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Autorin

LORNA COOK lebt gemeinsam mit ihrem Mann, zwei kleinen Töchtern und dem Familienhund in einem Häuschen an der englischen Küste. Früher arbeitete sie als Journalistin, doch nun hat sie ihren Traum wahr gemacht und konzentriert sich ausschließlich aufs Schreiben von Romanen. Wenn sie nicht selbst schreibt, dann liest sie – gern mit einem Glas Wein neben sich. Die Sternenbucht ist ihr Debüt.

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Lorna Cook

Roman

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer
und Norbert Möllemann

Die englische Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel The Forgotten Village bei Avon, an Imprint of HarperCollins, London.


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Copyright © 2019 by Lorna Cook

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2021 by Penguin Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlag: Favoritbüro

Umschlagmotiv: © Elisabeth Ansley/Trevillion Images; vanhurc/shutterstock; Helen Hotson/shutterstock; Evgeny Karandaev/shutterstock

ISBN 978-3-641-25558-9
V002

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Für Stephen
Danke, dass Du alles für mich tust und alles für mich bist.

Prolog

Tyneham, Dorset, Dezember 1943

Lady Veronica stand zitternd vor den zweihundert Menschen, die sich auf dem Dorfplatz versammelt hatten. Sie hoffte und betete, dass keiner von ihnen etwas von dem mitbekommen hatte, was sich in der vergangenen Nacht ereignet hatte. Alle Gesichter waren ihr bekannt, und alle Blicke waren erwartungsvoll auf sie und den gut aussehenden Mann neben ihr gerichtet, der ihre Hand so fest hielt, dass es wehtat. Man erwartete von ihm, dass er etwas sagte, ein paar aufmunternde Worte würden ausreichen, um die Dörfler davon zu überzeugen, dass sie das Richtige taten. Dass es etwas war, worauf sie stolz sein konnten – das Dorf aufzugeben, es ihrem Land für Truppenübungen zu überlassen. Dass sie etwas taten, was als immenses Opfer für ihr Land in die Geschichtsbücher eingehen würde.

»Sir Albert?«, sagte der Vikar. Der Moment war gekommen, das Wort zu ergreifen.

Der Mann an ihrer Seite nickte. Er trat ein paar Schritte vor, und Veronica folgte ihm. Er drückte ihre Hand noch fester. Sie fühlte den breiten goldenen Ehering an seinem Finger und erschauderte.

Ein bisschen schwindlig tastete sie mit der freien Hand nach der dicken Beule an ihrem Hinterkopf. Das meiste Blut hatte sie abwaschen können – es war sehr viel gewesen –, aber als sie die Hand sinken ließ, klebte Blut daran. Sie wischte es an ihrem schwarzen Kleid ab. Sie trug Schwarz zum Zeichen der Trauer. Das erschien ihr angemessen angesichts der Tatsache, dass heute der Tod des Dorfes besiegelt würde.

Er hielt ihre Hand fest umschlossen und schaute sie mit ausdrucksloser Miene an, als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war, als könnte er immer noch nicht so recht glauben, was hier passierte. Dann wandte er sich der Menge zu.

»Heute ist ein historischer Tag«, sagte er. »Heute opfern wir Einwohner von Tyneham unser Dorf dem Wohle der Nation. Wir tun es, um zum Erfolg dieses Krieges beizutragen. Wir gehen – aber nicht für immer, denn wir werden zurückkehren, wenn dieser Krieg gewonnen ist. Wir gehen gemeinsam, vereint in unserem Abschied, vereint in unserem Schmerz. Dieser Krieg kann nur gewonnen werden durch selbstlose Taten, die von selbstlosen Menschen vollbracht werden. Wir sind nicht die Einzigen, die Haus und Hof opfern. Jeder Bauer, jeder Ladenbesitzer, jeder Mann, jede Frau, jedes Kind, auch unsere Familie in Tyneham House – wir machen das alle gemeinsam durch. Und wenn der Krieg gewonnen ist, kommen wir alle gemeinsam wieder zurück.«

Seine kurze Rede wurde von der Menge mit bedrückten Gesichtern aufgenommen, doch als er verstummte, applaudierten die Menschen trotz des traurigen Anlasses. Veronica war froh. Die Rede hatte mitreißend genug sein müssen, um die Menschen zur widerstandslosen Aufgabe des Dorfes zu bewegen, auch wenn die Beschlagnahmung durch die Truppen ohnehin nicht mehr aufzuhalten war. Während die Einwohner von Tyneham sich auf den Heimweg machten, um ihre wenigen noch verbliebenen Sachen zu packen, schloss Veronica die Augen und durchlebte wieder und wieder die Ereignisse der vergangenen Nacht, bis sie das Gefühl hatte, schreien zu müssen. Aber sie musste die Fassade nur noch wenige Minuten wahren. Dieses Dorf würde ihr nicht fehlen, ebenso wenig wie Tyneham House.

Wir werden gemeinsam zurückkehren, hatte er gesagt. Nein, dachte Veronica. Das würden sie nicht. Sie wollte diesen Ort nie wiedersehen.

1. Kapitel

Dorset, Juli 2018

Melissa wusste nicht, warum in aller Welt sie das jetzt tat. Eigentlich hatte es sich angefühlt wie eine gute Idee. Als sie im Lokalblatt einen Artikel über das »vergessene Dorf« gelesen hatte, war ihr die Vorstellung romantisch erschienen: ein aus der Zeit gefallenes Dorf, das 1943 seinen Bewohnern auf spektakuläre Weise entrissen und der Armee zur Übung der Landung in der Normandie übergeben worden war. Und jetzt, all die Jahre später, wurde es zumindest teilweise wieder zum Leben erweckt. Das ganze weitläufige Dorf mit allem Drum und Dran – Kirche, Pub, Schule, Geschäfte, Wohnhäuser und Stallungen – hätte den Dörflern eigentlich sofort nach dem Krieg zurückgegeben werden müssen, so stand es heute Morgen in der Purbeck Times. Aber man hatte die Leute damals schlichtweg betrogen. Und jetzt stand Melissa auf dem Weg zur Einweihung des Museumsdorfs Tyneham im Stau, zusammen mit mindestens zweihundert weiteren Fahrzeugen, die in fast unerträglichem Schneckentempo vorwärtskrochen. Sie war offenbar nicht die Einzige, die neugierig auf die neueste Touristenattraktion an der Küste von Dorset war.

Melissa wollte die Lüftung hochdrehen, musste jedoch feststellen, dass diese bereits auf Hochtouren lief. Leider hatte das nicht die geringste Auswirkung auf die Temperatur im Wageninnern. Ausgerechnet am bisher heißesten Tag in diesem Jahr. Vielleicht lag es am Stillstand in der unerträglichen Julihitze. Als sie spürte, dass ihr die Sonnenbrille ganz langsam von der Nase rutschte, warf sie sie auf den leeren Beifahrersitz. Doch sie prallte vom Stoffbezug ab und landete klappernd zwischen Sitz und Beifahrertür. Melissa beugte sich hinüber, fischte die Sonnenbrille aus dem Spalt und setzte sie sich wieder auf. Die Hitze verdarb ihr die Laune.

»Warum geht das nicht voran?«, fragte sie und schlug mit der Handfläche aufs Lenkrad.

Eigentlich war es gar nicht die Hitze, die ihr aufs Gemüt schlug, nicht einmal der dichte Verkehr. Es war eher die Tatsache, dass ihr Freund Liam ihr einen romantischen Urlaub in Dorset in Aussicht gestellt hatte, aber stattdessen jeden Tag von morgens bis abends auf seinem Surfbrett die Brandung ausnutzte oder was er sonst so anstellte, während er mit seinem Board vor der Küste herumpaddelte. Sollte das etwa ein romantischer Urlaub sein? Melissa hatte sich wirklich bemüht, ihn zu verstehen. Sie musste auch zugeben, dass das Wetter perfekt war zum Surfen. Und natürlich sollte er auch seinen Spaß haben. Immerhin hatte er eine Menge Geld für sein Wochenendhaus im kleinen Küstenort Kimmeridge ausgegeben, um hin und wieder seinem eintönigen, aber überbezahlten Job bei der Bank zu entkommen. Er musste auch mal loslassen dürfen. Aber sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie jeden Tag allein verbringen würde. Als sie Liam vor acht Monaten kennengelernt hatte, hatte sie sogar versucht, das Surfen zu lernen, aber er verlor schnell die Geduld mit ihr, als sich abzeichnete, dass sie es wohl nie schaffen würde, sich auf dem Brett aufzurichten, geschweige denn eine Welle zu erwischen. Und als sie schließlich angeboten hatte, das Surfen doch lieber ihm zu überlassen, hatte er erst gar nicht versucht, sie umzustimmen. Aber es überraschte sie nun doch ein wenig, dass er, seit ihrer Ankunft hier, jeden Tag ausschließlich auf dem Wasser verbrachte.

Als sie ihn am Morgen gefragt hatte, ob sie vielleicht mal etwas zusammen unternehmen wollten, irgendwas Touristisches, hatte er nur geantwortet: »Vielleicht ein andermal.« Allein und lustlos war sie zum x-ten Mal durch das hübsche, aber langweilige Dorf Kimmeridge spaziert. Schließlich hatte sie den Zeitungsladen betreten, um sich mit ein paar Zeitschriften einzudecken, in denen sie blättern konnte, solange Liam auf dem Wasser war. Die Verkäuferin war gerade dabei gewesen, die Titelgeschichte des Lokalblättchens zu lesen.

»Das wurde aber auch höchste Zeit«, hatte diese gesagt, als Melissa an den Tresen trat. »Eine wahre Schande, dass das so lange Zeit militärisches Sperrgebiet war. Und wohnen dürfen die da immer noch nicht.«

»Wer darf wo nicht wohnen?«, hatte Melissa aus Höflichkeit gefragt.

»Na, die Bewohner von Tyneham. Also, die ehemaligen Bewohner, meine ich.« Die Frau klopfte mit dem Zeigefinger auf die Zeitung. »Das Dorf wird heute wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.« Sie schüttelte den Kopf. »Nach all den Jahren. Das sollte man sich nicht entgehen lassen.«

Das Glöckchen über der Tür hatte gebimmelt, als ein weiterer Kunde eingetreten war und sich brav hinter Melissa angestellt hatte. Und so hatte Melissa, ohne groß nachzudenken, ein Exemplar der Lokalzeitung mit der Schlagzeile Vergessenes Dorf erwacht zu neuem Leben aus dem Ständer genommen und auf den Tresen gelegt. Dann hatte sie die Zeitung und die Zeitschriften bezahlt und war nach draußen in die Sonne gegangen. Die Klatschgeschichten über Stars und Sternchen und die Fotostrecken von überteuerter Mode hatten sie plötzlich nicht mehr interessiert. Stattdessen hatte sie den Artikel über die Geschichte des verlassenen Dorfs verschlungen. Zeitunglesen war vielleicht nicht ihr üblicher Zeitvertreib im Urlaub, aber immerhin hatte sie etwas zu tun.

Bewaffnet mit der Zeitung und der zerknitterten Straßenkarte, die immer in ihrem Handschuhfach lag, war Melissa losgefahren in der Erwartung, einen ruhigen Tag an der Küste zu verbringen und in dem sogenannten vergessenen Dorf herumzuspazieren, wo sie vielleicht dem einen oder anderen Rentner begegnen würde, der auf dieselbe Idee gekommen war. Aber nachdem sie endlich ihr Auto auf einem behelfsmäßigen Parkplatz abgestellt hatte, fragte sich Melissa, ob es vielleicht doch ein Fehler gewesen war, nach Tyneham zu kommen. Den Hunderten von Autos, die hier standen, nach zu urteilen, musste es im Dorf von Menschen nur so wimmeln.

Die Dorfrückgabe war ganz offenbar ein lokales Ereignis. Melissa fragte sich, ob unter den Besuchern auch Leute waren, die sich, wie die Zeitung behauptete, seit dem Winter 1943, als die Armee das gesamte Dorf und das Ackerland darum herum beschlagnahmt hatte, Tag für Tag um ihre Heimat beraubt fühlten.

Melissa schloss sich den anderen Besuchern an und ging mit ihnen über den Kiesweg zu einer kleinen Bühne hinunter, wo ein freundlicher älterer Herr in einer gelben Warnweste ihr eine Broschüre in die Hand drückte und sie zuvorkommend und sichtbar stolz begrüßte. Sie erwiderte sein Lächeln und nahm das Faltblatt entgegen, während der Mann sich den unzähligen weiteren Besuchern in der Schlange zuwandte und auch ihnen die Broschüren anbot.

Melissa sah sich um. Hinter der Bühne entdeckte sie ein rotes Band, das zwischen zwei nagelneu aussehenden Pfosten gespannt war. Sie seufzte, denn es war nicht zu übersehen, dass erst ein Riesentrara veranstaltet werden würde, ehe sie ein bisschen zwischen ein paar verfallenen Häusern umherschlendern könnte. Danach würde sie nach Hause fahren. Vielleicht kam Liam ja heute etwas früher vom Strand zurück, und sie konnten essen gehen oder sich mit einem Glas Wein in den Garten setzen und den Sonnenuntergang genießen. Das hatten sie seit ihrer Ankunft in Dorset noch kein einziges Mal gemacht.

Ein Mann betrat die Bühne, und tosender Applaus riss Melissa aus ihren Tagträumen von Wein und romantischen Sonnenuntergängen.

Sie warf einen kurzen Blick auf das Faltblatt, das der Mann ihr gegeben hatte. Offizielle Eröffnung des Museumsdorfs Tyneham durch Fernseh-Historiker Guy Cameron. Ab sofort Tagesbesuche möglich, stand da. Neben der Ankündigung war ein Schwarz-Weiß-Foto von Guy Cameron abgedruckt: glattes dunkles Haar, freundliche Augen. Sie faltete den Prospekt und schob ihn sich in die Hosentasche; sie hatte keine Ahnung, wer dieser Guy Cameron war, anscheinend irgendein Promi.

Sie war kein Fan von Geschichtsdokus im Fernsehen, es sei denn, sie kamen in Form von Kostümfilmen daher. Korsetts und Hauben und gut gebaute Helden, die in weißen Hemden in Seen sprangen, waren da viel eher ihr Ding.

Während sie zusammen mit den anderen Anwesenden Beifall klatschte, schob sie sich langsam an den Rand der Menge, dankbar für ein bisschen Luft bei der Hitze.

Nach dem Applaus zu urteilen, der gar nicht mehr aufhören wollte, schien der Historiker ein ziemlich beliebter Mann zu sein. Als er zu seiner Ansprache ansetzte, band sich Melissa die Haare aus dem verschwitzten Nacken zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen und schob anschließend ihre Sonnenbrille wieder in Position.

»Jahrelang habe ich Geschichten über Tyneham gehört, und das Thema hat mich immer neugierig gemacht«, sagte Cameron. »Was ist aus den Menschen geworden, die einmal hier wohnten, habe ich mich gefragt. Wo sind sie geblieben? Was machen sie heute? Wie haben sie reagiert, als man ihnen erklärt hat, sie hätten einen Monat Zeit, ihre Sachen zu packen und das Dorf zu verlassen – ohne zu wissen, wann sie zurückkehren konnten? Ohne zu wissen, ob sie überhaupt je würden zurückkehren können? Eine ganze Dorfgemeinschaft vertrieben …« Er schwieg einen Augenblick, um die Dramatik des Satzes sacken zu lassen.

Melissa betrachtete die Gesichter der Zuschauer, die sich von dem Redner in Bann schlagen ließen.

»Das gesamte Dorf wurde requiriert«, er warf einen kurzen Blick auf seine Notizen, »und den Einwohnern wurde versprochen, dass es ihnen in Friedenszeiten wieder zurückgegeben werden würde. Vielleicht hätte im Vertrag konkreter vermerkt sein sollen, wann genau in Friedenszeiten die Rückgabe stattfinden würde.« Er lächelte breit, und die Menge brach in Hohngelächter aus. Melissa presste die Lippen zusammen, um ein Grinsen zu unterdrücken.

»Tyneham liegt mir ganz besonders am Herzen.« Cameron wurde jetzt ernst, und die Menge mit ihm. »Ich bin nur wenige Kilometer von hier entfernt aufgewachsen. Meine Großmutter stammt aus Tyneham, sie war hier, als verkündet wurde, dass sie, ihre Freunde und Verwandten und alle anderen das Dorf würden verlassen müssen. Sie hat mir erzählt, was sie damals empfunden hat, aber alle Beteiligten haben das natürlich auf ihre Weise erlebt. Die Vorstellung, dass eine Gemeinschaft in dem Moment zusammenkommt, in dem sie auseinandergerissen werden soll, hatte für mich schon immer etwas auf tragische Weise Paradoxes.

Heute werden wir das Dorf wiedersehen, aber es ist nicht mehr, was es einmal war. Sie können durch die Straßen spazieren, aber die Häuser sind mit der Zeit verfallen. Nur die Kirche und die Schule sind noch intakt und dürfen betreten werden, und ich empfehle Ihnen, das zu tun, denn dort sind alte Fotos mit Ansichten des Dorfs ausgestellt und eine Menge Alltagsgegenstände. Und jetzt, fünfundsiebzig Jahre nach der Requirierung, habe ich die Ehre und Freude zu verkünden, dass Tyneham offiziell wieder für die Öffentlichkeit zugänglich ist.«

Unter Applaus und Jubelrufen verließ er die Bühne, und eine junge Frau, sichtlich stolz darauf, bei der Zeremonie mitwirken zu dürfen, überreichte ihm eine überdimensionale Schere. Mit gespieltem Schreck über die schiere Größe der Schere sagte er etwas zu der jungen Frau, die daraufhin schallend lachte. Dann durchschnitt er das rote Band, und es flatterte zu Boden.

Jetzt gab es kein Halten mehr, und die Menge schob sich an den Ordnern in gelben Warnwesten vorbei durch das behelfsmäßige Tor. Melissa hielt sich zurück und wartete lieber, bis sich das Gedränge einigermaßen aufgelöst hatte. Sie beobachtete den Fernseh-Historiker, wie er leutselig mit ein paar Besuchern plauderte. Entspannt posierte er für Fotos und signierte Bücher, vermutlich eigene Werke. Ein Promi zu sein, war bestimmt ziemlich anstrengend, dachte Melissa: das permanente Lächeln und die Erwartungen, die die Leute an einen hatten. Kaum ließ ein Bewunderer von Cameron ab, stand schon der nächste da. Melissa warf ihm einen letzten Blick zu, dann ging sie an ihm vorbei durch das Tor in das vergessene Dorf.

Anderthalb Stunden später flitzte ein Golfbuggy an Melissa vorbei in Richtung Dorfplatz. Sie kramte gerade in ihrer Tasche auf der Suche nach einer nicht vorhandenen Flasche Mineralwasser, um etwas gegen die sich anbahnenden Kopfschmerzen zu unternehmen. Als sie aufblickte, sah sie den Historiker, dessen Namen sie bereits wieder vergessen hatte, auf dem Buggy. Sichtlich verlegen fuhr er an all den Besuchern vorbei und hob hier und da, wenn er jemanden erkannte, die Hand zum Gruß. Melissa fragte sich, warum er nicht gleich aufs Ganze ging und den Leuten lächelnd zuwinkte wie die Queen persönlich.

Auf dem Weg den Hügel hinauf blieb Melissa stehen, um einen Blick auf ihren Lageplan zu werfen. Lose Haarsträhnen klebten ihr im Nacken, und sie verging vor Durst. Hier oben war nur noch Tyneham House übrig geblieben, das Herrenhaus, von den früheren Dorfbewohnern auch liebevoll als Schloss bezeichnet, wie sie ihrem Prospekt entnommen hatte. Weiterhin stand dort, dass es der Wohnsitz der Familie Standish gewesen war, seit über dreihundert Jahren Eigentümer des Anwesens, bis es ebenso wie das restliche Dorf requiriert worden war. Auch der Familie Standish hatte man wie allen anderen einen Monat Zeit gegeben, das Haus zu verlassen.

Was dem einen recht ist …, dachte Melissa, während sie den Lageplan faltete und in ihre Hosentasche steckte. Sie war jetzt schon seit Stunden in dieser unerträglichen Hitze unterwegs und spähte in verlassene und verfallene Wohnhäuser. Viele der Ruinen waren nach all den Jahrzehnten regelrecht vom umliegenden Wald verschluckt worden, und die ganze Atmosphäre hatte beinahe etwas Gespenstisches. Melissa wischte sich den Schweiß von der Stirn und ärgerte sich, dass sie vergessen hatte, eine Wasserflasche einzustecken. Ihre Kehle war ausgetrocknet, aber es gab weit und breit weder ein Café noch einen Andenkenladen, wo sie sich etwas zu trinken hätte besorgen können. Sie konnte es nicht fassen, dass man angesichts des Besucherandrangs an so etwas nicht gedacht hatte. Wenn sich daran nichts änderte, würde das Projekt nie Geld abwerfen. Melissa entschloss sich, die Kirche Kirche und die Schule Schule sein zu lassen und sich auf den Heimweg zu machen – nachdem sie einen ganz kurzen Blick in das Herrenhaus geworfen hätte.

Zwei Besucher kamen ihr entgegen, als sie in den von Bäumen gesäumten Weg einbog, der zum Herrenhaus führte. Melissa grüßte sie freundlich und beneidete sie um ihre Wasserflaschen. Dann war sie allein, und sie genoss die Stille auf dem Hügel. So konnte sie die Atmosphäre ungestört auf sich wirken lassen.

Ebenso wie vor den meisten anderen Ruinen im Dorf hatte man am Tor zur Auffahrt von Tyneham House eine Tafel angebracht, auf der eine kurze Geschichte des Gebäudes zu lesen war, ebenso wie eine Erklärung, woher die Backsteine stammten, aus denen es erbaut worden war – was Melissa jedoch weniger interessierte.

Merkwürdigerweise wurde nichts von den ehemaligen Bewohnern des Herrenhauses erwähnt. Allerdings gab es ein Foto der letzten Eigentümer, Sir Albert und Veronica Standish. Zumindest lauteten so die Namen unter dem Foto. Abgesehen davon gab es keine Informationen über die beiden, und das Foto auf der laminierten Informationstafel war so grobkörnig, dass es irgendwelche Leute hätten sein können.

Melissa beugte sich vor, um genauer hinzusehen. Das Paar auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Foto wirkte ganz und gar unscheinbar, und doch lief ihr trotz der Hitze ein kalter Schauder über den Rücken. Ihre Mutter hätte gesagt, jemand sei gerade über ihr Grab gelaufen. Aber an so etwas glaubte Melissa nicht.

Sie schob den Gedanken beiseite und trat durch das große, aus rotem Backstein gemauerte Tor. Auf beiden Seiten des Tors waren noch die Löcher zu sehen, wo einmal schwere schmiedeeiserne Torflügel befestigt gewesen waren. Sie stützte sich mit der Hand an der warmen Mauer ab, um einen Moment zu verschnaufen. Ihr wurde übel von der Hitze, und sie fächelte sich mit dem Prospekt etwas Luft zu. Normalerweise war sie nicht so empfindlich. Sie würde nur kurz einen Blick durch die Fenster ins Innere des Hauses werfen – falls die nicht mit Brettern vernagelt waren – und dann den Rückweg antreten.

Aber als sie die Hand von den Backsteinen nahm und auf das große elisabethanische Haus zuging, verschwamm plötzlich alles vor ihren Augen, und ihr Magen rebellierte. Sie streckte die Hand aus, um sich wieder abzustützen, war jedoch schon zu weit entfernt und griff nur ins Leere. Sie stolperte vorwärts, ihre Beine gaben unter ihr nach, und sie sank zu Boden. Als ihre Augen sich flatternd schlossen, nahm sie nur noch flüchtig wahr, wie zwei starke Arme sie auffingen.

2. Kapitel

Als Melissa langsam die Augen öffnete, blickte sie in das Gesicht eines Mannes.

»Alles in Ordnung?«

Es war der Historiker. Er beugte sich über sie und schaute sie besorgt an. Aus der Nähe besehen, war er äußerst attraktiv, aber Melissa verstand nicht, warum sein Gesicht so dicht über dem ihren war. Und warum sie auf dem Boden lag.

»Alles in Ordnung?«, fragte er noch einmal. »Ich habe Sie von dahinten aus wanken sehen.« Er zeigte zur Straße. »Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so schnell gelaufen bin.«

Melissa nickte. »Es geht mir gut«, sagte sie aus altmodischer britischer Höflichkeit, obwohl nicht zu übersehen war, dass es ihr überhaupt nicht gut ging. Sie hatte immer noch Kopfschmerzen und fürchterlichen Durst. Und sie lag immer noch auf dem Boden.

Seine Augen wurden schmal. »Hm. Aber bleiben Sie lieber noch einen Moment liegen«, sagte er. »Sie sind ohnmächtig geworden. Hier ist bestimmt irgendwo ein Sanitäter, der Sie sich kurz ansehen kann.«

Ohne auf seinen Protest zu achten, setzte sie sich mühsam auf. »Wie lange war ich denn weg?«

»Nicht lange. Vielleicht eine halbe Minute.«

»Oh.« Melissa hustete trocken.

»Hier.« Er reichte ihr seine kühle Wasserflasche. Sie trank einen Schluck, dann wollte sie ihm die Flasche wieder zurückgeben. Er schüttelte den Kopf. »Nein, nein. Behalten Sie sie.«

Sie stellte die Flasche auf den Boden, wo sie umkippte und wegrollte, bis sie von einem Stück Stoff aufgehalten wurde. »Was ist das?«, fragte sie.

»Mein Sweatshirt. Ich habe es Ihnen unter den Kopf geschoben, als ich Sie auf den Boden gelegt habe.«

»Sie haben mich aufgefangen?« Melissa schaute ihm in die Augen. Sie waren verblüffend blau, was auf dem Schwarz-Weiß-Foto in dem Prospekt gar nicht zu sehen gewesen war.

Er nickte. »Als ich gesehen habe, wie Ihre Beine unter Ihnen nachgaben, bin ich so schnell gelaufen, dass ich beinahe mit Ihnen zusammengeprallt wäre.«

Melissa entdeckte ihre Sonnenbrille in einiger Entfernung. Zum Glück war sie nicht zerbrochen. Die musste ihr vom Gesicht gefallen sein, als sie gestürzt war.

Er folgte ihrem Blick, hob die Brille auf und gab sie ihr. Dann schaute er auf sein Handy.

»Kein Empfang. Hier gibt’s meilenweit keinen Sendemast, das Dorf brauchte ja keinen. Ich kann leider keine Hilfe rufen. Sie werden also mit mir vorliebnehmen müssen, bis Sie sich wieder kräftig genug fühlen, um zu laufen.«

»Es geht mir schon wieder besser«, sagte sie, auch wenn es ein bisschen geflunkert war. »Ich glaube, ich war nur etwas dehydriert.«

Melissa schaute sich um in der Hoffnung, der Golfbuggy würde zurückkommen, um seinen berühmten Passagier einzusammeln – und sie gleich mit –, doch sie sagte nichts.

Er setzte sich neben sie und musterte sie. »Okay. Aber ruhen Sie sich noch ein bisschen aus, bevor wir uns auf den Weg machen.«

Melissa nickte und trank noch einen Schluck Wasser. »Schon besser«, sagte sie, während sie die Flasche zuschraubte. Dann betrachtete sie das Herrenhaus eine Weile. Eine seltsame Traurigkeit überkam sie.

»Interessieren Sie sich für Heimatkunde?« Er deutete mit dem Kinn auf das Haus.

»Normalerweise eigentlich nicht«, sagte sie, hatte jedoch sofort ein schlechtes Gewissen, so etwas einem Historiker gegenüber zuzugeben. »Aber ich bin durch einen Zeitungsartikel neugierig geworden, und ich hatte heute Zeit totzuschlagen. Ich habe mich nämlich irrtümlich auf einen Surfurlaub eingelassen, dabei hasse ich Surfen. Also muss ich meine Zeit hier anders herumbringen. Ich war noch nie in Dorset und hatte noch nie von Tyneham gehört.«

»Wahrscheinlich wünschten Sie, Sie hätten sich den Ausflug hierher gespart«, erwiderte der Historiker.

Sie schaute ihn an. »Warum sagen Sie das?«

»Na ja, zum Beispiel sind Sie in Ohnmacht gefallen. Und Sie wirken ziemlich mitgenommen. Aber das kann natürlich eine Folge der Ohnmacht sein.«

»Dieser Ort kann einen ja nur traurig machen. Alles wirkt so … verkommen«, sagte sie. »Wobei das Herrenhaus ja noch einigermaßen erhalten ist. Immerhin hat es noch ein Dach.«

»Es ist ein schönes Gebäude.« Er zeigte auf die Fenster im Dachgeschoss. »Meine Großmutter hat bei den Eigentümern als Dienstmädchen gearbeitet. Bis das Haus requiriert wurde.«

»Ach ja?« Melissa schaute zu den Giebelfenstern im zweiten Stock hinauf, hinter denen die Dienstbotenzimmer lagen. Es waren die einzigen Fenster, die nicht vernagelt waren. Alle anderen Fenster, sowohl parterre als auch im ersten Stock, waren mit Holzplatten verbarrikadiert, auf denen Schilder mit der Aufschrift Zutritt verboten, Einsturzgefahr! prangten. Die schwere Eingangstür aus dunklem Holz war noch vorhanden und sah aus, als handele es sich um die Originaltür. Und sie sah alles andere als einladend aus. Das ganze Gebäude wirkte deprimierend und kalt, selbst in der Sommerhitze. Aber Melissa war sich ziemlich sicher, dass es einmal bessere Zeiten gesehen hatte.

»Ich glaube eigentlich nicht, dass meine Großmutter sich hier sehr wohlgefühlt hat«, sagte der Historiker. »Ich muss sie unbedingt mal fragen«, er schaute zu den Fenstern im zweiten Stock hinauf, »ob sie im Haus gewohnt hat, oder ob sie jeden Tag zum Arbeiten aus dem Dorf hierhergekommen ist.« Er riss sich aus seinen Gedanken. »Wie fühlen Sie sich inzwischen?«, fragte er.

»Besser, danke.« Melissa fragte sich, ob Liam wohl schon vom Surfen zurück war und sich Sorgen machte, weil sie nicht im Haus war. Nein, das war Unsinn. Aber ohne Empfang konnte sie ihm auch nicht Bescheid sagen, dass sie sich verspäten würde. Dabei fiel ihr ein, dass sie ihm nicht einmal gesagt hatte, wo sie hinwollte.

Sie stand auf, hob das Sweatshirt auf und gab es dem Historiker zurück. Er bedankte sich, legte es sich um die Schultern und band die Ärmel locker zusammen.

»Ich begleite Sie«, erbot er sich.

Da ihr noch immer ein bisschen schwummrig war, protestierte sie nicht. »Verzeihen Sie, ich habe Ihren Namen vergessen.«

Er lächelte, streckte ihr die Hand hin und stellte sich vor.

»Danke, dass Sie sich um mich gekümmert haben, Guy«, sagte Melissa, schüttelte ihm die Hand und stellte sich ihrerseits vor.

»Erfreut, Sie kennenzulernen, Melissa.« Guy lachte. »Eine ausgesprochen interessante Weise, eine neue Bekanntschaft zu machen.«

Sie näherten sich der Kirche. »Von hier aus finde ich mich allein zurecht.« Melissa zeigte in Richtung Parkplatz.

»Ach so.« Er klang enttäuscht. »Kommen Sie denn nicht mit zur Kirche? Dort sind eine Menge Fotos ausgestellt, die zeigen, wie das Dorf früher einmal ausgesehen hat. Außerdem gibt es einen Vortrag – diesmal nicht von mir –, den Sie sich vielleicht gern anhören würden.«

Melissa betrachtete die alte Kirche. »Vielleicht ein andermal. Ich muss jetzt wirklich gehen.«

Einer der Ordner erschien an der Friedhofsmauer. »Verzeihen Sie, Mr. Cameron, aber der Vortrag geht gleich los. Wir warten auf Sie.«

»Ich bin doch nicht der Redner, oder?« Er klang leicht erschrocken.

»Nein, nein. Aber wir wollten nicht, dass Sie den Vortrag verpassen.«

»Das ist sehr nett von Ihnen. Ich komme sofort.«

Der Mann ging zur Kirche zurück, und Guy wandte sich Melissa zu.

»Tschüss!« Sie winkte ihm noch kurz zu und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. »Viel Spaß noch!«

Er nickte. »Tschüss. Passen Sie auf sich auf, Melissa.«

Auf dem Weg zu Liams Ferienhaus schaute Melissa auf ihre Armbanduhr. Sie war fast den ganzen Tag in Tyneham umherspaziert, obwohl sie eigentlich nur eine Stippvisite hatte machen wollen. Sie war müde und hungrig.

Als sie die Haustür öffnete, rechnete sie damit, dass er ihr zurufen würde: »Wo zum Teufel bist du gewesen?« Aber Liam saß auf der Sofalehne und hantierte mit seinem iPhone. Er blickte nicht einmal auf, als sie eintrat. Im Fernseher lief eine Sendung über irgendeine Surf-Veranstaltung an irgendeinem heißen, sonnigen Strand.

»Hallo«, sagte sie.

»Alles okay?«, murmelte er, während seine Finger über das iPhone flogen.

»Ja. Wie war dein Tag?«, fragte Melissa, bekam jedoch keine Antwort.

Sie ging in die Küche und trank zwei Gläser Leitungswasser. Endlich fühlte sie sich besser. Sie drehte sich zu ihrem Freund um, der sie immer noch keines Blickes gewürdigt hatte, und fragte sich, warum sie sich eigentlich so beeilt hatte, wieder nach Hause zu kommen. Sie nahm sich einen Joghurt aus dem Kühlschrank und einen Löffel aus der Schublade.

Während sie den Joghurt aß, fragte sie sich, ob ihre Beziehung bereits in einen Trott verfallen war. Wie war das so schnell passiert? Sie waren doch noch gar nicht so lange zusammen – acht Monate –, das war für Melissa ein Rekord. Ein Rekord, auf den sie nicht gerade stolz war, denn mit ihren achtundzwanzig Jahren müsste sie doch eigentlich längst gelernt haben, wie man eine Beziehung aufrechterhielt. Aber müsste es in so einem relativ frühen Stadium nicht eigentlich immer noch eher aufregend sein? Sie fühlte sich ziemlich ratlos. Sie fragte sich, ob sie sich das selbst zuzuschreiben hatte, ob sie vielleicht zu desinteressiert war. Aber sie hatte mitbekommen, wie die Ehe ihrer Eltern in die Brüche gegangen war, und wusste, dass Männer es nicht mochten, wenn Frauen ihnen dauernd mit irgendwas in den Ohren lagen. Ihre Mutter hatte das auf die harte Tour gelernt, ihre Eltern hatten sich am Ende nur noch gestritten. Vielleicht hatte sie, Melissa, es ja jetzt in die andere Richtung übertrieben. Am Anfang war es zwischen Liam und ihr wunderbar gewesen – glaubte sie zumindest. Sie hatten sich in einer von diesen fürchterlichen Bars an der Canary Wharf kennengelernt, wo die Banker Champagner zum Preis von 160 Pfund die Flasche tranken. Bei ihrem Gehalt als Verwaltungsassistentin war sie diese Art von Extravaganz nicht gewohnt und nur da gewesen, weil eine Freundin in der Bar ihren Geburtstag gefeiert hatte. Jetzt fragte sie sich, ob sie vielleicht von Anfang an im falschen Film gewesen war.

Sie überlegte, ob sie Liam erzählen sollte, dass sie heute umgekippt war. Aber was sollte das bringen? Wollte sie ihn damit zwingen, ihr ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken? Allein der Gedanke ließ sie erschaudern. Es gab bestimmt andere Methoden, eine Beziehung zu retten, als auf die Tränendrüse zu drücken.

»Wollen wir essen gehen?«, schlug sie vor, nachdem sie ihren Joghurt aufgegessen hatte. Sie hielt die Kühlschranktür auf und genoss die Kälte, die ihr entgegenströmte.

»Hä?«, entgegnete er, offensichtlich genervt. »Ach so, ich hab schon gegessen.«

Melissa war verblüfft. »Wirklich?« Sie machte den Kühlschrank zu. »Ich dachte eigentlich, wir wollten zusammen essen.«

»Aber das war doch nicht verabredet, oder?« Er beugte sich wieder über sein Handy.

Melissa konnte es nicht fassen. »Nein«, sagte sie langsam. »Verabredet war das nicht direkt.« Sie verschränkte die Arme und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Was hast du denn gegessen?«

»Crab Cakes mit diesen geilen superdünnen Pommes und zum Nachtisch Sticky Toffee Pudding. Ach ja, und dazu hab ich mir eine Flasche erstklassigen Sauvignon gegönnt.«

»Wow. Und wo hast du gegessen?«

»Im Pheasant & Gun.«

»Ach.« Liam hatte also in diesem piekfeinen Restaurant gegessen, wo Melissa gern hinwollte, seit sie bei ihrer Ankunft daran vorbeigefahren waren. »Ich dachte, da wollten wir mal zusammen hingehen«, bemerkte sie spitz.

Endlich ließ er sein Handy sinken und schaute sie an. »Ich hatte eben Hunger«, entgegnete er mit einem Achselzucken. »Wir können ja immer noch zusammen dahin gehen. Wir haben doch noch viel Zeit, bis der Alltag ruft und wir nach London zurückmüssen.« Er beugte sich wieder über sein Handy, womit er ihr zu verstehen gab, dass das Gespräch beendet war.

Melissa schüttelte den Kopf. Das war unglaublich. Vor Wut brachte sie kein Wort heraus. Dann nahm sie ihre Autoschlüssel vom Tisch, rannte aus dem Haus und schlug die Tür hinter sich zu. Sie musste nachdenken.

Ihr knurrte der Magen. Aufgebracht, wie sie war, entschloss sie sich, zum ersten Mal in ihrem Leben ganz allein in einem piekfeinen Restaurant essen zu gehen.

Auf der Fahrt zum Pheasant & Gun schwirrten ihr tausend Gedanken durch den Kopf. Wer ging allein in einem noblen Restaurant essen, an einem Samstag, noch dazu, wenn er mit seiner Freundin im Urlaub war? Das war ja, als wäre sie gar nicht anwesend. Als wäre das gar kein gemeinsamer Urlaub. Es schien ihn überhaupt nicht zu interessieren, wie sie ihre Tage verbrachte oder ob sie überhaupt irgendetwas gemeinsam unternahmen. Das entwickelte sich hier ja zum schlimmsten Urlaub, den sie je erlebt hatte, abgesehen von den zwei Wochen, die sie mit achtzehn einmal in den Sommerferien mit ihren Eltern in Magaluf verbracht hatte. Sah ganz so aus, als könnte diese Woche in Dorset dem sehr nahe kommen.

Als sie auf den Parkplatz des Pheasant & Gun einbog, zweifelte sie bereits daran, dass ihre spontane Entscheidung ein guter Einfall war. Sie war nervös. Es kam schon mal vor, dass sie sich ein Sandwich in einem Café bestellte, aber sie war noch nie allein in einem Restaurant essen gegangen. Sie stellte den Rückspiegel so ein, dass sie sich sehen konnte, nahm ihr Schminktäschchen aus der Handtasche und machte sich mit ein paar Handgriffen ein bisschen präsentabel.

Während sie den mit Kies bedeckten Parkplatz überquerte, zog sie hastig das Gummiband aus ihren Haaren und schüttelte sie ein bisschen auf. Sie hatte noch nie in einem Restaurant um einen Tisch für eine Person gebeten. Vielleicht sollte sie lieber unauffällig am Tresen essen. Sie wünschte, sie hätte eine ihrer Zeitschriften eingesteckt, dann hätte sie jetzt etwas zum Lesen.

Als sie durch die Tür trat, bereute sie ihre Entscheidung, allein essen zu gehen. Der Laden war brechend voll, und alle Tische waren besetzt. Was hatte sie sich gedacht? Sie hätte einfach in eine Fish-and-Chips-Bude gehen sollen.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte die Empfangsdame.

»Haben Sie noch einen Tisch für eine Person?«, fragte Melissa unsicher.

»Haben Sie reserviert?« Die Frau musterte abschätzig ihre Aufmachung – Jeans und T-Shirt.

»Nein«, erwiderte Melissa enttäuscht. Gott, was machte sie hier?

Während die Empfangsdame intensiv die Gästeliste studierte, sah Melissa sich verlegen um und bereitete sich innerlich darauf vor, den Rückzug anzutreten. Ein Mann an einem Tisch am Fenster schaute in ihre Richtung, und als sie seinen Blick erwiderte, stellte sie verblüfft fest, dass es der Fernsehhistoriker war.

Guy hob eine Hand zum Gruß und machte ein Gesicht, als wollte er fragen: »Was machen Sie denn hier?«

»Vor einundzwanzig Uhr dreißig haben wir nichts frei«, sagte die strenge Empfangsdame.

Melissa warf einen kurzen Blick auf ihre Uhr. Das würde noch Stunden dauern. »Okay, vielen Dank.« Sie zuckte die Achseln, nickte Guy zum Abschied zu und wandte sich zum Gehen.

Er schüttelte den Kopf und winkte sie an seinen Tisch.

Sie blieb verwirrt stehen und sah ihn fragend an.

Er stand auf und rief: »Kommen Sie!« Melissa sah, wie er zusammenzuckte, als er merkte, wie viel Aufmerksamkeit er auf sich zog.

Verlegen ging sie zu seinem Tisch.

»Hallo«, sagte er, immer noch stehend.

»Hi«, sagte Melissa und schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr.

Guy schaute in die Richtung, aus der sie gekommen war, und fragte: »Sind Sie allein?«

»Ja, aber es gibt keinen freien Tisch mehr, jedenfalls nicht vor halb zehn, ich werde mir also irgendwas in einem Schnellimbiss holen.«

»Also, an meinem Tisch ist noch ein Platz frei, und ich habe noch nicht bestellt«, sagte er und zeigte auf den Stuhl aus dunklem Holz.

»Nein, nein, lieber nicht«, stammelte sie. Das ging ja gar nicht, dachte sie. Sie zupfte an ihren Haaren, fragte sich, warum sie das Gummiband herausgezogen hatte. Sie trug ihre Haare nicht gern offen, sie fielen ihr nur ins Gesicht. Am liebsten hätte sie sie wieder zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

»Wäre es so schlimm, mit mir zu Abend zu essen?«, fragte er. »Fürchten Sie, dass ich Sie beim Essen zu Tode langweile?«

Melissa lachte. Eigentlich fiel ihr keine glaubwürdige Ausrede ein, um seine Einladung abzulehnen. Außerdem hatte sie inzwischen richtig Hunger. »Also gut«, sagte sie. »Vielen Dank.«

Sie setzten sich, und sofort erschien die Kellnerin an ihrem Tisch. Sie drückte Melissa eine Speisekarte in die Hand und wandte sich kokett Guy zu, um ihn bei der Auswahl der Getränke zu beraten. Während der ganzen Zeit schaute sie Guy mit schmachtenden Blicken an, sogar als sie Melissa fragte, was sie trinken wollte. Melissa bestellte ein Glas Wasser, Guy ein Glas Sauvignon.

»Möchten Sie nicht auch ein Glas Wein?«, fragte er.

»Also gut, warum nicht«, sagte sie. »Aber ich muss noch Auto fahren, also nur eins.« In dem Moment fiel ihr etwas ein: Liam hatte gesagt, er habe zum Essen eine Flasche Sauvignon getrunken. Wer bestellte für sich ganz allein eine Flasche Wein? Warum war sie nicht darauf gekommen, ihn zu fragen, mit wem er zu Abend gegessen hatte? Und war er mit dem kleinen Wagen hergekommen, den er in Dorset benutzte, oder hatte ihn jemand anders nach Hause gebracht?

Nein. Das waren dumme Gedanken. Er hatte nichts davon erwähnt, dass er mit jemandem zusammen gegessen hatte. Es war durchaus möglich, allein eine Flasche Wein zu leeren. Das hatte sie selbst auch schon häufiger getan, als ihr lieb war. Aber anschließend selbst nach Hause fahren? Auf keinen Fall.

»Sie scheinen sich ja wieder erholt zu haben«, bemerkte Guy und riss sie damit aus ihren Gedanken.

Sie nickte. »Danke, dass Sie sich so nett um mich gekümmert haben. Wie war der Vortrag?«

Sie wurden von der Kellnerin unterbrochen, die ihre Getränke brachte und ihre Essensbestellung aufnahm. Da sie noch gar keinen Blick in die Speisekarte geworfen hatte, bestellte Melissa kurzerhand das Gleiche, das Liam hier gegessen hatte. »Crab Cakes mit Pommes frites, bitte«, sagte sie.

»Das ging aber schnell«, murmelte Guy. »Sie haben ja noch nicht einmal die Speisekarte gelesen.« Er überflog die Karte und bestellte ein Steak.

Nachdem die Kellnerin gegangen war, sagte Guy: »Der Vortrag war gut. Regelrecht faszinierend. Selbst für jemanden wie mich, der glaubt, schon alles über das Thema zu wissen.«

Melissa beobachtete ihn, während er sprach. Seine braunen Haare fielen ihm in die Augen, und er schob sie alle paar Sekunden zurück. Sie fand, dass er gut aussah – wie ein Junge aus vornehmem Hause.

»Leider konnte ich mir die Schule nicht ansehen«, fuhr er fort. »Dafür hat die Zeit nicht mehr gereicht. Vielleicht fahre ich morgen noch mal hin, um meine Neugier zu stillen. Wie fanden Sie denn die Schule? Angeblich hängen da immer noch von Kindern gemalte Bilder an den Wänden, außerdem soll es noch Regale mit Schulbüchern geben und Kleiderhaken mit den Namen der Kinder. Das stelle ich mir sehr ergreifend vor.«

»Ich war auch nicht in der Schule. Ich hatte es ein bisschen eilig, weil ich rechtzeitig zum …«, Melissa sprach den Satz nicht zu Ende. Wieso hatte sie sich eigentlich so beeilt, um mit Liam essen zu gehen? Ihn hatte das gar nicht interessiert. Jetzt fiel ihr auf, dass er sie noch nicht einmal gefragt hatte, wo sie den ganzen Tag gewesen war.

Guy wartete darauf, dass sie weitersprach, und als sie das nicht tat, fragte er: »Wollen Sie vielleicht morgen mitkommen? Die Fotos in der Kirche sind auch sehr sehenswert. Wirklich eindrucksvoll. Die sollten Sie sich unbedingt ansehen.«

Wollte sie morgen wieder den ganzen Tag darauf warten, dass Liam sie nach dem Surfen mit seiner Anwesenheit beehrte? Da fuhr sie doch viel lieber noch einmal in dieses Dorf hinauf.

»Okay, warum nicht«, sagte Melissa.

Er strahlte. »Großartig.«

Sie schaute ihn an und fragte sich, wie sie in diese Situation geraten war. Sie saß in einem Restaurant mit einem Prominenten, wenn auch einem, von dem sie noch nie gehört hatte und den sie erst vor wenigen Stunden kennengelernt hatte, und hatte sich gerade mit ihm für den nächsten Tag zu einem Ausflug verabredet.

Sie unterdrückte den Anflug eines schlechten Gewissens. Liam behandelte sie ziemlich mies, fand sie, und in Guys Gegenwart fühlte sie sich sehr wohl. Außerdem wollten sie sich nur ein paar Fotos ansehen. Das konnte man schwerlich ein Date nennen.

Während des Essens unterhielten sie sich angeregt. Guy erzählte ihr, dass er am Stadtrand von London lebte, fast schon auf dem Land, und sie gestand ihm, dass sie in einem ziemlich unhippen Stadtteil Londons wohnte, fast schon in Essex.

»Und was machen Sie, wenn Sie nicht gerade in Dorset Urlaub machen?«, fragte er, während sie auf den Nachtisch warteten.

»Dies und das«, sagte sie ein bisschen verlegen. Sie wollte ihm nicht so gern erzählen, dass sie in einem Anfall von Idealismus ihren Arbeitsplatz aufgegeben hatte und jetzt jobbte.

»Ach?« Offenbar erwartete er nähere Ausführungen.

»Im Moment mache ich hauptsächlich Bürojobs. Nichts Aufregendes. Und wie sind Sie beim Fernsehen gelandet?«, fragte Melissa, um das Thema zu wechseln. Diesem unglaublich erfolgreichen und gut aussehenden Mann gegenüber konnte sie unmöglich zugeben, was für eine Versagerin sie war.

Die Kellnerin brachte den Nachtisch. Sie hatten sich eine Portion eines der berühmten Soufflés des Restaurants zum Teilen bestellt. Guy hatte eigentlich keine Vorliebe für Süßes, hatte jedoch nichts dagegen, das Essen noch ein wenig in die Länge zu ziehen. Es war das erste Mal seit Langem, dass er mit einer Frau gemeinsam in einem Restaurant aß.

»Ich weiß es selbst nicht so genau«, beantwortete er ihre Frage. »Ich bin wohl irgendwie da reingerutscht. Jemand hat mich mal für eine Radiosendung vorgeschlagen, so hat es angefangen.«

»Ich muss gestehen, dass ich noch nie eine Sendung von Ihnen gesehen habe«, sagte Melissa, während sie ihren Löffel in dem weichen Soufflé versenkte und demonstrativ den Blickkontakt zu ihm vermied.

Er lächelte. »Danke, dass Sie so ehrlich sind.« Er war es gewohnt, dass Leute ihn ansprachen, weil sie ihn zu kennen glaubten, bloß weil sie ihn so oft auf dem Bildschirm sahen. Es war erfrischend, sich mit Melissa zu unterhalten. Sie schmierte ihm jedenfalls keinen Honig um den Bart.

»Und bis ich heute Morgen den Prospekt gelesen habe«, fügte sie hinzu, »kannte ich nicht einmal Ihren Namen.« Er schaute zu, wie sie sich den Löffel mit dem Soufflé in den Mund schob.

Jetzt lachte er. »Ob Sie’s glauben oder nicht – das ist Musik in meinen Ohren.«

»Wirklich?«, fragte sie. »Ich habe mich schon mal gefragt, ob es auch anstrengend sein kann, ein Star zu sein.« Guy verzog das Gesicht, als sie das Wort Star aussprach. »Ob man nicht ständig befürchten muss, von irgendeinem Paparazzo abgelichtet zu werden, und ob man sich in einem Pub volllaufen lassen kann, ohne zu fürchten, dass einer es der Daily Mail steckt.«

»Ach, für einen D-Promi wie mich interessiert sich keiner«, sagte er. »Mich fotografieren nur ältere Damen, die ihren Freundinnen ein Foto zeigen wollen, auf dem sie mit mir zusammen zu sehen sind. Und ich bin viel zu brav, als dass es sich lohnen würde, irgendwas über mich in den Klatschspalten abzudrucken«, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

»Schade.« Sie grinste. Einen Moment lang schauten sie einander in die Augen, dann wandte sie den Blick ab und bedeutete der Kellnerin, dass sie bezahlen wollte. »Ich muss mich langsam auf den Weg machen.«

»Ich übernehme die Rechnung«, sagte Guy. »Und keine Widerrede.«

»Sicher?«

Er nickte und zückte seine Brieftasche.

Zögernd stellte Melissa ihre Handtasche wieder ab. »Also gut«, sagte sie langsam. »Aber dann lade ich Sie morgen nach unserem Besuch in Tyneham zum Mittagessen ein. Selbst wenn es nur ein Plastiksandwich an einer Tankstelle ist.«

»Abgemacht.«

Melissa stand auf, und er streckte ihr die Hand hin, um die Abmachung zu besiegeln.

Lächelnd schüttelte sie ihm die Hand. »Um elf Uhr am Haupteingang?«

»Einverstanden«, sagte er.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um. Er winkte ihr zum Abschied, dann setzte er sich wieder und schob stöhnend den Nachtischteller von sich. Wer schüttelte einer Frau nach so einer netten Begegnung die Hand?

Er schaute sich um. Ein paar Leute hatten ihn erkannt und strahlten, als sein Blick sie streifte. Er nickte höflich. Eine Frau fotografierte ihn heimlich mit ihrem Smartphone. Es war wohl doch besser gewesen, dass er Melissa nicht mit einem Küsschen verabschiedet hatte.

Melissa blieb einen Moment am Empfangstresen stehen, um in ihrer Handtasche nach den Autoschlüsseln zu kramen. Die Empfangsdame war gerade anderweitig beschäftigt und nicht an ihrem Platz. Einem spontanen Impuls folgend, tat Melissa etwas, von dem sie wusste, dass sie es bereuen würde. Sie drehte das Buch mit den Reservierungen zu sich und überflog die Namen. Nach wenigen Sekunden hatte sie gefunden, was sie suchte.

Auf dem Weg zu ihrem Auto fröstelte sie, und das hatte nichts mit der Temperatur zu tun. Liams Name stand auf der Liste. Er hatte einen Tisch für zwei bestellt.