PERSEPHONE HAASIS, geboren 1989, hat Kreatives Schreiben und Literaturwissenschaften in Hildesheim und Bamberg studiert. In ihrem zweiten Roman »Küsse im Aprikosenhain« erzählt sie von der Liebe, von Selbstverwirklichung und davon, dass man manchmal einen kleinen Umweg gehen muss, um das ganz große Glück zu finden. Persephone Haasis lebt in Kaiserslautern.
Außerdem von Persephone Haasis lieferbar:
Ein Sommer voller Himbeereis. Roman.
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Persephone Haasis
Küsse im
Aprikosenhain
Roman

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© 2020 Persephone Haasis
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Michael Gaeb
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Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlag: Favoritbüro
Umschlagmotiv: © Shutterstock / Lesya Dolyuk, Shutterstock / Nataly Studio,
Shutterstock / Shutova Elena, Shutterstock / little birdie
Redaktion: Lisa Wolf
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel GmbH, Köln
ISBN 978-3-641-25484-1
V001
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Nathalie,
es ist vorbei. Seit ich hier mit unserem Camper an der Côte d’Azur angekommen bin, wird mir mit jedem Tag klarer, wie wenig wir zusammenpassen. Wenn wir ehrlich sind, war in unserer Beziehung ja schon lange die Luft raus, und mit Jana ist alles ganz anders und so viel schöner. Eine Postkarte ist vielleicht nicht der beste Weg, um eine Beziehung zu beenden, aber ich will zumindest ehrlich sein und dich nicht hinhalten. Außerdem hast du so wenigstens Zeit, in Ruhe aus unserer Wohnung auszuziehen, bis ich wieder zurück bin.
Es tut mir leid.
Elias
Nathalie machte einen letzten Strich und betrachtete zufrieden ihr Werk. Die Entwürfe für den Kunden mit dem Hundezubehör waren fertig. Auch wenn sie sich fragte, wozu man ein Chihuahua-Tragegeschirr brauchte, das den Hund durch den Tragegriff am Rücken in eine Handtasche verwandelte, mochte Nathalie die putzigen Vierbeiner, die sie gezeichnet hatte. In einer einfachen Schreibschrift, die sie beim Lettern ein wenig nach rechts geneigt hatte, stand darüber der Slogan »Wau! So viel Zubehör für Hund und Herrchen gibt’s nur bei Ottmar Langenhagen«. Die Schrift verlieh dem Werbeplakat etwas Nostalgisches und zugleich Seriöses, und das war dem Kunden, der auf seine langjährige Erfahrung als Hunde-Ausstatter setzte, besonders wichtig. Trotzdem schwor sich Nathalie, dass sie weder Hundepfotenschuhe zum Schutz gegen den heißen Asphalt noch Regencapes passend zu Herrchens oder Frauchens Lieblingsjacke kaufen würde, sollte sie sich jemals einen Hund anschaffen. Als ob man so etwas bräuchte. Wenn sie einen Hund hätte, würde sie sicher auch auf das Fitnesslaufband zum Abspecken verzichten können und mit ihm stattdessen lieber im Stadtpark spazieren gehen. Sie würden gemeinsam die einigermaßen frische Luft – so frisch sie in Frankfurt eben sein konnte – einatmen und die Sonnenstrahlen genießen. Sie würde ihm beibringen, Stöckchen zu apportieren, oder einen Wochenendausflug zum See machen, wo sie dann gemeinsam im Wasser herumtollten oder ein tiefes Loch im Sand buddeln würden. Aber ein Hund war in der kleinen Frankfurter Stadtwohnung ebenso ausgeschlossen wie das Gemüsebeet, von dem sie schon so lange träumte.
Nathalie tippte noch rasch ein »Mit freundlichen Grüßen« unter ihre E-Mail und drückte dann auf »Senden«. Den letzten Auftrag für heute hatte sie erledigt. Es war kurz vor eins. Sie hatte also noch genug Zeit, um ihren Schreibtisch aufzuräumen, und dann würde sie sich ins Wochenende verabschieden. Das war einer der schönen Vorzüge ihrer Arbeit, freitags früher gehen zu können. Ordentlich stapelte sie die Papiere zusammen und stellte die jeweiligen Ordner in den Schrank zurück. Am Montag würde sie im Teammeeting der Marketingagentur ihre Probeskizzen für die Nahrungsergänzungsmittel präsentieren, die sie heute Vormittag gezeichnet hatte. Sie fand die glücklich dreinblickenden Obst- und Gemüsesorten grauenhaft, aber wenn der Kunde eben solche Vorgaben machte, fügte sie sich. Unter ihren Skizzen lag das Buch mit ihren Lettering-Entwürfen, das sie während Telefonaten oder in ihren Pausen für eigene Ideen nutzte. Nathalie liebte ihren Job als Kommunikationsdesignerin, aber manchmal wünschte sie sich, Projekte zu betreuen, für die sie wirklich brannte. Sie blätterte durch ihre Skizzen und blieb an dem schmelzenden Eis in der Waffel hängen, dessen Tropfen die Ü-Pünktchen von »Süße Sommergrüße« bildeten. Zu Hause würde sie das Eis mit Aquarellfarben illustrieren und ihrer Mutter als Postkarte schicken.
Nathalie schlug das Buch zu und steckte es in die Handtasche. Hoffentlich zeigte sich dieses Wochenende noch die Sonne. Sie letterte nämlich viel lieber draußen auf ihrem kleinen Balkon zwischen den Blumen und Kräutern. Ob ihre Paprika wohl mittlerweile Farbe bekommen hatten? Nathalie erinnerte sich noch gut daran, wie glücklich sie war, als sich letztes Jahr um diese Zeit die Farbe der ersten Paprikaschote von einem unreifen Grün in ein vielversprechendes Gelb verwandelt hatte. Aber das würde dieses Jahr vermutlich nicht so schnell passieren. Die Sonne schien einfach viel zu wenig in den letzten Wochen. Sie fuhr ihren Computer herunter, zog sich ihre leichte Sommerjacke über und nahm ihren Schirm aus dem Ständer.
»Bis Montag!«, rief sie in Miriams Büro, wo ihre Kollegin und beste Freundin gerade am Telefon hing und herzlich lachte.
»Einen Moment, Lena.« Miriam verdeckte mit der Hand die Sprechmuschel des Hörers. »Unsere kleine Grillparty müssen wir verschieben, oder?«
Nathalie nickte. »Sieht so aus, als ob sie schon wieder ins Wasser fällt.«
»Buchstäblich«, stimmte Miriam nach einem kurzen Blick nach draußen, drehte sich dann wieder zu Nathalie und formte mit den Lippen ein lautloses »Schönes Wochenende«, bevor sie die Hand vom Hörer nahm, um weiterzutelefonieren.
Frankfurt versank in einem milchigen Nebel aus grauen Wolken, Häuserfassaden, Wasserpfützen und durch den Regen eilenden Passanten, die sich unter ihren Schirmen versteckten, um nicht nass zu werden. Einzig die orangefarbene Leuchtschrift auf der Anzeigetafel der Straßenbahnhaltestelle brachte ein bisschen Farbe in diesen grauen regnerischen Tag. Nathalie hatte den Kragen ihrer Jacke hochgeschlagen und den Schirm aufgespannt, während sie an der Haltestelle wartete. Das Wetter passte zu ihrer Stimmung, seit Elias ohne sie an die Côte d’Azur gefahren war. Die Grillparty wäre zumindest eine willkommene Ablenkung gewesen, um sie von den marternden Gedanken abzulenken, die sie seitdem quälten.
Als die nächste Straßenbahn kam, drängte sich Nathalie, zusammen mit den anderen Wartenden, in das dampfende Abteil, in dem man vor Regenschirmen, triefenden Mänteln und beschlagenen Scheiben kaum etwas sehen konnte. Es war stickig und warm, und sie kam sich trotz des trüben, eher kühlen Junitages vor wie in einer Sauna. Zum Glück hatte sie nur ein paar Haltestellen zu fahren. Sie stellte sich nah an die Tür, öffnete den obersten Knopf ihrer Jacke und genoss den kühlen Windhauch, der ihr bei jedem Halt entgegenschlug, wenn sich die Türen öffneten. Während sie mit halbem Ohr ein paar Gesprächsfetzen folgte, überlegte sie, was sie nun mit ihrem freien Wochenende anstellen sollte. Sie hatte sich zwar auf das Grillen am See mit Miriam gefreut, aber so würde sie sich zumindest mal wieder um ihren geliebten und zum Glück überdachten Balkon kümmern können. Ihre Margerite wollte sie ohnehin schon seit einer Woche umtopfen, und jetzt konnte sie ein bisschen Zeit draußen verbringen, ohne nass zu werden.
An der Haltestelle Lindenbaum stieg Nathalie aus und lief die Straße entlang zu ihrer Wohnung. Zuallererst würde sie sich einen Tee machen, um sich etwas aufzuwärmen, dann würde sie die Post durchsehen, ein bisschen lesen – und möglicherweise würde sich dann der Himmel gnädig erweisen und eine kurze Regenpause einlegen, damit sie sich in Ruhe um ihre Balkonpflanzen kümmern oder noch ein bisschen zeichnen konnte. Nach einem kurzen Halt am Briefkasten nahm sie die Steinstufen hinauf in den zweiten Stock und schloss die Tür zu ihrer gemütlichen Zwei-Zimmer-Altbauwohnung auf, in der sie seit drei Jahren mit Elias lebte. Die Wohnung war zwar nicht besonders groß, aber durch die hohen Decken des Altbaus wirkte sie trotzdem sehr geräumig. Nathalie hatte sich sofort bei der ersten Besichtigung in den Charme der Wohnung verliebt, und der kleine Balkon hatte ihr neues Zuhause perfekt gemacht.
Die meisten Möbel hatten Elias und sie aus Secondhandläden zusammengesammelt, und so sah die Einrichtung kunterbunt, aber auch sehr gemütlich aus. Besonders liebte Nathalie die kleine Kommode im Flur, bei der jeder Schubladenknauf eine andere Farbe hatte, und ihr Bücherregal, das sie gemeinsam mit Elias aus alten Kartoffelkisten zusammengeschraubt hatte. Sie mochte das blassgrüne Siebzigerjahre-Sofa und den Geruch des dunkelbraunen Leders ihres Lesesessels, der direkt am Fenster stand und über dessen Lehne immer die alte Patchworkdecke lag, falls ihr beim Lesen kalt wurde. Gut, über den Couchtisch, der aus der Glasplatte eines alten Aquariums und zwei gebrauchten, übereinandergestapelten Europaletten bestand, ließ sich streiten, aber er war Elias’ ganzer Stolz, denn es war sein erstes selbst entworfenes Möbelstück.
Nathalie hängte ihre Jacke an die Garderobe, zog ihre Schuhe aus und tauschte ihre nassen Strümpfe gegen ein paar flauschig-warme Wollsocken, die sie schon im Flur bereitgelegt hatte. Als sie in die Küche ging und der Dielenboden behaglich unter ihren Füßen knarzte, fühlte sie, wie sie sich langsam entspannte. Jetzt noch eine warme Tasse Tee, und das Wochenende war, so gut es bei diesem Wetter eben ging, eingeläutet. Nathalie setzte Wasser auf, hängte einen Beutel Hagebuttentee in einen Becher und übergoss ihn mit dem sprudelnden Wasser. Hagebuttentee mochte sie bei so einem Wetter am liebsten, weil er nach Sommer und Sonne schmeckte – egal, wie sehr es draußen regnete oder stürmte. Dann stellte sie den dampfenden Becher auf ihren Holztisch in der Küche und setzte sich.
Während der Tee zog und sich ein fruchtiger Geruch in der Küche verbreitete, sah sie die Post durch. Es waren hauptsächlich Rechnungen – Strom, Internet und Telefon, die Heizkostenabrechnung –, ein Werbeheft für Schuhe, das sie ungelesen direkt in die Schachtel fürs Altpapier legte, und dazwischen eine Postkarte, mit Blick vom Meer auf einen von der Sonne geküssten Strand, hinter dem sich im Hintergrund eine Stadt erhob. »Viele Grüße von der Côte d’Azur« stand in bunter Schrift auf dem wolkenlosen blauen Himmel. Nathalie fand, dass die Schrift ein bisschen altbacken wirkte, trotzdem freute sie sich, dass Elias an sie gedacht und ihr geschrieben hatte. Vielleicht hatte sie ihm vor dem Urlaub doch unrecht getan, als sie ihm vorgeworfen hatte, ihre Beziehung sei ihm egal.
Nathalie drehte die Karte um und erkannte sofort Elias’ gleichmäßige Handschrift. Aber schon beim ersten Satz stutzte sie, überflog dann die restlichen Zeilen, las die Karte ein zweites und schließlich noch ein drittes Mal, doch es dauerte, bis sie den Inhalt der Worte begriff.
Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Machte Elias allen Ernstes auf einer Postkarte mit ihr Schluss? Das Blut rauschte in ihren Ohren, Gedanken und Erinnerungen wirbelten durch ihren Kopf wie bei einem Tornado, um wenige Augenblicke später absolute Leere darin zurückzulassen. Nathalie ließ die Karte sinken und sah zu dem gerahmten Foto über dem Küchentisch, das sie und Elias letztes Jahr in ihrem Urlaub in den Alpen gemacht hatten. Sie beide lächelten in die Kamera, während hinter ihnen die verschneiten Bergspitzen wie Haifischzähne in den Himmel ragten.
Nathalie starrte wieder auf die Postkarte. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Mit einem Mal wurde ihr so kalt, als hätte Elias einen Eimer Eiswasser über ihr ausgegossen. Er hatte sie nicht nur einfach abserviert, nein, er war mit Jana, seiner neuen Kollegin, an der Côte d’Azur! Ein tiefer Stich bohrte sich in Nathalies Herz und ließ sie wütend aufschluchzen. Mit einem Mal zerriss sie die Karte und warf sie zum restlichen Altpapier. Wie konnte er nur! Er hatte über ihre Beziehung nachdenken und ein bisschen Abstand haben wollen – und sie war auch noch so dumm und damit einverstanden gewesen, in der Hoffnung, dass sie sich vielleicht doch noch mal zusammenraufen würden. Klar, wenn Nathalie ehrlich zu sich selbst war, lief ihre Beziehung schon seit einigen Monaten nicht mehr so richtig rund. Aber dass Elias bereits mit Jana zusammen war und mit ihr in den Urlaub fuhr, war die Höhe. Das konnte er nicht ernst meinen! Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Es war aus. Elias hatte mit ihr Schluss gemacht. Auf einer Postkarte! Nathalie konnte es kaum begreifen. Sie war gleichzeitig wütend und traurig – so eine Abfuhr hatte wirklich niemand verdient. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien, aber in ihr war alles wie betäubt. Wahrscheinlich, weil sie insgeheim schon länger damit gerechnet hatte, dass sie keine gemeinsame Zukunft hatten. Trotzdem tat dieser endgültige Schlussstrich so unfassbar weh und machte sie so wütend, dass sie diesen hässlichen, dämlichen Couchtisch nur zu gerne durch die Wohnung geworfen hätte. Doch das würde auch nichts ändern, das wusste sie.
Schniefend stützte Nathalie ihre Ellbogen auf den Küchentisch und ließ ihr Kinn in die Hände sinken. Ihr Blick wanderte wieder nach draußen, doch mittlerweile konnte sie nicht einmal mehr die Hausfassade von gegenüber erkennen, denn der Regen war so stark geworden, dass dicke Tropfen gegen die Scheibe prasselten und in kleinen Bächen am Fensterglas hinunterrannen. Das Orangenbäumchen war mittlerweile fast ertrunken, und das Basilikum, das sie erst letzten Montag gesetzt hatte, ließ deutlich seine Blätter hängen. Doch auch die Sorge um ihre Pflanzen konnte Nathalie nicht von den Gedanken an Elias ablenken. Und während hier die Welt unterging, lag er an einem Sandstrand der Côte d’Azur und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen – zusammen mit dieser Jana.
Nathalie spürte, wie ihre Kehle schon wieder eng wurde, und das machte sie noch wütender. Es war ja nicht so, dass sie nicht selbst schon über eine Trennung nachgedacht hätte. Aber sie hatte Elias nicht einfach kampflos aufgeben wollen. Sie hatte es nicht über sich gebracht, ihre letzten vier gemeinsamen Jahre einfach so wegzuwerfen. Im Gegensatz zu ihm. Es war unfassbar. Nathalie schnaubte aufgebracht und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Dass Jana nicht nur eine Arbeitskollegin war, hatte sie ja schon seit Längerem befürchtet. Sie hatte viel zu oft nach Feierabend bei Elias angerufen, und der hatte immer den Raum verlassen, um mit Jana über Projekte mit dringenden Deadlines zu sprechen. Eigentlich hätte sie es längst wissen müssen. Vor allem, als er dann plötzlich für zwei Wochen allein mit dem Camper verreisen wollte, um sich über ihre Beziehung klar zu werden. Sie war einfach zu naiv.
Als es draußen jetzt hell aufblitzte und kurz darauf ein lautes Donnern ertönte, zuckte Nathalie unwillkürlich zusammen. Sie hätten damals auch einen tollen Urlaub am Meer haben können, wenn Elias nicht auf die Schnapsidee gekommen wäre, einen Abenteuertrip mit Rucksack auf dem Rücken, fünfzig Euro in der Tasche und einem mickrigen Zelt im Gepäck zu unternehmen. Nathalie verdrehte schon allein bei dem Gedanken daran die Augen. Sie spürte, wie es in ihr brodelte. So gerne hätte sie mit Elias im letzten Sommer einfach nur am Strand gelegen und ihre Auszeit genossen, aber er hatte ja unbedingt Action und Abenteuer haben wollen.
Das Picknick neben einem Ameisenhaufen hatte zu fiesen Ameisenbissen geführt, anstatt zu romantischen Küssen unter dem Sternenhimmel. Dazu war das Zelt nicht wasserdicht gewesen, und die fünfzig Euro hatte Elias schon in der ersten Woche für Medikamente ausgegeben, da er sich leider eine Lebensmittelvergiftung zugezogen hatte. So viel also zu ihrem romantischen Urlaub in der Natur.
Und jetzt war er mit ihrem Camper unterwegs, genoss die Côte d’ Azur mit dem glitzernden Meer, das gute Essen und den Rotwein von einem regionalen Winzer, unternahm Spaziergänge in der herrlichen Natur oder am Strand bei Sonnenuntergang, während sie damals auf steinigem Boden im Zelt geschlafen hatten. Pah, das könnte ihm so passen! Nathalie schob mit einer energischen Bewegung den Stuhl zurück. Sie ging zum Telefon und wählte Elias’ Nummer. Jetzt würde sie ihm erst einmal gehörig die Meinung sagen. Genau genommen war das nämlich gar nicht ihr gemeinsamer Camper, mit dem er da gerade unterwegs war, sondern ganz allein ihrer! Elias hatte ihr die fünftausend Euro dafür schließlich immer noch nicht zurückgezahlt, die sie damals vorgestreckt hatte.
Nathalie lauschte dem regelmäßigen Tuten, während das Telefon die Verbindung aufbaute. Elias konnte sich auf etwas gefasst machen, sie würde … Die Mailbox sprang an. Es war nicht zu fassen! Elias ging doch tatsächlich nicht ans Handy. Anscheinend wollte er in seinem Liebesurlaub nicht gestört werden. Nathalie presste mit einem finsteren Gesichtsausdruck die Lippen zusammen. Sie konnte sich schon denken, was das hieß. Vermutlich alberte er gerade mit Jana im herrlich türkisblauen Meer herum, oder die beiden lagen Händchen haltend auf den Sonnenliegen, die sich Nathalie und Elias extra für ihren Camper gekauft hatten.
Nathalie konnte den Gedanken daran kaum ertragen! Nein, das alles würde sie Elias in keinem Fall gönnen. So konnte er nicht mit ihr umspringen. Sie würde ihn nicht so einfach mit einer Postkarte davonkommen lassen. Während sie tief durchatmete, um sich zu beruhigen, kam ihr plötzlich eine Idee. Innerhalb von Sekunden war sie voller Energie, sie fühlte sich ganz schwindelig, als der Plan in ihrem Kopf Gestalt annahm und sie eine Entscheidung traf. Aber bevor sie diese in die Tat umsetzte, brauchte sie erst einmal Unterstützung. Und in so einem Fall konnte ihr nur ihre beste Freundin helfen: Miriam.
»Nathalie, was ist los? Willst du doch im Regen grillen?«, meldete Miriam sich bereits nach dem zweiten Klingeln fröhlich.
»Auf gar keinen Fall. Ich rufe an, weil Elias sich gemeldet hat.«
»Aha. Wie ist sein Urlaub denn so – allein?«
»Umwerfend, wie es scheint«, gab Nathalie mit zusammengebissenen Zähnen zurück.
»Dann hat er seine Auszeit also genutzt, um sich über seine Gefühle klar zu werden?«
»So kann man das auch sagen«, antwortete Nathalie trocken. »Er hat mir eine Postkarte geschrieben.«
»Ach, das ist aber süß!«, rief Miriam. »Ich habe mich immer gefragt, wer so etwas heute noch macht!«
»Süß? Von wegen. Warte, ich zeig sie dir.« Nathalie nahm ihr Smartphone vom Ohr, machte ein Foto von der Postkarte und schickte es über WhatsApp an Miriam.
»Sekunde …«, sagte Miriam, und Nathalie hörte Papier rascheln. Bestimmt musste ihre Freundin das Smartphone wieder unter einem Berg von Ordnern suchen. »Ah, ich hab’s gefunden …« Dann kam nur noch ein empörtes Schnauben. »Was? Ist das sein Ernst?«
»Anscheinend.« Nathalie spürte, dass sie am ganzen Körper bebte.
»Ich habe doch gleich gesagt, dass das mit seiner Arbeitskollegin seltsam ist.«
»Ich weiß«, gab Nathalie zu und betrachtete die Regentropfen, die am Küchenfenster herunterrannen.
»Mensch, Süße, das ist echt unglaublich, aber im Grunde hast du doch schon länger damit gerechnet.«
»Ja, schon, aber die Art und Weise, wie er es beendet hat, macht mich so unfassbar wütend! Ich meine, mal ehrlich – mit einer Postkarte?!«
»Das ist nicht nur gemein, sondern feige. Als ob er echt keinen Arsch in der Hose hätte, um dir das ins Gesicht zu sagen!« Miriam überlegte einen Moment. »Soll ich vorbeikommen? Wir machen eine Flasche Sekt auf, hören Gute-Laune-Musik, und ich lenk dich ein bisschen ab?«
Nathalie lächelte matt. »Du, das ist echt lieb, aber ich glaube, ich brauche jetzt erst mal ein bisschen Zeit für mich.«
»Kann ich verstehen.« Miriam seufzte leicht. »Aber du gibst jetzt nicht klein bei, oder?«
»Was?« Nathalie riss sich von dem Schauspiel der Wassertropfen an der Fensterscheibe los.
»Na, du wirst doch hoffentlich jetzt nicht aus der schönen Wohnung ausziehen. Du hast ewig gesucht, bis du den tollen Altbau mit dem kleinen Balkon gefunden hast. Da lässt du dich doch jetzt von Elias nicht so einfach vor die Tür setzen, oder?«
»Nein, den Gefallen tue ich ihm ganz sicher nicht! Immerhin zahle ich seit mehreren Monaten die Miete. Irgendwann ziehe ich definitiv aus und suche mir was Hübsches mit einem kleinen Garten, aber nicht heute und nicht, bevor Elias nicht zuerst ausgezogen ist. Aber packen werde ich definitiv.«
»Sekunde …« Miriam schien irritiert zu sein. »Wie meinst du das? Willst du jetzt seine Sachen zusammensuchen?«
Nathalie dachte kurz nach. »Ja, das wäre natürlich auch eine Möglichkeit, aber das kann er mal schön selber machen. Nein, ich nehme mir jetzt einen Koffer und packe.«
»Und dann?«, fragte Miriam, noch immer verwirrt.
»Dann fahre ich an die Côte d’ Azur.«
»Aber was soll das bringen?«
»Ich stelle ihn zur Rede«, sagte Nathalie entschieden. »Den Gefallen, dass er sich gerade den besten Urlaub aller Zeiten macht, während ich hier mit gebrochenem Herzen sitze und ausziehen soll, tue ich ihm ganz sicher nicht!«
Am anderen Ende herrschte einen Augenblick Stille. »Bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Miriam dann.
»Absolut.« Nathalies Stimme klang bitter. »Meinetwegen kann er sich trennen, meinetwegen kann er auch seine Arbeitskollegin flachlegen – auch wenn es fairer gewesen wäre, wenn er damit bis nach unserer Trennung gewartet hätte –, aber sich an der Côte d’Azur zu vergnügen und mich mit einer Postkarte abzuspeisen, das ist einfach nur albern und kindisch.«
»Aber ist es dieser Vollidiot wirklich wert, ihm hinterherzufahren?«
Nathalie zögerte einen kurzen Moment, sagte dann aber mit fester Stimme: »Nein, aber ich muss das klären, und zwar jetzt. Ich habe es satt, immer darauf zu warten, dass Elias die wichtigen Entscheidungen trifft und ich mich nach ihm richten muss. Immerhin ist das unsere gemeinsame Wohnung, und es ist mein Camper, mit dem er da gerade durch die Gegend gurkt!«
»Nathalie … jetzt warte doch mal.« Miriam raschelte wieder mit irgendwelchen Unterlagen. »Wie willst du ihn denn überhaupt finden? Du hast doch keinen blassen Schimmer, wo er sich gerade aufhält, also abgesehen von der Postkarte natürlich.«
»Das finde ich schon raus.« Nathalie stand auf. Ein ungewohnter Tatendrang hatte sie erfasst, ihre Wut auf Elias war wie ein Motor, der sie antrieb. Sie wollte jetzt nicht nachdenken oder vernünftig sein. Alles, was sie wollte, war, Elias ein für alle Mal ihre Meinung zu sagen! All das, was da in ihrem Inneren brodelte, musste einfach raus. Mit dem Handy am Ohr ging sie in den Flur, um dort ihren Koffer vom Schrank zu holen.
»Und wie?«, fragte Miriam.
»Internet«, entgegnete Nathalie knapp, während sie auf Zehenspitzen nach dem Koffer angelte.
»Was meinst du mit Internet?«, hörte sie Miriam noch sagen, ehe das Telefon herunterfiel.
Nathalie fluchte und hob das Smartphone vom Boden auf.
»Nathalie? Alles okay bei dir?«
»Alles bestens«, versicherte Nathalie und schwang den Koffer aufs Bett. »Mir ist nur gerade mein Handy runtergefallen. Also, ich werde mal grob in die Richtung fahren, und so, wie ich Elias kenne, wird er früher oder später schon posten, wo er sich befindet. Dafür liebt er seinen Reiseblog einfach viel zu sehr, als dass er darauf verzichten würde.«
»Nathalie, das ist das Bescheuertste, was du bisher in deinem ganzen Leben getan hast!«, sagte Miriam. »Aber auch das Mutigste«, fügte sie dann hinzu.
»Und genau deshalb ziehe ich das jetzt durch!«, sagte Nathalie entschlossen, während sie wahllos ein paar Sommerkleider in den Koffer warf.
»Jedenfalls finde ich es gut, dass du Elias die Meinung sagen willst! Du hast dich viel zu lange von ihm herumschubsen lassen! Auch wenn ich es ein bisschen übertrieben finde, ihm deswegen hinterherzufahren.« Sie machte eine kurze Pause. »Kann ich denn irgendwas für dich tun?«
»Ja, eine Sache gibt es da. Das Wochenende wird sicher nicht ausreichen, um an die Côte d’Azur zu fahren. Und ich müsste noch reichlich Urlaubstage übrig haben. Könntest du Clausen bitten …«
»Also, ich sehe gerade, dass du heute Nachmittag ja einen Urlaubsantrag für zwei Wochen eingereicht hast. Und …« Nathalie hörte, wie ihre Freundin auf der Tastatur herumtippte. »Na, so ein Zufall. Den hat unser Chef gerade bestätigt.«
»Miriam, das könnte dich deinen Job kosten, oder?«, flüsterte Nathalie, auch wenn sie wusste, dass Jens Clausen sie nicht hören konnte.
»Quatsch, das geht schon klar. Wozu sonst hat man seine beste Freundin in der Personalabteilung sitzen? Und abgesehen davon tut es dir bestimmt gut, wenn du dir danach noch eine kleine Auszeit gönnst. Du hast es wirklich nötig.«
»Danke«, flüsterte Nathalie, und jetzt stiegen ihr doch die Tränen in die Augen. Dass Miriam das für sie tat, obwohl sie von ihrem Vorhaben nicht ganz überzeugt war, bedeutete ihr viel.
»Nathalie?«, kam noch einmal leise die Stimme aus dem Telefon.
»Ja?«
»Viel Glück. Und fahr vorsichtig!«
Nathalie musste lächeln. »Mach ich«, versprach sie und legte auf. Dann ließ sie sich rückwärts aufs Bett fallen, schloss die Augen und atmete tief durch.
»Reiß dich zusammen, Nathalie«, murmelte sie nach einer Weile und setzte sich wieder auf. Jetzt bloß nicht nachdenken, sonst warf sie womöglich alles wieder über den Haufen und würde es nie nach Frankreich schaffen. Entschlossen stemmte sie die Hände in die Hüften und versuchte, einen klaren Kopf zu bekommen. Sie blinzelte die aufsteigenden Tränen weg, stand vom Bett auf und begann, weiter ihren Koffer zu packen. Neben den Sommerkleidern schmiss sie eine Jeans, eine kurzärmlige Bluse, zwei Tops, zwei Röcke und eine Hotpants hinein. Wenn sie Elias schon gegenübertrat, wollte sie sich dieses Mal wenigstens begehrenswert und sexy fühlen. Er sollte wissen, was er da gerade aufgab, und abgesehen davon brauchte sie das jetzt für ihr angeknackstes Ego. Danach warf sie noch ein Paar Flipflops in den Koffer, ging ins Badezimmer und packte ihre Zahnbürste und ein bisschen Schminke in ihre Kosmetiktasche, klappte den Koffer zu und rollte ihn in den Flur. Innerlich schwankte sie zwischen Wut und Traurigkeit, aber sie wollte sich auf keinen Fall im Bett verkriechen, so wie bei ihrer letzten Trennung. An diese Zeit dachte sie wirklich nicht gerne zurück.
Nachdem sie ihren Koffer im Flur abgestellt hatte, ging Nathalie zurück ins Schlafzimmer. Was zog man auf einer Fahrt an die Côte d’ Azur an? Sie entschied sich für ein bequemes Kleid mit Blumenprint und ihre geliebten Riemchensandalen mit Absatz, in denen sie sich unwiderstehlich fühlte. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel und mehreren Drehungen um sich selbst war sie zufrieden. Sie fühlte sich hübsch und feminin, wenigstens ein kleines Trostpflaster nach dem Fiasko heute. Sie band ihre hellbraunen Haare zu einem lockeren Zopf, nahm ihren Koffer und die Handtasche und angelte ihren Autoschlüssel von der Ablage im Flur. Mit einem Ruck zog sie die Wohnungstür hinter sich zu und schloss ab, bevor ihr Verstand wieder einsetzte und sie sich das alles doch noch einmal anders überlegte. Nein, sie würde das jetzt durchziehen.
Nathalie verstaute ihr Gepäck in ihrem uralten silberfarbenen Polo, den sie liebevoll Luise nannte, und ließ sich auf den Fahrersitz fallen. Sie schloss kurz die Augen, atmete tief durch und tippte dann einfach »Côte d’Azur« in ihr Smartphone ein, um sich von der Navigations-App eine geeignete Route berechnen zu lassen. Ihr erstes Ziel lag irgendwo zwischen Cannes und Toulon, dort würde sie dann überlegen, wie sie Elias am besten aufspüren könnte. Nathalie ließ den Motor an und fragte mehr sich selbst als das silberfarbene Auto: »Bereit für einen Ausflug?«
Dann gab sie Gas.
23. Februar 1951
Als Henni heute nach Hause gekommen ist, war er ganz aufgeregt. Er hat ein Häuschen für uns gefunden, einen alten Hof, um genau zu sein. Früher wurden dort Aprikosen angebaut, aber die Haine sind verwildert und alt. Henni sagt, es gäbe einiges zu tun, wenn man den Hof wieder auf Vordermann bringen will. Wir überlegen, ob diese Aufgabe etwas für uns ist. Eigentlich hatten wir ja vor, in die Stadt zu ziehen. Ich wollte dort meine Ausbildung zur Krankenschwester fortsetzen, aber jetzt zögern wir.
Man soll eine Chance ja bekanntlich ergreifen, wenn sie sich einem bietet, aber ich bin unsicher. Was, wenn wir uns verkalkulieren? Andererseits wäre so ein Leben auf dem Land, inmitten von grünen Wiesen und den Bäumen, sicherlich etwas ganz Wunderbares, und jedes Mal wenn ich Hennis leuchtende Augen sehe, wenn er mir von dem Hof erzählt, frage ich mich, ob wir diesen Schritt nicht doch wagen sollten. Vielleicht frage ich Henni, ob wir uns den Hof demnächst einmal zusammen ansehen können.