Muslimische Jungen sind im Mittelpunkt eines ideologischen Kräftemessens: Wer ist schuld daran, dass sie sich mit der Integration häufig schwertun? In der hitzig geführten Debatte kommt die Lebensrealität muslimischer Jungen zu kurz, findet der Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak. Ausgehend von seiner Forschung, seinen Erfahrungen als Sozialarbeiter und seiner eigenen Biographie belegt Ahmet Toprak, dass der gesellschaftliche Misserfolg der Jungen in erster Linie an der Erziehung im Elternhaus liegt. Hier legen die Mütter den Grundstein für Unselbstständigkeit. Hier ziehen die Väter spätere Machos groß. Analytisch stark und unterstützt mit vielen Fallbeispielen zeigt Toprak die Gründe für das Versagen der Erziehung in muslimischen Familien auf und macht unmissverständlich klar, was sich ändern muss, damit Integration funktionieren kann.
Was bei der Erziehung muslimischer Jungen schief läuft
Ullstein
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ISBN 978-3-8437-2162-2
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Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019
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Für meinen Sohn
Die sozialstrukturelle Benachteiligung in der Bundesrepublik Deutschland hat der Soziologe Ralf Dahrendorf in den 1960er-Jahren mit folgenden Worten beschrieben: katholisch, weiblich, ländlich. Demnach hatten es katholische Mädchen vom Land schwer, den Bildungsaufstieg zu realisieren. Diesen Dreiklang nutzen Politiker und Bildungsforscher schon lange nicht mehr, weil die katholischen Mädchen vom Land mittlerweile viel öfter das Abitur erwerben und ein Studium aufnehmen als die Jungen. Zumindest auf Basis der Bildungsbeteiligung und des Bildungserfolgs kann diese Feststellung also nicht mehr aufrechterhalten werden.
Basierend auf Dahrendorfs Formel haben die Bildungsforscher der internationalen PISA-Studie im Jahre 2015 die Ergebnisse in einem neuen Dreiklang zusammengefasst: muslimisch, männlich, aus der Großstadt. Das heißt, die neuen Bildungs- und Integrationsverlierer sind männlich, Muslime und leben in einer Großstadt der alten Bundesländer. Es ist nicht neu, dass junge muslimische Männer in Deutschland im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion stehen. Trotz ihrer Präsenz auch in den Medien ist das Wissen über sie und ihre Denkweise gering. Wir nehmen die muslimischen Jugendlichen in der Öffentlichkeit dann wahr, wenn sie als Gewalttäter oder frauenverachtende Machos in Erscheinung treten. Die daraus folgenden öffentlichen Debatten werden in der Regel in Schwarz-Weiß-Manier geführt. Die eine Seite behauptet, die Jungen seien deshalb auffällig, weil sie systematisch im öffentlichen Leben und institutionell diskriminiert würden. Die Argumente der anderen Seite zielen darauf ab, dass sich die muslimischen Jungen mit ihrer machohaften Verhaltensweise selbst im Weg stehen, in Deutschland demnach keine systematische Diskriminierung herrscht. Wie üblich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.
Sobald in Deutschland jemand auf die Verhältnisse innerhalb der muslimischen Bevölkerung und ihrer Familien schaut und dabei Probleme identifiziert und benennt, steht der Vorwurf im Raum, man problematisiere zu sehr. Genauer gesagt: man erkläre soziale Probleme mit der Kultur und der Religion. Das ist in der Tat ein nachvollziehbarer Einwand, heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass religiöse und kulturelle Traditionen komplett negiert werden können, wenn wir sachlich, aber kritisch auf die Erziehungsstile und -inhalte der Familien blicken. Die Familien sind genauso geprägt von kulturellen und religiösen Einstellungen wie von den sozialen Rahmenbedingungen, dem Bildungsniveau der Eltern, der Wohngegend, sozialer Ausgrenzung, Diskriminierung und verfehlter Integrationspolitik. Sind es also die sozialen oder die kulturellen Faktoren, die die Integration der muslimischen Jungen in die Gesellschaft erschweren?
In diesem Buch vertrete ich – basierend auf meiner eigenen Biografie, der praktischen Arbeit mit Jungen aus dem muslimischen Kulturkreis und weiterführenden Forschungsarbeiten – die These, dass für den Erfolg oder Misserfolg der Integration in erster Linie die Erziehung und das Verhalten der Eltern verantwortlich sind. Im Vergleich zu den Mädchen gewähren sie den Söhnen mehr Freiheit, setzen kaum bis keine Grenzen. Die Jungs dürfen über die Stränge schlagen, ohne dass sie dafür Konsequenzen zu spüren bekommen. Fallen sie in der Schule oder anderen Bildungseinrichtungen negativ auf, werden sie bedingungslos in Schutz genommen und lange als Kinder behandelt, die keine Verantwortung für ihr Fehlverhalten übernehmen müssen. Sie brauchen weder diszipliniert zu sein noch ordentlich, dürfen stören und Aggressivität ausstrahlen. Denn der Junge soll später in der Lage sein, seine Familie in Schutz zu nehmen. Zugleich soll er eine solide Ausbildung abschließen, ausreichend Geld verdienen, heiraten und seine Familie ernähren. Darauf wird er von seinen Eltern aber nicht vorbereitet. Im Gegenteil: Die ambivalente Erziehung, geprägt von vielen Freiheiten bei zugleich hoher Erwartungshaltung, trägt dazu bei, dass die Jungen den Anforderungen nicht gerecht werden können.
Vor allem sollen die Jungen sich an den Vätern als Vorbild orientieren. In vielen Fällen ist der Vater aber nicht in der Lage oder willens, dieser Aufgabe nachzukommen. Viele Väter sind erwerbstätig und dadurch selten zu Hause. Einige sind schlicht als Vorbild nicht geeignet, sei es aufgrund von Arbeitslosigkeit, Alkoholkonsum, Gewaltbereitschaft oder weil sie durch ihren Migrationshintergrund den Anforderungen nicht gewachsen sind. Denn ab einem bestimmten Alter können die Jungen besser Deutsch, kennen sich im deutschen Bildungs- und Sozialsystem besser aus und beherrschen die Regeln des Alltags besser als ihre Väter. Dadurch bleibt der Vater lediglich in der Wunschvorstellung als Autoritätsperson bestehen. In der Realität sind die Söhne ihren Vätern überlegen. Das führt dazu, dass der Junge kaum Orientierung erhält und Grenzen ausreizt.
Zieht man gängige Erklärungsmuster für gescheiterte Integration heran, wäre bei mir selbst eine kriminelle Karriere eigentlich vorprogrammiert gewesen: eine Schule, in der Gewalt und Drogenkonsum an der Tagesordnung waren; Eltern, die wenig bis kaum Zeit für uns Kinder hatten und sich mit dem deutschen Bildungssystem nicht auskannten; und ein Stadtteil mit sehr hohem Ausländeranteil: ein sozialer Brennpunkt. Dennoch haben alle drei Jungen in meiner Familie akademische Abschlüsse erworben: Zwei von uns sind Professoren, und einer ist Berufsschullehrer. Warum waren die Jungen aus unserer Familie so erfolgreich? Dafür mache ich vier zentrale Gründe aus, die unabdingbare Voraussetzung für Erfolg und gelungene Integration sind:
Basierend auf diesen vier Voraussetzungen habe ich das vorliegende Sachbuch in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten Teil werde ich anhand von konkreten Beispielen aus der Sozialen Arbeit, der Schule und meiner eigenen Biografie darstellen, wie Jungen in türkischen, kurdischen und arabischen Familien meist aufwachsen. Vor allem werde ich die unterschiedlichen erzieherischen Funktionen der Elternteile darstellen, die das Verhalten der Jungen immens beeinflussen. Dadurch wird deutlich, dass viele junge Männer auf die komplexe und sich verändernde Außenwelt nicht ausreichend vorbereitet werden.
Im zweiten Abschnitt gehe ich auf die sozialen Rahmenbedingungen der Integration muslimischer Jungen ein. Mittels ausgewählter Themenbereiche werde ich aufzeigen, warum diese Integration nicht optimal verläuft und wo die Versäumnisse der deutschen Migrations- und Integrationspolitik liegen. Dadurch wird deutlich, dass das selbstbewusste Auftreten vieler junger Männer in der Öffentlichkeit oft nur gespielt ist. Vielmehr suchen sie nach Orientierung, was ich anhand aktueller Themen wie der Verherrlichung des türkischen Präsidenten Erdoğan und des Salafismus verdeutlichen werde.
Im dritten und letzten Teil werde ich konkrete pädagogische und politische Handlungsempfehlungen formulieren, deren Umsetzung die Jungen von Beginn an besser unterstützen und ihre Integration in die Gesellschaft sichern würde.