Cover

Werner Milstein

Einen Platz

in der Welt haben

Dietrich Bonhoeffer

entdecken

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

1. Auflage

Copyright © 2004

Durchgesehene Nachauflage

Copyright © 2020 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: Hintergrund: pixabay.com; Dietrich Bonhoeffer als Student 1923

Die Bilder stammen aus: Dietrich Bonhoeffer – Bilder aus seinem Leben, herausgegeben von Eberhard Bethge, Renate Bethge, Christian Gremmels, Chr. Kaiser Verlag, München, 2. Auflage 1989.

ISBN 978-3-641-25948-8
V001

www.gtvh.de

© privat

Werner Milstein, geboren 1955, Studium der Theologie und Philosophie in Münster und Göttingen, er war Gemeindepfarrer in Ostwestfalen, danach am Verlagswesen in Hamburg tätig. Zurzeit ist er Religionslehrer im Berufskolleg in Olsberg/Sauerland.

Meiner Schwester und ihrer Familie

Inhalt

1. Kapitel

»Ein Fundament haben« – Die Kindheit

2. Kapitel

Kirche ist konkret

3. Kapitel

Dreierlei Leben

Dozent – Pfarrer – Jugendsekretär

4. Kapitel

... dem Rad selbst in die Speichen zu fallen

5. Kapitel

Gemeinsames Leben

6. Kapitel

Ein Pastor im Widerstand

7. Kapitel

Gefängnis Tegel

8. Kapitel

Es ist das Ende, aber auch der Anfang

Zum Weiterlesen

Bonhoeffers Zelle im Gefängnis von Berlin-Tegel. Anfangs bekam er eine Zelle im dritten Stock zugewiesen, danach wurde er in der Einzelzelle 92 im Erdgeschoss untergebracht.

Von der Fensterluke fiel Licht in die Zelle, helles, strahlendes Licht. Es schien ihm direkt ins Gesicht, seine Augen blinzelten ein wenig im Sonnenschein. Dietrich Bonhoeffer lag ausgestreckt auf der Pritsche und schaute sich um. Zwei mal drei Meter, das war sein ganzes Reich. Wie oft war er diesen Raum abgeschritten, besonders in der ersten Zeit, als er nicht nach draußen in den Gefängnishof durfte? Wie hatte er sich geekelt vor der vergammelten Decke, die man ihm gegeben hatte. Er konnte sich damit nicht zudecken, da fror er lieber. Das Brot hatten sie ihm einfach auf den schmutzigen Zellenboden geworfen. Er musste sich zwingen, davon zu essen.

In den Gängen hallten die Schritte der Wächter und durch die Wände hörte er das Schluchzen und Rufen der anderen Gefangenen. Wie sollte er hier bestehen, wie konnte er in dieser Zelle überleben? Immer wieder überfiel ihn dieses namenlose Grauen, besonders in der Nacht lag es schwer auf ihm. »Selbstmord, nicht aus Selbstbewußtsein, sondern weil ich im Grunde schon tot bin, Schlußstrich, Fazit«, das hatte er da gedacht und auf einen kleinen Zettel gekritzelt.

Sie hatten ihm nichts gelassen, nicht einmal seine kleine Taschenbibel. Alles hatten sie ihm genommen. Wie dankbar war er für jedes noch so kleine Stück Papier. Als sein Vater ihm ein Lebensmittelpaket in die Zelle schickte, musste dieser auf einem dem Paket beigelegten Zettel den Inhalt auflisten. Auf diesem Zettel war noch Platz zwischen den Zeilen, genug für einige Stichworte. Dietrich Bonhoeffer brauchte Halt für seine Gedanken, er notierte: »Trennung von Menschen, von der Arbeit, von der Vergangenheit, von der Zukunft, von der Ehre, von Gott … Zeitvertreiben – totschlagen, für den, der überwunden hat Humor, Rauchen und die Leere der Zeit.«

Der »Blockzettel«, auf dem der Vater am 8. Mai 1943 den Inhalt des Lebensmittelpaketes für seinen Sohn angeben musste.

Schnell war das Blatt gefüllt, er dreht es um und beschreibt auch noch die letzten freien Stellen. Und wieder sind es nur Stichworte, lose aneinandergereiht, ein paar Gedankenstützen nur. »Erkenntnis der Vergangenheit – Erfüllung, Dank. Reue. Zeitgefühl – nicht nur das Erkannte sei gegenwärtig?« Er tastete sich vorwärts, hielt inne, sah zur Tür. In hundert Jahren ist alles vorbei, hatte dort jemand vor ihm geschrieben. »Vergangenheit: warum: in 100 Jahren ist alles vorbei und nicht: bis vor kurzem war alles gut? kein Besitz … keine Aufgabe … Vergangenes = Zukünftiges, zeitlos …«

Er war sich unsicher, er suchte, seine Hand streckte sich weit aus, seine Gedanken durchwanderten die Zeit. Würde er Halt in der Vergangenheit finden? Er musste das Vergangene befragen, wenn er wissen wollte, wer er war. Er musste wissen, wo er herkam, wenn er in die Zukunft gehen wollte. Mit einem Mal schien er Zeit zu haben, ein für ihn völlig fremdes Gefühl. Aber was ist Zeit? Was ist Leben in der Zeit? Wie viel Zeit bleibt ihm noch, was bedeutet ihm die vergangene Zeit und wie kommt beides zusammen?

1. Kapitel

»Ein Fundament haben« – Die Kindheit

Die Wärter wussten anfangs nichts mit diesem seltsamen Gefangenen anzufangen, der da am 5. April 1943 in das Tegeler Militärgefängnis eingeliefert worden war. Ein evangelischer Pastor, der mit Widerstandskämpfern in Verbindung stehen soll? Sie werden sich mit der Zeit aneinander gewöhnen und sie werden voneinander lernen. Für Bonhoeffer war es ein Leben in verschiedenen Zeitebenen. Er erinnerte sich seiner Vergangenheit, er lebte in der Gegenwart und nahm Anteil am Leben der Mitgefangenen wie der Wärter. Er dachte an seine Familie, seine Freunde und seine Verlobte. Er richtete seine Gedanken auf die Zukunft. An Selbstmord dachte er nicht mehr.

Er wurde sich, wieder einmal, seiner bürgerlichen Herkunft bewusst. Sein Blick ging zum Wandbrett. Bücher lagen da, Briefe und dicht beschriebene Zettel. Längst war er versorgt worden mit Literatur, mit Papier, mit allem, was er zum Arbeiten brauchte. Die Eltern schickten ihm Bücher zu, die Gefängnisbibliothek stand ihm offen und manche Schrift besorgten ihm auch die Wärter.

Als Jugendlicher hatte er einmal zu dichten begonnen, nun versuchte er es wieder. Er machte sich an den Entwurf für ein Drama. Es handelt von dem Bürgersohn Christoph. Zu ihm sagt der Arbeiter Heinrich: »Ihr habt ein Fundament, ihr habt Boden unter den Füßen, ihr habt einen Platz in der Welt … Für euch kommt es nur auf das Eine an, die Füße auf dem Boden zu behalten.« In Christoph sieht Bonhoeffer sich selbst. Er wusste, auf welchem Fundament er steht, und er kannte auch seinen Platz in der Welt.

In diesem herrschaftlichen Haus in Breslau, Birkenwäldchen 7, werden am 4. Februar 1906 die Zwillinge Dietrich und Sabine geboren. Als sechstes und siebtes Kind wachsen sie unter acht Geschwistern auf.

Neben Sabine und Dietrich (von links) haben sich Christine (1903), Ursula (1902), Klaus (1901), Walter (1899) und Karl-Friedrich (1899) aufgestellt. Auf dem Bild fehlt das jüngste Kind, Susanne (unten). Sie kam 1909 zur Welt.

1906-1912 Geburt und Kindheit in Breslau

Das Haus seiner Eltern stand Bonhoeffer vor Augen, als er in der Zelle im Tegeler Militärgefängnis seine literarischen Entwürfe begann, ein Drama, das er bald aufgab, und einen Roman über eine bürgerliche Familie, der ebenfalls unvollendet bleiben musste.

In Breslau hatten die Bonhoeffers das Glück, »ein hübsches, im großen Garten gelegenes Haus am Birkenwäldchen in der Nähe der Kliniken zu mieten, das den Kindern reiche Bewegungsfreiheit gab. Der Garten mit seinen alten Bäumen war ungepflegt. Ein alter asphaltierter Tennisplatz wurde im Winter begossen für die ersten Schlittschuhlaufversuche der beiden Ältesten …« So beschrieb der Vater die wohl behütete Welt, in die Dietrich 1906 mit seiner Zwillingsschwester Sabine hineingeboren wurde. An den Kliniken war er Professor für Psychiatrie und Neurologie. Ein nüchtern-sachlich denkender Mensch, der sich an die Erkenntnisse der Naturwissenschaften hielt. Darum stand er auch der Psychoanalyse seines Wiener Kollegen Sigmund Freud sehr skeptisch gegenüber. Karl Bonhoeffer war ein Mann von großer Autorität, er sprach leise und wenig, aber was er sagte, war eindeutig und gewichtig. Er hasste ausschweifendes Gerede und war stets beherrscht. Gleiches verlangte er auch von seinen Kindern. Er war pünktlich, korrekt und verlässlich. Durch sein Vorbild hatte er seine Kinder geprägt. Er war sich seiner bürgerlichen Herkunft bewusst und auch der Tatsache, dass dem Bürgertum für die Zukunft die entscheidende Rolle zugefallen war.

Die Eltern Paula und Karl Bonhoeffer

Ein wenig lächelte man in der Familie über die adlige Herkunft der Mutter. Paula Bonhoeffer war eine geborene von Hase, ihr Vater hatte das Amt des Hofpredigers bei Kaiser Wilhelm II. inne. Als dieser das Volk verächtlich als eine »Canaille« bezeichnete, protestierte er und verließ infolge des Streites Berlin und ging als Theologieprofessor nach Breslau. Ihre Mutter, eine Gräfin Kalckreuth, war sehr musikalisch gewesen und hatte bei Franz Liszt und Clara Schumann Klavierunterricht gehabt. Paula Bonhoeffer ergänzte ihren Mann. Sie war temperamentvoll, kontaktfreudig und ebenso optimistisch wie energisch. Sie hatte es in ihrer Familie durchgesetzt, dass sie ein Lehrerinnen-Examen machen durfte. Ihr Ziel war es, ihre Kinder zu verantwortlichen Menschen zu erziehen. Das sah sie auch als ihre christliche Aufgabe. In allem Handeln sollten ihre Kinder stets auch die Bedürfnisse der anderen berücksichtigen.