Cover

Insel

Zum Buch

Vier Freunde auf einer entlegenen Insel, aber nur drei kehren zurück.

Hulda Hermannsdóttir, Kommissarin bei der Polizei Reykjavík, ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und wird zu einer abgelegenen Insel geschickt. Was ist dort in dem Haus geschehen, das von der Bevölkerung als das isolierteste Haus Islands bezeichnet wird? Huldas Ermittlungen kreuzen Vergangenheit und Gegenwart – und plötzlich ist sie einem Mörder auf der Spur, der möglicherweise nicht nur ein Leben auf dem Gewissen hat …

Zum Autor

Ragnar Jónasson, 1976 in Reykjavík geboren, ist Mitglied der britischen Crime Writers’ Association und Mitbegründer des »Iceland Noir«, dem Reykjavík International Crime Writing Festival.

Seine Bücher werden in 21 Sprachen in über 30 Ländern veröffentlicht und von Zeitungen wie der New York Times und Washington Post gefeiert.

Ragnar Jónasson lebt und arbeitet als Schriftsteller und Investmentbanker in der isländischen Hauptstadt. An der Universität Reykjavík lehrt er außerdem Rechtswissenschaften. Die preisgekrönte Hulda-Trilogie erscheint bei btb erstmals auf Deutsch.

Ragnar Jónasson

INSEL

Thriller

Aus dem Englischen
von Kristian Lutze

image

Die isländische Originalausgabe erschien 2016
unter dem Titel »Drungi« bei Veröld, Reykjavík.
Übersetzt wurde von der englischen Ausgabe, erschienen 2019
unter dem Titel »The Island« bei Michael Joseph,
einem Imprint der Penguin Books Ltd., London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.


Deutsche Erstausgabe Juli 2020
Copyright © der Originalausgabe 2016 by Ragnar Jónasson
Published by Agreement with Copenhagen Literary Agency ApS, Copenhagen
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020
by btb Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Covergestaltung: semper smile, München
Covermotiv: © Arcangel/Andrzej Kwolek;
Plainpicture/Millennium/Sally Waterman; Shutterstock/alanadesign; Podursky
Satz und E-Book: GGP Media GmbH, Pößneck
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-3-641-25170-3
V005

www.btb-verlag.de
www.facebook.com/btbverlag

Für María

»Ein einziges grausames Wort kann ein Gemüt verbiegen. In Gegenwart einer Seele sollte Vorsicht walten.«

Einar Benediktsson

aus »Einræðum Starkaðar«

image

PROLOG

KÓPAVOGUR, 1988

Die Babysitterin war zu spät.

Das Paar ging abends fast nie aus, deshalb hatten sie sich lange im Voraus vergewissert, dass sie Zeit hatte. Sie wohnte um die Ecke und hatte schon ein paarmal für sie babygesittet, doch abgesehen davon wusste das Paar nicht viel über sie und ihre Familie, obwohl sie die Mutter vom Sehen kannten und grüßten, wenn sie ihr in der Nachbarschaft begegneten. Aber ihre siebenjährige Tochter blickte zu der Einundzwanzigjährigen auf, die der Kleinen sehr erwachsen und glamourös vorkam. Sie redete immer davon, wie viel Spaß sie zusammen gehabt hatten, was für hübsche Kleider sie trug und welch aufregende Gutenachtgeschichten sie erzählte. Auch weil ihre Tochter von der Aussicht auf einen Abend mit der Babysitterin begeistert gewesen war, hatte das Paar kein allzu schlechtes Gewissen gehabt, die Einladung anzunehmen; sie waren beruhigt, dass ihre Tochter nicht nur in guten Händen wäre, sondern sich auch amüsieren würde.

Sie hatten ausgemacht, dass die Babysitterin von sechs bis Mitternacht da sein sollte, doch mittlerweile war es bereits nach sechs, genau genommen kurz vor halb sieben, und das Abendessen sollte um sieben Uhr anfangen. Der Ehemann wollte schon anrufen und fragen, was los sei, doch seine Frau war dafür, noch zu warten: Die Babysitterin würde schon kommen.

Es war ein Samstagabend im März, und sie waren voller Erwartung gewesen, bis die Babysitterin nicht pünktlich aufgetaucht war. Das Paar hatte sich genauso sehr auf einen unterhaltsamen Abend mit den Kollegen der Frau aus dem Ministerium gefreut wie ihre Tochter auf den Abend mit der Babysitterin. Sie besaßen keinen Videorekorder, aber zu diesem besonderen Anlass waren Vater und Tochter zur örtlichen Videothek gegangen und hatten sich dort ein Abspielgerät und drei Filme ausgeliehen. Das kleine Mädchen hatte die Erlaubnis, so lange aufzubleiben, wie sie wollte und bis ihr die Puste ausging.

Es war kurz nach halb sieben, als es an der Tür klingelte. Die Familie wohnte in einem kleinen Wohnblock in Kópavogur unmittelbar südlich von Reykjavík, eine verschlafene Gemeinde, eingeklemmt zwischen Reykjavík und anderen kleineren Vororten im Großraum der Hauptstadt, in die die meisten Bewohner zur Arbeit pendelten.

Die Mutter hob den Hörer der Gegensprechanlage ab – es war endlich die Babysitterin. Kurz darauf stand sie nass bis auf die Knochen vor der Wohnungstür und erklärte, sie sei zu Fuß gekommen. Draußen regnete es so heftig, dass sie aussah, als hätte ihr jemand einen Eimer Wasser über den Kopf gekippt.

Das Paar winkte ab, bedankte sich, dass sie einspringen konnte, erinnerte sie an die wichtigsten Hausregeln und fragte noch, ob sie wisse, wie man einen Videorekorder bediente, worauf die Tochter ihnen ins Wort fiel und erklärte, dass sie keine Hilfe bräuchten. Sie konnte es offensichtlich kaum erwarten, ihre Eltern loszuwerden, damit das Videofest endlich anfangen konnte.

Obwohl das Taxi schon wartete, konnte die Mutter sich nicht losreißen. Sie gingen zwar gelegentlich aus, doch für sie war es ungewohnt, ihre Tochter allein zu lassen.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte die Babysitterin. »Ich werde gut auf sie aufpassen.« Dabei wirkte sie so beruhigend verlässlich, und in der Vergangenheit hatte sie ihren Job immer gut gemacht. Deshalb traten die Eltern schließlich in den strömenden Regen hinaus und liefen zum wartenden Taxi.

Im Laufe des Abends machte die Mutter sich zunehmend Sorgen um ihre Tochter.

»Sei nicht albern«, sagte ihr Mann. »Ich wette, sie hat einen Riesenspaß.« Mit einem Blick auf die Uhr fügte er hinzu: »Wahrscheinlich sind sie gerade beim zweiten oder dritten Film und haben bereits den kompletten Eisvorrat verputzt.«

»Meinst du, ich könnte das Telefon am Empfang benutzen?«, fragte seine Frau.

»Jetzt ist es schon ein bisschen spät, um noch zu Hause anzurufen, meinst du nicht? Ich wette, sie sind vor dem Fernseher eingeschlafen.«

Am Ende machten sie sich ein wenig früher als geplant um kurz nach elf auf den Heimweg. Das Drei-Gänge-Menü war verspeist und ehrlich gesagt eine Enttäuschung gewesen, der Hauptgang – das Lamm – bestenfalls fade. Nach dem Essen hatten die Leute die Tanzfläche gestürmt; anfangs hatte der DJ beliebte Oldies gespielt, war dann jedoch zu aktuelleren Charthits übergegangen, die eher nicht nach dem Geschmack des Paares waren, obwohl sie sich beide immer noch jung fühlten. Noch waren sie nicht einmal in der Lebensmitte.

Schweigend fuhren sie nach Hause. Regen strömte an den Scheiben des Taxis hinunter. In Wahrheit waren sie einfach keine Partymenschen, dafür genossen sie die heimische Behaglichkeit einfach zu sehr. Der Abend hatte sie beide ermüdet, obwohl sie nicht viel getrunken hatten – nur ein Glas Rotwein zum Essen.

Als sie aus dem Taxi stiegen, sagte die Frau, sie hoffe, ihre Tochter würde schon schlafen, damit sie beide direkt ins Bett kriechen konnten.

Ohne Eile stiegen sie die Treppe hinauf und öffneten die Tür, ohne zu klingeln, um das Kind nicht zu wecken. Doch wie sich herausstellte, schlief ihre Tochter noch nicht. Sie kam ihnen entgegengerannt, schlang die Arme um sie und drückte sie fester als sonst an sich.

»Du bist ja ganz aufgekratzt«, sagte der Vater lachend.

»Ich bin so froh, dass ihr wieder zu Hause seid«, sagte das kleine Mädchen und verzog das Gesicht. Irgendwas stimmte nicht.

Mit einem breiten Lächeln kam die Babysitterin aus dem Wohnzimmer.

»Wie ist es gelaufen?«, fragte die Mutter.

»Sehr gut«, antwortete die Babysitterin. »Ihre Tochter ist so ein braves Mädchen. Wir haben uns zwei Videos angeschaut, Komödien. Sie hatte wirklich Spaß. Und sie hat die Frikadellen gegessen, die Sie vorbereitet hatten – die meisten jedenfalls –, und jede Menge Popcorn.«

»Vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Ich weiß nicht, was wir ohne Sie gemacht hätten.«

Der Vater zückte seine Brieftasche, zählte ein paar Scheine ab und drückte sie der Babysitterin in die Hand. »Stimmt das so?«

Die junge Frau zählte nach und nickte. »Ja, perfekt.«

Nachdem sie gegangen war, wandte der Vater sich an seine Tochter.

»Bist du nicht müde, Schätzchen?«

»Ja, ein bisschen vielleicht. Aber können wir noch ein Stück weitergucken?«

Der Vater schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber es ist schon schrecklich spät.«

»Oh bitte, ich will noch nicht ins Bett gehen«, sagte das kleine Mädchen den Tränen nahe.

»Okay, okay …« Er führte sie ins Wohnzimmer. Es war bereits nach Sendeschluss, also schaltete er den Videorekorder an und schob eine neue Kassette ein. Dann setzte er sich zu seiner Tochter aufs Sofa, und sie warteten, dass der Film begann.

»Es war doch ein schöner Abend, oder?«

»Ja … Ja, war es«, sagte sie nicht besonders überzeugend.

»Sie war doch … nett zu dir, oder nicht?«

»Ja«, antwortete das Kind. »Ja, sie waren beide nett.«

Ihr Vater war verwirrt. »Beide?«

»Sie waren zu zweit.«

Er drehte sich zu ihr um und hakte vorsichtig nach: »Es waren zwei?«

»Ja, zwei.«

»Ist eine Freundin von ihr vorbeigekommen?«

Seine Tochter zögerte. Den Vater schauderte, als er die Angst in ihrem Blick sah.

»Nein. Aber es war irgendwie komisch, Papa …«

TEIL EINS

1987

I

Der Wochenendausflug in den entlegenen Nordwesten war eine spontane Idee gewesen – die Gelegenheit, der herbstlichen Dunkelheit zu trotzen. Sie hatten ihre Sachen in Benedikts alten Toyota geworfen und Reykjavík aufgekratzt und in ausgelassener Stimmung hinter sich gelassen. Doch dann hatte die Fahrt über die rauen Schotterstraßen Stunden gedauert, und bis sie die Vestfirðir-Halbinsel – die Westfjorde – erreicht hatten, wurde es bereits dunkel. Ihr Ziel, ein entlegenes Tal, war noch ein gutes Stück entfernt, und Benedikt wurde zusehends nervös.

Sie durchquerten die Hochmoore, eine baumlose Landschaft, die sich karg und unheilvoll leer in der Dämmerung vor ihnen erstreckte, und fuhren entlang des größten Fjords, des Ísafjarðardjúp, zur Küste hinunter. Benedikt lockerte seinen Griff um das Lenkrad, als die Straße endlich den flachen Küstenstreifen erreichte, bevor sie vor dem nächsten Pass wieder steil anstieg. In den Haarnadelkurven auf dem weiteren Weg hinunter zum Meer wurden seine Fingerknöchel auf dem Lenkrad wieder weiß. Zu beiden Seiten erstreckten sich flache Bergzüge, die in der Dunkelheit kaum zu erkennen waren. Am Himmel war kein Fünkchen Licht. Die Ufer des Fjords waren unbewohnt, die Bevölkerung war schon vor Langem vor dem harten Leben auf dem Land geflohen; manche nach Ísafjörður, eine kleine Stadt, die etwa hundertvierzig Kilometer weiter an der von Fjorden zerklüfteten Küste lag, andere hin zu den hellen Lichtern Reykjavíks im weit entfernten Südwesten des Landes.

»Sind wir zu spät aufgebrochen?«, fragte Benedikt. »In der Dunkelheit finden wir die Hütte doch nie!«

Er hatte darauf bestanden zu fahren, obwohl er noch nie zuvor in diesem Teil des Landes gewesen war.

»Entspann dich«, sagte sie. »Ich kenne den Weg. Ich war im Sommer zigmal hier.«

»Im Sommer, genau«, erwiderte Benedikt grimmig und konzentrierte sich wieder auf die schmale Straße und ihre schwer einsehbaren Kurven.

»Na, na«, sagte sie in einem beschwingten Ton, in dem sich direkt unter der Oberfläche bereits ein Lachen kräuselte.

Er hatte lange auf diesen Moment gewartet, hatte dieses schlanke, ausgelassene Mädchen aus der Ferne bewundert und gespürt, dass sie vielleicht – nur vielleicht – genauso empfand wie er. Aber keiner von ihnen hatte die Initiative ergriffen, bis sich vor ein paar Wochen irgendetwas in ihrer Beziehung verschoben und einen Funken entzündet hatte, der zu einem regelrechten Feuersturm geworden war.

»Jetzt ist es nicht mehr weit bis zur Abzweigung ins Heydalur«, sagte sie.

»Hast du mal hier gelebt?«

»Ich? Nein. Aber mein Vater kommt von den Westfjorden. Er ist in Ísafjörður aufgewachsen. Das Sommerhaus hat seiner Familie gehört. Wir sind in den Ferien immer hierhergefahren. Es ist ein kleines Paradies.«

»Glaub ich dir, obwohl ich heute Abend vermutlich nicht mehr viel davon zu sehen bekomme. Ich kann es kaum erwarten, aus der Dunkelheit rauszukommen.« Er hielt kurz inne und fügte dann skeptisch hinzu: »Es gibt doch Strom, oder?«

»Kaltes Wasser und Kerzenlicht«, erwiderte sie.

»Im Ernst?« Benedikt stöhnte.

»Nein, war nur ein Witz. Es gibt warmes Wasser – jede Menge davon – und auch Strom.«

»Hast du … ähm … Hast du deinen Eltern erzählt, dass wir hierherfahren?«

»Nein, das geht sie nichts an. Meine Mutter ist sowieso nicht zu Hause, und außerdem mache ich, was ich will. Meinem Vater hab ich nur gesagt, dass ich am Wochenende nicht da bin. Mein Bruder ist selber weg, deshalb weiß er es auch nicht.«

»Okay. Ich meinte nur … Es ist ihr Sommerhaus, oder?« In Wahrheit wollte er wissen, ob ihre Eltern darüber im Bilde waren, dass sie zusammen wegfuhren. Es wäre ein deutlicher Hinweis darauf gewesen, dass sie eine Beziehung führten. Bis jetzt war das Ganze ihr Geheimnis.

»Ja, natürlich. Das Haus gehört meinem Vater, aber ich weiß, dass er es am Wochenende nicht benutzen will. Und ich habe einen Schlüssel. Es wird bestimmt super, Benni. Stell dir einfach vor, wie die Sterne aussehen, heute Nacht soll es aufklaren!«

Er nickte, trotzdem ließen sich seine Zweifel an dieser Unternehmung nicht zerstreuen.

»Hier – hier abbiegen«, sagte sie plötzlich. Er bremste scharf, verlor um ein Haar die Kontrolle über den Wagen und schaffte es gerade noch, die Kurve zu nehmen. Als er sich auf einer noch schmaleren Straße wiederfand, kaum mehr als ein Weg, ging er auf Schritttempo runter.

»Du musst schon schneller fahren, wenn wir vor morgen früh ankommen wollen. Keine Sorge, das ist schon okay.«

»Ich sehe bloß nichts, und ich will den Wagen nicht zu Schrott fahren.«

Sie lachte ihr bezauberndes Lachen, und er fühlte sich sofort besser. Ihre Stimme und dieses arglose Lachen hatten ihn als Erstes angezogen. Und nun waren endlich alle Hindernisse aus dem Weg geräumt. Er hatte das überwältigende Gefühl, dass es so hatte kommen sollen, dass dies nur der Anfang war, ein Vorgeschmack auf ihre gemeinsame Zukunft.

»Hast du nicht auch was von einer heißen Quelle gesagt?«, fragte er. »Nachdem wir den ganzen Tag über diese Straßen geholpert sind, wäre ein Bad wirklich schön. Ich schwöre, mir tut jeder einzelne Knochen weh.«

»Ähm, ja, richtig«, murmelte sie.

»Richtig? Was soll das heißen? Gibt es dort eine Quelle oder nicht?«

»Du wirst schon sehen …«

Bei ihr schwang immer eine gewisse quälende Ungewissheit mit, das gehörte zu ihrem Charme. Sie hatte die Gabe, selbst das Banale geheimnisvoll erscheinen zu lassen.

»Ich kann es jedenfalls kaum erwarten.«

Endlich hatten sie das Tal erreicht, in dem das Sommerhaus stehen sollte. In der Dunkelheit konnte Benedikt kein Gebäude erkennen, doch sie wies ihn an, den Wagen abzustellen. Sie stiegen aus und atmeten die frische, kalte Luft ein.

»Komm. Du musst wirklich lernen, mehr Vertrauen zu haben.« Lachend nahm sie ihn bei der Hand, und er folgte ihr. Ihm war, als würde er in einem wunderschönen Schwarz-Weiß-Traum mitspielen.

Nach ein paar Metern blieb sie ohne Vorwarnung stehen. »Hörst du das Meer?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein.«

»Psst. Warte … Still, nicht reden … Hör einfach nur hin.«

Er konzentrierte sich, und tatsächlich konnte er das leise Seufzen der Wellen erahnen. Das Ganze erschien ihm unwirklich, magisch.

»Die Küste ist nicht weit weg. Wir können morgen ans Meer runterlaufen, wenn du magst.«

»Super, sehr gerne.«

Ein Stück weiter konnte er endlich auch das Sommerhaus ausmachen. Selbst ohne Licht ahnte er, dass es nicht besonders groß oder modern war. Es sah aus wie eines dieser typischen Siebzigerjahre-Nurdachhäuser mit dem zu beiden Seiten bis zum Boden reichenden Dach. Fenster gab es nur auf der Vorder- und Rückseite. Sie kramte in ihrer Jackentasche, fand den Schlüssel, schloss die Tür auf und schaltete das Licht ein.

Mit einem Schlag war alle Düsternis vertrieben, und sie betraten einen gemütlichen Wohnbereich mit alten Möbeln, die dem Haus einen rustikalen Charme verliehen. Benedikt spürte sofort, dass hier eine gute Atmosphäre herrschte.

Er würde den Aufenthalt genießen, dieses Wochenendabenteuer im Nirgendwo. Dass niemand wusste, wo sie waren, verstärkte das Gefühl der Isolation noch; sie hatten ein ganzes Tal für sich allein. Es war wirklich wie ein Traum.

Der Wohnbereich nahm den größten Teil der Hütte ein, aber es gab auch eine kleine Küche, dahinter ein Bad sowie eine Sprossenleiter an der Rückwand.

»Was ist oben?«, fragte er. »Ein Schlaf-Loft?«

»Ja. Komm!«

Mit ein paar behänden Bewegungen kletterte sie die Leiter hinauf, und Benedikt folgte ihr nach. Unter dem Dach befand sich tatsächlich ein Schlaf-Loft mit mehreren Matratzen, Bettdecken und Kissen.

»Komm her«, sagte sie und legte sich auf eine der Matratzen. »Komm!«

Wenn sie ihn so anlächelte, war er machtlos.

II

Benedikt stand unter einem sternengesprenkelten Himmel und grillte im kühlen Herbstwind auf einem alten Kohlengrill Hamburger. Der Ausflug hatte gut begonnen, und er war voller froher Erwartung auf das, was noch kommen würde. Obwohl er im Grunde ein Stadtjunge war und die Westfjorde immer für kalt und unwirtlich gehalten hatte, gefiel es ihm hier, was ihn selbst überraschte. Natürlich hätte er sich auch keine bessere Begleitung wünschen können, doch da war auch etwas, was mit diesem Ort an sich zu tun hatte, mit der Einsamkeit. Er sog seine Lunge voll mit der kalten, sauberen Luft und versuchte mit geschlossenen Augen erneut, das Meer zu hören. Der Geruch von Herbstlaub vermischte sich mit den verlockenden Düften vom Grill. Er schlug die Augen wieder auf. Er stand hinter der Hütte, und erst jetzt fiel ihm auf, dass er nirgendwo eine Badetonne gesehen hatte.

Nachdem sie im offenen Aufenthaltsraum zu Abend gegessen hatten, fragte er: »Und wo ist das heiße Bad, das du mir versprochen hast? Ich bin jetzt mehrmals um die Hütte herumgegangen und habe keine Badetonne entdeckt.«

Sie lachte verschmitzt. »Das kann ja nicht lange gedauert haben.«

»Du versuchst bloß, der Frage auszuweichen …«

»Gar nicht wahr. Los, komm mit.«

»Zauberst du jetzt ein heißes Bad her?«

»Komm einfach mit. Ist dir kalt?«

Er zögerte kurz, weil es ihn in seinem dünnen Pulli tatsächlich ein wenig fröstelte, was er jedoch nicht zugeben wollte. Sie schien ihn dennoch durchschaut zu haben, weil sie noch einmal in die Hütte ging und mit einem dicken lopapeysa zurückkam – in Grau, mit dem traditionellen Schultermuster in Schwarz-Weiß. »Willst du dir den leihen? Er gehört meinem Vater. Ich hab ihn sicherheitshalber mitgebracht. Für mich ist er zu groß, aber er hält warm.«

»Ich ziehe doch nicht den Pullover deines Vaters an. Das wäre seltsam.«

»Wie du willst.« Sie warf den Pullover zurück in die Hütte, wo er auf dem Fußboden landete, und zog die Tür hinter sich zu.

»Es liegt knapp zehn Minuten weiter den Hang hinauf.« Sie zeigte in die entsprechende Richtung.

»Was?«

»Das heiße Bad«, erwiderte sie über die Schulter. »Dort oben gibt es eine heiße Quelle – perfekt für zwei Personen.«

Während des Abendessens war der Vollmond aufgegangen, der das gesamte Tal mit kaltem Licht flutete. Insgeheim hätte Benedikt den Weg durch die Nacht lieber gemieden, weil es keine andere Lichtquelle gab. Keine Spur einer anderen menschlichen Behausung, bis auf das Sommerhaus, das mittlerweile außer Sichtweite hinter ihnen lag. Aber es war ein Abenteuer, er war bis über beide Ohren in dieses Mädchen verliebt und fest entschlossen, das Beste aus ihrem Ausflug zu machen.

Trotzdem konnte er weit und breit kein Becken sehen.

»Ist es noch weit?«, fragte er unsicher. »Du führst mich doch nicht an der Nase herum, oder?«

Sie lachte. »Nein, natürlich nicht! Da, schau mal dort hoch!«

Am Fuß des Berges konnte er einen kleinen Holzverschlag und daneben Dampfschwaden ausmachen, die im Mondlicht aufstiegen.

»Siehst du den Unterstand? Er steht neben dem Becken. Die alte Hütte wird als Umkleide genutzt.«

Aber als sie näher kamen, erkannte Benedikt, dass ihr Weg von einem reißenden Gebirgsbach versperrt war, dessen strudelnde Gischt im Mondlicht schimmerte.

»Wo ist die Brücke? Oder müssen wir drumherum gehen?«

»Vertrau mir, ich kenne die Gegend wie meine Westentasche.« Als sie das Ufer erreichten, fuhr sie fort: »Es gibt keine Brücke. Das ist die beste Stelle, um den Bach zu überqueren. Siehst du die Steine?«

Benedikt nickte. Aus dem Wasser ragten ein paar Felsbrocken. Doch die Aussicht, dort hinüberzuspringen, behagte ihm gar nicht.

»Es ist nichts dabei. Einfach ein Stein nach dem anderen, schon bist du drüben.« Sie zog ihre Schuhe und Socken aus und überquerte den Fluss, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Flink wie eine Katze, dachte Benedikt.

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Er folgte ihrem Beispiel, zog sich die Schuhe aus und stopfte die Socken hinein. Mit den Schuhen in beiden Händen gab er sich einen Ruck, setzte den ersten Schritt in den Bach – und zuckte sofort leise fluchend zurück. Das Wasser war eiskalt.

»Komm schon, bring es einfach hinter dich«, rief sie von der anderen Seite und erschien ihm für einen Augenblick unerreichbar weit weg.

Er watete weiter in den Bach hinein, stieg auf den ersten Felsbrocken und sprang auf den nächsten. Beim Sprung zum dritten Fels stolperte er, fand jedoch gerade rechtzeitig das Gleichgewicht wieder. Als er schließlich leicht zittrig das andere Ufer erreicht hatte, seufzte er erleichtert.

Er blickte auf und sah, dass sie ihre Klamotten ausgezogen hatte und splitternackt am Rand des Beckens stand.

»Komm«, rief sie wieder und stieg langsam in das heiße Wasser.

Das ließ er sich nicht zweimal sagen. Eilig zog er sich aus, stieg neben ihr ins Becken und wäre um ein Haar ausgerutscht, weil die Steine am Grund so glatt waren.

»Das ist absolut … unglaublich.« Er blickte zum Himmel, zum Mond und zu den Sternen. Warmer Wasserdampf und die Dunkelheit hüllten sie ein. Er rückte näher an das Mädchen heran.

III

Benedikts Zähne wollten nicht aufhören zu klappern, als sie nach ihrem Ausflug zu der heißen Quelle zur Hütte zurückliefen. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war; seine Uhr lag irgendwo im Wagen, und die einzige Uhr im Sommerhaus – eine kleine Wanduhr im Wohnzimmer – war stehen geblieben. Genau wie die Zeit in diesem verwaisten Landstrich zwischen Bergen und Meer, dachte er.

»Lass uns direkt ins Bett gehen«, schlug er vor, »und unter die Decken kriechen. Mir ist eiskalt.«

»Okay«, sagte sie. »Dann mal los, steig du als Erster hoch.«

Beim Klang ihrer zärtlichen Stimme war ihm sofort ein wenig wärmer.

Eigentlich wollte er ihr gern den Vortritt lassen, doch als sie keine Anstalten machte hinaufzugehen, stieg er vor ihr die Leiter hoch. Im Schlaf-Loft war es dunkel, und er suchte vergeblich nach einem Lichtschalter.

»Gibt es hier oben kein Licht?«, rief er.

»Nein, du Dummkopf«, erwiderte sie liebevoll von unten. »Das ist ein Sommerhaus, keine Luxusvilla!«

Im blassen Mondlicht, das durch das winzige Fenster fiel, tastete er sich vorwärts. Sie hatten die Bettwäsche im Auto gelassen, aber Benedikt fror so sehr, dass er auf keinen Fall noch mal nach unten gehen, geschweige denn sich nach draußen wagen wollte. Er schob zwei Matratzen zusammen und schlüpfte unter die Bettdecke. Er zitterte vor Kälte, gleichzeitig war er von Vorfreude erfüllt: Am unteren Ende der Leiter stand das Mädchen seiner Träume, die gleich zu ihm hochklettern würde, sie waren meilenweit von der nächsten Siedlung entfernt und so vollkommen allein, dass sie genauso gut die beiden einzigen Menschen auf der Welt hätten sein können.

Sekunden später hörte er leichte Schritte. Sie stieg die Leiter hoch – und als sie durch die Luke krabbelte, war sie buchstäblich begleitet von einem Leuchten. Sie hielt eine Kerze in der Hand, deren Flamme ihr Gesicht erhellte und ihr eine geheimnisvolle, verzauberte Aura verlieh. Der Anblick war so irreal, dass es Benedikt erneut schauderte.

Sie stellte die Kerze vorsichtig auf dem Boden ab. Für einen kurzen Moment hatte er Bedenken; falls in der alten Holzhütte ein Feuer ausbrechen sollte, wäre der Ausgang fatal. Aber im nächsten Augenblick war die Sorge wie weggefegt. Sie war halb nackt.

»Wow«, stieß er unwillkürlich hervor. Sie war so verdammt umwerfend. Dann fiel sein Blick erneut auf die Kerze, und er fühlte sich doch gedrängt zu fragen: »Ist es nicht gefährlich, eine brennende Kerze hier oben zu haben?«

»Was glaubst du, wie die Leute auf dem Land zurechtkommen, Benni? Ehrlich, du bist so ein Stadtjunge!«

Er lachte. »Willst du nicht unter die Decke kommen? Ist dir nicht kalt?«

»Ach, eigentlich spüre ich die Kälte gar nicht. Ich weiß auch nicht, warum.«

Im Schein der Kerze sah er sie lächeln. Dann machte sie kehrt und stieg ohne Erklärung wieder die Leiter hinunter.

»Hast du was vergessen?«

Sie antwortete nicht. Er rutschte ein Stück näher an die Kerze heran, als könnte ihre Flamme die Kälte in seinen Knochen vertreiben. Wieder kam ihm das Wort »irreal« in den Sinn. Oder »außerweltlich«, ja, das war es vielleicht. Gleichzeitig fühlte es sich irgendwie verboten an, was es umso aufregender machte.

Sie kehrte fast unverzüglich zurück, diesmal mit einer Flasche Rotwein und zwei Gläsern.

»Das ist f-f-fantastisch«, sagte er zitternd.

Sie schlüpfte unter die Decke und schmiegte sich an ihn. »Besser so, Benni?«

Es war ein unbeschreibliches Gefühl, sie hier an diesem Ort auf diese Weise seinen Namen sagen zu hören.

»Ja.« Seine Stimme klang unpassend kraftlos.

»Wusstest du, dass hier in der Nähe einer meiner Vorfahren gelebt hat?«, fragte sie, und ihr Ton machte deutlich, dass damit eine längere Geschichte verbunden war. Sie erzählte ständig Geschichten – eine der Eigenheiten, die er an ihr liebte. Es war so leicht gewesen, sich in sie zu verlieben, viel zu leicht, doch er bereute nichts. Nicht mehr.

»Angeblich …« Sie machte eine dramatische Pause und fuhr dann kokett fort: »Aber ich weiß nicht, ob du das hören willst …«

»Natürlich will ich!«

»Angeblich spukt sein Geist in diesem Tal.«

»Ja, klar.«

»Ob du es glaubst, liegt an dir, Benni, aber das erzählen die Leute hier. Deswegen würde ich niemals allein eine Nacht hier verbringen wollen.« Sie schmiegte sich enger an ihn.

»Hast du ihn gesehen?«, fragte er und hoffte insgeheim, sie würde aufhören, ihn länger hinzuhalten. Er genoss ihre Geschichte. Er liebte es, sie sprechen zu hören, obwohl ihm bewusst war, dass er nicht alles, was sie sagte, für bare Münze nehmen durfte.

»Nein …«, antwortete sie, doch das nachfolgende Schweigen bereitete Benedikt Unbehagen. »Nein … Aber ich habe ihn gespürt … gehört … Ich habe Dinge gehört, die ich mir nicht erklären konnte.«

Sie klang so ernst, dass er betroffen schwieg.

»Als ich einmal mit meinem Vater hier war – ich war damals noch ein kleines Mädchen, und wir waren nur zu zweit –, hat er, nachdem ich schlafen gegangen war, die Hütte noch mal verlassen und ist irgendwo hingelaufen. Als ich aufgewacht bin, war ich jedenfalls allein. Das war zu Beginn des Frühlings, deshalb waren die Abende noch dunkel. Ich habe versucht, eine Kerze anzuzünden, aber der verdammte Docht wollte nicht brennen … Und dann habe ich diese Geräusche gehört und … weißt du was, Benni? Ich hatte noch nie im Leben solche Angst.«

Benedikt sagte weiterhin nichts, bereute insgeheim aber schon, sie ermuntert zu haben, ihre Geschichte zu erzählen.

Er drehte den Kopf, sah sie an und glaubte für einen Moment, tatsächlich Angst in ihrem Blick zu erkennen. Er schloss die Augen und versuchte, das unheimliche Gefühl abzuschütteln. Seit wann fiel er auf so einen Unsinn herein?

»Ich glaube nicht an …« Er ließ den Satz unvollendet.

»Das liegt daran, dass du nicht die ganze Geschichte kennst, Benni«, sagte sie leise und in einem Ton, der etwas Schauriges andeutete, das unausgesprochen blieb.

»Die ganze Geschichte?«, gab er nach einer Weile hilflos zurück.

»Er wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Stell dir das mal vor: auf dem Scheiterhaufen verbrannt.«

»Blödsinn! Willst du mich verarschen?«

»Glaubst du, das würde ich tun? Hast du noch nie von den Hexenverbrennungen in Island gehört?«

»Die Hexenverbrennungen? Du meinst, im siebzehnten Jahrhundert? Als man alte Frauen verbrannt hat, weil sie angeblich schwarze Magie betrieben haben?«

»Alte Frauen? In Island wurden kaum Frauen verbrannt! Es waren vor allem Männer. Und mein Vorfahr war einer von ihnen. Denk mal darüber nach, Benni. Versuch für einen Moment, dir vorzustellen, wie es sich anfühlen muss, auf einem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.«

Sie machte eine plötzliche Handbewegung, um ihre Ausführungen zu unterstreichen und stieß dabei die Kerze um. Benedikt hielt die Luft an.

Die Kerze fiel auf den Holzboden.

IV

Sie reagierte blitzschnell, packte die Kerze und steckte sie zurück in den Halter.

»Das hätte übel ausgehen können«, sagte sie grinsend.

»Ja. Sei vorsichtig, Herrgott noch mal«, erwiderte er noch atemlos vor Schreck.

»Und weißt du was?«, fuhr sie im selben betörenden Ton fort, als wäre nichts geschehen. »Ich schätze, er war schuldig.«

»Schuldig?«

»Ja, er war ein Hexer. Versteh mich nicht falsch. Ich meine nicht, dass er es verdient hat, verbrannt zu werden, aber er hat anscheinend wirklich mit schwarzer Magie herumexperimentiert. Ich habe mich auch damit beschäftigt, weißt du, mit magischen Symbolen und so. Es ist wirklich faszinierend.«

»Faszinierend? Mit Okkultismus rumzupfuschen?«

»Nein, wirklich, ich glaube, das ist erblich bedingt, es liegt mir in den Genen.«

»Was? Schwarze Magie?«, fragte er ungläubig.

»Ja, Magie.«

»Ist nicht dein Ernst.«

»Über so etwas mache ich keine Witze, Benni. Ich hab wirklich ein bisschen herumexperimentiert. Es ist echt aufregend.« Sie verpasste ihm spielerisch einen Knuff.

»Herumexperimentiert?«

»Ja, Menschen mit einem Zauber belegt und so. Was glaubst du wohl, wie ich es geschafft habe, dich in mein Bett zu locken?«, fügte sie schelmisch hinzu.

»Oh, komm schon.«

»Es liegt an dir, was du glaubst.«

»Ich kann kaum glauben, dass ich mit dir hier bin.«

Sie lachte. »Willst du nichts trinken?« Die Weinflasche und die Gläser standen noch unangerührt neben der Kerze.

»Ich krieche bestimmt nicht noch mal unter dieser Decke hervor. Dafür ist mir zu kalt.«

»Kalt? Du hast doch keine Angst, oder?«, fragte sie neckend.

Er antwortete nicht.

»Im Ernst, hast du Angst?«

»Natürlich nicht.« Er rückte wieder näher an sie heran und spürte die Wärme, die ihr nackter Körper ausstrahlte.

»Es passiert schon nichts, solange die Kerze brennt – da wird er keinen Mucks machen. Erst wenn es dunkel ist, Benni, erst wenn es dunkel ist …«

Sie streckte die Hand nach der Kerze aus, löschte den Docht mit Daumen und Zeigefinger, drehte sich wieder zu ihm um und küsste ihn unendlich zärtlich auf den Mund.

V

Als Benedikt aufwachte, war er überrascht, dass es noch so früh war. Er hatte gedacht, fernab von Verkehrslärm und Weckern würde er schlafen wie ein Stein und erst am späten Vormittag wach werden.

Allerdings hatte er nicht besonders gut geschlafen. Vielleicht war die Gutenachtgeschichte über schwarze Magie und verbrannte Hexer schuld. Vielleicht lag es auch daran, dass er endlich eine Nacht mit ihr verbracht hatte.

Sie schlief immer noch tief und fest, also stieg er leise die Leiter hinunter, zog Pullover, Hose und Schuhe an und steckte den Kopf aus der Tür. Allem Anschein nach würde es ein schöner Tag werden; es war kühl, aber vollkommen windstill. Er lief von der Hütte Richtung Meer hinunter und genoss im blassen Morgenlicht den ersten Ausblick auf die Umgebung. In seiner Vorstellung war der Nordwesten von massiven Bergen geprägt, die sich über den Fjorden erhoben, die so tief ins Land einschnitten, dass dort im Winter monatelang keine Sonne zu sehen war. Doch hier am innersten Ausläufer des Ísafjarðardjúp war die Landschaft sanfter, das grasbewachsene Tal auf drei Seiten von langen, flachen Fjellen umgeben. Was der Umgebung an Dramatik fehlte, machte sie mit ihrer allumfassenden Ruhe wett, einem Gefühl von Leere und Endlosigkeit. Die einzigen Farbtupfer in der baumlosen Landschaft waren Heidel- und Krähbeeren und der stille blaue Fjord.

Er brauchte länger als erwartet, um zur Küste hinunterzusteigen. Dort setzte er sich auf einen Felsen und blickte aufs Wasser. Jenseits der Fjordmündung glänzte der ewige Schnee an der Nordküste des Djúp – eine Erinnerung daran, wie nahe sie hier dem Polarkreis waren. Sie hatte ihm erzählt, dass die gesamte nördliche Halbinsel von Hornstrandir bis Snæfjallaströnd bis auf eine Handvoll Bauernhöfe, die sich wacker hielten, unbewohnt war. Bei dem Gedanken fühlte er sich ein wenig verlassen.

Er wollte nicht zu lange wegbleiben, falls sie in seiner Abwesenheit aufwachte und sich fragte, wo er war, deshalb kraxelte er den Hang zügig wieder hinauf. Es hatte gutgetan, die Beine zu strecken, doch jetzt freute er sich darauf, in die Wärme zurückzukehren.

Als er bei der Hütte ankam, die Leiter hinaufstieg und in das Schlaf-Loft spähte, schlummerte sie immer noch. Erstaunlich, wie lange sie schlafen konnte.

Dies war seine erste Gelegenheit, seinem Mädchen Frühstück ans Bett zu bringen; nichts Extravagantes, ein schlichtes Mahl aus Brot, Käse und Orangensaft, das er in das Schlaf-Loft hochtragen wollte.

Sie sah so schön aus, wenn sie schlief. Er stupste sie sanft an, doch sie reagierte nicht und rührte sich auch nur leicht, selbst als er sich zu ihr hinabbeugte und flüsterte, dass das Frühstück fertig sei.

»Frühstück?«, fragte sie, öffnete halb die Augen und gähnte.

»Ich war kurz im Laden.«

»Im Laden?«

»War nur ein Witz. Ich hab dir ein Butterbrot gemacht.«

Sie lächelte. »Danke, aber ich bin noch ziemlich müde. Ist es okay, wenn ich es später esse?«

»Ja, klar. Willst du noch ein bisschen schlafen?«

»Das wäre toll.«

Benedikt dachte an die Landschaft draußen – obwohl er zunächst skeptisch gewesen war, hatte das einsame Tal ihn für sich eingenommen. »Okay, kein Problem. Vielleicht mache ich einen Spaziergang und springe in das heiße Becken.«

»Ja, super Idee, mach das«, sagte sie und drehte sich um. »Lass dir Zeit.«

Benedikt lief los, ohne zu wissen, wohin er wollte, und der Gedanke gefiel ihm. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten war er richtig allein, unerreichbar für alle. Die Natur um ihn herum hatte eine unvermutet anregende Wirkung auf ihn. Die Luft war immer noch frisch, doch diesmal hatte er sich seine Jacke übergezogen, und beim Gehen wurde ihm rasch warm. Eigentlich hatte er geplant, sich in dem heißen Becken zu entspannen, doch als er den Bach erreichte, beschloss er, weiterzugehen und das Tal zu erkunden. Im hellen Tageslicht mit den Bergen als Orientierung würde er sich wohl kaum verlaufen.

Manchmal war es gut, Zeit für sich zu haben, Zeit zum Nachdenken. Er hatte keinen Zweifel, dass er die richtige Frau gefunden hatte, so schwierig es auch gewesen war, sie zu erobern. Er hatte den Eindruck, dass sie gut zueinander passten, dass sie sich wirklich gut verstanden und trotzdem so verschieden waren, dass es aufregend bleiben würde. Nicht einmal ihre reißerischen Gespenstergeschichten störten ihn; sie hatten ihren eigenen Reiz, obwohl er nach wie vor nicht wusste, ob er alles glauben sollte, was sie ihm in der vergangenen Nacht erzählt hatte. Ein Vorfahr, der wegen Hexerei verbrannt worden war … Na ja, möglich war es, und bei der Vorstellung bekam er Gänsehaut. Er erinnerte sich noch an den Heidenschreck, als sie dann noch die Kerze umgestoßen hatte, und hatte den leisen Verdacht, dass es Absicht gewesen war, um … nun ja, um des Effekts willen. Sie war unberechenbar, man wusste nie, was sie als Nächstes tun würde, aber für ihn zählte jetzt nur noch, dass er verliebt in sie war, mit all ihren Fehlern, und sie endlich ihm gehörte.

Er brauchte jetzt vor allem Ruhe, um über die Zukunft nachzudenken. Sein lang gehegter Traum, Kunst zu studieren, hatte vor Kurzem neuen Auftrieb erhalten, als ein Schulfreund beschlossen hatte, sich an einer der führenden Kunstakademien in den Niederlanden zu bewerben. Dadurch ermutigt hatte Benedikt ebenfalls die Bewerbungsunterlagen angefordert, die jetzt als Erinnerung an die zu treffende Entscheidung auf seinem Schreibtisch lagen. Aber bis zum Bewerbungsschluss blieb ihm noch ein wenig Zeit.

Bisher hatte er den Sprung aus verschiedenen Gründen nicht gewagt. Erstens natürlich, weil er verliebt war und sich nur schwer auf etwas anderes konzentrieren konnte. Aber der Kurs begann auch erst in einem Jahr, und bis dahin müsste eine vorübergehende Trennung nicht unbedingt das Ende ihrer Beziehung bedeuten. Er könnte vielleicht sogar irgendwann die Möglichkeit ansprechen, dass sie mit ihm in die Niederlande ziehen könnte. Schließlich war sie abenteuerlustig, genau wie er. Zweitens ging es um Geld; seine Familie war nicht wohlhabend, und auch er selbst hatte keine Ersparnisse, auf die er zurückgreifen konnte. Aber wenn er sparsam lebte, sollte er mit einem Studiendarlehen über die Runden kommen. Und zu guter Letzt waren da noch seine Eltern. Er war Einzelkind, und sie hatten ihn relativ spät bekommen. Inzwischen gingen beide auf die sechzig zu. Vielleicht hielt ihn ein unbewusstes Schuldgefühl zurück, sie im Stich zu lassen. Aber der eigentliche Grund seines Zauderns war offen gestanden schlicht und einfach die Angst davor, eine so grundlegende Entscheidung zu treffen: Er hatte immer den Weg des geringsten Widerstands gewählt, war auf die Schule gegangen, die seine Eltern für ihn ausgesucht hatten, hatte an den Sport- und Freizeitaktivitäten teilgenommen, die von ihm erwartet worden waren, und gerade erst in diesem Herbst ein Maschinenbaustudium begonnen, weil er genau wie seine Eltern gut in Mathe war. Aber dass ihm das Fach leichtfiel, bedeutete nicht, dass er deswegen auch nur die geringste Begeisterung für die Vorlesungen aufbrachte.

An diesem Wochenende, an dem andere Erstsemestler sich aus Angst, mit dem Stoff nicht mitzukommen, in ihren Büchern vergruben, wollte Benedikt sein Studium für eine Weile vergessen. Er konnte sich ohnehin kaum vorstellen, beim Maschinenbau zu bleiben, und spürte, wie in ihm ein rebellischer Geist erwachte. Die frische Landluft hatte eine eigenartig elektrisierende Wirkung auf ihn; es war, als könnte er alles endlich deutlich vor sich sehen, und er wusste mit unvermittelter Klarheit, dass er keine einzige weitere verdammte Vorlesung ertragen würde. Am besten überließ er all das – die Zahlen und Gleichungen – anderen. Leuten, die sich wirklich dafür interessierten. Er musste nur den Mut aufbringen, seinen Eltern entgegenzutreten, und nicht nur das: Er musste sich auch seiner eigenen Feigheit stellen und die Entscheidung treffen, von der er wusste, dass sie die richtige war. Natürlich würde es seine Mutter und seinen Vater hart treffen, wenn er ihnen mitteilte, dass er sein Studium abbrechen, in die Niederlande gehen und dort Kunst studieren wollte … Die Vorstellung war beinahe komisch. Er konnte sich ihre Gesichter genau vorstellen, wenn er ihnen seinen Entschluss eröffnete. Immerhin wussten sie, dass er am glücklichsten war, wenn er sich in der Garage einschließen und mit Pinseln, Farben und Leinwand herumhantieren konnte. So war es schon seit Jahren, und auf ihre Weise hatten sie ihn sogar unterstützt und ermutigt, ohne von ihrer Überzeugung abzuweichen, dass er etwas Praktisches studieren sollte. Kunst könne nie mehr sein als ein Hobby.

Er erinnerte sich noch gut daran, wie sein Kunstlehrer nach Abschluss des letzten Schuljahrs mit ihnen gesprochen und versucht hatte, ihnen zu erklären, wie talentiert ihr Sohn war. Ja, hatten sie erwidert, das sei ihnen durchaus bewusst. Aber als der Kunstlehrer vorgeschlagen hatte, dass ein Junge mit Benedikts Gabe professionell malen sollte, waren sie völlig perplex gewesen, auch wenn sie höflich reagiert hatten. Schon damals war Benedikt klar geworden, dass er seinen Lebensweg selbst bestimmen musste, und er hatte auch gewusst, wie dieser Weg aussehen könnte; ihm hatte nur der Mut gefehlt, seinen Traum zu verwirklichen.

Vielleicht würde nun alles leichter werden, mit ihr an seiner Seite … Voller Zuversicht hob er den Blick zu den Bergen und stellte überrascht fest, dass er viel weiter gelaufen war als beabsichtigt. Er fühlte sich glücklich und war voller Tatendrang, die Luft war frisch und belebend, und er hatte das Gefühl, dass dieser Vormittag sich in der Rückschau als bedeutender Wendepunkt in seinem Leben erweisen würde, dass er seine Zukunft auf eine elementare Weise prägen würde. Wir sind alle Herr unseres eigenen Schicksals, sagte er sich und glaubte es vorbehaltlos. Wenn er wieder nach Hause käme, müsste er nur seinem Herzen folgen.

Am Fuß des Berges setzte er sich, um nach der anstrengenden Wanderung zu Atem zu kommen, doch schon bald kroch ihm die vom Boden aufsteigende Kälte durch die Kleidung und bis in die Knochen. Er sollte besser in Bewegung bleiben.

Trotzdem hatte er es nicht besonders eilig; er würde sie richtig lange ausschlafen lassen.

Auf dem Rückweg legte er mehrere Pausen ein, um die Landschaft zu bewundern. Er freute sich schon darauf, sich in dem heißen Becken gründlich aufzuwärmen. Es wäre eine Schande, die Gelegenheit nicht zu nutzen. Außerdem musste er üben, den Bach zu überqueren, damit er, wenn sie das nächste Mal zusammen ein Bad nehmen würden, nicht wieder wie ein Idiot ans andere Ufer stolperte und sich als hoffnungsloser Städter blamierte.

Er hing seinen Zukunftsträumen nach, fragte sich von Neuem, ob sie vielleicht gemeinsam in die Niederlande gehen könnten und wo sie wohnen würden. Er malte sich eine kleine Wohnung aus, eine gemütliche Studentenbude in einem dieser schmalen, hohen Häuser an einem Kanal. Nach dem Studium könnten sie zurück nach Island ziehen, am liebsten in die Altstadt von Reykjavík, wo er sich zu Hause fühlte.

Sein Herz hing an der Kunst und nun auch an ihr.

Nach einem strammen Marsch erreichte er die heiße Quelle. Diesmal hielt er auf den Trittsteinen über den Bach das Gleichgewicht, obwohl sie genauso rutschig und tückisch waren wie am Abend zuvor; erst auf der anderen Seite fragte er sich, was passiert wäre, wenn er ausgerutscht wäre und sich den Knöchel gebrochen hätte. Seine Hilferufe wären wahrscheinlich nicht bis zum Sommerhaus gedrungen, und von dort konnte man das Becken auch nicht sehen.

Er schob den Gedanken beiseite, zog sich aus und stieg in das dampfende Wasser – ein wunderbarer Kontrast zu der beißenden Herbstluft. Hier würde er eine Weile sitzen bleiben, um sich aufzuwärmen.

Der Rand des Beckens bestand aus flachen Steinplatten, auf einer Seite floss heißes Wasser aus einem Rohr. Er lehnte sich zurück, betrachtete die baumlosen Berghänge mit den lang gezogenen, horizontalen Felsschichten, die herbstliche Vegetation, die in der tief stehenden Sonne rostrot und gelb leuchtete. Er kannte die Thermalbäder in Reykjavík, aber dies hier war etwas vollkommen anderes: inmitten der Natur zu sein, über ihm zwitschernde Vögel, um ihn herum nur plätscherndes Wasser. Es war wirklich idyllisch. Er hoffte, dass Besuche hierher zu einem festen Teil ihres Lebens werden würden.

Mittlerweile hatte Benedikt jedes Gefühl für die Zeit verloren. Wie lange war er schon weg? Zu lange, fürchtete er. Er hoffte, dass sie nicht längst aufgewacht war und schon ungeduldig auf ihn wartete. Er sollte allmählich aus dem Becken steigen, doch das Wasser schien an seinen Gliedern zu zerren. Es fiel ihm schwer, sich von der Wärme loszureißen – und nach der langen Wanderung hatte er ein wenig Erholung verdient, sagte er sich. Noch würde sie sich hoffentlich nicht fragen, wo er war.