Buch
Batavia 1631: Marta ist von Kindesbeinen an auf sich allein gestellt. Sie wächst in einem Waisenhaus in Amsterdam auf, bis sie mit siebzehn Jahren auf die Insel Java gebracht wird. Gegen ihren Willen muss sie dort den deutlich älteren Cornelius Vos heiraten, einen wohlhabenden, aber skrupellosen Kaufmann der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Zu Martas großer Erleichterung zeigt ihr Gatte jedoch keinerlei körperliches Interesse an ihr. Er scheint es einzig auf das Notenmanuskript abgesehen zu haben, das man Marta als Säugling in die Wiege legte. Welches Geheimnis birgt es? Und was weiß Cornelius darüber?
Autorin
Fiona Schneider lebt mit ihrem deutschen Ehemann und ihren drei Kindern in Cambridgeshire. Sie hat Englische Literatur an der Cambridge University und Creative Writing am Trinity College in Dublin studiert. Bei mehreren Reisen nach Antwerpen und Amsterdam kam ihr die Idee für ihren ersten Roman Das Mädchen aus Amsterdam.
Fiona Schneider

Das Mädchen
aus Amsterdam
Roman
Deutsch von
Sonja Hauser

Titel der Originalausgabe: Secret Music
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Deutsche Erstveröffentlichung September 2021
Copyright © 2017 by Fiona Schneider
Copyright der deutschen Erstausgabe © 2021
by Wilhelm Goldmann Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München
Umschlagmotiv: akg-images/Hilverdink, Eduard Alexander 1846–1891. The Singel, Amsterdam, looking towards the Mint., 1884–1886.
Oil on canvas, 76 × 47 cm. Inv. Nr. SK-A–1329, Amsterdam, Rijksmuseum.
FinePic®, München
Redaktion: Irmgard Perkounigg
LS · Herstellung: kw
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-25811-5
V001
www.goldmann-verlag.de
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Für Michael, Max, Karla und Lukas

Die Susanne-van-Soldt-Noten für Virginal
befinden sich in der British Library in London.
Meine Selbstwahrnehmung veränderte sich mit dem Auftauchen des Manuskripts. Davor besaß ich nichts, woran ich mich hätte festhalten können; meine Vergangenheit war ein unbeschriebenes Blatt. Nach seiner Entdeckung hatte ich etwas, das ich mit den Händen anfassen, Seiten, die ich umblättern und riechen, Noten, an denen ich mich orientieren konnte wie an einer Landkarte. Und das Beste von allem war der Name. Ich zeichnete die Worte Susanne van Soldt mit den Fingerspitzen nach und beschloss, so viele der Stücke wie möglich aus dem Manuskript zu lernen.
Denn ich hoffte, Susanne in der Musik zu finden.
TEIL I
1631
Eins
Batavia, Java
Vor dem Salon strich ich das blaue Gewand glatt, das Frau Leuven mich gezwungen hatte anzuziehen. Viel lieber hätte ich meinen schlichten Rock und mein braunes Leibchen getragen und Anna und den anderen Mädchen bei der Zubereitung des Frühstücks geholfen. Der Anblick der schweren Eichentür erfüllte mich mit Furcht, aber ich wusste, dass ich hineingehen musste. Mit meinen siebzehn Jahren hielt man mich für bereit.
Vom oberen Fenster aus hatte ich beobachtet, wie andere Mädchen diesen Moment bewältigten, wenn Männer ins Waisenhaus kamen, um sich eine Braut auszusuchen. »Die niederländischen Herren von der Verenigde Oost-Indische Compagnie brauchen anständige niederländische Ehefrauen«, hatte Frau Leuven mir sechs Monate zuvor mitgeteilt, als ich von Amsterdam nach Batavia gekommen war. Und nun war ich an der Reihe. Ich legte die Hand auf die Klinke, holte tief Luft und öffnete die Tür.
Ich hatte erwartet, einen Raum voller Männer mit schwarzen Hüten – Zimmerleute und Schmiede – zu betreten, an deren Schuhen der Schmutz der Welt haftete und deren Augen lüstern leuchteten. Doch im Salon sah ich zu meiner Überraschung nur einen einzigen Herrn. Er stand am Kamin, Frau Leuven neben ihm. Er wirkte alt, wie mindestens fünfzig. Die Ränder seines weißes Spitzenkragens waren ausgefranst, und trotz der Hitze trug er eine schwarze, bis obenhin zugeknöpfte Jacke.
Bei meinem Anblick verzog er den Mund, als hätte er saure Milch getrunken. Frau Leuven flüsterte ihm etwas zu. Er musterte mich und nickte.
»Komm her, Mädchen«, forderte er mich auf.
Ich rührte mich nicht von der Stelle. Alles war ganz anders als erwartet. Wo waren die anderen Männer? Den Gesprächen der älteren Mädchen hatte ich entnommen, dass ich zwischen mindestens zwei oder drei Herren würde wählen können.
Am Vorabend hatte ich Anna versprochen, mich für einen freundlichen Mann zu entscheiden. Wie Anna und die anderen litt ich Tag für Tag unter der Abwesenheit von Mutter und Vater. Es war, als befände sich ein kleines Schlüsselloch in meiner Brust, durch das kalter Wind hereinblies. In der Ehe hoffte ich, jemanden zu finden, der in der Lage wäre, diese Wunde zu schließen, jemanden, mit dem ich vielleicht eine eigene Familie gründen könnte.
Doch zu meiner Bestürzung war da nur dieser eine abstoßende Mann. Er trat auf mich zu, stellte sich vors Fenster, legte die Hand um mein Kinn. Seine Finger waren schwielig. Als mir der Geruch von Schweiß und Wein und fettigen Haaren in die Nase stieg, wich ich unwillkürlich zurück.
»Mach den Mund auf«, wies er mich mit stinkendem Atem an.
Frau Leuven stand mit verschränkten Armen dabei, ihr silbernes Kruzifix schimmerte im Licht der Sonne. Sie nickte mir voller Ungeduld zu. Ich tat, wie mir geheißen, und schluckte, während er meine Zähne zählte.
»Sie scheint gesund zu sein«, meinte er und ließ mein Kinn los, das schmerzte, weil er es so fest gepackt hatte.
»O ja, Heer Vos«, bestätigte Frau Leuven. »Marta gehört zu unseren robusteren Mädchen. Das Klima scheint ihre Arbeitsfähigkeit nicht zu beeinflussen.«
Sein Blick wanderte über meinen Körper.
Über das, was Männer wollten, wusste ich nur wenig. Als Anna Fragen über die Ehe stellte, hatte die Köchin lachend mithilfe ihres Fingers und des weichen Brotteigs, den wir gerade kneteten, demonstriert, was wir zu erwarten hatten. Bei der Vorstellung, dass Heer Vos das mit mir machen würde, wurde mir übel. Er kratzte sich am Bart. Am liebsten hätte ich mich sofort gewaschen.
»Kann sie Buchstaben und Zahlen schreiben, kochen und putzen?«, erkundigte er sich.
»Ja, und ich selbst habe ihr beigebracht, das Virginal zu spielen. Aber für noch wichtiger halte ich, wie ich Euch in meinem Brief mitgeteilt habe, ihre Verbindungen.«
Ich sah Frau Leuven an. Verbindungen? Soweit ich wusste, besaß ich keinerlei Familie oder Kontakte. Man hatte mich gleich nach der Geburt ausgesetzt, und ich war als Mündel der Vereinigten Niederlande in Amsterdam aufgewachsen.
»Genau das hat mich veranlasst hierherzukommen«, sagte Heer Vos. »Ihr habt Virginal-Noten erwähnt, die sie mit einer bekannten Familie in Verbindung bringen.«
»Ja. Das Manuskript lag zwischen ihren Wickeltüchern«, bestätigte Frau Leuven.
Ich schaute sie verblüfft an. Zum ersten Mal hörte ich etwas von einem Manuskript oder einer Familie. Mein Herz schlug schneller.
»Natürlich muss ich es zuerst sehen, bevor wir weiterverhandeln«, erklärte Heer Vos.
»Gleich.«
Frau Leuven griff in die Falten ihres schwarzen Gewands und holte einen großen Eisenschlüssel heraus, der mittels eines Bands an ihrem Gürtel befestigt war. Damit öffnete sie eine Schublade in dem Mahagonischrank beim Kamin und nahm ein gebundenes Manuskript, nicht dicker als eine Glasscheibe, heraus.
Sie reichte es Heer Vos. Am liebsten hätte ich es ihm aus der Hand gerissen, doch ich musste danebenstehen, während er die Seiten überflog.
»Wusstest du von diesen Noten?«, fragte Heer Vos mich.
»Nein, Herr«, antwortete ich.
»Wir erlauben unseren Waisen, Kacheln und andere Dinge zu behalten, die keinen Hinweis auf ihre Herkunft geben«, erläuterte Frau Leuven, »aber ein Manuskript wie dieses erachten wir als gefährlich. Wir wollen nicht, dass die Mädchen sich einbilden, etwas Besseres zu sein.«
Heer Vos klappte die Noten zu und hielt sie mir hin. Ich trat einen Schritt näher. Um sie zu nehmen, musste ich seine Finger berühren. Er lächelte; dabei kamen seine gelben Zähne zum Vorschein.
Als ich die Noten aufschlug, fiel mein Blick auf mehrere per Hand für Virginal transkribierte Musikstücke. Ich wandte mich dem Vorsatzblatt zu. Der Eigentümer des Manuskripts hatte es mit einem Namen und einem Datum versehen. In schwarzen Buchstaben stand dort: Susanne van Soldt. 1599. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Wer war Susanne? Und wie waren die Noten in meinen Besitz gelangt?
»Natürlich erhoffe ich mir aufgrund dieser Verbindung eine nennenswerte Spende für das Waisenhaus«, meinte Frau Leuven.
»Warten wir’s ab«, entgegnete Heer Vos und nickte mir zu. »Spiel das erste Stück aus dem Manuskript, die ›Brande Champajne‹. Wollen doch mal sehen, ob du das Instrument wirklich so gut beherrschst, wie Frau Leuven behauptet.«
Frau Leuven schob mich zu dem Virginal in der Ecke, das von außen wie ein einfacher rechteckiger Holzkasten ausschaute. Als sie den Deckel öffnete, kam ein lebhaftes Innenleben zum Vorschein. Aufs Holz geklebtes Schmuckpapier zeigte eine Waldszene, und die Tasten glänzten. Ich setzte mich auf den Hocker, schlug die Noten auf und begann zu spielen. Weil meine Finger in dem überheizten Raum feucht waren und ich meine Künste unter dem aufmerksamen Blick der beiden vorführen musste, geriet ich ins Stocken.
»Ich habe genug gesehen und gehört«, verkündete Heer Vos, als ich mit dem Stück fertig war, und schloss den Deckel des Virginals mit einem Knall. »Wenn Ihr mir das Manuskript gebt, nehme ich sie.«
»Sehr wohl, mein Herr. Ich veranlasse sofort alles Nötige.«
Ich erhob mich entrüstet; der Hocker scharrte über die Bodenfliesen.
»Ich kann Heer Vos nicht heiraten«, erklärte ich mit bebender Stimme.
»Halt den Mund, Mädchen. Du verbringst dein Leben doch sicher lieber als Gattin eines bekannten Kaufmanns denn als Dienstmädchen«, erwiderte Frau Leuven in drohendem Tonfall. »Wie schnell wollt Ihr sie heiraten, Heer Vos?«
»Mir wäre es recht, wenn die Trauung in zwei Tagen stattfinden könnte. In den kommenden Wochen bin ich sehr beschäftigt.«
»Gut«, meinte Frau Leuven.
Nein, ich würde lieber ein Leben als Dienstmädchen führen, als diesen widerwärtigen Mann zu ehelichen. Also zwang ich mich, noch einmal den Mund aufzumachen.
»Ich werde ihn nicht heiraten.« Meine Stimme hallte in dem karg möblierten Raum wider.
Das Gesicht von Frau Leuven erstarrte, ihr glattes Lächeln wirkte verbittert. Sie packte mich an den Haaren und zerrte mich hinaus auf den Flur.
»Du undankbares Ding«, schrie sie mich an. »Du wirst deine Lektion noch lernen.«
Sie zog mich den Gang entlang und über den Hof zur Kapelle. Dort öffnete sie den Schrank, in dem der Wein aufbewahrt wurde, stieß mich hinein, schlug die Tür zu und verschloss sie, sodass ich in völliger Dunkelheit verharren musste.
Ich rieb mir die schmerzende Kopfhaut und sank auf den Boden. Zwischen Euphorie und Furcht schwankend, versuchte ich, Luft zu holen. Irgendwo, das wusste ich nun, hatte ich eine Familie. Ich hatte mir immer gewünscht, irgendetwas aus meiner Vergangenheit zu besitzen: ein Gefühl, einen Geruch oder auch nur die Erinnerung an eine Hand, die die meine hielt. Anna hatte wenigstens eine halbe Kachel, die sie in einer Holzschachtel aufbewahrte. Darauf war ein Teil eines Schiffs abgebildet. Anna glaubte fest daran, dass die andere Hälfte sich im Besitz ihrer Mutter befand.
Doch ich besaß nichts. Keinerlei Verbindung zu irgendjemandem da draußen in der Welt, abgesehen von der Organisation, die sich seit meiner Geburt um mich kümmerte. Bis vor wenigen Minuten war meine Vergangenheit völlig leer gewesen; nun gab es die Noten und Susanne.
Als ich ihren Namen laut aussprach, ging mein Atem schneller, und in meinem Kopf bildete sich ein Gedanke heraus. Konnte es sein – durfte ich das hoffen? –, dass Susanne meine Mutter war? Warum sonst war das Manuskript bei mir im Waisenhaus verblieben? Aber dann schob sich eine andere Überlegung in den Vordergrund: Warum hatte sie mich verlassen?
Stunden vergingen. Als Frau Leuven mich schließlich fragte, ob ich es mir anders überlegt habe, sagte ich Nein. Sie hämmerte enttäuscht gegen die Schranktür und entfernte sich. In dem dunklen, stickigen Möbelstück verlor ich jegliches Zeitgefühl. Meine Gedanken kreisten um Susanne. Ihr Name verwandelte sich in tausend Gesichter, tausend Möglichkeiten. Meine Gefühle oszillierten zwischen Hoffnung und Trauer über meinen Verlust. Siebzehn Jahre waren vergangen. Hatte Susanne in all der Zeit jemals an mich gedacht oder versucht, mich wiederzufinden? Welchen Nutzen hatten die Noten, wenn ich nicht wusste, wo die Frau sich aufhielt? Wenn ich sie nur finden könnte!
Endlich drehte sich ein Schlüssel im Schloss, und die Tür öffnete sich. Heer Vos stand mit einer Kerze in der Hand davor.
»Marta, komm zur Vernunft. Ich will dich heiraten, weil mir deine Verbindungen aussichtsreich erscheinen. Und du solltest dir über die Möglichkeiten im Klaren sein, die ich dir bieten kann.«
Er streckte mir die Hand hin. Ich schüttelte den Kopf.
»Ich sehe für mich keinen Nutzen in der Heirat mit Euch«, entgegnete ich.
»Dann bist du nicht so klug, wie ich dachte.« Das Licht der Kerze ließ seine Pupillen erglänzen. »Ich weiß, was du dir wünschst. Das war mir in dem Moment klar, in dem du die Noten gesehen hast. Heirate mich. Wenn du das tust, helfe ich dir, sie zu finden.«
Ich schnappte nach Luft.
Die Kerze warf flackernde Schatten an die Wand.
»Das geht nicht«, erwiderte ich. »Für nichts auf der Welt. Ich kann Euch niemals lieben.«
Heer Vos lachte.
»Ich bitte dich nicht um deine Liebe. Aber wenn du dich weigerst, mich zu heiraten, kaufe ich das Manuskript und verbrenne es. Dann wirst du Susanne van Soldt niemals aufspüren und es den Rest deiner Tage bereuen, dass du diese Gelegenheit nicht ergriffen hast.«
»Wie könnt Ihr sie finden? Das ist unmöglich.«
Er wölbte eine Hand um mein Kinn.
»O doch, es ist möglich. Ich habe mit Kontakten gesprochen. Der Name van Soldt ist unter Kaufleuten bekannt. Ich habe bereits einige Hinweise.«
Er richtete sich auf.
»Ich lasse dir bis morgen Bedenkzeit. Und jetzt geh.«
Als ich über den Hof rannte, fürchtete ich fast, dass Heer Vos mir folgen würde. Doch das tat er nicht. Das Waisenhaus lag im Dunkeln, es war immer noch heiß, die Luft in dem Schlafsaal im Speicher stickig. Ich schlich auf Zehenspitzen an den Reihen der Mädchen vorbei, die jeweils zu viert in einem Bett schliefen, und kroch neben Anna. Sie regte sich, wachte aber nicht auf. Ich konnte nicht einschlafen, weil meine Gedanken immer wieder zu Heer Vos’ Worten zurückkehrten. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus, und ich rüttelte Anna.
»Wo warst du?« Anna rieb sich die Augen.
Eines der anderen Mädchen zischte ihr zu, sie solle still sein. Ich erzählte Anna leise, was geschehen war.
Sie ergriff meine Hand.
»Du hast mir doch versprochen, dir einen freundlichen Mann auszusuchen«, flüsterte sie.
»Ja, aber da wusste ich noch nichts von dem Manuskript. Du solltest es sehen, Anna. Mir ist, als würde darin meine Vergangenheit auf mich warten.«
»Könntest du nicht weglaufen und Susanne allein suchen?«, fragte Anna.
»Wohin sollte ich mich denn wenden? Ich besitze nichts. Außerdem hat er gedroht, die Noten zu zerstören, wenn ich Nein sage. Ich habe lange nachgedacht. Heer Vos zu heiraten ist der einzige Weg, das Manuskript zu retten und Susanne zu finden.«
»Und wenn sie gar nicht deine Mutter ist?«
»Das Risiko muss ich eingehen.«
»Ich ertrage den Gedanken, dass du einen solchen Mann heiratest, nicht.« Annas Blick war voller Mitgefühl.
»Du musst kein Mitleid mit mir haben.« Ich drückte ihre Hand. »Mir wird die Möglichkeit geboten, meine Familie aufzuspüren. Ich hätte nie gedacht, dass das irgendwann geschehen könnte.«
Ich zog die Decke über ihre Schultern und machte die Augen zu. Mir schauderte bei der Vorstellung, Heer Vos zu heiraten, doch wenn ich so Susanne finden konnte, war es das Opfer wert.
Da war niemand, der mich hätte hindern können, mich auf diesen grässlichen Kuhhandel einzulassen. Am Morgen informierte ich Frau Leuven über meine Entscheidung, und zwei Tage später heiratete Heer Vos mich in der Kapelle des Waisenhauses. So wurde aus Marta de Wees – das war der Nachname, den Waisen unbekannter Herkunft stets erhielten – Marta Vos. Es gab weder Blumen noch Hochzeitsgäste. Ich trug meine alten Kleider; das geborgte Gewand lag wieder in der Truhe und wartete auf das nächste Mädchen. Als Heer Vos mir den Ring ansteckte, schaffte ich es nicht, ihm in die Augen zu sehen.
Meine wenigen Habseligkeiten standen gepackt an der Tür zur Kapelle. Das Manuskript war in ein Tuch eingewickelt. Am Abend zuvor hatte ich Frau Leuven gefragt, ob ich noch einmal auf dem Virginal im Salon spielen dürfe. Da Heer Vos ihr genug Geld für die Reparatur des Kapellendachs gespendet hatte, war sie milder Stimmung und überließ mir die Noten mit der strikten Anweisung, gut darauf aufzupassen.
Insgesamt befanden sich fünfunddreißig Stücke darin: eine Sammlung von Tänzen, Prozessionsliedern und handschriftlich notierten Psalmen. Mir fiel auf, dass die Schrift sich bei den letzten drei Stücken von der bei den anderen unterschied. Sie wirkte lebhafter, die Noten waren mit leichterer Hand zu Papier gebracht.
Ich setzte mich ans Virginal und spielte die ›Brande Champajne‹, ohne abzusetzen. Die Musik durchströmte mich; ich spürte, wie jede Saite vibrierte. In ihr fühlte ich Susanne. Ich stellte mir vor, wie sie irgendwo saß, die Augen auf die Noten gerichtet.
Ich hatte so viele Fragen, und jedes Mal, wenn ich den Namen von Susanne auf dem Vorsatzblatt las, vervielfachten sie sich wie die Sterne am Himmel. Hoffentlich, betete ich, würde die Heirat mit Heer Vos mich den Antworten näherbringen.
Nach der Trauung verließen wir die kühle Kapelle und traten hinaus in die schwüle Luft. Die Kutsche von Heer Vos wartete am Tor zum Waisenhaus. Am Fenster des Schlafsaals entdeckte ich Annas blasses Gesicht. Tränen traten mir in die Augen, doch ich blinzelte sie weg, als ich, begleitet vom Hufschlag der Pferde, dem Waisenhaus für immer den Rücken kehrte.
Heer Vos sah nicht mich an, sondern schaute zum Fenster hinaus. Bei dem Gedanken daran, was nun kommen würde, wurde mir übel. Trotz meiner Angst richtete sich mein Blick auf die Welt außerhalb des Waisenhauses, eine Welt, die ich kaum kannte. Es war Markttag, in den Straßen drängten sich die Menschen. Als wir über die Holzbrücke holperten, war zwischen den Häusern das glitzernde Meer zu erkennen.
Die Kutsche bog in die Tygersgracht ein. Der Duft der Kokospalmen, die den Kanal säumten, drang durchs Fenster herein. In der Ferne sah ich baumbewachsene Berge, und wir kamen an prächtigen Häusern mit orangefarbenen Dachschindeln vorbei. In den üppigen Gärten wuchs Jasmin. Die bunten Farben und die Stille waren etwas völlig Neues für mich.
Am Ende hielten wir vor einem hohen weißen Haus an. Das Licht der Sonne spiegelte sich in den Fenstern und blendete mich. Als Heer Vos meine Hand nahm, um mir aus der Kutsche zu helfen, kehrte das flaue Gefühl in meinem Magen zurück. Doch wenn ich so Susanne finden konnte, würde ich alles ertragen, was mir bevorstand.
An der Tür begrüßte ein zotteliger Wolfshund Heer Vos, der sich bückte, um seinen Kopf zu streicheln. »Ruig«, murmelte er. In dem dunklen Flur standen keinerlei Möbel, und keine Bediensteten eilten herbei, um ihre neue Herrin willkommen zu heißen. Der Fahrer trug meine Tasche herein und stellte sie auf dem roten Fliesenboden ab.
Heer Vos gab ihm eine Münze.
Der Kutscher runzelte die Stirn.
»Ihr schuldet uns noch Geld von der letzten Fahrt«, erinnerte er ihn.
»Schick in den nächsten Tagen jemanden für den Rest vorbei.«
»Ich komme lieber selbst«, brummte der Fahrer und entfernte sich.
Heer Vos schloss die Tür, sperrte sie mit einem großen Eisenschlüssel zu, schob den Riegel mit einem dumpfen Geräusch vor und wandte sich mir zu.
»Gib mir das Manuskript.« Er streckte die Hand aus.
»Aber es gehört mir«, erwiderte ich, die Finger fest um meine Tasche.
»Das ist die einzige Mitgift, die du besitzt«, sagte Heer Vos. »Deswegen will ich es wegschließen.«
»Und was ist mit der Suche nach Susanne?«
»Dafür benötige ich die Noten.« Heer Vos schnippte mit den Fingern. »Gib sie mir.«
Nach kurzem Zögern griff ich in meine Tasche, nahm das Manuskript heraus und reichte es ihm in der Hoffnung, dass er Wort halten würde.
»Du schläfst in dem Alkovenbett in der Küche«, teilte er mir mit. »Auspacken kannst du später.«
Erst nach einer Weile begriff ich, was seine Worte bedeuteten: Er würde mich nicht zwingen, das Bett mit ihm zu teilen. Als er meine Überraschung und Erleichterung sah, grinste er spöttisch.
»Du bist jung, aber nicht nach meinem Geschmack. In dieser Hinsicht befriedigt Ni Luh meine Bedürfnisse. Während ich versuche, die van Soldts aufzuspüren, wird es deine Aufgabe sein, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Und jetzt geh und hilf ihr beim Anziehen.«
Verwirrt über seine Worte, folgte ich Heer Vos’ Anweisungen und stieg in den ersten Stock hinauf. Wer war diese Frau, der ich dienen sollte? Als ich an einer der Türen klopfte, forderte eine unfreundliche Stimme mich auf einzutreten. Vor mir lag ein riesiges, lichtdurchflutetes Zimmer, dessen Wände Gobelins zierten. Ein reich geschmückter Schrank mit Elfenbein- und Ebenholzeinlegearbeiten stand neben einem Frisiertisch aus Kirschholz.
Auf dem breiten Doppelbett mit dem lilafarbenen Seidenbaldachin lag eine junge Frau im Spitzennachtgewand. Ihre Gesichtszüge und ihre karamellfarbene Haut wiesen darauf hin, dass sie von einer der Inseln stammte.
»Ah, die Kindfrau«, bemerkte sie. Das klang, als würde Eis unter schweren Schritten bersten. »Er hat dich hergebracht, damit du mir dienst.«
Erstaunt über ihre herablassende Art, sah ich, wie Ni Luh aufstand und sich an den Frisiertisch setzte. Von dort aus beobachtete sie mich im Spiegel.
»Kämm mir die Haare«, wies sie mich an und deutete auf eine Kommode.
Obwohl ich vom Waisenhaus gewöhnt war, Befehle entgegenzunehmen, zuckte ich ob ihres herrischen Tonfalls zusammen. Doch der Abmachung mit Heer Vos wegen tat ich, was sie von mir verlangte. In der obersten Schublade fand ich in einem Kästchen ein Set Kämme. Auf dem Deckel stand: Meiner liebsten Petronella zu unserem Hochzeitstag, 1617. Bevor ich Zeit hatte, mir über diese Worte Gedanken zu machen, klatschte Ni Luh in die Hände, damit ich mich beeilte.
»Nimm zuerst den Elfenbeinkamm, dann den aus Buchsbaumholz. Schnell, schnell.«
Ich öffnete das Kästchen, holte einen knochenweißen, etwa handtellergroßen Kamm heraus, löste ihre schwarzen Locken und breitete sie auf ihrem Nachtgewand aus. Dann zog ich den Kamm langsam vom Oberkopf aus durch ihre dichten Haare.
»Au«, kreischte sie. »Du tust mir weh.«
»Entschuldigung, ich …«
Ni Luh wandte sich zu mir um und schlug mir auf die Hand.
»Du dummes Ding. Du bist zu grob.« Ihr Gesicht war wutverzerrt.
Ich trat einen Schritt zurück.
»So hat das keinen Sinn. Lass meine Haare. Hol mir mein Fischbeinkorsett aus Damast.«
»Wo bewahrt Ihr das auf?«, fragte ich.
»Du freches Gör.«
»Ich bin mit Heer Vos verheiratet und denke, Ihr habt kein Recht, mich so zu nennen«, erwiderte ich.
Sie sprang auf und gab mir eine Ohrfeige. Meine Wange brannte.
»Du bist meine Dienerin«, kreischte sie und trommelte mit den Fäusten auf mich ein.
Ich schob sie weg, wich rückwärts zum Eingang zurück. Körperliche Angriffe musste ich mir von ihr doch sicher nicht gefallen lassen, oder? Bevor sie weiter auf mich einschlagen konnte, floh ich aus dem Raum. Von draußen hörte ich, wie sie mit den Fäusten die Tür bearbeitete. Ich rannte nach unten in die Bibliothek, wo Heer Vos an seinem Schreibtisch saß. Als ich eintrat, hob er den Kopf.
»Ja?«, fragte er.
»Sie hat mich angeschrien und mir ins Gesicht geschlagen. Ich begreife nicht, warum ich ihr dienen soll, wenn ich doch Eure Frau bin.«
Heer Vos legte den Stift weg.
»Sie hat ein hitziges Temperament. Du musst ihr gegenüber vorsichtig sein.«
»Ich will nichts mit ihr zu schaffen haben.«
»Nein?« Sein Blick wurde kühl. »Sag, Marta, was hast du dir von unserer Ehe erwartet? Was, dachtest du, würde ich nach meinem Angebot, dir zu helfen, von dir verlangen?«
»Ich weiß es nicht.«
»Es ist doch allgemein Brauch unter Eheleuten, intim miteinander zu verkehren, oder?«
Er erhob sich von seinem Schreibtisch und trat zu mir.
»Möchtest du das?«
Ich schüttelte den Kopf.
Er lachte.
»Ich auch nicht, jedenfalls nicht im Moment. Also musst du als Gegenleistung dafür, dass ich dich bei der Suche nach Susanne unterstütze, Ni Luh dienen, ob dir das gefällt oder nicht, denn sie ist die Herrin dieses Hauses. Geh und hilf ihr beim Anziehen.«
»Aber Herr, sie ist …«
Ohne Vorwarnung stürzte er sich auf mich und packte mich am Hals. Die roten und goldfarbenen Umschläge der Bücher in den Regalen verschwammen mir vor den Augen. Ich bekam kaum noch Luft.
»Du bist ein Nichts, verstanden?«, herrschte er mich an. »Niemand wird dir zu Hilfe kommen, und niemand wird deine Schreie hören. Wenn du Essen, ein Dach über dem Kopf und Kleidung willst und wenn du Susanne aufspüren möchtest, tust du, was ich dir sage.«
Heer Vos ließ mich los. Ich sank, nach Luft schnappend, zu Boden, während er zu seinem Schreibtisch zurückkehrte und völlig ungerührt weiter an seinem Brief schrieb. Als ich wieder zu Atem kam, stand ich, obwohl meine Hände zitterten, hocherhobenen Hauptes auf. Mir blieb nichts anderes übrig, als hinauf zu Ni Luh zu gehen. Ich saß in der Falle; um Susanne zu finden, musste ich Heer Vos gehorchen.
Zwei
London, England
Benjamin erwachte im Speichergeschoss seines Elternhauses in der Drummond Street, wo durch einen Spalt zwischen den Dachschindeln Sonnenlicht drang. Ihm war übel, und in seinem Kopf dröhnte es. Draußen boten Straßenhändler lautstark ihre Waren feil. Benjamin rieb sich die Schläfen. Wenn ich bloß wieder einschlafen könnte!, dachte er.
An die vergangene Nacht erinnerte er sich nur verschwommen. Er wusste, dass er, verfolgt von Will, aus dem Hof und in den White Swan geflohen war, wo er Glas um Glas getrunken hatte, um die schrecklichen Ereignisse des Tages zu vergessen. Er entsann sich des angewiderten Blicks des Mädchens in der Kneipe, als er über eine Bank gestolpert und vor ihr auf den Boden gefallen war. Irgendwann hatte er das Bewusstsein verloren. Wahrscheinlich hatte Will ihn nach Hause gebracht.
Erneut wurde Benjamin übel. Er zog den Nachttopf unter dem Bett hervor und übergab sich in seinen eigenen Urin. Der Gestank ließ ihn wieder würgen. Er schob den Nachttopf weg und sank auf seinen Strohsack zurück.
Auf der Treppe hallten Schritte. Benjamin kannte ihren Klang: Das war sein Vater, der die Stufen mit seinem Holzbein und mithilfe einer Krücke erklomm. Benjamin wischte sich den Mund ab und wartete.
Kurz darauf öffnete sich die Tür knarrend, und ein groß gewachsener Mann mit tiefen Falten zwischen den Augen humpelte über die Bodendielen zu einem Hocker beim Bett, auf den er sich setzte.
»Dein Bruder ist noch keine Woche tot, und schon machst du deiner Familie Schande«, sagte Jacob.
Benjamin bemühte sich, keine Reaktion zu zeigen. Nein, er würde seinem Vater nicht verraten, wie sehr seine Worte ihn schmerzten.
»Welcher Teufel hat dich geritten, als du den Tisch kaputt gemacht hast, Benjamin?« Jacob schlug mit der Krücke auf den Boden.
Benjamin schluckte den Geschmack von Galle, den er im Mund hatte, hinunter. Er konnte nicht erklären, wie sehr Nicholas’ unvermittelter Tod ihn bekümmert und erzürnt hatte. Dass der Schreibtisch, der zum Trocknen in Meister Thomas’ Hof stand, so wunderbar gelungen war, hatte Benjamin als Hohn empfunden. Weil er wusste, dass sein älterer Bruder das Stück jetzt nicht mehr sehen konnte, hatte er einen Hammer in die Hand genommen und damit auf den Tisch eingeschlagen.
»Heute Morgen waren Männer da, die deine Spielschulden eintreiben wollten«, fuhr Jacob fort. »Wir haben unser ganzes Geld dafür gegeben, dass du eine gute Ausbildung erhältst und ein Handwerk erlernst. Nun ist alles weg.«
»Das tut mir leid, Vater.« Benjamin streckte die Finger nach der Hand von Jacob aus.
Der zog sie weg.
»Schäm dich, Benjamin.« Er stand auf.
»Ich gehe zu Meister Thomas und erkläre es ihm«, versprach Benjamin. »Bestimmt wird er …«
»Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Mann dich jemals wiedersehen möchte«, meinte Jacob. »Und ob ich das will, weiß ich auch nicht so genau.«
Mit diesen Worten humpelte er aus dem Raum. Benjamin schloss die Augen, konnte aber nicht mehr einschlafen. Wenig später ging die Tür ein zweites Mal auf. Benjamins jüngere Schwester schlich auf Zehenspitzen herein und zog ihm die Decke mit einem Ruck weg.
»Verschwinde«, herrschte er sie, in der kalten Luft zitternd, an.
Isabella lachte. Ihre rosige Haut und ihre klaren grünen Augen wirkten fast wie eine Anklage auf ihn. Am liebsten hätte er sich zusammengerollt und den Kopf unters Kissen gesteckt.
»Steh auf, Benjamin«, sagte Isabella. »Ich mag nicht an deinem Bett sitzen, wenn du dich in Selbstmitleid suhlst. Hier sind ein frisches Hemd und ein feuchtes Tuch. Wenn du dich nicht aufrappelst, rubble ich dich eigenhändig sauber.«
Isabella war klein und drahtig und hatte die braunen Haare zu einem Knoten geschlungen. Sie trat näher zu ihm und klatschte ihm das nasse Tuch ins Gesicht.
»Schon besser«, meinte sie.
Benjamin drückte es auf seine Augenlider, richtete sich auf und wischte sich den Nacken ab.
»Wie geht’s Mutter?«, erkundigte er sich.
Isabella seufzte. Seit dem Unfall von Benjamins und Isabellas Vater einige Jahre zuvor war ihre Mutter krank.
»Sie denkt immerzu an Nicholas und sorgt sich, weil sie nicht weiß, wie wir ohne deinen Lohn überleben sollen.«
Isabella tupfte Benjamin die Schläfen ab. Sie roch nach Mehl und Rauch vom Holzfeuer.
»Dabei wärst du nächste Woche Geselle geworden.«
Benjamin schüttelte den Kopf.
»Nicht, Isabella. Mir ist klar, dass ich alles kaputt gemacht habe.«
Um vier Uhr klopfte Will mit einer Botschaft von Meister Thomas an der hinteren Tür. Benjamin saß auf dem Boden und reparierte ein Stuhlbein, um den Zorn seines Vaters zu besänftigen.
»Mein Vater möchte mit dir sprechen«, erklärte Will.
Benjamin hatte keine Lust, Meister Thomas unter die Augen zu treten.
»Du musst gehen, dich entschuldigen und deine Lehrzeit wenigstens mit Anstand beenden«, meinte Isabella. »Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um Mutter.«
Benjamin seufzte. Er sehnte sich nach Schlaf, die Augen fielen ihm fast zu. In dem Zustand wollte er eigentlich nicht mit dem Mann sprechen, dessen Freundlichkeit er mit einem Wutanfall belohnt hatte. Doch ihm war klar, dass Isabella recht hatte.
»Na schön.« Er legte den Stuhl auf den Küchentisch.
»Und geh hinterher nichts trinken. Ich brauche dich hier, und zwar nüchtern«, ermahnte ihn Isabella.
Benjamin nickte.
»Ich habe sowieso kein Geld und sitze hier in der Falle, ob mir das gefällt oder nicht.«
Wenig später sah Benjamin zu seiner Erleichterung, dass die Trümmer des Schreibtischs entfernt worden waren und jemand den Hof gekehrt hatte. Nicht einmal die Hühner pickten darauf herum; sie waren im Stall hinter dem Haus eingeschlossen. Benjamin folgte Will in die Küche. Wo er früher mit offenen Armen empfangen worden war, fühlte er sich nun nicht mehr willkommen. Jane saß auf einem Hocker in der Ecke. Ihre Augen waren vom Weinen rot. Mary rührte in einem Kessel über dem Feuer, während Meister Thomas am Tisch saß. Als er Benjamin bemerkte, ballte er eine Faust und ließ sie auf das Holz niedersausen.
»Von allen undankbaren, hitzköpfigen jungen Männern, die ich das Unglück hatte kennenzulernen, bist du der Schlimmste«, stellte er fest.
Jane legte schniefend eine Hand auf die ihres Vaters.
»Willst du es dir nicht doch noch einmal überlegen?«, fragte sie. »Mir zuliebe?«
Thomas schüttelte den Kopf.
»Nein, Liebes.«
Jane sah Benjamin mit Tränen in den Augen an.
»Ich hoffe, den Schaden wiedergutmachen zu können, Herr«, sagte Benjamin.
Thomas schüttelte den Kopf.
»Nein«, wiederholte er. »Du und ich sind geschiedene Leute. Ich entlasse dich aus dem Lehrvertrag. Und den Rest des Lehrgelds behalte ich ein, um den Tisch reparieren zu können, den du kaputt gemacht hast.«
»Es tut mir leid, Herr.«
Meister Thomas bedachte ihn mit einem wütenden Blick.
»Es tut dir leid? Mehr fällt dir nicht dazu ein? Du hast mehr zerstört als nur ein Möbelstück. Wir hatten gehofft, dich in unsere Familie aufzunehmen. Doch ich kann nicht zulassen, dass meine Tochter einen so aufbrausenden, unzuverlässigen Mann heiratet.«
»Vater, nicht«, flehte Jane ihn an und zupfte ihn am Ärmel.
»Du hast Besseres verdient, Liebes«, erklärte Meister Thomas.
»Es tut mir wirklich leid«, wiederholte Benjamin. »Ich habe ihr keine Hoffnungen gemacht …«
»Hoffnungen auf deine Liebe?«, fragte Meister Thomas. »Du hast keine Ahnung von Liebe und kennst nur Mädchen, für deren Gunst du bezahlst. Ja, darüber wissen wir auch Bescheid. Ich fürchte, du musst noch viel lernen, Benjamin. Nicht nur über das Handwerk und die Selbstbeherrschung, sondern auch über die Dinge, die im Leben wichtig sind.«
»Jane, was passiert ist, tut mir unendlich leid«, sagte Benjamin noch einmal. »Ich hoffe, du wirst einen besseren Mann finden als mich.«
»Bestimmt«, meinte Meister Thomas. »Und für dich scheint noch nicht alles verloren. Dafür solltest du dankbar sein. Meister Farnaby hat Arbeit für dich. Ich habe ihn vor dir gewarnt, doch er will dich unbedingt. Ich kann nur hoffen, dass du sein Angebot annimmst, wie auch immer es aussehen mag, und die Weichen für die Zukunft besser stellst, als du es bisher getan hast. Er erwartet dich morgen.«
»Danke, Herr.«
»Nicht mir, sondern Meister Farnaby musst du danken«, erwiderte Meister Thomas. »Und jetzt geh mir aus den Augen.«
Am folgenden Morgen verließ Benjamin das Haus schon früh. Seine Mutter war die ganze Nacht über unruhig gewesen und hatte im Schlaf laut geschrien. Isabella war immer wieder zu ihr gegangen. Als Benjamin aufstand, war seine Mutter endlich eingeschlafen, und er empfand es als Erleichterung, sich hinausschleichen zu können.
Meister Farnaby, ein früherer Komponist, lebte in der Nähe des Flusses. Als Benjamin sich dem Kai näherte, merkte er, wie sich seine Laune verbesserte. Vor ihm erhoben sich Masten in den Himmel, soweit das Auge reichte, und ein Holzkran beförderte Kisten ans Ufer. Er hörte Italienisch, Französisch und Niederländisch, ein Gewirr von Sprachen, das sein Herz schneller schlagen ließ.
Meister Farnabys Haus stand ein wenig zurückgesetzt in einer schmalen Gasse, ein Stück von den lauten Docks entfernt. Möwen segelten kreischend durch die Luft. Ein kleiner Junge öffnete die Tür und ging Benjamin voran in den Flur, wo eine groß gewachsene, grauhaarige Frau ihn begrüßte.
»Wir haben dich schon erwartet«, meinte sie. »Ich bin Meister Farnabys Frau. Orlando hat sich gestern leider nicht gut gefühlt; er liegt im Bett. Bitte komm mit.«
In dem Haus war es kühl und ruhig. Sie führte ihn einen kurzen Flur entlang, an einem Musikzimmer vorbei, in dem Benjamin einen Blick auf ein Cembalo erhaschte. Im Raum dahinter schlief Meister Farnaby unter dicken Decken auf einem Holzbett. Seine Frau weckte den alten, blassen Mann, rückte seine Nachthaube zurecht, nickte Benjamin zu und verließ das Zimmer.
Benjamin blieb, seine Kappe in der Hand, am Fußende des Betts stehen. Meister Farnabys Zustand hatte sich seit seinem letztem Besuch in Meister Thomas’ Werkstatt deutlich verschlechtert. Sein Gesicht wirkte fast durchsichtig, lilafarbene Adern breiteten sich wie Wurzeln über seine Wangen aus.
»Wie ich höre, hast du den schönen Tisch kaputt gemacht, den du geschreinert hattest«, bemerkte Meister Farnaby. »Oder sollte ich besser ›meinen Tisch‹ sagen, da er für dieses Haus bestimmt war?«
»Ihr wolltet ihn kaufen?«, fragte Benjamin erstaunt.
»Ja. Seine Größe wäre genau richtig gewesen für hier. Ich wollte einen Ort, an dem ich komponieren kann, wenn ich ans Zimmer gefesselt bin.«
»Dann bedaure ich es noch mehr, dass ich ihn zerstört habe«, erklärte Benjamin.
Meister Farnaby zog die Decke enger um seinen Leib. Er zitterte, obwohl die Fenster geschlossen waren und im Kamin ein Feuer knisterte. Musiknoten lagen auf seinem Bett verstreut, und der Geruch von Lavendel erinnerte Benjamin an das Krankenlager seines Großvaters.
»Ich habe die Werkstatt nicht ausschließlich zu meinem Vergnügen aufgesucht. Mir gefiel deine Arbeit. An manchen Stellen hättest du noch ein wenig feilen müssen, aber das wäre dir vor deiner Gesellenprüfung bestimmt geglückt«, meinte Meister Farnaby.
»Nun wird keine Gesellenprüfung stattfinden, Herr.«
»Ich weiß. Meister Thomas hat dich entlassen, und völlig zu Recht. Wie könnte er einen Jungen behalten, der das Ergebnis monatelanger harter Arbeit in einem Jähzornsanfall vernichtet? Du hast dich als unberechenbar und aufbrausend erwiesen. Doch genau aus diesem Grund hoffe ich, dass du den Auftrag übernimmst, den ich für dich habe. Ich fürchte, dir wird gar nichts anderes übrig bleiben.«
Meister Farnaby versuchte, sich aufzusetzen. Als seine Arme sich als zu schwach erwiesen, half Benjamin ihm.
»Bevor ich dir erkläre, was ich möchte«, sagte Meister Farnaby, »muss ich dich um größtmögliche Diskretion bitten. Es handelt sich um eine nicht abgeschlossene Angelegenheit aus meiner Vergangenheit.«
Benjamin nickte.
»Natürlich, Herr. Von mir erfährt niemand ein Sterbenswörtchen.«
»Gut. Obwohl mich die Körperkräfte nun verlassen, war ich einst ein leidenschaftlicher Mann. Ich mag kein Möbelstück mit einem Hammer zertrümmert haben, doch ich weiß, wie es sich anfühlt, etwas zu verlieren, bei dessen Schaffung man mitgewirkt hat.«
Benjamin trat näher ans Bett.
»Bist du je in dem Land gewesen, in dem dein Großvater zur Welt gekommen ist?«, erkundigte sich Meister Farnaby.
»Nein, Herr. Meine Mutter wurde einige Jahre nachdem mein Großvater vor der spanischen Invasion von Antwerpen geflohen ist, in London geboren.«
»Aber du kannst Flämisch?«
»Ja, meine Mutter redet seit unserer Geburt in dieser Sprache mit uns.«
»Wunderbar. Komm ein wenig näher und hör mir gut zu.«
Als Benjamin sich übers Bett beugte, sah er Meister Farnabys rosafarbene Kopfhaut unter den dünnen Haaren und vernahm seinen rasselnden Atem.
»Ich möchte, dass du jemanden für mich aufspürst«, erklärte Meister Farnaby. »Dafür erhältst du genug Geld für den Lebensunterhalt deiner Familie, bis du wieder eine Anstellung findest.«
»Ich soll jemanden aufspüren?«
»Ja, ich bezahle dir die Reise über den Kanal und …«
»Ihr wollt, dass ich ins Ausland reise?«
Meister Farnaby hustete und drückte ein Taschentuch an seinen Mund. Benjamin bemerkte die Blutflecken darauf.
»Du sollst eine Frau in den Vereinigten Niederlanden Provinzen für mich finden und ihr das hier geben.«
Meister Farnaby schob seine Hand unter die Decke und holte einen versiegelten Umschlag hervor. Nach einem Blick auf die Tür reichte er ihn Benjamin.
»Aber …«, hob Benjamin an.
»Steck ihn schnell ein«, sagte Meister Farnaby. »Niemand darf davon erfahren, verstanden? Und nimm auch den.«
Er drückte Benjamin einen Beutel mit Münzen in die Hand.
»Dein Schiff legt in zwei Tagen von Gravesend ab. Ich bitte dich inständig, sie aufzuspüren. Den Brief darfst du nur ihr persönlich aushändigen. Ich möchte in Frieden sterben, in dem Wissen, dass sie ihn erhalten hat.«
»Was soll ich meiner Familie sagen? Sie werden mich fragen, wofür Ihr mir das Geld gegeben habt«, wandte Benjamin ein.
»Erklär ihnen, du hast einen Gönner gefunden, der es dir ermöglicht, deine Lehre in den Niederlanden zu Ende zu bringen. In dem Beutel mit dem Geld befindet sich ein Empfehlungsschreiben. So kannst du das Handwerk erlernen, für das du eine Begabung besitzt. Bitte vergeude diese Begabung kein weiteres Mal.«
»Welches Handwerk?«
»Das Bauen von Virginalen, wie dein Großvater es getan hat. Harmanus Gheerdinck ist der Mann, an den du dich nach deiner Ankunft wenden solltest. Erwähne deinen Großvater und gib ihm mein Empfehlungsschreiben. Danach zu urteilen, wie du den Schreibtisch geschreinert hast, würde ich vermuten, dass du dazu geschaffen bist, das Handwerk deiner Vorfahren auszuüben.«
Benjamin hatte das Gefühl, als würde eine heftige Windbö ihn vom Kurs abbringen. Doch er besaß kein Geld, um sich selbst eine neue Lehrstelle zu suchen, und die Aussicht, sich auf ewig die Vorwürfe seines Vaters anhören zu müssen, erfüllte ihn mit Verzweiflung. Weil er vom Alkohol und vom Kummer nach wie vor einen dicken Kopf hatte, zögerte er trotzdem, Ja zu sagen.
»Meister Farnaby, ich bin mir nicht sicher, ob ich das, was Ihr von mir verlangt, schaffen kann.«
Der alte Mann lachte so tief aus dem Bauch heraus, dass er husten musste. Sofort ging die Tür auf, und seine Frau kam herein.
»Er muss sich ausruhen«, verkündete sie.
Benjamin nickte. Nach einem letzten Blick auf Meister Farnabys bleiches Gesicht, das von feuerroten Haaren eingerahmt wurde, verabschiedete er sich, und Meister Farnabys Frau schloss die Tür hinter Benjamin.
Er ging durch die enge Gasse zurück zum geschäftigen Hafen. Bei einem Schiff wurden gerade die Segel gehisst. Der Wind fuhr hinein und bauschte den Stoff. Benjamin spürte Erregung in sich aufsteigen und nahm den Brief aus der Tasche. Auf der einen Seite befand sich ein Siegel, das den Umschlag verschloss. Auf die andere hatte Meister Farnaby einen Namen und einen Ort geschrieben: Katerina Loos, Amsterdam.
Endlich, so schien es, eröffnete sich Benjamin eine Fluchtmöglichkeit.