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Buch

Dass ihr verstorbener Mann zahlreiche Affären hatte, löst nicht nur Wut in Claire Hayes aus – es hat ihr auch das Herz gebrochen. Nie wieder will die junge Witwe einen Mann so nahe an sich heranlassen. Auch soll nichts in ihrem Leben sie mehr an Brayden Hayes erinnern. Claire stürzt sich in die Renovierungsarbeiten an ihrem Haus in der Upper East Side. Dass ihr ungehobelter Bauleiter, Scott Turner, sie für eine verwöhnte Prinzessin hält, bestätigt sie in ihrer Überzeugung: New Yorker Männer können ihr gestohlen bleiben! Selbst wenn sie so attraktiv sind wie Scott, in dessen Gegenwart Claire sich endlich wieder lebendig fühlt …

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sowie zu lieferbaren Titeln der Autorin

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Lauren Layne

Love on

Lexington Avenue

Roman

Übersetzt von

Nicole Hölsken

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel

»Love on Lexington Avenue« bei Gallery Books,

A Division of Simon & Schuster, Inc., New York.

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Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2020

Copyright © der Originalausgabe by Lauren LeDonne

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: FinePic®, München

Redaktion: Antje Steinhäuser

MR · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-25355-4
V001

www.goldmann-verlag.de

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Für Anth, bester Freund und »der einzig Wahre«

Prolog

Samstag, 21. Juli

Es laut auszusprechen wäre geschmacklos gewesen; trotzdem fanden alle, die in New York City Rang und Namen hatten, dass die Beerdigung von Brayden Daniel Hayes das gesellschaftliche Ereignis des Sommers war.

Dabei war Brayden keineswegs ein A-Promi gewesen, sondern vielmehr eine gesellschaftliche Randfigur. Zwar Teil des Sonnensystems, aber eher einem Mond vergleichbar, den man leicht vergaß und der nur in der Nähe deutlich beeindruckenderer Planeten seine Umlaufbahn hatte. Brayden war wohlhabend, aber keineswegs stinkreich. Auch äußerlich war er durchaus einigermaßen attraktiv gewesen, über Mittelmaß aber doch nicht hinausgekommen. Man mochte ihn, aber man liebte ihn nicht.

Einen Großteil seines relativ kurzen Erwachsenenlebens hatte er zu den Menschen gehört, die höchstens eine Ach-ja-der-Reaktion hervorriefen. Ein Mann, der durchs Leben kam und ging, ohne große Spuren zu hinterlassen.

Außer natürlich nach seinem Unfalltod durch Ertrinken.

Im Alter von fünfunddreißig Jahren.

Da gab es zwei leere Flaschen Sauvignon Blanc, die an Deck des Segelbootes herumkullerten. Ganz zu schweigen von den Gerüchten darüber, was er getan hatte, bevor er Segel gesetzt hatte. Oder mit wem er es getan hatte.

Durch diese Art des Ablebens hätte es wohl jeder für eine Saison auf Page Six geschafft.

Und so saß an einem sonnigen Nachmittag im Juli Manhattans gesamte Elite in der Central Presbyterian Church Ecke Park Avenue und Sixty-Fourth Street. Sie alle trugen eine perfekt betretene und respektvolle Miene zur Schau, auch wenn es maßlos übertrieben war, dass sie im Flüsterton ihre Nähe zum Verstorbenen zu betonten.

Habt ihr gehört? Am Tag bevor sie ihn fanden, hatte er noch meine Einladung zur Dinnerparty angenommen.

Ich hätte wissen können, dass da etwas im Busch war. Als wir letzte Woche miteinander sprachen, war er einfach nicht er selbst.

Wir sind einmal miteinander ausgegangen. Ist schon Jahre her. Ich denke immer wieder daran, was hätte sein können …

Diejenigen, die ihn überhaupt nicht gekannt hatten, beschränkten sich auf Klatsch und Tratsch. Immer wieder tauchte die Frage auf, ob sein Leichnam tatsächlich nackt gewesen war, wie die Gerüchte hartnäckig behaupteten. Ob es stimmte, dass es eine Studentin der NYU gewesen war, die die Küstenwache gerufen hatte, als er nicht zum Steg gekommen war, wo sie sich verabredet hatten.

Was aber die Neugier unter den schwarzen Hüten und tristen Anzügen aufs Köstlichste anstachelte, war eine ganz andere Frage:

Wo war Claire Hayes?

Offenbar waren doch nicht alle zu Braydens Beerdigung gekommen.

In der vordersten Kirchenbank, in der Braydens Familie saß und stoisch den milden Worten über ein Leben, das zu früh geendet hatte, lauschte, blieb ein wichtiger Platz in der ersten Reihe verdächtiger- und schockierenderweise leer.

Und während die Theorien, warum das so war, hohe Wellen schlugen, saßen drei Frauen, die sich gerade erst kennengelernt hatten, ein paar Straßen weiter auf einer Bank im Central Park und stellten fest, dass sie zwei wichtige Dinge gemeinsam hatten:

1. Identische Louboutins.

2. Eine sehr intime Beziehung zu Brayden Hayes.

Und während Fremde, die den Mann kaum gekannt hatten, die Kirche verließen, von Mimosas und ihrer bevorstehenden Rückkehr in ihre Ferienhäuser in den Hamptons murmelten, schmiedeten diese drei Frauen, die ihn besser als irgendjemand sonst kannten, einen ganz anderen Plan.

Die Ehefrau.

Die Freundin.

Die Geliebte.

Sie schlossen einen Pakt. Niemals, auf keinen Fall, wollten sie zulassen, dass eine von ihnen wieder auf einen Frauenhelden wie Brayden Hayes hereinfiel.

1

Ein Jahr später – Dienstag, 6. August

Alles begann mit einem Cupcake.

Na ja, dem Cupcake und den Karten.

Claire Hayes blickte auf den einsamen Cupcake und die einzelne, kümmerliche Kerze herab und fragte sich, warum sie sich überhaupt die Mühe gemacht hatte. Einige Dinge sollte man eigentlich gar nicht beachten, geschweige denn feiern. Und Claires Ansicht nach gehörten fünfunddreißigste Geburtstage definitiv dazu.

Insbesondere der fünfunddreißigste Geburtstag einer Witwe, der es bedauerlicherweise an jeglichem Optimismus mangelte, deren Stoffwechsel immer langsamer wurde und die besagten Geburtstag allein beging.

Zumindest das Alleinsein hatte sie selbst gewählt.

Claires Eltern hatten angeboten, von ihrem Altersruhesitz in Florida herüberzufliegen und sie zum Dinner auszuführen, aber sie hatte abgelehnt. Sie liebte Helen und George Burchett heiß und innig, aber das Letzte, was Claire jetzt ertragen konnte, war das ständige Gemurmel ihres Dads.

Ich schwöre, Prinzessin, wenn dieser Idiot nicht von selbst von diesem Boot gefallen wäre, hätte ich ihn mit eigenen Händen umgebracht.

Genauso wenig wie die wohlmeinende, aber anstrengende Sorge ihrer Mutter über den Zustand ihrer Fortpflanzungsorgane. Habe ich dir erzählt, dass Annmaries Tochter ihre Eier eingefroren hat? Eine Vorsichtsmaßnahme, dabei ist sie erst zweiunddreißig …

Deshalb nein. Ihre Eltern wollte Claire an diesem speziellen Geburtstag nun wirklich nicht sehen. Und auch wenn sie deshalb ein schlechtes Gewissen hatte: Nach der Gesellschaft ihrer Freundinnen stand ihr der Sinn ebenso wenig. Zumal Freundinnen – also wahre Freundinnen – heutzutage nur schwer zu finden waren. Ihr ehemals höchst aktives Sozialleben war nach Braydens Tod weitgehend eingetrocknet.

Anscheinend waren ihre früheren Freunde zu dem Schluss gekommen, dass eine Witwe auf jeder Cocktailparty ein Stimmungskiller war, weshalb der Strom der Einladungen genauso plötzlich versiegt war wie der der Beileids-Blumen.

Allerdings war das nicht der einzige Grund für ihre gesellschaftliche Isolation. Immerhin hatte sie selbst sich ebenfalls zurückgezogen.

Selbst die wohlmeinenden Freundinnen, diejenigen, die sich nicht ausschließlich für Klatschgeschichten interessierten, sondern denen sie am Herzen gelegen hatte, hatten es nicht verstanden. Nicht, was es bedeutete, in so jungen Jahren einen Partner zu verlieren, und ganz gewiss nicht, was es bedeutete, einen Partner zu verlieren, der sich als ausgesprochener Schuft entpuppt hatte.

Es gab nur zwei Menschen, die das nachvollziehen konnten. Zwei Freundinnen, die sich auf eine Weise in sie hineinversetzen konnten, wie ihre alten Kontakte das nie zu tun vermocht hätten. Tatsächlich wären Naomi Powell und Audrey Tate die einzigen Menschen gewesen, mit denen Claire sich hätte vorstellen können, ihr nächstes Lebensjahr einzuläuten.

Sie wären im Bruchteil einer Sekunde hier gewesen. Die Freundin und die Geliebte ihres Ehemannes hätten besser als jeder andere die melancholische Note dieser speziellen »Feier« verstanden.

Und doch wollte die leise Stimme in Claires Hinterkopf nicht verstummen: Vielleicht konnten selbst sie nicht alles nachvollziehen, was sie momentan empfand.

Naomi Powell mochte keine Ahnung gehabt haben, dass Brayden verheiratet gewesen war, genauso wenig wie Claire gewusst hatte, dass Brayden sie betrog. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass Naomi die heiße, verwegene Geliebte gewesen war. Die Verführerin à la Jessica Rabbit, von der Männer sich angezogen fühlten, wenn sie zu Hause nicht zufrieden waren. Männer wie Brayden offenbar.

Audrey hätte mich vielleicht ein bisschen besser verstanden. Für Naomi war Brayden nur eine Affäre gewesen, aber Audrey Tate hatte ihn geliebt, hatte Claire gestanden, dass sie gehofft – ja sogar angenommen – hatte, ihn eines Tages zu heiraten, ohne zu wissen, dass der Titel »Brayden Hayes’ Ehefrau« schon vergeben war. Der durchdringende Schmerz des Betrugs – Audrey verstand ihn.

Und doch war die Situation nach Braydens Betrug für Audrey und Claire eine jeweils vollkommen andere. Mit dem ganzen hoffnungsfrohen Optimismus einer Frau in den Zwanzigern war Audrey nach wie vor davon überzeugt, dass ihr Prince Charming da draußen noch immer auf sie wartete.

Claire hingegen? Wohl kaum. Ein Frosch war und blieb manchmal eben nur ein Frosch, egal, wie gut er geküsst wurde.

Ihre einsame Geburtstagskerze tropfte grünes Wachs auf das Vanille-Frosting. Mit einem verärgerten Schnauben blies Claire sie aus und wandte sich dem anderen Herold ihres Geburtstagsblues zu.

Dem Stapel an Geburtstagskarten.

Eigentlich waren die paar Textnachrichten und E-Mails, die im Laufe des Tages eingegangen waren, schon deprimierend genug gewesen. In den meisten war lediglich ein HAPPY BIRTHDAY zu lesen, das hernach in Luftballons auf ihrem iPhone-Display aufging. Frauen, von denen sie seit ihrem letzten Geburtstag nichts mehr gehört hatte, hatten ihr zudem ein munteres HAPPY BDAY, MEINE LIEBE! zukommen lassen.

Aber das hier – diese Karten, die nun schon seit ein paar Tagen in ihrem Briefkasten auftauchten – fühlte sich an wie aus einem anderen Leben. Claire war gar nicht klar gewesen, dass Menschen unter sechzig immer noch Karten aus Papier schickten, aber neben den erwarteten Grüßen von entfernten Verwandten gab es sogar jede Menge Post von Leuten ihres Alters.

Sie wusste, dass sie in bester Absicht verschickt worden war. Die Absender wollten ihr zeigen, dass jemand an sie dachte, aber ein Teil von ihr, jener verbitterte, erschöpfte Teil, der nach Braydens Tod zum Vorschein gekommen war, fragte sich unwillkürlich …

Hatten diese sogenannten Freunde Papierkarten geschickt, weil diese Art der Kommunikation eine Einbahnstraße war? Eine Möglichkeit, ihres Geburtstags zu gedenken, ohne sich mit ihrer ganzen verpesteten, deprimierten Witwenschaft auseinandersetzen zu müssen?

Alle ausgesuchten Druckwerke waren teuer, wie es bei der Elite der Upper East Side üblich war. Glitzer, Schmuck und fester Cardstock waren im Überfluss vorhanden – im Gegensatz zu Botschaften, die von Herzen kamen.

Alles Gute fürs neue Lebensjahr, Claire.

Nur die besten Wünsche, Claire!

Genieße Deinen großen Tag!

Sie schluckte, kämpfte gegen die Woge der Niedergeschlagenheit an, als sie erkannte, dass diese allgemein gehaltenen Geburtstagswünsche die Erwachsenenversion von »Wünsche Dir einen tollen Sommer!« waren, die man früher ins Highschool-Jahrbuch gekritzelt hatte.

Wann war aus ihr eine Frau geworden, an die niemand dachte, bis ihr Geburtstag im Kalender auftauchte? Oh ja. Die. Armes Ding. Vielleicht sollten wir ihr wenigstens eine Karte schicken …

Claire schob die ganze Post beiseite und funkelte den Cupcake wieder wütend an. Sie pflückte die Kerze heraus und leckte das daran klebende Frosting ab.

Na denn. Das ist also mein Fünfunddreißigster.

Claires einziger Trost bestand darin, dass die Fünfunddreißig wohl kaum schlimmer sein konnte als die Vierunddreißig. Vor einem Jahr war sie immer noch mit den Nachwirkungen für die Beerdigung ihres Mannes beschäftigt gewesen. Auch nicht toll. Die Tatsache, dass sie bei der Beerdigung, die sie selbst geplant hatte, gar nicht dabei gewesen war? Schlimmer. Viel schlimmer.

Claire hatte es nur bis zum obersten Treppenabsatz geschafft. Ihr Verstand hatte ihr befohlen, die Rolle der trauernden Witwe zu spielen, aber ihr Herz hatte ihr etwas anderes geboten: Scheiß auf ihn!

Scheiß auf Brayden und auf das Gespött, zu dem er deine Ehe gemacht hat.

Und also war sie weggerannt. Buchstäblich. Oder genauer, sie war, so schnell es ihre Stilettos erlaubten, davongestöckelt. Während also Familie und Freunde sich versammelt hatten, um von Brayden Abschied zu nehmen, hatte Claire auf einer Bank im Central Park gesessen.

Ironischerweise hatte sie ausgerechnet an diesem Tag Audrey und Naomi kennengelernt, während sie auf dieser Bank saß und Hayden gleichzeitig hasste und vermisste. Dort hatten die drei Frauen einen Pakt geschlossen, sich gegenseitig zu beschützen, um nie wieder auf einen Mann wie Brayden hereinzufallen.

Was Claire den beiden aber an diesem Tag nicht verraten hatte – was sie ihnen bis heute nicht gesagt hatte –, war, dass sie nicht die Absicht hatte, überhaupt jemals wieder auf einen Mann hereinzufallen. Punkt. Mit der großen Hochzeit in Weiß hatte sie ein für alle Mal abgeschlossen. Sie hatte versprochen, ihn zu lieben und zu achten. Und verdammt, sie hatte sich an ihr Eheversprechen gehalten. Niemand hatte ihr damals gesagt, dass es nur eine einseitige Verpflichtung war. Niemand hatte ihr gesagt, dass sich unter der Fassade einer Beziehung, unter dem Etikett der »Liebe« ein stinkender Haufen Unrat befand.

Ob sie deshalb verbittert war? Ab.So.Lut.

Und verbittert war vollkommen okay für sie.

Claire fuhr mit dem Finger an dem Cupcake entlang und nahm etwas von dem Frosting, auf dem kein Wachs gelandet war. Der vertraute Vanillegeschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Sie runzelte die Stirn. Natürlich Vanille. Lange Zeit war das ihr Lieblingsgeschmack gewesen. Bei Kuchen, Eis, Kaffee.

Vanille-Frosting, Vanille-Cupcake …

Vanille-Leben.

Mit verengten Augen musterte sie den Cupcake, irrationalerweise wütend auf das Gebäck, weil es nicht aufregend war. Sie hätte auch Naomis Lieblingskuchen wählen können: Red Velvet Cupcakes mit Cream Cheese Frosting, gesprenkelt mit aromatischen Zimtstückchen. Oder Audreys Double-Chocolate-Alles-Mögliche für jeden Anlass, je schokoladiger, desto besser.

Claire lächelte kläglich, als ihr klar wurde, dass die jeweiligen Lieblingscupcakes des Trios ihrem Aussehen entsprachen. Naomis Red Velvet passte zu ihrem leuchtend-roten Haar. Audreys Schokoladen-Fetisch war ein Abbild ihres seidig-dunklen Schopfs.

Und bei Claire war es eben … Vanille.

Sie streifte mit der Hand ihr schulterlanges, blondes Haar. Nicht platinblond; auch nicht wirklich golden, sondern einfach nur ein langweiliger Allerwelts-Gelbton. Genervt schob sie den Teller beiseite, stand auf und suchte fieberhaft nach einer Ablenkung. Sie ging zur Küchentheke und war wild entschlossen, sich auf ihr neuestes Hobby zu stürzen.

Die Renovierung ihres Hauses.

Seit drei Jahren schon juckte es Claire in den Fingern, ihr Domizil in New York City instand zu setzen. Die Lage war ein Traum. Das elegante Sandsteinhaus auf der Seventy-Third Ecke Lexington Avenue war eine absolut auserlesende Adresse in Manhattan. Sie und Brayden hatten die Immobilie von Braydens Großmutter geerbt.

Das Problem war nur: Es sah aus, als wohnte Braydens Großmutter immer noch hier.

Zwar hatten Claire und Brayden niemals wirklich Geldsorgen gekannt, aber ihr Bankkonto eröffnete ihnen auch nicht jene unbegrenzten Möglichkeiten, über die viele ihrer Standesgenossen verfügten. Brayden war eher bestrebt gewesen, so auszusehen, als habe er Geld, statt tatsächlich welches anzuhäufen. Ein Großteil seines Gehalts war in extravagante Geschenke, Designerklamotten und teure Dinner in den angesagtesten Restaurants geflossen – was immer nötig war, um dem Anschein nach zur Hautevolee New Yorks zu gehören.

Er hatte Claire immer ermutigt, es ihm gleichzutun; bei Givenchy oder Chanel zu kaufen, den teuersten Champagner zu trinken, wenn sie mit ihren Freundinnen aus war, aber diese Freundinnen niemals zu sich nach Hause einzuladen. Wie gesagt, Braydens Einkommen war nach den Maßstäben der meisten Menschen durchaus großzügig bemessen gewesen, aber megareich war er nicht gewesen. Sie hatten nicht genug, um draußen das Highlife zu genießen und gleichzeitig Geld in ihr Haus zu investieren.

Demzufolge sah Claires Haus alt aus. Nicht im distinguierten Vanderbilt-Stil, sondern eher die müde und langweilige Variante. Ich frage mich, ob oben noch eine wie auch immer geartete Lavalampe herumsteht. Die fehlte zwar, aber der Teppich stammte definitiv aus der Zeit, als Lavalampen in Mode gewesen waren.

Die Küche hasste sie am meisten. Klein und vollgestopft, eher eine Art Flur als wirklich ein Raum, mit schrecklichen, beigefarbenen melaminbeschichteten Schränken, einer Resopalplatte und einem Ofen, der erheblich älter war als Claire selbst. Der Rest des Hauses war nicht ganz so dramatisch, aber auch hier musste man Arbeit hineinstecken. Mit demjenigen, der auf die Schnapsidee gekommen war, im gesamten Erdgeschoss dunkelgelben Teppichboden verlegen zu lassen, hätte Claire liebend gern ein Hühnchen gerupft. Und die Person, die die düstere rot-grüne Blümchentapete ausgewählt hatte, war mit Sicherheit farbenblind, wenn nicht gar komplett blind gewesen.

Das Gebälk war zu dunkel und die unmodernen Möbel zu hell, sodass nichts so recht zusammenpassen wollte. Das moderne, weiße Sofa, das man eher in einem trendigen, schwedischen Nachtclub erwartet hätte, wirkte in einem Raum, der eines Horrorfilms würdig gewesen wäre, entsetzlich deplatziert.

Aber nicht mehr lange, dachte Claire, während sie ihre Farb-, Fliesen- und Holzmuster durchging. Nach monatelanger Planung und durch die Summe, die ihr durch Braydens Lebensversicherung zugeflossen war, würde morgen der offizielle Startschuss für ihre Renovierungsaktion fallen.

Obwohl ihr bewusst war, dass ihr Haus dann über mehrere Monate eine Baustelle sein würde, freute sie sich darauf. Sie konnte es gar nicht erwarten, das Hämmern, Bohren und die leisen Flüche zu hören. Ja, es würde das reine Chaos werden, aber das hatte Claire auch dringend nötig. Sie sehnte sich danach.

Und dennoch …

Mit verengten Augen beäugte sie die Muster, die sie für die Küche ausgewählt hatte. Kirschholzschränke und passende Bodendielen. Als Kontrast Arbeitsplatten aus weißem Granit. Edelstahlspüle. Gedämpfte Eierschalfarbe für die Wände. Vor ein paar Tagen noch war Claire von ihrer Auswahl begeistert gewesen. Alles schien zeitlos zu sein. Elegant, ohne spießig zu wirken. Modern, aber nicht Schickimicki.

Aber nun, vor dem Hintergrund dieses verdammten Cupcakes, sah sie nur eins … Vanille. Jedes einzelne Muster, jede Farbe, jeder Stoff entsprach genau dem, was erwartet wurde.

Langsam begann Claire, ihre Farbauswahl und Stoffmuster für die anderen Zimmer des Hauses durchzusehen. Ihre Bewegungen wurden immer hektischer, als ihr aufging, was sie da vor sich sah.

Weiß. Off-White. Sanftes Weiß. Schneeweiß. Einfach nur Weiß. Leuchtend Weiß. Warmes Weiß. Papierweiß. Cremefarben. Beige. Eierschalfarben. Ecru. Sahnefarben. Elfenbein. Hafermehlweiß. Puder. Kokosnuss. Knochen. Leinen. Spitze. Porzellan. Taubengrau.

Um Himmels willen, und eine Farbe nannte sich tatsächlich Vanille.

Das Schlimmste daran war nicht, wie fade das alles war, obwohl das natürlich auch nicht toll war. Das Schlimmste war das Wissen tief in ihrem Innern, dass dieser Stapel Unsinn genau das war, was jedermann von ihr erwartete. Was sie sogar von sich selbst erwartete.

Claire hatte sich immer für beständig gehalten. War stolz auf ihre Zuverlässigkeit gewesen, aber was, wenn diese Konstanz eine Schattenseite hatte?

Was, wenn sie vielmehr der Langeweile in die Klauen geraten war? Und noch schlimmer? Was, wenn sie nicht den blassesten Schimmer hätte, wie sie sich aus ihnen befreien konnte?

Voller Panik schnappte Claire sich das Handy, das auf der Theke lag.

»Claire?« Audreys Stimme klang verwirrt, als sie abhob. »Geht es dir gut?«

Hieß so viel wie: Warum rufst du an, statt mir, wie sonst, einfach zu schreiben?

Claire holte tief Luft. »Ich habe mir heute einen Cupcake gekauft. Rate mal, welche Geschmacksrichtung?«

»Oh, das hier ist also ein Cupcake-Notfall?«, antwortete Audrey so verständnisvoll, dass Claire gleich wusste, dass sie die Richtige angerufen hatte. Naomi hätte sich sicherlich auch auf die Richtung eingelassen, die dieses Gespräch einschlug, aber Claire wusste, dass sie ihre Abende in den Armen ihres sexy Freundes verbrachte; da waren Cupcake-Anrufe sicherlich nicht ganz so willkommen.

»Hmm, okay, du hast ihn dir also selbst gekauft?«, überlegte Audrey. »Dann ist es definitiv Vanille.«

Claire sank das Herz. »Ja. Ja, es ist ein Vanille-Cupcake.«

»Ich verstehe nicht so ganz …«, meinte Audrey langsam. »Ich habe das Gefühl, das Rätsel zwar gelöst zu haben, aber dennoch falsch zu liegen.

»Nein, liegt nicht an dir«, antwortete Claire und rieb sich die Stirn. »Nur aus Neugier; was ist der verrückteste Cupcake-Geschmack, den du dir denken kannst?«

»Naja … Bei Magnolia gibt es diese absolut dekadenten glutenfreien Schokoladen-Cupcakes, die …«

»Keine Schokolade«, unterbrach Claire sie. »Ich meine, es darf durchaus Schokolade drin sein. Aber ich will keine Standardgeschmacksrichtungen. Ich suche nach einem Cupcake, der sämtliche Regeln bricht.«

»Haben Cupcakes denn überhaupt Regeln? Bist du gerade in einer Konditorei und kannst dich nur nicht entscheiden, oder steckt etwas anderes dahinter?«

Etwas anderes.

Sie konnte ihrer Freundin keinen Vorwurf daraus machen, dass sie verwirrt war, denn Claire war nun einmal absolut nicht der Typ, der um neun Uhr abends irgendwo wegen eines Dessert-Notfalls anrief.

Eigentlich war Claire nicht der Typ für irgendeinen Notfall. Sie löste Probleme. Sie war diejenige, bei der andere anriefen, wenn sie Hilfe, Rat oder auch nur ein offenes Ohr brauchten. Die Freundin, die einem sagen konnte, wie man Rotweinflecken aus Seide entfernte, oder die einem liebevoll, aber entschieden erklären würde, dass – nein, wirklich nicht – ein Bobschnitt nicht zu deiner Gesichtsform passte.

In ihrer Ehe war sie der Fels in der Brandung gewesen, diejenige, die Brayden am Ende des Tages einen Drink gebracht hatte und dann geduldig zugehört hatte, während er über seine hirnlosen Kollegen, seinen kleingeistigen Boss oder die Barista herzog, die seine Bestellung falsch ausgeführt hatte.

Selten war es umgekehrt gewesen, und Claire hatte das auch nichts ausgemacht – eigentlich hatte sie es gar nicht so richtig gemerkt. Erst nach Braydens Tod war es ihr überhaupt zu Bewusstsein gekommen. Erst nach seinem Ableben war ihr aufgegangen, dass das stabile Fundament, auf dem sie ihr ganzes Leben errichtet hatte, nicht annähernd so solide war, wie sie geglaubt hatte.

Denn Brayden war nicht einfach nur verstorben. Er hatte die Welt nackt und betrunken verlassen, war von einem Boot gefallen, während eine zwanzigjährige Studentin am Dock auf ihn wartete, damit sie genau das tun konnten, was Fremdgänger und sorglose Mädchen um die zwanzig eben so miteinander trieben.

Seine Autopsie hatte ergeben, dass er sich den Kopf gestoßen hatte und bewusstlos gewesen war, als er untergegangen war, dass er von seinem Ertrinken gar nichts mitbekommen hatte. Und auch nicht mitbekommen würde, dass seine hingebungsvolle, im Stillen agierende Ehefrau wieder einmal die Aufgabe hatte, hinter ihm herzuräumen und die Scherben aufzusammeln.

Genau das hatte sie getan. Sie hatte sämtliche Stadien der Trauer durchlaufen. Sie hatte Tränen vergossen, ihrem Zorn Luft gemacht, hatte darüber geredet, um es zu verarbeiten.

Sie hatte ihr Leben wieder im Griff, verdammt.

Also warum fühlte sie sich so leer?

»Claire?«, fragte Audrey vorsichtig und riss Claire aus ihren Gedanken.

»Ich habe heute Geburtstag«, antwortete sie.

»Was?« Audreys Stimme klang beinahe entrüstet. »Wie konntest du uns das verschwei…«

»Ich wollte allein feiern«, unterbrach Claire sie hastig. Zumindest hatte sie das geglaubt. »Es ist nur so, dass … na ja, ich saß hier herum, hatte den Blues und dachte daran, dass letzte Nacht acht neue Fältchen hinzugekommen sind. Und dann fiel mein Blick auf diesen kleinen, schlichten Vanille-Cupcake. Und die Sache ist die, Audrey: Ich habe mir diese Geschmacksrichtung ausgesucht. Ich bin in die Konditorei gegangen, um mir etwas Leckeres zum Geburtstag zu kaufen, und dann habe ich ausgerechnet so etwas gewählt. Ich habe wahrscheinlich gar nichts anderes wahrgenommen. Und jetzt, naja, keine Ahnung, frage ich mich halt … bin ich langweilig, Audrey?«

Bin ich langweilig, und ist das der Grund, warum Brayden sich auf die Suche nach jemandem gemacht hat, der nicht langweilig ist? Jemandem wie dich?

Sie sprach es nicht laut aus, aber sie vermutete, dass Audrey trotzdem verstand, denn ihre Freundin schwieg eine ganze Weile.

»Strawberry-Lemonade«, sagte Audrey schließlich.

»Was?«

»Molly’s Cupcakes auf der Bleeker Street. Dort gibt es jede Menge Fantasie-Geschmacksrichtungen. Ich war letzte Woche da, und Strawberry-Lemonade gehört zu ihrem Sommerprogramm. Nichts Wildes. Eine durchaus herkömmliche Geschmackskombination, aber bei Cupcakes eben unerwartet. Und es schmeckt fantastisch. Süß und säuerlich zugleich, bleibt einem im Gedächtnis haften.«

»Strawberry-Lemonade«, wiederholte Claire nachdenklich. »Ich mag Erdbeeren. Und Limonade auch.«

»Siehst du! Du bist nicht langweilig! Du bist Erdbeer-Limonade! Willst du gleich hinfahren? Ich könnte vorbeikommen, wir nehmen uns ein Taxi …«

Claire lachte. »Ich liebe deinen Enthusiasmus, aber die Zeiten, in denen ich an einem Dienstagabend ins Village gefahren bin, sind vorbei. Insbesondere, da morgen um sieben Uhr morgens schon einer der potenziellen Auftragnehmer auf der Matte steht, um mir ein Angebot für die Renovierung zu unterbreiten.«

Audrey seufzte leise und ergeben. »Ja gut. Vielleicht am Wochenende?«

Normalerweise hätte Claire zustimmend genickt und wäre erleichtert gewesen, dass ihre Freundin sie nicht drängte. Aber Audrey schien so gar nicht überrascht gewesen zu sein, dass Claire abgelehnt hatte, was wiederum Claires schlimmste Befürchtungen bestätigte.

Sie war nicht nur langweilig. Sie war vorhersagbar langweilig.

Claires Blick glitt über den Stapel nichtssagender Geburtstagskarten hinweg. Über den hellen, einsamen Cupcake. Den Stapel fantasieloser Muster und neutraler Proben, die darauf hinwiesen, dass sogar ihre Renovierungsaktion, ein Prozess, der von Natur aus Veränderung signalisierte, letztlich hinauslaufen würde auf … das ewig Gleiche. Ihr Haus wäre hinterher moderner, das ja, aber wenn sie weiterhin bei Weiß und Off-White blieb, würde es das sein, was jedermann von ihr erwartete: Vanille.

Plötzlich erfasste Claire ein starker, unbekannter Drang, und da sie sich ihr Leben lang immer an Regeln gehalten hatte, brauchte sie einen Augenblick, um zu erkennen, was sie da fühlte: Auflehnung.

Sie wollte die Menschen überraschen. Sie wollte sich selbst überraschen.

»Weißt du was, Aud?«, sagte sie nun zu ihrer Freundin. »Was dieses Cupcake-Date angeht. Ziehen wir los.«

»Jetzt?«, fragte Audrey überrascht.

»Ich bin in zwanzig Minuten bei dir. Wir nehmen uns ein Taxi.«

»Ja! Aber bist du auch sicher?«

»Absolut«, antwortete Claire. »Bis gleich.«

Claire wollte gerade zur Treppe gehen, um sich oben umzuziehen, machte dann aber noch einen Abstecher in die Küche.

Und warf den Vanille-Cupcake in den Müll.