Buch
Sie ist an einem unbekannten Ort und in einer eisigen, unwirtlichen Umgebung. Erst nach und nach kehrt die Erinnerung zurück, und Elaine begreift, was passiert ist: dass ihr Großvater einst bei den Inuit in Grönland lebte und er sie mit dem Überleben in Eis und Schnee vertraut machte. Dass sie zuletzt für einen Konzern im Schweizer Ort Winterthur tätig war und sich dort als Genforscherin mit der Rekonstruktion von Leben beschäftigte. Dass die Erde während eines Kometeneinschlages zugrunde ging und sie die letzte Überlebende zu sein scheint. Was das alles mit ihrer Urgroßmutter aus Grönland zu tun hat, ahnt sie nicht.
Autor
Geboren 1972 in Brno, lebt als freier Schriftsteller in Wien.
Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, unter anderem: LeseLenz-Preis für junge Literatur, Adelbert-von-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Lehraufträge unter anderem: Stefan-Zweig-Poetikdozentur an der Universität Salzburg, Literaturseminare an den Universitäten Bamberg, Wien, München und an der Rutgers University New York.
Michael Stavarič
FREMDES LICHT
Roman
Luchterhand
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber ausfindig zu machen. Sollte uns dies im Einzelfall bis zur Drucklegung bedauerlicherweise einmal nicht möglich gewesen sein, werden wir begründete Ansprüche selbstverständlich erfüllen.
Copyright © 2020 Luchterhand Literaturverlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Covergestaltung: Buxdesign
Covermotive: Schrift by Casey Horner on Unsplash
Schiff: ©Bridgeman Images/ T859 Critical Position of
H. M. S. Investigator on the North Coast of Baring Island, August 20th 1851, drawn by Lieu. S. Gurney Cresswell, pub. 1854 by Day & Son
and Ackermann & Co. (colour lithograph)
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-20895-0
V001
www.luchterhand-literaturverlag.de
◊ ◊ ◊
Der Großvater erzählte mir einst, wenn ich träume, gehöre mir die ganze Welt, dass ich alles sein und bedenken könne, das gesamte Universum läge mir schließlich zu Füßen. Ganz egal, was du dir vorstellst, Elaine, irgendwo ist es längst Realität oder könnte ganz leicht zu dieser werden, behauptete er zuversichtlich. Ich stellte mir schon als Kind die unmöglichsten Dinge in meinen Träumen vor, um möglichst weit durch den Kosmos zu reisen, ich wollte etwas über das große Ganze erfahren, in welches die Erde und die Menschheit gebettet lagen.
Oft konnte ich es gar nicht erwarten, mich hinzulegen, die Augen zu schließen und aufzubrechen, an den unterschiedlichsten Planeten vorbeizuzischen, mir das eiskalte Vakuum um die Ohren wehen zu lassen, was streng genommen natürlich unmöglich ist, allerlei Abenteuer zu erleben, die etwas darüber aussagten, wer ich wirklich sein und was ich in der Welt bewegen wollte. Manchmal saß ich auf den Reisen durch meine Traumwelten auf einem Walross, einem Moschusochsen oder Eisbären, Tiere, von denen mir der Großvater ausführlich zu berichten wusste, schließlich begegneten sie ihm in Grönland beinahe jeden Tag.
Diese strampelten mit ihren Beinflossen durch das unendlich scheinende Nichts, ich krallte mich in ihren Nacken fest, wir waren schneller als das Licht, vor mir blitzte und funkelte es unentwegt. Wir flogen an Feuer- und Eisplaneten vorbei, ein jeder Ort war realisierbar, nichts und niemand konnte schließlich die Fantasie eines Kindes begrenzen, selbst die abwegigsten und unglaublichsten Gedankengänge blieben wie eine Achterbahn befahrbar, ein wildes Auf und Nieder. Ich setzte auf einem Planeten auf, dessen Oberfläche aus tastenden und zustechenden Eisstelen bestand, als wären diese mit einem Male lebendig geworden, als hätten sie sich mit Dolchen und Speeren bewaffnet, und doch blieb ihr Treiben ein zaghafter Versuch, etwas über das dort Draußen in Erfahrung zu bringen. Einem Raubfisch nicht unähnlich, der sachte zubeißt, weil es ihm an geeigneteren Gliedmaßen fehlt, um sein Visavis besser einschätzen zu können.
Der Vater wusste mit meinen Träumen weniger anzufangen, er hörte kaum hin, wenn ich sie ihm beim Frühstück erzählte, also blieb mir nichts anderes übrig, als den nächsten Besuch des Großvaters abzuwarten, der sich in meiner Kindheit zum Glück öfter in der Schweiz blicken ließ. Um keinen der galaktischen Träume zu vergessen, führte ich akribisch Tagebuch, ich kartografierte dort die Welt und den Kosmos mit meinen Augen und erschuf dabei fast zwangsläufig neue Tiere, Landschaften, Sterne und allerlei Begebenheiten. Und wäre die Mutter nicht früh gestorben, ich hätte sie wohl jeden Tag mit meinen imaginierten Geschichten überhäuft, gewiss hätte sie gelächelt und sich diese geduldig angehört, mich auf ihren Schoß genommen, und alles wäre auf ewig gut gewesen.
Dabei fiel es mir selbst in den kühnsten Träumen schwer, mir meine Mutter vorzustellen, was gewiss auch daran lag, dass der Vater keinerlei Abbildungen von ihr besaß, in Anbetracht der technischen Möglichkeiten unserer Zeit ein Affront sondergleichen. Immerhin war die Mutter insofern in unserem Haushalt präsent, da sie der Vater in einer mit Blütenranken reich verzierten Urne auf einer Anrichte gelagert hatte, es wäre dies der ausdrückliche Wunsch der Mutter gewesen, versicherte er mir, nach ihrem Tode verbrannt und in einem entsprechenden Gefäß auf der Kommode verwahrt zu werden. Darüber hinaus wusste er mir nichts zu erzählen, und ich konnte es lange Zeit nicht fassen, dass Mutter keine Nachrichten für mich hinterlassen hatte, kein Vermächtnis, keine Anleitung, kein einziges freundliches Wort. Bald schon dachte ich gar nicht mehr an sie, die Mutter war mir schließlich einer dieser pulverisierten Sterne im Universum, die dieses zwar weiter bedingten, doch ihm nicht mehr angehörten.
Der Großvater blieb die einzige mir vertraute Bezugsperson, die ich an mich heranließ, und wären er und Dallas nicht gewesen, ich hätte wohl gar keine sozialen Kontakte gehabt, wäre ein noch eigensinnigeres Kind gewesen, auf immer und ewig verloren in den kosmischen Weiten. Mit Dallas war ich aufgewachsen, er lebte mit seiner Familie in der Nähe des Vaters und stellte, neben Großvater, den einzigen echten Freund dar, den ich jemals gekannt hatte. Als Kinder gingen wir gemeinsam durch dick und dünn, als Jugendliche waren wir ineinander verliebt, ohne dass einer von uns den entscheidenden Schritt gewagt hätte, also trennten sich unsere Wege bisweilen. Dallas zog es in die Welt (er machte Karriere beim Militär), mich wiederum trieb es, abgesehen von der Arbeit, nach Grönland, zu Großvater und seinen Inuit.
Wir saßen dann vor Großvaters Hütte und blickten zu den Sternen empor, zu unseren Füßen lagen die halb im Schnee eingegrabenen Hunde, ab und an winselte einer von ihnen, er träumte wohl von beschwerlichen Pfaden. Wohin ich auch blickte, ich konnte mich nicht sattsehen an den Rillen und Furchen, die in manchen Nächten überdeutlich im Eis hervortraten, es war ein lebendiger, uns gewogener Organismus.
Einmal nahm Großvater meine Hand und sprach, dass man niemals aufgeben dürfe, dass es einen Grund dafür gäbe, warum wir hier seien. Und er erzählte mir in seiner unnachahmlichen Art davon, dass wir unsterbliche Seelen hätten, dass es alle Inuit längst wüssten und dass sich diese noch vor dem Tod ihres Körpers entschieden, welchen Weg sie weiter einschlagen wollten. Sollte man im ewigen Eis bestattet werden, so würde die Seele zu den Sternen emporfahren, und entschiede man sich für die Tiefen des Eismeeres, so würde diese durch eine friedliche Unterwelt wandeln, wo es reichlich zu essen gab. Und wollte man gar einen neuen Körper und eine nächste Existenz, so wäre auch dieses Unterfangen möglich, ich könne in einer jeden Gestalt im Eis erscheinen, die mir nur vorschwebte.
Seine Nasenspitze berührte dann sachte die meine, eine Geste namens kunik (
), die unter den Inuit seit jeher als Zeichen der Zuneigung galt, wobei weniger die Berührung selbst im Vordergrund stand, vielmehr roch man einander dezent an Wangen und Haaren, ein intimer, einem lange im Gedächtnis verbleibender Moment, der irdische Wesen für immer zu verknüpfen vermochte. Du bist eine ganze Vergangenheit und eine ganze Zukunft, Elaine, lass es dir niemals nehmen, deine Geschichte so zu erzählen, wie sie wirklich passiert ist …
Our world is constantly speeding,
the stars are still intriguing,
the tears in our eyes,
feed happiness for the next miles.
These visions make us desperate, give us hope,
the end is always the start of a new episode.
Feel free to interact with the plot,
the choice can really mean a lot,
just try to translate this secret code.
(Hooverphonic – »Visions«)
ALLMÄHLICH BIN ICH KAUM MEHR in der Lage, die bittere Kälte zu ertragen.
Ich kann kaum die Augen öffnen, mich bewegen, geschweige fliehen, gar frei atmen, keine Ziele nirgendwo, überall Gedankenkreisel. Möge ich erfrieren, lasst mich endlich sein, innerlich verstarb ich oft genug, doch lässt der Tod weiter auf sich warten.
Ich will mich festhalten, fasse mehrmals nach dem Stiegengeländer, klamm sind die Hände, taub bis in die Fingerspitzen, der Frost und die Kälte lassen mich taumeln. Einst konnte es mir gar nicht kalt genug sein, ich tauchte selig ab, ließ mich fallen in jedwedes Eis, zwängte die Hände hinein, so tief es nur ging, wie in übergroße Backformen. Ich nahm gern ein Bad in kribbligem Schnee, der einem alles Blut aus den Fingern trieb, der dieses wie rote Eiswürfel in einem schmalen Glas zu stapeln schien, es fühlte sich ungemein lebendig an. Und später, wenn das Blut erneut in die Finger floss, wenn sich dieses wie ein Sturzbach innerhalb der Adern seinen Weg bahnte, wenn man die noch unterkühlten Hände an die halbwarmen Lippen hielt, sie mit etwas Atem anzuwärmen suchte, wenn man die Handflächen trotzig aneinanderrieb und diese wagemutig in den Nacken oder an den eigenen Hals legte, ließ mich all das erst frohlocken.
Die Kälte spornte den Körper an, aufzuwachen, sich zu bewegen, durch den Schnee zu laufen, lauthals und gellend zu schreien, sich in der Welt bemerkbar zu machen. Sie war wie ein Hund, dem ich nicht einmal einen Namen zu geben brauchte, lief mir treu hinterher, wir tollten gemeinsam durch eine verwunschene Winterlandschaft, das Bellen der Kälte war mein heiserer Atem, ihr zuliebe lief ich manchmal sogar auf allen vieren.
Nunmehr ertrage ich die Kälte nicht mehr, es ist undenkbar geworden, ohne Handschuhe und Wollmütze ins Freie zu gehen, meistens verkrieche ich mich und verlasse das Stiegenhaus nur noch dann, wenn es unvermeidbar ist. Vier, fünf Paar Socken streife ich mir über, Thermounterwäsche, zwei, drei Pullover, einen dicken Schal, doch friere ich dennoch, es existiert eine widernatürliche Kälte, die sich allmählich in meinem Körper breitmacht, die diesen unterwirft, meinen Kopf, meinen Rumpf und alle Gliedmaßen. Fast ist es so, als würde mir der Winter eine Kriegserklärung unterbreiten, das Leben versickert in tauben Fingerspitzen, kalten Unterarmen und eisigen Lippen, es ist mir vollkommen unmöglich geworden, mich aufzuwärmen, ganz egal, wie sehr ich auch die Hände balle oder wie nah ich an die mich umgebenden Wände rücke.
Ich schließe die Augen und verbringe gedanklich ein paar Stunden in der Badewanne, versuche mir vorzustellen, ich wäre noch im Mutterleib, wo es auf immer wohlig warm bleibt. Ich aale mich im viel zu heißen Wasser, das meine Haut rötet und reizt, das zwar die obersten Hautschichten aufzutauen vermag, doch ist die Kälte nach wie vor in mir, als wäre ich irgendeine den Elementen und ihren Widrigkeiten ausgelieferte Erdschicht. Eine Art Permafrost hält mich an diesem Ort gefangen, meine Hautoberfläche wird bestenfalls matschig, wenn sie wärmer wird, allfällige Druckstellen halten sich darin eine ganze Woche. Doch unter dem Matsch, unter der in meinen Träumen vom heißen Wasser verbrühten Haut, liegt blankes Eis, ich bin wie eine gefrorene, von Eiskristallen in Schach gehaltene Erde, jener Staub, aus dem sich der Mensch einst erhob, der nunmehr verklumpt, versteinert und zu gar nichts mehr taugt.
Der weißgraue Himmel draußen vor dem Stiegenhaus und die angrenzenden Hügel bleiben ununterscheidbar, die darin gefangenen sogenannten Anzeichen von Zivilisation bestehen aus ein paar aufgeplatzten Modulen, diversen Verschlägen, fast schon Baracken, ein paar zugespitzten Metallarmen und allerlei Bruchwerk. Sechs oder sieben Masten, wohl eher verdrehte, in sich verschraubte Antennen und Auslegerreste, recken sich in die Höhe, alles ist restlos und unwiederbringlich eingeschneit, weithin in der Ebene verstreut. Wie ein unwirtlicher, in einer lebensfeindlichen Umgebung gelegener Ort, so fühlt es sich an, das Allein-Sein, wund und zusammengepfercht mit den eigenen Erinnerungen. Man müht sich weiter, versucht irgendwelchen Aufgaben und Ordern nachzukommen, ab und an erkenne ich einen milchig-hellen Fleck am Himmel, es muss die Sonne sein, irgendein mir längst fremd gewordener Himmelskörper, doch ist es nicht weiter wichtig, sie strahlt keinerlei Wärme ab, davor ist immerzu Winter.
Wenn ich durch das Stiegenhaus gehe und vor die Türe trete, fühle ich mich immerzu am Abgrund, ich blicke in einen Eiskrater hinab, aus dem sich vereistes Metall schält, Luken und Lüftungsschlitze sind zu erkennen, alles wölbt und verschränkt sich, franst zugleich aus. Die Zivilisation, ganz egal, wie hoch entwickelt sie einst gewesen sein mag, sie scheint nur noch ein ausgeschlachtetes Wrack zu sein, irgendein verloren gegangenes Ding in dieser bedrohlichen Landschaft.
Meistens bin ich wie gelähmt, das Stiegenhaus liegt still und verloren da, ich strauchele, ziehe die Hände zurück, das eiskalte Metall des Geländers bleibt an meiner Haut haften, es scheint mich festsetzen zu wollen. Alles friert mittlerweile an mir fest, selbst Metallsplitter und Verstrebungen, die dann von sich aus immer weiter in den Raum wachsen. Bloß nicht zur Gänze daran festkleben, denke ich mir noch, einen Schritt nach dem anderen, auch wenn du es eigentlich besser weißt.
Das Stiegenhaus ist ein bläulich schimmernder Hohlraum, ich orientiere mich an dem fahlen, sich nicht weiter bemühenden Licht und taumele auf die hellste Stelle zu, selbst eine unförmig gewordene Silhouette, die sich nur zögerlich ins Freie wagt. Ich kann spüren, wie all meine Zellen verharren, sie scheinen plötzlich nur noch aneinandergereihte, in sich kollidierende Schneebälle zu sein, die von immer weiteren Eiskristallen befallen werden. Ihre rundliche, nach wie vor tröstliche Form löst sich endgültig auf, das verklumpte Eis ist schlussendlich überall, die Kälte überwindet alle Wälle und jede noch so gut konstruierte Zellwand, sie zieht ein, wohin sie will, und lässt mich erschaudern.
Eine Weile stelle ich mir vor, draußen sei Sommer, ganz egal, wie abwegig das sein mag, ich versuche Frost und Kälte, die meinen Körper umklammert halten, auszublenden. Ich spreche mir trotzig Mut zu, der Geist ist schließlich frei, und ich kann mir ausmalen, was immer ich will, vollkommen egal, wie die Realität auch beschaffen ist. Demnach gehe ich ein wenig spazieren, suche etwas Auslauf für die steifen Glieder, dick eingemummt stolpere ich durch die Ebene, sinke in den Schnee und denke beharrlich daran, dass Sommer sei, dass ich weiches Moos unter den Füßen habe, irgendeine von Gräsern und Kräutern überwucherte Wiese. Ich stapfe gedanklich durch schimmernden Sand, wate durch flüssiges Wasser, allein die Füße fühlen sich an, als gehörten sie jemand anderen. Bestimmt würden sich alle gehörig wundern, was mit mir los sei, mitten im Sommer in Daunenjacken, ja Thermoanzüge gewickelt, mit Handschuhen und Pelzkragen, ach, die Dame sei gewiss exzentrisch, wäre noch eine der höflicheren Formulierungen.
Die Menschen, die ich in der weißen Einöde zu erkennen glaube, tragen T-Shirts und kurze Hosen, die Frauen führen ihre Sommerkleider aus, unvorstellbar, wie warm ihnen sein muss. Sie werfen mir befremdliche Blicke zu, vielleicht halten sie mich für einen der Obdachlosen, die sich im Sommer in dicke Schichten hüllen; wer im Freien lebt, hat eine gänzlich andere Einstellung zu den Jahreszeiten. Jemand wirft mir plötzlich einen Ball zu, irgendein Kind, das in seiner eigenen, noch unverfälschten Welt lebt; einen Moment lang scheine ich nicht mehr befremdlich und verwahrlost. Ich versuche diesen aufzufangen, doch wie soll das schon gehen, wie kann ich noch Wunder vollbringen, mit diesen verfrorenen, mir nur gelegentlich gehorchenden Händen. Der Ball trifft meine Brust und prallt ab, er rollt und hüpft von dannen, das Kind läuft ihm verwundert hinterher, ganz offensichtlich bin ich keine geeignete Spielkameradin.
Augenblicklich verliere ich die Fassung, die sommerliche Umgebung löst sich im Nichts auf, sie verschwindet, und eine Windböe erfasst mich unversehens, der Winter hat sie mir nachgeworfen, um mich endgültig von den Beinen zu holen. Sollte ich heute fallen, würde ich nicht mehr die Kraft aufbringen, erneut aufzustehen, mich zurück zum Stiegenhaus zu schleppen, um mich in einem der Winkel zu verkriechen.
Ich blicke zum Himmel, einen Moment lang scheint dieser strahlend blau, im nächsten erneut weißgrau und fahl, Schneeflocken und Kälte rieseln herab, woraufhin ein paar Vögel durchs Bild zischen, ein paar Federn torkeln zu Boden, bestimmt brechen sie auf in den Süden. Ich schüttele heftig den Kopf, der blaue Sommerhimmel und die weithin sichtbaren, piepsenden Vögel werden erneut vom Winter weggewischt, der Schnee fällt nun noch dichter, als hätte jemand die Flocken fein säuberlich an langen Schnüren aufgefädelt, diese zunächst abermilliardenfach irgendwo am Himmel festgebunden und nunmehr mit glatten Schnitten alle Verbindungen gekappt. Die Schnüre rasen daraufhin unverzüglich auf den Boden zu, und dort, wo sie auftreffen, türmen sie sich in Windeseile auf, Seile und Netze und Sorgen aus Schnee. Fast scheint es, als wäre der Winter ein gewaltiges Schiff, die Matrosen sind damit beschäftigt, überall und endgültig Anker zu setzen, sie werfen eine Ankerkette nach der anderen über Bord, die Kettenglieder fallen nach unten, auf mich zu, der Winter wird sich wohl noch tiefer und unwiederbringlicher in die Erde bohren.
Insgeheim bekrittele ich, dass ich am bleichen Himmel noch kein Nordlicht gesehen habe, man sollte doch meinen, dass es sich irgendwann zeigen müsste, in den klareren und schneeloseren Nächten. Als Kind träumte ich davon, mich auf eine Expedition zum Nordpol zu begeben, wo sich irgendwann aus dem Kläffen der Schlittenhunde, aus klirrender Kälte und ewigem Eis langsam das Nordlicht hervorschälen würde, ich dürfte nur nicht die Geduld verlieren. Ich las etwas von starken Sonneneruptionen, dass die daraus resultierenden Sonnenwinde auf das Magnetfeld des Planeten einwirken, irgendwelche geladenen Teilchen (oder waren die doch ungeladen?) bringen schlussendlich den Himmel zum Leuchten, in allen nur denkbaren Schattierungen von Grün und Blau, mitunter auch Gelb und Rot.
Achromatopsie, die Farbenblindheit, es wäre mir tatsächlich unerträglich, kein Nordlicht wahrnehmen zu können, in manchen Kulturen käme allein das einem Fluch (oder Todesurteil) gleich. Alles nur noch in Kontrasten wahrzunehmen, hell und dunkel, weiß und schwarz, das wäre beinahe so, als wäre man auf ewig im Eis gefangen, als wären helle und dunkle Stellen die einzigen strukturgebenden Prinzipien, die allerletzten Bastionen der schwindenden Wahrnehmung. Kaum einer weiß, dass Farbenblindheit nichts mit einer Rot-Grün-Sehschwäche zu tun hat, eine solche Fehlsichtigkeit ist wirklich keinerlei Erwähnung wert. Erst die Achromatopsie macht Menschen zu Verlorenen und sich immer weiter Verlierenden in der Welt, die allmählich von den sie belagernden Graustufen überrannt und aufgesogen werden.
Obgleich sie über genügend Sehschärfe verfügen, kommt ihnen diese unmerklich abhanden, das grelle Weiß treibt sie unerbittlich vor sich her, die Lichtempfindlichkeit und Tagblindheit nimmt konstant zu, sie enden irgendwann in dunklen und verhangenen Räumen. Dabei liegt es nicht am Auge, das funktioniert vollkommen einwandfrei, es ist vielmehr die Verarbeitung der Sinne, die fortan zu wünschen übrig lässt, die Farben betreten den Kopf und verlieren sich im Nirgendwo, verpuffen im gräulichen Grau.
Für mich bleibt dies eine Krankheit des Winters, der nach und nach alle Farben erstickt, daran fand er seit jeher Gefallen; es hat auch nichts mit einer Schneeblindheit gemein, einer aktinischen Keratopathie, wie es die Ärzte unterscheiden würden, die allmählich das Auge schädigt, es lichtempfindlich und verwundbar macht. Die Keratopathie bleibt eine Strahlenerkrankung, das UV-Licht löst Stück um Stück die Netzhaut ab, geplatzte Äderchen röten die Augen, natürlich macht es ein Leben im Schnee nicht einfacher. Doch die Achromatopsie ist die wahre Geißel des Winters, als hätte man die Welt in ein permanentes Kontrastmittel getaucht, als wäre sie fortan nur noch ein Röntgenbild, um vermeintlich mehr zu sehen, jedoch immer weniger zu erkennen. Als Kind stellte ich mir noch vor, dass ich mich freiwillig von einem der Schlittenhunde beißen ließe (gewiss wären die immerzu hungrig), damit die Hand ordentlich blutet und so etwas Farbe in die eintönige Landschaft kommt.
Doch wie weit man vom Stiegenhaus aus auch gelangen mag, vermutlich ist nirgendwo ein Nordlicht zu erkennen, als wäre man irgendwo falsch abgebogen, auf einem fremden Planeten gelandet, auf dem es schlicht keine Aurora borealis gibt. Vielleicht existiert hier keine eigentliche Sonne mehr, kein Magnetfeld, nur noch schädliche, glimmende Strahlung und Winterstürme, gefrorenes, spitzes, dolchiges Wasser.
In solchen Momenten bleibt mir nur meine Fantasie, ich male mir aus, mich in eine sommerliche Wiese zu betten, den Himmel zu fixieren, mich aufs Atmen zu konzentrieren, ich bin eins mit der Welt, und nichts anderes zählt schließlich. In wohliger Wärme strecke ich die Glieder, rieche die erdigen Noten, die grasigen Nuancen, Zitrusfrüchte und Blütenstängel, ich bin, was ich bin, fern aller Zweifel.
Ich träume davon, im nächstbesten Café zu sitzen, beobachte die emsig im Tag agierenden Menschen, allesamt schlängeln sie sich durch die belebten Straßen, die Kellnerin vor mir wischt ihre Tische ab, unermüdlich arbeitet sie sich eine längere Zeile entlang, platziert dort den Salz- und Pfefferstreuer, einen hellen und einen dunklen Glasbehälter, wie eine Schachgroßmeisterin schiebt sie diese Figuren in die Mitte der quadratischen Möbel, immerzu der gleiche Eröffnungszug.
Doch unweigerlich holt mich die Realität wieder ein, ich werde förmlich in sie hineingezogen, die Welt der Kontraste hat mich wieder, überall ein helles und dunkles Grau, schmutziger und noch schmutzigerer, kristalliner Schnee. Mein Kopf setzt erneut auf, rumpelt ein wenig die eisglatte Ebene entlang, ich weiß nach wie vor nicht genau, wo ich mich befinde, ich weiß nur, dass hier, dass in mir immerzu Winter ist.
Nach der Bruchlandung unseres Flugschiffes, kaum dass ich mich aus meinem Eiskokon befreit hatte und ins Freie gekrochen war, konnte ich es gar nicht fassen, frei und ungehindert atmen zu können. Dass es hier tatsächlich eine Atmosphäre gibt, vollkommen egal, wie unwirtlich einem der Ort auch erscheinen mag, es verwundert mich ungemein. Augenscheinlich ist überall reichlich Sauerstoff vorhanden, ich meine, wer hätte das zu hoffen gewagt, dass irgendwo im Universum ganz zufällig noch ein Planet existiert, auf dem irdische Organismen vorbehaltlos atmen können.
Atme, Elaine, atme und beklage dich nicht ständig über die Witterung, atme tief durch, mit dem Atmen kommt die Zuversicht, dein Herz schlägt ja wie wild, der Sauerstoff hält Geist und Zellen beisammen. Atme immer weiter und lege dich bloß nicht zu lange hin, egal, wie schwindelig dir auch ist, dein Knie schmerzt, das linke Knie ist es, es fühlt sich an wie Pappmaché, wird wohl noch viel schlechteres Wetter kommen. Ein neues Knie, das wäre schon etwas, das viele Treppensteigen in Stiegenhäusern, und all das Waten durch meterhohen Schnee, wer würde das nicht nachvollziehen können. Vielleicht könnte ich mir sogar das Knie eines Mannes wünschen, es ist kräftiger und praktischer, die Knie einer Frau sind vielleicht schöner, doch reicht das im All nicht.
Ich taumele zurück zur klaffenden Öffnung, greife nach dem Stiegengeländer, das sich gar nicht wie ein solches anfühlt, vielleicht ist es auch nur irgendein Leitsystem, eine Treppe, ein Traktorstrahl, der einen, so gut es geht, aus dem Wind zieht. Ich versuche den Schnee abzuschütteln, sinke auf die Knie und rolle mich wie ein wundes Tier, ich springe hoch und drehe mich um die eigene Achse, immer noch mehr Schnee wird dabei im Stiegenhaus verteilt, ich bin eine lebende Zentrifuge, und nichts soll mir anhaften.
Vorsichtig steige ich die Treppen hoch, es ist schon seltsam, wie schnell man übereinkommt, allem Schrecklichen einen freundlichen Überzug zu verpassen. Plötzlich gibt es wieder Wörter für einen wie Treppen, Türen, Stiegenhäuser, Badewannen und Co., die Kleidung ist winterfest, die Kälte ein alter Freund, mit dem man sich doch nur auszusöhnen braucht. Selbst Augenkrankheiten (und Gedanken an diese) stellen eine willkommene Abwechslung dar, sie bieten Erklärungen und somit Normalität, der menschliche Geist ist beinahe zu einer jedweden Täuschung fähig.
Ich denke über die alten Kulturen nach, die den Nordlichtern allerlei Dinge nachsagten: Die Wikinger glaubten, diese seien Vorboten und Verkünder geschlagener Schlachten, sie erkannten die sich am Himmel widerspiegelnden Rüstungen der Walküren, die im Auftrag Odins die gefallenen Helden nach Walhalla geleiteten. Die Inuit sahen eine große Seelenwanderung, tanzende Vorfahren, die, einer nach dem anderen, schließlich das Jenseits erreichten; die Nordlichter waren Pforten, durch welche man in ein nunaulluq (
), ein Land des Tages treten konnte, ein Land ohne Mühsal und voller endloser Vergnügungen; Legenden nach spielen dort die Toten mit Walrossschädeln Fußball, wobei die Stoßzähne immer wieder im harten Schnee stecken bleiben. Als Kind hatte man mir tatsächlich Darstellungen davon gezeigt, Gruppen von Männern, die sich eifrig plagten und mühten, das selbst nach seinem Tode geschundene Walross tat mir leid.
Die Chinesen wiederum vermuteten in ihnen Drachen und mythische Wesen, die durch ein Pfeifen angelockt und durch ein Klatschen von der Erde ferngehalten werden konnten. Die Einwohner der Färöer-Inseln fürchteten um Leib und Leben, Kinder wurden seit jeher ermahnt, nicht ohne Mütze aus dem Haus zu treten, sonst käme das Nordlicht und schnitte ihnen die Haare (gar Köpfe) ab; unter Umständen wurde man sogar von diesem fremden Licht gelähmt, wenn man es ungebührlich lockte oder anlachte. Manchmal ging man auch unisono davon aus, dass das Nordlicht den Widerschein von großen Heringsschwärmen und Fischschulen im Meer darstellte, dass die Fische ganz knapp unter der Wasseroberfläche schwammen und dabei Lichtstrahlen gegen die Wolken warfen, die man vom Land aus beobachten konnte. Die Indianer Nordamerikas waren davon überzeugt, dass das Licht von Tiergeistern stammte, insbesondere Weiß- und Narwalen, Großen Tümmlern und Seehunden, um den Menschen Ehrfurcht einzuflößen.
Mir scheint, jedwede gedankliche Ablenkung ist mir willkommen, ja selbst die absurdesten Überlegungen versehe ich mittlerweile mit einem heiteren Überzug, einem weißen, freundlich anmutenden Laken, auf das ich mir allerlei notiere und zeichne, Bann- und Merksprüche, kleine Kritzeleien, ein paar krakelige Blumen. Während ich mich immer noch die Treppe entlangmühe, erinnere ich mich an die langen, fordernden Polarnächte, eine Zeit, die selbst von den standhaftesten Inuit als eine beschrieben worden war, in der man die Last des Lebens spürt, und qitujappuq (
), sich unweigerlich unter dieser beugt. Ich kann mir plötzlich überdeutlich ihre gebückten Gestalten ausmalen, die sich irgendwie mit der Landschaft zu arrangieren suchen, mehr Tiere denn Menschen, sie kauern am Boden und lassen keinerlei Zweifel darüber aufkommen, wie sehr sie unter der Kälte leiden.
Mit einem Mal denke ich an die Abenteuer des Polarforschers Robert Scott, der, als er das Nordlicht zum ersten Mal sah, verlauten ließ, dass es unmöglich sei, Zeuge eines solchen Phänomens zu werden, ohne dabei Ehrfurcht zu empfinden. Mir selbst war nie klar gewesen, was ich beim Anblick eines Nordlichtes empfinden, woran ich denken, womit ich es assoziieren würde. Ich hoffte wohl, es wäre etwas Tröstliches, eine freundliche, wissende Erscheinung, die ich mit einem noch freundlicheren Überzug versehen könnte. Dort ließe sich auch das Wort Nordlicht in den mir bekannten Inuit-Sprachen aufnotieren, demnach atsanik (
) im Dialekt der Labrador oder aqhaq (
) im Wortlaut der Kivalliq oder gar auf Ostgrönländisch: arsarniq (
).
Endlich gelange ich an das Treppenende, dorthin, wo das Stiegengeländer in eine Art Koje übergeht und ich mich zur Ruhe begebe; mir fällt noch ein, dass die alten Voyager-Sonden schon in den 1970ern zum ersten Mal spektakuläre Bilder von Jupiter und Saturn zur Erde funkten, die allerlei fremde Nordlichter auf diesen Planeten zeigten. Eigentlich ist dieses Phänomen überall im Universum möglich, wo es Magnetfelder und Sonnen gibt, das Nordlicht stellt somit alles andere als eine ausschließlich irdische Erscheinung dar.
Ich winkele die Beine an, umfasse sie mit den klammen Händen, versuche diese glatt zu streichen, Haut und Stoff zu begradigen, mich erneut aufzuwärmen. Ich streife mir einen der Pullover über den Kopf, liege nunmehr in meinem Bett, schon wieder eines dieser Wörter, die mir Normalität vorgaukeln, die einer mir einst vertrauten Sprache entstammen. Vielleicht hat es ja sogar sein Gutes, dass ich hier noch keinem Nordlicht begegnet bin, vielleicht sind die Reste meiner Zivilisation auf diesem Planeten nur ein weiterer Ansporn, es nunmehr besser zu machen, einmal noch das Chaos ordnen, eine letzte große Anstrengung zu unternehmen, bevor sich alles zum Guten wendet.