Cover

Zum Buch

Staatsfeind Nummer 1 zu sein ist nicht leicht. Das gilt auch dann, wenn dieser Staat einer der kleinsten der Erde ist: das Fürstentum Liechtenstein. Johann Kaiser, Sohn eines Fotografen, Weltenbummler, Meister der Manipulation, lebt unter falschem Namen an einem unbekannten Ort. Mit dem Verkauf gestohlener Kundendaten einer großen Bank hat er so gut verdient, dass es sich unbesorgt leben ließe – wären da nicht die Verleumdungen aus seiner Heimat, die aus ihm einen Verräter machen wollen. Im Versuch, die Deutungshoheit über sein Leben zurückzuerlangen, greift Johann zu Stift und Papier.

Es sind die fiktiven Aufzeichnungen eines aberwitzigen Lebens: von einem Kinderheim in Schaan über eine Eliteschule in Barcelona bis in ein Verlies in Argentinien – die Geschichte von Johanns Suche nach sich selbst. Diese Geschichte erzählt von Erpressung, Geldwäsche und Größenwahn. Und sie erzählt davon, wie Johann eines Tages dieses Land in den Alpen für immer verlassen muss, ohne ihm je zu entkommen.

»Diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, die mich tot sehen wollen.« Johann Kaiser

Zum Autor

BENJAMIN QUADERER, geboren 1989 in Feldkirch, Österreich, und aufgewachsen in Liechtenstein, studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim und in Wien. »Für immer die Alpen« ist sein erster Roman.

Benjamin Quaderer

FÜR IMMER DIE ALPEN

Roman

Luchterhand

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Der Autor dankt der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, der Kulturstiftung Liechtenstein wie dem Amt für Kultur Liechtenstein für die Unterstützung der Arbeit an diesem Buch.

Copyright © 2020 Luchterhand Literaturverlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Covergestaltung: buxdesign, München

unter Verwendung einer Illustration von Ruth Botzenhardt

ISBN 978-3-641-24964-9
V004

www.luchterhand-literaturverlag.de

Für Angelika

»Wenn man aus einem kleinen Land stammt, ist man so gut wie überall auf der Welt im Ausland. Man ist gewissermaßen … ein verschwindendes Ereignis.«

Hans-Jörg Rheinberger

Mein Name war einmal Johann Kaiser. Wahrscheinlich haben Sie von mir gehört. Ich bin vierundfünfzig Jahre alt, von Sternzeichen Widder und lebe unter neuer Identität an einem Ort, von dem ich zu meinem eigenen Schutz nicht erzählen darf. Sagen kann ich nur so viel: Es gibt hier Wolken und Bäume, Gras gibt es und Tiere, die das Gras fressen. Fließend Wasser und Strom existieren hier genauso, wie die Sonne es tut. Man lebt hier in Häusern. Häusern mit Dächern und Fenstern, mit Balkonen oder Veranden. Die durchschnittliche Anzahl an Stockwerken beträgt zwei, das Kellergeschoss nicht eingerechnet, da es nicht als Wohnfläche dient, sondern als Lagerfläche genutzt wird: für Lebensmittel, lichtempfindliche Materialien und Geheimnisse aller Art. Auch ich lebe in einem solchen Haus. Ich schlafe und dusche und arbeite hier.

Abgesehen vom Gezwitscher der Vögel und den Geräuschen, die ein Baum macht, wenn er von einer Windböe erfasst wird, ist es still in der Nachbarschaft. Es leben überwiegend Familien hier. Die Rasenmäher-Roboter, in deren Besitz die meisten Haushalte sind, zeichnen sich neben der Sorgfalt, mit der sie das Gras schneiden, durch ihre Lautlosigkeit aus. Wenn ich morgens das Frühstück vorbereite, bewegen sie sich bereits wie elektrische Maulwürfe über die angrenzenden Grundstücke. Ich mag die Strenge, die in ihren Bewegungen liegt, die geometrischen Figuren, denen sie folgen.

Ich koche ein Ei und toaste zwei Scheiben Brot, die ich mit einer dünnen Senfschicht bedecke und mit Käse, Tomate und Avocado belege. Ich stelle ein Glas Orangensaft, eine Tasse Kaffee, die Brote und mein iPad auf das Tablett mit den aufgedruckten Pfirsichen und trage es auf die Veranda. Während ich esse, gehe ich die Tageszeitungen durch. Ich lese: Le Monde, The Guardian, The Sun, New York Times, El País, Frankfurter Allgemeine Zeitung, BILD, Süddeutsche, Neue Zürcher Zeitung, BLICK, Tagesanzeiger, Liechtensteiner Volksblatt, Liechtensteiner Vaterland, Der Standard und donnerstags zusätzlich DIE ZEIT. Die Artikel meinen Sachverhalt betreffend speichere ich als pdf im Ordner ›Ich‹ ab. Ich räume Besteck und Teller in die Spülmaschine, in der sich noch das dreckige Geschirr vom Vorabend befindet, nehme einen Tab aus der Packung und wähle das passende Programm. Meistens entscheide ich mich für ›Automatisch‹, selten für ›Delikat‹, nie für ›Fein‹. Wie herrlich der Geschirrspüler rauscht. Ich weiß, dass ich aufpassen muss, mich nicht an die Dinge zu gewöhnen, die mich umgeben. Zu starke emotionale Bindungen, egal ob zu Menschen oder zu Gegenständen, hinterlassen nach deren Auflösung nichts als Leere.

Über die Menschen, die vor mir in diesem Haus gelebt haben, kann ich keine Aussagen treffen. Man hat große Mühe darauf verwendet, alle Rückstände, die auf mögliche Vormieter verweisen, zu entfernen. An den Möbeln lassen sich keine Gebrauchsspuren feststellen, die Wände sind sauber gestrichen, und sollte es darin einmal Löcher gegeben haben, sind sie so gut verputzt, dass ich nicht sagen kann, an welcher Stelle sie sich befunden haben könnten. Es gibt eine mit qualitativ hochwertigen Geräten ausgestattete Küche, in der ich koche, ein Wohnzimmer, in dem ich sitzen und mich ausruhen kann, ein Bad, in dem ich mich mehrmals täglich wasche, ein Schlafzimmer, in dem ich schlafe und masturbiere, einen Keller, den ich nicht nutze, zuletzt ein geräumiges Zimmer unter dem Dachstuhl, das ich zu einem Büro umfunktioniert habe. Dort oben ist es so leise, dass ich nur die Geräusche höre, die ich selber verursache: meinen Atem, das Blättern in einem Buch, das Spitzen eines Bleistifts wie das Schreiben mit diesem in ein Notizheft, das Ausschneiden von Papier, das Lochen desselben und sein späteres Ablegen in einem Aktenordner, das Tippen auf einer Tastatur.

Aufgrund meiner beruflichen Situation habe ich mich während der letzten Jahre dazu gezwungen gesehen, meinen Aufenthaltsort regelmäßig zu wechseln. Das letzte Mal vor ein paar Monaten. Ich befand mich in einem Café, in dem es den besten Espresso gibt, den ich jemals getrunken habe, und las wieder einmal in Das Verschwinden der Daten1, dem Buch des Kriminalpsychologen Dr. Jan Mayer, in dem er unsere Begegnung in fiktionalisierter Form wiedergibt. Ich heiße dort Marius Fritz. Am Nebentisch saß eine Dame Mitte vierzig, die in der hiesigen Zeitung blätterte. Seit ich denken kann, interessiere ich mich für zwielichtige Menschen, weshalb die Schlagzeile, die ich auf der Rückseite las, mein Interesse weckte. ›Would You Trust This Man?‹, fragten die Zeitungsredakteure ihre Leserinnen und Leser, doch konnte ich nichts weiter erkennen, da die Hand der Dame das Foto verdeckte. Als ich die Zeitung am nächsten Kiosk kaufte, wusste ich noch nicht, dass es der letzte Espresso gewesen sein sollte, den ich in diesen Breitengraden getrunken habe. Der Mann, nach dessen Vertrauenswürdigkeit die Zeitung fragte, war ich.

Aufgelöst stieg ich in den Camper und fuhr ewig sich dahinziehende Straßen entlang, bis die Sonne am Horizont verschwunden war. Erst nach Stunden legte ich einen ersten Halt auf dem Parkplatz eines Supermarkts ein und wählte die Nummer, welche man mir für Fälle wie diesen zu wählen aufgetragen hatte. Ich zitterte am ganzen Körper. Die Stimme der Verbindungsperson war ruhig und kühl. Ich stellte mir vor, dass sie Anzug und Sonnenbrille trug. In ihrer Unaufgeregtheit lag etwas Arrogantes, etwas Besserwisserisches, das mich fuchsteufelswild werden ließ.

»Ja, verdammt«, rief ich in den Hörer, »bin ich denn nirgendwo sicher?«

Ich warf meine Stirn gegen den Lenker und weinte. Alles kam wieder hoch. Die Folter in Argentinien, meine Flucht durch Europa und nicht zuletzt die Lügengeschichten derjenigen, die mich als Verräter zu brandmarken versuchen. Man schafft es doch einfach nicht zu entkommen, dachte ich verzweifelt. Sich selbst nicht, vor allem aber nicht Hans-Adam II. und seinen Schergen.

Seit dem Einzug in dieses Haus bin ich noch vorsichtiger geworden. Zu meinen Nachbarn pflege ich ein freundschaftliches, aber distanziertes Verhältnis. Sie glauben, dass ich in der sogenannten ›IT-Branche‹ arbeite. Ich achte darauf, mich regelmäßig, aber nicht zu oft sehen zu lassen. Wir winken uns über die Hecken hinweg zu oder führen kurze Gespräche. Ansonsten verlasse ich das Haus nur selten. Um im Schwimmbad meine Bahnen zu ziehen, Dokumente zur Post zu bringen und kleinere Einkäufe zu erledigen. Milch, Bananen und Minze kaufe ich jeden Tag frisch. Sonst arbeite ich. Die erste Hälfte des Tages verbringe ich mit Lesen und dem Anfertigen von Exzerpten, während ich mich nach einem leichten Mittagessen ganz dem Text widme. Es ist der Gewissenhaftigkeit des Wissenschaftlers und dem Ehrgeiz des Schriftstellers geschuldet, dass ich viel Zeit darauf verwende, schlüssige Argumente in Sätze zu bringen, welche die Leserinnen und Leser direkt in ihr Herz treffen. Ein Satz ist je schöner, desto mehr Wahrheit er enthält.

Trotz der Gefahr, der ich permanent ausgesetzt bin, und der daher gebotenen Eile, habe ich es mir nicht nehmen lassen, Quellen zu recherchieren und anzugeben, wo Quellen vorhanden sind. Um verstehen zu können, wieso ich gehandelt habe, wie ich gehandelt habe, muss ich nicht nur ein umfassendes Bild meiner Person und meiner Lebensgeschichte, sondern gleichzeitig der Rahmenbedingungen zeichnen, in denen ich mich hin und her geworfen fand wie eine Kugel in einem Flipperautomaten. Denn diese Geschichte, meine Geschichte, ist alles, was mir geblieben ist, um mich gegen diejenigen zu verteidigen, dich mich tot sehen wollen.

Eine angenehme, aber aufrüttelnde Lektüre wünscht herzlich,

Ihr Johann Kaiser

DAS ERSTE BUCH

(1962 – 1971)

0.

Im September 1962 machte Alfred Kaiser, ein junger Amateur-Fotograf aus dem Fürstentum Liechtenstein, Urlaub am Strand. In Badalona, einem Vorort von Barcelona, kaufte er ein paar Büchsen Bier, setzte sich auf eine Mauer an der Strandpromenade und schaute hinaus auf dieses ewige, mit dem Horizont verschwimmende Blau. Über ihm zogen schreiende Möwen ihre Kreise und vor ihm leuchteten neonfarbene Badeanzüge im Sand. Gewohnt, von Bergen umgeben zu sein, die der Landschaft klare Konturen verleihen und trennscharf festlegen, wo etwas anfängt und etwas anderes aufhört, musste er feststellen: Der Anblick des Meeres machte ihm Angst. Er trank sein Bier leer und flüchtete in die Dunkelheit eines Cafés, dessen dunkelblaue Markise ihn anzog. Es roch nach abgestandenem Rauch und Friteusenfett, ein paar Spanier spielten Billard und Alfred trank einen Schnaps nach dem andern.

Als er am nächsten Morgen erwachte, hämmerte es in seinem Kopf, als würde darin eine Straße gebaut. Alfred befand sich in einem Raum, in dem es nichts anderes gab als die Matratze, auf der er lag. Es zog fürchterlich. Erst erkannte er, dass die Wände unverputzt waren, dann, dass der Raum über keine Fensterscheiben verfügte, dann, dass die Aussicht atemberaubend war. Im wievielten Stock befand er sich wohl? Alfred machte ein Foto. Dem Geräusch der Kamera zufolge musste er im Verlauf der letzten Nacht einen kompletten Film leergeknipst haben. Nachdem er das Gerippe von Hochhaus verlassen und ein kleines Mittagessen zu sich genommen hatte, begab er sich auf die Suche nach einem Fotogeschäft. Dann schlenderte er durch die Straßen, aß hin und wieder ein Eis, abends sah er in seinem Hotelzimmer fern.

Ein paar Tage später hielt Alfred die besten Fotos in den Händen, die er jemals geschossen hatte. Auf den ersten zwei Bildern waren junge Männer zu erkennen, die mit zerbrochenen Billard-Queues aufeinander losgingen. Die nächsten zeigten einen auf einem Steinboden zu Bruch gegangenen Ventilator; eine mit Lichtflecken bedeckte Theke; kartenspielende Männer, die Strohhüte trugen; mehrere Hummer in einem Aquarium; einen im Blitzlicht fotografierten Hund, der an ein umgedrehtes Tretboot gelehnt schlief; den Schriftzug seines eigenen Namens in Sand. Auf den restlichen Fotos war eine schwarzhaarige Frau abgebildet, deren Alter Alfred nur schwer schätzen konnte. Sie konnte fünfzehn sein, vielleicht neunzehn, genauso gut fünfundzwanzig. Sie hatte feine Gesichtszüge, einen schlanken, fast zerbrechlichen Körper, doch ihr Blick zeugte von Härte. Auf dem Bild, das Alfred für das gelungenste hielt, zog sie ihr lachsfarbenes Top, das die gebräunte Haut herrlich kontrastierte, im Licht einer Straßenlaterne bis über den Bauchnabel hoch. Aus dem Bildmaterial zog Alfred zwei Schlüsse: Erstens musste er sein Hobby zum Beruf machen und professioneller Fotograf werden. Zweitens musste er diese Frau finden.

Erst am vorletzten Tag seines Aufenthaltes hatte Alfred Erfolg. Die Inhaberin einer Eisdiele wusste, dass die fotogene Frau in einer Markthalle außerhalb Badalonas arbeitete. Er nahm den Bus, der ihn an die Stadtgrenze brachte, von dort aus ging er zu Fuß, bis er vor einer Halle stand, durch deren Tor er Menschen ein und aus gehen sah. Er schritt zwischen den Ständen hindurch und hielt Ausschau nach ihr. War sie das? Vorsichtig trat er näher, begutachtete die Aprikosen in der Auslage und wog eine davon in der Hand. Erst als er in wütendem Spanisch angeherrscht wurde, merkte er, dass seine Hand klebrig war. Eilig suchte er in seiner Tasche nach Kleingeld, um die zerdrückte Frucht zu bezahlen, wurde aber schon an der Schulter gepackt und zur Seite gedreht, bevor er sein Portemonnaie fand. Das war sie! Wie sie auf ihn einredete, schien sie sich an ihn zu erinnern. Alfred lächelte. Die Frau gab ihm eine Ohrfeige. Ihre Hand war ganz warm.

Auf der Fahrt nach Badalona sprachen sie kein einziges Wort. Am Busbahnhof angekommen, deutete die Frau auf eine Bar, die sich am Ende des Parkplatzes befand. Sie setzten sich an einen Tisch in der Ecke, ein Mann brachte Bier, und sobald ein Glas leer war, stellte er ein volles daneben. Warum nimmt der Kellner die leeren Gläser nicht mit, versuchte Alfred seine Begleitung zu fragen, doch dazu reichte sein Spanisch nicht aus. Er schwieg, sie schwieg, vier leere Gläser, zwei volle, die Frau legte die flache Hand an den Brustkorb und sagte: »Soledad.« »Alfred«, sagte Alfred. Sechs leere Gläser, dann acht, plötzlich zehn, Soledad erhob sich und sagte: »Tú.« Fragend sah Alfred sie an. »Pagar«, sagte sie und Alfred bezahlte. Zum Abschied kam es in dieser Nacht nicht. Verlegen stand Alfred unter einer Laterne, als Soledad ihn in einen Hauseingang zog. Er folgte ihr ein heruntergekommenes Treppenhaus nach oben, und als sie die Einzimmerwohnung betraten, deutete Soledad auf die Liege an der Wand.

Nach seiner Rückkehr in den Kleinstaat hielt man Alfred für verändert. Die Überraschung war groß, als man hörte, der sonst so Leidenschaftslose habe sich als Fotograf beim Liechtensteiner Volksblatt beworben. Die noch größere Überraschung war, dass der Nichtsnutz die Stelle bekam. Der Briefträger erzählte von Briefen mit spanischem Poststempel, die Alfred, dem vorher nie jemand Briefe geschrieben habe, seit ein paar Wochen erreichten, und am Stammtisch des Café Matt munkelte man, der Gottlose habe in Spanien zum Glauben gefunden. Anders seien die Besuche, die Alfred dem Pfarrer seit seiner Ankunft abstatte, nicht zu erklären. Doch die Gründe für Alfreds Besuche waren profaner. Der Pfarrer, der einige Jahre auf Mission in Guatemala verbracht hatte, sprach Spanisch. Er übersetzte Alfred die Briefe, die Soledad schrieb, und antwortete in Alfreds Namen. Soledads »Ich bin schwanger« übersetzte der Pfarrer mit: »Ich kann es nicht abwarten, bis wir uns wiedersehen, mein Schatz«, und aus Alfreds »Ich sehne mich nach deinen Schenkeln« machte der Pfarrer: »Ich lade dich ein, zu mir nach Mauren zu kommen.« Dass sie das Kind nicht behalten werde und er ihr Geld schicken solle, erwähnte er Alfred gegenüber als »eine Reise nach Liechtenstein kann ich mir nicht leisten«, und Alfreds »Ich will dich« formulierte er um zu: »Ich werde gut für dich und das Kind sorgen.« Alfred setzte seine Unterschrift unter die Zeilen, legte dem Schreiben ein Zugticket bei und brachte den Umschlag zur Post.

Bis zu ihrer Hochzeit im Mai 1963 sprachen Soledad und Alfred nur wenig. Ein Monat, nachdem Pfarrer Ritter ihnen das Eheversprechen abgenommen hatte, gebar Soledad zwei Kinder. Die Zwillinge Luise und Lotte sahen sich so ähnlich, dass Alfred Mühe hatte, das eine vom anderen Mädchen zu unterscheiden. Während er durch den Kleinstaat zog, um bei diversen Veranstaltungen zu fotografieren, kümmerte sich Soledad um Haushalt und Kinder. Sie lernte die Sprache schnell, und als sie die Möglichkeit hatte, Gespräche mit ihrem Ehemann zu führen, stellte sie fest, dass es besser war, auch in Zukunft nonverbal zu kommunizieren. Es war eine Spezialform des Magnetismus, die ihre Beziehung bestimmte. Die Anziehung, in der ihre Körper aufeinander wirkten, schlug in Abstoßung um, machte einer der Körper von seiner Stimme Gebrauch. Als Resultat aus Ersterem erblickte in der Nacht des 31. März 1965 um 02:33 Uhr im Landesspital Vaduz ein großgewachsener Junge das Licht der Welt. Dieser Junge war ich.

1.

Wie kalt die Welt war. Wie ungemütlich und trist. Das Licht im Kreißsaal war schwach, Regentropfen schlugen gegen die Fenster. Alfred saß am Bett und hielt sich das Bein. In einem Anflug schweren Ärgers hatte er gegen den Kaffeeautomaten im Flur des Landesspitals getreten, weil der sein Geldstück verschluckt hatte, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Im Versuch, mich zum Lachen zu bringen, beugte er sich über mich und schnitt eine Grimasse. Vor lauter Entsetzen, dass ich mit diesem Menschen den Rest meines Lebens verbringen würde, stieß ich einen Schrei aus, der die Scheiben in den Fensterrahmen zum Schwingen brachte. Der Schrei echote sich aus dem Gebäude hinaus, umschwirrte die Spitze des Kirchturms und rang der Glocke darin zwölf Schläge ab. Durch den Türschlitz drang er in das Regierungsgebäude – das Gute an Vaduz ist seine Kompaktheit, alles liegt unmittelbar nebeneinander –, fegte durch den Landtagssaal und verschaffte sich Zutritt zum Büro von Regierungschef Dr. Gerard Batliner, der mit der Stirn auf der Tischplatte schlief. Als mehrere Aktenordner aus dem Regal fielen, erwachte Dr. Batliner und wusste nicht, wer er war. Der Schrei johlte hinaus in die Hauptstadt, ließ die Scheiben des Juweliers Huber zu Bruch gehen und raste den Hang hoch, bis er das auf einer Felsterrasse thronende Schloss erreichte. Er drang durch die schweren Gemäuer, jaulte im Keller an den Schätzen der Fürstenfamilie vorbei, den Picassos und Rembrandts, den Cranachs und Botticellis, ehe er in einem der oberen Gemächer das träumende Fürstenpaar von und zu Liechtenstein in einem Himmelbett liegen fand. Fürst Franz Josef II. umarmte Fürstin Gina im Schlaf, er war das kleine Löffelchen, sie das große, dann fegte der Schrei an den schlafenden Prinzen und Prinzessinnen vorbei ins Zimmer des ältesten Sohnes und Thronfolgers Hans Adam II. Dieser erwachte, hörte den Schrei rumoren und zog die Bettdecke bibbernd bis über den Nasenrücken hoch. Der Schrei entschwand hinaus in die Nacht, stieg bis an den höchsten Punkt des Kleinstaats, 2599 Meter lag der Gipfel des Grauspitz über dem Meer, ehe er in tosender Lautstärke explodierte. Sein Echo hörte man noch lang in den Tälern: der Datendieb, der Datendieb ist geboren.

»Ein typischer Widder«, sagte die Hebamme lächelnd. Alfred stand beleidigt am Fenster. Der Himmel riss auf und gab die Sicht auf einen sichelförmigen Mond frei, der den Kreißsaal in silbernes Licht tauchte.

»Das ist interessant«, sagte die Hebamme und deutete in den Sternenhimmel: »Sehen Sie nur, Herr Kaiser, im zweiten Haus, dem Haus des Stieres, ist eine große Konzentration von Planeten zu beobachten.«

»Ah ja«, sagte Alfred.

»Sie müssen wissen, dass das zweite Haus die Welt der konkreten Gegenstände symbolisiert. Mond, Venus, Saturn und der Kleinplanet Chiron sind in dieser Nacht anwesend.«

Alfred nickte lustlos.

»Der Mond«, erklärte die Hebamme, »steht für Besitz und Beständigkeit. Die Venus deutet auf Geschäftstüchtigkeit, aber auch Sinnlichkeit hin, Saturn ist ein Zeichen von Sparsamkeit, und Chiron steht für Ehrgeiz und das Bedürfnis nach Sicherheit.«

»Soso«, sagte Alfred.

»Wenn wir den Sternen Glauben schenken dürfen, wird der kleine Johann viel Energie darauf verwenden, Besitz anzuhäufen.«

Alfred horchte auf.

»Johann wird ein sparsamer Mensch sein«, sprach die Hebamme weiter, »der durch harte Arbeit zu viel Geld kommen wird.«

Alfred suchte nach meiner Hand. Die Hebamme lächelte wissend. Wie recht sie mit ihrer Voraussage haben würde, sollte sie nicht miterleben. Drei Jahre nach meiner Geburt kam sie bei einem Skiunfall in den Schweizer Alpen ums Leben.

Das Zimmer, das ich in den ersten Jahren bewohnte, war in hellblauer Farbe gestrichen, hinter der man den vormaligen Rosaton noch sachte durchschimmern sah. In der Mitte des Raumes stand ein von Holzstäben umgebenes Bett, die mir bis an die Decke zu ragen schienen. Dort lag ich und beobachtete die Schatten der Äste, die sich über die zugezogenen Vorhänge bewegten. Es war wie in Platons Höhlengleichnis.2 Während die wirkliche Welt in allen erdenklichen Farben außerhalb meines Zimmers blühte, blieb mir, dem im Gitterbett gefangenen Menschen, nichts anderes übrig, als mich mit ihren Abbildern zu begnügen. Mit farblosen, traurigen Schatten.

Am Tag war es hell und in der Nacht wurde es dunkel. Obwohl ich in den vergangenen Monaten zu einem Experten für Dunkelheiten geworden war, war diese hier anders als alle davor. Diese Dunkelheit hatte Augen. Diese Dunkelheit stach. Wie ich mich in die Richtung drehte, aus der die Bewegung kam, begann sich die Dunkelheit zu einem Körper zu formen. Hände. Diese Dunkelheit hatte hunderte Hände. Während sie mich aus der einen Richtung noch pikste, steckte sie mir aus der anderen schon einen Finger ins Ohr. Sie stupste mich an die Nase, sie zog mich am Zeh, und als ich den Mund aufmachte, um zu fragen, was das solle, flüstere sie »hör auf zu schreien du mieser Verräter« und legte mir wieder eine andere Hand auf die Lippen.

Mit dem angehenden Licht kam Mamá. In beiden Händen hielt sie zwei Zöpfe, die zu zwei identischen Gesichtern gehörten. Beide hatten buschige Augenbrauen und volle Lippen, außerdem Sommersprossen, die sich über die tränennassen Wangen verteilten. Der fehlende Schneidezahn im Mund des linken war das Einzige, was es vom rechten unterschied.

»Das sind Luise und Lotte«, sagte Mamá. »Deine Schwestern.«

Erst als sie stärker an den Haaren der Schwestern zog, sagte eine von ihnen: »Hallo.« Und die andere: »Schön, dass du da bist.« »Ich heiße Johann«, wollte ich sagen, doch ich sagte nichts, sondern schrie. »Bestimmt hast du Hunger«, sagte Mamá und öffnete ihre Bluse. Während ich aus Höflichkeit an ihrer Brustwarze saugte, sah ich die Mädchen im Türrahmen stehen. Dasjenige, dem der Schneidezahn fehlte, strich sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger langsam über den Hals.

Eine »Familie« zu haben war seltsam. Außer mir hatten alle zu tun. Die Zwillinge arbeiteten im »Kindergarten«, Alfred als »Fotograf« und Mamá an mir. Sie hatte pechschwarze Haare und die seltsame Gabe, Dinge durch die einfachsten Mittel zum Existieren zu bringen. Ein Beispiel: Sagte sie »komm« und »Kommode«, wurde etwas zu »Holz«. Sagte sie »Windel« und »wechseln«, stieg mir ein unangenehmer Geruch in die Nase. »Puder«, sagte sie dann, und der Gestank löste sich auf. »Vorhang« hieß, dass Licht in den Raum trat. »Johann« hieß, dass sie mich küsste. Am besten aber was das Wort »Tür«. Wenn man sie öffnete, geriet man ins Staunen.

»Wohnzimmer«, »Küche«, »Garage«. Faszinierend, was es in einem »Haus« alles gab. Da waren »Teppiche«, »Kissen« und »Sofas«, »Lampen« gab es und »Gardinen«, und wie die »Gardinen« die »Fenster« umgaben, umgab das »Draußen« das Haus. Das »Draußen« hieß »Mauren«. Und in Mauren waren »die Bäume«. Es gab einen »Himmel«, und die weißen Flecken daran waren »die Wolken«, und wenn die »Nachbarn« »Kapuzen« auf den »Köpfen« trugen, hieß das, dass es aus den Wolken heraus tropfte. Das war der »Regen«. Nur »Trottel« verließen bei Regen das Haus. Zum Beispiel »Alfred«. Alfred verließ das Haus jeden Tag.

Der seltsamste Gegenstand dieses an seltsamen Gegenständen kaum zu überbietenden Hauses befand sich in einem Raum, den Mamá »mein Schlafzimmer« nannte. Sie sperrte die Zimmertür auf, deutete auf den Schrank in der Ecke und sagte »schau«. Im Holz war ein rechteckiges Fenster eingelassen, durch das man in den Schrank hineinsehen konnte. In seinem Inneren lebten zwei Menschen. Eine Frau und ein Baby. Wie wunderschön die Frau war. Und das Baby. Was für ein wunderschönes Baby. Die Frau schien dasselbe zu denken. Als sie dem Baby den Kopf zu streicheln begann, spürte ich eine Berührung im Haar. »Das bist du«, sagte Mamá, worauf die Frau mit ihrem Finger auf mich deutete. »Das bin ich«, sagte sie, und die Frau im Schrank zeigte auf sie. Das Baby schien nicht zu verstehen. Es streckte seine Hände aus und griff der Frau an die Wange. Mamás Haut war ganz warm. »Mein Liebling«, sagte Mamá. »Wenn du groß genug bist«, sagte sie und deutete auf ein Foto, das über dem Schrankfenster klebte, »ziehen wir um.« Auf dem Bild war eine Sonne zu sehen, die sich über Hausdächern erstreckte. »Spanien«, sagte Mamá. »Das hat Alfred versprochen.« Weinte die Frau im Spiegel etwa? »Verstehst du?« Ich gluckste. Sie küsste mich auf die Stirn und sagte: »Genie.« Das Baby nickte mir unmerklich zu.

An Tagen, an denen das Liechtensteiner Volksblatt erschien, dienstags, donnerstags und samstags, besuchte mich Alfred. Die Zeitung unter den Arm geklemmt betrat er das Zimmer und gab mir zur Begrüßung die Hand. Er zeigte mir die Fotos, die er gemacht hatte, und las mir die Artikel vor, die er für besonders gelungen hielt. Vor dem Kommunismus sei sich in Acht zu nehmen, sagte er eines Dienstags, als er auf den sowjetischen Satelliten zu sprechen kam, der seit ein paar Tagen weit über unseren Köpfen seine Kreise drehte. »Die Sowjets sind überall.«

Als ich eines Nachts ein rotes Blinken in meinem Zimmer bemerkte, ballte ich meine Hände zu Fäusten. »Bleib stehen«, rief ich dem sowjetischen Satelliten entgegen, der gekommen sein musste, um mich zu holen. Ich kletterte aus dem Bett und folgte dem Glühen, bis ich ein Zimmer erreichte, in dem Alfred schlafend auf einer Couch lag. Der Satellit schwirrte um seinen Kopf, ich trat vorsichtig näher, bis ich nur noch Zentimeter entfernt war. Ich spürte seine Wärme, sein Pulsieren, doch als ich zugreifen wollte, um ihn zu zerstören, verwandelte sich der Raum zurück in mein Zimmer. Die Dunkelheit war verschwunden. Es war Tag. Ich lag wieder in meinem Bett.

Das blödsinnige Brabbeln, das ich ausstieß, als ich Mamá vom Satelliten zu erzählen versuchte, deutete sie als Zeichen von Hunger und steckte mir eine Brustwarze in den Mund. Was mir am Vorabend keinerlei Schwierigkeiten bereitet hatte – das Gehen auf zwei Beinen, das Sprechen von Worten –, hatte sich mit Anbruch des Tages zurück in die alte Bewegungsunfähigkeit und Sinnlosigkeit im Ausdruck verwandelt. Vielleicht waren die Sowjets ja doch nicht so schlecht, dachte ich und faltete meine Hände, wie Alfred es tat, wenn er sich etwas wünschte.

Es schien Orte zu geben, die sich in ihrer Qualität unterschieden. Diejenigen, die ich mit Mamá aufsuchte, waren die unspektakulären. Das waren die Orte des Lichts. Während die Helligkeit mich in eine Zwangsjacke steckte, schenkten mir diejenigen Orte, die mit Einbruch der Dunkelheit zu existieren begannen, totale Bewegungsfreiheit. Ich rannte durch Maisfelder, flog, wenn ich nicht selbst flog, auf den Rücken von Vögeln über Wälder hinweg, erforschte die Tiefe des Meeres oder rief meinen Namen von Bergspitzen hinab. Es gab nichts, was mir dort nicht gelang. Mit der Zeit stellte ich fest, dass Dunkelheit ein Zustand war, den ich über das Schließen der Augen selbst herbeiführen konnte. Nur das Einschlafen gelang nicht immer. Ich wurde unruhiger, desto mehr ich es versuchte, und wenn ich unruhig wurde, begann ich zu schreien, und weil Mamá meine Schreie nicht aushielt, sagte sie: »Ich zeige dir einen Trick.« Gespannt sah ich sie an. »Eins«, sagte sie und hielt inne. Dann sagte sie »zwei«. Was für ein Trick sollte das sein? »Drei.« Weil sie, »vier«, meinen fragenden Blick ignorierte, beschloss ich auf »fünf«, ihr Spiel mitzuspielen. »Sechs.« Was hatte ich schon zu verlieren? »Sieben«, »acht«, »neun«. Ihre Stimme, »zehn«, wurde von Wort zu Wort leiser, »elf«, und meine anfängliche Irritation, »zwölf«, löste sich langsam, »dreizehn«, in Beruhigung auf. »Vierzehn«, »fünfzehn«, »sechzehn«. Irgendwie war es sogar schön, »siebzehn«, jemanden neben sich sitzen zu haben, »achtzehn«, der nichts anderes tat, »neunzehn«, als Worte zu sagen, »zwanzig«, die ich nicht verstand. »Einundzwanzig«, mir fielen die Augen zu, »zweiundzwanzig«. Der Abstand zwischen Mamá und mir wurde größer. »Dreiundzwanzig.« Das war nicht unangenehm, »vierundzwanzig«, denn ich wusste ja, »fünfundzwanzig«, dass sie da war. »Sechsundzwanzig.« Immer da. Die »Siebenundzwanzig« kam aus der Ferne, die »Achtundzwanzig« hörte ich nur noch schwach, »neunundzwanzig«, wie müde ich war, »drei–«

Ich begab mich nur noch ins Licht der Welt, um zu essen. Es war Sommer geworden, ich hatte gerade das Konjugieren unregelmäßiger Verben geübt, als ich mich von großem Hunger dazu veranlasst sah, den Übungsraum zu verlassen. Wie zwei Sonnen tauchten die Gesichter der Zwillinge über mir auf.

»Mamá ist nicht da«, sagte Lotte.

»Darum füttern wir dich«, ergänzte Luise.

Während Luise das hellblaue Kissen mit dem aufgedruckten Fisch holte, hob Lotte mich aus dem Gitterbett und legte mich auf den Boden. Dann warfen sie sich das Kissen über meinen Körper hinweg zu und ich, vor Vergnügen jauchzend, versuchte danach zu greifen.

»Willst du das Kissen haben?«, fragte Lotte.

Ich lachte.

»Hier hast du es«, sagte Luise und legte es auf mein Gesicht.

»Weißt du, wem dieses Zimmer vor dir gehört hat?«, hörte ich einen der Zwillinge fragen. Mein perfekt artikuliertes »Nein« wurde vom Kissen verschluckt, dessen Druck sich erhöhte. Das Atmen fiel mir schwerer und die Dunkelheit bereitete mir keine Freude mehr. Ich versuchte das Kissen von meinem Kopf zu entfernen, doch so stark war ich noch nicht. Dann wurde es schlagartig hell. Ich holte tief Luft und erbrach mich. Alfred stand vor mir und hielt in jeder Hand zwei Zöpfe, an denen er die schreienden Zwillinge von mir wegzog wie tollwütige Hunde. Ich schloss meine Augen und zählte bis dreißig. In dieser Welt gab es nichts, was mich hielt.

2.

Was ich alles verschlief: die Eröffnung des längsten Straßentunnels der Welt durch das Mont-Blanc-Massiv; die Einweihung der zweiten Rheinbrücke, die Liechtenstein mit der Schweiz verbindet; die erstmalige Besteigung der Eiger-Nordwand auf einer Direktroute; meinen ersten Geburtstag; die Verlobung von Erbprinz Johannes Adam Ferdinand Alois Josef Maria Marco d’Aviano Pius von und zu Liechtenstein, Graf zu Rietberg, mit Gräfin Marie Aglaë Bonaventura Theresia Kinsky von Wchinitz und Tettau; den 60. Geburtstag von Fürst Franz Josef II. am Staatsfeiertag 1966; die Einweihung der Rheinbrücke Ruggell, der dritten Verbindung in die Schweiz; den tödlichen Unfall der Besatzung von Apollo 1; meinen zweiten Geburtstag; die Hochzeit, die Gräfin Marie zu Erbprinzessin Marie werden ließ; das Erscheinen des ersten Lustigen Taschenbuchs; dass die Einwohnerzahl des Kleinstaats die 20000 überschritt; das Landen der Raumsonde Surveyor auf dem Mond; meinen dritten Geburtstag; die Ermordung Martin Luther Kings in Memphis; das Attentat auf John F. Kennedy wie auch die 25 Böllerschüsse auf Schloss Vaduz eine Woche später, welche die Geburt des Thronfolgers Prinz Alois verkündeten; meinen vierten Geburtstag genauso wie die Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag des Fürstentums Liechtenstein. Dann wurde ich von einer tiefen, leicht rauschenden Stimme geweckt.

»Wir können unsere Arbeit wohl kaum beginnen«, hörte ich die Stimme sagen, »ohne dass wir uns ganz kurz der Tatsache besinnen, dass vor wenigen Stunden der erste Mensch seinen Fuß auf einen fremden Planeten setzte.«

Ich kletterte aus dem Bett.

»Staunen und Achtung nötigt uns diese Glanzleistung der menschlichen Forschung und Technik ab«, hörte ich die Stimme, als ich die Küche betrat. »Ich möchte festhalten, dass bei den Vorarbeiten zu diesem Flug auch eine liechtensteinische Industriefirma beteiligt war, dass also liechtensteinische Erzeugnisse verwendet wurden.«3

»Ist das wahr?«, fragte ich Alfred, der auf der Küchenbank saß und im Radio der Sitzung des Liechtensteiner Landtages lauschte.

Er sah mich an, als wäre ich ein Mitbringsel Neil Armstrongs vom Mond.

»Johann?«, hörte ich Mamá vom Flur her rufen. Von den Zwillingen verfolgt, rannte sie in die Küche.

»Warum schaut ihr denn alle so?«, fragte ich.

»Du kannst ja sprechen!«, rief Luise erstaunt.

»Und gehen kannst du ja auch!«, rief Lotte.

Ich lachte. Ich lachte so laut und ansteckend, dass es nicht lange dauerte, bis Luise in mein Lachen einstimmte, wenig später Lotte und kurz darauf Alfred. Nur Mamá starrte mich ausdruckslos an. Haarsträhnen klebten ihr an der schwitzigen Stirn und unter den Augen zeichneten sich dunkle Flecken ab wie schwarze Halbmonde.

Ich war bereit für die Welt. Täglich weitete ich meinen Radius aus. Bald stellte ich fest, dass wir einen Garten hatten, in dessen Mitte sich ein Kirschbaum befand. Es waren seine Äste gewesen, die ich als Schatten über die Vorhänge hatte hinwegziehen sehen. Der Garten wurde durch einen Holzzaun von einem anderen Garten getrennt. Zum anderen Garten gehörte ein Haus, das man durch eine Türe betreten konnte. Es war dem unseren sehr ähnlich. Es gab ein Wohnzimmer, in dem eine braune Ledercouch stand. Sie war unfassbar bequem.

»Was machst du in meinem Haus?«, wurde ich von einer herrischen Stimme geweckt. Ich blickte in ein Gesicht voller Sommersprossen. Die Haare, die zu dem Gesicht gehörten, waren schwarz wie ein Filzstift und im Gegensatz zu meinen glatten, die ich als Pilzfrisur trug, wild gelockt. Der Junge, der vor mir stand, musste so alt sein wie ich.

»Hoi«, sagte ich.

»Was machst du in meinem Haus?«, wiederholte der Junge, sprang auf mich und drückte mir seine Knie auf die Unterarme.

Ich keuchte.

»Bist du ein Dieb?«

Er war stärker als ich.

»Nein«, sagte ich.

»Schade«, sagte er.

»Wieso«, fragte ich.

»Ich nämlich schon«, sagte er.

»Ich auch«, sagte ich.

»Warum lügst du?«

»Wegen der Tarnung.«

Er sah mich ernst an.

Ich sah ernst zurück.

»Gian-Andrin«, sagte er dann.

Wir wurden Freunde. Nach dem Kindergarten zogen wir durch das Dorf bis zum Grenzübergang – eine schmale Straße, die am Grenzwächterhäuschen von einer Schranke in zwei Länder geteilt wurde – und schubsten uns über die Grenze. Wer als Erster nach Österreich fiel, hatte verloren. In den meisten Fällen wurden wir vom Grenzwächter vertrieben, bevor es einen Gewinner gab. Im Wald stellten wir Fallen, mit denen wir Füchse, Rehe und Hirsche zu fangen versuchten. Wir hoben Löcher aus und bedeckten sie mit Ästen und Blättern. Ob wir jemals etwas gefangen haben, kann ich bis heute nicht sagen, wir tarnten die Fallen so gut, dass wir sie oft nicht wiederfanden. Unsere Wege wurden weiter, je mehr Zeit verging. In der einen Richtung das Riet, flach, langweilig und feucht; in der anderen der Hügel am Rand der Gemeinde, grün, bewaldet und hoch, und ganz zuoberst: das riesige Haus, in dem der Bergsteiger wohnte.

Es war nicht die schiere Größe des Gebäudes allein, die uns einen solchen Respekt einflößte, dass wir uns beinahe nicht trauten zu klingeln – »der Bergsteiger isst Kinder«, sagte Gian-Andrin, »woher willst du das wissen«, fragte ich, »hat mir mein Vater erzählt«, ich lachte, »ist kein Witz, Johann« –, sondern auch der weitläufige, wildwachsende Garten, der von einem hüfthohen Zaun eingehegt war. »Du«, sagte Gian-Andrin, »nein du«, sagte ich, und weil er dann wieder »du« sagte, klingelte ich. Niemand machte uns auf. Wahrscheinlich bezwang der Bergsteiger gerade eine als unbezwingbar geltende Wand. Ich legte beide Hände um eine der Latten. Gian-Andrin wurde bleich. »Wer stehen bleibt, ist ein Feigling«, rief ich und schwang mich über den Zaun.

Im wuchernden Gras lagen aufeinander geschichtete Steine, die aussahen wie kleine Gräber. Zwischen den Bäumen waren Seile gespannt, an denen verschiedenfarbige Fahnen mit seltsamen Schriftzeichen hingen. Ich spürte Gian-Andrins Atem im Nacken.

»Lass umkehren«, sagte er, als wir die Veranda erreichten, »ist langweilig hier.«

»Schau doch«, sagte ich. »Die Tür steht offen.«

Das Wohnzimmer war mindestens viermal so groß wie mein Zimmer. Überall hingen gerahmte Fotos von Bergen und Menschen, die auf den Gipfeln von Bergen standen. Und die Bücherregale! Sie reichten vom Boden bis an die Decke. Ich verstand das System der Sortierung nicht ganz, die Schildchen an den Regalfächern sagten mir aber, dass es eins geben musste. An Alpenheilpflanzen schloss sich Bürgerlicher Realismus an, dann Terra Australis, dann Medizin, ehe eine halbe Regalwand folgte, die sich mit einzelnen Gipfeln beschäftigte, Mont Blanc, Kilimandscharo, Grande Casse. Der Nanga Parbat schien es dem Bergsteiger besonders angetan zu haben. Die Bücher dazu verteilten sich über ganze drei Fächer hinweg. Ich beugte mich eine Ablage tiefer. Sie war voll mit ein und demselben Buch. Der Schutzumschlag zeigte kahlrasierte Männer in roten Umhängen, sie knieten vor einem Kind. Ich schauderte. Auch der Kopf des Kindes war kahl. War es ein Junge? Ein Mädchen? Es musste so alt sein wie ich. Sein Blick war –

»Komm her!«, rief Gian-Andrin. Er stand vor einer Vitrine, in der sich Kristalle in den unterschiedlichsten Größen und Farben befanden. Jeder stand auf einem kleinen Podest, in dem Zahlen und Buchstaben eingraviert waren. »Zillertal, 1939«, las ich Gian-Andrin, der das Lesen noch nicht gelernt hatte, vor: »Lhasa, 1947«, »Phuket, 1944«, »Malbun, 1959«, »Interlaken, 1931«. Nur in der obersten Ablage der Vitrine war noch Platz. Dort fand sich das größte aller Podeste, das mit »Peradina« beschriftet war, doch der dazugehörige Stein fehlte. Ich öffnete die Vitrine und griff nach einem zartrosafarbenen Kristall: »Gaflei, 1965«. Er war leichter als erwartet. Wie schön sich das Licht in ihm brach.

»Hast du das gehört?«, fragte Gian-Andrin plötzlich.

Ich horchte auf. Da drehte sich ein Schlüssel im Schloss.

»Was sollen wir denn jetzt tun?«, flüsterte Gian-Andrin.

Die Haustür schwang auf.

»Rennen«, sagte ich. »Renn so schnell du kannst.«

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit aus Versehen erlangtem Besitz umzugehen: Entweder man gibt das Diebesgut dem rechtmäßigen Besitzer zurück, oder man handelt am Beispiel Robin Hoods und stellt es in den Dienst der Allgemeinheit. Als ich den Kristall in meiner Hand wog, sah ich mich mit einer Reihe von Fragen moralphilosophischer Natur konfrontiert: Gehörte der Kristall überhaupt dem Bergsteiger? Gehörte er nicht vielmehr dem Berg? War es nicht der Bergsteiger gewesen, der den eigentlichen Diebstahl begangen hatte, indem er dem Berg den Kristall gewaltsam entriss? Und zeigte dieses Exempel nicht aufs Deutlichste, dass dem französischen Ökonomen Jean-Pierre Proudhon recht zu geben war, wenn er schreibt, dass Eigentum Diebstahl bedeutet?4

»Schönheit ist sinnlos, wenn sie nicht wahrgenommen wird«, sagte ich zu Gian-Andrin und schlug vor, den Kristall der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir gründeten das mobile Montan-Museum Peradina. Für den Unkostenbeitrag von zwei Franken boten wir unseren Mitschülern an, den Kristall zu betrachten. Die Pausen verbrachten wir von nun an hinter der Schulmauer, wo ich eine kurze Einführung in die Entstehung von Kristallen und ihre Bedeutung für das Berggebiet gab, während Gian-Andrin den Kristall aus dem Geschirrtuch wickelte und die Sofortbildkamera bediente, die ich morgens aus Alfreds Kameraschrank nahm und abends wieder dorthin zurücklegte. Wer wollte, konnte sich für den Aufpreis von einem Franken mit dem Stein fotografieren lassen.

Wenn wir die Schule verließen, teilten wir den Ertrag des Tages durch zwei. Wir wollten uns Mopeds kaufen, um den Kristall auch den Menschen in den anderen Gemeinden zugänglich zu machen. Doch daraus wurde nichts. Weil Martin Kranz nicht einsehen wollte, dass er Geld zu bezahlen habe, zwei Köpfe größer war und vor Gewalt nicht zurückschreckte, fand Peradina eines strahlenden Herbsttages sein Ende.

Im Gegensatz zum Kristall zeichnete sich Alfreds Kamera, die nach Kranzens Übergriff in hundert Einzelteile zersprang, nicht durch Unzerstörbarkeit aus. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm alles zu beichten. Als Zeichen der Reue gab ich ihm im Beisein Mamás, die ich als neutrale Person hinzugezogen hatte, die Dose voll Kleingeld. Es war alles, was wir mit dem Museum eingenommen hatten. Schweigend nahm er das Geld und stand auf, als Mamá ihn am Arm in die Küche zog. Mehr, als dass mal sie und mal er die Stimme erhob, war vom Wohnzimmer aus nicht zu verstehen.

»Komm«, sagte Alfred, als er die Küche wieder verließ. Mamá nickte ernst. Dann folgte ich ihm in die Garage. »Wenn du dich bitte umdrehen würdest.« Ich drehte mich um. »T-Shirt nach oben.« Ich schob das T-Shirt nach oben. »Hände an die Wand.« Während ich die Hände an die Wand legte, hörte ich, wie er die Schnalle öffnete und den Gurt aus dem Hosenbund zog. »Es tut mir leid«, sagte er. »Was«, fragte ich. »Das«, sagte er und der Gürtel traf meinen Rücken. Der Schmerz war weniger stark als erwartet, doch ein Schmerz war ein Schmerz war ein Schmerz, und alles, was Schmerz war, war universal. »Zwanzig Schläge«, sagte er und schlug ein weiteres Mal zu, »damit du verstehen lernst, dass man das Eigentum anderer respektiert.« Nach dem zwanzigsten Schlag ging er wortlos aus der Garage. Der Mond schien durch das Fenster im Tor, jemand seufzte, ich drehte mich um und sah Mamá im Türrahmen lehnen. Wie lange sie wohl da schon stand. Ich sah sie an. Sie sah mich an. »Ist ja gut«, sagte sie dann und umarmte mich, wie nur sie mich umarmte.

Auf die Züchtigung folgte dreißigtägiger Hausarrest, der nur für einen Nachmittag aufgehoben wurde, an dem ich dem Bergsteiger den Kristall zurückbringen musste.

Mein Herz pochte, als ich an der Tür der Villa klingelte.

Ein stattlicher Mann öffnete und funkelte mich mürrisch an. Er hatte breite Schultern, vom Sonnenlicht gegerbte Haut, aber zarte Hände.

»Ich denke, das gehört Ihnen«, sagte ich und reichte ihm den Kristall.

Wortlos nahm er den Stein, ließ ihn von einer Hand in die andere fallen wie einen Ball, dann sagte er: »Warte hier«, und verschwand hinter einer der Türen. Als wäre er in mehreren Räumen gleichzeitig, hörte ich den Bergsteiger im einen Zimmer Stühle verrücken, aus einem anderen vernahm ich ein Zischen, während es aus wieder einem anderen pfiff.

»Kommst du?«

Als ich ihm gegenüber am Wohnzimmertisch Platz nahm, goss er Tee in eine Schale und sagte: »Trink.«

Die Flüssigkeit schmeckte so widerlich, dass ich im ersten Moment meinte, er wolle mich aus Rache vergiften. Erst als er selbst nach der Schale griff und von dem, was er Tee nannte, trank, verstand ich, dass die viele Höhenluft wohl auf seine Geschmacksnerven geschlagen hatte.

»Weißt du«, sagte er nach einer Weile, »an wen du mich erinnerst?«

Ich schluckte Luft.

»An einen Jungen, den ich vor gut zwanzig Jahren kennengelernt habe.« Er hielt inne. »Damals war er so alt wie du. Weil er so viel alleine war, bat er mich, ihm ein Kino zu bauen.«

»Ein Kino?«, fragte ich.

»Ja, ganz richtig, ein Kino.«

Was für ein komischer Kauz der Bergsteiger war.

Er holte ein Buch aus dem Regal und legte es auf den Tisch. Das kahlköpfige Kind.

»Ich habe die Erinnerungen an diesen besonderen Menschen festgehalten«, sagte der Bergsteiger, öffnete das Buch und schrieb mit einer Füllfeder ein paar Worte auf die erste Seite. Dann schob er es über den Tisch.

Gian-Andrin sprach nicht mit mir, als ich ihn das nächste Mal sah, und behandelte mich überhaupt, als wäre ich Luft, oder noch schlimmer: ein Zugezogener aus einer anderen Gemeinde. Auf die Zettelchen, die ich ihm schrieb, reagierte er nicht, genauso wenig auf meine Versuche, ihn auf dem Nachhauseweg abzufangen. Er konnte schon immer schneller rennen als ich. Wenn ich an der Tür des Nachbarhauses klingelte, ließ er sich verleugnen, doch ich blieb hartnäckig und kam alle paar Stunden wieder, bis seine Mutter irgendwann sagte, dass sie die Polizei rufen würde, wenn ich nicht endlich ginge. Ein Krimineller sei kein Umgang für ihren Sohn.

Ich verlor meinen Appetit, sprach nur das Nötigste und verbrachte die Tage in meinem abgedunkelten Zimmer. Dort saß ich und las im Buch des Bergsteigers.5 ›Für Johann‹, hatte er auf der ersten Seite notiert, ›den Meisterdieb‹. Seine Worte nahmen mich mit in den Himalaya. Ich lernte, dass der ekelhafte Tee, den er mir angeboten hatte, Buttertee hieß und dass die Wimpel in seinem Garten Gebetsfahnen waren. Ich bestieg Berge mit ihm, überquerte die indisch-tibetische Grenze, kaufte mir Yaks und sah wilde Esel in den Weiten der Landschaft dahingaloppieren. Doch das Freiheitsgefühl, das ich auf den Bergspitzen hatte, wurde bald von einem anderen verdrängt. Wie schön wäre es, diesen Ausblick mit Gian-Andrin zu teilen.

Nach dem Vorbild des Bergsteigers begann ich ein Tagebuch zu führen. Das »Buch der Einsamkeit«6 eröffnete ich mit folgendem Satz: ›Ich glaube, ich befinde mich in einem Loch.‹7 Dass es mir gelang, daraus zu entkommen, ist der ›Strickleiter‹8 zu verdanken, die der Bergsteiger mir vom Seitenrand zuwarf.

»Wenn dir wirklich etwas an deinem Freund liegt«, sagte er über einer Tasse Buttertee sitzend, »musst du es ihm zeigen. Zeig ihm, wie viel er dir wert ist.«

»Aber wie?«, fragte ich.

»Durch Taten«, antwortete der Bergsteiger.

»Ich werde ihm ein Moped schenken!«, sagte ich.

»Das ist eine Möglichkeit«, sagte er.

»Aber dafür brauche ich Geld!«, sagte ich.

»Da habe ich eine Idee«, sagte der Bergsteiger und nickte konspirativ.