Cover

Das Buch

Ich hatte schon verschiedene Namen und mehrere Leben, jetzt nennt man mich allerdings Bailey. Das ist ein guter Name. Ich bin ein braver Hund.

Ich habe an unterschiedlichen Flecken auf der Welt gelebt, aber am allerschönsten war es auf der Farm – bis ich hierherkam. Dieser Ort hat keinen Namen, doch es gibt goldfarbene Strände, an den man entlangrennen kann, und Stöckchen und Bälle, die genau in mein Maul passen, und alle Menschen, die mich jemals geliebt haben, sind hier – und sie lieben mich immer noch. Und natürlich gibt es hier auch unzählige Hunde, denn ohne Hunde wäre dieser Ort nicht vollkommen.

Ich werde von so vielen Menschen geliebt, weil ich diverse Leben unter verschiedenen Namen gelebt habe. Ich war Toby und Molly und Ellie und Max, ich war Buddy und ich war Bailey. Mit jedem Namen war eine neue Aufgabe verbunden. Nun besteht der Sinn meines Daseins bloß noch darin, mit meinen Menschen zusammen zu sein und sie zu lieben. Vielleicht ist das von Beginn an meine eigentliche Bestimmung gewesen.

Der Autor

W. Bruce Cameron, 1960 geboren, ist als Kolumnist und Autor international bekannt. Seine Kolumne zur Erziehung von Teenagern war 1995 so populär, dass sie als Buch veröffentlicht wurde, das als Vorlage für die TV-Serie »Meine wilden Töchter« diente. Mit seinem Roman Ich gehöre zu dir landete er 2010 einen Bestseller. Die Reihe um den Hund Bailey wurde erfolgreich fortgesetzt und verfilmt.

W. Bruce Cameron

Ein
Versprechen
auf vier
Pfoten

Aus dem Englischen von
Evelin Sudakowa-Blasberg

Die Originalausgabe A DOG’S PROMISE
erschien erstmals 2019 bei Forge Books, New York.

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Copyright © 2019 by W. Bruce Cameron

Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: Martina Eisele
unter Verwendung vonBigstock (rawpixel.com, ekavid)
und shutterstock (ericlefrancais, Jagodka)

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-641-26125-2
V001

www.heyne.de

Für Gavin Polone, Freund, Tierschützer,
Kalorienleugner, Laptopkritiker und
einer der Hauptverantwortlichen dafür,
dass mein Werk so viele Menschen
auf dieser Erde erreicht hat.

Prolog

Mein Name ist Bailey. Ich hatte schon verschiedene Namen und mehrere Leben, jetzt nennt man mich allerdings Bailey. Das ist ein guter Name. Ich bin ein braver Hund.

Ich habe an unterschiedlichen Flecken auf der Welt gelebt, aber am allerschönsten war es auf der Farm – bis ich hierherkam. Dieser Ort hat keinen Namen, doch es gibt goldfarbene Strände, an denen man entlangrennen kann, und Stöckchen und Bälle, die genau in mein Maul passen, und Spielsachen, die quietschen, und alle Menschen, die mich je geliebt haben, sind hier – und sie lieben mich immer noch. Und natürlich gibt es hier auch unzählige Hunde, denn ohne Hunde wäre dieser Ort nicht vollkommen.

Ich werde von so vielen Menschen geliebt, weil ich diverse Leben unter verschiedenen Namen gelebt habe. Ich war Toby und Molly und Ellie und Max, ich war Buddy, und ich war Bailey. Mit jedem Namen war eine neue Aufgabe verbunden. Nun besteht der Sinn meines Daseins bloß noch darin, mit meinen Menschen zusammen zu sein und sie zu lieben. Vielleicht war das von Beginn an meine eigentliche Bestimmung gewesen.

Hier gibt es keinen Schmerz, nur die Freude, die erwächst, wenn man von Liebe umgeben ist.

Die Zeit war unbegrenzt, verging gemächlich, bis mein Junge Ethan und mein Mädchen CJ zu mir kamen, um mit mir zu reden. CJ ist Ethans Kind. Wachsam setzte ich mich auf, als sie sich näherten, denn von allen Menschen, die mir jemals etwas bedeutet haben, waren sie mir am wichtigsten. Sie benahmen sich so, wie Menschen es zu tun pflegen, wenn ein Hund eine Aufgabe für sie verrichten soll.

»Hallo, Bailey, du guter Hund«, begrüßte mich Ethan. CJ strich mir zärtlich über das Fell.

Einen Moment lang erfreuten wir uns einfach bloß an unserer Liebe füreinander.

»Du weißt ja, dass du schon mehrmals gelebt hast, Bailey. Und dass du eine ganz besondere Mission hattest und mich gerettet hast«, sagte Ethan.

»Und mich hast du auch gerettet, Bailey, mein Molly-Mädchen, mein Max«, fügte CJ hinzu.

Als CJ diese Namen aussprach, erinnerte ich mich daran, wie ich sie auf ihrem Lebensweg begleitet hatte. Voller Zuneigung wedelte ich mit dem Schwanz. Sie schlang die Arme um mich. »Es gibt nichts Schöneres als die Liebe eines Hundes«, murmelte sie Ethan zu.

»Ja, sie ist völlig bedingungslos«, stimmte Ethan ihr zu und kraulte meinen Kopf.

Vor Wonne machte ich die Augen zu, genoss es, von beiden liebkost zu werden.

»Wir müssen dich um etwas bitten, Bailey. Etwas sehr Wichtiges, das nur du tun kannst«, teilte Ethan mir mit.

»Aber wenn du versagst, ist es auch in Ordnung. Wir werden dich weiterhin lieben, und du kannst hierher zurückkommen und bei uns sein«, sagte CJ.

»Er wird nicht versagen. Doch nicht unser Bailey«, warf Ethan lächelnd ein. Er umfasste meinen Kopf mit beiden Händen, Händen, die einst so herrlich nach der Farm geduftet hatten und jetzt einfach bloß nach Ethan rochen. Verzückt sah ich ihn an, denn wenn mein Junge mit mir spricht, spüre ich seine Liebe, die wie ein warmes Licht aus ihm herausströmt. »Ich bitte dich zurückzugehen, Bailey. Zurück, um ein Versprechen zu erfüllen. Ich würde das nicht von dir verlangen, wenn es nicht notwendig wäre.«

Sein Ton war ernst, aber er war nicht wütend auf mich. Menschen können glücklich sein, traurig, liebevoll, wütend und vieles andere mehr, und normalerweise erkenne ich an ihren Stimmen, wie sie sich fühlen. Hunde sind im Großen und Ganzen einfach bloß glücklich, was der Grund dafür sein könnte, warum wir es nicht nötig haben zu sprechen.

»Dieses Mal wird es anders sein, Bailey«, sagte CJ. Ich sah sie an, und auch sie war liebevoll und freundlich. Doch gleichzeitig nahm ich eine Angst bei ihr wahr, eine Sorge. Ich schmiegte mich an sie, damit sie mich fester umarmen konnte und sich besser fühlte.

»Du wirst dich an nichts erinnern, Bailey«, sagte Ethan nun sanft. »Nicht an deine früheren Leben. Nicht an mich, an die Farm und nicht an diesen Ort.«

»Na ja«, wandte CJ ein, und ihre Stimme war so sanft wie Ethans, »vielleicht wirst du dich wirklich an nichts erinnern, das stimmt, aber du hast schon so viel durchgestanden, dass du nun ein weiser Hund sein wirst, Bailey. Eine alte Seele.«

»Das ist der harte Teil, mein Freund. Du wirst dich nicht einmal an mich erinnern. CJ und ich werden aus deinem Gedächtnis verschwinden.«

Ethan war traurig. Ich schleckte seine Hand ab. Traurigkeit bei Menschen ist der Grund dafür, dass es Hunde gibt.

CJ tätschelte mich. »Aber nicht für immer.«

Ethan nickte. »Das ist richtig, Bailey. Nicht für immer. Wenn du mich das nächste Mal siehst, werde ich nicht mehr wie jetzt aussehen, aber du wirst mich erkennen, und dann wirst du dich wieder an alles erinnern. An all deine Leben. Alles wird zurückkehren. Und vielleicht wirst du dann auch verstehen, dass du ein Schutzengelhund bist, der geholfen hat, ein sehr wichtiges Versprechen zu erfüllen.«

CJ wurde unruhig, und Ethan blickte zu ihr auf. »Er wird nicht versagen«, beharrte er. »Doch nicht mein Bailey.«

1

Am Anfang kannte ich nur die nährende Milch meiner Mutter und die heimelige Wärme ihrer Zitzen, wenn ich trank. Erst als ich meine Umgebung genauer ­wahrnahm, erkannte ich, dass ich Geschwister hatte, die mit mir um Mutters Aufmerksamkeit konkurrierten und ­ständig versuchten, sich an mir vorbeizudrängeln und mich wegzu­schieben. Aber Mutter liebte mich, das fühlte ich, wenn sie mich beschnüffelte und mit ihrer Zunge sauber schleckte. Und ich liebte meine Mutter.

Da der Boden und die Wände unserer Höhle aus Metall waren, hatte Mutter an der hinteren Wand eine weiche Decke zu einem warmen Lager drapiert. Sobald meine Geschwister und ich richtig sehen und uns gut genug bewegen konnten, um unsere Umgebung zu erforschen, entdeckten wir, dass der Boden unter unseren Pfoten nicht nur hart und rutschig war, sondern auch kalt. Auf der Decke war das Leben viel besser gewesen. Das Dach über unseren Köpfen war eine brüchige Plane, die mit lautem Knattern im Wind flatterte.

Am interessantesten fanden wir den verlockenden recht­eckigen Spalt vor der Höhle, durch den Licht und eine berauschende Mischung an Gerüchen zu uns hereinströmten. Der Boden der Höhle erstreckte sich an dieser Stelle nach draußen. Mutter ging oft zu diesem Fenster ins Unbekannte, während ihre Krallen auf dem Metallvorsprung, der in die Außenwelt hinausragte, klapperten, und dann … verschwand sie.

Wenn Mutter ins Licht hinaussprang und uns allein ließ, kuschelten wir Welpen uns aneinander, um in der eisigen Kälte von Mutters Abwesenheit etwas Wärme zu finden, sprachen uns fiepend Trost zu und schliefen irgendwann vor lauter Erschöpfung ein. Ich fühlte, dass meine Geschwister genauso verwirrt und ängstlich waren wie ich. Wir fürchteten, sie würde vielleicht nie wieder zurückkehren, aber unsere Sorge war unbegründet, denn sie tauchte jedes Mal so geschwind in dem rechteckigen Spalt erneut auf, wie sie verschwunden war.

Als unsere Sehkraft und unsere Koordination besser wurden, nahmen wir unseren ganzen Mut zusammen und folgten Mutters Geruch bis auf den Vorsprung hinaus, was allerdings sehr beängstigend war. Die Welt in ihrer schwindelerregenden Vielfalt an Möglichkeiten stand uns unter diesem Vorsprung offen, der Zugang bedeutete jedoch einen freien Fall aus unermesslicher Höhe. Wie schaffte Mutter es nur, da hinunterzuspringen und anschließend wieder herauf?

Ich hatte einen Bruder, den ich in Gedanken als Brummer bezeichnete. Meine Geschwister und ich waren die meiste Zeit damit beschäftigt, ihn aus dem Weg zu schieben. Wenn er über mich drüberkletterte, um oben auf dem Wurf zu schlafen, fühlte sich das an, als würde er meinen Kopf platt drücken. Es war allerdings schwierig, mich aus dem Gewusel herauszuwinden, weil meine Geschwister mich immer wieder zurückdrängten. Brummer hatte die gleiche weiße Schnauze und Brust und den gleichen weißen, grau-schwarz gesprenkelten Körper wie wir alle, aber seine Knochen und seine Haut waren irgendwie schwerer. Wenn Mutter eine Erholung vom Säugen brauchte und aufstand, beschwerte Brummer sich jedes Mal am längsten. Und selbst wenn alle anderen Welpen satt waren und spielen wollten, verlangte er noch weiter nach Milch. Ich ärgerte mich über ihn – Mutter war so dünn, dass ihre Knochen unter der Haut hervorstachen, und ihr Atem hatte einen ranzigen, kranken Geruch, wohingegen Brummer dick und rund war und trotzdem ständig mehr Milch von ihr forderte.

Eines Tages geriet Brummer zu nahe an den Rand des Vorsprungs; er witterte irgendetwas in der Luft, wartete vielleicht gierig auf die Rückkehr unserer Mutter, damit er sie noch mehr aussaugen konnte. In einem Moment klebte er gefährlich am äußersten Rand, und im nächsten war er bereits verschwunden und landete mit einem dumpfen Aufschlag auf dem Boden.

Ich war mir nicht sicher, ob das so schlecht war.

Brummer begann panisch zu quieken. Seine Angst steckte uns alle an, sodass auch wir zu fiepen und zu jammern begannen und uns zur Beruhigung gegenseitig beschnüffelten.

In diesem Augenblick wusste ich, dass ich niemals auf den Vorsprung hinausgehen würde. Denn das bedeutete Gefahr.

Dann war Brummer auf einmal ganz ruhig.

Umgehend herrschte in der Höhle eine tiefe Stille. Wenn Brummer etwas zugestoßen sein sollte, könnte es als Nächstes auch sehr gut uns treffen. Das spürten wir alle und kuschelten uns in stummem Grauen aneinander.

Mit einem lauten kratzenden Geräusch tauchte Mutter auf dem Vorsprung auf. Zwischen ihren Zähnen baumelte verdrossen Brummer herab. Sie setzte ihn mitten in unserem Wurf ab, und natürlich verlangte er sofort quiekend nach einer Zitze, scherte sich nicht im Mindesten darum, dass er uns alle zu Tode erschreckt hatte. Ich war sicherlich nicht der einzige Welpe, der insgeheim dachte, dass Mutter kein Vorwurf zu machen wäre, wenn sie Brummer einfach draußen gelassen hätte, damit er merkte, wohin sein Übermut ihn führte.

In dieser Nacht lag ich auf einer meiner Schwestern und dachte über das nach, was ich gelernt hatte. Der Vorsprung vor der Höhle war ein gefährlicher Ort und das Risiko nicht wert, ihn zu betreten, ungeachtet der köstlichen Gerüche, die die Welt jenseits davon bereithielt. Wenn ich in der Nähe des Schlaflagers bliebe, würde ich in Sicherheit sein.

Wie sich einige Tage später herausstellen sollte, war das ein Trugschluss gewesen.

Mutter hielt ein Nickerchen, den Rücken uns zugewandt. Das ärgerte meine Geschwister, vor allem Brummer, weil der Duft ihrer Zitzen uns lockte und er gesäugt werden wollte. Keiner von uns war jedoch stark oder koordiniert genug, um über sie drüberzuklettern, zumal sie sich in die hintere Ecke der Höhle gezwängt hatte und uns an Kopf und Schwanz den Zugang verwehrte.

Ruckartig hob sie den Kopf, als ein Geräusch ertönte, dass wir schon öfter gehört hatten: ein brummender Maschinenlärm. Normalerweise war der Lärmpegel stets angestiegen und rasch wieder abgeklungen, doch dieses Mal kam er näher, und was auch immer dieses Geräusch verursachte, es bewegte sich nun nicht mehr weiter. Wir hörten ein Knallen, und sofort sprang Mutter auf, stieß mit dem Kopf gegen die bewegliche Plane und legte die Ohren wachsam an.

Irgendetwas näherte sich, ein schweres Stampfen. Mutter presste sich an die Rückwand der Höhle, und wir taten es ihr nach. Keiner von uns ging jetzt an ihre Zitzen, nicht einmal Brummer.

Ein Schatten verdeckte das Licht aus dem rechteckigen Spalt, und mit einem lauten Scheppern wurde der Vorsprung zur Welt hochgeklappt, sodass die Höhle nun komplett geschlossen war, ohne einen Weg nach draußen. Mutter hechelte, in ihren aufgerissenen Augen war das Weiße zu sehen, und wir alle wussten, dass gleich etwas Schreckliches passieren würde. Sie versuchte, sich über die Seitenwand der Höhle zu schieben, aber die Plane war zu straff; es gelang Mutter nur, die Nasenspitze nach draußen zu zwängen.

Der Boden der Höhle schaukelte wild hin und her, ein weiteres Knallen ertönte, und dann begann mit einem grässlichen Dröhnen der Boden unter uns zu beben. Ein Ruckeln durchlief die Höhle, schleuderte uns alle auf eine Seite. Wir schlitterten über den rutschigen Metallboden. Ich blickte zu Mutter hinüber; sie hatte die Krallen ausgefahren und bemühte sich mit aller Kraft, auf den Füßen zu bleiben. Sie konnte uns nicht helfen. Meine Geschwister schrien jämmerlich und versuchten, zu Mutter zu gelangen, doch ich hielt die Stellung, konzentrierte mich darauf, nicht umgeworfen zu werden. Ich verstand die Kräfte nicht, die an meinem Körper zerrten. Ich wusste bloß eines: Wenn Mutter Angst hatte, sollte ich mich erst recht fürchten.

Das Ruckeln, Krachen und Beben hielt so lange an, dass ich bereits glaubte, diese Welt sei jetzt mein Leben – Mutter würde nun für immer krank vor Angst sein und ich ohne Unterlass hin und her geschleudert werden. Dann wurden wir plötzlich alle auf einmal an die Rückwand der Höhle katapultiert, wo wir uns zu einem Haufen zusammendrängten und dann wieder voneinander lösten, als der Lärm und das entsetzliche Geschaukel wundersamerweise abebbten. Sogar die Vibrationen hörten auf.

Mutter hatte nach wie vor Angst. Ich beobachtete, wie sie bei einem metallischen Scheppern in Alarmstellung ging und panisch den Kopf herumwarf, als an der Stelle, wo früher der Vorsprung in die Welt herausgeragt hatte, ein knirschendes Geräusch laut wurde.

Tiefe Furcht überfiel mich, als ich sah, wie Mutter die Lefzen zurückschob. Meine ruhige, sanfte Mutter war jetzt grimmig und wild, ihr Fell war gesträubt, ihr Blick kalt.

Mit einem Rasseln klappte der Vorsprung wieder auf, und erstaunlicherweise stand da ein Mann. Das instinktive Wiedererkennen traf mich wie ein Blitz – es war, als könnte ich seine Hände auf mir fühlen oder mich daran erinnern, wie es sich anfühlte, obwohl ich noch nie zuvor so ein Wesen gesehen hatte. Ich erspähte ein Haarbüschel unter der Nase, einen runden Bauch und Augen, die vor lauter Überraschung aufgerissen waren.

Mutter machte einen Satz nach vorne und fletschte böse die Zähne. Ihr Bellen enthielt eine wütende Warnung.

»Heeey!« Erschrocken wich der Mann zurück, verschwand außer Sicht. Mutter bellte weiter.

Meine Geschwister waren vor Furcht wie gelähmt. Mutter zog sich zurück zu der Stelle, wo wir versammelt waren. Speichelflocken umflogen ihr Maul, ihr Fell war gesträubt, die Ohren zurückgelegt. Sie strahlte die Raserei einer Mutter aus, die ihren Wurf bis aufs Blut verteidigen würde. Das spürte ich, meine Geschwister spürten es, und gemessen an der Reaktion des Mannes spürte er das zweifellos auch.

Und dann knallte so plötzlich, dass wir alle zusammenzuckten, der Vorsprung wieder hoch und blendete das Licht aus. Die einzige Beleuchtung war nun der matte Lichtschein, der durch die Plane an der Decke sickerte.

Die Stille wirkte so laut wie vorher Mutters Bellen und Knurren. In dem dämmrigen Licht sah ich, wie meine Geschwister langsam aus ihrer Starre erwachten und sich hungrig und aufgrund der schlimmen Erlebnisse fast schon verzweifelt auf meine Mutter stürzten. Mutter fügte sich, legte sich seufzend zum Stillen hin.

Was war soeben passiert? Mutter hatte Angst gehabt und diesen Argwohn in etwas Wildes umgewandelt. Der Mann hatte sich ebenfalls erschrocken und dies auch durch einen lauten Aufschrei ausgedrückt. Und ich war seltsam gefasst geblieben, als verstünde ich etwas, das meine Mutter nicht nachvollziehen konnte.

Doch das stimmte nicht. Ich begriff gar nichts.

Nach einer Weile trottete Mutter zu dem hochgeklappten Vorsprung hinüber und schnüffelte am Rand entlang. Sie drückte den Kopf gegen die Plane, hob sie leicht an, und ein Lichtstrahl fiel herein. Mutter gab ein leises Geräusch von sich, ein Stöhnen, das mich erschauern ließ.

Wir hörten wieder die knirschenden Geräusche, die ich mit dem Mann verband, und dann Stimmen.

»Magst du mal sehen?«

»Nein, nicht wenn sie so bösartig ist, wie du sagst. Wie viele Welpen, glaubst du, sind es?«

»Vielleicht sechs? Mir hat gerade erst gedämmert, was ich da sehe, als sie auch schon auf mich losgegangen ist. Ich dachte wirklich, sie würde mir den Arm zerfleischen.«

Ich gelangte zu dem Schluss, dass dies Männer waren, die über irgendetwas sprachen. Ich konnte sie riechen, es waren nicht mehr als zwei.

»Mann, warum lässt du auch die Ladeklappe offen?«

»Weiß nicht.«

»Wir brauchen diesen Pick-up. Du musst die Ausrüstung abholen.«

»Ja, aber was ist mit den Welpen?«

»Die bringst du runter zum Fluss. Hast du eine Knarre?«

»Was? Nein, hab ich nicht, Herrgott noch mal!«

»Ich hab eine Pistole in meinem Truck.«

»Ich will keine Welpen abknallen, Larry.«

»Die Pistole ist für die Mutter. Wenn sie weg ist, wird die Natur sich um die Welpen kümmern.«

»Larry …«

»Wirst du tun, was ich dir sage?«

»Okay, okay.«

»Na, dann mal los.«

2

Binnen weniger Momente schlitterten wir erneut durch die Gegend, waren wieder dem Lärm und den grauenhaften Kräften ausgesetzt, die wir nicht verstanden. Doch inmitten all der Mysterien des Tages wirkte dieses spezielle Ereignis durch seine Wiederholung irgendwie weniger bedrohlich. War der Gedanke denn so abwegig, dass der Lärm bald enden, wir uns beruhigen, der Vorsprung heruntergeklappt, Mutter knurren und bellen, ein Mann schreien und der Vorsprung wieder hochgeklappt werden würde? Aus diesem Grund war ich diesmal mehr an den Gerüchen interessiert, die durch den Spalt zwischen dem flatternden Dach und den Metallwänden der Höhle hereinwaberten: ein Schwall wunderbarer exotischer Düfte, die den Lockruf einer verheißungsvollen Welt mit sich führten.

Als wir zu einem Haufen an die Wand geschleudert wurden und die Vibrationen aufhörten, spannte Mutter sich an, und wir wussten vermutlich alle, dass vor der Höhle ein Mann hin und her ging. Dann passierte eine Weile nichts, außer dass unsere Mutter vor lauter Nervosität hechelnd umherlief. Brummer folgte ihr auf Schritt und Tritt, hatte wie immer nur Milch im Kopf, aber ich wusste, dass Mutter nicht die Absicht hatte, uns jetzt zu säugen.

Plötzlich ertönten Stimmen. Auch das war nichts Neues, also gähnte ich.

»Hm, keinen Schimmer, wie das funktionieren soll.« Diese Stimme hatte ich noch nicht gehört. Ich stellte mir einen anderen Mann vor.

»Vielleicht sollte ich lieber die Plane aufrollen, statt die Ladeklappe zu öffnen?« Diese Stimme gehörte zu dem Mann, der geschrien hatte.

»Ich schätze mal, wir haben für die Mutter nur einen Schuss. Sobald sie merkt, was wir vorhaben, wird sie über den Seitenrand springen und abhauen.«

»Okay.«

»Ich hab ganz vergessen zu fragen. Du hast die Knarre doch dabei, oder?«, fragte die neue Stimme.

»Ja«, antwortete die bekannte Stimme.

»Würde es dir was ausmachen, wenn ich …?«

»Herrgott, nein, da nimm! Ich hab mein Lebtag noch nie mit einer Pistole geschossen.«

Ich blickte zu Mutter hinüber. Sie wirkte etwas weniger angespannt. Vermutlich beruhigen sich Hunde einfach, wenn etwas immer und immer wieder passiert.

Draußen war ein undefinierbares Klicken zu hören. »Und, bist du bereit?«

»Ja.«

Begleitet von einem lauten Knattern, tauchten Hände an beiden Seiten unserer Höhle auf, und dann begann Tageslicht in unsere Behausung zu strömen. Das Dach wurde von den Männern, die zu uns hinunterspähten, nach hinten gerollt. Mutter knurrte unheilvoll. Es waren zwei Menschen da – der Mann von vorhin mit dem Haarbüschel unter der Nase und ein größerer Mann mit einem glatten Gesicht und mehr Haaren auf dem Kopf.

Der glattgesichtige Mann lächelte, seine Zähne leuchteten weiß. »Okay, Mädchen, ganz ruhig. Es ist für uns alle leichter, wenn du stillhältst.«

»Sie hat mir vorhin beinahe den Arm aus der Schulter gerissen«, sagte der behaarte Mann.

Glattgesicht blickte alarmiert auf. »Sie hat dich gebissen?«

»Ähm, nein.«

»Gut zu wissen.«

»Aber freundlich ist sie auch nicht.«

»Sie hat Junge. Die will sie beschützen.«

Mutter knurrte lauter. Sie fletschte die Zähne.

»Hey, alles gut. Halt einfach still«, sagte Glattgesicht beruhigend.

»Pass auf!«

Mutter drehte sich auf klickenden Krallen zur offenen Seite der Höhle um, sprang mit einem Satz über den Rand und verschwand. Meine Geschwister reagierten sofort und schwärmten in dieselbe Richtung aus.

»Tja, das hätte ich eigentlich vorhersagen können«, bemerkte Glattgesicht glucksend. »Hast du gesehen, wie dürr sie ist? Bestimmt hat sie schon seit längerer Zeit kein Zuhause mehr und traut den Menschen nicht, egal wie freundlich man mit ihr spricht.«

»Aber sie ist ziemlich groß.«

»Eine Schlittenhund-Mischung, soweit ich das beurteilen kann. Die Welpen haben allerdings noch was anderes mit drin. Vielleicht eine Dogge?«

»Hey, danke, dass du die Kugel aus der Knarre rausgenommen hast. Ich hatte echt Bammel davor, den Hund zu erschießen«, sagte Haargesicht.

»Das Magazin habe ich auch entfernt. Ich fass es nicht, dass er dir die Waffe vollgeladen gegeben hat. Das ist gefährlich.«

»Ja, okay, er ist mein Boss, also werde ich mich besser nicht beschweren. Du, ähm, du erzählst doch niemandem, dass ich seinen Anweisungen nicht gefolgt bin, oder? Wäre blöd, wenn er das irgendwie erfährt.«

»Sag ihm, dass du alles so gemacht hast, wie er es wollte. Das erklärt, warum keine Kugel mehr übrig ist.«

Meine Geschwister reagierten unterschiedlich, als die Männer mit jeweils beiden Händen in die Höhle griffen. Manche duckten sich, andere wiederum, wie Brummer, wedelten mit den Schwänzen und nahmen eine unterwürfige Haltung ein.

»Kann ich die Welpen mal sehen?« Ich merkte auf; eine dritte Stimme war hinzugekommen, eine sehr hohe Stimme.

»Klar, Ava, komm her.« Glattgesicht hob einen kleinen Menschen hoch. Es war, wie ich erkannte, ein Mädchen. Sie klatschte in die Hände. »Oh, Hundebabys!«, quietschte sie mit hoher, freudiger Stimme.

Glattgesicht setzte das Mädchen wieder ab. »So, jetzt kommen sie in die Kiste.«

Geschickt packte er mich. Ich wurde mit meinen Geschwistern in einem Korb verstaut. Wir stemmten uns mit den Vorderpfoten an die Korbwände, reckten die Schnauzen nach oben und versuchten, irgendetwas zu sehen.

Das lächelnde Gesicht des Mädchens tauchte über dem Rand des Korbes auf. Ich starrte zu ihr empor und schnupperte interessiert die verschiedenen Gerüche, die sie verströmte – süß und blumig, aber auch würzig.

»Gut, Ava, dann bringen wir die kleinen Kerle mal nach drinnen, wo es warm ist.«

Der Korb bewegte sich, und die Welt geriet wieder ins Wanken, was diesmal wegen der Abwesenheit unserer Mutter noch schlimmer war. Etliche meiner Geschwister quiekten panisch, während ich mich darauf konzentrierte, dem kreuz und quer herumpurzelnden Brummer auszuweichen.

Plötzlich wurde die Luft wärmer. Die neue Höhle hörte auf, sich zu bewegen. Das Mädchen griff herein und hob mich zu ihrem Gesicht hoch. Ich fand ihre Berührung sehr angenehm. Ihre hellen Augen starrten mich aus nächster Nähe an, und ich verspürte plötzlich den Drang, ihr das Gesicht abzuschlecken, obwohl ich nicht wusste, warum.

»Wir haben ein Problem, Ava«, sagte Glattgesicht. »Klar, wir können sie mit der Flasche füttern, ich weiß allerdings nicht, ob sie ohne Mutter überleben werden.«

»Ich kann sie füttern!«, piepste das Mädchen sofort.

»Sicher, das weiß ich. Aber wir werden heute Abend spät nach Hause kommen, und deine Mutter wird sicher nicht begeistert von dieser Idee sein.«

Das Mädchen starrte mich immer noch an, und ich starrte hingerissen zurück. »Den hier will ich behalten.«

Der Mann lachte. »Das wird wahrscheinlich nicht möglich sein, Ava. Komm, fangen wir mit den Fläschchen an.«

Nun machte ich wieder eine neue Erfahrung. Als das Mädchen mich rücklings zwischen ihre Beine klemmte, wand ich mich vor Unbehagen, doch dann senkte sie einen kleinen Gegenstand in Richtung meines Mauls, und sobald ich den winzigen Milchtropfen roch, der an der Spitze herausquoll, nahm ich den Gegenstand wie eine Zitze in den Mund, saugte fest daran und wurde mit einer reichhaltigen süßen Mahlzeit belohnt.

In unserer alten Höhle mit Mutter war es abends langsam dunkel geworden, doch an diesem neuen Ort wurde es derart abrupt stockdunkel, dass einige meiner Geschwister voller Furcht zu zittern begannen. Ohne unsere Mutter waren wir verängstigt und unruhig, und es dauerte lange, bis wir einschliefen. Ich lag auf Brummer, was sehr viel besser war als umgekehrt.

Am nächsten Morgen kamen das Mädchen und der Mann zurück, und erneut wurden wir auf den Rücken gelegt und mit Nahrung versorgt. Ich wusste, dass meine Geschwister wie ich gefüttert worden waren, weil sie alle den Geruch der dicken Milch auf den Lippen hatten.

»Am besten wäre es, wenn die Mutter zurückkommt, Ava«, sagte Glattgesicht. »Wir schaffen es nicht, den kleinen Kerlen mit der Flasche so viel Nahrung zu geben, wie sie benötigen.«

»Ich werde am Montag die Schule schwänzen«, erwi­derte das Mädchen.

»Das geht nicht.«

»Daddy …«

»Ava, weißt du noch, wie ich dir mal erklärt habe, dass wir manchmal Tiere, die wir finden, nicht retten können, weil sie krank oder sehr schlecht behandelt worden sind? Bei den Welpen ist es jetzt so, als wären sie krank. Ich habe noch andere Tiere, um die ich mich kümmern muss, im Moment allerdings niemanden, der mir hilft.«

»Bitte.«

»Vielleicht kommt die Mutter ja zurück. Okay, Ava? Hoffentlich vermisst sie ihre Babys.«

Ich gelangte zu dem Schluss, dass das Mädchen Ava hieß. Als sie mich kurz darauf hochhob, fühlte ich mich in ihren Händen sicher und geborgen. Sie trug mich nach draußen in die kühle Luft, drückte mich fest an ihre Brust.

Ich roch Mutter, bevor ich sie sah. Ava zog scharf die Luft ein.

»Bist du die Mommy?«, fragte sie leise.

Mutter war zwischen dicken Baumstämmen hervorgekommen und schlich jetzt zögernd über die Wiese auf uns zu. Sie senkte den Kopf, als das Mädchen sprach; ihr Misstrauen drückte sich in jedem einzelnen unsicheren Schritt aus.

Ava setzte mich auf der Wiese ab und überließ mich mir selbst. Mutter beobachtete wachsam, wie das Mädchen sich langsam zurückzog, bis sie in der Tür des Gebäudes stand.

»Daddy! Die Mutter ist gekommen!«, rief Ava schrill. »Alles gut, mein Mädchen«, sagte sie in sanfterem Ton zu Mutter. »Komm, kümmere dich um deine Babys.«

Ich fragte mich, was nun passieren würde.

3

Ava klopfte mit den flachen Händen auf ihre Oberschenkel.

»Bitte, komm, Mommy-Hund! Bitte! Wenn du deine Babys nicht rettest, werden sie sterben.«

Obwohl ich ihre Worte nicht verstand, nahm ich die Angst in ihrer Stimme wahr. Diese angespannte Situation verlangte nach dem beherzten Einsatz eines Welpen. Ich drehte Mutter den Rücken zu und traf damit eine bewusste Entscheidung. Ich liebte meine Mutter, fühlte jedoch tief in meinem Herzen, dass ich zu den Menschen gehörte.

»Mommy-Hund, komm, hol deinen kleinen Jungen!«, rief Ava. Sie hob mich auf, huschte durch die Tür des Gebäudes und bewegte sich rückwärts durch die Diele. Mutter kroch zur Türschwelle, hielt dann allerdings misstrauisch inne und rührte sich nicht vom Fleck.

Ava setzte mich auf dem Boden ab. »Willst du dein Baby zurück?«, fragte sie.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Sowohl Mutter als auch Ava bebten vor Anspannung. Ich roch ihre Angst, sie lag in dem sauren Atem meiner Mutter und in der Ausdünstung der Haut des Mädchens. Ich winselte, wedelte verwirrt mit dem Schwanz. Dann bewegte ich mich ganz langsam auf Mutter zu, und das schien die Sache zu entscheiden. Den Blick starr auf mich geheftet, kam Mutter ein paar Schritte herein. Blitzartig stieg das Bild vor mir auf, wie sie in die Höhle gesprungen war, Brummers Nacken zwischen den Zähnen, und da wusste ich, was gleich passieren würde. Mutter würde sich auf mich stürzen und wegbringen.

Plötzlich fiel hinter ihr die Tür zu. Das Geräusch schien Mutter zu erschrecken. Mit angelegten Ohren flitzte sie panisch in der engen Diele hin und her und rannte dann durch eine Tür an der Seite. Ich sah Glattgesicht, der durch das Fenster hereinblickte, und wedelte ihm aus ­irgendeinem Grund mit dem Schwanz zu.

Als er vom Fenster verschwand, folgte ich Mutters Geruch in ein kleines Zimmer. Sie kauerte unter einer Bank an der Hinterwand, hechelnd und das Gesicht verzerrt vor Angst.

Hinter mir nahm ich den Mann und das Mädchen wahr.

»Geh nicht näher, Ava«, sagte der Mann. »Ich bin gleich wieder da.«

Ich wollte gerade zu Mutter rennen, aber das Mädchen hob mich vom Boden auf. Sie knuddelte mich, und ich strampelte vor Vergnügen.

Mutter bewegte sich nicht, versteckte sich zusammengekauert unter der Bank. Dann kam der Mann zurück, begleitet von einem starken Geruch nach meinen Geschwistern. Er stellte unseren neuen Käfig auf den Boden und öffnete die Tür. Sogleich kamen Brummer und meine restlichen Geschwister herausgewackelt und trampelten übereinander. Sobald sie Mutter erspähten, stürmten sie tollpatschig und ungelenk auf sie zu. Sie kam unter ihrer Bank hervor, die Ohren aufgestellt, und sah Ava an. Gleich darauf wurde sie von einer fiependen, winselnden Welpenschar belagert und ließ sich ergeben neben der Bank zur Seite fallen, um ihre hungrigen Welpen zu säugen.

Das Mädchen ließ mich auf den Boden hinunter, und ich rannte sofort zu meiner Familie hinüber.

»Das war sehr klug, Ava! Du hast genau das Richtige getan«, lobte der Mann das Mädchen.

Mit der Zeit lernte ich, dass der Mann von Ava Dad, von allen anderen Menschen im Haus jedoch Sam genannt wurde. Das kapierte ich überhaupt nicht, und so bezeichnete ich ihn für mich einfach als Sam Dad.

Ava war nicht die ganze Zeit im Haus und auch nicht jeden Tag. Trotzdem betrachtete ich sie als mein Mädchen, das zu mir gehörte und zu niemandem sonst. Es gab noch andere Hunde, die unseren großen Raum mit uns teilten, Hunde, die man in ihren Nachbarkäfigen sehen, riechen und hören konnte. Einer von ihnen war ein Mutter-Hund wie unsere Mutter; der Duft nach ihrer Milch schwebte durch die Luft, und ich hörte das Fiepen und Winseln anderer Welpen, die außerhalb unserer Sichtweite in einem Käfig am anderen Ende des großen Raumes lebten. Außerdem witterte ich noch eine gänzlich andere Art von Tieren, deren starker und fremdartiger Geruch aus einem anderen Teil des Gebäudes kam, und ich fragte mich, was das für Tiere sein könnten.

Das Leben in der Metallhöhle mit dem knatternden Dach schien sehr lange her und ganz weit weg zu sein. Mutters Milch war nun voller und reichhaltiger geworden, und ihr Atem roch nicht mehr faulig.

»Sie nimmt zu, obwohl sie säugt. Das ist gut«, sagte Sam Dad zu Ava. »Sobald ihre Milch versiegt ist, lassen wir sie sterilisieren und suchen ein schönes neues Zuhause für sie.« Mutter wich vor Sam Dad immer zurück, ließ sich aber nach einiger Zeit bereitwillig von Ava streicheln, die Mutter »Kiki« nannte.

Ava sprach mich mit Bailey an, und irgendwann verstand ich, dass ich das war. Ich war Bailey. Brummer war Buddha. Alle meine Geschwister hatten Namen, und tagaus, tagein spielte ich mit ihnen in unserem Käfig oder draußen in einem mit Gras bewachsenen Hof mit hohen Holzwänden.

Meine Geschwister wussten nicht, dass Ava und ich eine besondere Beziehung hatten, und bedrängten sie jedes Mal, wenn sie unsere Käfigtür öffnete. Also beschloss ich, sofort zum Ausgang zu rennen, sobald das Mädchen den großen Raum betrat, um bereit zu sein, wenn sie zu uns kam, um uns herauszulassen.

Es funktionierte! Sie hob mich hoch, während die anderen Welpen zwischen ihren Beinen herumwuselten und vermutlich eifersüchtig waren. »Na, Bailey, du bist ja so eifrig. Weißt du, was jetzt passiert?«

Sie hielt mich im Arm, weil ich ihr Liebling war, und ging mit mir durch die Diele. Quiekend trappelten meine Geschwister uns hinterher. Ava stieß eine Tür auf, setzte mich ab, und ich sprang sofort auf Brummer Buddha. »Bin gleich wieder da!«, trällerte Ava.

Wir waren inzwischen alt genug, um beim Rennen nicht mehr über unsere eigenen Pfoten zu stolpern. Brummer Buddha hüpfte auf einen harten Gummiball, also stürzten wir uns alle auf ihn. Es war eine befriedigende Erkenntnis, dass ich nicht der einzige Welpe war, der es hasste, von unserem Bruder zerquetscht zu werden.

Die Tür öffnete sich wieder, und zu meiner großen Überraschung brachte Ava drei neue Welpen mit! Sofort rannten wir alle aufeinander zu, beschnüffelten uns ausgiebig, wedelten mit den Schwänzen und kletterten aufeinander, um uns an den Ohren zu kauen.

Ein Welpenmädchen hatte eine nach innen gequetschte schwarze Schnauze und ein braunes Fell mit einem weißen Tupfer auf der Brust; ihre beiden Brüder hatten weiße Flecken im Gesicht. Ihr Fell war kurz, und als wir uns Schnauze an Schnauze beschnüffelten, war es, als wären alle anderen Welpen im Innenhof verschwunden, selbst dann noch, wenn einer von ihnen in uns hineinrannte. Und als das schwarzgesichtige Hundemädchen an den Wänden des Innenhofs entlangrannte, rannte ich neben ihm her.

Das Mischen der zwei Welpenfamilien wurde zur Tagesordnung. Ava nannte das Hundemädchen Lacey. Lacey war ungefähr in meinem Alter, hatte eine muskulöse, kompakte Figur und leuchtend schwarze Augen. Wir suchten die Gesellschaft des anderen, spielten hingebungsvoll zusammen im Innenhof. Ich verstand nicht, warum, aber ich hatte das Gefühl, ich würde eher zu Lacey gehören als zu Ava. Wenn ich schlief, rangelte ich mit Lacey in meinen Träumen; wenn ich wach war, schnüffelte ich fieberhaft, um ihren Geruch aus dem der anderen Tiere herauszufiltern. Die große Enttäuschung in meinem sonst so herrlichen Leben war, dass niemand auf die Idee kam, Lacey und mich im selben Käfig unterzubringen.

Als Mutter damit begann, unsere flehenden Annäherungsversuche an ihre Zitzen abzuwehren, stellte Sam Dad kleine Schüsseln mit breiigem Futter für uns auf. Brummer Buddha schien zu glauben, er könne nur aus einer Schüssel essen, wenn er mitten darin stand. Diese neue Mahlzeit war eine so wundervolle Errungenschaft, dass ich davon genauso oft träumte wie von Lacey.

Ich war überglücklich, als Lacey und ich endlich zusammen in einen Käfig gesteckt wurden, der sich im Inneren eines Gegenstands befand, das Sam Dad als »Van« bezeichnete. Es war ein hoher Metallraum, in dem Hundekäfige übereinandergestapelt waren, obwohl das Innere des Vans schwach nach irgendeinem mysteriösen, nicht vorhandenen Tier roch. Das war mir egal. Ava hatte gemerkt, wie sehr Lacey und ich einander liebten, und zu Recht daraus den Schluss gezogen, dass wir für immer zusammen sein mussten. Lacey rollte sich auf den Rücken, und ich biss sie zart in die Kehle und in die Schnauze. Laceys Bauch war hauptsächlich weiß, und das Fell dort war so fest und kurz wie auf ihrem Rücken, ganz anders als bei meinen Geschwistern, die buschiges graues Fell hatten und weiße Gesichter mit grauen Schattierungen zwischen den Augen und um die Schnauze. Ich nahm an, dass ich wahrscheinlich genauso aussah. Laceys Ohren waren so weich und warm. Ich liebte es, zart an ihnen zu knabbern, und mein Kiefer zitterte dann jedes Mal vor Zuneigung.

»Werden auch Katzen bei der Adoptionsveranstaltung dabei sein, Dad?«, fragte Ava.

»Nein, nur Hunde. Katzen sind in zwei Monaten dran. Im Mai beginnt die Zeit, die wir als Katzenbaby-Saison bezeichnen.«

Eines Tages wurden wir im Van demselben Geruckel und Geschaukel ausgesetzt wie damals, als meine Geschwister und ich Sam Dad und Ava kennenlernten. Es ging so lange, dass Lacey und ich einschliefen, meine Pfote zwischen ihre Zähne gebettet.

Wir wurden wach, als ein Ruck durch den Van ging und das Geschaukel schlagartig aufhörte. Die Seite des Vans wurde geöffnet, und eine Flut von Hundegerüchen wehte herein.

Lacey, ich und die anderen Welpen in den Käfigen winselten, denn wir wollten endlich frei herumlaufen und alles beschnüffeln, was dieser neue Ort zu bieten hatte, doch das sollte nicht geschehen. Stattdessen trug Sam Dad jeden Käfig einzeln aus dem Van heraus. Als unser Käfig dran kam, legten Lacey und ich uns flach auf den Boden, weil uns ganz schwindlig wurde von dem Gebaumel. Wir wurden auf einem sandigen Boden abgestellt, mussten jedoch im Käfig bleiben. Uns gegenüber entdeckte ich Brummer Buddha sowie zwei meiner Brüder und alle anderen Hunde aus dem Van. Unsere Käfige waren in einem Kreis aufgestellt worden. Die Hundegerüche waren jetzt noch stärker und durchdringender. Lacey und ich reckten schnuppernd die Nasen, dann kletterte sie auf mich drauf, was in einer längeren Rauferei mündete. Ich war mir bewusst, dass junge und alte Menschen um die Käfige herumspazierten, aber Lacey nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag.

Plötzlich schüttelte Lacey mich ab, und ich sah, was ihr Interesse erregt hatte: ein Mädchen, nicht viel älter als Ava, das jedoch völlig anders aussah. Ava hatte helle Augen, blondes Haar und eine blasse Haut, dieses Mädchen hingegen dunkle Augen, schwarzes Haar und eine dunklere Hautfarbe. Sie roch jedoch ganz ähnlich wie Ava – süß und fruchtig.

»Oh, bist du ein hübsches Baby! Du bist ­wunderschön«, flüsterte die Kleine. Ich spürte die Liebe, die sie ausstrahlte, als sie ihre Finger durch das Drahtgitter schob und Lacey sie ableckte. Sofort bewegte ich mich zu den Fingern hin, um mir meinen Teil an Liebesbekundungen abzu­holen, doch das Mädchen hatte nur Augen für Lacey.

Sam Dad kauerte sich neben sie. »Das ist Lacey. Sie ist unübersehbar ein Boxer-Mischling.«

»Die will ich haben«, verkündete das neue Mädchen.

»Hol am besten deine Eltern her. Ich werde Lacey dann herauslassen, damit du mit ihr spielen kannst«, bot Sam Dad ihr an. Die Kleine hüpfte davon, und Lacey und ich sahen uns verwundert an.

Kurz darauf näherte sich ein Mann in ungefähr demselben Alter wie Sam Dad, gefolgt von einem Jungen, der älter und größer als Ava war. Freudig wedelte ich mit dem Schwanz, weil ich noch nie einen Jungen gesehen hatte: Es war wie die männliche Version eines Mädchens.

»Stammen die beiden aus demselben Wurf? Das Weibchen sieht kleiner aus«, bemerkte der neue Mann. Der Junge hielt sich, die Hände in den Hosentaschen, im Hintergrund. Ich hatte noch nie jemanden getroffen, der nicht mit Welpen spielen wollte.

»Nein, der Vater des Rüden war bestimmt ein großer Hund, vielleicht eine Dänische Dogge. Der Welpe ist ungefähr zehn Wochen alt und bereits jetzt ganz schön groß«, sagte Sam Dad. »Die Mutter ist ein Schlittenhund-Mischling. Das Hundemädchen stammt aus einem anderen Wurf. Sie ist ein Boxermischling. Ihr Name ist Lacey.«

»Wir brauchen einen großen Hund.«

»Na ja, wenn Sie mit ›groß‹ einen hochgewachsenen Hund wie den Irischen Wolfshund meinen, ist ein Schlittenhund-Dogge-Mischling genau das Richtige. Und kräftig ist er auch. Schauen Sie sich nur die Pfoten an«, sagte Sam Dad lachend.

»Ihre Tierrettungsorganisation befindet sich in Grand Rapids? Nicht gerade der nächste Weg.«

»Ja, wir sind mit einigen unserer größeren Hunde gekommen. Hier oben mögen die Leute große Hunde, in der Stadt mögen sie eher die kleinen. Wenn ich zurückfahre, werde ich das Rettungsfahrzeug mit Chihuahuas, Yorkshire Terriern und anderen kleinen Rassen aus den Tierheimen der Gegend bestücken.«

Ich legte mich auf den Rücken, damit Lacey sich auf meinen Hals stürzen konnte. Eine ältere Frau gesellte sich zu dem neuen Mann hinzu und blickte lächelnd in den Käfig, doch ich war zu beschäftigt, Lacey zum Raufen zu animieren, dass ich ihr keine große Beachtung schenkte.

»Wie gesagt«, fuhr der neue Mann fort, »wir sind an einem größeren Hund interessiert. Er soll für meinen Sohn Burke sein. Burke kam mit einem Wirbelsäulenschaden zur Welt. Die Ärzte wollen mit der Operation warten, bis er älter ist, also muss er bis dahin im Rollstuhl sitzen. Wir brauchen einen Hund, der ihm hilft, der seinen Rollstuhl zieht, solche Sachen.«

»Oh.« Sam Dad schüttelte den Kopf. »Es gibt Organisationen, die Assistenzhunde trainieren. Das ist harte Arbeit. Sie sollten sich besser an eine dieser Stellen wenden.«

»Mein Sohn ist der Meinung, diese trainierten Hunde sollten nur an Leute vergeben werden, bei denen keine Hoffnung besteht, dass sie jemals wieder gehen können. Er weigert sich, so einen Hund für sich zu beanspruchen.« Der neue Mann zuckte die Achseln. »Burke kann ziemlich stur sein.«

Der Junge mit den Händen in den Hosentaschen schnaubte verächtlich und verdrehte die Augen.

»Das reicht, Grant«, sagte der neue Mann. Der Junge kickte die Stiefelspitze in die Erde.

»Vielleicht will Ihr Sohn den Rüden ja mal kennenlernen. Sein Name ist Bailey.«

Der neue Mann, die ältere Frau und der Junge fuhren zusammen. Lacey und ich spürten den jähen Stimmungswandel und fragten uns beklommen, was da vor sich ging.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte Sam Dad.

»Nein, nein. Es ist bloß so, dass meine Familie mit Hunden namens Bailey eine eigene Geschichte hat«, erklärte der neue Mann. »Ähm, würde es Ihnen was ausmachen, wenn wir ihn umbenennen?«

»Wenn er Ihr Hund ist, können Sie ihn nennen, wie Sie wollen. Sollte nicht auch Ihr anderer Sohn mit entscheiden? Burke?«

Einen Moment lang sagte niemand etwas. Die ältere Frau strich dem neuen Mann leicht über die Schulter und sagte: »Er hat … Also, er hat gerade Probleme damit, dass Leute ihn im Rollstuhl sehen. Normalerweise hat ihm das nie etwas ausgemacht, aber momentan ist es schwierig mit ihm. Er wird im Juni dreizehn.«

»Aha, er wird also ein Teenager«, bemerkte Sam Dad trocken. »Von dieser Spezies habe ich gehört. Zum Glück bin ich noch ein paar Jahre verschont, bis mir das auch blüht – Ava ist erst zehn.«

»Ich denke, ich kann die Entscheidung allein treffen«, verkündete der neue Mann. »Sie verlangen sicher eine Gebühr.«

»Ja, und außerdem gibt es viel Papierkram zu erledigen«, erwiderte Sam Dad heiter.

Das Dreiergrüppchen ging ein paar Schritte weiter und redete miteinander. Plötzlich kam das Mädchen mit den dunklen Haaren wieder angerannt, gefolgt von zwei Menschen.

»Das ist sie, Daddy!«, rief sie. Sie kniete sich hin, öffnete den Käfig und zog Lacey heraus. Als ich Lacey hinterherrennen wollte, schlug mir die Kleine die Käfigtür vor der Nase zu.

Besorgt beobachtete ich, wie das Mädchen sich umdrehte und wegging. Wohin brachte sie Lacey?