ZUM BUCH
Norddeutschland, 1898: Gerlinde und Heinrich von Grootenlohe führen auf dem idyllischen Gut Lerchengrund vor den Toren Hamburgs eine harmonische Ehe. Gerlinde genießt das Gutsleben, und ihr geliebter Mann nimmt sie als gleichberechtigte Partnerin ernst. Als Heinrich unfreiwillig zum Mitwisser des Geheimnisses seines Nachbarn Wilhelm Brodersen wird, sieht Gerlinde die Chance auf einen Aufstieg gekommen. Das Paar trifft eine folgenschwere Entscheidung, die das Leben beider Familien für immer verändert.
1952: Wilhelms Enkelin Sinje übernimmt die Leitung des Gutshofes. Sie und ihr Nachbar, der Tierarzt Tim Brodersen, fühlen sich stark zueinander hingezogen. Doch es scheint, als versuche jemand um jeden Preis, die Verbindung zwischen den beiden zu verhindern …
DIE AUTORIN
Susanne Rubin ist eine waschechte »Hamburger Deern«. Zusammen mit ihrem Mann, einem pensionierten Kriminalbeamten, lebt sie in ihrer geliebten Heimatstadt. Sie liebt das Schreiben und Spieleabende mit ihrer Familie.
SUSANNE RUBIN
Die Erben von
Gut Lerchengrund
Roman
WILHELM HEYNE VERLAG
MÜNCHEN
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Originalausgabe 10/2020
Copyright © 2020 dieser Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Redaktion: Christiane Wirtz
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter
Verwendung von Richard Jenkins; Stefan Ziese; shutterstock/Irina Mos
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-25069-0
V001
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Für meine Jungs,
weil Liebe immer der Schlüssel ist.
Durch das Schweigen des Waldes
Zog es dich zu mir,
Ein Lied voll Seufzen und Sehnsucht
Das schrie und rief nach dir.
(aus dem Gedicht »Seufzen und Sehnsucht« von Hermann Löns, 1866–1914)
Prolog
Norddeutschland, im Spätsommer 1892
Das laute Klacken der Pferdehufe war einem dumpfen Klopfen gewichen, doch das machte die Situation für Gerlinde kaum erträglicher. Seit sie Hamburg mit seinen vertrauten Kopfsteinpflasterstraßen hinter sich gelassen hatten, gestaltete sich die Fahrt zwar leiser, aber auch deutlich holpriger. Die großen Räder ruckelten knirschend über eine unebene Sandpiste, und sie war heilfroh darüber, dass die Bänke in der Kutsche ihres Vaters weich gepolstert waren. Dennoch konnte sie dieser kleinen Reise nichts Gutes abgewinnen. Ihre Laune war an einem Tiefpunkt angelangt, und das Wetter spielte die passende Melodie dazu. Ein heftiger Regen prasselte unablässig auf das Kutschendach, und der Ausblick aus den Fenstern war alles andere als abwechslungsreich. Wenn sie durch Hamburg fuhren, gab es immer etwas zu sehen, doch hier, außerhalb der Stadtgrenzen, war das anders. Seit einer halben Stunde fuhren sie nun schon auf den vom Regenwasser aufgeweichten Sandwegen durch eine karge Heidelandschaft. Zwar blühte die Heide hier und da, doch die dunklen Wolken am Himmel ließen kaum Freude daran aufkommen; zumindest bei Gerlinde nicht. Viel lieber wäre sie jetzt in ihrem gemütlichen Zuhause und würde mit einer Freundin plaudern, heiße Schokolade trinken und Konfekt naschen.
»Nun mach nicht so ein störrisches Gesicht, mein Engel«, sagte ihre Mutter ungewohnt sanft, beugte sich vor und tätschelte leicht ihre Hand. »Dein umsichtiger Vater will uns schließlich nur vor dieser grauenvollen Epidemie in Sicherheit wissen.«
»Ach, ich weiß, Mama, aber muss er uns deshalb gleich ins Nirgendwo schicken?«
Mathilde Behrens schüttelte den Kopf und seufzte leise. »So viele Menschen sind schon an der Cholera gestorben, Kind. Ich bin jedenfalls froh, dass du und ich eine Weile aus der Stadt herauskommen. Außerdem schickt dein Vater uns nicht ins Nirgendwo, sondern auf das Gut eines seiner Geschäftsfreunde. Wir sind doch kaum zwei Stunden von zu Hause entfernt.« Ihre Mutter hob ein wenig ihr Kinn an, so wie sie es immer tat, wenn sie ihrer Meinung nach gerade etwas sehr Bedeutsames von sich gab oder jemanden in die Schranken wies, was ziemlich häufig vorkam. »Baron von Grootenlohe ist ein wirklich honoriger Mann. Dein Vater ist seit Jahren mit ihm befreundet und hält unendlich viel von ihm. Wir können also dankbar sein, dass der Baron uns beide bei sich aufnimmt, bis die furchtbare Epidemie hoffentlich bald ein Ende findet.«
Gerlinde lehnte sich zurück und schnaufte unwillig. In Gedanken sah sie ihn schon vor sich, den alten Geschäftsfreund ihres Vaters. Wahrscheinlich hatte er einen dicken Bauch, würde die ganze Zeit nur über die Landwirtschaft oder das Wetter reden und war insgesamt ein Hinterwäldler erster Güte. So sind diese Leute vom Land doch meistens, dachte sie missmutig, obwohl eine Stimme in ihrem Kopf sie gleichzeitig ermahnte, dass solche Gedanken höchstwahrscheinlich ungerecht und sicher nicht angebracht waren.
»Ich werde mich dort zu Tode langweilen.«
»Das glaube ich kaum. Auf dem Gutshof gibt es jede Menge Pferde. Du magst doch Pferde, nicht wahr?«
»Ja, schon …«
»Siehst du, Engelchen, du wirst dich sicherlich nicht langweilen, glaub mir. Ach ja, bei der Gelegenheit möchte ich dich noch ermahnen, dich von den Stallburschen fernzuhalten. Mach uns ja keine Schande, Kind.«
»Oh, Mama, bitte.«
»Du weißt, dass du viel …« Ihr Blick glitt vielsagend über Gerlindes bereits ausgereiften Körper. »Nun ja … älter wirkst als fünfzehn. Versprich mir also, dich einwandfrei zu benehmen und darauf achtzugeben, dass du niemals allein auf dem Gut unterwegs bist.«
»Versprochen, Mama.«
Ihre Mutter nickte kurz und sah aus dem Fenster. Offenbar war das Thema damit für sie beendet. »Wir werden bald da sein, denke ich.«
Kurz bevor sie Gut Lerchengrund erreichten, riss wie durch Zauberhand die Wolkendecke auf, und als sie wenig später das gusseiserne Tor passierten, war der Himmel bereits herrlich blau. Die letzten Regentropfen auf den Blättern der Büsche und Bäume glitzerten im Sonnenschein wie Diamanten. Etwas weiter entfernt erblickte Gerlinde einige lang gezogene Stallgebäude, weiß getünchte Gatter und schmale Reitpfade, die in alle Himmelsrichtungen führten. Vielleicht war es dieser Moment, in dem in ihr die Neugierde und erstaunlicherweise sogar ein Anflug von Vorfreude erwachten.
Der Kutscher bog auf eine breite Zufahrt ein, vorbei an uralten Pappeln und Eichen, bis er endlich direkt vor dem Gutshaus die Pferde zügelte. Kaum, dass sie die Kutsche verlassen hatte, erkannte Gerlinde, wie wunderschön und friedlich dieser Ort war. Das Gutshaus mit seiner kurzen, dennoch doppelläufigen und leicht geschwungenen Außentreppe erschien ihr riesig. Der dunkelrote Backstein des Gebäudes war zu einem großen Teil mit Efeu bewachsen, und die schneeweißen Fensterrahmen boten dazu einen ansprechenden Kontrast. Sie spürte ein leichtes Ziehen in ihrer Brust, das sich seltsamerweise angenehm anfühlte.
Sie war so von dem Anblick gefangen gewesen, dass sie leicht zusammenschrak, als ihre Mutter sie ansprach. »Das ist wirklich ein wunderschönes Haus, nicht wahr?«
Gerlinde kam gar nicht erst dazu, ihrer Mutter zu antworten, denn auf dem breiten Treppenabsatz vor der Haustür erschien in diesem Moment der Gutsherr persönlich, um sie zu begrüßen.
»Willkommen auf Gut Lerchengrund, liebe gnädige Frau und … liebes Fräulein Behrens.«
Es schien Gerlinde, als würde Baron von Grootenlohe kurz stutzen, bevor er auch sie begrüßte, aber vielleicht täuschte der Eindruck, denn schließlich hatte er sie ja beide erwartet. Wie es ihr ihre gute Erziehung gebot, deutete sie einen Knicks an, während sie ihm die Hand reichte. Der Baron war das genaue Gegenteil von der gräulichen Vorstellung, die sie sich von ihm gemacht hatte. Vor ihr stand ein schlanker und hochgewachsener Mann mit auffallend hellen Augen und vollem dunkelblondem Haar. Sie fühlte sich etwas eingeschüchtert von seiner aristokratischen Ausstrahlung. Das passierte ihr mit ihrem ausgeprägten Selbstbewusstsein nur sehr selten, und sie wunderte sich über das ungewohnte Gefühl der Unsicherheit. Als die Begrüßungsfloskeln schließlich ausgetauscht waren und sie ihrem Gastgeber ins Haus folgten, fühlte sie einen Anflug von Erleichterung.
Selbst wenn es für ihren Geschmack insgesamt ein wenig düster eingerichtet war, gefiel Gerlinde auch das Innere des Gutshauses ausgesprochen gut. Ihre Mutter und sie bekamen sehr gediegen eingerichtete Gästezimmer, die direkt nebeneinanderlagen. Sie waren durch eine Tür miteinander verbunden und teilten sich ein Badezimmer, das jeden Komfort bot. Die hohen Fenster der Zimmer ermöglichten einen Blick in den wunderschönen Garten des Anwesens.
Eigentlich hatte Gerlinde nicht herkommen wollen, doch nun verschwand der letzte Rest ihres Unwillens endgültig. Schon bei dem ersten Blick auf das herrliche Himmelbett in ihrem Zimmer musste sie sich eingestehen, wie froh sie war, hier sein zu dürfen. Das Gutshaus von Lerchengrund beeindruckte sie tief.
Erst beim Abendessen lernten sie auch die Baronin kennen. Gerlinde wusste nicht so recht, was sie von der wortkargen und blassen Person halten sollte. Eine Frau von Adel, noch dazu mit einem so augenfällig gut aussehenden Ehemann, hatte sie sich strahlend schön, wundervoll gekleidet und frisiert, vor allem aber äußerst selbstbewusst und eloquent vorgestellt. Doch Hannelore von Grootenlohe war vollkommen anders. Die Baronin war noch keine dreißig Jahre alt, das wusste Gerlinde, da ihre Mutter es erst vor Kurzem erwähnt hatte, doch sie wirkte deutlich älter. Ihr mittelbraunes Haar war streng zurückgekämmt und im Nacken zu einem festen Knoten verschlungen, der von einem Haarnetz gehalten wurde. Winzige Perlenohrringe waren der einzige Schmuck, den sie trug. Ihr dunkelblaues, hochgeschlossenes Kleid war schlicht und unterstrich insgesamt das matte und unauffällige Erscheinungsbild dieser Frau. Schon bald nach dem Essen zog sich die Baronin mit einer gemurmelten Entschuldigung in ihre Gemächer zurück. Es war ihr offensichtlich vollkommen egal, dass sie Gäste hatte. Das war für ihre Kreise ganz und gar ungewöhnlich, das wusste Gerlinde sehr genau. Heinrich von Grootenlohe gab ihnen gegenüber weiterhin den galanten Gastgeber, doch sie spürte deutlich, wie unangenehm ihm das Verhalten seiner Ehefrau war.
»Meine Gattin ist gesundheitlich leider nicht so auf der Höhe«, versuchte er, die Situation zu erklären.
»Das tut uns sehr leid. Hoffentlich geht es der Baronin bald besser«, sagte ihre Mutter und lächelte ihren Gastgeber strahlend an.
So unnachgiebig Mathilde Behrens üblicherweise auch sein mochte, so besaß sie doch das kostbare Talent, äußerst diplomatisch zu reagieren, wenn es die Situation erforderte. Gerlinde hatte sie schon oft dafür bewundert.
Der Baron nickte und erwiderte das Lächeln, wenn auch deutlich verhaltener. »Ich hoffe, Sie und Ihre reizende Tochter«, sein Blick huschte kurz zu Gerlinde, dann sah er wieder ihre Mutter an, »sind mit Ihrer Unterbringung zufrieden.«
»Die Zimmer sind ganz und gar zauberhaft, vielen Dank, Herr Baron.«
»Das freut mich. Sollte es Ihnen dennoch an irgendetwas fehlen, lassen Sie es mich bitte wissen. Wir haben übrigens Karla, eines der Dienstmädchen, ganz für Sie beide abgestellt. Sie brauchen nur zu läuten, dann wird sie zu Ihnen kommen. Karla ist vollends vertraut mit den üblichen Aufgaben einer Zofe. Morgen werde ich Ihnen beiden dann mit Freuden das Gut zeigen. Sie sollen sich ja bei uns zurechtfinden.«
»Es ist so freundlich von Ihnen, uns bei sich aufzunehmen«, erwiderte ihre Mutter lächelnd. »Wir werden uns bemühen, unkomplizierte Gäste zu sein.«
In den kommenden Wochen hatte Gerlinde oft das Gefühl, dass aus ihr nach und nach ein völlig neuer Mensch wurde. Jeden Morgen gleich nach dem Frühstück schlüpfte sie in ihr Reitkostüm und konnte es kaum erwarten, aus dem Haus zu kommen. Am frühen Abend wurde ihr meist ein Bad gerichtet, und nicht selten fiel sie schon kurze Zeit nach dem Abendessen todmüde ins Bett, um dann in aller Frühe wieder aufzuspringen und sich auf den Tag zu freuen. Das Gut und seine Umgebung boten so viel Schönes, das es zu entdecken galt. Ihre Tage auf Lerchengrund flogen nur so dahin. Sie verbrachte unendlich viel Zeit in den Ställen und verbesserte ihre Reitkünste deutlich. Obwohl sie Pferde immer gemocht hatte, war sie bisher nur selten zum Reiten gekommen. In der Stadt bot sich kaum die Gelegenheit dazu. Doch hier auf Lerchengrund saß sie jeden Tag auf dem Rücken eines Pferdes, und sie liebte es.
Oft unterrichtete der Baron sie selbst, das fand sie besonders schön. Dann ritten sie stundenlang gemeinsam an Feldern und Weiden entlang. Sie schätzte seine ruhige und vornehme Art, wenn er ihr etwas erklärte. Vor allem aber mochte sie es, dass er sie nicht wie ein kleines Kind behandelte, so wie sie es von ihren Eltern gewohnt war. Er schien sich sogar sehr gerne mit ihr zu unterhalten, und schon bald wusste sie eine Menge über seine Familiengeschichte und erfuhr einiges über das Leben und die Arbeit auf dem Gut. Während ihre Mutter ihre Tage überwiegend im Haus mit Handarbeiten und Lesen verbrachte, genoss Gerlinde ihre Zeit draußen auf dem Gut in vollen Zügen und lernte dabei den Gutsherrn von Tag zu Tag besser kennen.
So fand sie, dass er im Grunde ein humorvoller und herzensguter Mensch war, doch es gab auch eine andere Seite. Wenn ihr Gastgeber sich unbeobachtet fühlte, wirkte er oft nachdenklich und blickte furchtbar besorgt, wenn nicht sogar unglücklich drein. Schon als Kind hatte Gerlinde es wahrgenommen, wenn es Menschen in ihrer Umgebung nicht besonders gut ging, und Heinrich von Grootenlohe – mochte er sich noch so freundlich, edelmütig und besonnen geben – ging es überhaupt nicht gut, daran hatte Gerlinde nicht den geringsten Zweifel.
Es dauerte nicht lange, bis sie zu dem Schluss kam, dass seine Frau der Grund für sein Unglück sein musste, denn es war offensichtlich, wie sehr er seine Arbeit und das Gut liebte. Die Baronin hingegen blieb während ihres gesamten Aufenthalts nahezu unsichtbar. Gerlinde und ihre Mutter sahen sie nur äußerst selten, auch zum Abendessen kam sie nicht mehr herunter, und ihr Gatte hatte seine liebe Mühe damit, jedes Mal aufs Neue eine Entschuldigung zu formulieren. Auf dem Gut wurde nur selten über die Baronin gesprochen. Es hieß, dass sie schon seit Jahren eine angeschlagene Gesundheit habe. Mehr erfuhr man nicht.
Der Baron tat Gerlinde leid, und so gab sie sich jeden Tag Mühe, ihn zum Lachen oder wenigstens zum Lächeln zu bringen, sobald sie mit ihm zu tun hatte.
Sie blieben fast drei Monate auf dem Gut. Als schließlich ihr Vater nach Lerchengrund kam und sie kurz darauf wieder in ihre Kutsche stiegen, um nach Hamburg zurückzukehren, erschien es Gerlinde, als würde sie ihr Zuhause für ein anderes eintauschen müssen. Gut Lerchengrund war ihr in der kurzen Zeit so sehr ans Herz gewachsen, dass der Abschied einen Schmerz in ihrer Brust auslöste, der noch lange anhalten sollte. Sie hatte einige Dinge dort gelernt und nahm die Gewissheit mit, dass sie eines Tages zurückkehren würde.
TEIL 1
Schuld und Verrat