Kira Jane Buxton

Hollow Kingdom

Das Jahr der Krähe

Aus dem amerikanischen Englisch von Henning Ahrens

FISCHER E-Books

Über Kira Jane Buxton

Kira Jane Buxton ist Journalistin und Autorin. Ihre Geschichten und Artikel sind in der New York Times, im New Yorker und in Sweeney’s erschienen. Zusammen mit drei Katzen, zwei Krähen und einem Mann lebt sie in Seattle, USA.

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.tor-online.de und auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Als Big Jim ein Auge aus dem Kopf springt und er aufhört, mit seinem Bloodhound Dennis spazieren zu gehen, ahnt die zahme Krähe S.T., dass irgendetwas nicht stimmt. Aber es kommt noch schlimmer: Ganz Seattle verwandelt sich binnen Kurzem in ein Trümmerfeld, Nachbarn wechseln in den Berserkermodus und bringen sich gegenseitig um, und sogar das Fernsehprogramm fällt aus. S.T. und Dennis beschließen, nach dem Ursprung der Katastrophe zu suchen, und begeben sich auf eine Odyssee durch die zerstörte Stadt …

Impressum

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Das englische Original erschien 2019 unter dem Titel »Hollow Kingdom« bei Grand Central, einem Imprint der Hachette Book Group, New York.

© 2019 Kira Jane Buxton

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2020 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

 

Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Idee und unter Verwendung einer Illustration von Jarrod Taylor

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-491147-2

Fußnoten

Winnie wurde dazu erzogen, im dritten Pudel von sich selbst zu sprechen.

Die weiter in der dritten Person Pudel von sich erzählt.

»Wir laden euch ein, diesen Weg zu nehmen!«

»Seht!«

»Beeilung! Wir müssen weiter!«

»Beeilung, mein Sohn!«

»Ich komme!«

Jener, Welcher Entseelt, wird zurückkehren

der mich das Fliegen lehrte.

Mark Twain

S.T.

Ein kleines Haus im Craftsman-Stil in Ravenna, Seattle, Washington, USA

Ich hätte viel früher merken müssen, dass irgendetwas gefährlich faul war. Wie konnte mir das nur entgehen? Sicher, es gab Anzeichen, nur waren sie so träge wie das Harz, das eine von Krankheit gezeichnete Tanne umschließt. Träge wie eine Klapperschlange, die sich hinterrücks anschleicht und die Spur ihrer Bauchschuppen ins Gras malt. Es waren Anzeichen, die man erst bemerkt, wenn die Wahrnehmung entsprechend geschärft ist.

Anfangs war alles stinknormal. Big Jim und ich spielten auf dem Hof. Wir wohnen zusammen, müsst ihr wissen. Wir führen eine platonische und hochgradig symbiotische Beziehung. Ich darf in einem anständigen Viertel von Seattle mit einem Elektriker zusammenleben, der in Lohn und Brot ist, und er kann sich an seinem privaten Hofnarren erfreuen. Eine Win-win-Situation, wie sie im Buche steht.

Big Jim und ich waren also auf dem Hof. Er hatte ein Pabst Blue Ribbon in der Hand – typisch Big Jim –, und ich zupfte gerade ein Unkraut von der Größe eines Labradoodles aus. Im Staate Washington gedeiht alles prächtig: smaragdgrünes Moos, knackige Äpfel, süße Kirschen, große Träume, Koffein-Abhängigkeit und passive Aggression. Außerdem haben wir Marihuana

Wo war ich stehengeblieben? Ah, richtig. Unser Hof mit dem fetten Frosch-Springbrunnen und dem kleinen, zum Kotzen selbstzufriedenen Gartenzwerg wurde von der sommerlichen Abendsonne golden lackiert. Und da fiel Big Jims Augapfel raus. Löste sich einfach so aus dem Kopf. Er kullerte ins Gras, und um ehrlich zu sein, waren Big Jim und ich total perplex. Dennis wiederum ließ sich nicht beirren, sondern stürzte sich auf den abtrünnigen Augapfel. Dennis ist ein Bluthund mit dem IQ eines toten Opossums. Ich kenne Truthähne mit mehr Gehirnzellen, ehrlich. Ich hatte Big Jim vorgeschlagen, Dennis vor die Tür zu setzen, weil er in seiner Blödheit brandgefährlich ist, aber Big Jim hörte nicht auf mich, denn er wollte unbedingt einen Hausgenossen behalten, der über null Impulskontrolle verfügt und 94 Prozent seiner Zeit damit verplempert, seine Eier abzuschlecken. Die Reißzähne von Dennis waren nur noch dreißig Zentimeter vom Augapfel entfernt, als ich ihn aufklaubte und sicherheitshalber auf den Zaun legte. Big Jim und ich tauschten einen Blick, jedenfalls einen Dreiviertel-Blick, denn er hatte ja nur noch ein Auge. Während ich erwog, dies meiner Petition für Dennis’ Rauswurf aus unserem Heim hinzuzufügen (der Versuch, den Augapfel seines Mitbewohners zu fressen, musste einfach ein Kündigungsgrund sein), fragte ich Big Jim, ob alles in Ordnung sei. Er antwortete nicht.

»Was zur Hölle?«, sagte Big Jim, als er sich mit einer Pranke an den Kopf griff, und das waren die letzten Worte, die ich ihn sprechen hörte. Er zog sich ins Haus zurück, trank nicht mal sein Pabst Blue Ribbon aus. Und wieder – Anzeichen. Er verbrachte die nächsten Tage im Keller unseres Hauses, wo der Kühlschrank mit den Bierdosen und die Gefriertruhe mit den

Während all der Zeit, das möchte ich hier festhalten, einer Zeit schwerer emotionaler Belastung und allgemeiner Ungewissheit, tat Dennis absolut nichts, sprang bloß über den Sessel und kotzte auf den Teppich. Ich versuchte, alles sauberzumachen, dabei bin ich für den Köter eigentlich gar nicht zuständig.

Die früheren Anzeichen waren subtiler, man hätte schon eine Zeitmaschine gebraucht, um aus ihnen schlau zu werden (so eine, wie sie sich Big Jim nach jedem Tinder-Date gewünscht hatte). Vor dem Verlust des Augapfels wurde er immer zerstreuter. Er vergaß Verabredungen, dann seine Brieftasche, ja sogar seine Haustürschlüssel, und beschuldigte mich, ich sei ein »Mega-Kleptomane«. Aber hey, ich bin bloß ein Sammler. Wer mag sie nicht, die schönen Dinge dieser Welt? Er bekam auch manche Wörter nicht mehr raus, meinte, sie seien wie auf seine Zunge

Der entwichene Augapfel markierte einen Wendepunkt in unserem Leben. Zwecks späterer Verwendung tat ich ihn in das Glas für die Kekse. Doch Big Jim war nie wieder der Alte. Und das galt für uns alle.

Ich zögere fortzufahren, weil ihr vielleicht voreingenommen seid und den Rest meiner Geschichte nicht mehr hören wollt. Im Interesse einer kompletten Aufklärung fühle ich mich aber verpflichtet, euch die ganze Wahrheit zu offenbaren. Das habt ihr verdient. Ich heiße Shit Turd und bin eine Amerikanerkrähe.

Seid ihr noch alle da?

Krähen sind nicht sehr beliebt, schon klar. Man verabscheut uns, weil wir schwarz sind und weil unser Gefieder weder so edel gesprenkelt ist wie das eines Rotschwanzbussards noch so herrlich kobaltblau leuchtet wie dieser Vollidiot namens Blauhäher. Ja, richtig, wir sind nicht so hübsch und putzig wie Kolibris, angeblich auch nicht so weise wie Eulen – die nebenbei gesagt krass überschätzt werden – und nicht so bezaubernd wie diese feisten Eieruhren, gemeinhin bekannt als Pinguine. Krähen sind Vorboten des Todes und böse Omen, jedenfalls laut Big Jim beziehungsweise Google. Schurken mit pechschwarzen Schwingen, die mit dem Rätselhaften, dem Okkulten, dem Unbekannten, ja, dem Totenreich (also Portland) assoziiert werden. Bei unserem Anblick denken die Leute an Verstorbene und depressive Lyrik voller Weltangst. Dass wir uns auf Müllkippen fröhlich an den Innereien von Fischen mästen, hilft auch nicht.

Winnie, die Pudeline[1]

Eine Villa in Bellevue, Washington, USA

Winnie, die Pudeline, saß auf der Fensterbank und sättigte ihr gebrochenes Herz an den Tränen der Außenwelt, die über die Scheibe strömten. Sie drückte ihr zartes Schnäuzchen auf die Vorderpfoten, seufzte bekümmert und dachte an das, was sie auf dieser Welt im Übermaß zur Verfügung hatte: Warten. Sie hatte bergeweise Warten. Sie wartete, nachdem sie erwacht war, und dann wartete sie noch eine Runde, suchte einen Snack und wartete weiter. Ausharren und warten. Braves Mädchen.

Sie spitzte die Ohren, als Krallen über Marmor trippelten. Ein Seitenblick über den Fußboden bestätigte ihre Ahnung – das Mittagessen war da. Sie würde sich später darum kümmern. Jetzt verfolgte sie es nur mit ihren traurigen, traurigen Augen und schnupperte mit ihrer traurigen, traurigen, tadellosen Pudelschnauze.

Ihre Haut juckte vor Einsamkeit. Würde ihre Geherin je zu ihr zurückkehren?

Das Schlimmste war das Schuldgefühl. Ein Schuldgefühl, das sich in ihrem Herzen ringelte wie eine ganze Armee weißer

Winnies Schuldgefühl hatte zwei Ursachen. Erstens hatte sie nicht immer brav gewartet, seit man sie allein gelassen hatte. Sie war ja Winnie, die Mini-Pudeline, und konnte sich durch die Katzenklappe quetschen. Das hatte sie ein paarmal getan, um nachzuschauen, ob man sie auf dem Hof erwartete. Oder vor dem großen Springbrunnen. Oder bei den Ställen. Dem großen Pool. Dem kleinen Pool. Dem leuchtend gelben Platz mit Netz und Ball. Den glänzenden Autos. Aber dort war niemand. Da waren nur die Pferde. Manche atmeten. Andere hatten ihr Inneres nach außen gestülpt.

Die zweite Ursache ihres Schuldgefühls: Während ihrer Zeit mit der Geherin hatte sie wiederholt versucht, das Haus zu verlassen. Sie hatte so getan, als müsste sie Pipi, und die Schiebetür angebellt, um auf den Hof und dann wieder ins Haus gelassen zu werden. Sie flitzte raus und rein, raus und rein, raus und rein, bis man ihr befahl, kein nervender Q-Tip mehr zu sein und sich hinzulegen. Manchmal war sie der Geherin vorausgerannt, mit flatternden Samtohren auf dem endlos langen Pfad, dann hatte ihre rosa Zuckergebäckzunge das mit Mist-Mief gesättigte Aroma der Freiheit geschmeckt, und ihre Pfoten hatten den Kies in das Antlitz von Sitte und Anstand spritzen lassen.

»Pudel-dudel-du!«, hatte sie unbändig und befreit und so obszön schön geschrien wie ein Mondstrahl mit Zähnen. Einmal gelang es ihr sogar, ihren Bewachern zu entwischen, und Butler hängte überall Bilder von ihr auf, mit vielen $$$$$ und noch mehr Nullen drauf. Es dauerte keine halbe Stunde, bis man sie fand.

Winnie dachte an den Tag, als die Geherin verschwunden war. Damals hatte es kein Picknick gegeben, man hatte sie nicht mit einem Veuve Clicquot in einer Tasche transportiert. Stattdessen war es ein Tag voller Geschrei gewesen. Die Geherin konnte die Luft nicht rasant genug in die Lungen saugen, ihre Augen waren rot und todtraurig, ihre Nase lief, und sie bellte ins Telefon. Winnie hatte sie trösten wollen, war aber weggeschubst worden. Die Geherin öffnete die Tür, Winnie rannte ihr nach, NEIN, WINNIE, NEIN, und Winnie bellte, und die Geherin ließ sie nicht raus, BLEIB HIER, WINNIE, WARTE! BRAVES MÄDCHEN!, und ließ die Tür zuknallen, um ohne ihr braves Hündchen Winnie in die verrückte, weite Welt zu stolpern, ganz allein.

Könnte sie die Zeit doch nur zurückdrehen und alles rückgängig machen! Käme die Geherin wieder zur Tür herein, dann würde sich Winnie ganz bestimmt nicht sträuben, wenn man sie in ein nagelneues Seahawks-Trikot steckte, und sie würde auch nie wieder heimlich unters Bett pinkeln.

Winnie hatte jede Menge Warten und jede Menge Schuldgefühle. Sie starrte die Tür mit einem Blick an, der, wie sie annahm, ihrer Rassezucht-Herkunft entsprach, aus Augen, funkelnd wie ihr Diamant-Halsband. Man sagte ihr oft, sie sei so wunderschön und so perfekt, und die Leute fragten ständig: Wer ist das brave Mädchen? Wer ist das brave Mädchen?, eine absurde rhetorische Floskel, denn natürlich war sie das brave Mädchen, wer sonst? Ach, wie sie das vermisste. Wenn sie ehrlich mit sich war, vermisste sie sogar das hochgradig nervende Schnarchen von Wisch-Mops.

Sie würde hier warten. Bleiben. Brav sein. Überall im Haus strategische Kackhaufen hinterlassen, damit die Geherin diese nach ihrer Rückkehr wieder zwanghaft auflesen konnte. Winnies winzige, rosige Lungen bargen eine Sorge – ihre Klauen mussten dringend gestutzt werden, und im Salon fragte man sich bestimmt schon, wo um alles in der verrückten Welt sie abgeblieben war. Sie vermisste den warmen Schoß der Geherin, ihr salziges Gesicht und die honigsüßen Laute, die sie mit weichen, roten Lippen nur für Winnie formte. Sie vermisste es, dazuzugehören.

Der Kummer packte sie im Nacken, als wäre sie ein Kauspielzeug, und sie kam nicht dagegen an, denn sie hatte keine Kraft mehr. Winnie, die Pudeline, legte die Schnauze auf den Boden und verabschiedete sich im Stillen von ihrem Heim und der verrückten Welt. Sie würde kein weiteres Mal nach ihrem

S.T.

Das kleine Haus im Craftsman-Stil in Ravenna, Seattle, Washington, USA

Nachdem Big Jims Augapfel aus dem Kopf gefallen war, dämmerte mir bald, dass ich mehr Verantwortung übernehmen musste. Die komplette Verantwortung, um genau zu sein. Big Jim war so damit beschäftigt, den Finger gegen die Kellerwand zu stoßen und eine Gala-Vorstellung als tollwütiger Waschbär hinzulegen, dass ich nach einigen Tagen weit mehr im Haus erledigte als sonst. Ich steckte Klamotten in die Waschmaschine und sorgte für Dennis, der abends seine Fressnäpfe attackierte, als hätten sie ihn kastriert. Da ich gewisse Probleme damit hatte, Wasser in den Napf zu füllen, eskortierte ich ihn zum Porzellan-Thron, der, vernachlässigt, wie er war, seine ursprüngliche Würde gänzlich eingebüßt hatte.

Morgens wartete ich darauf, dass der junge MoFo mit den roten Kopfhörern auf dem Fahrrad vorbeisauste, schneller als ein Toupet im Tornado, und mit seinem schwarzweißen Wurfgeschoss eine weitere Hortensie köpfte. Er blieb aus. Ebenso die Postwurfsendungen der Autohändler oder die Pakete von Amazon oder Big Butts, eine Zeitschrift, die wir im Abo hatten. Das war sonderbar.

So sonderbar, dass ich erwog, mich in den Affenzirkus

Die Sache hat sicher auch einen Dating-Aspekt, nur ist er nicht so ausgeprägt, wie die meisten MoFos glauben. Natürlich klinken sich nicht alle ein. Ich beispielsweise, der Zugang zum echten Internet hatte, war der Meinung, all das Gezwitscher bringe ihm nichts. Wisst ihr, wer außerdem nicht reingehört hat? Verkehrstote. Und die sind selbst schuld. Aura hallt von Geschichten und Statistiken über Autos und die Gefahren, die jenseits der langen, weißen Linien drohen, nur so wider. In der Stratosphäre lässt fast jeder Warnrufe ertönen – von der grünen Baumwanze bis zur Grauflügelmöwe –, und trotzdem enden so viele Idioten als

Ich stürzte mich mutig in Aura. Stille. Eine Aura-Stille kann besorgniserregend sein. Entweder mangelt es an Vögeln oder willigen Bäumen, die die Gerüchteküche am Kochen halten. Oder alle Welt verkriecht sich vor einem nahenden Raubtier. Ein Flug über das Viertel bestätigte, dass die Straßen rings um unser Haus erschreckend still waren – unten sausten keine Autos hin und her wie schillernde, panische Rüsselkäfer. Ich hatte das Gefühl, als hätte sich ein ewiger Sonntagmorgen über die ganze Stadt gelegt. Und da erfasste mich ein Schauder, der sich anfühlte, als würde eine ganze Milben-Armee durch mein Gefieder wuseln, und meine Vogelknochen wurden vom dumpfen, hohlen Schmerz des Entsetzens erfüllt.

Jenseits unserer rostroten Haustür, jenseits unseres schnarchnasigen Viertels lief irgendetwas ab. Irgendetwas Großes und Unheimliches und wohl auch ziemlich Beschissenes, aber ich musste zu Hause noch einiges regeln und wollte Big Jim nicht allein lassen, sondern warten, bis es ihm besserginge, bevor wir den Beschluss fassten, uns gemeinsam in die Welt zu wagen. Ich sah stündlich nach Big Jim, brachte ihm Fleischwurst, Funyuns und die zwei Cheetos, auf die ich verzichten konnte. Ich ließ sogar einen Monster Energy Drink die Treppe runterkullern. Er zeigte kein Interesse, außer zu sabbern und seine Finger an der Wand blutig zu kratzen. Ich brachte ihm die Schlüssel zu seinem heißgeliebten stahlgrauen Ford F-150 mit dem HUP WEITER, ICH LADE NACH-Sticker auf der hinteren Stoßstange, um zu schauen, ob ihn die Aussicht auf eine Spritztour aufmunterte. Die silbrigen Autoschlüssel erregten seine

Big Jim steckte in einer tiefen gesundheitlichen Krise, und meine Wenigkeit hatte die Aufgabe, alles wieder einzurenken. Da war ich optimistisch, denn in meinem Inneren pulsierte ein angeborener, natürlicher Instinkt, und ich wusste, was zu tun war. Zuerst musste ich dafür sorgen, dass Dennis beschäftigt war. Nachdem ich gesehen hatte, wie er in das Schallloch von Big Jims Gitarre schiss und mit Volldampf gegen die Küchentür rannte, nur um sich danach ausgiebig am Türknauf für dieseTätlichkeit zu rächen, war ich beruhigt, schließlich konnte ich davon ausgehen, dass er sich eine Weile nicht mehr in den Keller wagen würde. Außerdem war er Big Jim aus dem Weg gegangen, seit dessen Augapfel rausgefallen war. Der beste Freund des Menschen, na klar. Wohl eher der gierigste Parasit, der sein Herrchen ohne mit der Wimper zu zucken gegen eine Knabberstange aus Ochsenhaut eintauschen würde.

Ich flog aus dem Küchenfenster auf den Hof und in den wolfsgrauen Himmel, um die Lage zu sondieren. Obwohl Seattle eine besonders durstige Stadt ist, blieben die Regenwolken an diesem Tag in großer Höhe. Big Jim und ich fahren regelmäßig in seinem Transporter kreuz und quer durch Seattle, weil er in allen möglichen Häusern arbeitet, in denen die Elektronik versagt, und wir verbringen viel Zeit im Baumarkt und im Futterladen, aber allein wage ich mich nie weit hinaus. Heute musste ich das tun. Ich hatte schließlich eine Mission.

Vom höchsten Ast einer Douglas-Tanne aus wirkte alles ruhig

Ich landete auf einem in die Luft ragenden Reifen und klopfte sanft mit dem Schnabel gegen die Radkappe. Ich brauchte diesen Trost, denn hier war irgendetwas fauler als faul. Ich schaute nach unten. Alle Busfenster waren zertrümmert und rot verschmiert. Wenn man aus den Horrorfilmen, die Big John guckt, eine Lehre ziehen kann, dann jene, dass man Risiken besser meiden sollte, besonders wenn man eine halbnackte Blondine mit

Das Gotteshaus war gigantisch, ein gewaltiger Bau mit mächtigen Bogentüren und Turm. Stille. Meine Krallen klickerten und klackerten auf den Holzdielen, jedenfalls auf denen ohne Pfützen und Moos. Ich achtete darauf, nicht in Rattenkot zu treten, denn die Kacke verbreitet Krankheiten.

»Hallo?«, fragte ich und beging damit den Horrorfilm-Fauxpas Nummer eins. »Ist da jemand?«

In der Kirche war es feucht; auf dem Boden hatten sich Pfützen gebildet, denn das Dach hatte ein Loch. Moos und Unkraut zwängten sich durch Haarrisse. Ich konnte die nahezu lautlosen Schreie emsiger Termiten hören, die das Skelett des Bauwerks zernagten. Auf dem feuchten Boden hatten sich Berge aus abgefallenem Putz gebildet. In den Rissen kleisterte weißer Kot, aber keine einzige Taube stimmte ihr durchgeknalltes Lallen an. Sie hatten sich längst aus dem Staub gemacht.

Da witterte ich etwas. Den unverkennbaren Gestank des Todes, beißend und schwer. Die Luft war plötzlich so spannungsgeladen wie nach einem Gewaltexzess. Wenn die Spannung zu hoch ist, um sich von allein zu verflüchtigen. Ich entdeckte die Ursache des Gestanks. Vor mir lag ein Elch quer auf den Holzbänken. Seine mächtigen Schaufeln zogen den auf dem Rand einer Bank liegenden kantigen braunen Schädel nach unten, und die Zunge hing halb aus dem offenen Maul. Sein Fell war rot verklebt, und irgendetwas hatte den größten Teil seiner Eingeweide gefressen und ein Bein abgefetzt. Ich sah mich rasch um, aber das fehlende Bein befand sich nicht mehr in der Kirche.

»Hallo?«, fragte ich wieder, aber dann dämmerte mir, dass ich regelrecht darum flehte, so zu enden wie der Elch und der durchlöcherte MoFo. Hier verbarg sich ein Raubtier. Eines, das Elchbeine hortete. Da die Kampf-oder-Flucht-Frage für mich eher rhetorisch ist, schwang ich mich in die Lüfte, segelte über die Bänke und erloschenen Kerzen, sauste an Bleiglasfenstern vorbei und durch das Loch, das der Bus geschlagen hatte. MoFos räumen immer auf. Sie hinterlassen weder Löcher in Kirchenmauern noch Brieftaschen oder Babysachen in Bussen, die obendrein auf dem Kopf liegen. Sie dulden weder Elche noch andere Trampeltiere in Kirchen. Und auch keine Raubtiere. Hätte Big Jim gewusst, dass sich in der Nähe eines Gotteshauses ein Raubtier herumtrieb, dann hätte er sich Sigourney Weaver geschnappt und das Scheißvieh kaltgemacht. Sigourney ist sein Unterhebelrepetierer, ein Marlin Model 336, und der Kosename

Der Yoshino-Kirschbaum, auf dem ich landete, um mein Ziel zu observieren, sorgte für wenig Trost. Ich war beunruhigt und angespannt, und meine Beine begannen unkontrolliert zu zittern. Der Walgreens sah ziemlich normal aus, nur fehlten das hektische Treiben, der Tumult, das Surren der automatischen Türen. Und ich wurde das Gefühl nicht los, als hätte sich eine glasige Gräte in meiner Kehle verhakt. Das Gefühl, dass ich mich kopfüber in eine Gefahr stürzte. Ich stellte mich gerade darauf ein, einen weiteren Erkundungsflug zu unternehmen, als – BAAAAP! – irgendetwas mit voller Wucht gegen meinen linken Flügel knallte und mich vom Kirschbaum schlug. Ich schrie auf. Schüttelte im freien Fall den Kopf, breitete die Flügel aus und pendelte mich ein, als ich auf eine Luftströmung stieß, um danach wieder in die Höhe zu sausen und mich meinem Angreifer zu stellen. Er starrte mich aus dunklen Knopfaugen an und entließ mehrere Drohungen aus der ebenholzschwarzen Kehle. Dann schoss er los und wollte nach meinen Flügeln schnappen. Ich wich ihm durch einen Steigflug aus, während sein grässliches Kreischen mein Gehirn zerfleischte.

Mist. Eine College-Krähe.

Da diese Arschloch-Krähen nie allein unterwegs sind, schloss ich sofort Bekanntschaft mit seiner Gefährtin, die im Sturzflug auf mich niederging und an meinen Handschwingen riss. Sie hockte sich auf den Kirschbaum und stieß einen Schwall von Beschimpfungen aus. Ich wiederhole ihre Worte hier nicht, denn sie hätten sogar Big Jim die Schamröte ins Gesicht getrieben, ehrlich.

»Lasst mich in Ruhe!«, schrie ich Bonnie und Clyde an. Sie

Die College-Krähen sind die schlimmste Geißel aller Krähen, die im Stadtgebiet von Seattle leben. Sie nisten auf der Ostseite des Bothell Campus der University of Washington. Außerdem sind sie eine riesige Rotte übergriffiger Idioten. Das Bothell ist genau genommen ein gewaltiger Burschenschafts-Bau für eine Truppe elitärer Idioten. Vom Herbst bis in den späten Frühling lassen die pechschwarzen, bläulich schimmernden Schwingen Tausender Krähen, die sich auf den Uni-Gebäuden versammeln, den Himmel pulsieren, und anschließend flattern sie zu ihren Nistplätzen im Feuchtgebiet, das an den Campus grenzt. Die MoFos finden das faszinierend und mystisch. Ich finde es dreist, so viel Luftraum einzunehmen, aber so sind sie nun mal. Ich selbst war nie auf dem Campus, weil ich dort unerwünscht bin, weiß also auch nicht, was da läuft. Meine Vermutung? Gefiederputzen, Prahlerei und Bier-Pong. Wenn ich meinen Geschäften nachgehe, werde ich von den lokalen Krähen – den »echten« Krähen – oft angepöbelt und wegen meiner engen Bindung an einen MoFo beschimpft. Diese Pöbeleien laufen über Aura, wo man mich mit Dreck und Schmutz verunglimpft und meine Mutter aufs Übelste beschimpft. Ich lasse das meist von meinem Gefieder abperlen, aber wenn man mich körperlich attackiert, weil ich bin, was ich nun mal bin? Das belastet mich manchmal doch.

Sobald meine Quälgeister außer Sicht waren, fuhr ich fort, Mut für meine Mission zu sammeln. Ich holte tief Luft, schwang mich auf und segelte über den leeren Parkplatz, um vor den Automatiktüren des Walgreens tiefer zu gehen. Sie surrten auf. Die Gänge waren von fluoreszierendem Gleißen erfüllt. Ich landete auf einem Aufsteller in Gestalt des Dos-Equis-Mannes und sondierte die Lage. Wie in der Kirche war auch hier alles viel zu still. Totenstill. Da hörte ich ein leises, tiefes Knurren, das meine Füße vibrieren ließ. Ich hüpfte nervös auf einem Bein und reckte den Hals, um die Quelle des Knurrens zu eruieren, dachte dabei an das ausgerissene Bein des Elches. Dann erschrak ich, weil noch ein leises Knurren ertönte. Ich flog auf und landete auf einem Berg von Schachteln, Lucky Charms und Special K, und von dort konnte ich die Verursacher erkennen. Vier schwankende, sabbernde MoFos hatten sich vor einem Blutdruck-Messgerät versammelt. In der Nähe hing eine Werbung für einen Impfstoff gegen Herpes. Ich bemerkte ihre grünliche Haut, die sonderbar verrenkten Gelenke, den starken Schweißfluss, die wunden, geröteten Augen, den blutigen Sabber. Alle reckten den Kopf wie gierige Geier auf der Suche nach Sättigung. Sie stießen ihre schwarz angelaufenen Finger gegen den Bildschirm. Was auch immer Big Jim plagte, sie litten ebenfalls darunter.

Ich beschloss, ein Experiment zu wagen, zur Hölle mit der Angst.

»Hallo!«, quakte ich laut und deutlich. Keine Reaktion. »Hallo, ihr da!« Eine gottverdammte quatschende Krähe, und kein Einziger zog eine Augenbraue hoch. Ernsthaft? Die Welt war wirklich am Arsch. Sie starrten weiter auf den leuchtenden Bildschirm des

Ich wandte mich wieder meiner Mission zu, behielt sie für den Fall, dass sie sich anderen Aktionen zuwandten, aber im Ohr, schnappte mir eine Plastiktüte und sauste hinter einen Tresen. Unter dem Schild »Apotheke« packte ich Medikamente, die im Hinblick auf Big Jim verheißungsvoll klangen, in die Tüte. E-Mycin, Keflex, Lasix, Prilosec OTC, Monistat, Sally Hansen Airbrush Legs und Duchesse Intimpflegetücher – das hörte sich hochwirksam an, und eine Kombination all dessen würde Big Jim bestimmt kurieren. Walgreens hatte uns schon früher aus der Patsche geholfen. Ich fühlte mich gut und wichtig: ein Typ mit einer Aufgabe.

Es fiel mir echt schwer, die Tüte zu heben, aber entschlossene, kräftige Flügelschläge erlaubten mir einen niedrigen Flug. Ich schwang mich über die MoFos, über den rosaroten Gang mit den Süßigkeiten für den Valentinstag und hielt auf die Automatiktüren zu. Ich näherte mich schon dem leuchtenden, grünen Ausgang-Zeichen, als die Plastiktüte aus dem Gleichgewicht geriet und die Duchesse-Schachtel rausfiel. Sie knallte auf den Scanner einer Kasse, der sogleich zu piepen begann. Und dann brach die verdammte Hölle über mich herein.

Die vier MoFos vor dem Messgerät stießen einen markerschütternden Schrei aus. Ich konnte das Poltern ihrer Schritte hören, als sie im Schweinsgalopp zur Kasse rannten. Zwei MoFos mit Laborkitteln, die ich nicht bemerkt hatte, tauchten hinter dem Apothekenregal auf und preschten los wie Rennpferde, die den feurigen Schlünden der Hölle entkommen wollten. Sie reckten den Hals, zeigten mit dem Finger und verspritzten blutigen Sabber. Und ich ließ die blöde Plastiktüte fallen, teils aus Panik, teils weil ich Pudding-Krallen habe. Meine Medikamente – Big

Gas-X, Dulcolax, Dehnungsstreifen-Serum, Duchesse. Geschafft! Ich wuchtete die Tüte in die Luft und entkam um Haaresbreite den Taco-Time-MoFos, die im Springen nach mir griffen, wobei sich Blutfäden aus ihren Mündern lösten und die Kasse mit karmesinroten, klebrigen Fäden benetzten. Ich gewann schnaufend an Höhe, während sich acht kranke und lärmende MoFos über die Kasse krümmten, Finger und Untertassenaugen auf den Scanner stießen. Dann reckten sie gleichzeitig die Arme zur Decke. Ich zuckte zusammen und hätte die Tüte fast wieder fallen lassen. Sie umringten den piependen Scanner. Dann begannen sie wie auf Kommando, ihren Kopf auf den Scanner zu knallen. Rums, Bums, Bang, wilder und wilder. Blut und Gehirnmasse spritzten. Sie knallten die Köpfe weiter auf das Gerät.

Was war los mit ihnen? Die Antwort befand sich hoffentlich in meiner Tüte, und ich würde mit Big Jim beginnen, ich würde ihn aufpäppeln, notfalls mit all meinen Cheetos, und dann würden wir in seinen Ford F-150 mit der Glock und dem Hasch im Handschuhfach springen und die anderen MoFos im Viertel verarzten, die sich unwohl fühlten. Wir mussten das schaffen, unbedingt, denn was wäre diese Welt ohne MoFos? Bei dieser Vorstellung wurde mir übel, und ich bekam eine Gänsehaut, ein idiotischer Begriff, sicher, denn ich bin ja eine Krähe.

Da entdeckte ich unten vor der Tanne eine bekannte Gestalt. Die unverkennbaren schlaffen, blauen Locken und der Oma-Porsche mit den großen Punkten. Gott sei Dank! Das war Nargatha. Nargatha – deren Mutter an akuter Unentschlossenheit gelitten haben musste, denn sie hatte ihre Tochter auf eine bekloppte Mischung aus Agatha, Margaret und Narnia getauft – wohnte drei Türen von Big Jim und mir entfernt. Sie war exzentrisch und so steinalt, dass man einmal die Feuerwehr von Seattle hatte rufen müssen, um ihre Geburtstagskerzen zu löschen. Sie redete zwar, als hätte sie einen irreparablen Gehirnschaden, aber die Auswahl an Knabbereien für Haustiere, die sie mit sich führte, wog das auf. Big Jim fand es super, dass sie uns nach jedem Sieg der Seahawks einen Fireball-Whisky brachte. Als ich auf die winzige

Triscuits ist ihr Mini-Schnauzer.

Mein Magen schlug einen doppelten Salto. Ich schaute von oben eine Weile zu, absolut fassungslos, bis ich den Anblick nicht mehr ertrug. Niemand hat es verdient, als Horsd’œuvre zu enden! Schon gar nicht ihr treuer, heißgeliebter Triscuits! Ich kam ins Wanken und entließ unwillkürlich ein Krächzen des Entsetzens.

Nargarthas suchende Augen hatten die Farbe eines Roten Kardinals. Feuchte, blutige Fäden hingen ihr aus dem Mund. Ich sah voller Entsetzen zu, wie sie den Kopf um hundertachtzig Grad drehte. Dann knackte ein Knochen in ihrem Nacken wie ein brechender Zweig, und ihr Schädel vollendete die Drehung um dreihundertsechzig Grad. Sie blickte zu mir auf, wobei sie Blut sabberte, und ihre Rübe rotierte wieder um die eigene Achse wie der Kopf einer gottverdammten Schleiereule. Nargatha kreischte wie ein verzweifeltes Raubtier, was drei Eichhörnchen veranlasste, sich ebenso lautlos wie rasant in Sicherheit zu bringen. Panik drückte auf mein rasendes Herz. Die obszönen Nuss-Gnome sind nie still. Eichhörnchen halten nur die Schnauze, wenn ihr Leben auf dem Spiel steht.

Triscuits. Nargatha fraß Triscuits. Beim nächsten Gedanken kam mir ein Cheeto wieder hoch. Nargatha und Big Jim litten an der gleichen Krankheit. Nargatha fraß Triscuits.

Dennis. Ich schnappte mir die Plastiktüte, richtete den Schnabel auf mein Zuhause und flatterte los, was das Zeug hielt.

Dschingis Kater

Ein Haus in Capitol Hill, Seattle, Washington, USA

Meine Ordnung der Dinge hat sich auf eine Art verändert, die ich noch nicht ganz krallen kann. Hier meine Beobachtungen:

  1. Draußen ist es ruhiger. Das Spiel wird dadurch interessanter.

  2. Es gibt keine Autos mehr, die eine Konkurrenz im Kampf um die Eichhörnchen darstellen.

  3. Es gibt viel mehr zu jagen.

  4. Es gibt viel mehr Jäger, mit denen man sich Kämpfe um die Beute liefert. Jäger aller Art.

  5. Es gibt eindeutig weniger Käse.

Vielleicht liegt es am launischen Mondlicht, an einem kosmischen Zauberspruch oder vielleicht daran, dass ich meine Katzenmagie endlich komplett gemeistert habe. Eines hat sich nicht verändert – meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen scheinen das Haus nach wie vor nicht zu verlassen. Ich glaube fast, sie sind degeneriert, vorausgesetzt, das wäre überhaupt möglich. Nach meiner Berechnung verbringen sie jetzt 186 Prozent ihrer Zeit damit, die Wände anzuknurren. Minderwertig waren sie schon immer, Bären mit krankhaftem Haarausfall,

Mit meinem unvergleichlich scharfen Blick und meiner Laserpointer-Konzentration habe ich beobachtet, wie meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen ihre Finger (oder was davon übrig ist) immer wieder über die Wand ziehen. Von oben nach unten, von oben nach unten. Beide müssten dringend gestriegelt werden, aber in ihrem derzeitigen Zustand würden das wohl nicht mal ihre Mütter übernehmen. Heute …

STOPP! ALLES STOPP, WÄHREND ICH DIE INNENSEITE MEINES OBERSCHENKELS PUTZE.

Heute stinken meine doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen – das Weibchen mit der langen Mähne und das Weibchen mit den vielen Hautbemalungen, die beide am liebsten zu Hause über Chemie quatschten, bis der Kaffee alle war – wie ein Katzenklo in der Mikrowelle. Sie schalten auch ihre silbernen Laptops nicht mehr an, typisch egoistisch, denn es ist eine geradezu klassische Schlummerstelle. Genau genommen sind alle warmen Orte – auf dem silbernen Laptop; auf dem hohen Futterhaus; auf der Steppdecke; auf dem heiligen »Weinkühlschrank«; auf den Oberschenkeln der Dienerin, wenn sie auf dem rauschenden, weißen Sitz hockt – mittlerweile verschwunden. Auch stocken sie, offenbar ein lahmer Protest, meinen Vorrat an ausgedörrten Käsehäppchen nicht mehr auf. Ich habe experimentiert, und zwar mit Methoden, die stets wirkungsvoll waren – Pressstempelkanne umgestoßen, ihr stümperhaftes Strickwerk aufgeribbelt, in der Bibliothek sämtliche Buchcover zerbissen, auf Kissen geschissen, das Sofa zerfetzt, die Ethernet-Schlangen gefressen und ausführlich auf das Deckbett gepisst –, aber das schien sie

Ich setzte unsere unselige Beziehung eine Weile fort, indem ich Mäuse, Maulwürfe, Ratten, Spatzen, Finken, Rotkehlchen, Zaunkönige und etwas absolut Neues und Aufregendes anschleppte: einen Vollidioten im Frack, der sich als Humboldt-Pinguin bezeichnete, bevor ich ihn kaltmachte. Wie üblich bot ich ihnen diese Opfergaben dar, um sie an ihre Defizite zu erinnern und ihnen unter die Nasen zu reiben, wie meisterhaft ich jage. Ich bin allerdings kein Trottel; ich teile meine Opfergaben auch, um sicherzustellen, dass die Oberschenkel meiner doch sehr durchschnittlichen Dienerinnen gut gepolstert sind, damit ich es gemütlich habe. Als ich ihnen die schwarzweiße Aubergine von Vogel darbot, übrigens beschissen schwer, versuchte die Dienerin mit den Hautbemalungen, mich zu beißen, und verfehlte meinen Schwanz mit ihren stumpfen, bräunlichen Fängen nur um Haaresbreite. Ich tat das Gebotene – und biss ihr einen Finger ab. Danach verbarg ich ihn im Teppich, indem ich ihn zudeckte wie einen unerlaubten Schiss.

Ich bringe ihnen jetzt keine Opfergaben mehr, ob exotisch oder nicht. Ich gewähre ihnen auch nicht mehr die Gunst meiner Gegenwart. Ich hätte schon ahnen müssen, dass es bergab geht, als sie nicht mehr genug Amazon-Kartons orderten, in denen ich toben konnte. Nein. Ich fasste den Beschluss, mein Heim zu verlassen. Ich werde manches vermissen, etwa ihren