Cover

Buch

Der Widerstand hat sich neu formiert, der Kampf gegen die Erste Ordnung ist noch nicht vorbei. Doch gerade als sich der Funke der Rebellion wieder entzündet hat, hallt eine erschreckende Botschaft durch die Galaxis: Imperator Palpatine lebt!

Kylo Ren, der neue Anführer der Ersten Ordnung, zieht eine Schneise der Zerstörung durchs All. Er ist fest entschlossen, alles und jeden zu bekämpfen, der ihm die Herrschaft über die Galaxis streitig machen will. Und auch Rey, Finn, Poe und die Rebellen setzen alles daran, die Wahrheit aufzudecken.

Autorin

Die New-York-Times-Bestsellerautorin Rae Carson wurde bereits mehrfach ausgezeichnet und war unter anderem Finalistin des Andre Norton Award. Seit 2017 begeistert sie die Fans mit ihren packenden Star-Wars-Romanen. Sie lebt mit ihrem Mann in Arizona, USA.

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Rae Carson

Der Aufstieg
Skywalkers

Der Roman zum Film

Basierend auf Charakteren von George Lucas
und dem Drehbuch von Chris Terrio & J. J. Abrams
(Story: Derek Connolly, Colin Trevorrow,
Chris Terrio & J. J. Abrams)

Deutsch von Andreas Kasprzak

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Star Wars™ – The Rise of Skywalker« bei DelRey, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC, New York.


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Copyright der Originalausgabe © 2020 by Lucasfilm Ltd. & ®
or where indicated. All rights reserved.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020
by Penhaligon in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Rainer Michael Rahn

Umschlaggestaltung: Isabelle Hirtz, Inkcraft,
nach einer Originalvorlage

Cover Art Copyright: © 2020 Lucasfilm Ltd. & ®
or where indicated. All rights reserved

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26166-5
V001

www.penhaligon.de

Es war einmal vor langer Zeit
in einer weit, weit entfernten Galaxis …

Die Toten sprechen! In der Galaxis war eine mysteriöse Übertragung zu vernehmen – die Androhung von RACHE in der unheilvollen Stimme des verstorbenen IMPERATORS PALPATINE.

GENERAL LEIA ORGANA hat Geheimagenten entsandt, um Informationen zu sammeln, während REY, die letzte Hoffnung der Jedi, für den Kampf gegen die diabolische ERSTE ORDNUNG trainiert.

Währenddessen wütet der Oberste Anführer KYLO REN auf der Suche nach dem Phantom des Imperators, entschlossen, jede Bedrohung für seine Macht zu vernichten …

1. Kapitel

Rey saß im Schneidersitz da und hielt die Augen geschlossen. Sie konnte sich nicht erinnern, vom Boden abgehoben zu haben, registrierte jedoch vage, dass sie schwebte – genau wie die Kiesel und die kleinen Felsbrocken um sie herum, die sie umkreisten wie ein Asteroidenfeld eine Sonne. Die Macht durchströmte sie, gab ihr Auftrieb und verband sie mit allem. Auf dem üppig wuchernden Dschungelplaneten Ajan Kloss wimmelte es nur so von Leben. Sie konnte jeden Baum und jeden Farn spüren, jedes Reptil und jedes Insekt. Einige Schritte entfernt putzte eine kleine, pelzige Kreatur in ihrem gut verborgenen Bau die vier Jungen ihres jüngsten Wurfs.

»So ist es gut, Rey«, vernahm sie Leias Stimme, so tief und beruhigend wie immer. »Sehr gut. Deine Verbindung zur Macht wird mit jedem Tag stärker. Kannst du es fühlen?«

»Ja.«

»Jetzt strecke deine Machtsinne aus. Wenn dein Geist dazu bereit ist, wirst du imstande sein, jene zu hören, die vor uns da waren.«

Rey atmete durch die Nase ein und drang mit ihrem Bewusstsein in die Leere vor, wobei Ruhe und Gelassenheit unerlässlich waren, wie Leia stets betonte. Rey ließ ihre Sinne schweifen, sie suchte, sie fühlte die Brise auf ihren Wangen, sie roch lehmige Erde, noch klamm vom letzten Regenschauer.

»Seid mit mir, seid mit mir, seid mit mir«, murmelte sie. Doch sie hörte … nichts außer dem Wind in den Bäumen und dem Zirpen der Insekten.

»Rey?«

Sie wollte nicht eingestehen, dass es ihr trotz aller Bemühungen nicht gelang zu tun, was Leia von ihr forderte, deshalb sagte sie stattdessen: »Warum habt Ihr aufgehört, mit Luke zu trainieren?« Ihre Worte kamen so schroff über ihre Lippen, dass sie fast wie eine Herausforderung klangen.

Doch Leia ließ sich davon nicht aus der Fassung bringen. »Weil ein anderes Leben nach mir rief.«

Ohne die Augen zu öffnen, fragte Rey: »Woher wusstet Ihr das?«

»Durch ein Gefühl. Durch Visionen. Ich wollte der Galaxis auf andere Weise dienen.«

»Aber woher wusstet Ihr, dass diese Visionen real sind?«, drängte Rey.

»Ich wusste es einfach.« Sie hörte das Lächeln in Leias Stimme.

Rey war außerstande zu begreifen, wie Leia sich dessen so sicher sein konnte. Und auch in allen anderen Dingen.

»Jeder Augenblick, den ich mit meinem Bruder verbracht habe, ist mir lieb und teuer«, erklärte Leia. »Das, was er mich gelehrt hat … Darauf greife ich jeden Tag zurück. Sobald du die Macht einmal berührt hast, ist sie ein Teil von dir – immer. Im Laufe der Jahre habe ich weitergelernt. Ich habe mich weiterentwickelt. Es gab Zeiten im Senat, da waren die Meditationsmethoden, die ich mit Luke trainiert hatte, das Einzige, was mich davon abhielt, einen galaktischen Zwischenfall herbeizuführen.«

Rey runzelte die Stirn. Leia brauchte keine Geduld. Mit der Macht hätte sie jeden dazu bringen können, das zu tun, was immer sie wollte. Hatte dieser Gedanke sie denn nie in Versuchung geführt?

»War Luke wütend? Als Ihr alles hingeworfen habt?« Sie hoffte, Leia würde bemerken, dass sie inzwischen gleichzeitig reden und schweben konnte. Das war immerhin schon ein Fortschritt, richtig?

Leia schwieg einen Moment, um darüber nachzudenken. »Er war enttäuscht. Aber er hatte Verständnis für mich. Ich glaube, er hat gehofft, dass ich eines Tages zurückkommen würde.«

Fast hätte Rey gelacht. »Das hätte er eigentlich besser wissen müssen.« Sobald Leia einmal eine Entscheidung getroffen hatte, war sie nicht mehr davon abzubringen.

»Ich gab ihm mein Lichtschwert, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Ich sagte ihm, er solle es eines Tages an einen vielversprechenden Schüler weitergeben – oder an eine Schülerin.« Doch Leias Stimme klang jetzt schroff und knapp. Rey spürte, dass sie mit etwas hinter dem Berg hielt.

»Wo ist Euer Lichtschwert jetzt?«

»Ich habe keine Ahnung. Jetzt hör auf, mich abzulenken«, sagte Leia. »Übe weiter!«

Rey zwang sich wieder zur Konzentration und leerte ihren Verstand von allen Sorgen, so wie Leia es sie gelehrt hatte. Sie schickte ihr Bewusstsein auf die Reise, öffnete sich allem, was die Macht ihr vielleicht mitteilen wollte. Zögernd rief sie nach ihm: Meister Skywalker?

Nichts, nichts und wieder nichts.

»Ich kann niemanden hören, Meisterin Leia.«

»Lass all deine Gedanken los. Entsage der Furcht. Strecke deine Sinne aus. Lade die Jedi der Vergangenheit ein, zu dir zu kommen … mit dir zu sein.«

»Seid mit mir … Seid mit mir …« Sie wartete eine, vielleicht zwei Sekunden. »Sie sind nicht mit mir.« Rey schnaubte verbittert, ehe sie einen geschmeidigen Salto vollführte, um wieder auf dem Boden zu landen. Rings um sie prasselten Felsbrocken auf die Erde.

»Rey«, sagte Leia. Der General konnte so viel in ein einziges Wort hineinlegen: Strafe, Akzeptanz, Belustigung, Zuneigung. Vielleicht war sie deshalb eine so mächtige Anführerin geworden. »Hab Geduld.«

»Ich glaube langsam, es ist unmöglich«, sagte Rey, während sie mit großen Schritten auf Leia zustapfte. »Die Stimmen der Jedi zu hören, die vor uns hier waren.«

Irgendwie schaffte ihre Meisterin es stets, gepflegt und ordentlich auszusehen, ganz egal, wie dreckig es in ihrem provisorischen Hauptquartier sein mochte. Ihr Haar war zu einem Reif aus Zöpfen geflochten, und sie trug eine Steppweste über einer braunen Uniformjacke. Wie immer baumelte alderaanischer Schmuck an ihren Ohrläppchen, zierte ihre Handgelenke und ihre Finger. Ihre Augen strahlten klar und wissend wie immer, aber Rey war aufgefallen, dass ihre Bewegungen in letzter Zeit ein wenig langsamer geworden waren, so als würden ihr die Knochen wehtun.

Auf Leias Antlitz zeigte sich die Andeutung eines Lächelns. »Nichts ist unmöglich.«

Rey schnappte sich ihren Helm und sprang auf die Füße. »Nichts ist unmöglich …«, wiederholte sie und versuchte daran zu glauben, dass es tatsächlich so war. »Ich gehe jetzt auf den Trainingsparcours. Zumindest das kriege ich hin.« Rey musste jetzt einfach laufen. Entweder das, oder auf irgendetwas einschlagen.

Leia hielt ihr Lukes Lichtschwert hin. Rey nahm es ehrfürchtig entgegen. Dann rannte sie los, hinein in den Dschungel. BB-8 rollte ihr hinterher.

Leia sah zu, wie Rey davonsprintete, und der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen. Das Mädchen zu trainieren erfüllte sie stets mit Stolz, zugleich aber auch mit Zweifel. Rey war eine wundervolle Schülerin, doch gleichzeitig ließ sie Leia fast verzweifeln. Sie war frustriert wegen all dessen, was sie nicht auf Anhieb beherrschte, ohne sich zuzugestehen, dass sie die Dinge in Wahrheit binnen kürzester Zeit lernte.

Doch es stand Leia nicht zu, sie dafür zu verurteilen. Schließlich hatte Leia Luke genauso zur Verzweiflung getrieben. Abgesehen davon hatte das Älterwerden ihre Verbindung zur Macht irgendwie noch stärker werden lassen. Im selben Maße, wie ihr Körper verfiel, ging ihr Verstand auf die Reise, frei von physischen Einschränkungen. Die Wahrheit war: Selbst wenn sie es gewollt hätte, wäre Leia nicht mehr imstande gewesen, durch den Dschungel zu laufen. Sie war innerlich so ruhig und gelassen, weil ihr Leib sich danach sehnte auszuruhen.

Andererseits: Vielleicht war sie ja überhaupt nie wirklich jung gewesen. Immerhin hatte sie in dem Alter, in dem Rey jetzt war, bereits eine Rebellion angeführt.

Rey besaß das Potenzial, eines Tages eine große Anführerin zu sein, und soweit es Leia betraf, würde sie es irgendwann auch sein. Gewiss, dem Mädchen wohnte auch Dunkelheit inne, genau wie Ben. Doch Leia würde den Fehler, den sie bei ihrem Sohn gemacht hatte, nicht wiederholen. Sie würde sich nicht der Angst ergeben – weder der Angst davor, dass die Finsternis in ihrer Schülerin wuchs, noch der vor ihrer eigenen fragwürdigen Qualifikation als Lehrmeisterin. Aber was am wichtigsten war: Sie würde Rey niemals fortschicken.

Leia wandte sich um und machte sich auf den Rückweg zur Basis. Sie streckte eine Hand aus und fuhr mit den Fingern durch die Farne und über die breiten Blätter der Schlingpflanzen, die ihren Weg säumten. Ajan Kloss barg so viele gute Erinnerungen. Vor vielen Jahren hatte sie hier mit Luke trainiert, der den Planeten als »Dagobah in hübsch« bezeichnet hatte. Er meinte, Ajan Kloss sei genauso feucht, warm, grün und voller Leben wie die Welt, auf der er von Yoda ausgebildet worden war – nur mit dem Unterschied, dass es hier nicht so streng roch.

Sie trat auf eine Lichtung. Rechts von ihr streckte sich ein großer Baum mit einem gewaltigen Stamm dem Sonnenlicht entgegen; die Äste überschatteten die freie Fläche und hinderten alles mit Ausnahme von Kriechfarnen und niedrigem, spärlichem Gras am Wachsen. Genau hier hatte Leia damals trainiert, an ebendieser Stelle. Sie streckte die Hand aus und berührte ehrfürchtig den Baumstamm. Rings um eine alte »Wunde« hatte sich ein dicker Wulst gebildet. Das Loch war inzwischen fast vollständig wieder zugewachsen.

Es war Leia gewesen, die den Baum verletzt hatte. Sie hatte mit ihrem Lichtschwert nach Luke geschlagen und ihn verfehlt, sodass sich die Energieklinge stattdessen in den Stamm gegraben hatte. Dieser Baum war seit über zwei Jahrzehnten dabei, sich selbst zu heilen.

Oh, Luke, ich hoffe, ich mache alles richtig, dachte sie. Leia war vielleicht keine Jedi-Meisterin, aber sie hatte von den Besten gelernt. Nicht bloß von Luke; im Laufe der Jahre hatte sie durch die Macht gelegentlich die Stimme von Obi-Wan Kenobi gehört, und bei noch selteneren Gelegenheiten die von Yoda. An manchen Tagen hatte es sich angefühlt, als hätte sie von der Macht selbst gelernt. Sie war vielleicht zuerst und vor allem Politikerin und General, doch sie hatte ihr Jedi-Vermächtnis akzeptiert und so gut wie möglich angenommen.

Und womöglich war das ja genau das, was Rey brauchte: nicht von einem richtigen Meister in der Macht unterwiesen zu werden, sondern vielmehr von jemandem, der mit den eher alltäglichen Elementen von Leben und Überleben vertraut war. Obi-Wan war es nicht gelungen, Vader von der Dunklen Seite fernzuhalten. Luke hatte bei Ben auf dieselbe Weise versagt. Doch sie, Leia, würde Rey nicht enttäuschen.

Insektengesang begleitete ihren Weg. Über ihr zwitscherten Vögel, und winzige Amphibien stießen ihre trillernden Paarungsrufe aus. Schon merkwürdig, wie solch ein rauer Ort so friedvoll sein konnte. Die Geräusche waren so laut, so allgegenwärtig und so beruhigend, dass sie fast so willkommen wirkten wie Stille.

Vor vielen Jahren, nicht lange nach der Schlacht von Endor, hatte sie die meditative Wirkung von Geräuschen entdeckt. Sie und Luke hatten sich vom Training fortgeschlichen, und irgendwie war sie dann später im Handstand gelandet, während Luke sie fröhlich verspottete. Selbst mithilfe der Macht dauerte es nicht lange, bis ihre Schultern brannten und ihre Arme zittrig wurden. Sie hatten die letzte Stunde über mit ihren Lichtschwertern geübt, und ihr Körper war erschöpft.

»Weißt du«, hatte Luke in selbstgefälligem Ton gesagt, »als ich das hier auf Dagobah gemacht habe, hockte Yoda auf meinen Füßen.«

So etwas sagte er damals ständig. Als ich das auf Dagobah gemacht habe … Das war nervtötend und so gar nicht hilfreich. Dementsprechend meinte Leia zu ihrem Bruder: »Du nervst und bist absolut nicht hilfreich.«

»Außerdem hab ich’s einhändig gemacht«, fügte er hinzu.

Natürlich versuchte er bloß, sie zu provozieren, ihr eine Lektion über Zorn und Ungeduld und all diesen Unfug zu erteilen. Luke hatte ganz vergessen, dass seine Schülerin eine geniale Strategin war, die noch dazu eine königliche Ausbildung und Erziehung genossen hatte. Leia ließ sich nicht provozieren.

Stattdessen dachte sie nach. Sie öffnete sich der Macht und ließ sie durch sich hindurchströmen wie das Blut in ihren Adern. Ein winziges Insekt begann, seine Mandibeln aneinanderzureiben, um ein süßes, hohes Lied zu pfeifen.

Irgendein Instinkt in ihr regte sich und brachte Leia dazu, sich auf das Geräusch zu konzentrieren. Das Lied des Insekts war wunderschön, rein, ätherisch – vollkommen frei von Sorgen über Führerschaft und Lehren, über Versagen und Lernen.

Fokussiert und voller Freude sorgte Leia dafür, dass sie sich vom Boden löste und in die Höhe stieg. Sie schwebte kopfüber, die Füße gen Himmel gerichtet. Nach einem Moment hob sie ihre Arme und hielt sie parallel zur Erde.

In Wahrheit war auch sie eine Schülerin, neu in den Wegen der Macht, und als sie wieder zu sich kam und vollends realisierte, was sie tat, riss sie die Hände wieder nach unten, um ihren Sturz abzufangen.

Sie schaffte es gerade noch rechtzeitig. Ihr Körper sackte zusammen, und dann kniete sie im Matsch. Egal. Nächstes Mal würde sie es besser machen.

Als Leia aufschaute, stellte sie fest, dass Luke sie mit offenem Mund anstarrte.

»Hast du das je mit Yoda gemacht?« Diese Frage konnte sie sich einfach nicht verkneifen.

Er schüttelte schweigend den Kopf.

»Ich kann es besser«, beharrte sie. »Länger schweben.«

Luke fand seine Stimme wieder. »Durch dich werde ich ein besserer Lehrer«, sagte er.

Das war nicht die Reaktion, die sie erwartet hatte. »Was meinst du damit?«

Er hielt ihr die Hand hin und half ihr auf. »Deine Beinarbeit ist grässlich«, sagte er. »Versteh mich nicht falsch, mit dem Lichtschwert wirst du langsam immer besser, aber … andere Dinge beherrschst du ganz von allein. Instinktiv.« Seine Miene wurde reumütig. »Was ich damit sagen will: Du bist ein Ausnahmetalent. Einfach … anders.«

Dann hatte er gelächelt, mit diesem breiten Farmjungengrinsen, das bis zu der Nacht von Bens Verrat so etwas wie sein Markenzeichen gewesen war.

Leia schüttelte die Erinnerung mühsam ab. In letzter Zeit suchte die Vergangenheit sie lebhaft und plötzlich heim.

Gleichwohl, über diese spezielle freute sie sich. Diese Erinnerung würde der Schlüssel für Reys Ausbildung sein. Leia und Rey waren beide anders, die letzten Überlebenden eines toten Ordens, und gemeinsam würden sie einen neuen Pfad beschreiten.

Dichtes grünes Blattwerk peitschte an Rey vorbei, als sie durch den Dschungel lief. Bei jedem Auf und Ab ihrer Arme blitzte der rote Stoffstreifen in ihrer Hand auf. Sie sprang über verknäuelte Farne hinweg, wich herabhängenden Ranken aus. Schweiß tränkte ihren Kragen, und ihre Oberschenkel brannten von der Anstrengung.

Trotzdem war es nicht schwerer, durch den Urwald zu laufen als durch knöchelhohen Wüstensand. Sie hätte es den ganzen Tag lang tun können.

Rey hatte bereits die beiden ersten Trainingssonden ausgeschaltet und sich die Bänder geschnappt, die sie bewacht hatten. Sie war über einen gähnenden Abgrund hinweggesprungen, hatte »blind« über einer Schlucht gekämpft, während sie auf einem Seil aus Lianen balancierte, und hatte einen schmalen Felsrücken hoch über den Wipfeln der Dschungelbäume überwunden. Jetzt führte der Parcours sie wieder zurück, in die Richtung, aus der sie kam. Dort traf sie auf BB-8, der ihr etwas entgegentrillerte.

»Noch eine«, sagte sie. »Komm mit!«

Die letzte Sonde schaffte es, ihr auszuweichen, weil sie schneller war als die anderen. Und gerissener. Mehr Droide als Trainingsgerät. Sie hatte Leia gebeten, sich heute einer richtigen Herausforderung stellen zu dürfen, und Leia war ihrem Wunsch nachgekommen.

BB-8 sauste ihr hinterher und beschwerte sich jedes Mal piepsend, wenn er einer Baumwurzel ausweichen musste. Rey verkniff sich ein Lächeln. Sie war immer wieder beeindruckt, wie großartig der kleine Droide mit ihr mithielt, egal ob sie durch den Sand von Jakku liefen, über die felsigen Pfade von Takodana oder durch den Dschungel von Ajan Kloss. Seine enorme Manövrierfähigkeit machte ihn zum perfekten Trainingspartner.

Dann fiedelte er unvermittelt eine Warnung.

»Ich sehe sie, Bebe-Acht.« Sie kam schlitternd zum Stehen.

Die kugelrunde Sonde verharrte ebenfalls und schwebte jetzt mitten in der Luft, als würde sie auf Rey warten oder sie verhöhnen. Die Sonde unterschied sich von den anderen beiden, die sie unschädlich gemacht hatte; diese hier besaß eine fies aussehende rote Panzerung und war umringt von einem Kreis schimmernder metallischer Schubdüsen. Ihr Brummen war dunkel und so dumpf, dass Rey es tief in ihrer Brust spürte.

Rey hakte Lukes repariertes Lichtschwert von ihrem Gürtel und aktivierte es. Bläuliches Licht geisterte über die Blätter rings um sie her, während sie die Trainingssonde anstarrte. Sie würde dieses Ding zerstören !

Plötzlich schoss ein Blasterstoß aus einer der Düsen. In ihrem Oberarm explodierte stechender Schmerz. Rey widerstand dem Drang, ihren Arm zu umklammern oder auch nur vor Pein zu ächzen. Schließlich hatte sie es nicht anders verdient. Denn sie war nicht bereit gewesen. Entschlossen zu sein ist nicht dasselbe, wie bereit zu sein, hätte Leia gesagt.

Nun, sie hatte nicht vor, denselben Fehler zweimal zu machen. Als die Sonde das nächste Mal feuerte, riss sie ihr Lichtschwert hoch, um den Schuss abzuwehren und die Blastersalve in die Bäume zu lenken.

Doch ihr blieb keine Zeit, sich darüber zu freuen, denn schon traf sie der nächste Schuss direkt in die Brust. Natürlich bedeuteten mehrere Düsen auch mehrere Schüsse. Sie musste sich konzentrieren.

Sie atmete tief durch die Nase ein und öffnete sich der Macht.

Die Trainingssonde begann, um sie herumzuschwirren. Sie glomm in einem wütenden Rot, während sie in schwindelerregender Schnelligkeit schmerzhafte Salven abfeuerte, doch Rey ließ sich von ihrem Instinkt leiten und schwang ihr Lichtschwert in gleichermaßen wahnwitzigem Tempo, um geschickt jeden einzelnen Angriff abzuwehren.

Es fiel ihr neuerdings ausgesprochen leicht, mit der Macht in Kontakt zu treten. Tatsächlich war es für sie so einfach wie atmen. Doch die Gelassenheit und die innere Ruhe, von denen Leia ständig sprach, stellten sich bei ihr nicht ein, mit der Folge, dass sie zwar jede Attacke der Sonde blockieren konnte, in der Verteidigung des Trainingsgeräts aber keine Öffnung für einen eigenen Angriff fand. Sie stellte sich vor, wie Leia sagte: Geduld. Warte auf deinen Moment …

Die Sonde war hinter ihr, dann vor ihr, dann hoch über ihrem Kopf. Sie sauste durch die Luft wie eine brummende Fliege. Hätte Rey sie doch nur genauso mühelos erschlagen können …

Die Sonde schoss davon, und sie rannte ihr nach. Dann stoppte die Kugel wieder und feuerte ein paar Salven ab, wie um sie anzustacheln. Mit zusammengebissenen Zähnen schwang Rey ihr Lichtschwert. Die Sonde wich der Energieklinge aus, und ihr Schlag ging ins Leere, um stattdessen einen Baumstamm zu zerteilen; Funken und Blätter und Splitter von Borke regneten herab, als der Baum umstürzte und auf seinem Weg nach unten durch das Laubwerk krachte.

Rey sprang über den Baumstamm hinweg und sprintete der Sonde hinterher. Wieder schlug sie zu, doch dann wich die Sonde aus, als hätte sie den Schlag vorhergesehen, und entkam erneut, als das Lichtschwert durch einen weiteren Baum schnitt, als wäre er aus Butter.

In ihrem Innern baute sich eine brodelnde dunkle Wolke der Frustration auf.

Sie gewahrte kaum, was sie tat, als ihr bloßer Instinkt die Kontrolle übernahm. Rey schleuderte ihr Lichtschwert davon, warf es wie einen rotierenden Propeller durch die Luft nach der roten Trainingssonde. Die Kugel wich aus, und das Lichtschwert fällte noch einen Baum. Die Sonde kreischte, als sie in den Sturzflug überging und auf Reys Kopf zuschoss, aber diesmal war sie bereit.

Mit der Macht griff sie nach einem am Boden liegenden Ast, der sogleich in ihre Hand flog. Sie schätzte den exakten Angriffswinkel der Kugel ab, und dann riss sie den Ast hoch … und stieß ihn mitten durch die Sonde hindurch, um das Gerät damit wie mit einem Speer am nächstbesten Baumstamm festzunageln.

Mit einem befriedigenden Klatschen kehrte ihr Lichtschwert in ihre Hand zurück.

Die zertrümmerte rote Sonde ruckte und zuckte an dem Baum. Funken sprühten.

Rey starrte sie triumphierend an. Vielleicht wurde Geduld trotz allem ja doch überbe…

Flüstern erfüllte ihre Ohren. Nein, ihren Geist ! Rey wirbelte herum, auf der Suche nach der Quelle des Flüsterns, als ihr eine Erkenntnis dämmerte: Es passierte schon wieder.

Der Dschungel um sie herum verblasste. Tödliche Stille senkte sich herab, während drückende Dunkelheit heraufzog, die sie zu verschlingen drohte. Ein Bild schoss durch ihren Kopf, und sie zuckte zurück, doch es war unmöglich, dem schrecklichen Anblick zu entkommen: Kylo Ren, schwarz gekleidet und fuchsteufelswild, der mit seinem knisternden roten Lichtschwert gnadenlos Gestalten in weiten Gewändern niedermetzelte. Sie hörte ihre Schreie, roch ihr Blut, musste mit ansehen, wie sie zu fliehen versuchten oder um ihr Leben flehten – beides vergebens. Nichts konnte Kylo aufhalten. Er war ein Moloch der Vernichtung, eine zerstörerische Naturgewalt, monströs und unaufhaltsam.

Eine Welle der Erleichterung überflutete sie, als das Bild wechselte, doch diese Erleichterung verwandelte sich schlagartig in völlige Verzweiflung, als sie sich selbst erblickte, allein und vom Wind gepeitscht, inmitten einer endlosen Einöde aus rissigem, aufgesprungenem Boden. Die feinen Härchen auf ihren Armen sträubten sich, und die Luft knisterte vor Elektrizität. Vor ihr ragte ein gewaltiger Monolith in die Höhe, fast so hoch wie der Himmel. Er war schwarz und schimmernd und warf einen mächtigen Schatten.

Der Monolith verschwand … machte Platz für ein gigantisches Gesicht aus Stein, umhüllt vom Bösen …

Nein, das war überhaupt kein Stein, sondern irgendeine Gestalt, teils menschlich, teils Maschine. Schläuche gingen davon aus wie Tentakel, allesamt gefüllt mit einer merkwürdigen Flüssigkeit. Lebte diese Kreatur? Oder war sie …

Flüchtige Impressionen von Lukes Gesicht durchzuckten ihren Geist … dann welche von Kylo … dann von Han Solo, der seine Hand auf Kylos Wange legte … Eine Frau mit einer Kapuze … ein Frachtraumer, der von Jakku wegflog …

Und schließlich eine schneidende Stimme in ihrem Kopf, so klar und unerträglich wie eine Wüstensonne: »Exegol.«

Mit zittriger Stimme, im Flüsterton, wiederholte sie das Wort: »Exegol …?«

Und mit einem Mal stand sie vor einer anderen riesigen Steinstruktur, die wie eine gigantische Klaue geformt war, mit kräftigen, gekrümmten Fingern, die sich für alle Ewigkeit greifend in die Höhe reckten. Ihre Beine zuckten, als wollten sie instinktiv fliehen, doch etwas an diesem Konstrukt lockte sie an, lud sie zu sich ein. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich diesem monströsen Klauending nähern wollte, dass sie wissen wollte, wie es sich wohl anfühlen würde, mit ihren Fingern über diese raue schwarze Oberfläche zu streichen.

Das schwarze Klauending war ein Thron; das erkannte sie jetzt.

Sie trat einen Schritt vor, doch da ertönte unmittelbar neben ihr ein Piepsen, und sie zögerte. Das Piepsen ging weiter, wurde zusehends durchdringender. Dann traf sie die Erkenntnis mit der Wucht eines Kampfstabs. Natürlich durfte sie diesen Thron nicht anfassen – er gehörte zum Bösen, zur Dunkelheit. Und sie hatte bereits einen anderen Pfad eingeschlagen, oder nicht?

Noch mehr Gepiepse. Etwas erschien auf dem Thron. Eine vertraute Gestalt. Rey blinzelte vor Überraschung und Entsetzen.

So schnell, wie sie gekommen war, löste sich die Vision auch wieder auf, verflüchtigte sich wie Morgennebel. Rey stand da, starrte mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen in den Dschungel. Sie war so erleichtert, das Leben, das Licht und das üppige Grün um sich her wahrzunehmen, dass sie einen Moment brauchte, um wieder ganz zu Sinnen zu kommen, um das Piepsgeräusch bis zu einem gefällten Baum zu verfolgen – unter dem ein überaus empörter BB-8 lag.

Rey eilte zu ihm hinüber und stieß einige Äste aus dem Weg. »Bebe-Acht, das tut mir so leid!«, sagte sie.

Er brabbelte wütend auf sie ein, während sie ihn unter dem umgestürzten Baumstamm hervorzog. Es erforderte ein wenig Unterstützung durch die Macht, um den Droiden vollends zu befreien.

Eine der orangefarbenen Scheiben, die sein Modulwerkzeugset schützten, war abgerissen, um einen dunklen Schacht ins Innere seines Bewegungsapparats freizulegen.

Sie hatte ihrem Freund Schaden zugefügt. Poe würde stinkwütend auf sie sein – allerdings nicht wütender, als sie auf sich selbst war.

Der kleine Droide trillerte.

»Ja, Bebe-Acht, es ist wieder passiert.«

Er stieß einen surrenden Laut aus, teils Frage, teils Ausdruck seines Mitgefühls.

»Nein, ich weiß immer noch nicht, was die Macht mir zu zeigen versucht, aber diesmal war es … noch schlimmer als sonst.« Viel schlimmer. Unaussprechlich viel schlimmer. Sie starrte die Bäume an, ohne sie wirklich zu sehen. Einige dieser blitzartigen Visionen waren Erinnerungen gewesen. Ihre und … die von Kylo Ren? »Gehen wir zurück.«

Vielleicht sollte sie dem General erzählen, was geschehen war. Vielleicht aber besser nicht. Leia hatte auch so schon genug um die Ohren, genügend Dinge, um die sie sich Gedanken machen musste, und Rey wollte, dass Leia an sie glaubte, ihr vertraute. Was würde sie wohl sagen, wenn sie erfuhr, wie Reys Frust und Zorn Visionen von tödlicher, düsterer Macht heraufbeschworen hatten?

Sie brauchte einfach mehr Training. Mehr Zeit, um mit der Macht zu meditieren, mehr Zeit, um in sich die Ruhe und die Gelassenheit zu finden, die Leia ihr beizubringen versuchte. Sie konnte es schaffen. Sie musste es schaffen!

Wäre sie doch nur imstande gewesen, Stimmen durch die Macht zu hören, so wie Leia es konnte. Dann hätte Luke sie gewiss leiten können. Während sie und BB-8 sich dem Lager näherten, beschloss sie, es noch einmal zu probieren. Nichts ist unmöglich, hatte Leia gesagt.

»Meister Luke«, sagte Rey. »Ich habe Angst.« Rey schaute sich um, um sich zu vergewissern, dass BB-8 der Einzige war, der mitbekam, dass sie mit jemandem sprach, der gar nicht da war. Rey dehnte ihre Machtsinne aus und fuhr fort: »Ihr wusstet es bereits, bevor ich selbst es gespürt habe. Die Dunkle Seite zieht mich an. Oder vielleicht ziehe ich auch sie an. Keine Ahnung. Was immer es ist, es ist jetzt stärker, und ich kann mich ihm nicht entziehen, sosehr ich es auch versuche … Ich verstehe das alles nicht.«

BB-8 piepte.

»Psst, stör mich bitte nicht … Meister Luke? Ich glaube, Ihr könnt mich hören. Ich brauche Euren …«

BB-8 piepte erneut, beharrlicher diesmal.

Mittlerweile hatten sie den Rand des Lagers erreicht. »Ganz im Ernst, langsam nervst du. Geh da rüber«, sagte Rey. Sie deutete auf einen großen Frachtcontainer.

Er tat wie geheißen, was ihn jedoch nicht daran hinderte, seiner Empörung lautstark Ausdruck zu verleihen.

»Doch, genau so funktioniert das«, konterte Rey. »Sie sind Machtgeister; Luke hat in den Jedi-Texten etwas über sie geschrieben. Sie kommen zu einem, wenn man sie am nötigsten braucht.«

Der Droide tat weiter seine Skepsis kund. Rey ignorierte ihn. »Meister Luke«, versuchte sie es von Neuem. »Ich habe Visionen von Dingen, die mich ängstigen. Ich will das alles hier nicht verlieren … Leia ist so, wie ich mir eine Mutter immer erträumt habe … Ich will sie nicht im Stich lassen.«

Das war ihre größte Angst. Mehr als alles andere hatte sie Angst davor, die Leute zu enttäuschen, die ihr so viel bedeuteten … sie vielleicht sogar zu verletzen … Sie war so lange Zeit allein gewesen … Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, auch nur einen von ihnen zu verlieren.

»Aber niemand hier versteht das … mit Ausnahme von Kylo Ren. Wenn sogar der Sohn von Han und Leia von der Dunklen Seite verführt werden kann, welche Chance haben dann wir anderen, ihr zu trotzen?«

Ein Zweig knackte, und Rey schaute auf. Snap Wexley und Rose Tico kamen näher, die Fragen standen ihnen ins Gesicht geschrieben.

»Wie viel davon habt ihr gehört?«, sagte Rey.

»Wovon?«, entgegnete Snap und versuchte erfolglos, unschuldig dreinzuschauen.

»Ach, nichts«, murmelte Rey.

Rose’ Gesicht wurde weicher vor Mitgefühl. Die Leiterin des Mechanikertrupps hatte etwas ungeheuer Entwaffnendes an sich. Wann immer sie mit Rey sprach, hatte Rey alle Mühe, sich zusammenzureißen und ihrer Freundin nicht all ihre Ängste und Sorgen anzuvertrauen. »Geht’s dir gut?«, fragte Rose.

»Ja, natürlich. Ich habe bloß …«

»… Jedi-Zeug gemacht«, beendete Rose den Satz für sie.

»Genau.«

Glücklicherweise beschloss Rose, es damit auf sich beruhen zu lassen. Stattdessen sagte sie: »Der General hat nach dir gefragt.«

Rey atmete tief ein. Es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Sollte sie Leia von ihrer düsteren Vision erzählen oder sie lieber für sich behalten?