Das Buch
Die Schweizer Psychotherapeutin Elisabeth Schlumpf beschreibt humorvoll und liebenswürdig die Lebenslagen, in die wir alle kommen, wenn wir älter werden. Sich nicht von sich selbst abzuwenden, sondern das wahrzunehmen, was einem das Leben bietet, und es lustvoll zu genießen, ist ihr Plädoyer.
Die Autorin
Elisabeth Schlumpf praktiziert und lebt in Zürich. Sie ist eine vielgefragte Supervisorin, Vortragsrednerin und erfolgreiche Buchautorin.
Elisabeth Schlumpf
Ich hör nicht auf,
ich fang erst an!
Die Kunst des guten Alterns
Kösel
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Copyright © 2020 Kösel-Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlag: Weiss Werkstatt München
Umschlagmotiv: © shutterstock / Le Panda, Bild Nr. 632149910
Lektorat: Dr. Peter Schäfer, Gütersloh
Satz: Vornehm Mediengestaltung GmbH, München
ISBN 978-3-641-24413-2
V001
www.koesel.de
Inhalt
Älterwerden mit Liebe, Leidenschaft und Lebendigkeit
Liebe
Gute Vorbilder: Modelle fürs Altern
Freunde und Geliebte: Beziehungen im Alter
Sexualität im Alter: Kein Tabu mehr
Selbstannahme: Besonders den Frauen gewidmet
Generationen: Großelternschaft verpflichtet!
Leidenschaft
Leidenschaft im Alter? Möglich und nötig!
Gefühle spüren: Körperorganisation im Alter
Formwandel: Der Körperschwerpunkt sinkt ins Becken
Die Muße und das Muss: Genießen will gelernt sein
Besondere Ängste im Alter: Wie damit umgehen?
Dankbarkeit: Glücklichsein im Alter
Tiere: Freunde und Helfer
Der Augenblick: Vergänglich und ewig
Lebendigkeit
Übergänge im Leben: Die Kunst des Neuanfangs
Schlimmer als altern? Die Lebensgeschichte wirkt
Der Nuggibaum: Wir brauchen Abschiedsrituale
Rückzug von der Welt? War früher alles besser?
Vergesslichkeit: Vorteile und Gegenmittel
Stressreaktionen: Körperliche Alarmsignale im Alter
Der reparaturbedürftige Körper: Ertragen und trotzdem leben
Reue: Gibt es etwas, das ich bedauere?
Schmerzliche Verluste: Wenn das Loslassen unmöglich scheint
Der Raum des Abschieds: Orientierung üben
Die letzten Tage: Sterbebegleitung und Freitod
Wenn heute mein letzter Tag wäre: Was würde ich tun?
Herbst oder Winter? Das Alter als Jahreszeit
Humor: Entspannend und befreiend
Der Blick fürs Neue: Leicht verlernt
Lob der Langsamkeit: Neue Möglichkeiten
Das Archiv der Erinnerungen: Unser Archiv!
Spiritualität: Das große Ganze spüren
Altersbilanz ziehen: Sehen, was wir gewinnen
Anhang
Dank
Anmerkungen
Herangezogene und empfehlenswerte Literatur

Älterwerden mit Liebe, Leidenschaft und Lebendigkeit
Jede Blüte will zur Frucht,
Jeder Morgen Abend werden,
Ewiges ist nicht auf Erden
Als der Wandel, als die Flucht.
Auch der schönste Sommer will
Einmal Herbst und Welke spüren.
Halte, Blatt, geduldig still,
Wenn der Wind dich will entführen.
Spiel dein Spiel und wehr dich nicht,
Lass es still geschehen.
Lass vom Winde, der dich bricht,
Dich nach Hause wehen.
»Welkes Blatt« von Hermann Hesse 1
Herrmann Hesse schrieb dieses schöne und zugleich tiefsinnige Gedicht 1933 – im Alter von 56 Jahren. Er hat damit nach heutigen Begriffen früh im Leben den Gedanken an die Vollendung und die Endlichkeit allen Lebens und aller Dinge aufgegriffen. Er hat den Gedanken an das Ende mit der Idee des Reifens verknüpft, die als Sehnsucht in jeder Frucht liegen soll. Menschliche Reife hängt weder vom Alter ab, noch erreichen wir sie selbstverständlich mit den Jahren. Nur wenn wir die Wachstumschancen wahrnehmen, die wir auch im Alter haben, entwickeln wir uns zu reifen Menschen. Hesse macht in seinem Gedicht nicht nur die Natürlichkeit des »Stirb und Werde« deutlich, sondern auch die Möglichkeit des Geschehenlassens, des Annehmens unserer Vergänglichkeit.
Zugleich tröstet er uns, indem er uns ein Zuhause in Aussicht stellt, das uns erwartet. Hesse rät uns, uns dem Gang und dem Ende der Dinge nicht in den Weg zu stellen, damit wir uns unserem Schicksal hingeben können. Damit wir uns mit dem Schicksal anfreunden können. Mit dieser Einstellung könnten wir unser Alter als erfüllt erleben.
Doch in unserem Alltag sind wir auf das Altern schlecht zu sprechen. Alt sein – warum erschreckt uns dieser Gedanke?
Bestimmt kennen Sie den Satz: »Alt werden wollen wir alle, aber alt sein will niemand.« Er ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, über der die Vorstellung vom Alter wie eine drohende Wolke hängt. Alt werden ja, aber bitte in jugendlicher Frische und Leistungsfähigkeit! Weil Älterwerden bedeutet, etwas von diesen Eigenschaften zu verlieren, fürchten viele Menschen das Altern wie der Teufel das Weihwasser.
Frauen fürchten beim Altern unter anderem den Verlust ihrer straffen Haut, Männer machen sich Sorgen um ihre Potenz. Daher fluten all die vielen Anti-Aging-Produkte und Potenzmittel den Markt. Nicht mehr konkurrenzfähig zu sein, zum alten Eisen zu gehören, nicht mehr begehrt zu werden – ein wahrhaft schrecklicher Gedanke!
Doch muss diese Angst wirklich sein? Ist Altern wirklich so schlimm? Oder sind es unsere Vor-Stellungen, das, was wir gedanklich vor die Wirklichkeit schieben, was uns Angst macht? Als ich anfing zu begreifen, dass ich selbst auch eines Tages alt sein werde, habe ich ein Buch geschrieben, in dem ich mein Konzept eines erfüllten Alters entwickelte. Sein Titel: »Wenn ich einst alt bin, trage ich Mohnrot.« »Mohnrot« steht für die drei Ls, auf die wir auch im Alter nicht verzichten müssen: Liebe, Leidenschaft und Lebendigkeit.
Das erste L: Liebe
Liebe ist ein Mysterium. Sie hat viele Facetten. Obwohl ich zusammen mit Birgit Dechmann das Buch »Lieben ein Leben lang« geschrieben habe, kann ich immer noch nicht sagen, was Liebe alles bedeutet kann.
Eines aber steht für mich fest: Ohne Liebe für mich selbst kann ich auch andere Menschen nicht lieben.
Wenn wir nun die Selbstliebe auf das Alter beziehen, so müssen wir festhalten: Sich selbst als alternden Menschen anzunehmen, sich selbst dafür nicht zu kritisieren, dass man einiges nicht mehr so wie früher kann, ist sehr wichtig – für jeden von uns.
Wie wäre es, wenn Sie sich selbst als kostbare Antiquität ansehen würden, die zwar vom Leben einige Schrammen abbekommen, aber zunehmend an Leuchtkraft gewonnen hat? Schwer annehmbar? Nicht schlimm, denn genau diese Einstellung müssen wir üben.
Das zweite L: Leidenschaft
Leidenschaft verknüpfen wir gewöhnlich mit Sexualität, auf die ich später eingehe. Leidenschaft ist jedoch ein viel allgemeineres Thema: Ich meine damit das tiefe Interesse an einer Sache, die Bereitschaft, sich für etwas besonders zu engagieren. Dabei kann es um Soziales (zum Beispiel um Nachbarschaftshilfe), um Politisches (etwa in der Partei »Die Grauen – Für alle Generationen«) gehen. Oder um bestimmte Interessen wie Numismatik (Münzkunde), Welt- oder Kunstgeschichte.
Das »Was« spielt keine Rolle, es muss uns einfach so gefangen nehmen, dass wir darüber die Zeit vergessen. Damit kommen wir in den sogenannten Flow, der uns fortträgt wie ein Strom und uns innerlich erfüllt (mehr hierzu unter »Leidenschaft im Alter?« und unter »Die Muße und das Muss«).
Das dritte L: Lebendigkeit
Lebendigkeit begleitet meistens die beiden ersten Ls. Wenn ich Liebe (zu mir selbst und anderen) ausstrahle, mich für einige Dinge begeistere und gesellschaftlich engagiert bin, wirke (und bin) ich lebendig. Ob Sie Karten spielen, gärtnern oder Ihre Zeit den Enkeln schenken – immer sind Sie in Kontakt mit etwas, was Leben in Ihren Alltag bringt – das beste Gegenmittel gegen das innere Stagnieren.
Bitte streichen Sie unbedingt zwei Sätze aus Ihrem Repertoire:
Mit dem ersten Satz setzen Sie sich Grenzen, die unnötig sind. Wenn Sie Lust auf eine knallrote Tasche oder Krawatte haben – tragen Sie sie und erfreuen Sie sich daran.
Mit dem zweiten Satz langweilen Sie andere Leute und verderben sich selbst die Freude an Dingen, die anders sind als früher, möglicherweise sogar besser.
Um diese drei großen Ls in unser Leben zu lassen (oder sie zu stärken), müssen wir uns einige Dinge bewusst machen. Wir müssen sensibel für das Wesentliche werden, sowohl in unserer Vergangenheit als auch im Heute. Wenn uns das gelingt, sind wir bereit für viele weitere erfüllte Lebensjahre. Wie das konkret funktionieren kann, möchte ich Ihnen in diesem Buch zeigen.
Liebe
