Kerry Greenwood
Mord in Montparnasse
Miss Fishers mysteriöse Mordfälle
Roman
Aus dem australischen Englisch von Regina Rawlinson und Sabine Lohmann
Insel Verlag
Paris ist ein Fest fürs Leben
Ernest Hemingway
Paris – Ein Fest fürs Leben
Unsere überaus aktive Lebensweise
lässt uns nicht die Muße, uns ausreichend
um unser Leibeswohl zu kümmern.
Auguste Escoffier
Ma Cuisine
In den Schaufenstern der Fitzroy Street spiegelte sich die Sonne, und der sandige Wind brannte in den Augen. Es war kalt und sonnig zugleich, eine durch und durch unerquickliche Kombination, wie man sie sonst nur in den weniger mondänen Wintersportorten antrifft.
Blinzelnd wischte sich die Ehrenwerte Phryne Fisher die Tränen aus den Augen. Warum bloß hatte sie keine Sonnenbrille dabei? Sie schlang den Zobel enger um ihren schlanken Körper. Mit dem Pelzmantel, der Pelzmütze und den russischen Lederstiefeln sah sie aus wie ein etwas zu klein geratenes Mitglied der Zarengarde, das kurz davor stand, die Beherrschung zu verlieren und einem Leibeigenen die Knute überzuziehen.
Während sie, durchgefroren und halb blind, still vor sich hin wütete, dass sie sich für den Versuch, das Hausnummernsystem in St Kilda zu ergründen, definitiv den falschen Tag oder womöglich sogar den falschen Planeten ausgesucht hatte, entdeckte sie das Café Anatole doch noch, und zwar im selben Augenblick, als ein gutgekleideter Mann es im hohen Bogen verließ – durchs geschlossene Fenster.
Phryne machte ihm höflich Platz, um seiner Landung nicht im Wege zu stehen. Dumpf schlug er auf dem Bürgersteig auf und blieb reglos liegen. Während Phryne noch kurz mit sich rang, ob sie, wie es die moralische Pflicht verlangte, einem Mitmenschen beistehen sollte, der durch eine Scheibe geflogen war – ohne Rücksicht auf Verluste, beziehungsweise auf Blutflecke an ihrem wunderschönen, sündhaft teuren Zobel –, wälzte sich der Mann auf die andere Seite, rappelte sich unter einigem Stöhnen auf und stolperte davon. Womit sich ihr Problem von selbst gelöst hatte.
Möglicherweise war das Café Anatole doch um einiges interessanter als sein Ruf. Glasscherben mit den Resten der goldenen Beschriftung knirschten unter ihren Blockabsätzen, als sie die Tür aufdrückte und eintrat.
Der Brief war am Vortag gekommen, eine Einladung zu einem besonderen Lunch in tadellosem, gestelztem Französisch, geschrieben von Anatole Bertrand persönlich. Phryne hatte von seinen Kochkünsten gehört und war, weil sie es von ihrem Haus an der Esplanade nicht weit hatte, zu Fuß herübergewandert.
Wie hatte sie diesen Entschluss noch vor wenigen Sekunden bereut! Doch nun? Betörte ihr ein himmlisches Aroma die Sinne, für das sie gern auch doppelt so weit gelaufen wäre – und über Schlimmeres als Scherben.
Der Duft versetzte sie geradewegs aus dem Melbourne des Jahres 1928 in das Paris von 1918 zurück. Zwiebelsuppe. Echte französische Zwiebelsuppe mit Cognac und einer Scheibe Baguette mit geschmolzenem Gruyère darauf. Phryne schenkte dem schlanken, attraktiven Mann mit der Schürze, der auf sie zugetänzelt kam, um sie zu begrüßen, ein derart glückseliges Lächeln, dass er regelrecht zurückprallte.
»Miss Fisher«, stellte sie sich vor.
»Es ist uns eine Ehre, Mam'selle«, antwortete der Kellner, während er der kleinen Frau mit dem schwarzen Pagenkopf, dem blassen Teint, den leuchtend grünen Augen und dem hinreißenden Lächeln Mantel und Mütze abnahm. Unter der Last der Garderobe leicht in die Knie gehend, hängte er die Sachen sorgfältig hinter der Theke auf und geleitete Phryne in den hinteren Teil des Bistros, an einen Tisch, der für eine Person eingedeckt war.
»Der Patron wird gewiss untröstlich sein, dass eine reizende Dame wie Sie eine derart unschöne Szene mit ansehen musste«, fuhr der Kellner bedauernd fort. Phryne winkte ab.
»Bringen Sie mir einen Pastis«, sagte sie. »Werden noch andere Gäste erwartet?«
»Nein, Mam'selle. Sie sind die einzige.« Der Kellner gab der jungen Frau hinter der Theke ein Zeichen. Draußen waren bereits zwei Männer damit beschäftigt, eine Plane vor das zerbrochene Fenster zu hängen. Aus der Küche hallte lautes Gebrüll, eine Stimme wie von einem brunftigen Chefkoch. Phryne bedeutete dem Kellner mit einem Kopfnicken, dass sie ihn nicht mehr benötigte. Er machte sich grinsend von dannen.
Der Pastis ließ nicht lange auf sich warten. Phryne nippte an ihrem Glas und ließ den Blick durch das Café Anatole schweifen. Es sah so aus, als hätte ein Gourmettornado ein Pariser Bistro bis ans andere Ende der Welt gewirbelt und kurzerhand in St Kilda abgesetzt, als ihm die Luft ausging. Alles war genau so, wie es sich gehörte: die Zinktheke mit der kessen Bedienung dahinter, die Barhocker für die Laufkundschaft, der Spiegel mit der Batterie Flaschen davor, von Chartreuse bis Armagnac. Die Tischchen mit den weißen Decken, die von einer Lage Wachspapier geschützt wurden. Die schmiedeeisernen Stühle. Die Künstler, die Zeichnungen aufs Papier warfen und erregt über den Modernismus diskutierten. Die biederen Bürger, die sich, leicht pikiert wegen des Klamauks, wieder über ihren Lunch beugten, eine Mahlzeit, der man mit dem gebührenden Ernst zusprach. Und alle sprachen Französisch. Phryne kam sich vor wie damals im Au chien qui fume in Montparnasse, mit den Mädchen in Hosen aus dem Quartier Latin plaudernd, Pastis schlürfend und Gauloises qualmend.
Sie schnupperte. Jemand rauchte tatsächlich eine Gauloise. Und ihre soupe à l'oignon oder ein anderes von einem Meisterkoch zubereitetes Gericht würde sicher auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Phryne lehnte sich zurück und genoss die Vorfreude.
Bevor sie sich auch nur in Ansätzen langweilen konnte, brachte ihr der Kellner einen Teller quenelles vom Fasan in delikater Brühe und schenkte ihr ein Glas fruchtigen Weißwein ein.
»Speist der Patron nicht mit mir?«, fragte sie erstaunt.
»Er ist untröstlich, Mam'selle. Ein Notfall in der Küche. Er wird sich beim Kaffee zu Ihnen gesellen.«
Phryne zuckte mit den Achseln. Die quenelles, mit dem Löffel abgestochene kleine Nocken, schmeckten vorzüglich. Der Hauptgang bestand aus einem poulet royale mit Buschbohnen, dazu ebenfalls ein Glas Wein. Sie ließ sich Zeit beim Essen. Jeder Bissen forderte die Geschmacksknospen mit immer neuen Aromen heraus. Estragon vielleicht – oder doch Petersilie?
Aus der Küche gellte ein Verzweiflungsschrei, gefolgt von einem »Plus de crème!« Wahrscheinlich wollte die Sauce nicht binden. Deshalb das Allheilmittel der französischen Küche: »Mehr Sahne!«
Zum krönenden Abschluss bekam Phryne ein winziges Vanillesoufflé, ein Glas Cognac, eine Tasse Kaffee und M'sieur Anatole.
Er gehörte zur Sorte der hageren, sehnigen und bärbeißigen Köche. Selbst in einem mit Regen vollgesogenen Militärwintermantel hätte er wohl kaum mehr als sechzig Kilo auf die Waage gebracht. Die unnatürlich schwarz glänzenden Haare trug er nach hinten gekämmt, weg von der zerfurchten Stirn, der man die jahrelange Konzentration auf das Anrühren von sauce béchamel, royale, crème oder suprême ansah. Seine hellgrauen Augen verrieten, dass er zu oft in einen heißen Backofen geschaut hatte, und auch an seinen Händen waren die unzähligen Zubereitungen von roux, garnitures und hors d'œuvres nicht spurlos vorübergegangen.
Von Natur aus war Phryne eher den Köchen der rundlichen, rotwangigen und leutseligen Art zugeneigt, aber der hervorragende Lunch hatte sie der gesamten Menschheit gegenüber wohlwollend gestimmt, daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass ihr Gegenüber sie an einen zerrupften Geier erinnerte, dem gerade ein Rivale den letzten Bissen Gnu unter dem Schnabel weggeschnappt hatte. M'sieur Anatole begrüßte sie mit einem Handkuss.
»Ich danke Ihnen für das köstliche Essen«, sagte sie. »Die Nocken waren vortrefflich. Das Hühnchen würde jeder Palastküche zur Ehre gereichen, und das Soufflé zerging auf der Zunge.«
Phryne hielt nichts davon, mit Komplimenten zu knausern. Das Geiergesicht hellte sich auf.
»Eine schöne Dame erfreut man gern«, entgegnete er und setzte im Befehlston hinzu: »Jean-Paul, noch einen Cognac!«
Der Kellner, der die Ausbildung zum kecken französischen Garçon offensichtlich mit Bravour absolviert hatte, verzog missbilligend das Gesicht. Man sah ihm seine Meinung an: Ein Koch, der noch das Abendessen vorzubereiten hatte, sollte sich mittags lieber keinen Weinbrand hinter die Binde gießen. Er knallte ein zweites Glas und die Flasche auf den Tisch und rauschte pikiert davon.
»Der Sohn meiner Schwester«, erklärte M'sieur Anatole. Phryne nickte. Ein französisches Bistro war für gewöhnlich ein Familienbetrieb. Sie mochte nicht fragen, welche Fügungen des Schicksals einen waschechten Bewohner von Paris, diesem Zentrum der Kultur und Zivilisiertheit, bis an den Rand des australischen Kontinents verschlagen hatten. Erst einmal musste sie herausfinden, welchem Umstand sie die Einladung zum Lunch verdankte.
»Wir haben einen gemeinsamen Bekannten, Mam'selle«, sagte der Patron. »M'sieur le Comte d'Aguillon«.
»Ach.« Der Graf von Aguillon war ein ebenso hochbetagtes wie hochangesehenes Mitglied der Alliance française. Phryne hatte ihn im Zuge ihrer Nachforschungen über den Verbleib des vermissten Kätzchens des spanischen Botschaftersohns kennengelernt und ein angeregtes Plauderstündchen zu irgendeinem künstlerischen Thema mit ihm verbracht.
»Als ich ihm mein Problem anvertraut habe, hat er mir geraten, in dieser delikaten Angelegenheit …«
»… weibliche Hilfe in Anspruch zu nehmen?«, fragte Phryne.
»Genau.«
Die ersten Lunch-Gäste erhoben sich von den Tischen. Jean-Paul begleitete sie zur Tür. Der Patron beugte sich vor. Phryne konnte ihn kaum verstehen, so leise sprach er. Außerdem war ihr Französisch etwas eingerostet.
»Ich bin nach dem Krieg ins Land gekommen. Es waren damals schwere Zeiten für einen Koch, aber wir haben uns der Herausforderung gestellt. Es gab nichts zum Kochen! Keine Zutaten! Der große Escoffier soll während des Krieges tote Elefanten und sogar Seelöwen aus dem Zoo gekocht haben. Was hätte ich nicht alles für ein Seelöwen-Entrecôte gegeben! Nach dem Krieg war mein Paris eine graue, traurige Stadt, in der Provinz war alles verwüstet. Und mein einziger Sohn ist im Feld geblieben. Deshalb bin ich nach Melbourne ausgewandert, so weit weg wie nur möglich. Sicher, Australien ist ein Land der Barbaren, aber auf eine seltsame Weise auch ein Land der Unschuld. Nach und nach folgte mir der Rest meiner Familie. Meine Schwester Berthe, ihre Söhne und meine Cousins Louis und Henri.«
M'sieur Anatole leerte sein Cognacglas in einem Zug und goss sich nach.
Phryne gab eine aufmunternde Bemerkung von sich. Den Koch umgab eine derart dichte Wolke aus Gewürz- und Kräuterdüften, dass sie befürchtete, niesen zu müssen.
»Alles lief bestens. Mein kleines Café ist nicht nur bei Franzosen beliebt, sondern auch bei Australiern, die die feine Küche schätzen. Es geht uns gut. Meine Cousins haben Australierinnen geheiratet – sehr fleißig diese australischen Frauen! Die Frau meines Cousins Henri steht hinter der Theke. Fesch, eh?«
»Sehr fesch.« Phryne fragte sich, wohin seine Erzählungen wohl führen würden. Bestand vielleicht ein Zusammenhang mit dem Herrn, dessen jähen Abgang durch das Fenster sie mitbekommen hatte? Die dunkelhaarige junge Frau hinter der Theke fing Phrynes Blick auf, zwinkerte ihr zu und rückte ihre beachtliche Oberweite zurecht. Der Patron seufzte.
»Was für ein Busen! Meine Cousins können sich glücklich schätzen.«
»M'sieur Anatole«, sagte Phryne sanft und legte ihm die Hand auf den Arm. »Um was für eine delikate Angelegenheit handelt es sich? Sie dürfen mir vertrauen.«
»Es begann vor drei Monaten«, sagte der Koch, dessen Miene immer mehr der eines mutlosen Geiers glich. Sogar sein Schnurrbart hing kraftlos herunter. »Drei Männer. Sie verlangten Geld von mir, anderenfalls würde es in meinem Lokal zu unschönen Zwischenfällen kommen. Eine typische Drohung der Unterwelt, nicht wahr? Aber wir sind hier nicht in Paris. Empört habe ich sie vor die Tür gesetzt.«
»Und dann?« Phryne wollte endlich zur Sache kommen. »Kam es zu Zwischenfällen?«
»Ja. Es wurde eine Mülltonne in Brand gesteckt. Jean-Paul hat das Feuer entdeckt und gelöscht, bevor es sich ausbreiten konnte. Als Nächstes kam ein Backstein durchs Fenster geflogen. Und dann – jetzt machte ich mir ernsthaft Sorgen – wurde ein ganzer Würfel Butter mit Terpentin vergiftet. In meiner eigenen Küche! Jemand muss sich hereingeschlichen haben, als die Tür offen stand. Ich habe den Familienrat einberufen. Nach Geschäftsschluss haben wir uns hier zusammengesetzt – Jean-Paul und Jean-Jacques, die Söhne meiner Schwester, meine Schwester Berthe, meine Cousins und ihre Frauen. Was sollten wir machen? Die Forderung der Verbrecher war nicht hoch, wir hätten uns leicht von weiteren Sabotageakten freikaufen können. Aber wir schickten sie in die Wüste. Nachdem eine Woche alles ruhig geblieben war, sind sie heute wiedergekommen, und wir haben sie ein zweites Mal zurückgewiesen.«
»Recht nachdrücklich?«, fragte Phryne. »Durchs Fenster?«
»Ja.« M'sieur Anatole kippte den nächsten Cognac. »Henri war wütend, und er ist bärenstark. Die Erpresser werden sich rächen wollen.«
»Warum um alles in der Welt gehen Sie nicht zur Polizei?«, wollte Phryne wissen.
»Wir haben Angst, dass sie uns dann töten.«
»Aber wir sind hier in Australien«, sagte Phryne. »So etwas gibt es bei uns nicht.«
Der Koch zuckte mit den Schultern. Jean-Paul stellte ihm vielsagend eine Tasse Kaffee hin und nahm die Flasche mit. Diesmal hätte sein Abgang eine Sechs auf der Richterskala verdient gehabt.
»Wenn Sie ein paar schwere Jungs anheuern, die Ihr Lokal rund um die Uhr bewachen, können Sie ihnen vielleicht die Stirn bieten«, sagte Phryne. »Aber ich verstehe immer noch nicht, was ich damit zu tun habe. Schutzgelderpresser lassen sich von den Waffen einer Frau nicht so leicht beeindrucken, Patron.«
»Aber nein, Mam'selle, das ist nicht das Problem, das ich Ihnen ans Herz legen wollte«, sagte M'sieur Anatole bestürzt. »Nein. Es geht um eine Dame.«
»Verstehe.«
»Nach dem Tod meiner Frau wollte ich nie mehr heiraten. Sie war eine Heilige, meine Marie. Aber mit den Jahren wächst die Einsamkeit. Ich habe einen Freund hier im Land, meinen allerersten australischen Freund. Einen Mann von Geschmack und Vermögen, wenngleich nicht sehr kultiviert. Seine Tochter erschien mir als die perfekte Wahl. Ich habe meine Familie zu Rate gezogen. Sie hatten Vorbehalte, die ich ausräumen konnte. Danach habe ich meinen Freund gefragt. Er war einverstanden. Aber dann …«
»Haben Sie das Vorhaben auch mit Ihrer Auserwählten besprochen? Ich nehme doch an, dass sie ein mündiger Mensch ist«, sagte Phryne.
»Nein, dazu ist es nicht gekommen. Meine Familie wollte es. Ihr Vater wollte es. Ich wollte es. Aber die junge Dame …«
»Die junge Dame?«
»Ist verschwunden«, sagte M'sieur Anatole und brach in Tränen aus.
Mit allen verfügbaren Informationen über Elizabeth Chambers und deren Vater Hector Chambers, Unternehmer und prominente Rennsportgröße, ausgestattet, trat Phryne den Heimweg an. Nach den beiden Gläsern Wein und dem Cognac zur Mittagszeit hatte sie leichte Kopfschmerzen. Und ein wenig verwirrt war sie auch.
Der arme M'sieur Anatole ging ihr nicht mehr aus dem Sinn. Wie er unter dem verächtlichen Blick von Jean-Paul, der ihn zurück in die Küche bugsierte, damit er sich sammeln konnte, in seinen Schnurrbart geweint hatte. Es war so traurig. Was mochte wohl die achtzehnjährige Elizabeth Chambers davon gehalten haben, mit einem ältlichen Franzosen verheiratet zu werden, der sich die Haare färbte? Es wäre nur allzu verständlich, wenn sie bis ans andere Ende des Kontinents geflohen wäre. Und was waren das für Schutzgelderpresser, die es auf das Café Anatole abgesehen hatten? Dazu könnte ihr vermutlich ihr alter Freund Detective Inspector Jack Robinson etwas sagen, aber bevor sie ihn mit dieser Frage behelligte, wollte sie erst abwarten, ob sich M'sieur Anatole und Familie der Verbrecher nicht vielleicht doch ohne die Hilfe der Polizei erwehren konnten.
Anscheinend wurde Phrynes Rückkehr dringend erwartet, denn als sie den Gartenweg heraufkam, riss ihr die Haushälterin Mrs Butler schon aufgeregt die Tür auf.
»Ach, Miss Phryne. Wie gut, dass Sie wieder da sind. Mr Bert und Mr Cec haben einen Freund mitgebracht, der Sie sprechen möchte.«
»Das hat mir gerade noch gefehlt«, murmelte Phryne ungnädig. Sie legte Mantel und Mütze ab und begab sich ins Wohnzimmer.
Vor dem Kamin, in dem ein munteres Feuer brannte, traf sie ihre beiden treuen Helfer an, den gedrungenen, dunklen Bert und den großen, blonden Cec, ihres Zeichens Werftarbeiter und Taxibesitzer, sowie einen traurigen Mann, der seinen Hut knetete. Er schien fest entschlossen, die Krempe abzureißen.
»Wir haben ein Problem«, sagte Bert.
»Stimmt«, sagte Cec.
»Dann wollen wir erst mal Platz nehmen. Wenn Mrs Butler uns einen Tee gebracht hat, könnt ihr mir alles erzählen.« Phryne bemühte sich um Contenance. Ihr taten die Füße weh, aber ohne ihre Vertraute Dot und einen Schuhlöffel konnte sie die Stiefel nicht ausziehen.
Bert drückte den traurigen Mann, der den Blick unverwandt auf seinen Hut geheftet hielt, in einen Sessel.
»Das ist unser alter Kriegskamerad Johnnie Bedlow. Hat mit uns in der gottverfluchten Schlacht von Gallipoli und bei Pozières gekämpft.« Bert musste einigermaßen aufgewühlt sein. Im Wohnzimmer einer Dame zu fluchen, ohne sich dafür zu entschuldigen, sah ihm sonst nicht ähnlich. Ob es Cec ebenso erging, ließ sich, weil er die gewohnte Unerschütterlichkeit eines Standbilds aus Granit an den Tag legte, höchstens erahnen. Johnnie Bedlow malträtierte noch immer seine arme Kopfbedeckung.
»Guten Tag«, sagte Phryne. »Ich bin Phryne Fisher.«
Der Mann sah kurz hoch, murmelte etwas und senkte den Blick gleich wieder.
»Fünf Kameraden hatten wir«, begann Bert. »Alte Kumpel. Veteranen. Mit Cec und mir waren wir sieben. Wir treffen uns einmal im Jahr um diese Zeit zum Quatschen und Saufen.«
»Und?«, sagte Phryne. Warum war er bloß so wütend?
»Zwei von ihnen sind tot«, sagte Bert.
»Und?«
»So wie sie gestorben sind, ist da was faul an der Sache. Los, Johnnie. Erzähl's der Dame.«
»Der Erste, den's erwischt hat, war Maccie. Er ist damals aufs Land rausgezogen, in so ein Siedlungsprojekt für Kriegsheimkehrer. Hat oben am Murray River Orangen angepflanzt. Lag tot in einem Bewässerungsgraben. Der Polizeiarzt sagt, er war betrunken. Aber wieso hatte er dann blaue Flecken auf den Schulterblättern? Wieso, hä? Außerdem war Maccie kein großer Säufer.«
»Stimmt«, sagte Cec.
Johnnie Bedlow hatte sich regelrecht in Rage geredet, er war puterrot angelaufen. Der Hut riss mittendurch. Laut und abgehackt fuhr er fort.
»Und dann hat es Conger erwischt. Er soll von seinem Lieferwagen erdrückt worden sein, als er ihn repariert hat. Aber der Wagenheber war tipptopp in Ordnung. Meinen Sie, den hätte mal einer auf Fingerabdrücke untersucht? Meinen Sie, es hätte sich einer gewundert, dass Conger anscheinend mitten in der Nacht seinen Wagen repariert hat? Bei der Untersuchung der Todesursache hat der Coroner auf Unfalltod befunden. Unfalltod? Dass ich nicht lache!«
»Ihr glaubt also, dass es jemand auf eure alten Kameraden abgesehen hat?«, fragte Phryne. »Aber was wäre das Motiv?«
»Bis vorhin hätte ich ja auch geglaubt, dass es nur Zufall ist«, sagte Bert. »Aber dann wurde unser Freund Johnnie hier auf dem Bürgersteig von einem Auto angefahren und gegen Ihren Gartenzaun geschleudert. Keine Frage, wir haben es mit einem Mörder zu tun. Und Sie sollen ihn finden. Und wenn wir ihn haben«, knurrte er grimmig, »kann er was erleben«.
»Stimmt«, sagte Cec.
»Ach«, sagte Phryne.