Buch:
Als die dreißigjährige Miranda von ihrer Halbschwester Alessia erfährt, dass ihr gemeinsamer Vater spurlos verschwunden ist, hat sie nicht vor, irgendetwas zu unternehmen. Vor mittlerweile zehn Jahren hat sie den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen – aus gutem Grund, wie sie findet. Doch Alessia lässt nicht locker und überredet Miranda, gemeinsam mit ihr nach Anhaltspunkten zu suchen. Dabei stoßen die beiden auf eine Schachtel mit alten Fotos und auf einen geheimnisvollen Brief aus dem Jahr 1944. Als Miranda dann noch entdeckt, dass ihr Vater nach der schnellstmöglichen Route nach Sant’ Egidio dei Gelsi gesucht hat, einem kleinen Ort im Piemont, ahnt sie, dass der Brief und sein mysteriöses Verschwinden zusammenhängen …
Autorin:
Silvia Zucca hat englische Literaturwissenschaften studiert und war jahrelang bei einem kleinen TV-Sender in Mailand angestellt. Heute arbeitet sie als Autorin und Übersetzerin und widmet ihre ganze Zeit dem Schreiben. »Das italienische Geheimnis« ist nach »Alles eine Frag der Sterne« ihr zweiter Roman im Blanvalet Verlag.
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Silvia Zucca
Das italienische Geheimnis
Roman
Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Il Cielo Dopo di Noi«
bei Casa Editrice Nord s. u. r. l./Gruppo editoriale Mauri Spagnol, Mailand.
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Copyright der Originalausgabe © 2018 by Silvia Zucca
License agreement made through Laura Ceccacci Agency S. R. L.
Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020 by Blanvalet
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Ulrike Nikel
Umschlaggestaltung: Favoritbuero, München
Umschlagmotive: Dado Daniela/Moment/Getty Images;
Shutterstock.com (Loboda Dmytro; arka38; Tee11)
KW · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN 978-3-641-24877-2
V001
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Es ist noch früh am Morgen, als mich Alessias Stimme aus dem Schlaf reißt und mir mitteilt, dass unser Vater verschwunden ist.
Warum lässt sie mich nicht in Ruhe?
Am liebsten würde ich ihr das Telefon ins Gesicht schleudern. Im Grunde interessiert es mich nicht. Ich kratze mich an der Nase und denke darüber nach, dass nicht jeder das Glück hat, genau zu wissen, wann die Kinderzeit zu Ende ist. Meine Schwester jedenfalls weiß es nicht, ich dagegen schon.
Wenn ich an meine Kindheit denke, sehe ich einen Lattenzaun vor mir. Um ihn zu überwinden, brauchte man lange Beine. Und die hatte ich, und das erlaubte mir immer wieder, von zu Hause wegzulaufen.
Es ist Sonntag früh, ein Blick auf den Wecker sagt mir, dass es gerade mal acht ist. Vorgestern habe ich meinen Job gekündigt, das dritte Mal in diesem Jahr. Während ich aus dem Bett klettere, das Ohr noch immer an das Smartphone gepresst, sehne ich mich nach einem Kaffee. Und ich frage mich, wo der Alte sein könnte. Hatte er in seinem grenzenlosen Egoismus wieder mal vergessen, seiner Frau und seiner Tochter Bescheid zu sagen, und ist einfach abgehauen? Zutrauen würde ich es ihm.
»Mira, du musst uns helfen.«
Diese weinerliche Kinderstimme, die nicht zu einer jungen Frau passen will.
»Wie bitte?«, frage ich, während ich in einem Berg Klamotten, der auf dem Stuhl liegt, nach einer Unterhose suche, ohne eine zu finden.
»Von uns kann keiner nach ihm suchen, Mama hat einen hysterischen Anfall nach dem anderen. Und ich, also Miranda, ich bin ein bisschen schwanger.«
»Du bist was? Verdammt, wie alt bist du eigentlich?« Ich versuche krampfhaft, den Altersunterschied zwischen uns zu ermitteln. »Vierzehn vielleicht?«
»Einundzwanzig, Mira«, gibt sie beleidigt zurück. »Und ich habe letztes Jahr geheiratet, du hast sogar eine Einladung bekommen.«
Stimmt, den Umschlag habe ich ungeöffnet in den Mülleimer geworfen, erinnere ich mich.
»Könnt ihr denn nicht die Polizei rufen? Einen Privatdetektiv engagieren? Meinst du etwa, ich hätte ein spezielles Radar für verloren gegangene Väter, die ich kaum noch kenne?«
»Tut mir leid, wenn ich nicht lache. Unser Vater ist verschwunden, verdammt! Ist dir das wirklich egal, Schwesterherz?«
Allmählich werde ich sauer, aber ich beherrsche mich und schweige. Alessia weiß offensichtlich nichts von dem, was zwischen uns vorgefallen ist.
Endlich stoße ich bei meiner Wühlerei auf einen Slip, den ich mir auf einem Bein stehend überstreife, während ich mit der freien Hand die Küchentür öffne.
Ich traue meinen Augen nicht. Da sitzt jemand.
»Wer zum Teufel bist du?«
Was macht dieser Typ hier? Ein Mann, ein Wesen aus Fleisch und Blut. Mit Schultern, Hüften, Unterleib, Beinen. Und etwas Unaussprechlichem, das allerdings gerade durch eines meiner Handtücher verdeckt wird.
Meine Schwester redet weiter, sie hat gar nicht mitbekommen, dass ich einen fremden Gast habe.
»Papa war bereits seit Tagen so komisch, er hat die Sachen von Nonna Gemma sortiert, die seit Langem in Kisten und Kartons auf dem Speicher stehen. Angeblich, um sie irgendwann der Gemeinde zu geben.«
Der Name meiner Großmutter jagt mir einen Schauer über den Rücken.
»Alles okay?«
Der nackte Kerl schaut mich von oben bis unten an. Seine Augen sind so strahlend blau, wie ich es noch nie gesehen habe. Beim Versuch, die Küchentür wieder zuzumachen, klemme ich mir den großen Zeh ein und fluche.
»Mira, alles in Ordnung bei dir?«, höre ich Alessias Stimme, die etwas verstört klingt.
»Ja, ja, der Fernseher läuft.«
Ich habe seit Jahren keinen Fernseher mehr, doch das weiß sie ja nicht, schließlich hatte ich seit zwölf Jahren keinen Kontakt mehr mit der Familie. Meine Telefonnummer haben sie sich allerdings notiert, für den Fall der Fälle.
Nach der Uni bin ich sofort zu Hause ausgezogen. Auch davor habe ich alles getan, um möglichst weit weg vom Schuss zu sein, war sogar einige Zeit im Ausland. Danach habe ich mir alle möglichen Jobs gesucht, egal was, Hauptsache nicht in ihrer Nähe. Übersetzungen, Nachhilfe, Italienischkurse für Ausländer. Oder ich war Verkäuferin für Strümpfe, Bücher, Mascara, ökologisch angebaute Sonnenblumenkerne, Schlagbohrmaschinen … Zurück wollte ich nie. Zurück nach Hause, meine ich. Nicht mal der Gedanke an eine feste Anstellung lockte mich, dabei hätte mein Vater als angesehener Professor für englische Literatur sicher etwas für mich tun können.
Doch wollte das überhaupt einer von uns zu jener Zeit wirklich?
Vermutlich nicht, denn niemand hat den ersten Schritt gemacht, um den Bruch zu kitten. Das hatte nicht zuletzt mit Großmutter zu tun, der Mutter meines Vaters, der Heiligen. Ich war immer das verwöhnte Töchterchen, das angeblich nichts verstand.
»Hör mal, das wäre … Nein, das ist die Gelegenheit, dich mit Papa zu versöhnen. Ich weiß natürlich, wie schwer dir das fällt. Nur wie lange willst du das noch durchziehen? Unser Vater ist über achtzig!«
Ich seufze und umklammere den Türgriff. Der Typ auf der anderen Seite hingegen versucht die Tür zu öffnen.
»Wie lange ist er denn weg?«
»Seit drei Tagen, sein Telefon ist ausgeschaltet. Es ist bestimmt etwas passiert …« Ihre Stimme bricht. »Ich spüre es. O nein, ich darf nicht weinen, das ist nicht gut für das Baby.«
Sie zieht die Nase hoch.
»Mädchen oder Junge?«
»Ein Junge«, antwortet sie, und es hört sich an, als würde sie lächeln.
»Freut mich, dass du glücklich bist.«
Das meine ich wirklich so und wünsche ihr, dass sie sich den richtigen Mann ausgesucht hat. Schluss mit dem Lotterleben, sie wird Mutter. Dabei ist sie bloß halb so alt wie ich, gefühlt zumindest, ganz so schlimm ist es nicht. Ich war elf, als sie geboren wurde. Irgendwie komme ich mir uralt vor. Und blöd dazu wegen dem Unbekannten in der Küche.
Eigentlich nehme ich nie jemanden mit nach Hause, erst recht nicht in meine Küche, dort herrscht das blanke Chaos. Mich wundert, dass er nicht längst abgehauen ist, nachdem er den Saustall bei Tageslicht gesehen hat.
»Übrigens, Mira, wenn du Papa nach Hause bringst, liegt hier ein Scheck für dich.« Sofort bin ich hellwach und warte, was noch kommt. »Nicht dass es besonders viel wäre, aber für mich und Paolo ist es eine hübsche Summe. Wir haben Großmutters Haus und die Möbel verkauft, und sie hat verfügt, dass der Erlös zwischen dir und mir aufgeteilt werden soll.«
Ein Erbe! Leider würde ich es ablehnen müssen, wenn das Geld wirklich von Gemma stammt. Eigentlich. Dabei brauche ich es mehr denn je.
»Wann habt ihr das Haus verkauft?«
»Vor zwei Jahren«, antwortet Alessia zögernd.
»Na prima. Da habt ihr ja etwas in der Hand, um die widerspenstige Miranda bei passender Gelegenheit erpressen zu können, oder was?«
»Erpressen? Jetzt übertreib mal nicht, es geht schließlich um unseren Vater.«
»Und warum habt ihr mir nicht früher davon erzählt?«
»Wir hätten es dir bei unserer Hochzeit gesagt, wenn du nicht etwas Besseres vorgehabt hättest. Du und Papa seid euch so was von ähnlich, weißt du das? Die gleichen Sturköpfe.«
Es stört mich, dass sie das sagt. Er und ich. Natürlich sind wir uns in gewisser Hinsicht ähnlich, er ist immerhin mein Vater. Ich atme tief durch.
»Wir sprechen später noch mal darüber. Okay?«
»In Ordnung.«
»Ich sage dir noch Bescheid, wann ich komme. Bleib ruhig, es wird ihm nichts passiert sein.«
Als ich mich verabschiede, spüre ich Alessias Triumph, dass sie mich reingelegt und mich gezwungen hat, meinen Hintern wieder nach Hause zu bewegen. Und den Alten zu suchen, der mit allem hätte rechnen können außer mit mir, der verlorenen Tochter, die plötzlich und unverhofft auftaucht.
Es geht mir lediglich um das Geld, sage ich mir und versuche den Gedanken zu verdrängen, dass es Großmutters Geld ist. Geld ist Geld, und ich brauche es.
Den unbekannten nächtlichen Gefährten habe ich ganz vergessen. Erst als ich die Küchentür aufreiße, sehe ich, dass er nach wie vor da ist.
»Was willst du noch hier?«
Er lächelt mich an. »Ehrlich gesagt, wollte ich dich zum Frühstück einladen.«
»Nicht nötig. Übrigens, das gehört mir«, sage ich und deute auf das Handtuch.
»Und der mir«, entgegnet er und zeigt auf den Slip, den ich mir übergezogen habe. »Ist ein Männermodell.«
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihn wieder auszuziehen und ihn gegen das Handtuch einzutauschen.
»Außerdem wollte ich dir sagen, dass die Klospülung nicht funktioniert, ich könnte mir das mal …«
»Ich weiß. Bestimmt bist du ein begnadeter Installateur, trotzdem danke. Darum kümmere ich mich später selber.«
»Verstanden. Dann gehe ich jetzt.«
»Gute Idee.«
Ich setze mich auf den umgestülpten Wäschekorb neben der Heizung und warte, bis er sich angezogen hat.
Dabei denke ich an meinen Vater. Wo könnte er sich versteckt haben? Im Gegensatz zu meiner Familie halte ich einen Seitensprung bei ihm nicht für ausgeschlossen. Meine Mutter war gerade mal unter der Erde, als er Carola geschwängert und Alessia produziert hat. Natürlich kann sein Verschwinden auch andere Ursachen haben.
»Fertig.«
Mein unbekannter Gast ist angezogen und hat einen Trenchcoat über dem Arm.
»Bist du sicher, dass du nicht mit mir frühstücken willst? In der Bar vielleicht?«
»Ehrlich gesagt, fällt mir nichts ein, worauf ich leichter verzichten kann als auf eine überflüssige Unterhaltung mit einem Typen, den ich ganz bestimmt niemals wiedersehen werde.«
»Du bist echt die Liebenswürdigkeit in Person.«
Ich öffne die Tür, er geht zur Treppe, als mir etwas einfällt. »Das Fahrrad!«
Jetzt weiß ich wieder, wie wir uns kennengelernt haben. Es war bei einem Fest von Freunden, einem der Feten, wo man nicht recht weiß, warum man eigentlich hingegangen ist. Wir kannten uns zwar nicht, hatten jedoch irgendwann die gleiche Idee.
»Wollen wir gehen?«, fragte er.
Daraufhin quetschte ich mich sofort mit ihm in den Aufzug und antwortete: »Nichts wie weg!«
Draußen hatte es wie aus Kübeln geschüttet. Ein sintflutartiger Regenschauer, typisch für den späten Frühling.
»Hast du dein Auto hier in der Nähe stehen?«, hatte er gefragt und den Trenchcoat zugeknöpft.
»Ich bin mit dem Rad da.«
»Bei dem Unwetter kannst du nicht mit dem Rad fahren.«
»Wetten wir?«
»Besser nicht, sonst holst du dir noch den Tod.«
Ich zuckte mit den Schultern, aber im Grunde hatte er recht.
»Gut, dann rufe ich mir ein Taxi.«
»So ein Quatsch. Wo wohnst du? Wenn es nicht am Ende der Welt ist, bringe ich dich hin. Ich habe es nicht eilig, ein kleiner Umweg ist okay.« Er strahlte mich mit seinen tiefblauen Augen an. »Ich schwöre, dass ich kein Triebtäter bin.«
»Schade.«
Auf der Fahrt mischten sich Hagelkörner unter den Regen, die uns zu einem Zwischenstopp unter der Eisenbahnbrücke zwangen. Dort unterhielten wir uns eine Weile, über was, weiß ich nicht mehr. Wahrscheinlich über das Leben im Allgemeinen, so was in der Art, über die Arbeit, das Fest und die seltsamen Gäste. Irgendwie war es ganz amüsant. Dass ich nicht besonders aufmerksam war, lag wohl daran, dass ich gerade meinen Job gekündigt hatte.
An eine Sache allerdings erinnere ich mich gut. Ich habe ihn zuerst geküsst. Es ist einfach über mich gekommen, und es war schön. Genau wie alles Folgende. Nach oben gehen, sich ausziehen, streicheln und so weiter.
So war das gestern Abend, doch im Moment ist mir vor allem eins wichtig. »Mein Rad steht noch bei diesen Typen vor dem Haus. Kannst du mich schnell dort vorbeifahren?«
Bedauernd verzieht er das Gesicht. »Tut mir leid, ich habe wichtige Termine und muss dringend weg. Danke für den netten Abend, ich hätte mich gerne revanchiert.«
Er rudert mit den Armen, geht die Treppe hinunter und verschwindet.
»So ein Mist«, murmele ich, weil ich öffentliche Verkehrsmittel hasse.
Ich fahre nicht einmal gerne Auto und besitze keines, aber am meisten zuwider sind mir die Ausdünstungen schwitzender Menschen in Bussen oder Straßenbahnen. Wie jetzt, wo ich bis zu meiner Haltestelle an einem Fenster klebe. Zum Glück ist das Rad noch da.
Während ich durch einen Park heimwärts fahre, denke ich an meinen verschwundenen Vater. Meinen Zauberprinzen. An den Literaturprofessor, der seiner Tochter die Stücke von Shakespeare erzählt hat, als ob es Märchen wären.
Oben auf einem Hügel angekommen, bin ich völlig außer Atem. Ich schaue zum Himmel hoch. Die Kapuze meiner Regenjacke ist mir übers Gesicht gerutscht. Von den Bäumen im menschenleeren Park tropft die Traurigkeit, und ich lasse mich ins nasse Gras sinken.
Wie schnell das manchmal geht. Wie schnell Dinge zerstört werden können, selbst die mit einem festen Fundament wie der Liebe eines Vaters.
Es genügt manchmal ein Hauch, eine missverständliche Geste, deren Konsequenzen man nicht absehen kann. Genau das ist zwischen uns passiert. Etwas ist zerbrochen wie eine Vase, die man versehentlich anstößt und die in tausend Scherben zerspringt.
Auf dem Foto sind mein Vater und ich in Tiroler Tracht zu sehen. Er trägt einen grünen Hut mit Seidenband, ich eine rote Strickjacke, die vorne mit herzförmigen Knöpfen verschlossen wird, und glückstrahlend lächeln wir in die Kamera.
Ich bin etwa fünf Jahre alt, er ist über fünfzig, wobei er längst nicht so alt wirkt.
Die Gipfel hinter uns sind sehr hoch. Bestimmt waren wir gar nicht oben. Papa hat mich das nur glauben lassen durch seine Geschichten, in denen alles immer größer und schöner war als in Wirklichkeit und in denen er mir eine Welt voller Wunder vorgaukelte, mit leuchtenden Wäldern und fantastischen Tierwesen.
Als ich das Foto jetzt nach Jahren erneut anschaue, sind die Farben so verblasst, dass wir wie zwei Fremde aussehen, wie Personen aus einem alten Film, ein Vater und eine Tochter, die sich wirklich lieben.
»Hast du es entdeckt?«
Alessia steht auf der Türschwelle, in den Händen hält sie einen gebügelten und gestärkten Bettbezug, der wie neu aussieht.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich das Bild hier bei dir finde.«
Das Zimmer, in dem ich stehe, macht den Eindruck, als wäre noch nicht klar, was aus ihm werden soll. Im Augenblick ist es Büro, Kleiderablage und Bügelzimmer zugleich. Doch bald wird hier ein Baby einziehen. Ich seufze und denke, dass das vielleicht genau der richtige Ort für eine solche Aufnahme ist, eine Art Bermudadreieck des Lebens.
»Ich mochte das Foto immer, Papa sieht darauf ganz anders aus.«
»Na ja, er war eben jünger.«
»Es ist nicht allein das. Er wirkt so … entspannt. Man sieht, wie nah ihr euch gewesen seid. Ich kann mich nicht einmal an einen lächelnden Vater erinnern. In meiner Erinnerung war er immer ein alter Mann, der mein Großvater hätte sein können. Zudem war ich ohnehin Nummer zwei, du dagegen …«
»Sollte ich das Foto finden? War das deine Absicht?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Na gut, ich bin da und werde nach ihm suchen, egal was in der Vergangenheit gewesen ist. Lass uns lieber über das Geld sprechen.«
»Wie du meinst«, gibt sie leicht pikiert zurück und wirft das Bettzeug auf die Schlafcouch. »Geht es dir wirklich ausschließlich um Großmutters Geld? Du bist vor über zehn Jahren aus meinem Leben verschwunden, antwortest nicht auf Briefe, auf Einladungen … Damit du zurückkommst, muss erst etwas Schlimmes passieren. Dabei glaube ich langsam, das Erbe hat eine größere Rolle gespielt.« Sie schüttelt traurig den Kopf. »Du bist nicht mehr die große Schwester, die ich in Erinnerung habe.«
Statt darauf zu antworten, entscheide ich mich abzuwarten, und versuche die Schlafcouch auszuziehen. Es gelingt mir nicht.
»Du musst erst schieben und dann ziehen«, sagt Alessia und hilft mir.
»Danke«, sage ich.
»Keine Ursache.«
Höflichkeiten zwischen zwei Fremden.
Ich kann mich kaum mehr daran erinnern, dass es mal eine Zeit gab, in der wir uns sehr nahestanden und ich sie vergötterte. Selbst wenn man sich das heute kaum mehr vorzustellen vermag, war sie damals vor einundzwanzig Jahren mein Ein und Alles, etwas ganz Besonderes.
Sissy, meine kleine Prinzessin.
Vielleicht war daran auch die Tatsache, dass meine Mutter erst vor gar nicht so langer Zeit gestorben war, nicht ganz unschuldig. Ich brauchte etwas, das mir den Glauben zurückgab, überhaupt noch etwas empfinden zu können.
Für einen kurzen Moment war sogar mein Hass auf Carola verschwunden, denn sie hatte mir den Weg zu meiner kleinen Schwester geebnet, weil sie mich in der Klinik mit ihren riesigen, müden haselnussbraunen Augen angesehen und mir den Winzling entgegengestreckt hatte.
»Möchtest du sie halten?«
Obwohl ich den Kopf schüttelte, waren meine Arme weit geöffnet. Mein Körper hatte mich verraten, und als ich das Baby an mich drückte, spürte ich, wie Wärme sich in mir ausbreitete.
Bereits nach einem kurzen Augenblick begann ich darüber nachzudenken, was ich ihr einmal erzählen könnte, all die Geschichten, die ich als kleines Mädchen geliebt hatte. Den magischen Zauber des Universums wollte ich zum Leben erwecken, wäre nicht mehr Miranda, sondern Shakespeares Prospero.
Mein Vater, der ins Zimmer kam, beendete meine Träume und nahm mir Alessia ab. Warum, das weiß ich nicht. Jedenfalls schien er sie mir nicht zu gönnen.
»Wir wollen schließlich nicht, dass du ihr versehentlich wehtust, oder?«, sagte er, und als ob das nicht reichte, fügte er etwas hinzu, das fast wie eine Drohung klang: »Bald wird außerdem Großmutter hier sein …«
»Wir haben keine Ahnung, wo er sein kann«, sagt Alessia und bringt mich in die Gegenwart zurück.
Wir sitzen inzwischen am Tisch, zwei dampfende Teetassen stehen vor uns.
Sie leckt die Zuckerreste vom Löffel. »Mama und ich, wir haben anfangs gedacht, er würde in der Uni übernachten, er hat dort noch ein Zimmer, dann haben wir ebenfalls seine Freunde gefragt. Vergeblich, niemand scheint zu wissen, wo er ist.«
»Meint ihr, jemand weiß etwas und schweigt?«
»Du traust wirklich keinem, oder? Warum sollte er sich verstecken? Er ist weder auf der Flucht noch ist er ein Spion. Er ist unser Vater und ein emeritierter Professor für englische Literatur.«
»Oder der Mann, der seine Frau nebst Tochter für eine andere verlassen hat.«
»Mit zweiundachtzig? Mira, ihn hat eher Alzheimer als ein Hormonschub getroffen.«
Ich zucke mit den Schultern. »Alles ist möglich. Ihr habt mich um Hilfe gebeten, ich spiele alle Möglichkeiten mal durch«, verteidige ich mich und trinke einen Schluck Tee. »Köstlich, der ist nicht aus dem Supermarkt, oder?«
Alessia lächelt mich an. »Paolo hat ihn aus China mitgebracht, er arbeitet in einer Import-Export-Firma für Stoffe.«
Wow, muss toll sein, mit jemandem verheiratet zu sein, der nie da ist, schießt es mir prompt durch den Kopf, ohne dass mir eine kleine Gemeinheit rausrutscht.
»Hör mal, am Telefon hast du mir gar nicht gesagt, dass der Alte vor seinem Verschwinden verwirrter war als sonst«, weiche ich auf ein ernstes Thema aus.
»Kannst du mal aufhören, ihn der Alte zu nennen? Ich verstehe ja, wenn du nicht unbedingt gerne von Papa sprichst, aber dieser Siebzigerjahrejargon ist lächerlich. Sag einfach, was Sache ist.« Sie hält kurz inne, bevor sie ohne Aggression auf meine Frage wegen seiner Vergesslichkeit zurückkommt. »Es stimmt schon, dass er seit ein paar Tagen irgendwie seltsam war. Ich habe gedacht, er arbeitet vielleicht an einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, doch im Computer war nichts. Seit Großmutters Tod hat er nichts Relevantes mehr zu Papier gebracht.«
Ich umklammere meine Teetasse und muss plötzlich an die Beerdigung denken. Carola hatte mich informiert, nicht mein Vater. Obwohl ich Bescheid wusste, war ich nicht dort. Mein Fernbleiben lag daran, dass ich ihm nicht die Genugtuung gönnen wollte, mir vorzuwerfen, dass ich heuchlerisch und meine Trauer nicht echt sei.
»Das Einzige, was wir wissen«, unterbricht Alessia meine Gedanken, »ist die Tatsache, dass er sich in den Kopf gesetzt hatte, den Dachboden aufzuräumen, wo noch immer die Kisten mit Großmutters Sachen stehen. Allerdings glaube ich nicht, dass das wichtig ist«, fügt sie hinzu.
»Morgen schauen wir uns das genauer an.«
»Die Kisten?«
»Ja, irgendwo müssen wir ja anfangen.«
Als sich die Wohnungstür öffnet, fühle ich mich in eine griechische Tragödie versetzt, deren ersten Akt ich verpasst habe.
»Du, du …«, stammelt Carola, starrt mich an und bricht in Tränen aus.
Alessia sieht mich schief an. »Stell Wasser auf, wir machen ihr einen Kamillentee. Mama, Miranda ist hier, um uns zu helfen.«
»Und wegen des Geldes«, flüstere ich, als sie mich in die Küche schiebt. »Was ist daran verkehrt? Ich sage lieber gleich, was Sache ist, damit keine Missverständnisse aufkommen«, füge ich hinzu, mache mich los und drehe eine Runde durch das Arbeitszimmer und die anderen Räume, um mir ein Bild zu machen.
Verdammt, Papa, wo bist du?
Er hat dieser Wohnung so sehr seinen Stempel aufgedrückt, dass es fast wehtut, sie ohne ihn zu sehen. Seine Stifte, seine Pfeifen, die englischen Kupferstiche mit Jagdszenen an den Wänden. Wie kann er gleichzeitig hier und dennoch nicht hier sein? Im Bad stehen außerdem seine Zahnbürste und sein Aftershave.
Wenn ich einen Unfall oder sonst etwas Schlimmes ausschließe, dann müsste er sich spontan zum Weggehen entschieden haben. Aber um herauszufinden, wo er ist, muss ich mehr über das Warum erfahren.
»Denkst du, du wirst ihn finden?«
Der erste vernünftige Satz meiner Stiefmutter nach dem Kamillentee. Sie dreht ihre Ringe am Finger. Mitgefühl für sie vermag ich nicht zu empfinden.
»Ich kann’s versuchen.«
»Danke, dass du gekommen bist«, flüstert mir Alessia zu, als wir die Treppe zum Dachboden hochsteigen. »Ich weiß, dass es dir nicht allein um das Geld geht.«
Entschlossen sperre ich den Speicher auf und schalte das Licht an.
»Und jetzt zu uns beiden, Papa«, sage ich.
Im matten Schein der Glühbirne an der Decke wirken Großmutters Kisten wie Fossilien. Ich gehe näher und suche nach Spuren meines Vaters, womöglich nach einem Fußabdruck auf dem Boden, ohne etwas zu entdecken.
Ich öffne die erste Kiste, in der einige Kleidungsstücke und Taschen meiner Großmutter liegen, nichts hingegen, was mir bei der Suche helfen könnte.
Vielleicht muss ich über eine andere Taktik beim Suchen nachdenken, überlege ich, bevor ich die zweite Kiste öffne. Es kommt mir vor, als würde sich mir eine Faust in den Magen rammen, die mich zurück ins Jahr 2000 schleudert, in den letzten Sommer, den ich bei meiner Großmutter verbracht habe.
Damals, als ich durch den Bühnenvorhang suchend in den Saal spähte, spürte ich ebenfalls diese Faust im Magen und ich stand kurz vor einer Panikattacke.
Eine Dreizehnjährige, die etwas vorhatte, das über ihre Möglichkeiten hinausging. Auch wenn ich das seinerzeit nicht begriff.
Der Saal war voll besetzt, so erinnere ich mich jedenfalls, und ich blickte in unzählige unbekannte, neugierige Gesichter, die meisten lächelnd.
Es war der letzte Tag meiner Sommerferien, und ich suchte unter den Zuschauern meinen Vater, der versprochen hatte zu kommen. Nur für ihn hatte ich alles vorbereitet und betete, dass er rechtzeitig kam, um mich von Anfang an zu sehen, doch ich entdeckte ihn nicht. Bloß meine Großmutter, die in der fünften Reihe saß, auf dem Stuhl neben ihr stand ihre Krokodilledertasche. Damit hielt sie ihm den Platz frei, wofür ich ihr dankbar war, wenngleich unsere Beziehung in letzter Zeit schwieriger geworden war.
Bereits als ich an ihrem Wohnort aus dem Auto gestiegen war, hatte ich bemerkt, dass sie verändert war. Papa hatte mich gebracht wie jedes Jahr zu Beginn der Sommerferien, wenn die Luft erfüllt war vom Duft nach harzigen Seekiefern. Diese Szene wiederholte sich jeden Juni. Dieses Mal jedoch sah Großmutter ungepflegt aus, als würde sie etwas belasten und ihr schwer auf der Seele liegen. Immerhin duftete sie wie üblich nach Mitsouko, ihrem gewohnten Parfum, als wir uns umarmten.
Trotzdem war ich nicht glücklich, denn mir gefiel ganz und gar nicht, dass ich den ganzen Sommer dort bleiben sollte. Eigentlich hatte ich mir etwas Besonderes gewünscht als Belohnung für die Abschlussprüfung der Sekundarstufe. Vergeblich. Trotz meiner Proteste ging es mit dem Auto an die ligurische Küste, wo meine Großmutter seit einigen Jahren lebte. Direkt am Meer in einer kleinen Wohnung, die ihr als Altersruhesitz diente.
Um der Eintönigkeit zu entfliehen, ging ich ins Jugendzentrum der Kirchengemeinde, die Theateraufführungen veranstaltete. Ich durfte ein Stück aussuchen und Regie führen und entschied mich für Shakespeares Sturm, das ich meinem Vater als Spezialisten für englische Literatur widmen wollte.
Großmutter war einverstanden gewesen. Kein Wunder, es fiel ihr bestimmt nicht leicht, sich um eine pubertierende Enkelin zu kümmern, noch dazu einer, deren Mutter vor etwa drei Jahren gestorben war. Manchmal hatte ich den Eindruck, ihr auf die Nerven zu gehen.
»Woran denkst du bei diesem Theaterstück?«, hatte ich sie gefragt und sie gebeten, die Augen zu schließen. Ihre wunderschönen wassergrünen Augen, die ich leider nicht geerbt habe.
»Ach, ich hatte noch nie viel Fantasie …«
»Quatsch, komm, denk nach.«
»Also gut: Prospero und seine Tochter Miranda sind Flüchtlinge, sie haben Schreckliches erlebt, das Exil, den Hass der Familie. Deshalb wird Prospero aggressiv, traut keinem und sinnt auf Rache. Er hat Angst um Miranda, sie sind immerhin an einem unbekannten Ort und müssen vielen Herausforderungen begegnen.«
Ich dachte darüber nach. »Sehr gut!«
Sie hatte einen Aspekt von Prosperos Persönlichkeit genannt, auf den ich gar nicht gekommen war: Angst um einen Menschen, den er sehr liebte. Angst, die einen aggressiv macht wie in die Enge getriebene wilde Tiere.
Großmutter schien zufrieden zu sein, dass sie mir helfen konnte, und ich durfte in ihren Schränken nach geeigneter Kleidung für die einzelnen Rollen suchen. Ich fühlte mich wie in einer Schatzkammer. Sie hob alles auf, alle Souvenirs, alle Nippesfiguren, es war wie ein Kuriositätenkabinett. Plastikpüppchen, die die Augen öffnen und schließen konnten und eine Schürze mit dem Namen der Stadt, wo sie sie gekauft hatte. Modeschmuck, Schneekugeln, Stifte mit integriertem Thermometer, Plastikgondeln, Figuren, die von Zeit zu Zeit die Farbe wechselten und Glitzerstaub auf den Fingern zurückließen, wenn man sie angefasst hatte.
Vor allem hatte ich alles gefunden, was ich für die Aufführung brauchte. Ein Umhangtuch im Leopardenmuster als Mantel für Prospero, ein keckes Hütchen für Miranda und Bettlaken als Segel für das Schiff im Sturm. Ich konnte es kaum erwarten, meinem Vater all das zu präsentieren. Unsere Version von Shakespeares Theaterstück.
»Sind wir startklar, Miranda? Die Leute werden ungeduldig, und es ist heiß wie die Hölle.«
Diese Anspielung des Gemeindepriesters auf die Hölle entlockte mir ein Lächeln trotz meiner Angst. Meine Finger verkrallten sich im Vorhang, und ich ließ den Blick noch einmal über das Publikum schweifen.
Plötzlich war der eben noch voll besetzte Saal leer, zumindest kam es mir so vor. Für mich war niemand mehr da, denn der einzige Mensch, der für mich wichtig war, er war endlich eingetroffen.
»Wir können anfangen.«
Ich hatte die Hände angehoben, Zeige- und Mittelfinger formten einen Rahmen, durch den ich meinen Vater sehen konnte. Er tat das Gleiche, nachdem er mich hinter dem Vorhang entdeckt und die Hand gehoben hatte.
Wir schauten uns an.
Das Stimmengewirr und die Hitze spielten keine Rolle mehr. Ich war bereit.
Der Priester hatte den Vorhang aufgezogen, der Blick auf das Bühnenbild war frei: mächtige Wolken am dunklen Himmel. Ich hatte einen Polsterer überredet, mir seine Wollabfälle zu überlassen, im Gegenzug durfte er seine Flyer auf den Stühlen auslegen. Die Wolle hatten wir zu großen Wolken verarbeitet und auf die Kulissenwand geklebt, wo sie den Sturm symbolisierten und für die richtige Atmosphäre sorgten sowie für die magischen Kräfte der Geister, die Prospero heraufbeschwor.
Ich war sicher, meinem Vater würde es gefallen.
Allerdings war er im Halbdunkel wie alle anderen lediglich eine schattenhafte Silhouette, die ich nicht wirklich erkennen konnte. Selbst wenn ich ihn gerne besser gesehen hätte, störte mich das nicht. Genauso wenig ein kleiner Patzer, weil ich den Text nicht ganz korrekt wiedergegeben hatte. Ich war froh, dass der Sinn stimmte.
Mein Prospero sagte der Tochter und dem Publikum, dass der Sturm eine Illusion sei, er selbst habe den Spuk heraufbeschworen mithilfe der Magie, damit die Wahrheit ans Licht kam – die Wahrheit darüber, dass sein Bruder ihm den Thron geraubt und ihn ins Exil geschickt hatte.
Ich trug den Leopardenmantel, in den Großmutter Löcher für die Arme geschnitten hatte, und ließ meine Blicke stolz über das Publikum schweifen, nahm dabei schemenhaft wahr, wie jemand aufstand und dem Ausgang zustrebte.
Die anderen Darsteller waren ebenfalls nicht besonders gut, vergaßen noch öfter ihre Einsätze und ihren Text, einige wirkten sogar lächerlich durch eine völlig übertriebene Gestik. Trotzdem brach, als wir uns am Ende der Vorstellung an den Händen nahmen und uns verbeugten, ein Begeisterungssturm los.
Ob aus Überzeugung oder Erleichterung, dass es vorbei war, war nicht ganz klar.
Wie auch immer. Wenig später stürmten Eltern, Freunde und Angehörige auf die Bühne, um ihre Lieben zu beglückwünschen und zu umarmen. Ich selbst steckte im Flur fest.
»Das ist richtig gut gelaufen, oder? Was meinst du, Miranda?«, erkundigte sich der Priester. »Bist du zufrieden?«
Ich antwortete nicht, sondern stellte eine Frage. »Hast du meinen Vater und meine Großmutter gesehen?«
»Deine Großmutter ja, in Begleitung eines bärtigen Mannes. Ob das dein Vater war, weiß ich nicht.«
Warum war er nicht zu mir gekommen, schoss es mir durch den Kopf. Zunächst machte ich mir Sorgen, dann war ich verletzt. Warum hatte er mich ignoriert?
Zögernd öffnete ich die Ausgangstür. Es war später Nachmittag, die schräg stehende Sonne blendete, und ich musste die Augen zusammenkneifen. Als ich mich an das grelle Licht gewöhnt hatte, sah ich sie. Meinen Vater und meine Großmutter.
»Papa, warum bist du nicht zu mir gekommen?«, wollte ich wissen und bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ernstlich gekränkt war.
Die beiden drehten sich um, aber ich hatte das Gefühl, als hätten sie meine Worte gar nicht gehört.
»Papa komm, der Priester möchte dich kennenlernen.«
Zwar hatte er das nicht so direkt gesagt, doch ich war sicher, dass es ihm gefallen würde, mit meinem Vater ein paar Worte zu wechseln. Und natürlich hoffte ich, dass sie über mich sprechen würden.
Als er nichts sagte, mischte sich meine Großmutter ein. »Jetzt nicht, Mira.«
Ungläubig sah ich ihn an, spürte seinen Blick. Ich konnte es nicht beschreiben, wie unendlich weh er mir tat: die stechenden Augen, die buschigen Brauen, die angespannten Kiefermuskeln, die zusammengekniffenen Lippen und sein dunkler Bart. Ich verstand nicht, was das alles sollte, was an Geheimnisvollem dahintersteckte.
Mit einem Mal fuhr er mich unwirsch an: »Bist du endlich fertig?«
War das alles, was er mir zu sagen hatte?
»Ja, Alberto, sie ist fertig, lass uns schon mal zum Auto gehen.« Großmutter nahm ihn am Arm. »Miranda kommt später nach.«
»Was?« Mehr brachte ich aus Enttäuschung nicht heraus.
»Geh dich umziehen und deine Sachen holen. Dein Vater ist müde, wir fahren schon mal nach Hause. Du kommst dann zu Fuß nach.«
»Nein!«
»Schluss mit dem Theater. Tu einmal das, was man dir sagt.«
»Du meinst, was du mir befiehlst«, protestierte ich lautstark, »er hat nichts gesagt.«
Mein Vater hob den Kopf. »Hör auf zu schreien. Immer muss alles nach deinem Kopf gehen, du machst aus allem ein Drama, allein, um im Mittelpunkt zu stehen.« Er massierte sich die Schläfen. »Was für eine jämmerliche Aufführung, ich glaube, mir wird schlecht davon.«
Als meine Großmutter ihm über den Rücken streicheln wollte, drehte er sich weg.
»Geht es dir nicht gut?«, fragte ich besorgt und ging auf ihn zu, aber er schaute mich mit leeren Augen an und schrie: »Hau ab, hau endlich ab, verstehst du das nicht? Lass mich einfach in Ruhe.«
»Was hat er denn, Nonna?«
»Ihm gehen die Nerven durch. Geh jetzt, Miranda. Geh«, ermahnte sie mich, schob sich zwischen uns und drückte mich weg.
Daraufhin packte ich ihren Arm mit aller Kraft, hörte es knacken und sah das Gesicht meiner Großmutter zucken. Gleichzeitig öffneten sich ihre Lippen zu einem Schmerzensschrei.
Was hatte ich getan? Was war passiert?
In meinem Kopf drehte sich alles, meine Gefühle explodierten. Ich stürzte zu Boden, meine Finger krallten sich in den Kies, der sich blutrot färbte. Dass ich kurz davor gewesen war, einem Familiengeheimnis auf die Spur zu kommen, vergaß ich darüber.
Hier auf diesem Dachboden fühle ich mich in meine Kindheit zurückversetzt. Ich bin wieder dreizehn Jahre alt, fühle, dass mir einen Moment lang das Gesicht brennt und kratze mich an der Nase.
Alles Einbildung.
Am liebsten würde ich flüchten. Doch ich reiße mich zusammen, packe die Kiste aus und breite alles auf dem Boden aus: Sonnenbrillen, Seidentücher, kleine Bärchen, eine Perlenkette, höchstwahrscheinlich Modeschmuck.
Ich weiß nicht, was wahr ist und was nicht. Es sind zu viele Jahre vergangen, in denen ich die Gedanken an die Theatergeschichte verdrängt habe. Sie jetzt wieder aus ihrem Versteck zu holen, fällt mir schwer.
Bei aller Ungewissheit, eines steht fest: Großmutter und ich waren danach keine Freundinnen mehr.
Einen Augenblick verschwimmt alles vor meinen Augen. Nicht zum ersten Mal, denn ich habe niedrigen Blutdruck. Vielleicht bin ich zu schnell aufgestanden. Vielleicht. Aber um nicht kopfüber in eine Kiste zu fallen, muss ich mich an einem Wandregal abstützen und tief durchatmen, bis ich wieder ganz da bin.
Diese ganze Sucherei ist reine Zeitverschwendung und macht mir nur unnötigen Stress.
Ich werde Alessia und Carola sagen, dass ich nichts gefunden habe. Scheiß auf das Geld. Selbst wenn ich es gut brauchen kann, wiegt es diese Quälerei nicht auf. Ich will einfach nach Hause und mir die Decke über den Kopf ziehen. Außerdem taucht Papa bestimmt genauso wieder auf, wie er verschwunden ist, plötzlich und unerwartet, ohne irgendeine Erklärung abzugeben.
Gerade will ich mich vom Regal lösen, als ich etwas unter meinen Füßen spüre und ausrutsche. Da ich es in dem schummrigen Licht nicht richtig erkennen kann, bücke ich mich und greife danach.
Ein Blatt Papier, das sich unter dem Regal verfangen hat, eine herausgerissene Seite aus einem alten Schulheft. Ich sehe es ganz deutlich wie im Scheinwerferlicht.
I, you, he, she, it …
Eine unsichere Kinderschrift oder die Schrift einer Person, die den Stift nicht gut halten konnte. Oben rechts steht ein Datum: 18. November 1944.
Damals war mein Vater acht, es könnte also sein erstes Englischheft gewesen sein, wobei mich überrascht, dass in dieser Zeit Fremdsprachen gelehrt wurden, vor allem eine des Feindes. Ich drehe das Blatt um und lese einen Text, der mir die Sprache verschlägt.
My dearest Gemma,
it’s very hard to write these words …, to say goodbye to you.
As you know, I can’t stay any longer here in Sant’Egidio dei Gelsi, and I didn’t have the chance to say, what has to be said. I love you. I must go, if I want to survive. Otherwise I’d die like a Shakespearean Romeo. But I swear, that I will come back for you. For you and Alberto.
Please keep an eye on him. He is in great danger. More than you and I. He’s only a kid, he knows nothing of the war … Because Lieutenant Bonfanti has taken him under his wing, I fear for the consequences. For him and for you too. Please, try to talk to Anna … I was unfair to her, she’s a good girl, but too reckless to understand the real brutality of this war. Don’t doubt even for a moment that I won’t come back. I will come back. Because I love you.
Yours
Philip
Das Erste, was mir in den Sinn kommt, als ich diese Zeilen lese, ist, dass Gemma meines Wissens keine höhere Schulbildung hatte, und trotzdem schrieb dieser Philip ihr auf Englisch. Gab es womöglich Geheimnisse um meine Großmutter?
Zwar bin ich ziemlich verwirrt, doch so merkwürdig das Ganze ist, etwas sagt mir, dass ich auf der richtigen Spur bin. Ich schichte die Kisten und Kartons wieder auf und verschließe das Vorhängeschloss zum Dachboden mit zitternden Fingern.
Vielleicht ist es ja nicht mehr als eine fixe Idee und einen Versuch wert. Vielleicht ist dieser Brief ja der Schlüssel zu einer Lösung und gibt meinen Bemühungen einen Sinn. Nur welchen?
Da ist irgendetwas, an das er mich erinnert wie ein fernes Echo.
Als ich unten ankomme, lächelt Alessia mich an. »Hast du etwas gefunden?«
»Kann sein. Wie geht es deiner Mutter?«
»Sie hat ein Beruhigungsmittel genommen und schläft.«
Ich deute auf Papas Büro zum Zeichen, dass sie mit mir dort hineingehen soll, weil ich versuchen will herauszufinden, wer Philip ist. Und wer die Leute sind, über die er schreibt.
»Gibst du mir das Passwort?«, frage ich Alessia, als der Computer hochgefahren ist.
»Miranda. Was hast du denn gefunden, warum bist du so aufgeregt?«
»Jetzt nicht, Sissy, ich muss erst etwas recherchieren. Sag mir jetzt das Passwort?«
»Na, Miranda. Zumindest war das sein letztes Passwort.«
Die Lippen angespannt zusammengepresst, tippe ich mit banger Erwartung meinen Namen ein und starre auf den Bildschirm.
»Was hast du gefunden, sag!«
»Bislang gar nichts.«
Ich ziehe den Brief aus der Tasche und streiche über das Papier, als ob das etwas klären würde. Meine Schwester beugt sich über mich, ihr Bauch streift meine Schulter.
»Setz dich neben mich, das ist bequemer«, fordere ich sie auf und ziehe die Tastatur näher zu mir heran.
Sie lacht. »Keine Sorge, ich bekomme keinen vorzeitigen Blasensprung, wenn ich mal fünf Minuten stehe.«
»Was weiß ich?«, erwidere ich und öffne den Verlauf.
»Eben, was weißt du überhaupt.«
Ich seufze. »Hör mal, hat Papa jemals einen Engländer erwähnt, den er als Kind gekannt hat? Einen gewissen Philip?«
Alissa schaut erst mich, dann den Brief an, auf den ich deute.
»I love you! Ob das vielleicht von unserem unbekannten Großvater ist?«
»Eher nicht, immerhin war Papa da bereits auf der Welt, hier, er erwähnt ihn sogar.«
»Wer soll dieser Philip sonst sein? Nonna hat ihn nie erwähnt, soweit ich mich erinnere.«
»Großmutter hat nie jemanden aus ihrer Vergangenheit erwähnt. Man könnte glauben, dass Papa durch künstliche Befruchtung zur Welt gekommen ist.«
»Ich glaube nicht, dass man damals …«
»Das habe ich natürlich nicht ernst gemeint, Papa war ein uneheliches Kind. Als du geboren wurdest, war Großmutter schon alt, ich hingegen kenne sie noch als wunderschöne Frau. Sie hatte sicher viele Verehrer, und wahrscheinlich war sie nicht so tugendhaft, wie sie uns glauben machen wollte.«
Alessia senkt den Kopf. »Du lässt wirklich keine Gelegenheit aus, mir klarzumachen, dass ich für alles Wichtige zu spät auf die Welt gekommen bin.«
»Jetzt hör bitte auf!«
Beleidigt schweigt sie. Endlich, denn ihr larmoyantes Gerede, das voller Selbstmitleid ist, nervt. Nach einer Weile fängt sie sich, stellt diesmal allerdings eine vernünftige Frage.
»Und diese Anna? Hast du von der mal gehört?«
Das ist es. Anna.
Ich erinnere mich an einen seltsamen Anruf aus jenem Sommer, den ich entgegengenommen habe. Er war für Großmutter. Wir saßen am Tisch, einzig das Geräusch der Nähmaschine war zu hören. Ich half Großmutter, die für mich ein Arielle-Kostüm nähte, und tackerte Bonbonpapierchen an.
Als das Telefon klingelte, war ich schneller.
»Hallo?« Keine Reaktion.
Ich fragte noch einmal: »Hallo?«
Als ich gerade auflegen wollte, hörte ich eine Frauenstimme. »Gemma?«
»Nein, ich bin Miranda, ihre Enkelin.«
»Kann ich mit Gemma Dallacqua sprechen?«
Großmutter war aufgestanden. »Wer ist es denn, Mira?«
»Wer ist da?«, gab ich ihre Frage weiter. »Ich weiß es nicht, Nonna, vielleicht eine Freundin von dir?«
Sie griff nach dem Hörer und fragte: »Anna?«
Dann räumte sie einen Sessel frei, setzte sich und wandte sich an mich. »Mira, kannst du bitte Eier kaufen gehen? Heute Abend machen wir Zucchiniomelette.«
»Es ist gleich sieben.«
»Wenn du dich beeilst, hat der Supermarkt noch offen«, sagte sie und verzog das Gesicht.
Fast zwanzig Jahre ist das her, jetzt plötzlich ist sie wieder da. Ich berichte meiner Schwester von dem Telefongespräch und gebe Anna ins Suchfeld ein.
Ich bin enttäuscht. Das Einzige, was der Computer meines Vaters hergibt, ist eine sieben Jahre alte Recherche nach Anna Stuart, Königin von England, Schottland und Irland von 1702 bis 1714.
Wer also war diese Anna, die in dem Brief als reckless, als leichtfertig, bezeichnet wird. Könnte es die Frau sein, mit der Großmutter in jenem Sommer telefoniert hat, als ich dreizehn war?
»Ehrlich, ich habe keine Ahnung, um wen es sich gehandelt hat«, versichere ich meiner Schwester, »die Frau hat sich am Telefon nicht vorgestellt, sondern nach unserer Großmutter gefragt. Ich mache einen neuen Versuch im Internet.«
Dutzende von Einträgen poppen auf, alle haben mit dem Namen zu tun, den ich gerade eingegeben habe.
Mein Herz beginnt schneller zu schlagen.
»Vielleicht habe ich mich mit dem Brief doch nicht getäuscht. Sant’Egidio dei Gelsi. Papa hat in der letzten Woche nach genau diesem Ort gesucht.«