Er saß auf dem Hang und wartete.
Neuer Tag, neuer Job. Vor ihm verschwanden die rostigen Bahngleise in den Tiefen eines Tunnels. Der Himmel war grau und wolkenverhangen, sodass kaum Licht hinter den Steinbogen der Tunnelöffnung fiel. Er ließ den Eingang nicht aus den Augen. Wartete aufmerksam, aber gleichgültig.
Keinerlei Aufregung, nicht die geringste Anteilnahme.
Neugierig war er längst nicht mehr. In letzter Zeit zählte nur noch, dass er seinen Job machte. Seine Augen blickten kalt, leblos.
Ein Wind kam auf, eisige Luft wehte ihn an, aber er spürte die Kälte nicht. Blieb konzentriert, wachsam.
Gleich war es so weit.
Die ersten schweren Regentropfen klatschten auf das Wellblechdach des Bahnsteigs herunter, trommelten einen ungleichmäßigen Rhythmus. Dylan seufzte und vergrub ihr Gesicht noch tiefer in ihre dicke Winterjacke, um ihre eiskalte Nase aufzuwärmen. Ihre Füße wurden langsam taub, und sie stampfte mit den Stiefeln auf den rissigen Beton, um ihren Kreislauf wieder in Gang zu bringen. Genervt funkelte sie die glatten schwarzen Bahngleise an, die mit Chipstüten, rostigen Getränkedosen und den Überresten zerfetzter Regenschirme übersät waren. Der Zug hatte fünfzehn Minuten Verspätung, und in ihrer Ungeduld war sie auch noch zehn Minuten zu früh gekommen. Jetzt stand sie sinnlos im Regen herum, starrte ins Leere und spürte, wie ihr Körper langsam auskühlte. Der Regen wurde stärker, und der Mann neben ihr wischte ärgerlich über seine Gratiszeitung, in einen Artikel über eine grausige Mordserie im West End vertieft. Das Dach über dem Bahnsteig bot nur wenig Schutz und die Tropfen platschten in immer kürzeren Abständen auf das Papier, sodass die Druckerschwärze über die ganze Seite verlief. Der Mann machte seinem Unmut geräuschvoll Luft, faltete die Zeitung zusammen und klemmte sie unter seinen Arm. Dann schaute er sich um, auf der Suche nach einer anderen Ablenkung. Dylan drehte schnell den Kopf zur Seite, sie hatte keine Lust auf erzwungenen Small Talk.
Der ganze Tag war ein Albtraum gewesen. Es fing damit an, dass ihr Wecker aus irgendeinem Grund nicht geklingelt hatte, und von da an ging alles nur noch bergab.
* * *
»Los! Aufstehen! Du kommst zu spät! Hast du wieder den ganzen Abend am Telefon gehangen? Wenn du weiter so unorganisiert bist, muss ich in Zukunft wieder Regeln aufstellen, und das wird dir nicht gefallen!«
Die Stimme ihrer Mutter platzte mitten in ihren Traum von einem gut aussehenden Fremden hinein. Eine Stimme, die Glas zersägen konnte und Dylans wehrlosem Unterbewusstsein keine Chance ließ. Schimpfend verschwand Joan aus dem Zimmer und stampfte durch den langen Flur, aber Dylan hatte bereits alles ausgeblendet. Versuchte sich an ihren Traum zu erinnern, ein paar Einzelheiten für später festzuhalten. Sie ließ alles noch mal in ihrem Kopf ablaufen – wie sie langsam dahinschlenderte … eine warme Hand, die ihre umfasste … der Geruch nach Laub und feuchter Erde in der Luft … Doch im kalten Morgenlicht verflüchtigte sich das Bild des Fremden, bevor sie seine Züge in ihrem Gedächtnis abspeichern konnte. Seufzend öffnete sie ihre Augen einen Spaltbreit und streckte sich genüsslich unter ihrer warmen Daunendecke. Dann blinzelte sie zu ihrem Wecker hinüber.
Oh Gott.
Schon so spät! Hektisch stolperte sie in ihrem Zimmer herum, während sie saubere Sachen für ihre Schuluniform zusammensuchte. Kurz mit der Bürste durch ihr schulterlanges braunes Haar, und schon manifestierte sich die übliche wilde Lockenkrause um ihren Kopf. Verdammt. Dieses ewige Haarproblem. Sie zwirbelte die Krause zu einem unauffälligen Knoten zusammen, ohne auch nur in den Spiegel zu sehen. Wie schafften es die anderen Mädchen nur, jeden Tag mit perfekt gestylten Haaren in die Schule zu kommen? Das würde ihr immer ein Rätsel bleiben. Dylan konnte machen, was sie wollte – selbst wenn sie ihre Locken mit dem Glätteisen oder was auch immer bearbeitete, musste sie nur zwei Sekunden draußen sein, und schon war alles wieder beim Alten.
Dusche komplett auslassen kam nicht infrage, also nur kurz unter den Wasserstrahl stellen, der wie immer kochend heiß aus der Leitung kam, egal welche Hebel oder Knöpfe man betätigte. Dann trocknete sie sich mit einem rauen Frotteehandtuch ab und zog den schwarzen Rock, das weiße T-Shirt und die grüne Krawatte an, die zu ihrer Schuluniform gehörten. In der Hektik blieb sie mit einem rissigen Fingernagel an ihrer Strumpfhose hängen und produzierte eine lange Laufmasche. Wütend warf sie das Ding in den Müll und patschte barfuß den Flur entlang zur Küche.
Kurzer Blick in den Kühlschrank, aber da war nichts, was man auf die Schnelle hinunterschlingen konnte, und sie hatte auch keine Zeit mehr, unterwegs in ein Café zu stürzen. Na gut, dann musste sie eben hungrig losgehen. Wenigstens hatte sie noch genug Geld auf ihrer Kantinenkarte, um sich ein anständiges Mittagessen zu leisten. Freitags gab es meistens Fish&Chips – wenn auch ohne Salz, Essig oder sogar Ketchup. So was war an ihrer gesundheitsfanatischen Schule undenkbar. Sie verdrehte innerlich die Augen.
»Hast du schon gepackt?«
Dylan drehte sich um. Joan stand in der Küchentür, sie trug bereits die Schwesternkleidung für ihre anstrengende Zwölf-Stunden-Schicht im Krankenhaus.
»Nein. Mach ich später, nach der Schule. Der Zug geht erst um halb fünf – hab also noch jede Menge Zeit.« Übergriffig wie immer, ihre Mum. Konnte es wohl einfach nicht lassen.
Joans Augenbrauen schnellten missbilligend in die Höhe, und ihre Stirnfalten, gegen die selbst die teuren Cremes nichts ausrichten konnten, die sie jede Nacht auftrug, vertieften sich noch.
»Wie kann man nur so unorganisiert sein«, fing sie wieder an. »Das hättest du doch gestern Abend machen können, statt die ganze Zeit mit deinen Freundinnen zu chatten.«
»Ist ja gut!«, fauchte Dylan. »Ich komm schon klar.«
Joan warf ihr einen Blick zu, als hätte sie noch eine Menge dazu zu sagen, schüttelte aber dann nur den Kopf und wandte sich ab. Der Grund für ihre schlechte Laune lag auf der Hand. Joan war strikt gegen Dylans Wochenendtrip zu ihrem Vater gewesen. Als wollte sie nicht, dass ihre Tochter den Mann kennenlernte, den sie doch irgendwann zu lieben geschworen hatte, bis der Tod sie trennte – oder in ihrem Fall das Leben.
Dylan wusste, dass Joan noch längst nicht fertig mit diesem Thema war, und warf sich schnell in ihre Schuhe und Jacke. Dann schnappte sie ihre Tasche und verließ mit knurrendem Magen die Wohnung. An der Tür blieb sie kurz stehen, um das obligatorische Tschüs in Richtung Küche zu brüllen – es kam keine Antwort –, bevor sie in den Regen hinaustrat.
Bereits nach fünfzehn Minuten hatte ihre billige Winterjacke den Kampf gegen den Regen aufgegeben, und sie spürte, wie ihr die Nässe bis unters T-Shirt drang.
Plötzlich fiel ihr etwas ein, und sie blieb wie angewurzelt stehen, mitten im prasselnden Regen. Nasses T-Shirt. Mist! Sie hatte in der Eile keinen sauberen weißen BH in ihrer Unterwäsche-Schublade gefunden und einen blauen genommen. Blau!
Sie fluchte laut, Ausdrücke, für die sie Hausarrest von Joan bekommen hätte, wäre sie in Hörweite gewesen. Keine Zeit, nach Hause zurückzulaufen. Sie kam sowieso schon zu spät, auch wenn sie sich noch so sehr beeilte.
Mist. Mist. Mist.
Den Kopf tief gesenkt platschte sie die Hauptstraße entlang, an den Charity-Shops vorbei, an zugenagelten gescheiterten Träumen, einem Café mit schäbigen Billigmöbeln und unanständig teurem Kuchen und den ein, zwei obligatorischen Wettbüros. Den Pfützen auszuweichen war zwecklos, ihre Füße waren bereits klatschnass, was jetzt allerdings ihre geringste Sorge war. Einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, auf die andere Straßenseite zu wechseln und sich im Park zu verstecken, bis Joan das Haus verlassen hatte, aber das brachte sie nicht fertig. Dazu fehlte ihr einfach der Mumm. Jammernd und fluchend bog sie von der Hauptstraße ab und stürzte durch das Schultor in die Kaithshall Academy.
Die Schule, ein dreistöckiger Albtraum aus einfallslosen Blöcken in diversen Verfallsstadien, war eindeutig dazu konzipiert, jede Begeisterung oder Kreativität im Keim zu ersticken, und vor allen Dingen jeden Lebensmut. Anwesenheitskontrolle war in Miss Parsons Büro im obersten Stock – ein weiterer schäbiger Raum, den die Lehrerin mit Postern und Wanddisplays »verschönert« hatte, was aber irgendwie noch trostloser wirkte. Besonders jetzt, mit den dreißig hirnlosen Klonen, die darin herumhingen und sich irgendwelchen Schrott erzählten, als ginge es um Leben und Tod.
Dylans verspätetes Erscheinen wurde von Miss Parson mit einem strafenden Blick quittiert. Kaum hatte sie sich gesetzt, da tönte die schrille Stimme der Lehrerin auch schon über den Radau in der Klasse hinweg: »Dylan. Jacke.«
Dylan verdrehte innerlich die Augen. Komisch, dass Schüler immer höflich zu den Lehrern sein sollten, während die sich jede noch so grobe Taktlosigkeit erlauben durften …
»Ich friere. Draußen ist es eisig.« Und hier drin auch, aber das sagte sie nicht laut.
»Ist mir egal. Jacke aus.«
Dylan überlegte kurz, ob sie sich weigern sollte, aber das war zwecklos. Sie würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, etwas, das sie grundsätzlich zu vermeiden versuchte. Seufzend zerrte sie an dem billigen Reißverschluss und streifte ihre Jacke ab. Ein Blick hinunter bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Unter dem tropfnassen Shirt blitzte ihr blauer BH hervor wie eine Leuchtboje. Dylan sank auf ihrem Stuhl zusammen und fragte sich, wie lange sie es schaffen würde, sich auf diese Weise unsichtbar zu machen.
Auf die Antwort musste sie nicht lange warten – gerade mal fünfundvierzig Sekunden.
Es fing bei den Mädchen an, klar. Irgendwo links von ihr ertönte unterdrücktes Gekicher.
»Was? Was ist?« David »Dove« Macmillan natürlich. Seine harte, verächtliche Stimme übertönte das Gekicher.
Dylan hielt ihren Blick stur nach vorne zur Tafel gerichtet, aber in ihrem Kopf entstand ein kristallklares Bild von Cheryl und ihrer Clique, wie sie schadenfroh grinsend mit ihren manikürten Fingernägeln in ihre Richtung zeigten. Vertrottelt wie er war, würde Dove eine Weile brauchen, bis er merkte, dass alle auf Dylan zeigten – ohne Holzhammermethode kapierte der Typ sowieso nichts. Aber Cheryl würde ihm bereitwillig auf die Sprünge helfen, indem sie »Der BH!« mit den Lippen formte, oder vielleicht auch nur mit einer unanständigen Geste. Das entsprach mehr dem Intelligenzlevel dieser Volltrottel in ihrer Klasse.
»Ha!« Wieder erschien ein Bild in Dylans Kopf, und diesmal sah sie die Mischung aus Spucke und Energydrink vor sich, die auf Doves Schreibtisch spritzen würde, nachdem er die Sensation endlich gecheckt hatte. »Hey, Dylan, ich kann deine Titten sehen!«
Dylan zuckte zusammen und verkroch sich noch tiefer in ihren Stuhl, während das Kichern zu offenem Gelächter anschwoll. Sogar die Lehrerin lachte mit. Diese Kuh.
Seit Katie fort war, gab es hier niemanden, der auch nur annähernd den Eindruck machte, auf demselben Planeten wie Dylan zu leben, geschweige denn zur selben Spezies zu gehören. Dumme Schafe, der ganze Pulk. Die Jungs liefen in Jogginganzügen herum, hörten Hip-Hop und vergnügten sich abends im Skatepark. Nicht mit Skaten natürlich, sondern mit Randalieren und Komasaufen – diese Loser schluckten einfach alles, was sie in die Finger bekamen. Die Mädchen waren noch schlimmer. Fünf Schichten Make-up, bis ihre Gesichter orange glänzten, und bitchige, schrille Stimmen, die sie aus den amerikanischen Teenie-Serien übernommen hatten. Die zwölf Dosen Haarspray, die sie für ihren »Look« verbrauchten, hatten ihre grauen Zellen offenbar in Matsch verwandelt, denn ihre Gesprächsthemen beschränkten sich auf Bräunungstipps, billige Popmusik und die Frage, wer von den tollen Jogginghosen-Casanovas in ihrer Klasse der attraktivste war. Natürlich gab es noch ein paar andere Außenseiter, aber die blieben lieber für sich, wurstelten sich irgendwie durch und passten auf, dass sie nicht ins Schussfeld des gnadenlosen Mobs gerieten.
Katie war Dylans einzige Freundin gewesen. Sie kannten sich seit der Grundschule und hatten die meiste Zeit damit verbracht, über ihre Klassenkameraden zu lästern und Pläne zu schmieden, wie sie möglichst bald hier rauskommen konnten. Dann hatten sich Katies Eltern im letzten Jahr plötzlich getrennt, weil sie angeblich nur Verachtung füreinander übrig hatten, oder was auch immer. Dabei stritten sie, seit Dylan Katie kannte, also warum ausgerechnet jetzt? Katie musste sich jedenfalls entscheiden, ob sie bei ihrem Alkoholikervater in Glasgow bleiben oder mit ihrer neurotischen Mutter wegziehen wollte. Dylan beneidete sie nicht um diese Wahl, eine echte Zwickmühle, und Katie zog schließlich mit ihrer Mutter in ein winziges Dorf namens Lesmahagow in Lanarkshire. Sie hätte genauso gut ans andere Ende der Welt gehen können, so abgelegen war dieses neue Zuhause. Ohne Katie war Dylans Leben noch viel härter und einsamer als zuvor. Sie vermisste ihre Freundin. Katie hätte nicht über ihr durchsichtiges T-Shirt gelacht, so viel stand fest.
Es war zwar nach einer halben Stunde einigermaßen trocken, aber das half jetzt auch nichts mehr. Wo immer sie an diesem Vormittag hinkam, folgten ihr die Jungs aus ihrem Jahrgang – die sie zum Teil nicht mal kannte –, gaben ätzende Kommentare ab und ließen ihren BH-Träger schnalzen, wenn sie es schafften, nahe genug an sie heranzukommen (um zu checken, ob sie den BH noch anhatte). Bis zur Mittagspause reichte es Dylan. Sie hatte genug von den dummen Witzen der Jungs, den schadenfrohen Blicken, die die Mädchen ihr zuwarfen, während die Lehrer sich alle blind und taub stellten. Nach der Pause ging sie zielstrebig an der Kantine vorbei, ignorierte den Fish-and-Chips-Geruch und ihren knurrenden Magen und verließ die Schule zusammen mit der ganzen Meute, die sich in Richtung Chips-Laden oder Bäckerei bewegte.
Ihr Herz schlug doppelt so schnell wie sonst, während sie durch die Straßen ging, in die sich kein Schüler in der Mittagspause verirrte – außer, er hatte dasselbe vor wie Dylan jetzt. Sie hatte noch nie die Schule geschwänzt oder auch nur mit dem Gedanken daran gespielt. Sie gehörte zu den Schüchternen, Braven. Still, fleißig, aber nicht besonders schlau. Ihre Erfolge waren hart erarbeitet, was leicht war, wenn man keine Freunde hatte. Aber heute erwachte die Rebellin in Dylan. Nach der Anwesenheitskontrolle in der fünften Stunde würde ein »A« für abwesend hinter ihrem Namen stehen. Selbst wenn sie im Krankenhaus anriefen, was konnte Joan schon tun? Bis sie ihre Schicht beendet hatte, war ihre Tochter bereits auf halbem Weg nach Aberdeen. Dylan verbannte schnell das mulmige Gefühl, das dennoch in ihr aufstieg, aus ihrem Kopf. Heute hatte sie Wichtigeres zu tun.
Sobald sie zu Hause war, riss sie ihr Schulshirt herunter, das ihr die ganzen Peinlichkeiten an diesem Tag beschert hatte. Sie warf es in den Wäschekorb, dann ging sie zu ihrem Schrank und inspizierte ihre Sachen. Was war die passende Kleidung, wenn man zum ersten Mal seinem Vater begegnete? Auf den ersten Eindruck kam es schließlich an. Also nichts Offenherziges, das sie wie eine Schlampe aussehen ließ. Und nichts mit Comicfiguren, das war zu kindlich. Etwas Hübsches, Erwachsenes. Sie fing an zu suchen, zog Klamotten beiseite, um zu checken, was sich dahinter verbarg. Am Ende musste sie sich eingestehen, dass sie nichts besaß, was dieser Beschreibung entsprach. Sie schnappte sich ein verblichenes blaues T-Shirt mit dem Namen ihrer Lieblingsband auf der Vorderseite, dazu einen grauen Reißverschluss-Hoodie. Dann strampelte sie ihren Schulrock herunter, zog eine bequeme Jeans an, dazu ihre alten Nike-Sneakers. Sie prüfte ihr Aussehen in dem bodenlangen Spiegel in Joans Zimmer. Okay. Das musste genügen.
Als Nächstes zerrte sie eine alte Reisetasche vom Flurschrank herunter und knallte sie auf ihr Bett. Sie stopfte eine zweite Jeans und ein paar T-Shirts hinein, etwas Unterwäsche und schließlich ihre schwarzen Schulschuhe und einen grünen Rock, falls ihr Dad sie zum Essen ausführen wollte oder so. Ihr Smartphone und ihren Geldbeutel verstaute sie zusammen mit ihrer Kulturtasche im vorderen Fach.
Aber etwas fehlte noch: Egbert, ihr Teddy. Er war nach all den Jahren schon ziemlich grau und abgeliebt – ein Auge fehlte, und aus einem winzigen Riss an seinem Rücken rieselte das Füllmaterial heraus. Einen Schönheitswettbewerb würde Egbert nicht mehr gewinnen, aber sie hatte ihn, seit sie denken konnte, und seine Gegenwart beruhigte und tröstete sie. Wäre es okay, ihn mitzunehmen? Oder würde ihr Dad sie dann auslachen? Unentschlossen drückte sie ihren alten Teddy an sich. Nach einer Weile legte sie ihn aufs Bett zurück und schaute ihn an. Er starrte vorwurfsvoll zu ihr zurück, als fühlte er sich ungeliebt, im Stich gelassen. Dylan bekam sofort Schuldgefühle, nahm ihn wieder hoch und legte ihn behutsam auf ihre Kleider. Sie zog ihre Tasche zu, riss sie wieder auf, holte den Teddy heraus und warf ihn aufs Bett zurück. Diesmal fiel er mit dem Gesicht nach unten auf ihr Kissen und konnte ihr mit seinem einen Auge keine verlorenen, vorwurfsvollen Blicke mehr zuwerfen. Also zerrte sie den Reißverschluss wieder zu und ging zielstrebig aus dem Zimmer.
Zwanzig Sekunden später stürzte sie zurück und riss den Teddy wieder an sich.
»Tut mir leid, Egbert«, flüsterte sie und küsste ihn schnell, bevor sie ihn im Hinausrennen in die Tasche stopfte.
Wenn sie sich beeilte, erwischte sie vielleicht den früheren Zug und konnte ihren Dad überraschen. Ein Gedanke, der sie wie auf Flügeln die Treppe hinunter und die nasse Straße entlangtrug. Auf dem Weg zum Bahnhof gab es ein Café, vielleicht konnte sie kurz reinspringen und sich einen Burger holen, um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Sie ging schneller, das Wasser lief ihr im Mund zusammen bei diesem Gedanken, doch als sie an dem hohen Eisentor des Parks vorüberkam, blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Starrte durch das Gitter auf das wuchernde Grün, ohne wirklich zu wissen, was sie anschaute.
Ein Déjà-vu.
Blinzelnd zerbrach sie sich den Kopf, was dieses Gefühl ausgelöst haben konnte. Ein wirrer blonder Haarschopf schimmerte zwischen den Ästen einer ausladenden Eiche hervor. Und prompt blitzte ein Bild in ihr auf: dieselben Haare, die ein Gesicht ohne irgendwelche erkennbaren Züge einrahmten, außer zwei erschreckend blauen Augen. Kobaltblau. Der Traum.
Dylan sog die Luft ein, ihr Herz fing an zu rasen, dann zerstörte raues Jungengelächter die Illusion. Der blonde Kopf drehte sich in ihre Richtung, und ein Mund, der eine lange Rauchschlange ausstieß, kam zum Vorschein. Im einen Mundwinkel baumelte eine Zigarette. Dove MacMillan und seine Kumpel. Angewidert rümpfte sie die Nase und wich schnell zurück, bevor er sie noch bemerkte.
Sie schüttelte den Kopf, um die letzten spinnwebenfeinen Reste ihres Traums zu vertreiben, und überquerte die Straße, die Augen auf das handgemalte Schild über dem schmierigen Imbiss geheftet.
»Das ist unerhört. Ein Skandal!« Nachdem der Mann auf dem Bahnsteig im prasselnden Regen seine Zeitung nicht mehr lesen konnte, verlegte er sich auf die zweitbeste Ablenkung: Herummeckern.
Dylan schaute ihn zweifelnd an. Sie hatte keine Lust, sich auf diesen älteren Mann im Tweedjackett einzulassen und dann womöglich die ganze Fahrt bis Aberdeen höflichen Small Talk mit ihm zu machen. Also zuckte sie mit den Schultern, eine Geste, die unter ihrem dicken Parka wahrscheinlich kaum zu erkennen war.
Der Mann schimpfte weiter, unbeirrt von ihrem mangelnden Engagement. »Ich meine, bei den Preisen, die sie verlangen, kann man ja wohl erwarten, dass sie pünktlich sind. Aber von wegen. Unerhört. Ich warte seit zwanzig Minuten, und wenn dieser verfluchte Zug endlich kommt, gibt es bestimmt keine Sitzplätze mehr. Miserabler Service, wirklich.«
Dylan blickte sich um. Der Bahnsteig war nicht voll genug, um einfach wegzugehen und in der Menge unterzutauchen.
Der Mann drehte sich wieder zu ihr um. »Finden Sie nicht auch?«
Da er sie jetzt direkt angesprochen hatte, fühlte Dylan sich zu einer Antwort genötigt. »Hmmmm«, murmelte sie vage.
Aber Tweedjacke nahm das als Einladung, seine Schimpftirade fortzusetzen. »Als wir noch die National Rail hatten, war es besser. Bei der Staatsbahn wusste man wenigstens, woran man war. Die hatten noch gute, ehrliche Angestellte, die das Ganze am Laufen hielten. Aber seither geht es nur noch bergab. Alles Scharlatane. Unerhört!«
Wo blieb nur der Zug? Dylan konnte es kaum erwarten, aus dieser absurden Lage befreit zu werden. Dann endlich rollte er herein wie ein Ritter in rostiger Rüstung. Der einzige Lichtblick an diesem Tag, der so unerfreulich begonnen hatte.
Erleichtert griff sie nach der Tasche zu ihren Füßen, die schäbig und abgewetzt war wie die meisten ihrer Besitztümer. Als sie sie über die Schulter schwang, hörte sie ein leises Ratschen. Mist. Hoffentlich war keine Naht geplatzt. Dass sich ihre ganze Unterwäsche über den Bahnsteig verstreute, hätte ihr gerade noch gefehlt. Zum Glück blieb ihr diese Peinlichkeit erspart, und sie schlurfte mit den anderen müden Fahrgästen vorwärts, als der Zug endlich zum Stehen kam. Ein rascher Blick in die Richtung, in die Tweedjacke verschwand, und sie stürzte zu einer anderen Tür.
Im Wagen schaute sie kurz nach links und rechts, um die Lage zu sondieren. Die Spinner aussortieren – Betrunkene, Verrückte, Leute, die einem ihre ganze Lebensgeschichte erzählten oder über den Sinn des Lebens philosophierten und die sich zielsicher auf Dylan stürzten, wann immer sie öffentliche Verkehrsmitteln benutzte. Aber heute konnte sie das nicht verkraften, sie hatte genug mit sich selbst zu tun. Sie hielt nach freien Plätzen Ausschau – neben einer Mutter mit schreiendem Baby, dessen Kopf vor Wut und Verzweiflung schon ganz rot war. Oder gegenüber von zwei betrunkenen Jugendlichen in blauen Rangers-Shirts. Sie bedienten sich verstohlen aus einer ungeschickt versteckten Flasche, die nach Buckfast aussah, und sangen lautstark und grottenfalsch.
Die einzige akzeptable Möglichkeit war in der Wagenmitte, neben einer dicken Frau, die ihre Einkaufstüten über die Sitze um sich herum verteilt hatte – eine klare Ansage, dass sie keine Gesellschaft wünschte. Aber das hier war noch der beste Platz, da konnte die Frau sie so böse anstarren, wie sie wollte.
»’tschuldigung«, murmelte sie und blieb vor ihr stehen.
Die Frau seufzte laut, ohne ihr Missfallen zu verbergen, räumte aber trotzdem ihre Tüten beiseite. Dylan setzte sich, nachdem sie ihre Jacke abgestreift, ihr Smartphone herausgeholt und ihre Tasche in die Gepäckablage über ihrem Kopf gestopft hatte. Dann schloss sie die Augen, steckte sich die Kopfhörer in die Ohren und drehte die Musik ihrer Lieblings-Indieband voll auf, bis die dröhnenden Bässe alles um sie herum ausblendeten. Sie stellte sich vor, wie die Tütenfrau sie wegen ihrer grässlichen Musik anfunkelte, und grinste vor sich hin. Der Zug ächzte und stöhnte, laut genug, als dass Dylan es hören konnte, während er Fahrt aufnahm und in Richtung Aberdeen raste.
Sie hielt ihre Augen geschlossen und dachte an das bevorstehende Wochenende. Ihr Magen flatterte, sobald sie sich ausmalte, wie sie aus dem Zug stieg und nach dem fremden Mann Ausschau hielt, der ihr Vater war. Erst nach monatelanger hartnäckiger Überzeugungsarbeit hatte Joan die Telefonnummer von James Miller, ihrem Ex-Mann, herausgerückt. Dylan sah ihre zitternden Finger vor sich, als sie die Nummer zum ersten Mal gewählt, dann wieder aufgelegt, dann erneut angerufen und wieder aufgelegt hatte. Vielleicht wollte er gar nicht mit ihr sprechen? Oder er hatte jetzt eine andere Familie? Oder, und das wäre am schlimmsten, er entpuppte sich als Riesenenttäuschung? Als Säufer oder Verbrecher? Joan hatte ihr kaum etwas über ihn erzählt. Wusste angeblich nichts. Und sie hatten nie darüber geredet. Ihr Dad war fortgegangen, ohne sie jemals wieder zu »behelligen«, wie Joan es von ihm verlangt hatte. Dylan war damals fünf gewesen, und in den letzten zehn Jahren war sein Gesicht zu einer bloßen Erinnerung verblasst, ja noch weniger als das.
Zwei Tage lang hatte Dylan mit ihrer Aufregung, ihrem inneren Tumult gekämpft, bis sie sich endlich mitten am Tag anzurufen traute. Sie hatte sich extra eine ruhige Ecke gesucht, die nicht bereits von Rauchern, knutschenden Pärchen oder irgendwelchen Cliquen besetzt war. Insgeheim hoffte sie, dass ihr Dad im Büro war oder was auch immer und niemand abnehmen würde. Und tatsächlich, sie hatte richtig getippt. Nach sechsmal Läuten – wobei ihr jedes Mal fast das Herz stehen blieb – schaltete sich der Anrufbeantworter ein, ohne dass sie sich zurechtgelegt hatte, was sie sagen sollte. Vor lauter Aufregung kam sie ins Stottern und verhedderte sich in umständlichen Erklärungen.
»Hi, ich würde gern James Miller sprechen. Ich bin Dylan. Deine Tochter.« Was sollte sie sonst noch sagen? »Ich … ähm, also … Mum hat mir deine Telefonnummer gegeben. Ich meine, Joan. Und ich dachte, vielleicht könnten wir uns mal irgendwo treffen. Also … vielleicht. Einfach mal reden. Nur wenn du willst, natürlich.« Sie holte Luft. »Hier ist meine Nummer …«
Sobald sie aufgelegt hatte, krümmte sie sich vor Verlegenheit. Wie bescheuert war das denn? Sie hätte sich doch wenigstens eine Nachricht zurechtlegen können. Ihr Dad musste sie ja für den letzten Volltrottel halten. Aber egal, jetzt war es zu spät. Jetzt konnte sie nur noch warten. Und Dylan wartete. Den ganzen Nachmittag war ihr fast schlecht vor Aufregung. Bio und Englisch gingen komplett an ihr vorüber. Zu Hause hing sie vor dem Fernseher herum, ohne ein einziges Mal das Programm zu wechseln, selbst als die dämlichen Vorabend-Serien anfingen. Was, wenn er nicht anrief? Oder ihre Nachricht nie erhalten würde? Dylan sah eine weibliche Hand vor sich, die das Telefon hochnahm und den Anrufbeantworter abhörte, dann ganz langsam mit ihrem rot lackierten Nagel auf »Löschen« drückte. Noch einmal anrufen traute sie sich nicht, also bangte sie weiter und ließ ihr Smartphone nicht aus den Augen.
Sie wartete einen ganzen Tag – der sich mindestens wie ein Monat anfühlte –, aber dann rief er an. Nachmittags um vier, als Dylan wieder mal im Regen nach Hause trottete, mit nassen Socken und langsam auch nassen Schultern, vibrierte das Telefon in ihrer Tasche. Ein rascher Blick auf die Anrufer-ID bestätigte ihre Hoffnung: Es war eine Aberdeener Vorwahl. Sie ließ ihren Daumen am Display hochgleiten und hielt das Telefon an ihr Ohr.
»Hallo?« Ihre Stimme klang rau, erstickt. Sie räusperte sich leise.
»Dylan? Dylan, hier ist James. Miller. Ich meine, dein Dad!«
Schweigen. Sag was, Dylan, dachte sie. Sag was, Dad. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war fast wie ein Schrei.
»Hör zu, Dylan.« Seine Stimme brach endlich das Schweigen, schmolz es einfach weg. »Ich bin so froh, dass du angerufen hast. Ich wollte schon längst Kontakt zu dir aufnehmen. Seit einer Ewigkeit. Wir haben so viel nachzuholen.«
Dylan schloss die Augen und lächelte. Dann holte sie tief Luft und fing an zu sprechen.
Danach war alles ganz leicht. Sie konnte sich ganz unbefangen und vertraut mit ihm unterhalten, als würde sie ihn schon ewig kennen. Sie redeten und redeten, bis Dylans Akku den Geist aufgab. Ihr Dad wollte alles von ihr wissen – Schule, Hobbys, mit wem sie zusammen war, ihre Lieblingsfilme, welche Bücher sie am liebsten las. Jungs – obwohl es da nicht viel zu sagen gab, bei der beschränkten Auswahl, die ihr an der Kaithshall zur Verfügung stand. Im Gegenzug erzählte er ihr von seinem Leben in Aberdeen, und von Anna, seinem Hund. Keine Frau, keine Kinder. Keine Komplikationen. Und er wollte, dass Dylan ihn besuchte.
Das war jetzt genau eine Woche her. Sieben Tage lang hatte Dylan ihre Aufregung und Vorfreude in Schach zu halten versucht, hatte sich alle Mühe gegeben, nicht mit Joan zu streiten, die kein Geheimnis daraus machte, wie wenig sie von diesem Treffen hielt. Nicht mal mit Katie hatte Dylan darüber gesprochen. Jetzt, im Zug, fing sie vor lauter Nervosität mit ihr zu chatten an:
Katie! Wie geht’s?
Neue Schule immer noch so ätzend?
Neue Schule, die gleichen Schwachköpfe. Und die hier sind noch dazu Landeier.
Bin so froh, dass wir nächstes Jahr ans College gehen!
Kann’s kaum erwarten, von hier wegzukommen!
Und wie läuft’s an der glorreichen Kaithshall?
Beschissen. Hab aber Neuigkeiten!
Oh, sag schon!
Hab meinen Dad angerufen.
Dylan drückte auf Senden und wartete. Ihr Herz raste. Sie wünschte sich, dass Katie ihr etwas Nettes sagte. Sie darin bestärkte, dass ihr Entschluss richtig war. Eine Pause entstand, die Dylan wie eine Ewigkeit vorkam, bis endlich das kleine Kästchen aufploppte, das ihr anzeigte, dass Katie zurückschrieb.
Und? Wie ist es gelaufen?
Eine vorsichtige Antwort. Katie wollte nicht ins Fettnäpfchen treten.
Super, eigentlich. Er will mich treffen! Hat sich am Telefon echt nett angehört.
Keine Ahnung, warum Joan ihn so hasst.
Wer weiß das schon? Eltern sind eben komisch. Guck dir meine an, diese Irren.
Dann kommt er also her und besucht dich?
Nein. Ich fahr hin. Jetzt gerade.
Was?! Das ging aber schnell! Hast du Angst?
Nein, freu mich total. Wovor soll ich denn Angst haben?
Die Antwort kam sofort.
Lügnerin! Du machst dir in die Hose!
Dylan lachte laut auf, schlug sich aber schnell die Hand vor den Mund, als sie aus dem Augenwinkel den empörten Blick auffing, den die Tütenfrau ihr zuwarf. Typisch Katie! Bei ihr konnte man sich darauf verlassen, dass sie immer direkt den Finger in die Wunde legte.
Okay, bisschen vielleicht. Versuche nicht allzu viel dran zu denken …
Hab irgendwie Angst, dass ich vielleicht doch noch kneife, wenn ich mir richtig bewusst mache, was ich da eigentlich losgetreten habe!
Alles cool. Irgendwann musst du ihn ja treffen. Und wenn deine Mum ihn wirklich so hasst, ist es vielleicht keine schlechte Idee, die beiden getrennt zu halten!
Wie kommst du hin? Zug?
Ja, er hat mir eine Fahrkarte spendiert. Sagt, er will die zehn verlorenen Jahre nachholen.
Apropos Fahrkarte. Dylan schaute auf das Ticket in ihrer Hand. Sie musste ihrem Dad schreiben, dass sie schon auf dem Weg zu ihm war.
Sie klickte seine Nummer an.
Dad, bin im Zug. Hab einen früheren genommen. Kann’s kaum erwarten, dich zu sehen. :) Dylan
Im selben Moment, als sie auf Senden drückte, wurde das Fenster neben ihr schwarz. Na toll, ein Tunnel. Über das Display des Telefons – ein teures Weihnachtsgeschenk, für das Joan mehrere Extraschichten eingelegt hatte –, lief ein einziges Wort:
Senden.
Drei Durchgänge brauchte es, dann ploppte die Information auf:
Die Nachricht konnte nicht gesendet werden.
»Verdammt«, brummte Dylan genervt und hielt absurderweise das Telefon über ihren Kopf, obwohl sie wusste, dass das im Tunnel keinen Zweck hatte. Durch so viel Fels kam kein Signal durch.
Sie saß noch immer so da, den Arm in der Luft wie eine Mini-Freiheitsstatue, als es passierte. Als das Licht erlosch, gefolgt von einer ohrenbetäubenden Explosion, und die Welt stillstand.
Stille.
Warum schrie niemand? Keine Rufe, kein Stöhnen, kein Jammern, nichts.
Nur Stille.
Die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass sie das Gefühl hatte, unter einer dicken Decke zu ersticken. Eine Schrecksekunde lang glaubte sie, dass sie blind geworden sei. Hektisch schwenkte sie eine Hand vor ihrem Gesicht. Sie konnte nichts sehen, stach sich jedoch dafür voll ins Auge. Der Schmerz brachte sie wieder zu sich, sodass sie innehielt und nachdachte. Sie waren durch einen Tunnel gefahren – deshalb war es dunkel.
Ihre Augen konnten keinen noch so winzigen Lichtschimmer ausmachen. Sie versuchte sich von dem Sitz neben ihr hochzuziehen – bei dem Aufprall musste sie hinübergeschleudert worden sein –, aber etwas drückte sie herunter. Sie drehte sich nach rechts, schaffte es irgendwie, auf den Boden zwischen den beiden Sitzen hinunterzurutschen. Ihre linke Hand traf auf etwas Warmes, Klebriges. Sie riss sie weg, wischte sie hastig an ihrer Jeans ab und blendete jeden Gedanken daran aus, was dieses klebrige Zeug gewesen sein konnte. Ihre rechte Hand ertastete einen kleinen Gegenstand – das Telefon, das sie hochgehalten hatte, als die Welt aus den Fugen geraten war. Zitternd vor Aufregung riss sie es an sich und drehte es um. Erleichterung durchströmte sie, wich aber schnell einer bitteren Enttäuschung. Das Display war leer. Ihre Finger wischten darauf herum, aber es war hoffnungslos. Das Telefon war tot.
Langsam kroch sie in den Gang hinaus, versuchte einen festen Stand zu finden und richtete sich auf, wobei ihr Kopf gegen etwas Hartes stieß.
»Shit! Autsch!« Sie duckte sich wieder hinunter und fasste mit der Hand an ihre heftig pochende Schläfe. Es blutete nicht, schmerzte aber wie Hölle. Erneut kam sie hoch, vorsichtiger dieses Mal, und schirmte ihren Kopf mit beiden Händen ab. Die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass sie nicht ausmachen konnte, woran sie sich gestoßen hatte.
»Hallo?«, rief sie schüchtern. Keine Antwort, nicht einmal ein Atmen oder Rascheln von den anderen Reisenden um sie herum. Der Wagen war gerammelt voll gewesen – wo zum Teufel waren sie alle hin? Flüchtig blitzte die klebrige kleine Pfütze neben ihrem Sitz vor ihrem inneren Auge auf, dann verbannte sie das Bild schnell wieder aus ihrem Kopf.
»Hallo?« Lauter dieses Mal. »Hört mich denn niemand? Hallo?« Beim letzten Hallo, als die Panik ihr hässliches Haupt erhob, versagte ihr die Stimme. Ihr Atem ging schneller, und sie kämpfte gegen die Angst an, die in ihr aufstieg. Die Dunkelheit war erdrückend. Dylan fasste sich an die Kehle, als würde sie gewürgt. Sie war hier ganz allein, umgeben von …
Nein, daran wollte sie nicht denken. Sie wusste nur eins: In diesem Wagen, in dieser Dunkelheit hielt sie es keine Sekunde länger aus.
Blindlings stolperte sie vorwärts, zog sich über die Hindernisse hinüber, die ihr im Weg lagen. Ihr Fuß landete auf etwas Weichem, Glitschigem, und weil die Sohlen ihrer Sneakers keinen Halt fanden, kam sie ins Rutschen. Entsetzt riss sie ihr Bein hoch, nur weg von diesem gruseligen, wabbligen Etwas, aber ihr anderer Fuß tastete vergeblich nach einem festen Untergrund. Wie in Zeitlupe fiel sie auf den Boden, mitten in diesen ganzen Horror, der dort unten lauerte.
Nein!
Sie riss die Arme herunter, um sich gegen den Aufprall zu wappnen, und fuchtelte wild herum, bis sie eine Stange zu fassen bekam und sich daran festklammern konnte, was ihren Sturz aufhielt. Ihre Schultermuskeln waren zum Zerreißen gespannt und der Schwung riss sie vorwärts, sodass ihr Hals schmerzhaft gegen das kalte Metall knallte.
Ohne das Pochen in ihrem Hals zu beachten, umklammerte sie mit beiden Händen die Stange, als wäre es ihre letzte Verbindung mit der Wirklichkeit. Stange, funkte ihr Gehirn. Die Haltestangen sind neben der Tür. Also musst du irgendwo bei der Tür sein. Sie atmete auf, die Erleichterung ließ sie wieder klarer denken. Jetzt begriff sie auch, warum sie allein war. Die anderen waren alle schon hinausgeklettert, und sie hatte nichts gemerkt, weil sie unter den Tüten dieser blöden Frau begraben war. Ich hätte mich zu den beiden Rangers-Fans setzen sollen, dachte sie und lachte leise.
Da sie ihren Füßen in der Dunkelheit nicht trauen konnte, tastete sie sich an der Trennwand entlang, die mit der Stange verbunden war. Wenn sie richtig vermutet hatte, musste sie bald auf die offene Tür treffen. Sie streckte ihre Fingerspitzen danach aus, ertastete jedoch nichts. Noch einen Schritt vorwärts, und endlich berührte sie die Tür. Sie war geschlossen.
Merkwürdig. Waren die Leute alle durch die Tür am anderen Ende hinausgekommen? Das war ja wieder mal typisch – warum musste sie so ein Pechvogel sein? Egal, jetzt nur nicht durchdrehen. Ihr logisches Denken beruhigte sie, verhinderte, dass sie wieder in Panik geriet. Alles in ihr sträubte sich dagegen, durch den Wagen zurückzugehen und vielleicht über weitere verdächtig weiche Hindernisse steigen zu müssen. Sie tastete nach dem Türöffner. Ihre Finger trafen auf die überstehenden Ränder und drückten, aber die Tür blieb zu.
»Verdammt«, murmelte sie. Wahrscheinlich war der Strom bei dem Aufprall ausgefallen. Sie warf einen Blick über die Schulter, was völlig sinnlos war, weil sie ja sowieso nichts sehen konnte. Ihre Fantasie füllte die Lücken aus, ließ Bilder von umgekippten Sitzen, verstreutem Gepäck, zerbrochenem Fensterglas und glitschigen, weichen Dingen in ihrem Kopf aufblitzen – Hindernisse, die sich als verstümmelte Gliedmaßen und Rümpfe entpuppten. Nein, zurückgehen kam nicht infrage.
Sie presste beide Hände flach gegen die Zugtür und drückte mit aller Kraft dagegen. Die Tür hielt zwar, gab jedoch ein winziges bisschen nach. Wenn sie sich genügend anstrengte, müsste sie aufgehen. Sie wich zurück, holte tief Luft und warf sich nach vorne, trat mit ihrer linken Fußsohle dagegen, so fest sie nur konnte. Der Krach war unglaublich in dem engen Raum, dröhnte ihr in den Ohren, und ihre Knie und ihr Knöchel brannten wie Feuer. Aber egal, sie spürte frische Luft im Gesicht, und das gab ihr neue Hoffnung. Ein kurzes Vorantasten mit den Händen, und sie wusste, dass sie es geschafft hatte – die eine Türhälfte war aus ihrer Laufleiste gesprungen. Wenn sie das bei der anderen auch schaffte, müsste der Spalt groß genug sein, dass sie sich durchzwängen konnte. Diesmal wich sie zwei Schritte zurück und warf sich mit aller Kraft gegen die andere Türhälfte. Ein markerschütterndes Quietschen ertönte, als Metall an Metall scheuerte, und die Tür gab nach.
Der Spalt war schmal, aber Dylan zum Glück auch. Sie drehte sich auf die Seite und quetschte ihren Körper durch die Öffnung. Ein Ratschen drang an ihr Ohr, als sich der Reißverschluss zwischen ihrem Körper und der Tür verfing, dann war sie plötzlich frei und fiel auf die Gleise hinunter. Den Bruchteil einer Sekunde stieg Panik in ihr auf, aber der Sturz war nicht tief – ihre Sneakers trafen bereits knirschend im Kies auf und das würgende Gefühl wich von ihr, als wäre eine Eisenkette von ihrem Hals abgefallen.
Im Tunnel war es stockfinster, genauso wie im Zug. Der Unfall musste irgendwo in der Mitte passiert sein. Sie schaute erst in die eine, dann in die andere Richtung, aber es war zwecklos. Nirgends auch nur der winzigste Lichtschimmer, und außer dem leisen Rauschen der Luft in dem geschlossenen Raum herrschte Totenstille.
Ene, mene, mu, zählte Dylan ab. Dann wandte sie sich seufzend nach rechts und tastete sich vorwärts. Irgendwo musste sie ja herauskommen.
Ohne ein Licht, das ihr den Weg wies, stolperte sie häufig und kam nur langsam voran. Hin und wieder huschte etwas vor ihren Füßen weg. Hoffentlich keine Ratten. Alles, was kleiner war als ein Kaninchen, löste eine irrationale Angst in ihr aus. Eine Spinne im Badezimmer konnte sie eine halbe Stunde lang in absolute Hysterie versetzen, bis Joan sich erweichen ließ und hereinkam, um sie zu retten. Wenn ihr hier etwas über die Füße krabbelte, würde sich sofort ihr Fluchtinstinkt einschalten, das wusste sie. Und in diesem stockdunklen Tunnel, auf unebenem Grund, würde sie höchstwahrscheinlich voll auf die Nase fallen.
Der Tunnel ging endlos weiter. Sie war schon drauf und dran, wieder umzukehren und in die andere Richtung zu gehen, als sie irgendwo vorne einen Lichtpunkt wahrzunehmen glaubte. Neue Hoffnung strömte ihr durch die Adern – vielleicht war das der Ausgang, oder ein Rettungshelfer mit einer Taschenlampe! Hastig stolperte sie vorwärts, um so schnell wie möglich ins Helle zu kommen. Es dauerte lange, aber nach und nach verwandelte sich der Lichtpunkt in einen Torbogen. Dahinter schimmerte ein Fünkchen Tageslicht, ganz schwach nur, aber das genügte.
Als sie endlich aus dem Tunnel stolperte, nieselte es, und sie lachte laut auf vor Erleichterung, hielt ihr Gesicht in den sanften Schauer. Sie fühlte sich schmutzig von dem Gang durch den rußigen Tunnel, und die dunstigen Tröpfchen wuschen zumindest ein bisschen von dem ganzen Horror ab. Sie atmete ein paarmal tief ein, stemmte die Hände in die Hüften und fasste ihre Umgebung ins Auge.
Die Landschaft war leer. Abgesehen von den Gleisen, die sich über eine wilde Steigung hinaufzogen, war nichts zu sehen. Glasgow lag definitiv hinter ihr. Am Horizont ragten hohe, imposante Berge auf. Die Wolken, die über die höchsten Gipfel segelten, hingen so tief, dass die Ränder der Gebirgskette verschwammen. Die Farben waren gedämpft, violette Heide, die zwischen braunem Farngestrüpp hervorschimmerte, so weit das Auge reichte. Hier und da drängten sich hellere kleine Baumgruppen in den unteren Regionen zusammen, die ansonsten mit dunkelgrünen Kiefern bewachsen waren. Die Hänge in der Nähe des Tunnels waren sanfter – wogende Hügelketten mit hohem Gras. Weit und breit keine Straße oder Ortschaft, ja nicht einmal ein einsamer Bauernhof. Dylan biss sich auf die Lippe, als sie die Szenerie in sich aufnahm. Eine wilde, trostlose Gegend.
Wo waren die ganzen Polizeiautos und Krankenwagen, die sie erwartet hatte – kreuz und quer vor dem Tunnel abgestellt, damit die Helfer möglichst schnell zum Unfallort kamen? Scharen von Sanitätern in grellen Neonwesten hätten ihr entgegenstürzen müssen, um sie zu beruhigen, nach Verletzungen abzusuchen und ihr jede Menge Fragen zu stellen. Der Bereich vor dem Tunnel hätte von Überlebenden übersät sein müssen, aschfahle Gestalten, in goldglänzende Rettungsfolien gegen den schneidenden Wind gehüllt. Aber davon war hier nichts zu sehen. Dylans Gesicht verzerrte sich vor Angst und Verwirrung. Wo waren sie nur alle?
Sie drehte sich um und starrte in die schwarze Tunnelöffnung. Wahrscheinlich war sie am falschen Ende herausgekommen – eine andere Erklärung gab es nicht. Die Überlebenden mussten alle am anderen Ende versammelt sein. Tränen der Verzweiflung, der Erschöpfung schossen ihr in die Augen. Die Aussicht, in den dunklen Tunnel zurückzumüssen, an dem Zug mit den schlaffen, leblosen Körpern der Leute vorbei, die weniger Glück gehabt hatten als sie, war entsetzlich. Aber ihr blieb keine andere Wahl. Die mit Gestrüpp überwucherte Schneise, die in den Sockel einer gewaltigen Bergkette gehauen war, stieg zu beiden Seiten steil an, wie eine nackte Klippenwand.
Sie hob den Kopf, als wollte sie den Himmel um Rettung anflehen, aber sie sah nur stahlgraue Wolken, die ruhig über sie hinwegzogen. Leise schluchzend richtete sie ihren Blick wieder auf die Landschaft und suchte verzweifelt nach einem Anzeichen von Zivilisation, das ihr den Rückweg durch den finsteren Tunnel ersparen würde. Und da sah sie ihn.
Er saß auf einem Hang links vom Tunnel, die Hände um seine Knie geschlungen, und starrte sie an. Aus dieser Entfernung konnte sie nur sehen, dass es ein Junge war, ungefähr in ihrem Alter, mit sandfarbenem Haar, das im Wind herumpeitschte. Er stand nicht auf, lächelte auch nicht, als er ihren Blick auffing, sondern schaute sie einfach weiter an.
Etwas Kaltes, Abweisendes ging von ihm aus, so wie er da saß – eine einsame Gestalt mitten im Niemandsland. Dylan fragte sich, wie er dort hingekommen war, falls er nicht auch im Zug gesessen hatte. Sie winkte ihm, erleichtert, dass sie den Horror mit jemandem teilen konnte, aber er winkte nicht zurück. Stattdessen glaubte sie zu sehen, dass er sich halb aufrichtete, aber er war zu weit weg, als dass sie es mit Sicherheit sagen konnte.
Die Augen fest auf ihn gerichtet, damit er nicht einfach wieder verschwinden konnte, schlitterte sie den kiesbedeckten Bahndamm hinunter und hüpfte über einen kleinen Graben, der voller Wasser und Unkraut war. Ein Stacheldrahtzaun trennte die Gleise von der offenen Landschaft. Vorsichtig nahm sie den obersten Draht zwischen ihre Finger und drückte ihn mit aller Kraft hinunter, gerade weit genug, dass sie – wenn auch nicht gerade elegant – ihr Bein hinüberschwingen konnte. Als sie das zweite Bein folgen ließ, blieb sie mit dem Fuß hängen und stürzte beinahe, konnte sich aber gerade noch an dem Draht festhalten. Die Stacheln bohrten sich in ihre Handfläche, kleine Blutströpfchen quollen daraus hervor. Sie warf einen Blick auf ihre Hand und wischte sie an ihrem Bein ab. Eine dunkle Stelle an ihrer Jeans ließ sie genauer hinsehen, und jetzt bemerkte sie erst den großen roten Fleck an der Außenseite ihres Schenkels. Sie starrte einen Augenblick darauf, bis ihr einfiel, dass sie die klebrige Flüssigkeit vom Wagenboden an ihrer Jeans abgewischt hatte. Bei dem Gedanken wich ihr alles Blut aus dem Gesicht und es drehte ihr fast den Magen um.
Sie schüttelte sich, um die Horrorbilder loszuwerden, die ihr durch den Kopf schossen, wandte sich vom Zaun ab und richtete ihren Blick wieder auf das Zielobjekt. Der Junge saß ungefähr fünfzig Meter über ihr auf dem Hang. Jetzt konnte sie auch sein Gesicht erkennen und warf ihm ein Lächeln zu.
Keine Reaktion.
Etwas bestürzt über diesen frostigen Empfang senkte Dylan den Kopf, während sie den Hang hochstapfte. Es war ein anstrengender Aufstieg, der sie bald ins Keuchen brachte, und das hohe, nasse Gras machte ihr das Gehen nicht gerade leichter. Sie starrte weiter auf den Boden und konzentrierte sich auf ihre Füße, was ein guter Vorwand war, um keinen Blickkontakt mehr mit ihm aufnehmen zu müssen, bis sie direkt vor ihm stand.
Mit kaltem Blick fixierte er das Mädchen, das zu ihm hochstieg. Er beobachtete sie schon, seit sie aus dem dunklen Tunnel aufgetaucht war, wie ein verschrecktes Kaninchen aus seinem Bau. Statt zu rufen, um sie auf sich aufmerksam zu machen, hatte er einfach gewartet, bis sie ihn von selbst entdeckte. Nur einmal, als es so aussah, als wollte sie in den Tunnel zurückgehen, hatte er kurz mit dem Gedanken gespielt, sich bemerkbar zu machen, es dann aber gelassen und sich damit begnügt, stumm dazusitzen. Sie würde ihn schon noch sehen.
Und natürlich behielt er recht. Als sie ihn kurz darauf bemerkte und ihm zuwinkte, sah er die Erleichterung in ihren Augen. Er winkte nicht zurück. Das Lächeln in ihrem Gesicht erlosch und sie senkte den Kopf, kam aber trotzdem auf ihn zu. Ihre Bewegungen waren ungeschickt, sie verfing sich im Stacheldraht und stolperte über nasse Grasbüschel. Als sie nahe genug war, um seinen Gesichtsausdruck lesen zu können, wandte er den Kopf ab und lauschte nur noch auf ihre Schritte.
Kontakt hergestellt.
Endlich erreichte Dylan die Stelle, wo der Junge saß, und fasste ihn genauer ins Auge. Sie hatte richtig geschätzt: Er konnte höchstens ein, zwei Jahre älter sein als sie. Er trug Jeans, Sneakers und einen dicken dunkelblauen Wollpulli, auf dem vorne in fließenden orangefarbenen Buchstaben »Bronco« stand. Seine Größe ließ sich nur schwer abschätzen, so zusammengekauert, wie er dasaß, aber er wirkte weder klein noch schmächtig, war braun gebrannt, mit einem Nest aus Sommersprossen um die Nase herum. Sein Gesicht war eine harte, gleichgültige Maske und er starrte mit leeren Augen an ihr vorbei in die trostlose Landschaft. Selbst als sie direkt vor ihm stand, veränderte er weder seinen Ausdruck noch seine Blickrichtung. Ganz schön einschüchternd, dieser Typ. Verlegen zappelte sie um ihn herum, ohne zu wissen, was sie sagen sollte.
»Hi, ich bin Dylan«, murmelte sie schließlich mit gesenktem Kopf. Während sie auf eine Antwort wartete, verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen, folgte seinem Blick und fragte sich, was es in dieser Richtung so Interessantes zu sehen gab.
»Tristan«, sagte er schließlich, warf ihr einen flüchtigen Blick zu und starrte wieder in die Ferne.