Gillian McDunn

Pelikansommer

Aus dem Englischen von
Katja Maatsch

FISCHER E-Books

Inhalt

Über Gillian McDunn

Foto: © Laura Case

Gillian McDunn hat in Kalifornien, Missouri und in North Carolina, USA, gelebt und liebt sowohl den pazifischen als auch den atlantischen Ozean. Sie ist mit einem jüngeren Bruder aufgewachsen, der genau wie Küken eine Form von Autismus aufweist. Gillian lebt heute bei Raleigh in North Carolina, USA.

 

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden sich auf www.fischerverlage.de

Über dieses Buch

Cat und ihr kleiner heißgeliebter Bruder Küken müssen die Ferien bei ihren Großeltern verbringen – die sie nie getroffen haben! Widerwillig verlassen sie ihr Zuhause in San Francisco und reisen in den kleinen Ort am pazifischen Ozean. Hier kennt jeder jeden mit Namen, und das Haus der Großeltern steht direkt am Strand. Küken, der es liebt, Fakten über Haie zu sammeln, ist begeistert! Auch Cat merkt nach und nach, dass diese Ferien nicht die große Katastrophe sind, die sie erwartet hat. Stattdessen wird es der beste Sommer aller Zeiten.

Impressum

Deutsche Erstausgabe

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die englischsprachige Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel ›Caterpillar Summer‹ bei Bloomsbury Children's Books, New York.

Text copyright © Gillian McDunn 2019

Illustrations copyright © 2019 by Alison Coburn

This translation of ›Caterpillar Summer‹ is published by S. Fischer Verlage by arrangement with Bloomsbury Publishing Inc.

 

Covergestaltung: atelier seidel verlagsgrafik unter Verwendung einer Illustration von Verena Körting

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-7336-5199-2

Ende und Anfang

Caterpillar in Caterpillar und Chicken: Der riesige Kaugummi-Pfannkuchen

Cat dachte immerzu an ihren Bruder. Entweder schwirrten die Gedanken an ihn irgendwo in ihrem Hinterkopf herum oder sie war völlig von ihnen eingenommen.

Es konnte passieren, dass mitten im Bruchrechnen eine leise Stimme in ihrem Kopf fragte: »Hast du daran gedacht, das Schild aus Kükens T-Shirt rauszuschneiden?«

Oder sie war dabei, die Pflanzen der Tundra auswendig zu lernen, und fragte sich plötzlich, ob Küken wohl gerade von seinem Lehrer Henry genannt wurde, was er schrecklich fand.

Vielleicht tat sie sich auch Kartoffelbrei auf und hoffte gleichzeitig, dass Küken nicht als einziger Erstklässler im San-Francisco-Aquarium vergessen wurde.

An guten Tagen spazierte Küken einfach gern durch die Gegend. An schlechten Tagen rannte er weg. Trotzdem liebte Cat ihn bis ans Ende der Golden Gate Bridge, bis zum Grund des Meeres und so heftig wie ein Hai zubeißen kann.

Am letzten Tag in der fünften Klasse war Cat auf der Hut. Der letzte Schultag war meist ein einziges lautes Durcheinander, und das wurde Küken schnell zu viel. Dann regte er sich auf und kam nur schwer von selbst wieder zur Ruhe.

Als es zum Schulschluss klingelte, warf Cat sich den Rucksack über die Schulter und rannte im Laufschritt zur Treppe am Eingang. Der Himmel war grau und bedeckt, aber in ihrem Innern fühlte es sich nach Sonnenschein an. Sie wippte auf den Fußballen auf und ab. Jeder Hüpfer hieß Sommer, Atlanta und mein bester Freund Rishi. Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ihr Herz sich auf der Stelle auf den Weg gemacht und die Ferien schon ohne Cat begonnen.

Morgen würden sie Richtung Osten fliegen, bis nach Atlanta. Dort gab Mom einen dreiwöchigen Collegekurs, und Cat und Küken würden mitkommen und bei den Krishnamurthys bleiben, die letzten Sommer nach Georgia gezogen waren. Selbst nach einem Jahr fehlte es Cat immer noch, einfach zum Spielen, Hausaufgabenmachen oder Dosas-Essen bei Rishi vorbeizugehen. Er war immer noch ihr bester Freund, obwohl er Tausende von Kilometern weit weg war.

Außerdem hatte Mom versprochen, dass sie richtigen Urlaub machen würden, wenn sie nicht mehr unterrichtete. Den ersten, seit sie nur noch zu dritt waren.

Unablässig strömten Kinder auf den Gehweg, und Cat

»Hallo, Cat«, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen.

Cat drehte sich um und erwartete, Küken zu sehen, doch stattdessen stand Poppy Zhang vor ihr, das netteste Mädchen in der fünften Klasse. Wenn sie lächelte, konnte man ihre Grübchen sehen, und gerade jetzt lächelte sie.

»Beim Geometrietest hast du bestimmt abgesahnt«, sagte Poppy.

Mathe war Cats Lieblingsfach, besonders Geometrie. Ihr gefielen die klaren Regeln. Sie vermittelten ihr ein Gefühl von Ordnung.

»Danke«, sagte Cat. »Du sicher auch.«

Poppy lachte. »Da bin ich mir nicht so sicher, aber danke.« Sie deutete mit dem Kopf auf eine Gruppe Mädchen auf dem Gehweg. »Wir wollen noch ins Toy-Boat-Café. Magst du mitkommen?«

Natürlich wollte Cat mitkommen. Sie konnte das Schokoladen-Minz-Eis schon fast auf der Zunge spüren. Doch dann fiel ihr Küken wieder ein.

»Ich weiß, dass du nach der Schule immer auf deinen Bruder aufpasst«, sagte Poppy. »Bring ihn einfach mit.«

Das würde nie gutgehen. Küken würde auf dem Stuhl herumzappeln. Er würde das Eis auf den Tisch tropfen lassen. Und auf Poppy Zhang.

Langsam schüttelte Cat den Kopf. »Ich kann nicht.«

Meistens machte es Cat nichts aus, auf Küken aufzupassen. Er konnte schließlich nichts dafür, dass er sie nachmittags brauchte. Und Mom konnte nichts dafür, dass sie so viel arbeitete. Genauso wenig, wie die Krishnamurthys etwas dafür konnten, dass sie nach Georgia gezogen waren, weil Rishis Mutter einen neuen Job bekommen hatte. Niemand konnte etwas dafür, aber das Gefühl von Sonnenschein war wie weggepustet.

»Raupe!«

Sie hatte sich erst halb umgedreht, als sie schon stürmisch von hinten umarmt wurde.

»Hallo, Küken!« Sie klopfte ihm sanft auf den Rücken, bis er sie losließ. Dann hielt sie ihn auf Armeslänge von sich. Ihm war immer gleich anzusehen, wie es ihm ging. Als Cat die Lachfältchen um seine braunen Augen sah, grinste sie unwillkürlich zurück.

Ohne etwas zu sagen, hielt er ihr die geschlossene Faust hin. »Für dich, Raupe.«

Cat streckte die Hand aus, um seinen neuesten Schatz entgegenzunehmen. Der Löwenzahn war verwelkt, aber sie drehte ihn so vorsichtig, als wäre er aus Gold.

»Der ist aber schön.« Sie stopfte die Blume in die Tasche und betrachtete ihren Bruder aufmerksam. »Guten Tag gehabt?«

Cat sah ihn fragend an. Der letzte Schultag war meist chaotisch, und Küken mochte es nicht, wenn die Dinge anders liefen als gewöhnlich. »Sicher? War alles okay?«

Sein Blick verdüsterte sich leicht. »Als wir die Tische leergeräumt haben, war es laut, aber dann habe ich ganz tief geatmet, bis ich wieder ruhig war.« Er holte Luft, bis sein Bauch kugelrund wurde, dann blies er sie wieder aus.

»Gut gemacht.« Sie musterte ihn. Am Kinn klebte etwas Zuckerguss, und der Pullover war mit grauer Farbe bekleckert, aber er sah rundum zufrieden aus. Seine Klamotten ließen sich deutlich einfacher wieder in Ordnung bringen als seine Laune. Mit Riesenschritten lief er die Treppe hinunter, dass Zeichnungen und Arbeitsblätter nur so aus seinem Rucksack wirbelten.

Cat seufzte. Den Schultag hatte er überstanden, aber es gab immer noch Dinge, für die er sie brauchte. »Warte«, rief sie hinter ihm her und sammelte die Blätter ein. »Der Reißverschluss ist nicht zu.«

Küken drehte auf dem Absatz um, und immer mehr Blätter segelten über die Stufen.

»Alle meine Sachen von diesem Jahr«, rief er.

»Das sollen deine Schulsachen sein?«, fragte Cat. »Sieht eher aus, als wäre eine Papierfabrik explodiert.« Sie stopfte die Blätter zurück in den Rucksack.

»Und Haie? Haben gar keine Schwimmblase?« Kükens

Küken redete immer weiter. »… Aber Haie? Haben Öl in der Leber? Damit können sie schwimmen?«

Während Cat Küken weiter zuhörte, fiel ihr ein ganz bestimmter Hai ein. Einer, den sie jeden Abend vor dem Schlafengehen brauchten. Sie wühlte in seinem Rucksack, bis ihre Finger die Kanten einer Plastikflosse ertasteten. Puh.

Cat zog den Reißverschluss zu. »Startklar.«

Küken hörte mit seinem Hai-Geplapper auf und drehte sich zu ihr um. »Können wir feiern, weil ich einen guten Tag hatte und das mit dem Atmen hingekriegt habe?«

»Wie denn?« Cat dachte an Poppy Zhang. »Ein Eis im Toy-Boat-Café?«

Doch Küken schüttelte den Kopf, noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte. »Bloß nicht. Da starren mich so viele Augen an.«

Die Regale im Café quollen über vor abgewetzten Actionfiguren und anderen alten Spielsachen. Küken fühlte sich unwohl inmitten der vielen Gesichter. »Die sind doch nur aus Plastik, Küken.«

Doch Küken reckte das Kinn vor. »Ich will chinesische Brötchen.«

Er konnte gar nicht genug bekommen von den

»Wo arbeitet Mom heute?«, fragte Küken.

Mom schrieb Bücher, unterrichtete Illustration am College und übernahm ab und zu Schichten in einer russischen Bäckerei. Ihr zufolge ergaben drei Jobs plus zwei Kinder ein ausgefülltes Leben. Obwohl sie Dads Krankenhausrechnungen nie erwähnte, wusste Cat, dass auch sie zu der Gleichung dazugehörten.

»Sie ist zu Hause und schreibt an ihrem Buch«, sagte Cat.

»Können wir jetzt los, bitte?« Küken hatte die Augen so weit aufgerissen, dass seine Wimpern fast die Augenbrauen berührten. »Ich stör dich auch nicht beim Packen, versprochen.«

»Einverstanden«, sagte Cat.

Sie gingen in Richtung Clement Street. Als sie die Straße überquerten, nahm Cat Küken an der Hand. Da war immer die Angst, ihn zu verlieren. Ein paarmal war es dieses Jahr schon vorgekommen, öfter als Cat zugeben mochte. Einmal war er von der Schaukel auf dem Spielplatz zum Schildkrötenteich gelaufen. Im Aquarium hatte er die Gezeitenbecken links liegenlassen und sich stattdessen den braungebänderten Bambushai angesehen. Beim Einkaufen war er aus dem Gang mit den Nudeln zur Eistruhe vorgerannt. Er war fast beängstigend ungestüm und so schnell, dass er über alle Berge sein konnte, ehe sein Verschwinden jemandem aufgefallen wäre.

»Hmmmmm«, machte Cat und zog die Jacke enger um sich. »Eine Schneeballschlacht?«

»Nein!«, rief Küken und kicherte. »In San Francisco gibt es nur Nebel, keinen Schnee.«

Cat versuchte sich etwas noch Verrückteres auszudenken, um ihn gleich wieder lachen zu hören. »Ihr seid … Fallschirm gesprungen?«

Küken prustete los. »Blödsinn! Los, noch mal.« Sie waren bei der Geary Street angekommen, und Küken schlug auf den Knopf der Fußgängerampel.

»Gib mir deine Hand«, sagte Cat.

Küken schlug noch einmal auf den Knopf. »Noch gehen wir ja nicht rüber.«

Cat sah ihn streng an. »Die Straße ist groß, und hier ist richtig viel Verkehr, okay?« Es war ein Befehl, keine Frage.

Küken blickte wütend, aber er streckte die Hand aus.

Cat drückte sie. Die Ampel wurde grün, und sie liefen über die Straße.

»Du hast noch einen Versuch«, sagte Küken. Sie waren wieder auf dem Gehweg, aber noch hatte er Cat nicht losgelassen. Sie blickte auf ihre verschränkten Hände. Cats Haut war irgendwo zwischen Dads dunklem und Moms

»Noch einen Versuch? Dann leg ich mich wohl besser ins Zeug.« Cat verzog angestrengt das Gesicht. Die graue Farbe auf seinem Pullover und die Zeichnungen aus dem Kunstunterricht fielen ihr wieder ein. Sie blickte ihn an. »Ich glaube, du hast einen Hai gemalt.«

Küken riss Mund und Augen weit auf. »Oh! Woher weißt du das?«

»Zufallstreffer.«

Er starrte sie an, als könnte sie zaubern. Sie stieß ihn leicht mit der Hüfte an.

Clement Street wird auch San Franciscos zweites China Town genannt. Es herrschte immer ein geschäftiges Treiben, selbst wenn sich kaum Touristen hierher verirrten. Küken drückte die Tür zur Bäckerei auf, und warme, süße Luft strömte ihnen entgegen. Dann hüpfte er auf dem schachbrettartigen Boden von einem Kästchen zum nächsten. Er spielte das Heiße-Lava-Spiel.

Cat bestellte und bezahlte, dann reichte sie Küken eine Papiertüte mit drei Sesambrötchen. Ihr Brötchen mit dem Ananasmuster war in einer eigenen Tüte, die sie vorsichtig in der Hand hielt, als sie mit Küken in den kühlen Nachmittag hinaustrat. Sie blieben nebeneinander stehen und betrachteten die Hochzeitstorte im Schaufenster. So oft sie auch hier waren, immer gab es etwas Neues zu sehen. Sie gingen am

Küken gefiel die Fischhalle am besten. Nur den Geruch mochte er nicht, also hielt er sich die Nase zu, während sie die trüben Wasserbecken betrachteten.

Cat dachte darüber nach, dass es vom letzten Schultag der fünften Klasse bis zum ersten der sechsten nicht einmal ganz drei Monate waren. Dann käme Küken in die zweite Klasse und sie wären zum ersten Mal an verschiedenen Schulen. Die Vorstellung gefiel Cat ganz und gar nicht. Ihrem Bruder fiel einiges schwerer als anderen. Manchmal war ihm die Musik zu laut. Manchmal musste vielleicht seine Strumpfnaht geradegezogen werden. Cat konnte ihm am besten helfen, aber wie sollte das gehen, wenn ihre Schule sechs Querstraßen weit weg war?

Ein einsamer Hummer krabbelte in einem der Becken, seine Scheren waren mit blauem Klebeband zusammengebunden. Im Becken darunter zankten sich Krebse. Ein besonders dicker war auf die anderen geklettert, als wäre er ihr Anführer. Cat wollte Küken anstupsen, doch ihr Ellenbogen stieß ins Leere.

Sie drehte sich um. Da war kein Siebenjähriger mit brauner Haut und lockigem Haar. Kein grauer Rucksack, kein gelb gestreiftes T-Shirt. Cat blickte die Straße entlang, dann wirbelte sie wieder herum. Ihr Magen zog sich zusammen. Er war verschwunden.

Ein Mann mit Ohrringen schlenderte vorüber, in der Hand hielt er einen Pappbecher mit Kaffee. Er hob den Blick von seinem Handy und nickte Richtung Schaufenster. »Nein, keine Küken. Aber jede Menge Fisch.« Er lachte vor sich hin und ging weiter.

Super Hilfe. Cat starrte ihm grimmig hinterher.

An den Obst- und Gemüseständen baumelten kleine Bananen über glänzenden Auberginen und schrumpeligen Avocados. Bleiche Kohlköpfe waren zu hohen Bergen aufgetürmt, und getrocknete Wurzeln erinnerten an Außerirdische, doch von Küken fehlte jede Spur.

Wenn sie ihn wiederfinden wollte, musste sie genauso denken wie er. Cat rannte die Straße hinunter. Küken liebte die Pizzeria, denn dort bekamen sie immer frischen Teig zum Selberkneten, aber die machte erst heute Abend auf. Die Apotheke war klein, und ein Blick genügte, um festzustellen, dass Küken nicht dort war. Cat lief zurück in Richtung Fischhalle, wich Leuten mit Einkaufstüten aus und schlängelte sich durch eine Gruppe Menschen mit Piercings. Eine Frau, die einen Einkaufswagen aus Metall hinter sich herzog, redete laut in Mandarin. Ein Bus hielt an, und Menschen strömten auf den Gehweg.

Als Cat wieder bei der Fischhalle angekommen war, warf sie einen Blick auf die glänzenden Lachse, Makrelen und Barsche. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie ebenfalls unter

»Küken!«, schrie sie. Keine Antwort.

Als der Bus weiterfuhr, entdeckte sie etwas auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Vor dem Buchladen stand ein koboldähnlicher Clown, der mit einem breiten Grinsen auf die Sonderangebote hinwies. Küken fand ihn schon toll, seit er ein Baby war. Er nannte ihn den Buchkobold.

Cat blickte sich nach beiden Seiten um, dann rannte sie über die Straße. Küken war nirgends zu sehen. Sie stürzte in den Buchladen. Hinter dem Tresen stand eine Frau mit leuchtend pinken Haaren.

»Haben Sie meinen Bruder gesehen?«, fragte Cat.

Die Frau blickte hoch. »Wer ist denn dein Bruder?«

»Er sieht aus wie ich, aber so groß.« Cat hielt die Hand etwa auf Höhe ihres Brustkorbs. »Kurze Haare, grauer Rucksack.«

Die Frau zuckte die Schultern. »Ich habe überhaupt keine Kinder gesehen.«

Im Handumdrehen war Cat wieder draußen. Die Frau rief ihr noch etwas hinterher, doch Cat rannte einfach weiter. Jetzt konnte ihr niemand mehr helfen. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Tränen schossen ihr in die Augen, und die Welt verschwand hinter grüngrauen Schlieren. Entschlossen wischte Cat die Tränen weg. Heulen brachte ihr Küken auch nicht zurück.

Auf der anderen Seite des Maskottchens, unter dem Tisch mit den Sonderangeboten, ragte ein Paar blauer Turnschuhe hervor. Kleine Turnschuhe, die an dünnen Beinen steckten.

Cat ging hinüber und hockte sich hin. »Küken.«

Als er sie sah, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. In der einen Hand hielt er das angebissene Sesambrötchen, in der anderen ein Buch. »Das ist von Mama!« Er streckte es Cat entgegen, und auf dem Umschlag erkannte sie die vertrauten Figuren: Caterpillar, die Raupe und Chicken, das kleine Huhn. »Von Amanda Gladwell.«

Cat lehnte die Stirn gegen den Tisch. Noch immer saß ihr das Herz quer im Hals und schlug wie verrückt. »Küken. Was machst du hier?«

»Ich hatte keine Lust mehr auf die Fische«, erklärte er ihr geduldig. »Also bin ich zum Buchkobold gegangen.«

Cat kroch ebenfalls unter den Tisch und zog Küken fest an sich. Sie lehnte sich gegen die Hauswand und atmete den Geruch von Fingerfarbe, Ohne-Tränen-Shampoo und Bohnenpaste ein. An Kükens Kinn klebten sechs Sesamkörner. Cat schossen Tränen in die Augen, ohne dass sie sagen konnte, wieso.

Sie knibbelte an einem der Körner, aber es saß fest. »Du kannst nicht einfach so wegrennen.«

Küken versuchte ihren Fingern zu entkommen. »Ich bin nicht gerannt. Ich bin gegangen.«

Küken blinzelte langsam. Dann legte er den Kopf schief. »Aber ich bin nicht angefahren worden, und niemand hat mich mitgenommen. Ich bin genau hier.«

»Mach das nie wieder«, sagte Cat bestimmt. Und fügte etwas sanfter hinzu: »Du darfst nicht einfach so weglaufen. Ich hatte Angst um dich.«

Sie zogen die Füße ganz unter den Tisch und sahen der Parade aus Beinen zu, die an ihnen vorüberzog. Küken sah sich Moms Buch an, und Cat schlang unterdessen den Arm unter seinem Rucksack hindurch. Die Wand in ihrem Rücken fühlte sich kühl an. Küken kicherte beim Lesen. Er zeigte vergnügt auf Chickens wilde Einfälle und Caterpillars Gesichtsausdrücke.

Vieles von dem, was Cat und Küken miteinander erlebten, verwandelte Mom später in eine Geschichte, ein Caterpillar-und-Chicken-Buch. Und Caterpillar und Chicken waren niemand anderem nachempfunden als Cat und Küken selbst. Moms Leser konnten gar nicht genug von den beiden bekommen. In den Büchern gab es nach 32 Seiten für jedes Problem eine einfallsreiche Lösung.

Im wirklichen Leben war es komplizierter. Mom verließ

Küken fuhr das Muster auf dem Vorsatzpapier mit den Fingern nach. »Cat?«

Sie drückte sanft seine Schulter. »Ja?«

Er wies mit dem Kopf auf ihre Hand. »Isst du das noch?«

Das Ananasbrötchen. Sie gab es ihm.

Er biss ab, schnitt eine Grimasse und verdrehte die Augen. Sie lachten und drängten sich unter dem Tisch zusammen, als säßen sie in ihrem Geheimversteck. Aber die ganze Zeit behielt Cat die Hand auf seiner Schulter. Sie musste gut auf ihn achtgeben.

Den ganzen Weg zurück zu ihrer Wohnung hielt Cat Küken an der Hand. Küken hüpfte schon eine Stufe nach der anderen hinauf, als Cat noch im Rucksack nach dem Schlüssel suchte.

Ihr Haus sah ein bisschen so aus wie eine Schichttorte, jede Wohnung hatte ihre eigene Etage. Auch wenn das Gebäude schon etwas heruntergekommen war und die Farbe abblätterte, war Nr. 544 doch das einzige Zuhause, das Cat kannte. Sie schloss die Tür auf. Küken ließ den Rucksack auf den Boden fallen und sauste durch den Flur.

»Psst!«, rief Cat, so leise sie konnte, und zeigte auf die Tür zu Moms Atelier, die zugezogen war. »Mom arbeitet.«

Küken antwortete nicht. Kopfschüttelnd hob Cat seinen Rucksack auf und hängte ihn an den Haken.

Auf dem niedrigen Tisch im Wohnzimmer türmten sich die Bücher. Die Plastikeisenbahnen standen noch genauso kreuz und quer über das Spielfeld verteilt wie gestern, als sie Zug um Zug mitten im Spiel unterbrochen hatten. In einer Ecke verkümmerte ein Efeu.

Daneben lag Moms Atelier, das hellste Zimmer der ganzen Wohnung, wie sie sagte. Manchmal hörte sie bei der

Im nächsten Zimmer, dem von Cat und Küken, schüttete Küken gerade die Blechdose mit seinen Murmeln aus. Mom hatte ein Stück Teppich aufgetrieben, damit es in der Wohnung unter ihnen nicht so laut dröhnte, doch der Teppich war zu groß für das Zimmer. Er rollte sich an den Wänden auf wie eine heruntergefallene Scheibe geschmolzener Käse.

Der Boden in der Küche war aus PVC, das wie Marmor aussehen sollte, und die Schränke waren buttergelb. Hellgelbe Fliesen setzten sich bis zur Spüle fort, auf zweien davon waren ein Mädchen und ein Junge in holländischer Tracht gemalt. Das Mädchen trug einen spitz zulaufenden Hut, hatte rosa Wangen und blickte starr geradeaus. Ihr Bruder stand in Holzschuhen neben ihr.

»Dein Bruder läuft dir bestimmt nie weg«, murmelte Cat leise.

Von der Küche führte eine Tür mit einem kleinen Mattglasfenster in Moms Schlafzimmer. Früher war dort das Esszimmer gewesen, und für Cat war es der schönste Raum der Wohnung. Von der Decke hing ein Kronleuchter herab, direkt über dem mit einer Patchworkdecke überzogenen Bett. Bücherregale mit bunten Glastüren standen rechts und links vom Kamin. Er machte das Zimmer gleich gemütlicher, auch wenn er nicht funktionierte.

Manchmal, wenn Küken schon im unteren Bett lag und schnarchte, zog der Duft von gebuttertem Popcorn aus der Küche. Dann machten Cat und Mom es sich mit einer Riesenschüssel Popcorn auf der Patchworkdecke gemütlich. Meist entschied sich Mom für einen alten Film aus einer Zeit, als die Leute einen eher fragwürdigen Klamottengeschmack gehabt hatten.

Manchmal erzählte Cat auch alberne Geschichten, und Moms lautes, schallendes Lachen erfüllte den Raum. Oder Cat berichtete flüsternd von Gemeinheiten, wie damals, als alle Mädchen außer ihr denselben lila Nagellack getragen hatten, von einem Geburtstag, zu dem Cat nicht eingeladen gewesen war. Moms Umarmung hatte nicht alles wieder gut machen können, aber sie hatte Cats Herz immerhin aus der tiefsten Tiefsee ungefähr auf Höhe des Meeresspiegels zurückgeholt.

Mom arbeitete unentwegt, so dass sie schon ewig keinen Filmabend mehr gemacht hatten. Doch gerade neulich

»Heute Nacht haben sie es wieder angemacht«, hatte Cat gesagt.

Mom hatte angestrengt in die Ferne geschaut. »Was haben sie wieder angemacht?«

»Das Licht«, sagte Cat. »Manchmal ist es an und manchmal nicht. Heute schon.«

»Ach, Süße«, sagte Mom. »Das Licht brennt jede Nacht.«

Cat stutzte. Sie wusste, dass es nicht immer da war. Mom lehnte das Kinn auf Cats Hinterkopf.

»Manchmal legt sich der Nebel dazwischen«, fuhr Mom fort. »Aber das Licht brennt trotzdem immer.«

Mom war wie das Licht auf der Brücke, fand Cat. Sie war da, auch wenn sich eine Mauer aus Zeichnungen und Abgabeterminen zwischen sie legte. Dieser Gedanke hielt Cat aufrecht, egal, was passierte.

Sie warf einen Blick auf die Uhr, rechnete drei Stunden für Georgia dazu und überlegte, ob wohl noch Zeit für einen Video-Chat war. Kükens Murmeln klack-klack-klackerten, als er sie zu kleinen Haufen sortierte. Cats Magen knurrte, die zwei Bissen Ananasbrötchen waren ewig her, aber vielleicht konnte sie noch schnell mit Rishi reden, bevor sie Abendbrot machte.

Sie öffnete den Kühlschrank. Früher hatte Dad immer für alle gekocht. Cat erinnerte sich daran, wie mühelos das Messer beim Gemüseschneiden in seine großen Hände gepasst hatte. Er hatte ihr Eier angereicht, eins nach dem anderen, die sie dann in ihrer eigenen kleinen Schüssel aufgeschlagen hatte. Nie hatte er gemeckert, wenn ein bisschen Schale hineingeriet, sondern ihr immer das Gefühl gegeben, dass er froh über ihre Hilfe war.

Cat stellte den Herd an und steckte Brot in den Toaster. Die Tür zu Moms Atelier war noch immer zu. Dieses Ausgesperrtsein würde Cat bestimmt nicht vermissen, wenn sie endlich alle zusammen in Georgia waren. Sie schlug die Eier auf und verquirlte sie, gab Salz und Pfeffer dazu und goss die Mischung in eine Pfanne. Dann nahm sie drei Teller aus dem Schrank. Während sie die Eier verrührte, rief sie nach Küken. »Toast mit Erdnussbutter?«

»Ja!«

Also strich sie Erdnussbutter auf den Toast und schnitt

Er tapste in die Küche. »Isst Mom mit uns?«

Cat zögerte. »Ich frag sie. Wasch dir schon mal die Hände.« Sie nahm Moms Teller und ging in den Flur. Wenn sie Glück hatten, aß Mom mit ihnen, aber wahrscheinlich nahm sie nur schnell beim Arbeiten einen Happen zu sich.

Als Cat ins Atelier kam, sah Mom müde aus. Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen, aber trotzdem strahlte sie Cat an. »Hallo, Cat, meine süße Raupe.«

Cat stöhnte innerlich. Sie hatte Mom gesagt, dass sie nicht mehr so genannt werden wollte.

»Ich habe Rührei gemacht«, sagte sie und hielt ihr den Teller hin.

Mom blickte Cat zerknirscht an. »Ich muss noch ein bisschen was tun.«

Wenn Mom mitten in der Arbeit steckte, fiel ihr jede Unterbrechung schwer, vor allem, wenn ein wichtiger Abgabetermin drängte.

»Ich stell es dir hierhin.« Cat schob einen Stapel Briefumschläge zur Seite, um Platz zu schaffen.

Mom griff nach Cats Hand und hielt sie fest. Cats Blick folgte ihr. Mom trug Dads silbernen Ehering am Daumen.

»Süße«, sagte Mom. »Irgendetwas stimmt nicht, das sehe ich doch.«

Cats Magen krampfte sich zusammen. Wusste Mom etwa, dass Küken schon wieder weggelaufen war?

»Ich kann mir vorstellen, was dich bedrückt«, fuhr Mom fort. »Ich arbeite zu viel und lade dir viel zu viel auf.«

Jetzt fühlte Cat sich erst recht schlecht. Sie wollte keine Geheimnisse vor Mom haben. Andererseits hatte Mom schon genug Stress. Und Küken war ja nichts passiert, nur das zählte.

»Ist nicht so schlimm. Wirklich.« Die Worte kamen ihr falsch vor.

Doch Mom schüttelte den Kopf. »Ich arbeite so viel, damit ich im Urlaub entspannen kann. Wenn ich mit dem Kurs fertig bin, habe ich nur Zeit für euch.«

Mom seufzte, sie hielt noch immer Cats Hand. »Ich verlasse mich auf dich, aber ich weiß, du schaffst das. Du hältst uns drei zusammen.«

Cat kniff die Augen zu. Die Worte lasteten schwer auf ihr. Mom wäre sich da bestimmt nicht mehr so sicher, wenn sie wüsste, dass Küken weglief. Aber wie sollte Cat ihr davon

Mom zog Cat zu sich heran und drückte sie kurz. Cat erwiderte die Umarmung.

»Sag Küken, dass ich noch mal zu ihm komme, okay?«

Cat nickte. Leise zog sie die Tür hinter sich zu.

In der Küche schlang sie das inzwischen kalt gewordene Rührei hinunter, und sie und Küken räumten den Tisch ab.

»Baden?«, fragte er.

Cat sah auf die Uhr. »Heute nicht. Gesicht und Zähne.«

Sie wusch das Geschirr ab und stellte alles zum Trocknen neben die Spüle. Küken kam im Schlafanzug aus dem Badezimmer, das Oberteil saß verkehrt herum.

»Zeig mal«, sagte sie.

Zum Beweis riss er den Mund weit auf. Cat sah auch hinter seinen Ohren nach.

»Gut gemacht. Noch ein Buch?«

»Nein!«, sagte Küken.

Cat blickte ihn fragend an. »Kein Buch?«

»Ich will nicht nur ein Buch. Ich will zehn Bücher«, sagte er und grinste.

»Ein Buch! Und erst, wenn du im Bett liegst.«

Schon rannte er los und schlitterte auf Strümpfen über den Holzboden. Cat ließ ihm einen Vorsprung, bevor sie hinterherlief und wie er durch den Flur rutschte.

Cat lächelte. Als Küken noch in die Vorschule ging, gab es für ihn nichts Tolleres als Eisenbahnen. Dieses Buch erzählte eine Geschichte, die sich wirklich so zugetragen hatte – Küken hatte sich unbedingt einen Zug aus der Nähe ansehen wollen, also kaufte Mom Fahrkarten für sie alle. Im Bahnhof sprudelte er fast über vor Begeisterung, doch das änderte sich, als sie einsteigen wollten.

Zu einem Zug.
Nicht IN einen Zug.

Keine Frage, Caterpillar war wütend. In den neueren Büchern war sie das nie. Immer blieb sie nett und lieb und war nicht das geringste bisschen genervt, egal, was Chicken anstellte.

In Wirklichkeit war der Tag damals überhaupt nicht lustig gewesen. Küken hatte im Bahnhof herumgeschrien, und Mom war die personifizierte dunkle Wolke gewesen. Cat hatte schließlich herausgefunden, dass Küken überhaupt nicht vorgehabt hatte Zug zu fahren. Er wollte einfach zusehen, wie die Züge an ihm vorbeifuhren.

Das meinte Mom, wenn sie sagte, dass Cat sie alle zusammenhielt. Einkaufen, kochen oder packen war nur ein Teil davon. Cat war die Problemlöserin, sie kannte Küken gut genug, um den Unterschied zu bemerken zwischen dem, was er sagte, und dem, was er meinte.

Küken stieß Cat seinen knochigen Ellenbogen in die Rippen. Sie rollte zur Seite und lauschte seinen ruhigen Atemzügen. Die Schranktür stand weit offen, wahrscheinlich seit Küken seinen Pyjama herausgeholt hatte. Sie musste noch packen. Gleich würde sie aufstehen und damit anfangen, nur einmal schnell die Augen schließen. Der Tag war anstrengend gewesen, und sie brauchte eine kurze Pause.

»Cat, Cat

Die Stimme kam wie aus weiter Ferne. Cat bewegte sich schläfrig, aber machte die Augen nicht auf. Küken schnarchte, und es klang, als hätte sie einen winzigen Kipplaster im Ohr. Sie musste letzte Nacht bei ihm im Bett eingeschlafen sein. Sie stupste ihn sanft, damit er aufhörte zu schnarchen, und zog sich die Decke über den Kopf.

Eine Hand rüttelte sie. »Wach auf. Wir haben verschlafen.«

Langsam drangen die Worte zu ihr durch. Cat riss die Augen auf, sprang aus dem Bett und knallte gegen Mom.

»Ich habe noch nicht fertiggepackt!«, sagte Cat.

Küken setzte sich auf und blinzelte.

Mom war erstaunlich ruhig. »Ich ziehe Küken an, und du packst. Einverstanden?«

Cat nickte.

Mom hatte ein T-Shirt und Jogginghosen in der Hand. »Komm schon, Küken.«

Er folgte ihr und machte sich kurz darauf polternd im Bad fertig.

Cat stopfte bergeweise Klamotten in den Koffer. Sie hatten zehn Minuten, bis das Taxi zum Flughafen kam.

»Wohnzimmertisch!«, schrie Cat zurück.