Cover

CARÈNE PONTE lebt mit ihrer Familie im Norden Frankreichs und hat bereits mehrere Romane veröffentlicht.
Nach Versprich mir zu lieben ist Ich habe mich entschieden und sage vielleicht ihr zweiter Roman, der auf Deutsch erscheint.

Außerdem von Carène Ponte lieferbar:

Versprich mir zu lieben

Besuchen Sie uns auf www.penguin-verlag.de und Facebook.

Carène Ponte

Ich habe mich entschieden und sage vielleicht

Roman

Aus dem Französischen
von Brigitte Lindecke

Die französische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel Avec des Si et des Peut-être bei Michel Lafon Publishing, Paris.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.



PENGUIN und das Penguin Logo sind Markenzeichen von Penguin Books Limited und werden hier unter Lizenz benutzt.


Copyright © 2018 by Michel Lafon Publishing

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020 by Penguin Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: Bürosüd

Covermotive: Mauritius Images/Franziska Ritter/imageBROKER und Bürosüd

Redaktion: Nadine Lipp

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-24638-9
V001

www.penguin-verlag.de

Für Bella Julia

Zwar war an dem Tag, als du geboren wurdest, der Gleichgewichtssinn schon verteilt, aber dafür hast du jede Menge Enthusiasmus und Liebenswürdigkeit abbekommen.

Danke für das aufmerksame Lesen des Manuskripts (bist du sicher, dass es in The Walking Dead keine Vampire gibt?) und für deine Liebe zu meinen Figuren.

Danke, dass es dich gibt. Bleib wie du bist.

Und bitte …

Fackel deine Wohnung nicht ab.

Prolog

Habt ihr euch schon mal gefragt, wie euer Leben aussehen würde, wenn ihr in der Vergangenheit andere Entscheidungen getroffen hättet? Wenn ihr mit Kimberly befreundet gewesen wärt, dem beliebten Mädchen mit dem seidenweichen langen Haar und den endlosen Beinen, statt mit Juliette, dem intelligenten und … dem einfach nur intelligenten Mädchen? Wenn ihr Italienisch als zweite Fremdsprache genommen hättet anstelle von Deutsch?

Wenn ihr nicht zu dieser blöden Party gegangen wärt, bei der ihr am Ende in peinlicher Pose auf dem Boden rumgelungert und der ganzen Schule, ach was, der ganzen Welt euer Faible für SpongeBob-Unterhosen kundgetan habt?

Ich für meinen Teil mache das andauernd. Und treibe damit Samya und Audrey, meine besten Freundinnen, zur Verzweiflung. »Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wär mein Vater Millionär«, hat Samya neulich zu mir gesagt. Also, erstens, ich kann nichts dafür, dass ich mir ständig andere Leben vorstellen muss, es ist wie ein Zwang, der einfach stärker ist als ich. Und zweitens verstehe ich überhaupt nicht, was mein Vater damit zu tun hat.

Es ist nicht so, dass mir mein Leben nicht gefällt, im Gegenteil, eigentlich mag ich es ganz gern, zumindest habe ich nicht wirklich was daran auszusetzen. Ich frage mich nur eben andauernd, wie es wäre, wenn ich dies oder jenes anders gemacht hätte.

Gestern in der Patisserie zum Beispiel: Die Kundin vor mir hat fast zwanzig Minuten gebraucht, um sich zu entscheiden, ob sie die Religieuse mit Schokoladenfüllung nimmt oder ein Stück Clafoutis mit Kirschen. Was gibt es da zu überlegen! Natürlich die Religieuse mit Schoko!

Während dieses endlosen und vollkommen überflüssigen Hin und Hers der Kundin – »Bin ich hungrig genug für eine Religieuse?« (ja, dafür ist man immer hungrig genug), »Wären Kirschen nicht besser für meine Diät?« (die Kirschen vielleicht, der Teig wohl eher nicht) –, drängte sich mir wieder mal die Frage auf, was wohl passiert wäre, wenn ich die beiden Freistunden vor meinem Unterricht nicht zum Einkaufen genutzt hätte.

Wenn ich stattdessen, sagen wir mal, laufen gegangen wäre.

Vielleicht hätte ich ja jemanden kennengelernt. Ich wäre in meinen schrillen, aber angesagten neonfarbenen Turnschuhen mit kurzen Trippelschritten gestartet, ihr wisst schon, so, dass man mit Fug und Recht behaupten kann, dass man nicht mehr geht, und hätte mir nach fünfhundert Metern den Knöchel verstaucht. Stürze sind seit Ewigkeiten meine Spezialität. Vermutlich war bei meiner Geburt der Gleichgewichtssinn schon vergeben.

Jedenfalls wäre neben mir ein Mann stehen geblieben. Ein Arzt oder Physiotherapeut. Natürlich wahnsinnig gut aussehend. Er hätte meinen Knöchel vorsichtig bewegt, um zu überprüfen, ob auch nichts gebrochen ist. Ganz behutsam und zart. Unsere Blicke hätten sich getroffen, und schon wäre alles klar gewesen.

Aber nein.

Stattdessen stecke ich hinter Madame-Religieuse-oder-doch-lieber-Kirschclafoutis fest und beginne mir auszumalen, wie ich sie kopfüber in Kuvertüre tunke und mit Streuseln verziere.

Wenn man doch nur sehen könnte, welche Wendung unser Leben genommen hätte, wenn wir eine Kleinigkeit anders gemacht hätten.

Hätte ich nicht bemerkt, dass Claudia, meine Mitbewohnerin, unseren gesamten Kühlschrankinhalt, in ihren Augen wohl nicht bio oder vegan genug, entsorgt hat und wäre ich nicht sofort losmarschiert, um Nachschub zu beschaffen, wäre ich dann meinem wahnsinnig gut aussehenden Arzt begegnet?

Denn natürlich wäre er wahnsinnig gut aussehend. Wenn man schon von einem anderen Leben träumt, kann man sich den Mann an seiner Seite natürlich gleich wahnsinnig gut aussehend und reich vorstellen, statt schmächtig und arm. Oder?

Vielleicht wäre ich aber auch mit dem linken neonfarbenen Turnschuh in Hundescheiße getreten und hätte den Rest des Tages geflucht.

Ich finde, jeder sollte ein Recht darauf haben zu erfahren, was hätte sein können. Wenigstens ein Mal.

September

Kapitel 1

Nachdem ich meiner elften Klasse fünfzehn Minuten Zeit gelassen habe, den Auszug aus Gustave Flauberts Madame Bovary zu lesen, fünfzehn Minuten, in denen mindestens viermal geseufzt und sechsmal gegähnt wurde, stelle ich die Frage, mit der ich garantiert kollektive Begeisterung auslösen werde: »Können Sie anhand des Textes, den Sie gerade gelesen haben, festmachen, welches Bild die handelnden Personen von der Ehe haben?«

Totenstille. Fünf Schüler beugen sich über ihre Taschen, wohl in der Hoffnung, dort eine Antwort zu finden. Bekanntlich tummeln sich ja in jeder Schultasche winzige Flauberts, Victor Hugos, Émile Zolas, nicht zu vergessen die Honoré de Balzacs, die verzweifelten Gymnasiasten bereitwillig zu Hilfe kommen. Kein Wunder, dass die Taschen dann immer so schwer sind …

Drei andere Schüler beginnen eifrig, ihre Bleistifte zu spitzen, deren Minen bereits hauchdünn sind wie Nadeln, während alle anderen, die nicht schnell genug waren, sich größte Mühe geben, meinem Blick auszuweichen.

Tja, Monsieur Flaubert, an der allgemeinen Begeisterung müssen wir wohl noch arbeiten.

Es ist mein sechstes Jahr als Französischlehrerin am Lycée U. Grant, so getauft wegen des amerikanischen Klangs der Stadt, in der es sich befindet: Savannah. Mit vollem Namen Savannah-sur-Seine.

Auch nach mehreren Jahren habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, bei meinen Schülern Interesse für die französischen Klassiker zu wecken. Madame Bovary ist schließlich ein Monument! Ein Monument der Langeweile, würde Samya ergänzen, meine Kollegin und Freundin und ihres Zeichens Mathelehrerin. Ach, und auf welchem Platz der Fun-Skala befindet sich Pythagoras?

Ich habe mich immer zu Wörtern hingezogen gefühlt. Ihre Bedeutungsvielfalt, ihre Musikalität. Lange Zeit habe ich mit einem Studium an einer Journalistenschule geliebäugelt, doch dann habe ich mir am Morgen der Aufnahmeprüfung den Knöchel gebrochen. Ihr werdet mich vielleicht für abergläubisch halten, aber ich habe das als Zeichen gesehen. Vier Jahre später war ich Französischlehrerin.

»Also? Mit welcher Vorstellung von Ehe haben wir es hier zu tun, Jules?«

Dreißig Schüler lassen hörbar die Luft entweichen, die sie seit mehreren Minuten angehalten haben.

»Äh … also, dass es mit den Frauen kompliziert ist?«, rät Jules wenig überzeugt.

Mit geübtem Blick, inklusive hochgezogener Augenbrauen, den ich mit jedem Jahr perfektioniere, bringe ich das allgemeine Gekicher zum Ersterben.

»Das heißt? Können Sie das etwas näher erläutern? Anhand des Textes, bitte, und nicht anhand Ihrer letzten Niederlage auf Snapchat.«

So habe ich in wenigen Worten mein autoritäres Augenbrauenspiel zunichtegemacht.

»Äh, na ja, die Frau da, die …«

»Emma.«

»Genau, also die Emma«, fährt Jules fort, »ist kompliziert. Wie alle Frauen. Die macht sich irgendwie zu viele Gedanken. Ihr Typ dagegen, also ihr Mann, der steht mehr mit beiden Beinen auf dem Boden. Der verdient das Geld für die Familie und so. Sie lebt eher in ihrer eigenen Welt. Zum Glück gibt es uns, also uns Männer.«

Gelächter unter den Jungen, Empörung unter den Mädchen.

»Kein Wunder, dass du keine Freundin hast, Jules!«, ruft Camille. »Dein Frauenbild ist total überholt. Komm mal auf den Boden, wir leben im Jahr 2017. Wir Frauen kommen gut ohne Männer zurecht.«

»Ach ja?«, erwidert er. »Als dein Roller letztens nicht anspringen wollte, warst du aber ganz froh, dass ich mal einen Blick drauf geworfen habe.«

»Da es zu Flauberts Zeiten noch keine Roller gab, können wir das Thema an der Stelle beenden«, schalte ich mich wieder ein, um den sexistischen Klischees ein Ende zu setzen. »Jules, Sie wollten vermutlich sagen, dass in dem Text zwei unterschiedliche Lebenseinstellungen und Konzepte von Partnerschaft aufeinanderstoßen. Und zwar die von Emma, die romantisch veranlagt ist und ein bisschen wie aus der Zeit gefallen wirkt, und die ihres Mannes, die sehr viel bodenständiger ist.«

»Genau, weil Frauen nämlich kompliziert sind. Wir Männer sind leichter zufriedenzustellen, wir brauchen nur eine anständige Mahlzeit!«

Während der folgenden fünfundvierzig Minuten lasse ich sie weiter am Text arbeiten, fordere sie auf, über Flauberts Erzählstruktur nachzudenken.

»Wie Sie sehen, lässt sich doch einiges aus diesem kurzen Abschnitt herausholen.«

Mein enthusiastisches Strahlen läuft ins Leere.

»Madame!«, spricht mich Hélène an, nachdem die Glocke das Ende der Stunde verkündet hat. »Wer entscheidet eigentlich, welche Texte auf den Lehrplan kommen? Sind Sie dafür zuständig? Nehmen Sie’s mir nicht übel, ich weiß ja, dass Sie Flaubert mögen, aber sehr aktuell ist der nicht gerade. Wissen Sie, mit Stromae könnten wir mehr anfangen, oder so was in der Art.«

Nicht zu glauben …

Demnächst verlangen sie noch, dass die Schule umbenannt wird. Weg mit dem klassischen und seriösen Ulysses S. Grant, seinerzeit Präsident der Vereinigten Staaten, und Bühne frei für Hugh Grant, den Schauspieler der romantischen Komödie!

Das kann ein langes Schuljahr werden.

Kapitel 2

Der Montag ist mein anstrengendster Tag, nach vier Stunden Unterricht stehen noch zwei individuelle Lehrstunden auf dem Plan. Abends will ich dann nur noch nach Hause, ein heißes Bad nehmen, mich mit einer großen Schüssel Popcorn vor den Fernseher setzen und einen Vampirfilm ansehen.

Für jeden Film gibt es den perfekten Zeitpunkt. Damit ein Film seine Wirkung voll entfalten kann, sollte man ein paar Grundregeln beachten.

Der Dezember beispielsweise eignet sich hervorragend für romantische Komödien, die einem Schmetterlinge in den Bauch zaubern und einem selbst beim dreißigsten Mal die Augen zum Leuchten bringen und das kleine Herz mit Liebe anschwellen lassen – aber, Achtung, auch mit Trübsal. Sich wochenlang bergeweise romantische Komödien reinzuziehen ist die wohl sicherste Methode, am letzten Tag des Jahres in einer Depression zu landen, und dann bleibt einem am Silvesterabend nichts anderes übrig, als sich hemmungslos zu betrinken.

Im Sommer schaue ich mir Stolz und Vorurteil an (natürlich nicht irgendeinen, sondern den mit Colin Firth) oder Betty und ihre Schwestern. Und wenn es mal richtig heiß ist, Stirb langsam: Jetzt erst recht mit Bruce Willis. Obwohl ich ihn bestimmt schon ein Dutzend Mal gesehen habe, brauche ich immer eine halbe Ewigkeit, um das Rätsel mit den Wasserkanistern zu lösen.

An einem Montag wie diesem, an dem meine Schüler mir wegen Flaubert die Ohren vollgejammert haben, hilft nur noch eins: eine anständige Folge The Walking Dead. Zombies, die sich gegenseitig umbringen und verspeisen, beruhigen mich irgendwie, ich kann dabei hervorragend entspannen.

Als ich, in Gedanken schon bei Zerteilungen und Enthauptungen, die Wohnungstür aufstoße, schlägt mir ein bestialischer Gestank entgegen. Spontan tippe ich auf fermentierten Kuhdung und Garnelen, die mehrere Tage in der prallen Sonne auf der Fensterbank gestanden haben.

»Was stinkt denn hier so furchtbar?«

»Wie bitte? Ach das. Keine Sorge, ich probiere nur eine neue Gesichtsmaske aus.«

Tatsächlich kommt der Geruch vom Sofa. Dort liegt meine Mitbewohnerin Claudia und hat sich suspektes Zeug ins Gesicht geschmiert.

Wie soll ich sie beschreiben, ohne ihr unrecht zu tun? Claudia ist sehr engagiert. Noch engagierter geht gar nicht. Umweltaktivistin. Veganerin. Besessen von Natürlichkeit bis hin zur Ganzkörperbehaarung. In einem Wort? Verrückt, aber liebenswert.

Claudia und ich teilen uns seit zwei Jahren die Wohnung, denn irgendwann war ich der Ansicht, dass ich in meinem Alter nicht mehr bei meiner Schwester wohnen sollte, und allein hätte ich mir bei meinem Gehalt höchstens ein winziges Loch leisten können.

Ich habe mich in dieser Wohnung sofort wohlgefühlt. Ein komisches Gefühl, nebenbei bemerkt, wenn man sich an einem Ort, den man nie zuvor betreten hat, gleich zu Hause fühlt. Geräumiges Wohnzimmer mit verblichenem Parkett und weiß gestrichenen Wänden, dank zweier Doppelfenster lichtdurchflutet. Darin ein großes pfauenblaues Samtsofa, ein paar Möbel im Industrial-Look und Grünpflanzen. Die grau-weiß gekachelte Küchenecke mit gelben Schränken ist durch eine niedrige Glaswand vom Wohnbereich abgetrennt. Dann sind da noch zwei großzügige Schlafzimmer und ein Badezimmer mit einer Wanne auf Füßen.

Allerdings herrscht trotz meines Protests meistens Unordnung: Überall liegen Schuhe, Kleidung und Zeitschriften herum, außerdem Tiegel, leere Flaschen oder Kartons, die Claudia für ihre spleenigen Projekte benötigt …

Seit Neuestem hat sie sich darauf verlegt, Cremes und undefinierbare Pasten selbst herzustellen, mit denen sie mehr oder weniger erfolgreich herkömmliche Kosmetik und Schönheitsprodukte zu ersetzen versucht.

»Wenn du willst, Max, im Topf in der Küche ist noch ein Rest.«

Mit Vornamen heiße ich Maxine, aber die meisten Freunde nennen mich Max. Ich weiß, das klingt nicht gerade sexy, ich bin mir auch nicht so sicher, was ich davon halten soll.

»Nein danke, lass mal.«

»Solltest du aber ruhig mal ausprobieren. Das ist eine Creme auf Basis von Zucchini und fermentierten Kräutern. Das öffnet die Poren.«

Aha. Schade, dass es nicht die Nasenlöcher verschließt. »Ein andermal vielleicht«, sage ich und notiere mir im Geiste, dass ich unbedingt den Topf wegwerfen muss, denn der Gestank geht sicher nie wieder raus.

Ich flüchte ins Badezimmer, in dem sich bereits Darcy, meine zwei Jahre alte Cockerhündin, verkrochen hat.

Sie kaut hingebungsvoll und sichtlich entzückt auf einem Riegel meiner Mitbewohnerin. Vielleicht ist er aus einem Bioknochen ausgeschnitten worden.

Ich will schon lachen, als mein Blick auf die Badewanne fällt.

»Ach ja, und sei bitte vorsichtig«, ruft mir Claudia vom Sofa hinterher, »ich weiche gerade Sojabohnen ein. Die werden hinterher getrocknet, dann kann man sie pressen und Geschirrtücher daraus weben. Hundert Prozent natürlich. Genial, oder?«

Genial? Ich bin nicht sicher, ob das das Wort ist, das mir dazu eingefallen wäre.

Vielleicht eher so was wie »pff«.

Kapitel 3

»Geschirrtücher aus Sojafasern? Was bitte soll das sein?«, fragt Audrey.

»Claudias neuester Einfall. Ich sehe schon vor mir, dass ich eines Tages nach Hause komme und Darcy komplett kahl rasiert vorfinde, weil Claudia beschlossen hat, sich einen Naturschal aus hundert Prozent Hundefell zu machen.«

Wir lachen. Wie jeden Freitagabend sitze ich mit Samya und Audrey bei einem Drink im Blues Pub, einer der beiden Kneipen in Savannah-sur-Seine. Da sich in der anderen Kneipe alles um Motorräder und ums Stricken dreht – die verwunderliche Kombination geht auf die Hobbys des Besitzerehepaars zurück –, war die Wahl nicht sehr schwierig.

Der Inhaber des Blues Pub hingegen ist eingefleischter Musikfan mit einem besonderen Faible für französische Musik. Die Wände des Lokals sind mit Fotos tapeziert und wohin man blickt, hängen Gitarren in allen Farben und Größen. Das Ergebnis – etwas schräg, aber originell – kann sich sehen lassen. Es herrscht eine gemütliche Atmosphäre, und in regelmäßigen Abständen finden Karaoke-Abende statt. Natürlich gehören wir immer zu den Ersten, die zum Mikrofon greifen.

Wir arbeiten alle drei im Lycée U. Grant. Samya und ich haben im gleichen Jahr angefangen und Audrey, die als Berufsberaterin in Teilzeit arbeitet, etwa zwei Jahre nach uns.

Samya und ich waren schnell die allerbesten Freundinnen, und als Audrey dazustieß, haben wir sie spontan in unseren Kreis aufgenommen. Man muss dazu sagen, dass sie gleich am ersten Tag mit dem Schuhabsatz im Lüftungsgitter des Fahrradschuppens hängen geblieben und den restlichen Tag über gehumpelt ist, ohne dabei die Miene zu verziehen. Wir waren sofort hin und weg.

Von uns drei ist Samya die Einzige, die in einer Beziehung lebt. Sie hat vor zwei Jahren den wundervollsten Typen der Welt geheiratet, mit dem sie eine kleine, vierjährige Tochter hat, Inès. Wenn Liebenswürdigkeit einen Namen hätte, dann wäre es Samya. Samya sieht in allem und jedem nur das Gute und ist immer hilfsbereit. Sie hat stets ein Leuchten in den Augen, ist romantisch bis zum Gehtnichtmehr und unsterblich in ihren Mann verliebt.

Ganz anders die resolute und direkte Audrey, die für nichts auf der Welt ihre Unabhängigkeit aufgeben würde und eine Beziehung kategorisch ablehnt. Die Männer, so glaubt sie, würden früher oder später immer versuchen, einen auf die Rolle der Hausfrau zu reduzieren. »Den ganzen Tag am Herd stehen und schmutzige Socken wegräumen – nicht mit mir!«, sagt sie immer.

Ich erzähle ihr lieber nicht, was meine Schüler zu dem Auszug aus Madame Bovary gesagt haben, sonst wird sie fuchsteufelswild, und wir müssen uns die nächste Stunde einen feministischen Vortrag anhören, der sich gewaschen hat.

Und ich? Ich beklage mich, weil ich allein bin. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass ich sogar schmutzige Socken romantisch fände. Jedenfalls romantischer als Geschirrtücher aus hundert Prozent Sojafasern oder Gesichtsmasken aus verfaultem Gemüse.

»Mädels, darf ich euch daran erinnern, dass wir nicht hier sind, um über Claudia zu reden, sondern über Max’ zukünftige große Liebe?«, ruft uns Samya zur Ordnung.

»Große Liebe! Jetzt übertreib nicht. Bisher habe ich mit dem Typen nur gechattet. Ich hab ihn noch nicht live gesehen, also bleibt mal locker.«

»Wie heißt er noch mal?«, fragt Audrey.

»Germain. Ja, ich weiß, was ihr jetzt sagen werdet. Klingt nicht gerade aufregend. Aber er macht einen ziemlich netten Eindruck. Irgendwie süß.«

»Und was macht dieser Germain so?«

»Er ist Steuerberater.«

Audrey und Samya sehen sich an, dann brechen sie in Gelächter aus.

»Was ist daran so lustig? Steuerberater ist kein schlechter Beruf. Sehr angesehen.«

»Und sehr öde!«, ergänzt Audrey.

»Ach, und Berufsberaterin ist besser?«, schlage ich zurück. »Aber jetzt mal im Ernst, ich glaube, mit ihm könnte es wirklich was werden. Er sucht eine feste Beziehung. Eigentlich hätte er heiraten sollen, aber kurz vor der Hochzeit hat sich seine Verlobte, das herzlose Miststück, ans andere Ende des Landes abgesetzt.«1

»Der Arme«, sagt Samya mitfühlend wie immer.

»Ich weiß nicht«, meint Audrey skeptisch, »wenn eine Frau einen Heiratsantrag annimmt und sich dann aus dem Staub macht, dann stimmt etwas nicht mit ihm. Wann triffst du ihn?«

»Nächsten Samstag. Dieses Wochenende kann er nicht, da ist er auf einem Seminar für Steuerberater, glaube ich.«

Audrey legt sich pantomimisch einen Strick um den Hals, und Samya spuckt fast ihren Daiquiri wieder aus.

»Also wirklich, Mädels, das ist nicht nett von euch. Und was, wenn er der Mann meines Lebens ist? Wenn dieses Date direkt in eine wundervolle, glückliche Beziehung führt? Wenn er derjenige ist, der alles verändert?«

»Und wenn er einer ist, der Kätzchen den Hals umdreht?«, witzelt Audrey.

»Oder Hunden die Ohren abschneidet?«, fällt Samya mit ein.

»Aufhören, wir haben gesagt, keine Tiere«, protestiere ich, ehe ich in das Gelächter meiner Freundinnen einfalle.

»Und wenn er die Reinkarnation von Gustave Flaubert im Körper eines Steuerberaters ist? O mein Gott, stellt euch das mal vor! Langeweile zum Quadrat!«

»Ich weiß gar nicht, warum ich euch das überhaupt erzählt habe.«

»Weil wir toll sind!«

»Und du uns anbetest.«

Das Schlimme daran ist, dass sie recht haben.

1 Jede Ähnlichkeit mit einer früheren Geschichte ist nicht zufällig.

Kapitel 4

Ich weiß wirklich nicht, was sie gegen Steuerberater haben. Genauer betrachtet ist Berufsberaterin oder Lehrerin auch nicht so viel aufregender. Wir sind alle meilenweit entfernt vom Kriegsreporter oder Elefantenbesamer2.

Auf dem Weg zu meiner Schwester, die mich zum Essen eingeladen hat, muss ich grinsen, als ich an das Gespräch von gestern Abend denke. Mit jedem Cocktail haben meine Freundinnen noch einen draufgelegt und aus Germain nacheinander einen Greis mit Rollator, einen Kükentöter, einen Frutarier und einen Pythagoras-Anhänger gemacht (Letzterer war Samyas Beitrag, die nie den wahren Segen der Mathematik vergisst).

Sollen meine Freundinnen ruhig skeptisch sein, ich weiß, dass mein Bruder und meine Schwester mich zuverlässig dem erstbesten Junggesellen in die Arme schubsen würden. Ich bin das Nesthäkchen der Familie, und aus irgendeinem unerfindlichen Grund beunruhigt sie mein Single-Dasein von Jahr zu Jahr mehr. Wahrscheinlich fürchten sie, dass ich Staub ansetze und dauerhaft zum Ladenhüter werde.

Laetitia, die Älteste von uns Geschwistern, eine blühende Mittvierzigerin, glückliche Ehefrau, Mutter zweier Kinder und Zahnärztin von Beruf, organisiert regelmäßig Abendessen, zu denen sie Kollegen, Freunde von Kollegen, ja sogar vollkommen Fremde einlädt, die sie im Supermarkt vor dem Mayonnaise-Regal aufgegabelt hat, in der Hoffnung, mich endlich unter die Haube zu bringen.

Mein Bruder Julien, vier Jahre älter als ich, schlägt in die gleiche Bresche, und auch wenn er mich nicht um jeden Preis mit all seinen Bekannten verkuppeln will, seziert er meine amourösen Niederlagen jedes Mal auf freudsche Art. Glaubt mir, ein Psychologe als Bruder ist die Pest. So einem bleibt wirklich nichts verborgen.

Wir drei stehen uns seit jeher sehr nah, wir waren immer ein eingeschworenes Team. Sehr zum Missfallen meiner Mutter, die nie wusste, wen von uns sie ausschimpfen und bestrafen sollte, weil wir einander immer in Schutz nahmen.

Und als vor drei Jahren meine Großmutter Moune gestorben ist, hat uns das nur noch mehr zusammengeschweißt.

Ich habe meine Großmutter über alles geliebt, und ihr Tod war ein echtes Trauma für mich.

Sie ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen.

Und ich bin gefahren.

Wir waren auf dem Weg zu Audreys Bühnenpremiere in der Rolle der Stella Spotlight, und da wir spät dran waren, wollte ich eine Abkürzung nehmen, um den Anfang des Stücks nicht zu verpassen.

Es ist schon merkwürdig. Während meine Erinnerung an Moune immer mehr verblasst, steht mir dieser Abend noch bis ins kleinste Detail klar vor Augen.

Sie trug den korallroten taillierten Blazer, den ich ihr gerade erst zum Geburtstag geschenkt hatte, dazu ein cremefarbenes Top und dunkelblaue Jeans.

Moune war stolz auf ihre noch immer schlanke Linie und gab sich gern modern. Ohrringe mit türkisen Anhängern vervollständigten ihr Outfit. Während der Fahrt redeten wir über Gott und die Welt, sie erzählte mir mit dem für sie typischen Humor von ihrem Nachmittag im Seniorenclub.

»Du hast ihnen was vorgeschlagen?!«, rief ich, und dabei kippte meine Stimme.

»Jetzt fang du nicht auch noch an! Ich wüsste nicht, warum man keinen Pole-Dance-Kurs machen sollte, bloß weil man nicht mehr fünfundzwanzig ist! Verführung ist keine Frage des Alters, außerdem hat die ein oder andere unter uns ja auch noch einen Mann, den sie beglücken möchte. Na schön, ein paar der Damen haben natürlich eine Hüftprothese. Du hättest ihre Gesichter sehen sollen! Denen ist regelrecht die Kinnlade runtergeklappt.«

Ich musste lachen, als ich ihre aufrichtige Bestürzung sah über den so eklatanten Mangel an geistiger Offenheit unter ihren fast achtzigjährigen Freundinnen, deren Sinnlichkeit auf der Richterskala nicht mehr abgebildet wurde.

Es war Winteranfang, und seit Tagen schneite es.

In einer Kurve passierte es dann: Wir kamen auf der Eisschicht ins Rutschen, ich verlor die Kontrolle über den Wagen, und obwohl ich sofort reagierte, konnte ich den Unfall nicht verhindern.

Unterhalb des Ohrs habe ich eine drei Zentimeter lange Narbe zurückbehalten. Und auf dem Herzen den Tod meiner Großmutter.

Wenn wir ein Taxi genommen hätten, oder wenn ich einen anderen Weg gewählt hätte, wäre das alles vielleicht nicht passiert. Da sie es hasste, fotografiert zu werden, habe ich kein einziges Bild von ihr. Geblieben sind mir nur meine Erinnerungen. Sie fehlt mir so sehr.

Vor allem für meine Mutter war es sehr schwer, die eigene Mutter zu verlieren, und aus einem Grund, den ich bis heute nicht kenne, hatte sie das Bedürfnis, ihre Trauer in der Ferne zu verarbeiten. Weit weg von allen, die sie kannte, einschließlich ihrer Kinder. Sie ist mit meinem Vater nach Kanada gezogen. Einfach so, von einem Moment auf den anderen, gleich nachdem sie Mounes Wohnung ausgeräumt hatten. Papa war seit etwa einem Jahr in Rente, Mama war nicht berufstätig. Innerhalb weniger Monate haben sie ihr Hab und Gut verkauft und alles hinter sich gelassen, um Tausende von Kilometern entfernt ein neues Leben zu beginnen.

Laetitia spricht seitdem nicht mehr mit ihnen. Sie hält sie für egoistisch, und auch wenn sie es mir nicht sagt, weiß ich, wie sehr sie darunter leidet, dass ihre Kinder ihre Großeltern nie sehen.

Manchmal denke ich, dass sie meinetwegen fortgegangen sind. Vielleicht befürchtet Mama, dass sie mir Vorwürfe machen könnte, weil ich am Steuer gesessen habe, und dass sie mir so noch eine weitere Last aufbürden würde, zusätzlich zu den Schuldgefühlen, die ich ohnehin schon habe. Aber ehrlich gesagt, weiß ich es nicht so genau. Bei unseren viel zu seltenen Telefonaten reden wir nie über die Vergangenheit. Sie spricht nicht von dem Unfall, und ich stelle ihr keine Fragen.

Nach Mounes Tod habe ich eine Zeit lang bei meiner Schwester gewohnt, die mir sehr geholfen hat. Auch mein Bruder war mir eine große Stütze. Doch selbst wenn ich stets beteure, dass es mir wieder besser geht, steckt dieses Schuldgefühl noch tief in mir drin. Die Wunde hat sich geschlossen, aber die Nähte, das spüre ich, sind noch nicht sehr fest.

Als ich mich Laetitias Haus nähere, verscheuche ich die schmerzlichen Erinnerungen an jenen Abend und an den korallroten Blazer, der für mich bis in alle Ewigkeit mit dem Anblick von zerbeultem Blech verbunden sein wird.

Zwischen uns Geschwistern besteht ein stillschweigendes Abkommen: Wir sprechen nicht mehr über Moune. Und auch nicht über unsere Eltern.

»Hallo, Schwesterherz«, begrüßt mich Laetitia. »Ich hoffe, du hast Hunger! Ich hab mein berühmtes Curry-Hühnchen gemacht. Thomas ist mit den Kindern im Kino, es ist also genug für ein ganzes Regiment da.«

In der Blüte ihres Lebens, glücklich verheiratet und auch noch eine ausgezeichnete Köchin. Müsste so was nicht gesetzlich verboten werden?

»Das trifft sich gut, ich habe heute Mittag sicherheitshalber nichts gegessen.«

Ich behalte für mich, dass ich in Wirklichkeit eine neue Diät angefangen habe, um die fünf Kilo zu verlieren, mit denen ich seit mindestens zehn Jahren kämpfe. Derzeitige Bilanz: fünfundzwanzig verlorene Kilo gegenüber sechsundzwanzig zugenommenen. Die Schlacht ist also noch lange nicht gewonnen.

Ich folge Laetitia ins Wohnzimmer, wo bereits Julien mit einem Glas Whisky in der Hand auf dem Sofa sitzt.

»Wie geht’s dem schönsten Mann im ganzen Land?«

Julien dreht sich zu mir um, und sofort hellt sich sein Gesicht auf. Er sieht in der Tat gut aus. Groß, athletisch gebaut, dunkle Haare und meerblaue Augen, die mitten im Winter einen Eisberg zum Schmelzen bringen würden. Von ihm geht eine ungeheure Anziehungskraft aus, wie übrigens auch von Laetitia.

Ich dagegen habe seit jeher Komplexe, weil ich braune Augen habe. Wahrscheinlich ein genetischer Defekt, jedenfalls entspreche ich überhaupt nicht dem Klischee »blond mit blauen Augen«. Da, wo eigentlich Lagunenblau sein sollte, ist bei mir nur schlammfarbener Acker.

»Dem geht es ausgezeichnet!«, erwidert mein Bruder bescheiden. »Wie war der Schulanfang? Finden deine neuen Schüler vor deinen Augen Gnade?«

»Ach, hör bloß auf. Gustave Flaubert ist total out und Stromae um so vieles interessanter, reicht das als Antwort?«

Er lacht. Ich setze mich aufs Sofa und erzähle ihm die Episode in allen Einzelheiten, während Laetitia auf dem Couchtisch Knabberzeug anrichtet.

»Und sonst, wie geht’s Adrien?«, frage ich Julien meinerseits.

»Gut.«

»Konnte er heute Abend nicht mitkommen?«

»Nein … Er … Er hatte schon was vor.«

»Probleme? Habt ihr euch gestritten?«

Auch wenn er sich vorbeugt, um sich ein paar Nüsse zu nehmen, bemerke ich, dass sich sein Blick verfinstert hat. Für jeden anderen wäre es kaum wahrnehmbar. Für mich, die ihn in- und auswendig kennt, hingegen sehr wohl.

»Noch immer kein Datum für die Hochzeit – ist es das? Aber warum nicht?«

»Schwierig, wenn man seinen Eltern noch nicht mal gesagt hat, dass man mit einem Mann zusammenlebt.«

»Ach was. Es ist doch nichts einfacher als das: Mama, Papa, ich werde Julien heiraten. Ob es euch passt oder nicht. Na gut, Letzteres kann man vielleicht auch weglassen.«

Er sieht mir in die Augen, mit dieser Intensität, die ich gewöhnt bin, die jedoch bisher noch jeden umgehauen hat, der ihm zum ersten Mal begegnet. Abgesehen von seinen Patienten vielleicht, die sich von seiner Gegenwart wahrscheinlich wie in eine warme Decke gehüllt fühlen.

»Genau das ist ja der Punkt«, sagt er. »Als Homosexueller ist man quasi gezwungen, es anzukündigen. Als wäre es eine große Neuigkeit, wie die Geburt eines Kindes oder eine Beerdigung. Ihr Heteros habt das Problem nicht. Ihr müsst nicht Heiligabend die ganze Familie zusammentrommeln, euch feierlich erheben, als wolltet ihr einen Toast ausbringen, tief Luft holen und verkünden: Ich muss euch etwas mitteilen, also ich glaube, ich bin heterosexuell.«

So habe ich es zugegebenermaßen noch nie betrachtet. In unserer Familie war die Homosexualität meines Bruders nie ein Problem. Eines Tages brachte er einfach Händchen haltend jemanden mit nach Hause. Dieser Jemand hieß Bertrand. Mama hat Crêpes gemacht. Ende der Geschichte.

»Und er hat Angst, dass seine Eltern damit Schwierigkeiten haben könnten?«

»Ehrlich gesagt, weiß er es nicht mal. Nach dem, was er mir von seinen Eltern erzählt hat, bin ich fast sicher, dass nach der ersten Überraschung für sie alles in Ordnung sein wird. Aber er hat Angst. Und ich will ihn nicht dazu drängen, etwas zu tun, wozu er noch nicht bereit ist.«

»Aber ihr seid seit fast zwei Jahren zusammen!«

Er lässt die Schultern hängen.

»Ich weiß …«

Er führt sein Glas an die Lippen und nimmt einen Schluck Whisky. Für einen Moment macht sich zwischen uns Schweigen breit.

In meiner Verlegenheit taste ich mechanisch nach meiner Narbe. Es ist ein richtiger Tick geworden. Oder auch ein echtes Bedürfnis.

»Jetzt hört auf mit euren Geschichten, da vergeht einem ja der Appetit! Ich habe drei Wurzelbehandlungen und zwei Brücken geopfert, um euch ein opulentes Mahl zu zaubern!«, schaltet sich Laetitia ein. »Habt ihr kein unverfänglicheres Gesprächsthema? Meinetwegen die unglaubliche Preissteigerung der Klobrillen. Ich hab gerade drei ausgewechselt und hätte fast einen Kredit aufnehmen müssen.«

Sie sieht uns nacheinander an, dann prusten wir alle gleichzeitig los.

Ehe wir uns an den Tisch setzen, besteht sie darauf, uns besagte Klobrillen zu zeigen, und wir brechen angesichts von so viel Schönheit in Begeisterung aus – mittlerweile fast heulend vor Lachen.

»Ach ja, ich hab auch eine Neuigkeit für euch! Ich hab nächste Woche ein Date. Ein total netter Katzentöter. Er heißt Germain.«

2 Doch, doch, das gibt es!

Kapitel 5

»Und, wie war dein Essen gestern? Wie geht’s deiner Schwester?«, flüstert Audrey mir zu.

Wir sitzen mit dem gesamten Lehrerteam bei einer Besprechung in einem Klassenzimmer. Der perfekte Rahmen, um meinen Freundinnen von dem gestrigen Abend zu erzählen.

»Sehr nett. Laetitia geht es super, sie hat neue Klobrillen gekauft.«

Als ich ihre verdutzten Gesichter sehe, hätte ich um ein Haar laut gelacht, was mitten in der Vorstellung der Projekte für das neue Schuljahr durch Yliès Dupuis, unseren Vorgesetzten, wohl eher nicht so gut angekommen wäre.

Er ist der jüngste Schuldirektor im ganzen Département und erst seit drei Jahren bei uns; doch schon jetzt kann man sagen, dass er mit seiner dynamischen Art und seinem Engagement auf einem guten Weg ist, unser doch eher konservatives Gymnasium aus seinen veralteten Strukturen zu befreien und zu modernisieren.

Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich schon samstags Kuchen verkauft habe, um Gelder für Exkursionen zu sammeln.

Er besitzt die Gabe, uns bei all seinen Unternehmungen mitzureißen. Dank seines Charismas? Gut möglich. Weil er gut aussieht? Offensichtlich. Sportliche Figur, kurz rasierte Haare, markantes Kinn, grüne Augen. Kurz, eine Erscheinung, die selbst Audrey dazu bringen könnte, ihr überzeugtes Singledasein aufzugeben.

Kein Vergleich zu Monsieur Choupart, seinem Vorgänger. Der auch keine Haare hatte, aber aus anderen Gründen.

Yliès – ja, wir nennen ihn beim Vornamen (weil er so unglaublich sexy klingt) – plant, im neuen Schuljahr kostenlose außerschulische Aktivitäten anzubieten. Und wie immer verlässt er sich dabei auf unseren guten Willen.

»Warum, glauben Sie, sind amerikanische Highschool-Serien bei uns so erfolgreich? Haben Sie sich mal angesehen, an was für Schulen die Jugendlichen dort lernen? Was sie dort alles geboten bekommen? Falls ein Produzent auf die Idee käme, eine Teenie-Serie in einer französischen Schule zu drehen, würde sie optisch vermutlich eher an Derrick erinnern als an Beverly Hills. Ich möchte, dass wir uns ein Beispiel nehmen an dem, was man in den USA besser macht als bei uns. Wir sollten außerhalb der Unterrichtsstunden AGs anbieten. Nur so wird die Schule zu einem lebendigen Ort für die Schüler und nicht nur zu einem Gefängnis, in dem sie bis zum Abi ihre Zeit absitzen. Abgesehen davon, können wir die Schule auf diese Weise auch für neue Schüler attraktiv machen. Als Privatschule sind wir auf Anmeldungen angewiesen, und wie wohl jeder der hier Anwesenden weiß, sind die Schülerzahlen seit Jahren rückläufig.«

Sofort tauchen vor meinem geistigen Auge Cheerleaderinnen in knappen Miniröcken auf, die Basketballspieler in Sweatshirts mit dem Namen ihrer Mannschaft anhimmeln. Reizend. Savannah, ja, aber Savannah-sur-Seine, falls ich euch erinnern darf. Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.

»Ich habe mir überlegt«, fährt Yliès fort, »dass wir vielleicht einen Chor gründen und ein Musical einstudieren könnten, das wir am Schuljahresende präsentieren.«

»Schau an, Broadway-sur-Seine«, flüstert Samya belustigt.

Ich lache laut auf.

Audrey dagegen ist urplötzlich hochinteressiert. Was nicht sehr überraschend ist, denn sie liebt Musicals. Ich kann gar nicht sagen, wie oft sie uns schon in The Sound of Music oder My Fair Lady geschleppt hat.

»Würde sich jemand dazu bereit erklären, das Projekt zu leiten?«

Schneller als Darcy sich eine Frikadelle einverleiben kann, hat meine Freundin schon die Hand gehoben, die Augen leuchtend vor Aufregung.

»Ich! Ich stelle mich gerne zur Verfügung!«, ruft Audrey, was ihr ein breites Lächeln von Yliès einträgt, das wiederum in mir das brennende Verlangen auslöst, ebenfalls zu singen.

Mit ihm. Im Bett. Nackt.

»Perfekt! Hat jemand noch andere Ideen?«, fragt er und sieht dabei mich an.

Jede Menge. Leider alle nicht jugendfrei.

»Eine Schreibwerkstatt?«, sagt mein Mund, der mal wieder schneller ist als mein Gehirn.

»Eine Schreibwerkstatt? Hattest du nichts Spannenderes auf Lager?«, höhnt Audrey, als wir ein paar Stunden später vor einem riesigen Becher Pfirsich Melba sitzen.

Meine Diät hat drei Tage, acht Stunden und vierundfünfzig Minuten gedauert. Also acht Stunden und vierundfünfzig Minuten länger als die letzte: Ich bin extrem stolz auf mich.

»Das war das Erste, was mir eingefallen ist. Ich musste irgendetwas sagen, unter seinem Blick bin ich immer kurz davor, mich aufzulösen. Aber, ist ja klar, dass er mit seinem Musical bei dir offene Türen eingerannt hat.«

»Eine Schreibwerkstatt kann doch total nett sein«, kommt mir Samya zu Hilfe.

»Ach, hör auf, das sagst du doch jetzt nur, damit ich dich nicht mit deinem Schachclub aufziehe. Mal im Ernst, Mädels«, fährt Audrey fort, »es geht darum, die Schule zu modernisieren, und da kommt ihr mit euren alten Kamellen.«

»Ich weiß gar nicht, was du gegen Schach hast«, entgegnet Samya mit gespielter Entrüstung. »Es gibt ganz viele coole Leute, die Schach spielen.«

»So? Wer denn bitte? Monsieur Paul aus dem Seniorenheim?«

»Wer ist Monsieur Paul?«, erkundige ich mich.

»Keine Ahnung! Aber er ist bestimmt nicht cool.«

»Entschuldige, dass wir das Niveau der Schule etwas anheben wollten! Und außerdem, Audrey, ich will dich in deinem Enthusiasmus ja nicht bremsen, aber wenn ich an Glee denke, scheint mir, dass sich eher Loser für den Chor anmelden, oder?«

»Volltreffer! Stoßen wir auf Savanna-de-Losers an und essen wir lieber unser Eis, um meine fast viertägige Diät zu feiern.«

Zu Hause flüchte ich mich vor Claudias Unordnung gleich in mein Zimmer, in dem ich normalerweise arbeite – aus gutem Grund. Dieser Raum gehört nur mir allein. Ich habe mir viel Zeit genommen, ihn einzurichten und mir mein eigenes Universum zu schaffen, in dem ich mich wohlfühle und das zu mir passt. Ich lächle, als ich an die Monate zurückdenke, in denen ich auf einer Matratze auf dem Boden geschlafen habe, bis ich endlich das passende Bett gefunden hatte.

Worüber könnte ich die Schüler in meiner Werkstatt schreiben lassen? Und vor allem, wird überhaupt jemand kommen?

Das Kopfkissen in den Rücken gestopft, sitze ich mit dem Notizbuch auf den Knien und dem Bleistift im Mund auf dem Bett und versuche, mein Projekt zu umreißen. Langsam kenne ich Yliès und weiß, dass er sich allein mit der Erklärung meiner guten Absichten nicht zufriedengeben wird.

Bisher steht auf der ersten Seite meines Heftes »Projekt Schreibwerkstatt«. Und »Ideen finden«. Nicht schlecht für den Anfang.

»Hast du vielleicht eine Idee, Darcy?«

Meine Hündin liegt in ihrem Körbchen und öffnet gnädig ein Auge, als sie ihren Namen hört. Da jedoch kein Leckerli in Sichtweite auftaucht (Darcy ist verrückt nach Katzenzungen, warum auch immer …), schließt sie das Auge wieder und gibt ein typisches Hundeseufzen von sich, um mich zu informieren, dass sie mein Projekt nicht interessiert. Undankbares Tier!

Ich lasse den Blick durch mein Zimmer wandern. Vielleicht hat sich ja hinter einem der blau-weiß gestreiften Vorhänge eine Idee versteckt. Oder hinter einem der Fotos, die auf einer Familienreise nach San Francisco entstanden sind. Das war kurz vor Mounes Tod, unser letzter gemeinsamer Urlaub.

Ein dreimaliges kurzes Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken. Natürlich gerade in dem Moment, in dem mir jede Menge Ideen kommen wollten. Unmengen von Ideen. Na ja, zumindest eine: Papier zum Schreiben mitbringen.

»Ja, Claudia?«

Meine Mitbewohnerin steckt den Kopf zur Tür rein. Erstaunlicherweise ist ihre Haut makellos. Vielleicht lasse ich mich doch noch zu fermentierten Zucchini bekehren.

Allerdings kann man das von ihren Haaren nicht behaupten. Sie ist gerade in einer No-poo-Phase, also »kein Shampoo«. Meine Haare sind schon richtig eklig, wenn ich sie drei Tage lang nicht wasche. Nicht auszudenken, wie sie nach sieben oder noch mehr Tagen aussehen würden …

»Sag mal, Max, hast du vielleicht morgen früh Zeit, mit mir ein paar Hunde aus dem Tierheim Gassi zu führen? Die Frau, mit der ich das normalerweise mache, ist krank.«

Ich frage mich, ob sie wohl eine Überdosis Tofu hatte, hüte mich jedoch davor, die Frage laut auszusprechen.

»Acht Hunde müssen raus, das ist für einen allein ein bisschen schwierig.«

Sofort drängt sich mir ein Bild auf: Claudia, die wie ein Drachen hinter acht losstürmenden Hunden herfliegt. Fast möchte ich Nein sagen, nur um ihr heimlich zu folgen und sie mit dem Handy zu filmen.

»Um wie viel Uhr? Ich hab morgen am frühen Nachmittag einen Zahnarzttermin.«

»In der Regel gehen wir um zehn los und sind vor zwölf zurück. Ganz easy. Eine kleine Runde durch den Park und zurück nach Hause.«

Ich habe genau so viel Lust, einen gemütlichen Samstagmorgen im Bett zu opfern wie ein Huhn Lust darauf hat, als Nugget zu enden.

»Na klar, kein Problem, du kannst auf mich zählen!«

Andererseits sind Nuggets gar nicht so übel …