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14.


Das Beste kommt noch!

Hubert v. Meyerinck


1930 konnte man nicht einfach nach Hause fahren, wenn es einem dort, wo man gerade war, nicht mehr gefiel. Seit der Eindämmung der Pest genoss der Privatmann das Privileg des freizügigen Reisens nicht mehr. Die Angst vor einem neuen Aufflackern der tödlichen Krankheit war noch immer so groß, dass man ohne lebenswichtigen Grund kein Visum für ein Nachbarland bekam. In Dörfern und Kleinstädten war an Visa überhaupt nicht heranzukommen. In Großstädten standen die Chancen besser, speziell dann, wenn man einen Beamten kannte, der an der entscheidenden Stelle saß und einer bestimmten vaterländischen Vereinigung angehörte.

Botho von Grimelsheim hatte gewusst, wo man solche Beamte fand. Seine Kameraden waren wirtschaftlich und verwandtschaftlich in allen deutschen Ländern vertreten. Da er wusste, dass Ullsteins Expedition nicht problemlos ablaufen konnte, hatte er ihm Namen von Freunden genannt, an die er sich im Notfall wenden konnte. Die nächste diesbezügliche Adresse gehörte einem Herrn in München.

Die Mittagssonne schien an diesem Tag auf Harry Ullstein, als er im Berchtesgadener Bahnhofscafé in Gesellschaft des Berchtesgadener Anzeiger und eines doppelten Cognac auf den Zug nach München wartete.

Der Cognac war so alt, dass er schon vor der Pest im Lande gewesen und entsprechend teuer war. Die Zeitung dagegen war neu und enthielt Meldungen, die sein Interesse fanden.

Sie berichtete zum Beispiel über ein mysteriöses Feuergefecht in der Umgebung des seit Jahren unbewohnten Landhauses der adeligen preußischen Familie von W., bei dem als acht polizeibekannte Tagediebe, Trunkenbolde und Schmarotzer ums Leben gekommen waren: Parteigänger der hierzulande verbotenen KPD. Ein Förster hatte die Leichen blutig, verdreckt und durchlöchert in einem Meer aus Scherben und Patronenhülsen im Haus und auf dem Grundstück verteilt gefunden. Das Haus selbst schien mit Dynamit behandelt worden zu sein. Nun war es so baufällig, dass es abgerissen werden musste.

Ob die Kommunisten sich in einem Richtungsstreit über die Parteilinie in die Haare geraten waren, interessierte die Polizei wenig. „Hauptsache, sie haben sich gegenseitig aus der Welt geschafft“, so der Berchtesgadener Polizeichef. „Wir konnten mit diesem Kroppzeug ohnehin nichts anfangen.“

Eine weitere Meldung betraf das einsam gelegene Anwesen des Barons Poldi von Geißendorf auf dem Obersalzberg, das in der vergangenen Nacht in Flammen aufgegangen und bis auf die Grundmauern abgebrannt war. In welchem Zusammenhang das Wrack des am Ort des Geschehens aufgefundenen Lastkraftwagens der Spedition Toni Brunner aus Fulda spielte, musste erst noch geklärt werden. Man wusste jedoch schon, dass das Fahrzeug, wie auch zwei andere, vor Wochen in Fulda gestohlen worden waren.

„So‘n Zufall“, murmelte Ullstein. „Da hat doch jemand versucht, Spuren zu verwischen.“

Eine beamtete Aufsichtsperson stolzierte, die Kelle in der Hand, in eine königsblaue Uniform gekleidet, über den Bahnsteig.

„Ui jegerl, der oarme Baron Poldi“, sagte Ullstein. „Den wird’s bstimmt net freun, wenn er höat, des sei Häusl abbrennt is.“

Dann kam der Zug. Ullstein nahm seinen Koffer und begab sich an Bord. Die an der Hotelrezeption für ihn hinterlegte Fahrkarte war eine für die Erste Klasse. Dass sie schon bezahlt gewesen war, nährte seinen Verdacht, dass der Führer ihm nicht nur dankbar war, sondern auch auf den Groschen nicht zu schauen brauchte. Vielleicht hatte er aber auch einen Gönner bei der Königlichen Eisenbahn.

Ullstein verbrachte die Fahrt nach München bei einem leckeren Schoppen im Salonwagen, wo er mit einem Reisenden in Gasöfen, dem Besitzer eines Kabaretts in München und einem pensionierten einäugigen Kavalleriehauptmann mehrere Runden Schafskopf spielte und um vier Mark achtzig erleichtert wurde.

Die Männer, mit denen er zusammensaß, waren nicht gerade die hellsten, aber sie kannten jede Menge Zoten und Witze. Daher verging die Zeit wie im Fluge, sodass sich Ullstein keine Minute langweilte, doch über den Status quo in Bayern kaum mehr erfuhr als an jedem beliebigen Stammtisch. Nicht mal der Hauptmann a. D. kannte sich noch in den Verhältnissen aus. Teilweise hatte es wohl auch damit zu tun, dass ihn im Krieg ein Kopfschuss von seinem Gaul geholt hatte.

Als der Zug in München einlief, verabschiedete sich Ullstein von seinen Reisegefährten, denen er sich als Sekretär einer kommerziell erfolgreichen Schriftstellerin vorgestellt hatte. Auf dem Weg durch die von Menschen wimmelnde Bahnhofshalle kam er an einer Plakatwand vorbei. Auf ihr prangten Steckbriefe mit den Gesichtern der Terroristen Adolf Hitler, Martin Bormann, Edmund Heines und Karl Asch alias Karl Sebastian.

Na, bei dem Namen hätte ich auch ein Alias, dachte Ullstein erheitert. Gleich darauf kam er an einem Kiosk vorbei und hielt inne, um sich die aktuelle Presse anzuschauen. Die Münchener Abendzeitung wartete mit der Schlagzeile VAMPIR VON DÜSSELDORF SCHLÄGT WIEDER ZU und der gruseligen Zeichnung eines monströsen Buckligen auf, die wohl den Mann darstellen sollte, der am Rhein seit Jahren streunende Jungs umbrachte und fraß.

Unten links war noch ein Foto, nur viel kleiner als das des mutmaßlichen Vampirs. Dennoch versetzte es Ullstein einen ordentlichen Schreck. WER KENNT DIESE FRAU?, fragte die Überschrift. Drei magere Zeilen informierten ihn, dass die Unbekannte, dem Anschein nach ein Unfallopfer, komatös im Klinikum rechts der Isar lag. Sachdienliche Hinweise bezüglich ihrer Identität nahm jede Polizeidienststelle gern entgegen.

Die Dame war Alexandra von Xanten!

Na, dachte Ullstein, legte einen Groschen hin und nahm die Zeitung mit, die gehen wir doch jetzt mal besuchen.

ULLSTEIN



In dieser Reihe bisher erschienen

3101 Ronald M. Hahn In der Todeszone

3102 Arno Thewlis Tödliche Grenzwelt

3103 Arno Thewlis Operation Lazarus


Ronald M. Hahn


In der Todeszone





Diese Reihe erscheint in der gedruckten Variante als limitierte und exklusive Sammler-Edition!
Erhältlich nur beim BLITZ-Verlag in einer automatischen Belieferung
ohne ­Versandkosten und einem Serien-Subskriptionsrabatt.
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© 2020 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck
Redaktion: Jörg Kaegelmann
Titelbild: Ernst Wurdack / Ysbrand Cosijn / elisanth
Umschlaggestaltung: Mario Heyer
Satz: Harald Gehlen
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 978-3-95719-266-0

Dieser Roman ist als Taschenbuch in unserem Shop erhältlich!



So tief man die Messlatte des Verstandes

auch legt, es gibt immer jemanden,

der bequem drunter herlaufen kann.

Harry Ullstein