Juri Andruchowytsch

Die Lieblinge der Justiz

Parahistorischer Roman in achteinhalb Kapiteln

Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr

Suhrkamp

Möge Gerechtigkeit walten. Möge die Welt untergehen.
Uralter Richterwitz

Erster Teil
Samijlo oder Der wundersame Räubersmann

       

Samijlo (Samuel) Nemyrytsch, dieser zu früh verdorrte und unglücklich vergessene Spross am Baum unseres nationalen Banditentums, zieht vor allem stilistisch Aufmerksamkeit auf sich, und die außergewöhnliche Schönheit seiner Verbrechen gründet auf absoluter Freiheit. Sogar von den frechsten seiner Morde und Raubzüge lässt sich sagen, dass sie mit einem seltenen Sinn für Ästhetik begangen wurden und dass sie alle zwangsläufig den Eindruck freier, inspirierter Schöpferkraft hinterlassen.

Bis heute wurde das Leben dieses Kleinadligen aus Podolien, der den glänzendsten Teil seiner Erdentage im Lemberg der 1610er Jahre vertändelte, von kaum einem unserer schon einmal erschossenen Historiographen beschrieben. Die Erzählung, auf die wir bei Władysław Łoziński in seinem umfangreichen Band Prawem i lewem stoßen (oder, ins Ukrainische übersetzt, »Mit Säbel und Urkunde«[1] ), kommt zu tendenziös daher: Samijlo Nemyrytsch ist dem Autor schon deshalb ausnehmend unsympathisch, weil er weder Katholik noch Pole ist. Außerdem stammt er von denselben Nemyrytschs ab wie der künftige Oberst der Saporoger Kosaken Nemyrytsch Jurko – erbarmungsloser Held der Kampagne von 1648/49, Dichter, Philosoph und Häretiker. (Die Nemyrytschs traten überhaupt sehr bereitwillig zum Arianismus über, was damals aber nicht nur für sie, sondern auch für so alteingesessene Geschlechter wie die Potockis, Wiśniowieckis und Tatomyris typisch war.)

Zu dem Gedicht, das angeblich über Samijlo Nemyrytsch und in seinem Namen geschrieben und im Buch Exotische Vögel und Pflanzen veröffentlicht wurde, muss angemerkt werden, dass der Autor sich gar nicht erst die Mühe gemacht hat, in die Vergangenheit einzutauchen und einen schillernden und lehrreichen historischen Typus zutage zu fördern. Im Mittelpunkt des Gedichts steht vielmehr der übermäßig betonte, aus dem Lebenszusammenhang gerissene und hypertrophierte »Kartoffelpuffer-Vorfall«, der, obwohl in der Biographie unseres Helden tatsächlich festgehalten, einigermaßen singulär und untypisch ist.

Nun aber ist es an der Zeit, die ganze Wahrheit über diese den Nachkommen kaum bekannte Persönlichkeit darzulegen und damit einen weißen Fleck im Ozean der Nationalgeschichte und des Befreiungskampfes zu tilgen.

Samijlo Nemyrytsch lässt sich im Jahr 1610 in der Krakauer Vorstadt Lembergs nieder. Das genaue Datum seiner Geburt bleibt unbekannt, aber wir wissen zuverlässig, dass er bei seinem Umzug etwas mehr als zwanzig Jahre zählt. Er ist ein glänzender Reiter und Fechter, geschmackvoll gekleidet – die teuren Stoffe kauft er stets nur bei venezianischen und genuesischen Händlern –, er liebt Sherry, Malvasier, Madeira und gute Musik. Schon bald wird sein Haus zum Anziehungspunkt für originelle Exilanten aus allen Winkeln der Alten Welt; meist notorisch Ruchlose und Perverse, Zirkusnarren, Serienmörder, Philosophen, Okkultisten, berühmte Alchimisten, Sodomiten, Protestanten, Feueranbeter, Liliputaner und Banditen. Die Zeit vergeht mit wilden Gelagen, ketzerischen Gesängen und religiösen Disputationen. Fast täglich zieht Nemyrytsch in Begleitung seiner Kohorte durch die bekanntesten Weinschenken der Stadt, wo er gerne und bereitwillig Scherze treibt: er feuert aus seiner Muskete auf Flaschen und Sanduhren, nagelt den Besuchern die Bärte an den Tresen, bricht ihnen Arme und Beine, schüttelt ihnen die goldenen und silbernen Münzen aus den Taschen, zeigt seinen nackten Hintern, zertrümmert Fenster und Spiegel, tunkt den Ratsherrn Szczepiórski in einen Kessel frisch gebrühten Kaffees und den korrupten Richter Gołąbek in eine Latrine, schlägt den allzu Frechen die Augen aus, bricht ihnen die Rippen, pisst in ihr Bier und zwingt sie, ihre eigene Scheiße zu fressen, er singt laut, tanzt etc.

Der heutige Leser mag mit Unverständnis und sogar Missfallen auf solche Zeichen von Vitalität und gesunder geistiger Energie reagieren. Daher scheint es angebracht, an dieser Stelle ein paar Worte über die damaligen Gebräuche zu verlieren.

Mord oder auch eine Tätlichkeit kleineren Kalibers galten nach der Verfassung von 1577 nicht als etwas extrem Unzulässiges oder Verbotenes. Die damaligen Juristen behandelten die erwähnten Verbrechen eher philosophisch als juristisch, mit einer großen Dosis Humor, Ironie und christlicher Barmherzigkeit gegenüber den Delinquenten. Die Gefängnisstrafen fielen erstaunlich gering aus und wurden meistens zur Bewährung ausgesetzt. So stand auf Mord eines Kleinadligen an seinesgleichen (und Kleinadlige machten damals gut drei Viertel der gesamten Bevölkerung der Rzeczpospolita aus) ein Jahr und drei Monate Arrest im Festungsturm und die Zahlung von zweitausend Goldmünzen in die Staatskasse. Wurde der Mörder »in ricenti« (auf frischer Tat) ertappt, verdoppelte sich die Strafe: zwei Jahre und sechs Wochen Kerker und viertausend Goldmünzen Schadensersatz. (Aus irgendeinem Grund galt das Ertapptwerden auf frischer Tat als strafverschärfend: Lass dich nicht erwischen, Dummkopf, morde so klug, dass niemand etwas merkt!)

Schließlich konnte kein Mordprozess stattfinden, wenn es der Familie des Opfers nicht gelang, den toten Körper herbeizuschaffen (eine besondere juristische Prozedur mit der Bezeichnung »Präsentation der Leiche«). Daher dachte jeder, der seinen Nächsten abmurksen wollte, angestrengt darüber nach, auf welche Weise er den Körper rechtzeitig und zuverlässig loswerden könnte: mit einem Stein beschwert auf den Grund der Poltwa sinken lassen, im Küchenofen verbrennen, so tief wie möglich im schwärzesten Wald vergraben, in kleinste Stücke zerhacken etc. Im Falle des Richters Gołąbek, den Nemyrytsch, wie erwähnt, in der Scheiße ertränkte, fand man die Leiche nicht, weswegen der Fall aufgrund des Fehlens des Corpus Delicti, des Richterkörpers nämlich, ad acta gelegt wurde.

Man tötete leicht, mordete sorglos – heimlich und »in ricenti«, in aller Öffentlichkeit, denn selbst wenn das Gerichtsverfahren stattfand und ein Urteil gefällt wurde, musste der Verurteilte nicht zwangsläufig in den Kerker; meistens ging er nach Hause oder mit Freunden auf einen Becher Wein. Denn obwohl Gerichtsbarkeit und ausführende Gewalt schon damals potentiell unabhängig waren, konnte die ausführende Gewalt, offen gestanden, nichts ausführen, da sie an einem katastrophalen Mangel an Ausführenden, sprich Ordnungshütern litt. Während jeder Angeklagte bei Gericht in Begleitung einer ausgewählten Gesellschaft von mit Säbeln, Schwertern, Lanzen, Knüppeln, Totschlägern, Hellebarden und Degen bis an die Zähne bewaffneten Kumpanen, Verwandten und Bediensteten erschien, hätte nur ein durchgeknallter Rechtsstaatfanatiker oder ein Selbstmörder versucht, ihn gewaltsam ins Gefängnis zu bringen – ein Versuch, der nicht ohne traurige Folgen geblieben wäre.

Als zum Beispiel gute Bekannte im Juni des Jahres 1612 Nemyrytsch in der Schenke der Makoljondra im Lemberger Stadtteil Samarstyniw trafen, bestens gelaunt, ein Glas Sherry in der Hand und eine pralle, nur mit türkischen Strümpfen bekleidete Hure an seiner Seite, da hörten sie auf ihre vorsichtige Nachfrage, was er denn hier tue, die nicht weniger vorsichtige Antwort: »He-he, ich sitze meine Strafe ab, meine Herren! Habe, belieben, gerade den alten Isakowicz erschlagen und dafür, belieben, drei Monate und ein Jahr bekommen. Muss also sitzen, nichts zu machen!«

(Isakowicz, ein getaufter Karaime, handelte mit gefälschten Lemberger Teppichen, die er als persische ausgab, und sie unterschieden sich auch wirklich in nichts von den persischen. Einmal erwischten Nemyrytsch und seine Desperado-Kumpane, Jatzko Borodawka, Genyk Schulerman und der portugiesische Mohr Joelinho, den Sohn von Isakowicz, Zachariah, im Bordell »Zu den vier Titten«, wo der junge Karaime beseelt Papas Einkünfte verprasste; sie zerrten ihn von der Bordellangestellten Susanna Waligóra herunter, schleppten ihn in den Wald von Wynnyky und ließen ihn gefesselt in einer Höhle zurück, bewacht von dem halb blinden Liliputaner Ptuszek. Sie telefonierten den alten Isakowicz an, forderten fünftausend österreichische Zechinen Lösegeld, andernfalls würden sie den jungen Zachariah in elf gleiche Teile zerlegen und ihm, dem Vater, Kopf, Magen und Geschlechtsteil überbringen. Der alte Isakowicz schnappte sich seine geliebte Schatulle mit den Zechinen und eilte Richtung Teufelsfelsen, wo das Treffen mit Nemyrytsch und seiner Bande verabredet war. In der Zwischenzeit aber hatte sich der junge Isakowicz von seinen Fesseln befreit (diese Nummer hatte er sich bei den wandernden Magiern abgeschaut, denen er ein paar Sommer lang nachgelaufen war), den verschlafenen Liliputaner mit einem Stein ausgeknockt, vielmehr erschlagen, und sich zu Fuß durch den Wald und die Halytscher Vorstadt zurück ins Bordell »Zu den vier Titten« begeben, denn er hatte das ungute Gefühl, dass er sich noch nicht richtig ausgetobt hatte. Erbost über seine Flucht durchsiebten Nemyrytsch und seine Kumpane den alten Isakowicz mit Kugeln und verbrauchten dabei ganze acht Ladestreifen. Noch dazu holten sie aus der Schatulle keineswegs Zechinen, sondern die auf dem damaligen Währungsmarkt erheblich billigeren Taler, die der Alte in Hast und Dunkelheit offensichtlich mit Zechinen verwechselt hatte. Das Ende der Geschichte kennt der Leser schon: Gerichtstermin und anschließendes Besäufnis Nemyrytschs und seiner Kumpane in der Schenke der Makoljondra in Samarstyniw.)

In der Zeit zwischen der Ermordung des alten Karaimen und dem Überfall auf eine walachische diplomatische Mission unter dem ehrwürdigen Bojaren Gheorghița, die im Herbst 1615 auf dem Weg zum Aufenthaltsort des Königs von Schweden war und wertvolle Dokumente das transsylvanische Erbe betreffend mit sich führte, widmete sich Samijlo Nemyrytsch der Wissenschaft und den Künsten. Im Jahr 1614 gab er in Dresden den in lateinischen Versen verfassten Traktat »Über das Heilen mit Mohn und die Natur des Hanfes«[2]  heraus, von den Zeitgenossen gerühmt und heute leider unwiederbringlich verloren. Außerdem musizierte er viel, bereiste die Umgegend von Lemberg auf einer eigenen Erfindung in der Art des heutigen zweirädrigen Fahrrads, jagte und schrieb polemische Briefe gegen den unierten Metropoliten Ippatius Potius, ohne zu ahnen, dass dieser schon mehr als ein Jahr nicht mehr unter den Lebenden weilte.

Der Raubüberfall auf die walachische Gesandtschaft sollte die aufsehenerregendste Tat unter Beteiligung Nemyrytschs werden, abgesehen von dem bei Łoziński erwähnten »Kartoffelpuffer-Vorfall«, der für Nemyrytsch mit Festnahme und Kerker endete. Heute, in Zeiten ungezügelter »politischer Korrektheit« und dem vernichtenden Triumphmarsch des Hashtags #MeToo, scheint selbst die Erwähnung jener Episode mehr als riskant. Also zurück zu harmloseren Geschichten.

Nemyrytsch und Kumpane lauerten der walachischen Karawane im Schwarzen Wald auf, der, damals für seine Abgeschiedenheit bekannt, von Halytsch und Kalusch im Osten mit nur wenigen Unterbrechungen bis fast nach München reichte, empfingen sie mit einer Wand aus Tränengas und erreichten, dass der oberste Bojar, die übrigen Gesandten und sogar die Wachen mit dem Gesicht nach unten auf dem herbstnassen Weg lagen und sich, vom Gas oder vor Angst völlig gelähmt, nicht mehr rührten. Nachdem sie ihre Reisesäcke mit walachischen Nüssen (Walnüssen), Dukaten, Topasen, Amethysten und Sonnenblumenkernen gefüllt und sich die geheimen Dokumente geschnappt hatten, die versiegelt in einer besonderen Schatulle aus Ebenholz mit Perlmutt- und Elfenbeinintarsien lagen, und den Gesandten die Mützen und Jacken heruntergerissen hatten, die mächtig nach Schaf stanken, verschwanden Nemyrytsch und seine Freunde in den Tiefen des Schwarzen Waldes. Der portugiesische Mohr Joelinho schleppte noch den neunjährigen Eselstreiber mit, der ihm ausnehmend gut gefiel, aber kurz darauf an einer Überdosis starb. Die geheimen diplomatischen Dokumente retournierte Nemyrytsch geschickt dem transsylvanischen Hof und forderte dafür zwanzigtausend Schweizer Franken, doch Fürst Rákóczi zeigte sich wenig enthusiastisch ob eines solchen Deals, und so musste man sich mit achteinhalbtausend zufriedengeben.

Zu diesem Zeitpunkt hatten König und Sejm der Rzeczpospolita Nemyrytsch schon dreimal zum Infamus erklärt (unter Entzug der staatsbürgerlichen Ehre und des Adelsprädikats) und zweimal zum Gesetzlosen (unter Entzug sämtlicher Rechte und des Schutzes von Seiten des Staates und seiner Bewohner). Das bedeutete, dass ihn jedermann jederzeit hätte umbringen können, ohne Rechenschaft vor dem Gesetz ablegen zu müssen, und dazu noch den Dank Seiner Königlichen Gnaden erworben hätte. Es waren aber nicht viele zu sehen, die nach einem solchen Dank strebten, und die Summe einer möglichen Geldprämie auf Nemyrytschs Kopf blieb so nebulös, dass Nemyrytsch auch weiterhin dreist in seinem goldverbrämten Mantel über den Marktplatz spazierte, in Begleitung der lupenreinen Galgenvögel Schulerman, Joelinho und Inokentij-Silvester Kozkyj, eines für Freigeisterei und Onanismus exmatrikulierten Theologiestudenten. (Ein weiterer seiner engsten Kumpel, Jazko Borodavka, hatte sich damals schon den Saporoger Kosaken angeschlossen, wo er bald darauf Sahajdatschnyj stürzen und zum Hetman aufsteigen würde. Bei Chotyn, wo er als Hetman das ruhmreiche Kosakenheer zur fast vollständigen Niederlage führte, würde er dafür mit dem Kopf bezahlen.)

Der letzte Bann gegen Nemyrytsch wurde für die sogenannte »Causa Bestiarii« verhängt. Die Episode hat einen exotischen Beigeschmack. Im Jahr 1616, wohl im Mai, Juni, machte auf der Pohuljanka die wandernde Tierschau eines gewissen Michelagnolo Romano Station (unter diesem Namen verbarg sich der in ganz Europa bekannte Falschmünzer und Giftmischer Gustav Suppe vor der Inquisition, übrigens ein Sohn Thüringens): zehn Dutzend Käfige mit allen nur denkbaren indischen Tieren – Löwen, Panthern, Lemuren, Nas- und Einhörnern, Giraffen, Antilopen, Flusspferden und Hippos, Pavianen, Zebras, Ameisenigeln, Vampiren, Incubi etc. Tagtäglich, vor allem aber am Sonntag begab sich die erlesenste Lemberger Nobilität zur grünen Pohuljanka, wo man für eine vergleichsweise hohe Gebühr nach Herzenslust diese wundersame Fauna bestaunen konnte, die allerdings ganz grässlich stank.

An einem Sonntag brachen Nemyrytsch und seine Freunde wie ein Taifun über das Bestiarium herein, öffneten alle Käfige und ließen die ungefütterten Insassen frei. Dabei kam der portugiesische Mohr Joelinho ums Leben, zertrampelt von einem Nashornweibchen, dem sich der alte Liederjan und Zoophile unvorsichtigerweise in eindeutiger Absicht genähert hatte. Die verängstigten, halb toten Bürger der treusten aller Städte der Krone stoben panisch auseinander, und die entkommenen Tiere trabten, nachdem sie den ersten Hunger gestillt hatten, die Leninstraße (heute Lytschakiwska-Straße) hinunter Richtung Zentrum und okkupierten bald die ganze menschenleere Stadt, sie vergnügten sich in Blumenbeeten, Springbrunnen und Klostergärten und labten sich in aller Ruhe an einzelnen erlegten Passanten. Der Besitzer des Bestiariums Michelagnolo (alias Gustav Suppe) verlor vor Verzweiflung den Verstand. Um die Tiere wieder in die Käfige zu bekommen, knöpfte ihm Nemyrytsch eintausend sizilianische Dukaten ab. Suppe stimmte freudig zu und legte gleich dreihundert Dukaten als Anzahlung auf das Fass (das Gespräch fand in der Bierschenke »Fisch ohne Kopf« statt). Am nächsten Tag befand sich das ganze Bestiarium tatsächlich wieder an Ort und Stelle. Unter Einsatz des brasilianischen Gifts Curare, am Vorabend in der Apotheke van der Vanden auf den Hetmans-Wällen beschafft, hatten Nemyrytsch und seine Bande alle Monster mit gekonnten Bogenschüssen eingeschläfert und schlafend auf Karren zur Pohuljanka transportiert. So lautet jedenfalls die eine Version, doch es gibt auch eine andere, dass nämlich die Tiere von selbst in die Käfige zurückgekehrt seien, besänftigt der originellen Melodie folgend, die Nemyrytsch ihnen auf einer langen Flöte vorspielte. Wie dem auch gewesen sein mag, Suppe zahlte Nemyrytsch die restlichen Dukaten aus und verließ Lemberg noch am selben Tag mit seiner ganzen Karawane. Wie sich danach herausstellte, waren die Dukaten ausnahmslos gefälscht, und in der Nacht zum 22. Juni holten Nemyrytsch und seine Kumpane, wortbrüchig geworden, den Betrüger und seinen Geleitzug auf der Großen Maulbeerstraße ein, schlachteten sie alle ab und übergaben die Tiere und Käfige dem Zirkus »Vagabundo«, mit dessen Direktor Nemyrytsch durch zweifelhafte Geschäfte verbunden war.

Der schon erwähnte Apotheker van der Vanden unterhielt mit Nemyrytsch ebenfalls recht enge Verbindungen. Er versorgte ihn mit den unterschiedlichsten narkotischen Kräutern und mit empfängnisverhütenden Pillen. Als Hauptlieferant von Opium für den Hof des türkischen Padischahs und von Kokain für den Kalifen von Bagdad verstand sich der geschäftige Holländer auf alle Arten verbotener Substanzen. Seinen mehr als überzeugenden Überredungskünsten nachgebend, hing Nemyrytsch bald an der Nadel und war einige lange Jahre abhängig, er jagte Freunde und Gespielinnen aus dem Haus und vereinsamte tragisch. Ganze Tage lang stand er nicht auf; er magerte sichtlich ab und vertrocknete, traf die Vene jedoch mit erstaunlicher Sicherheit. Unablässig träumte er seine farbigen Mysterienträume, und wenn er zwischendurch unter großen Mühen wieder zu Bewusstsein kam, las er im neusten Traktat des berühmten sächsischen Theologen Abraham von Aschenbach »Das göttliche Ei, oder Mechanismus zur Folterung der Sünder«, den er eigens von der Sorbonne kommen ließ. Die Randnotizen in diesem Quartband, seine Bemerkungen und Unterstreichungen zeugen von einem uneingeschränkten Verständnis für das Thema und von der Absicht, seinerseits eine ausführliche polemische Arbeit zu verfassen.

Die wahre Ursache seines zutiefst melancholischen und sogar depressiven Zustands aber lag in der Liebe zu der dreizehnjährigen Amalka, der Tochter des städtischen Henkers Stefan Neboraka. Zum ersten Mal hatte Nemyrytsch sie durch die Gitterstäbe seiner Zelle gesehen, als er seine Strafe für den hier zum dritten und letzten Mal erwähnten tragischen »Kartoffelpuffer-Vorfall« absaß. Das Mädchen kam täglich in ihres Vaters Henkerstube in der Nähe des Turms und brachte ihm in wolltuchumwickelten Krügen sein warmes Mittagessen. Einmal hockte sie sich zum Verrichten ihrer Notdurft in die Büsche unweit des Turms. Nemyrytsch bemerkte sie und verliebte sich sofort unsterblich. Die Wände seines Kerkers waren vollgekritzelt mit Amalkas Namen. Mit einem dunkelroten Stück Ziegel zeichnete er unzählige Male ein durchbohrtes Herz, Mädchenlippen, Körperteile etc.

Tragisch war, dass das junge Fräulein Amalia seine Gefühle brüsk zurückwies. Aus dem Gefängnis frei gekommen, erklärte sich Nemyrytsch ihr brieflich und bot ihr an, seine gesetzliche Ehefrau zu werden. Dem Brief legte er sein meisterhaftes Akrostichon-Sonett »Amalia Neboraka« bei. Das Mädchen aber antwortete ziemlich direkt, dass es ihr niemals einfallen würde, einen solchen Taugenichts und Liederjan zu ehelichen, schließlich entstamme sie einer angesehenen Familie, deren Würde in den Augen von ganz Lemberg durch eine schändliche Verbindung wie diese zerstört würde. Noch dazu liebe sie schon lange und treu den ihr anverlobten Metzgersohn Piotruś dafür, dass er lockenköpfig und von fröhlicher Disposition war und es wie kein anderer verstand, die blutigen Därme mit Wurstmasse zu stopfen. Am Abend darauf stellte sich Samijlo Nemyrytsch dem Metzgersohn Piotruś in Kulparkiw in den Weg und prügelte besagte Därme aus ihm heraus. Aber das nutzte nichts – bis ans Ende ihrer Tage ging Amalia in Trauer, hielt dem Verlobten die Treue und verbrachte ihm zu Ehren ihr langes 93jähriges Leben als Jungfrau.

Nachdem er sich schließlich von der Vergeblichkeit aller Anstrengungen und Versuche überzeugt hatte, irgendetwas in dieser sinnlosen Welt zu verbessern, verfiel Samijlo Nemyrytsch in Untätigkeit und verschloss sich. Offenbar hatte er ein paar einfache und beunruhigende Dinge verstanden. Indem er die Reichen bestrafte und sich ihren Besitz aneignete, hatte er diesen einfach nur umverteilt. Aber das rettete die Bedürftigen nicht aus ihrer Not, die Hungernden nicht vor dem Hunger. Die Frauen gaben sich ihm gern und in großer Zahl hin, aber nicht, weil sie ihn für seinen Verstand und sein Herz liebten, sondern weil er wusste, wie er ihnen Befriedigung verschaffen konnte. Seine wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten verstanden die Zeitgenossen überhaupt nicht und verbrannten sie häufig – auf Befehl mal der Inquisition, mal des Moskauer Zaren. Seine brillant ausgeführten kunstfertigen Verbrechen riefen nichts als Abscheu, Unverständnis, Infamie und Bann hervor, weitere Verurteilungen und Gefängnis. Niemals wurden sie zum Gegenstand unvoreingenommener professioneller Kommentierung, respektvoller Auslegung oder höherer moralischer Betrachtung, was der unglückliche Samijlo so sehr ersehnte. Sein Los war, den bitteren Becher der Tragödie aller Großen bis zur Neige zu leeren: die Diskrepanz zur Epoche, in die ihn das Schicksal geschleudert hatte.

Dabei war Nemyrytschs Becher von doppelter Bitterkeit: nicht nur die Epoche, sondern auch der Ort. Samijlo Nemyrytsch hatte das Unglück, Ukrainer zu sein und in der Ukraine zu leben – ohne eigene Staatlichkeit, Jurisprudenz, Geschichte und sogar ohne eigene Unterwelt. In Amerika hätte er Präsident werden können, in Rom Papst oder doch zumindest Kardinal, in England Robin Hood, in Deutschland Bismarck oder sogar Goebbels. In der Ukraine aber hatte er nur die Wahl zwischen Bandit oder Aufrührer. Im folgenden polnischen Sprichwort aus jener Zeit steckt heilige Wahrheit: »In der Rus kannst du Jesuiten säen, es werden trotzdem Verbrecher herauskommen!«

Samijlo trat am 18. Oktober 1619 unter dem Namen eines Bruders Theodosius ins Kloster ein und wurde in einer Zelle der Potschajiwska-Lawra unbemerkt alt. Nach dem Tod, der im Januar 1632 durch eine unbekannte nächtliche Krankheit eintrat und unverzüglich mit versteckter Kamera für die künftige Veröffentlichung bei YouTube fixiert wurde, verweste der Körper nicht und begann am fünften Tag, geschmeidig und warm wie vorher, nach Malve zu duften. Entgegen der Beweiskraft dieser unzweideutigen Anomalie wurde Nemyrytsch nicht kanonisiert. Angeblich, weil seine Geburtsurkunde nicht aufzufinden war. Nach und nach hörte man überhaupt auf, an die Tatsache seiner Existenz zu glauben.

Nebenstehend Samijlo Nemyrytschs Akrostichon-Sonett »Amalia Neboraka« – sein einziges Werk, das bis in unsere Tage überliefert ist.

Samijlo Nemyrytsch (? – 1632)

A. ‌N.

Ach Gottesengel kennen nicht den Vogel –

Mir Abgrund. Blut hast du genommen.

Amur hat mich besiegt wie einen Deppen.

Liebling, schau her! Im Herz sitzt mir ein Nagel.

Ist das ein Glück verglichen mit den Fesseln

An Überdruss und Trauer der Tataren

Noch Polacken Kriegszug. Wütend werden

Erst und irre. Wie zum Verzweifeln!

Bliebst du nicht jung, ein hässlich scheußlich Weib,

O widerlich, der Nas und Zähne bar,

Ratzratte mein, o teuflische Giftnatter!

Ach du hast nichts als nur ein Loch im Leib

Kein andrer armer Sünder so verliebt je war.

Auf los jetzt, ab zum Henker – deinem Vater.

Zweiter Teil
B. ‌S., der Mörder von S. ‌B.

1

Der Mann, der Bohdan Staschynskyj genannt wurde, könnte mit Recht einen prominenten Platz in Borges' »Universalgeschichte der Niedertracht« beanspruchen. Mehrmals hat er in seinem Leben bewusst und kaltblütig die Grenze überschritten, hinter der keine Vergebung mehr ist. Daher erscheint die Bezeichnung »Held« in Bezug auf ihn äußerst riskant. Trotzdem würde ich ihn und nicht sein Opfer, von dem später noch die Rede sein wird, zum Helden meines Filmprojekts machen. Wobei ich zu meiner Entlastung anführen kann, dass ich dieses Projekt niemals verwirklichen werde. Was mir bleibt, sind naive Versuche, den Film mit Wörtern und Sätzen irgendwie zu beschreiben – so wie ich als Kind den Klassenkameraden Filme nacherzählt habe, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Der mir unbekannte John Steele, Korrespondent des Life-Magazine, nennt Staschynskyj in seinem Essay »Monster mit menschlichem Antlitz«. Wenn man dem Internet glauben will, hat John Steele diesen Text im September 1962 veröffentlicht, als die Spur der beschriebenen Ereignisse noch frisch war. Jedenfalls dient mir diese Aufklärung zum Thema Aufklärung des unbekannten John Steele als Synopse. Mit anderen Worten, sie lässt mir schon seit mehreren Wochen keine Ruhe; ich sehe meinen Film in ganzen Abschnitten und einzelnen Bildern, und meistens gefällt er mir.

Aber wie ihn nacherzählen? Vielleicht beginne ich mit einer Annäherung.

»Monster mit menschlichem Antlitz« oder »Der Mordroboter«. Mit diesen Worten beschreibt John Steele Staschynskyj. Aber der Nachweis dieser Charaktereigenschaften muss, ehrlich gesagt, erst noch geführt werden. Ausschlaggebend ist wahrscheinlich die unerhörte und praktisch unerreichte Perfektion, mit der Staschynskyj sich vorbereitet und die Aufgabe dann ausgeführt hat. Der ideale Exekutor für Spezialaufgaben. Wie es in der Sprache der Spione heißt, er handelte sauber, also vollendet – keine menschliche Regung führte zu einer Abweichung, keinerlei sentimentalen Anwandlungen oder psycho-neurotischen Eskapaden. Seine Genialität als Mörder lag darin, dass wir bis heute nicht wüssten, von wem und warum sowohl Rebet als auch Bandera umgebracht wurden, hätte Bohdan Staschynskyj alias Joseph Lehmann nicht beim Tanzen eine gewisse Inge Pohl kennengelernt, eine Deutsche, 21 Jahre alt, Friseurin. Und hätte er sie nicht nach dem Tanzen heimbegleitet. So aber entstand ein Gefühl, das den spektakulärsten Spionageskandal des vergangenen Jahrhunderts auslöste und für ganze siebzehn hochrangige KGB-Offiziere das jähe Ende ihrer Karriere bedeutete. Die gesamte westliche Welt aber wurde nochmals in ihrer nicht sehr originellen Überzeugung vom mörderisch kriminellen Charakter des bolschewistischen Systems bestärkt. In diesem Sinne tritt Staschynskyj auch noch als strafendes Element der Geschichte auf, in der ihr eigenen Ironie: Er macht das Geheime offensichtlich. Ich habe sogar schon gelesen, die Berliner Mauer, die angeblich in einer Nacht, vom 12. auf den 13. August 1961, errichtet wurde, sei in Wirklichkeit mit nur einem Ziel gebaut worden – Staschynskyj sämtliche Schlupflöcher für die Flucht zu versperren. Trotz ihrer offensichtlichen Überspanntheit und Infantilität kann diese These zumindest symbolisch als folgerichtig gelten. Denn ohne Übertreibung lässt sich sagen, dass die Liebe des ukrainischen Verräters (und sowjetischen Spions) zu einer einfachen deutschen Friseurin geopolitische Bedeutung erlangte.

Über Staschynskyj, vielmehr mit seiner Beteiligung, wurde bereits ein Film gedreht. Jedoch wirkt die Darstellung des Helden dort zu simpel und betont plakativ, wie überhaupt der ganze Film. Vielleicht hatten die Autoren es sich ja zur Aufgabe gemacht, einen plakativen Film zu drehen, und hielten das damals, Anfang der Neunziger, für einen notwendigen und ausreichenden ersten Schritt. Warum eigentlich kommen wir nie über die ersten Schritte hinaus? Aber das nur nebenbei.

In dem Film sehen wir einen vorbildlichen Stepan Bandera, der neben den Tugenden, die für eine politische Ikone unerlässlich sind, auch noch privat absolut positive Züge aufweist, vor allem als vorbildlicher Familienvater, der einfach keine Schwächen haben kann (und – Gott behüte – auch nicht haben darf!), am wenigstens für Frauen. Sein Mörder Bohdan Staschynskyj wird entsprechend als geistesschwacher Opportunist dargestellt, als zitternde Kreatur und verirrtes Schaf aus der heroischen ukrainischen Herde.

Tatsächlich ist Staschynskyj ein Monster, aber eines, dem es gelingt, sich zu retten. Und genau deshalb würde ich ihn und nicht Stepan Bandera zum Helden des Films machen, den ich zum Glück niemals drehen werde.

Aber ich kann ihn imaginieren. Das ist übrigens viel interessanter und fesselnder. Der Film würde vor allem vom Chaos der Geschichte handeln und von Blut. Blut auf dem Anzug des Anführers, zum Beispiel. Was mich aber viel mehr interessiert – es wäre ein Film über Aufruhr und Widerstand. Sein Held Bohdan Staschynskyj widersetzt sich plötzlich seinen Arbeitgebern und – dazu waren sie geworden – seinen Wohltätern, entschlossen tritt er (also gut, er kriecht als Schlange!) aus dem System, obwohl dieses ihn mit allen möglichen Umarmungen und Zärtlichkeiten umfängt, darunter auch mit ebenjenem Blut. Und obwohl es aus ganzem Raubtierrachen stinkt, eine unmissverständliche Bedrohung seines unbedeutenden, verirrten Schafslebens.

Ungeachtet der Absurdität der Wahl – glänzende Fortsetzung einer überwältigend erfolgreichen Agentenkarriere oder tödliche Hoffnungslosigkeit der Flucht in die Liebe – wählt das Untier Staschynskyj, »Monster mit menschlichem Antlitz« und »Mordroboter«, Letzteres. Als wäre er nicht ein gebildeter und zynischer galizischer Abtrünniger, sondern einfach ein dummer Junge, der, nachdem ihn irgendwelche »Beatles« zu Tränen gerührt haben, fanatisch daran glaubt, dass »Love Is All You Need«.

2

In groben Zügen und als punktierte Linie nachgezeichnet verläuft sein Leben etwa folgendermaßen.

Eines schönen Tages Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre wurde der damalige Oberschüler im Bummelzug zwischen Lemberg und seinem Wohnort Borschtschowytschi beim Schwarzfahren erwischt.

Wie und warum man den kaum volljährigen Passagier aus den Händen des Zugschaffners der Bahnhofsmiliz übergibt und von dort in noch fürsorglichere Hände, das wird wohl immer ungeklärt bleiben. Die Dienste werden damals doch nicht etwa jeden Schwarzfahrer angeworben haben, der das Pech hatte, erwischt zu werden? Wenn doch, dann ist es entsetzlich, sich die wahre Zahl ihrer freiwilligen Helfer auch nur vorzustellen. Wahrscheinlicher aber ist, dass sich über Staschynskyj schon etwas zusammenbraute und die Festnahme im Zug nur der Prolog zu einem festgelegten Szenario war.

Der junge Mann erklärte sich vergleichsweise schnell zur Zusammenarbeit bereit. Vielleicht hatte er nur auf diese Gelegenheit gewartet, vielleicht heimlich von ihr geträumt. Nachdem er auf Befehl des KGB in die Strukturen des Untergrunds eingedrungen war, verriet er die Widerständler, wie es so schön heißt, in ganzen Kampfgruppen. Die Operationen, die unter seiner Beteiligung ausgeführt wurden, erinnern irgendwie an Aufführungen damaliger Provinztheater. John Steele schreibt von »Pfützen von Hühnerblut«, die von den Tschekisten in diesen Inszenierungen eingesetzt wurden. Das andere, das Nichthühnerblut, das mit reißfesten Stricken bindet und einen nicht nur zu Loyalität, sondern zur völligen Hingabe zwingt, können wir uns vorstellen.

Die Sorgfalt und der Erfolg dieses jungen Provokateurs blieben nicht unbemerkt. Schon im Jahr 1952 wird er nach Kiew berufen, wo er eine zweijährige Spionage-Ausbildung absolviert. Zum superintensiven Erlernen feindlicher Sprachen kommen Politinformation sowie Lektionen in Schießen, Selbstverteidigung »SAMBO« und angewandter Giftkunde. Ungefähr in der Mitte dieser Epoche mit Goldschimmer stirbt Stalin, und der alleroffiziellste Dichter der Ukraine publiziert einen neuen Band, »Macht ist uns gegeben«. Was die Macht angeht, kann Staschynskyj ihm nur zustimmen. Anlässlich der glänzend bestandenen Abschlussprüfungen richtet die Führung Staschynskyj ein Festmahl aus. In meinem Film wäre diese Episode eine besondere Zäsur: der ellenlange Tisch mit ausschließlich armenischem Kognak, Champagner, Sardinen, Krabben, zwölf Sorten Fleisch, Orangen, Ananas und Haselhühnern würde unvermeidlich mit Stalins »Buch vom schmackhaften und gesunden Essen« assoziiert, vor allem vor dem Hintergrund der allgemeinen chronischen Unterernährung während der ersten und aller weiteren Nachkriegsjahre.

Nicht lange darauf findet sich Staschynskyj in der DDR wieder, wo man ihn mit verschiedenen Routineangelegenheiten zu testen beginnt. Da heißt er schon Joseph Lehmann und spricht Deutsch, als habe er sein ganzes bisheriges Leben im Ruhrgebiet verbracht (Kohlenpott-Dialekt) – und das nicht zufällig, denn entsprechend seiner Legende stammt er aus der Nähe von Essen. Eine Zeitlang muss er jetzt den Balljungen spielen (nein, nicht einmal die Kastanien darf er aus dem Feuer holen!), und wenn er auch manchmal nach Westdeutschland kommt, dann nur um alle möglichen lächerlichen Aufgaben auszuführen wie zum Beispiel durch München schlendern und die Nummernschilder der Militärfahrzeuge aufschreiben. Eine andere Zerstreuung bieten die mehr oder weniger regelmäßigen Besuche im Zirkus »Vagabundo«, vielmehr seiner kläglichen Reste. Bohdan Staschynskyj hatte schon als Jugendlicher in Lemberg und Umgebung einige Vorstellungen dieser Truppe gesehen. Jetzt tauchten die Überbleibsel des Zirkus, sich langsam ihrem überseeischen Ziel nähernd, hin und wieder mit ihrem Zelt in irgendwelchen deutschen Käffern auf: die sichtlich verarmten und gezwungenermaßen gekürzten Aufführungen konnte man wenn auch nicht mehr in Paderborn oder Heilbronn, so doch in Gauting oder Tutzing sehen.

John Steele vergisst nicht, dies zu erwähnen, aber er schreibt nichts über die inneren Stürme und tief verborgenen Qualen – oder über das nervöse Zucken über den Wangenknochen. Bohdan Staschynskyj hält sich für einen Diamanten, der keine seiner Bestimmung entsprechende Verwendung findet. Aber das ist das Schicksal des Spions – er muss warten. Die Spionagetätigkeit besteht zu 99 Prozent aus Warten. Der Raum der Spionage ist noch nicht einmal ein Empfangszimmer, sondern ein kalter und öder Wartesaal.

Gerade da wendet sich ihm das Schicksal auf ganz unerwartete Weise zu – mit weiblichen Brüsten. Und zum ersten Mal im Leben presst er sich ganz daran – beim Tanz in Ostberlin, an einem seiner seltenen freien Abende. Über Inge Pohl, in die sich Staschynskyj beim ersten Tanz blitzartig und bedingungslos verliebt, schreibt John Steele nur sehr zurückhaltend: »Ihr Äußeres war völlig unauffällig, sogar irgendwie ungepflegt. Bei Tisch benahm sie sich wie ein Wolf. Durch intellektuelle Bedürfnisse zeichnete sie sich nicht aus. Jedoch war sie ihrem Freund treu ergeben, der sich rettungslos in sie verliebte.« Am interessantesten ist hier natürlich der Vergleich: wie ein Wolf. Nur, was bedeutet er? Benahm sie sich wild? aggressiv? aß sie gierig das ganze Fleisch? Wir werden keine Antwort hören. Aber auch John Steele kann nichts wissen von den tausend anderen »jedoch«. Zum Beispiel von ihrer Angewohnheit, das rötliche Haar zurückzuwerfen, es auf ihre Schultern zu schütteln, nachdem sie sie von der Haarspange befreit hat. Oder über den Geruch ihres ganz und gar nicht raffinierten Friseurparfüms (und dann auch noch aus der DDR), der das ungeküsste Spionage-As aus Borschtschowytschi in süße Trance versetzte. Oder davon, wie die Waggontüren des letzten Zuges nach Karlshorst sie, die Schutzlose, jedes Mal von ihm trennten. Oder schließlich davon, wie unaussprechlich lange und leidenschaftlich sie zum Höhepunkt kam – mit ihrem ganzen Selbst, sich als Welle erhebend und dankbar stöhnend.

Interessant, dass Staschynskyj der Führung diszipliniert Bericht erstattete über seine Romanze. Komisch, dass seine Oberen auf diese Nachricht eher nachsichtig reagierten. Kein Alarmsignal wurde ausgelöst, keine Selbstblockade des Systems.

Ganz im Gegenteil – endlich kam Bewegung in sein Leben, man beauftragte ihn mit zwei großen Morden. Im Oktober 1957 beging er in München den ersten – an Lew Rebet. Als Jude und Angehöriger des demokratischen Flügels der OUN war Rebet eher ein symbolisches Ziel. Allein durch seine Existenz widersprach er dem häufigsten Vorwurf gegen den ukrainischen Untergrund oder zog ihn zumindest in Zweifel – den des Nazismus. Staschynskyj sollte diese Ungereimtheit auslöschen und Rebet aus der Arena des Widerstands entfernen. Bevor er ihn aber findet, sich ihm in den Weg stellt und ihm aus einer speziellen zylinderförmigen Aluminiumpistole einen Schwall Giftflüssigkeit ins Gesicht spritzt, müsste in meinem Film ein Hund auftauchen – um das Gift an ihm zu testen. Der Hund wäre an einen Baum gebunden, und Staschynskyj näherte sich ihm zusammen mit einigen, wie John Steele sie nennt, Kollegen. Ob sie sich wohl in die Augen geblickt haben, Staschynskyj und der Hund? Ob die Hand Staschynskyjs nicht doch ein ganz kleines bisschen gezittert hat? Ob Staschynskyj nicht doch eine klitzekleine Möglichkeit hatte, nicht abzudrücken? »Er spritzte, und der Hund warf sich sofort auf die Erde, ohne noch einen Laut von sich zu geben«, schreibt John Steele. »Aber noch ungefähr drei Minuten lang zitterte er im Todeskampf.«

Rebets Todeskampf dauerte nicht einmal drei Minuten.

Nachdem er ihn vernichtet hatte, floh Staschynskyj noch am selben Tag nach Frankfurt am Main, wo er im Hotel »International« übernachtete. Wie hat er diese Nacht verbracht? Ist er wirklich eingeschlafen? Vielleicht kaum dass sein Kopf das Kissen berührte, wie es oft heißt? Wir wissen es nicht. Aber es scheint fast hundertprozentig sicher, dass er mit dem siegreichen Gefühl einer sauber ausgeführten Aufgabe nach Ostberlin zurückgekehrt ist. Aus diesem Anlass deckten die Kollegen des Agentenstützpunkts in Karlshorst erneut den Tisch – es handelt sich um das zweite Festmahl für Staschynskyj und die zweite Zäsur im Film. Diesmal mit Bier und Schnaps, geräuchertem Aal und rotem und schwarzem Kaviar in sächsischen Trophäen-Schalen aus Silber und Porzellan. Und mit Liedern aus dem immer noch beliebten Kinofilm Kubankosaken, die man zum lädierten Klavier anzustimmen versucht, und einem zuerst langsamen, dann immer schnelleren und dreisteren Besäufnis. Auch ein wertvolles Geschenk gibt es: Im Namen der allerhöchsten Führung erhält Staschynskyj einen Fotoapparat »Contax«.

Was für eine wunderbare Gelegenheit, die Geliebte zu verewigen – vor dem Hintergrund von Parkbäumen, Brücken, Schlosstoren, unter einem Bogen, unter einem neuen Regenschirm, mit Sonnenbrille! Sie lieben sich wie Engel – nur mit dem Unterschied, dass Engel keinen Körper haben und daher auch keine Geschlechtsteile.