen Satz hin küsste Roarke ihr sanft die Hand. »Trotzdem bist du traurig.«

Sie schloss die Augen und genoss die Wärme seiner Hand, den Hauch von Irland, der in seiner Stimme lag, und seinen ganz besonderen Duft. »Nicht traurig oder … Gott, ich weiß nicht, was ich bin. Im Grunde sollte ich mich freuen. Ich habe meinen Job gemacht, die Morde aufgeklärt und konnte den beiden ins Gesicht sehen und sie wissen lassen, dass man sie dafür zu lebenslangen Haftstrafen verurteilen wird.«

Entschlossen stieß sie sich von der Matratze ab, stapfte zum Fenster, kam zurück und stellte fest, dass ihr der Sinn nach etwas anderem als Trost und Frieden stand. Sie brauchte einen Ort, um alles rauszulassen, um den heißen Zorn, den sie verspürte, loszuwerden.

»Es hat ihn angekotzt, dort in dem Bett zu liegen, weil das dämliche, antike italienische Florett von seinem Kumpel aus Versehen in seiner Brust gelandet ist.«

»Es sollte eigentlich dich erwischen«, rief Roarke ihr in Erinnerung.

»Genau. Moriarity ist super angefressen, weil Dudley mich nicht erwischt hat und ich selbst im Gegensatz zu ihm gesund und munter bin.«

»Davon gehe ich aus«, stimmte Roarke ihr mit kalter Stimme zu. »Aber du bist nicht deswegen so aufgewühlt.«

Sie blieb stehen und sah ihn einfach an. Die leuchtend blauen Augen in dem fein gemeißelten Gesicht, die dichte Mähne schwarzen Haars, der Mund eines Poeten, den er fest zusammenpresste, als er daran dachte, dass sie diesen Kerlen erst im letzten Augenblick entkommen war.

»Du weißt, dass sie mich nie hätten erwischen können, denn schließlich warst du selbst dabei.«

»Trotzdem hast du etwas abgekriegt.« Roarke wies auf die noch nicht verheilte Stichwunde in ihrem Arm.

Sie tippte die Verletzung an. »Was uns im Endeffekt geholfen hat. Mit dem versuchten Mord an einer Polizistin haben wir den Sack endgültig zugemacht. Vor allem hat dadurch keiner von den beiden einen Punkt in ihrem Wettbewerb gemacht. Am Ende ging es unentschieden aus, was meiner Meinung nach, auch wenn das vielleicht seltsam klingt, von Anfang an ihr Ziel war. Nur hätte dieser Wettstreit deutlich länger dauern sollen. Weißt du, was der Sieger kriegen sollte? Weißt du, wie hoch das Preisgeld dieses teuflischen Turniers war?«

»Das weiß ich nicht, aber ich sehe, dass du es herausbekommen hast.«

»Am Ende hat Moriarity es mir erzählt. Ein Dollar. Ein verdammter Dollar, Roarke. Für diese beiden war das alles nur ein Riesenwitz. Das macht mich krank.«

Zu ihrem Entsetzen füllten ihre Augen sich mit Tränen, doch sie kämpfte heldenhaft dagegen an und stellte abermals mit rauer Stimme fest: »Das macht mich einfach krank. Alle diese Toten, all diese zerstörten Leben, und dann macht mich so was krank? Keine Ahnung, warum gerade der eine Dollar mir derart auf den Magen schlägt. Ich habe schon viel Schlimmeres erlebt. Das heißt, wir beide haben schon viel Schlimmeres erlebt.«

»Aber kaum etwas, was so sinnlos ist.« Auch er stand wieder auf, trat auf sie zu und rieb ihr sanft die Arme. »Es gab keinen Grund, all diese Menschen umzubringen. Keine Vendetta, keinen Traum, keinen Wunsch nach Rache, keine Habgier, keinen Zorn. Es war einfach ein Spiel. Ich kann gut verstehen, dass dir das auf den Magen schlägt. Denn das tut es mir auch.«

»Ich habe ihre nächsten Angehörigen verständigt«, fing sie an. »Auch die der Opfer, die die beiden ermordet haben, bevor sie nach New York gekommen sind. Deshalb war ich so lange unterwegs. Ich dachte, dass ich die Familien informieren müsste und mich besser fühlen würde, wenn der Fall vollkommen abgeschlossen ist. Einige der Leute waren mir dankbar, andere waren wütend oder sind in Tränen ausgebrochen, aber alle haben mich nach dem Grund dafür gefragt, dass Tochter, Mutter oder Ehemann ermordet worden sind.«

»Was hast du ihnen gesagt?«

»Dass es manchmal keinen Grund für solche Taten gibt oder keinen, den man nachvollziehen kann.« Erneut kniff sie die Augen zu. »Ich möchte wütend sein.«

»Das bist du auch, obwohl bisher die Trauer überwiegt. Neben all der Wut und Trauer weißt du, du hast einen guten Job gemacht. Und bist am Leben, liebste Eve.« Er zog sie sanft an seine Brust und presste ihr die Lippen auf die Braue. »Was bedeutet, dass die zwei am Schluss die Verlierer sind.«

»Wahrscheinlich hast du recht. Ich nehme an, dass mir das reichen muss.«

Sie rahmte sein Gesicht mit den Händen ein und stellte mit einem leisen Lächeln fest: »Vor allem hassen uns die beiden. Was meiner Meinung nach eine zusätzliche Genugtuung ist.«

»Ich wüsste niemanden, von dem ich lieber gehasst würde, und es ist mir eine Ehre, wenn jemand, der dich hasst, seinen Hass auf mich erstreckt.«

Jetzt dehnte sich ihr Lächeln bis in die Augen aus. »Genauso geht’s mir auch. Wenn ich mich statt auf den Dollar auf den Hass der beiden konzentriere, könnte ich durchaus in Feierlaune kommen. Am besten gehen wir also langsam runter und nehmen unsere Gäste in Empfang.«

»Aber vorher ziehst du dich noch um. Ohne dicke Stiefel und vor allem ohne Waffe wirst du sicherlich noch mehr in Feierlaune sein.«

Bis sie in einer dünnen Baumwollhose und in Leinenturnschuhen nach unten kam, waren ihre Partnerin und deren Freund schon da. Peabody trug ein geblümtes, weich schwingendes Sommerkleid zu ihrem wild wippenden, kurzen dunklen Pferdeschwanz, und Ian McNab, der ein genialer elektronischer Ermittler war, trug Flipflops unter leuchtend pinkfarbenen Schlabbershorts und einem eng sitzenden ärmellosen T-Shirt, dessen Zickzackmuster Eve an einen atomaren Regenbogen denken ließ.

Das halbe Dutzend Silberringe, die sein linkes Ohr verzierten, klimperte, als er den Kopf drehte und fröhlich rief: »He, Dallas. Wir haben Ihnen etwas mitgebracht.«

»Den selbst gemachten Wein von meiner Oma«, klärte Peabody sie auf und hielt ihr eine Flasche hin. »Ich weiß, Sie haben einen Weinkeller, der mindestens so groß wie Kalifornien ist, aber wir dachten, dass das mal was anderes ist. Das Zeug ist wirklich gut.«

»Genau das kann ich jetzt gebrauchen. Also gehen wir am besten raus und sehen, ob die Brühe hält, was sie verspricht.«

Peabody sah sie forschend an. »Sind Sie okay?«

»Der Staatsanwalt vollführt bestimmt noch immer seinen Freudentanz. Der Fall ist abgeschlossen«, sagte sie, ging aber nicht genauer darauf ein. Es hätte keinen Sinn, der Partnerin jetzt die Einzelheiten zu erzählen, die ihr nicht weniger zu schaffen machen würden als ihr selbst.

»Dann stoßen wir am besten erst mal auf die Mord- und selbstverständlich auch die elektronischen Ermittler an«, schlug Roarke mit einem Augenzwinkern zu McNab vor.

Auf der großen Steinterrasse waren bereits Tische voller Essen, Sonnenschirme und der Monstergrill, den Roarke inzwischen annähernd beherrschte, aufgebaut. Die Gäste wurden in die Farben und den Duft der Blumen aus dem Garten eingehüllt und tranken von dem selbst gemachten Wein, der wirklich mehr als lecker war.

Eine halbe Stunde später war die Luft vom Duft gebratenen Fleischs erfüllt, und Garten und Terrasse füllten sich mit all den Leuten, die zu Eves Verblüffen Teil von ihrem Leben waren.

Das Team, mit dessen Hilfe ihr die Aufklärung des Dudley-Moriarity-Falls gelungen war, Staatsanwältin Reo und das frisch vermählte Ehepaar Dr. Louise Dimatto und Charles Monroe, Ex-Callboy und heute Therapeut, saßen an einem großen Tisch und machten sich begeistert über die Salate her.

Chefpathologe Morris, dessen Trauer um seine ermordete Geliebte den Impuls zu diesem Fest gegeben hatte, trank ein Bier mit Pater Lopez, der ihm in den letzten Monaten zu einem guten Freund geworden war.

Ein bisschen seltsam, dass ein Priester – auch wenn sie ihn mochte und vor allem respektierte – hier bei ihr zu Gast war, doch zumindest war er in Zivil.

Nadine Furst, die Starreporterin und Bestsellerautorin, unterhielt sich angeregt mit der Psychologin Dr. Mira und mit deren liebenswertem Ehemann.

Sie sollte vielleicht öfter mal auf diese Art im Kreise ihrer Freunde Dampf ablassen, dachte Eve, auch wenn sie darin bisher noch ein wenig unerfahren war. Denn es war schön zu sehen, wie Feeney ihrem Gatten Nachhilfe im Grillen gab und dass der junge Trueheart in Begleitung seiner hübschen, scheuen Freundin auf dem Fest erschienen war.

Verdammt, am besten tränke sie noch ein Glas von dem feinen Wein, den Peabody …

Bevor sie nach der Flasche greifen konnte, drang das helle Lachen ihrer besten Freundin an ihr Ohr.

Mavis Freestone kam in silbernen Sandalen, deren Schnüre bis unter den Saum eines lavendelfarbenen, geschlitzten Minirocks zu reichen schienen, und mit aufgetürmten, ebenfalls lavendelfarbenen Haaren auf sie zugestürzt. In ihren Armen hielt sie Baby Bella, und der stolze Vater Leonardo strahlte seine beiden Mädchen an.

»Dallas!«

»Seid ihr nicht in London?«, fragte Eve und wurde in ein Meer aus Farbe, Duft und Freude eingehüllt.

»Wir wollten dieses Fest auf keinen Fall verpassen! Also sind wir kurz nach New York gekommen und fliegen morgen wieder zurück. Trina ist im Haus und spricht noch kurz mit Summerset.«

Eve wurde schreckensstarr. »Trina …«

»Keine Angst, sie ist zum Feiern hier, nicht, weil sie dir die Haare machen will. Aber sie hat Bellas Haar gemacht – sieht es nicht einfach super aus?«

Das strahlende Gesicht des Babys wurde von Milliarden sonnenheller Löckchen vollständig mit kleinen pinkfarbenen Schleifen eingerahmt.

»Okay, es sieht …«

Bevor sie ihren Satz beenden konnte, stieß die Freundin juchzend aus: »Es sind tatsächlich alle hier, die ich schon ewig wieder einmal treffen wollte! Ich muss schnell los und alle drücken. Halt du bitte kurz mein Bellamisa-Schätzchen fest.«

»Dann hole ich uns erst mal was zu trinken.« Leonardo tätschelte Eve aufmunternd den Arm und glitt in seiner wadenlangen roten Hose Richtung Bar.

»Ich …« Eve rang erstickt nach Luft, denn plötzlich hatte sie die Arme voll mit einem wippenden und sabbernden Geschöpf, das Furcht einflößender als jeder Mörder war.

»Du hast inzwischen ganz schön zugelegt«, stieß sie mit rauer Stimme aus und sah sich suchend um. Bevor sie aber jemanden entdeckte, der die Kleine vielleicht gerne übernähme, packte Bella juchzend eine Strähne ihrer Haare, riss daran herum und …

… drückte ihrer Patentante ihre feuchten Lippen ins Gesicht.

»Matzer!«

»Gott oh Gott. Was soll das heißen?«

»Schmatzer«, rief ihr Mavis zu und winkte mit einem pinkfarbenen Drink. »Sie möchte, dass du ihr ein Küsschen gibst.«

»Oh Mann. Aber in Ordnung, meinetwegen. Warum nicht?« Sie spitzte vorsichtig die Lippen, presste sie auf Bellas Wange, und als die genau so hell wie ihre Mutter lachte, schlug sie grinsend vor: »Jetzt gehen wir los und suchen jemand anderen, den du vollsabbern kannst.«

2

Niemand aß wie Cops. Auch Ärztinnen und Priester machten ihre Sache durchaus gut, fand Eve, als sie den Pater, Mira, Morris und Louise in ihre Burger beißen sah. Doch gegen eine Horde Polizisten käme nicht einmal ein Rudel ausgehungerter Hyänen an.

Vielleicht lag’s an der Vielzahl von verpassten Mahlzeiten und den klischeebeladenen Donuts, die sie ständig im Vorbeigehen aßen. Aus welchem Grund auch immer, wenn Polizisten irgendwo zum Essen eingeladen waren, schaufelten sie die gebotenen Speisen bergeweise in sich rein.

»Das ist echt schön.« Nadine gesellte sich zu Eve und stieß deren Bierflasche mit ihrem Weinglas an. »Ein schöner Tag mit jeder Menge netter Leute, mit denen man abhängen und wunderbar entspannen kann. Zum Dank werde ich bis Montag warten, um darauf zu drängen, dass Sie in meine Sendung kommen und von Dudley und Moriarity erzählen.«

»Der Fall ist abgeschlossen.«

»Ich weiß, ich habe schließlich meine Quellen. Wenn ich nicht unterwegs gewesen wäre, um in ein paar anderen Städten für mein Buch zu werben, hätte ich Sie deshalb schon viel eher aufgesucht.«

Die Journalistin lächelte. Zu ihrem etwas längeren, offenen, sonnengesträhnten Haar trug sie ein ärmelloses T-Shirt über einer abgeschnittenen Jeans und einem Fußkettchen, doch selbst in diesem wenig eleganten Aufzug hätte sie sich vor einer Kamera gut gemacht.

»Heute werde ich Sie mit der Angelegenheit in Ruhe lassen«, fügte sie hinzu und trank den nächsten Schluck Wein. »Wissen Sie, was ich an Ihren Grillfesten besonders mag?«

»Das Essen und den Alkohol?«

»Die sind zwar erste Sahne, aber nein. Ich liebe es, dass man immer jede Menge interessante Leute trifft. Egal, mit wem ich mich hier unterhalte, es wird niemals langweilig. Sie haben die besondere Fähigkeit, verschiedene, interessante Typen um sich zu versammeln, die trotz aller Unterschiede bestens miteinander harmonieren. Wo sonst trifft man auf jemanden wie Crack«, bezog sie sich auf den zwei Meter großen, tätowierten Eigner eines Striplokals, »und gleichzeitig auf biedere und eher zurückhaltende Leute wie den strammen Trueheart und die hübsche junge Frau, die ihn hierher begleitet hat.«

»Cassie aus dem Archiv.«

»Cassie aus dem Archiv«, bestätigte Nadine. »Ich würde gerne rausfinden, was zwischen ihnen läuft.«

Sie wandte sich den beiden zu, und Eve schlenderte langsam Richtung Grill, wo Feeney das Kommando übernommen hatte und sich gut gelaunt mit Dennis Mira unterhielt. Wie Crack und Trueheart konnten auch der Cop in dem abgetragenen Anzug und mit den wirren grau melierten, roten Haaren und der schlaksige Professor mit dem träumerischen Blick verschiedener nicht sein.

»Na, wie stehen die Aktien?«, fragte sie.

»Wir haben noch ein paar Bestellungen für Burger und für diese Fleischstücke.« Feeney drehte eine der halb garen Frikadellen um.

»Ich frage mich, wo sie das ganze Essen lassen.« Dennis schüttelte verständnislos den Kopf.

»Polizistenmägen.« Feeney zwinkerte Eve zu. »In die passt doppelt so viel wie in andere Mägen rein.«

»Trotzdem lasst ihr besser noch ein bisschen Platz, weil es Erdbeerkuchen und Zitronenbaiser-Torte zum Nachtisch gibt.«

Feeney hatte gerade eine weitere Frikadelle drehen wollen, ließ sie aber einfach erst mal auf dem Wender liegen und sah Eve mit großen Augen an. »Es gibt Zitronen-Baiser-Torte und Erdbeerkuchen?«

»So sieht’s aus.«

»Und wo stehen diese Köstlichkeiten?«

»Keine Ahnung. Frag am besten Summerset.«

»Das lass ich mir nicht zwei Mal sagen.« Er wendete die Frikadelle und drückte den Wender Dennis Mira in die Hand. »Machen Sie kurz weiter. Ich besorge mir schnell meinen Teil vom Kuchen, bevor diese Geier Wind davon bekommen und nichts mehr übrig ist.«

Als Feeney losmarschierte, wandte Dennis sich in hoffnungsvollem Ton an Eve. »Gibt es auch Schlagsahne dazu?«

»Ich gehe davon aus.«

»Ah.« Entschlossen hielt er ihr den Wender hin. »Wären Sie wohl so nett?«, bat er und tätschelte ihr väterlich den Kopf. »Erdbeerkuchen mit Sahne. Da kann ich unmöglich widerstehen.«

»Oh …« Bevor sie widersprechen konnte, hatte sich auch Dennis Mira auf den Weg in Richtung Haus gemacht.

Sie starrte auf die Frikadellen und die Fleischstücke auf dem Grill. Sie waren nicht ganz so Furcht einflößend wie ein Baby auf dem Arm, aber … Woher zum Teufel wusste man, wann diese Sachen fertig waren? Ertönte vielleicht irgendein Signal? Sollte sie sie regelmäßig wenden, oder war es besser, wenn sie sie in Ruhe ließ?

Es brutzelte und rauchte, und der Anblick all der Anzeigen und Schalter machte sie nervös. Vorsichtig hob sie den Deckel über einem zweiten Grillrost an, betrachtete die fetten Würstchen, die dort brieten und wie heiße, aufgequollene Penisse aussahen, klappte den Deckel wieder zu und atmete erleichtert auf, als Roarke an ihrer Seite Position bezog.

»Die beiden haben mich mit der Aussicht auf Zitronenbaiser und Erdbeerkuchen einfach hier im Stich gelassen. Gut, dass du jetzt wieder übernehmen kannst.« Sie drückte ihm den Wender in die Hand. »Ich lass das hier lieber bleiben, sonst muss Louise am Ende noch den Arztkoffer aus ihrem Wagen holen und sich an die Arbeit machen.«

Er blickte auf den Grill, und sie sah das herausfordernde Blitzen, das in seine Augen trat.

»Tatsächlich ist grillen eine ungemein befriedigende Angelegenheit«, stellte er fest und bot ihr an: »Ich könnte es dir beibringen, wenn du willst.«

»Nein danke. Ich empfinde es schon als befriedigend genug, wenn ich die Sachen essen kann.«

Er schob die Frikadellen vom Rost auf einen Teller, bevor er mit einer Zange nach einem Fleischstück griff.

»Das hätte ich wahrscheinlich auch noch hingekriegt. Aber woher weißt du, dass die Sachen fertig sind?«

»Du hast eben andere Fähigkeiten.« Lächelnd beugte er sich über den mit Fleisch beladenen Teller und presste ihr sanft die Lippen auf den Mund.

Ein schöner Augenblick, sagte sich Eve und sog den Duft des Fleischs, den Klang der Stimmen ihrer Freunde und die sommerliche Hitze in sich auf, als Pater Lopez wie der Boxer, der er mal gewesen war, mit leicht tänzelnden Schritten auf sie zugelaufen kam.

»Bereit für einen Nachschlag, Chale?«, erkundigte sich Roarke.

»Es passt leider nichts mehr rein. Ich wollte mich bei Ihnen für die Einladung bedanken. Sie haben ein wunderschönes Heim und wunderbare Freunde.«

»Sie wollen doch wohl nicht schon wieder gehen?«

»Ich hätte diesen Nachmittag auf keine schönere Art verbringen können, aber ich leite die Abendmesse in St. Cristóbal. Da wir heute Abend auch noch eine Taufe haben, muss ich ein paar Dinge vorbereiten und mache mich besser langsam auf den Weg.«

»Ich fahre Sie«, erbot sich Eve.

»Das ist nett von Ihnen.« Er blickte sie aus warmen braunen Augen an, in denen immer eine Spur von Traurigkeit und Wehmut lag. »Aber ich kann Sie doch nicht einfach Ihren Gästen wegnehmen.«

»Die sind alle noch beim Essen, bevor sie mit dem Nachtisch fertig sind, bin ich auf jeden Fall zurück.«

Noch immer schaute er sie an, und ihr war klar, dass er etwas in ihren Augen sah, denn plötzlich nickte er und sagte. »Vielen Dank, das wäre nett.«

»Hier, stell den zu den Salaten«, sagte Roarke und drückte Eve den Teller mit den Frikadellen und den Fleischstücken in die Hand. »Wenn Chale keine Zeit mehr für den Nachtisch hat, packt Summerset ihm einfach welchen ein.«

»Dann wäre ich der Held des Pfarrhauses. Jetzt verabschiede ich mich noch von den anderen.«

»Danke«, sagte Eve zu Roarke, als Lopez wieder bei anderen Gästen stand. »Es gibt da einfach ein paar Dinge, über die ich gerne mit ihm sprechen würde, es wird ganz bestimmt nicht lange dauern.«

»Kein Problem. Ich lasse deinen Wagen gleich aus der Garage holen.«

Sie wusste nicht genau, wie sie beginnen sollte oder woher das Bedürfnis rührte, sich mit einem Priester auszutauschen, aber wie von ihm nicht anders zu erwarten, machte Lopez es ihr leicht.

»Es geht um Li«, setzte er an, während sie aus der Einfahrt auf die Straße bog.

»Unter anderem. Ich sehe Morris meist im Leichenschauhaus, habe aber trotzdem ein Gefühl dafür entwickelt, wie’s ihm geht. Das sehe ich zum Beispiel seiner Kleidung an. Ich weiß, dass er das Schlimmste überwunden hat, aber …«

»Es ist hart, die Trauer eines Freundes mitzuerleben. Die Dinge, über die wir sprechen, sind allerdings vertraulich, also kann ich Ihnen keine Einzelheiten nennen, aber Li ist ein starker und spiritueller Mann, und er hat genau wie Sie fast täglich mit dem Tod zu tun.«

»Die Arbeit tut ihm gut. Das kann ich sehen«, gab Eve zurück, »das hat er auch selbst gesagt.«

»Ja. Es hilft ihm, dass er sich um Menschen kümmern kann, die wie seine Amaryllis einen grausamen, sinnlosen Tod gestorben sind. Sie fehlt ihm, und er trauert um die Chance, sich mit ihr zusammen etwas aufzubauen. Aber der Großteil seines Ärgers ist verraucht. Was immerhin ein Anfang ist.«

»Ich weiß nicht, wie ein Mensch es schafft, den Zorn zu überwinden. Ich an seiner Stelle hätte ihn wahrscheinlich gar nicht überwinden wollen.«

»Sie haben ihm irdische Gerechtigkeit verschafft. Danach hat er versucht zu akzeptieren, was geschehen ist, und in dem Glauben Kraft zu finden, dass sie jetzt in Gottes Händen, oder wenn auch nicht in Gottes Händen, so auf jeden Fall in eine andere Welt übergetreten ist.«

»Wenn diese andere Welt so toll ist, warum rackern wir uns dann ab, um möglichst lange hier in dieser Welt zu bleiben?«, fragte Eve. »Warum kommt uns dann der Tod so sinnlos vor, und warum tut er derart weh? All diese Menschen, die ihr Leben leben, bis jemand beschließt, es zu beenden. Das sollte uns sauer machen. Vor allem die Toten selber sollten deshalb sauer sein. Vielleicht sind sie das ja auch, denn manchmal lassen sie einfach nicht los.«

»Mörder übertreten die Gesetze Gottes und der Menschen. Das verlangt nach einer Strafe.«

»Also bringe ich sie hinter Gitter, und von da aus geht es weiter in die Hölle? Könnte durchaus sein. Ich weiß es nicht. Doch was ist mit den Opfern selbst? Einige sind unschuldig und haben keiner Menschenseele je auch nur ein Haar gekrümmt, aber andere sind genauso oder fast so schlecht wie die, von denen sie ermordet worden sind. Hier auf Erden muss ich alle gleich behandeln, meine Arbeit machen und herausfinden, wer sie getötet hat. Das kann und muss ich tun. Aber manchmal frage ich mich, ob das für die unschuldigen Opfer und die Hinterbliebenen wie Morris reicht.«

»Sie haben eine schwere Woche hinter sich.«

»Auf jeden Fall.«

»Wenn es Ihnen einzig darum ginge, einen Fall zu lösen, hätten Sie nie vorgeschlagen, dass Ihr Freund sich mit mir trifft, würden jetzt nicht diese Unterhaltung mit mir führen und Ihrer Arbeit, für die Sie aus meiner Sicht geboren sind, nicht seit Jahren mit der Leidenschaft nachgehen, die Sie zu einer derart guten Polizistin macht.«

»Manchmal wünschte ich, ich könnte sehen oder fühlen … nein, ich wünschte mir, ich hätte irgendwann mal die Gewissheit, dass es reicht.«

Der Pater streckte einen Arm aus und berührte flüchtig ihre Hand. »Wir haben unterschiedliche Berufe, aber einige der Fragen, die wir uns bei unserer Arbeit stellen, sind gleich.«

Sie sah ihn an und nahm eine Bewegung durch das Fenster wahr. Für einen Augenblick waren die Straßen und die Bürgersteige menschenleer. Mit Ausnahme der alten Frau, die schwankend auf sie zugelaufen kam und sich mit einer blutverschmierten Hand ans Herz griff, bevor sie direkt vor ihrem Wagen auf die Straße fiel.

Eve trat auf die Bremse, schaltete die Warnblinklichter ein und riss ihr Handy aus der Tasche, noch bevor sie aus dem Wagen sprang. »Zentrale? Hier Lieutenant Eve Dallas. Ich brauche einen Arzt und einen Krankenwagen in der Hundertzwanzigsten. Der Erste-Hilfe-Kasten ist im Kofferraum«, rief sie dem Pater zu. »Code zwo-fünf-sechs-null-Baker-Zulu. Weibliches Opfer«, fuhr sie fort, während sie sich neben der Frau auf ihre Fersen fallen ließ. »Multiple Stichverletzungen. Halten Sie durch«, murmelte sie. »Halten Sie durch.« Sie ließ das Handy fallen und presste ihre Hände auf die Wunde in der Brust der Frau. »Hilfe ist unterwegs.«

»Beata.« Flackernd schlug die Frau die Lider auf und starrte Eve aus derart dunklen Augen an, dass die Pupillen fast nicht zu erkennen waren. »Gefangen. Hinter der roten Tür. Helfen Sie ihr.«

»Hilfe ist unterwegs. Sagen Sie mir Ihren Namen«, bat Eve, als Lopez das Verbandszeug aus dem Kasten zog. »Wie heißen Sie?«

»Sie heißt Beata. Meine Schöne. Sie kann dort nicht raus.«

»Wer hat Ihnen das angetan?«

»Er ist der Teufel«, sagte sie mit einem Akzent, der dicker als die feuchte Sommerhitze war, und ihre schwarzen Augen bohrten sich in Eve hinein.

Osteuropäisch, dachte Eve und speicherte die Info ab.

»Sie … Sie sind die Kriegerin. Finden Sie Beata. Retten Sie Beata.«

»Sicher. Keine Angst.« Eve wandte sich an Lopez, doch der schüttelte den Kopf, bekreuzigte sich kurz, murmelte dann etwas auf Lateinisch und machte das Kreuzzeichen auch auf der Stirn der Frau.

»Der Teufel hat mich umgebracht. Ich kann nicht kämpfen und kann sie nicht finden. Kann sie nicht befreien. Sie müssen sie befreien. Wir sprechen beide mit den Toten, und Sie sind die Einzige, die ihr noch helfen kann.«

Eve hörte die Sirenen, aber ihr war klar, es war zu spät. Der Mullverband, die Straße und auch ihre eigenen Hände waren blutgetränkt. »In Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich werde Beata finden. Sagen Sie mir Ihren Namen.«

»Ich bin Gizi. Ich bin das Versprechen. Lassen Sie mich ein, und halten Sie Ihr Versprechen.«

»Ja, in Ordnung. Keine Angst. Ich kümmere mich drum.« Beeilt euch, schrie sie in Gedanken die Sirenen an. Um Gottes willen, macht schnell.

»Mein Blut, Ihr Blut.« Die Frau packte die Hand, die Eve ihr auf die Brust drückte, und bohrte ihr die Fingernägel in die Haut. »Mein Herz, Ihr Herz. Meine Seele, Ihre Seele. Lassen Sie mich ein.«

Eve ignorierte den stechenden Schmerz der kleinen Schnittwunden in ihrer Hand. »Sicher. Alles klar. Da kommt Hilfe.« Sie blickte auf den Krankenwagen, der mit kreischenden Sirenen um die Ecke bog, und sah dann wieder in die bodenlosen schwarzen Augen der verletzten, alten Frau.

Ein Brennen zog aus ihrer Hand durch ihren Arm in die Brust und wurde derart heftig, dass es ihr den Atem nahm. Dann wurde sie von einem grellen Blitz geblendet und versank in vollkommener Dunkelheit.

Sie hörte Stimmen, sah noch dunklere Schatten und die hellen Konturen einer jungen Frau – schlank, mit samtig braunen Augen und mit einem Wasserfall aus schwarzem Haar.

Sie ist Beata, und ich selbst bin eins, das Sie in sich tragen, denn Sie sind die Kriegerin und halten mich. Wir sind zusammen, bis das Versprechen eingelöst und dieser Kampf vorüber ist.

»Eve! Lieutenant Dallas! Eve!«

Sie fuhr zusammen, rang nach Luft und starrte Lopez ins Gesicht. »Was ist passiert?«

»Gott sei Dank. Sind Sie okay?«

»Ja.« Mit einer ihrer blutverschmierten Hände schob sie sich die Haare aus der Stirn. »Verdammt, was war denn das?«

»Ich weiß es nicht.« Er blickte zu der alten Frau, mit der zwei Sanitäter beschäftigt waren. »Sie ist jetzt in einer anderen Welt. Da war ein Licht, ein helles Licht. So etwas habe ich noch nie gesehen … Dann war sie tot und Sie waren … nicht bewusstlos, aber weggetreten. Waren kurzfristig völlig abgetaucht. Ich musste Sie zur Seite ziehen, damit sich die Sanitäter um die Frau kümmern konnten. Sie haben das Licht gesehen?«

»Ich habe irgendetwas gesehen.« Genauso hatte sie etwas gefühlt und gehört.

Jetzt aber sah sie nur noch eine alte Frau, die in einer Lache ihres eigenen Blutes auf der Straße lag. »Ich muss den Vorfall melden. Ich fürchte, dass Sie doch nicht rechtzeitig zu Ihrer Messe kommen werden, weil ich erst noch Ihre Aussage aufnehmen muss.«

Sie rappelte sich auf, und einer von den beiden Sanitätern stellte fest: »Wir können nichts mehr für sie tun. Sie ist schon kalt. Wahrscheinlich liegt sie schon seit Stunden hier, bis Sie sie gefunden haben. Manchmal hasse ich New York. Die Leute müssen einfach an der alten Frau vorbeigegangen sein, ohne dass irgendjemand ihr geholfen hat.«

»Nein.« Inzwischen war der Gehweg wieder voller Menschen, die gleich einem Klagechor an ihr vorüberzogen, aber vorher …

»Nein«, erklärte Eve noch einmal. »Wir haben sie fallen sehen.«

»Wie gesagt, die Leiche ist schon kalt. Sie muss mindestens neunzig sein, und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es mit derart vielen Stichverletzungen geschafft hat, überhaupt noch einen Schritt zu tun.«

»Dann finden wir am besten heraus, wie so etwas möglich ist.« Sie hob ihr Handy auf und rief zum zweiten Mal an diesem Nachmittag in der Zentrale an.