Siehe hierzu den Beitrag von John T. Hamilton: Erotologie. Zu Uwe Timms Vogelweide. In: Friedhelm Marx, Martin Hielscher (Hg.): Wunschort und Widerstand. Zum Werk Uwe Timms. Göttingen, 2020.
Siehe hierzu Oliver Jahraus: Totenrede und Roman. Zu Medientheorie und Erzähltechnik in Uwe Timms Rot. In: Friedhelm Marx unter Mitarbeit von Stephanie Catani und Julia Schöll (Hg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms. Göttingen, 2007, S. 173–188.
Kerstin Gleba & Helge Malchow
Uwe Timm ist einer der bedeutendsten und großartigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Werk ist in viele Sprachen übersetzt und besitzt eine solche Vielfalt, dass es schwerfällt, alle Facetten dieses Werkes aufzuzählen: die frühen Gedichte, die Erzählungen, die Novellen, die Romane, die autobiografischen Texte, die Essays und Vorlesungen, die Kinderbücher, die Drehbücher … Sein Werk hat in fast 50 Jahren eine überwältigende Zahl von Ehrungen und Preisen erfahren. Uwe Timm ist Mitglied der wichtigen Akademien der Künste dieses Landes. Seine literarischen Arbeiten sind Gegenstand unzähliger wissenschaftlicher Arbeiten und Untersuchungen im In- und Ausland. Er ist einer der beliebtesten und meistgelesenen Autoren des Landes, bewundert von seinen Leserinnen und Lesern, von Buchhändlern, geachtet von der Kritik und vom Journalismus, hoch angesehen als öffentlicher Intellektueller.
Wie kann man einen solchen Autor zum Anlass seines 80. Geburtstags ehren? Wir haben uns für einen unsystematischen, subjektiven und persönlichen Weg entschieden, von dem wir glauben, dass er der Person Uwe Timms und seinem Werk am ehesten gerecht wird. Denn für uns als seinen Partnern im Verlag Kiepenheuer & Witsch ist Uwe Timm neben seinen überwältigenden literarischen Leistungen viel mehr als der Autor Uwe Timm. Er ist seit Jahrzehnten eine Art Leuchtturm und Wegweiser für unsere verlegerische Arbeit ganz allgemein im Verlag, er ist Ratgeber, er ist unser Freund, er ist Kritiker und Wegbegleiter all derer, mit denen er im Verlag und im Verlagswesen zusammenarbeitet. Vor allem aber steht er in einem engen, dauerhaften und produktiven Austausch mit vielen anderen AutorInnen, nicht nur des eigenen Verlags.
So haben wir uns entschieden, diesen Aspekt in den Vordergrund zu stellen und enge Weggefährten um einen Beitrag zu diesem Geburtstagsband gebeten: ehemalige und heutige Verlagsmitarbeiter im In- und Ausland, Partner beim Film, vor allem aber AutorInnen, deren originelle und persönliche Beiträge den überwältigenden Einfluss zeigen, den Uwe Timm durch seine Person und sein Werk auf die Arbeit dieser AutorInnen und damit auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat.
Uns bleibt nur, uns zum Anlass seines 80. Geburtstags vor der Leistung unseres Autors und Freundes Uwe Timm zu verneigen und uns auf die Bücher zu freuen, die noch vor uns liegen.
Köln, im November 2019
Günter Rohrbach
Wo anfangen? Nicht bei der ersten Begegnung, an die ich ohnehin nur eine vage Erinnerung habe. Es muss bei einem jener Feste gewesen sein, für die die Filmszene berühmt und berüchtigt ist. Uwe Timm liebt diese Veranstaltungen. Wahrscheinlich hat er sich nur deshalb auf die Filmarbeit eingelassen, um dort eingeladen zu werden. Ich saß damals an einer Bar, und plötzlich saß er neben mir, vielleicht war es auch gar nicht so plötzlich, ich hatte ihn nur nicht bemerkt, eine Unaufmerksamkeit, die ihm nie unterlaufen würde. Er sprach mich an, heiter, unbefangen, so als würden wir uns schon lange kennen. Als Produzent ist man es gewohnt, bei solchen Anlässen angesprochen zu werden. Selten verlässt man diese Abende ohne die Androhung, demnächst mindestens ein halbes Dutzend Drehbücher auf dem Tisch zu haben. Nicht so bei ihm. Er wollte einfach nur reden, auf diese freundliche, einen mit Worten umarmende Weise, die, wie ich noch lernen sollte, so typisch ist für ihn.
Auch ein Gespräch im Büro von Helmut Dietl scheint für den Anfang eher ungeeignet. Ich hatte mir damals in den Kopf gesetzt, die beiden, Dietl und Timm, für ein Projekt über das berüchtigte Hotel Lux in Moskau zusammenzubringen. Uwe Timm hatte vierzig intelligente, witzige, handlungs- und figurenreiche Seiten geschrieben, und Dietl sollte nun etwas dazu sagen. Aber er konnte das nicht. Er war über den Punkt nicht hinausgekommen, der ihm den Zugang zu dem Manuskript verstellt hatte: Der Name der männlichen Hauptfigur gefiel ihm nicht und noch weniger der der weiblichen. Es war ihm unmöglich, sich den Film mit diesen Namen vorzustellen, es war aber auch ebenso undenkbar, die Namen einfach zu ändern. Es war eine beklemmende Situation, weil sich der Dietl so offensichtlich quälte mit seinem Unbehagen und seiner Unfähigkeit, es zu überwinden. Und ich dachte mir, dass es den Uwe Timm verletzen müsste, seine Arbeit so wenig respektiert zu sehen. Doch er blieb gelassen, ja, was mich geradezu empörte, unbeirrt freundlich. Und da fiel mir der »kleine Onkel« ein, eine Figur aus seinem Roman »Kopfjäger«. Der »kleine Onkel« ist ein Geschichtensammler, ein Menschenverschlinger, ein Vampir, der alles aufsaugt, was ihm irgendwo begegnet, um es alsbald in Literatur zu verwandeln. Und spontan wurde mir klar, da saß er, der kleine Onkel, und saugte und fraß die Situation in sich hinein, und so wurde, was eine Demütigung hätte sein können, Material für seine Lebensarbeit. Der Film ist dann später doch noch entstanden, allerdings ohne Dietl und, leider, auch ohne Timm.
Völlig abwegig wäre es, ausgerechnet mit einer Begebenheit beim Zahnarzt anzufangen, zumal es ihr gänzlich an einer Pointe gebricht. Es war so, dass ich auf einem dieser Marterstühle saß, Speichelsauger und allerlei Gerätschaften im Mund, also jeder Möglichkeit der Kommunikation beraubt, als diese Hölle der Leibesqualen sich unversehens in einen Ort des Frohsinns zu verwandeln schien. Aus den Nebenräumen drang lautes Reden und Lachen herüber, die Tür ging auf, jemand rauschte herein, Zahnarzt und Helferin gerieten, alles, was sich in meinem Mund versammelt hatte, auch dort belassend, in hektische, Freude bekundende Bewegung, und nur schemenhaft konnte ich erkennen, wer diese Verwandlung bewirkt hatte. Es war, das wird jetzt nicht überraschen, Uwe Timm. Selbst an diesem Ort, den wir anderen nur mit allen Attributen der Einschüchterung betreten, selbst hier gelingt ihm der Zauber, erregt er Wellen des Wohlgefühls. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass er mit seinen Zahnärzten, er hat mehrere davon, auch noch in Urlaub fährt. Selbstverständlich handelte es sich um politisch links stehende Zahnärzte.
Was, so darf man inzwischen wohl fragen, bedeutet diese außergewöhnliche, hinreißende Freundlichkeit für seine Literatur? Bedeutet sie überhaupt etwas? Denn nicht jeder heiter aufgeschlossene Mensch ist schon deshalb ein guter Schreiber, und nicht jeder verdruckste Stubenhocker ein schlechter. Aber ein anderer ist er doch wohl. Der Mensch Uwe Timm ist in seinem Werk auffindbar. Vielleicht fangen wir an, ihn zu suchen.
Er selbst hat über den Anfang einen wunderbaren Essay für seine Frankfurter Poetikvorlesung geschrieben. Das Geheimnis des ersten Satzes. Er ist dafür in die biblischen Urgründe vorgestoßen, zum Anfang allen Anfangs. Es wäre vermessen, ihm dorthin folgen zu wollen. Doch wie wäre es mit diesen Sätzen: »Abends würde er in München sein. Er freute sich.« Das steht so in Timms erstem Roman »Heißer Sommer«. Es ist dort allerdings der letzte Satz. Aber eigentlich wird hier nichts abgeschlossen, im Gegenteil, es öffnet sich etwas. Da freut sich jemand, und wir möchten wissen, worauf. Wir sind neugierig, wir sind auf etwas gerichtet, was uns der Roman verweigert. Aber wie sich in diesem Satz Ende und Anfang versammeln, Vergangenheit und Zukunft, so verbergen sich in ihm auch zwei Figuren. Die eine hört auf den literarisch nobilitierten, also keineswegs zufälligen Vornamen Ullrich und den Allerweltsnamen Krause, die andere ist der Autor Uwe Timm. Aber auch in Ullrich Krause, dem Helden des Romans, verbirgt sich eine gehörige Portion Timm, er versteckt sich in ihm, maskiert sich mit ihm, was ihm einerseits Freiheiten verschafft, es ihm aber auch erlaubt, selbst Erlebtes zu verarbeiten. Und wer sich hier freut, ist zwar formal immer noch Ullrich Krause, doch in Wahrheit Uwe Timm. Er teilt uns mit, dass er angekommen ist. Hier in München wird er leben und schreiben, Buch um Buch, Roman um Roman. Und ganz am Anfang auch diesen, der so hoffnungsfroh endet, »Heißer Sommer«.
Ullrich Krause ist nicht die einzige Maskierung, die sich der Autor Uwe Timm gewählt hat. Das Prinzip durchzieht sein ganzes Werk. Man kann dies, wenn man will, als eine groß angelegte Autobiografie lesen, in der das Ich immer neue Färbungen erfährt, die unterschiedlichsten Namen trägt, dann aber auch ganz direkt ein Ich ist, das sich als Roman-Ich ausgibt, also als ein Aliud des Autors, also als der Versuch, Distanz zu erzeugen und dennoch anwesend zu bleiben. Gelegentlich verkriecht er sich auch in einer Nebenfigur, Beispiel der »kleine Onkel«, um dann im nächsten Buch ganz unverstellt und bekenntnishaft als Uwe Timm aufzutreten. Er hat bei diesem Versteckspiel auch Missverständnisse riskiert. So lässt er das Roman-Ich in »Johannisnacht« teure Zigarren rauchen, was dann manchen Gönner veranlasste, ihn, den Nichtraucher Uwe Timm, mit Zigarren der edelsten Sorten zu verwöhnen.
In gewisser Weise ist dieses Werk auch eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, obwohl es wohl kaum so geplant war. Es hat sich so ergeben, auch weil dieser Schriftsteller nicht nur Beobachter, sondern in einer Spanne seines Lebens auch Täter war. Er hat sich nicht leicht damit getan, sich für eine der beiden Seiten zu entscheiden. Und ganz vollzogen hat er diese Trennung nie. Wer ihn erlebt, der spürt, insgeheim ist er noch immer auf dem Sprung.
Als die Bundesrepublik gegründet wurde, war er neun, als sie in ihre erste Krise geriet, Mitte zwanzig. Er hat als Kind den Krieg erlebt, die Bombennächte, die Evakuierung, als Jugendlicher den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, die Restauration, die Wiederbewaffnung, den Stillstand. Er war ein braves Kind, vom Vater streng, mit Drill erzogen, sodass man dem Fünfjährigen 1945 das Hackenschlagen mühsam wieder abtrainieren musste.
Entsprechend heftig dann die Auflehnung des Jugendlichen, der Streit mit dem politisch reaktionären Vater. Er hat diesen Vater in den dezidiert autobiografischen Büchern liebevoll geschildert, auch und gerade in den Momenten, die ihm verachtenswert erschienen. So war es ihm schwer erträglich zu wissen, dass der Vater nach dem Ersten Weltkrieg in einem Freikorps gekämpft hatte und weit über diese Zeit hinaus an den alten Kameraden und ihren rückwärtsgewandten Ansichten festhielt. Aber der Vater war auch fantasievoll und erfindungsreich. So hat er sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer aus den Trümmern geborgenen Nähmaschine selbst das Kürschnerhandwerk beigebracht, nachdem er sich zuvor schon als Tierpräparator versucht und mit einer Spielzeugmanufaktur, die er mit einem zaristischen Offizier betrieben hatte, bankrottgegangen war. Er war ein wundervoller Geschichtenerzähler, ein begabter, in der Kürschnergilde anerkannter Redner, er hatte Charme, eine gewisse Eleganz und, vom Sohn besonders beachtet, das, was man einen Schlag bei Frauen nennt. Er starb, als Uwe Timm 18 war, und hinterließ, abermals, einen bankrotten Betrieb. Die letzten Jahre waren bestimmt gewesen von platzenden Wechseln und dem verzweifelten Versuch, die Geldsorgen in Alkohol zu ertränken.
Was folgte, waren Uwe Timms Lehrjahre in Kapitalismus. Der Betrieb musste saniert werden, nicht zuletzt auch durch die Entlassung von Personal. Timm war inzwischen selbst, wie ihm bestätigt wurde, ein ziemlich guter Kürschner. Aber die Verhältnisse und schon gar die Wünsche standen gegen ihn. Mit den Preisen der Kaufhäuser konnte man nicht konkurrieren, und am Horizont formierten sich schon die Tierschützer. Ohnehin hatte er mit seinem Leben anderes im Sinn. Doch braver Sohn, der er immer noch war, gab er erst auf, als er Mutter und Schwester einen schuldenfreien Betrieb hinterlassen konnte.
Schon in seiner Lehrzeit hatte er die väterlichen Gesellen gelegentlich mit der Versicherung belustigt, Schriftsteller werden zu wollen. Jetzt galt es.
Aber der junge Timm konnte sich diesen Beruf nicht vorstellen, ohne sich zuvor einen Bildungsfundus angeschafft zu haben. Vermutlich dachte er in dieser Zeit noch in den Kategorien der klassischen Lebensplanung. Er wollte studieren, und dazu brauchte der gelernte Kürschner zunächst ein Abitur. Er war 21 Jahre alt, und das richtige Leben sollte erst beginnen.
Mit einem nachgeholten Abitur am Braunschweig-Kolleg, an der Seite von Benno Ohnesorg. Die Nachricht von dessen Tod, Jahre später, sollte ihn in Paris erreichen. Er hatte dort eine Dissertation über Albert Camus geschrieben, angelehnt an Heidegger. Doch irritiert durch neuere Erkenntnisse, mochte er dazu nicht mehr stehen. Er hat die Arbeit zerrissen, 140 Seiten. Eine Form der Großzügigkeit im Umgang mit einer solchen Arbeit, die uns im Licht aktueller Erfahrungen nicht unbeeindruckt lässt. Er hat dann später eine neue Dissertation geschrieben, zum gleichen Thema, aber mit einem anderen Ansatz.
Doch zwischendurch hat es ihn heftig umgetrieben. Er geriet mitten hinein in die Studentenbewegung, und er bewegte mit. Einiges davon kann man im »Heißen Sommer« nachlesen, wie gesagt wissend, dass in dem Ullrich Krause eine Menge Uwe Timm steckt, auch wenn wir ihm dabei nicht ganz auf den Leim gehen dürfen. Wir erleben mit ihm den Elan dieser Bewegung, den Empörungsfuror, den entschiedenen Willen, diese Gesellschaft zu verändern. Doch er lässt uns auch an ihren Extremen teilhaben, der Lust an der Provokation, dem Diskussionschaos, den verzweifelten Versuchen, den politischen Zielen eine Struktur zu geben. Gerade da bricht sich das Vergnügen des Erzählers bahn, gelingen ihm die Kabinettstückchen, von denen man vermuten kann, dass sie der Akteur Uwe Timm missbilligt hätte. Ihm persönlich nahe sind wir wieder, wenn es um den Zerfall der Bewegung geht, die Fraktionierung in ideologische Verstiegenheiten. Der Ausweg, der sich ihm, dem Ullrich Krause alias Uwe Timm, eröffnete, war die Verbindung zu den alten Männern mit den verblichenen Tätowierungen an den Armen, die sie als ehemalige Insassen eines KZs auswiesen. Es ist der heroisch-schmerzvoll durchlebte Antifaschismus, der den Uwe Timm beeindruckte und der ihn veranlasste, seine politische Heimat eine Zeit lang in dieser merkwürdigen West-KP zu suchen. Irgendwann musste das scheitern, doch es blieb ihm etwas, was zugleich auch einer der markanten Impulse der 68er-Bewegung war, der Zwang zur Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Geschichte. Sie sollte ein herausragendes Thema seines künftigen Schreibens sein.
Und er grub tief. Den Anstoß hatte vermutlich der Sturz des Hermann-von-Wissmann-Denkmals gegeben, an dem er, wenn wir Ullrich Krause Glauben schenken, beteiligt war. In dem Denkmal feierte sich die deutsche Kolonialherrschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts, und das ausgerechnet vor der Hamburger Universität. Wissmann wird in »Morenga«, Timms zweitem Roman, nicht vorkommen, wohl aber der Geist, den er repräsentierte. Der Roman ist eine Collage aus Fiktion und realen Zeugnissen. Es geht um zwei südwestafrikanische Völker, die Herero und die Nama, die man damals noch Hottentotten nannte, und ihre Unterdrückung durch die deutschen Besatzer. Man kann es auch in den Worten des deutschen Generals von Trotha sagen: »Ich glaube, dass diese Nation (gemeint sind die Herero) als solche vernichtet werden muss.« Er fand dazu die Zustimmung des deutschen Generalstabs. Die Vorstellung, ein ganzes Volk müsse ausgerottet werden, hatte Adolf Hitler also keineswegs exklusiv. Morenga war der hochintelligente, listenreiche Anführer einer Widerstandsbewegung, eine Art afrikanischer Che Guevara, doch die Hauptfigur ist nicht er, sondern der deutsche Oberveterinär Gottschalk, der sich verliert in den Ereignissen, die er nicht wirklich versteht, deren Ziele ihm fremd, deren Konsequenzen ihm verhasst sind. In seiner Satteltasche führt er ein Buch des russischen Anarchisten Pjotr Kropotkin mit sich, das Geschenk eines Freundes, der die schiefe Schlachtordnung dieses Kriegs nicht ausgehalten hat und desertiert ist. Er war, wie wir erfahren, der einzige anarchistische Veterinär des deutschen Heeres, und er verfügte über eine für Nicht-Bayern erstaunliche Fähigkeit, er konnte jodeln.
Der Roman verzichtet auf eine stringente Geschichte und schafft stattdessen ein Panorama voller skurriler Geschehnisse und Figuren, gestaffelt auf mehreren Zeitebenen. Eine dieser Figuren ist ein deutscher Händler, der einst wegen pornografischer Lyrik aus seiner heimischen Schule verwiesen wurde und jetzt, Jahre vor der sogenannten Kolonisierung, das Land mit einem von 22 Ochsen gezogenen Branntweinfass durchzieht, in dem 50 Personen Platz haben würden. Der Schnaps dient ihm als Tauschware für Pfauenfedern, die zu dieser Zeit in der englischen Mode von allerhöchstem Wert waren. »Morenga« ist wahrscheinlich Uwe Timms reichster und fantasievollster Roman, große Literatur und gleichwohl ein klares politisches Statement. Der Kropotkin in Gottschalks Satteltasche verdrängt eine entsprechende Menge Mais. Auch der stille Widerstand verursacht Kosten.
Was war der Preis der Studentenbewegung, was ist aus ihren Akteuren geworden? Uwe Timms Fazit ist ernüchternd, wenn nicht vernichtend. Sie sind ein Stereotyp seiner späteren Romane, die Alt-Achtundsechziger, und er schont sie nicht. Vergleichsweise glimpflich geht er noch mit Ullrich Krause um, dem Helden aus »Heißer Sommer«. Er wird, wie wir in »Rot« erfahren und dann ausführlicher in »Freitisch«, Lehrer, heiratet eine Norwegerin, auch sie Lehrerin, und zieht nach der Wende mit ihr nach Anklam in Mecklenburg, um dort außerdem ein Antiquariat zu betreiben. Mehr politische Korrektheit bei der Abwendung von der Politik geht nicht. Aber mehr Ironie auch nicht. Es ist auch kein Einzelfall, dass Ullrich Krause in weiteren Romanen auftaucht. Das geschieht mit vielen Figuren, sie wandern wie vertraute Nachbarn durch die Romanwelt, tauchen mal hier, mal da auf und binden so die schriftstellerische Arbeit Uwe Timms zu einem Gesamtkunstwerk. Auch das Roman-Ich in »Rot« hat sich von allen politischen Aktivitäten losgesagt und arbeitet, nach einigen Zwischenstationen, als Beerdigungsredner. Komplementär zu ihm steht der alte Kumpel, der ihn testamentarisch zu seinem Trauerredner bestimmt hat. Er war seinen Idealen bis zuletzt treu geblieben, bis hin zu dem aberwitzigen Plan, die Berliner Siegessäule in die Luft zu sprengen. Das Sprengstoffpaket hat er seinem Freund hinterlassen.
Völlig aus der Kurve getragen hat es in »Rot« einen weiteren Ehemaligen, der jetzt mit Wein handelt und ihn selbst aus Suppentellern säuft. Kubin heißt ein Ex-Achtundsechziger im Roman »Kopfjäger«, dessen in den Kampfjahren akkumulierte Energie sich inzwischen im Zelebrieren exquisiter Kochkünste erschöpft. Aber es gibt auch den Kerbel aus »Kerbels Flucht«, einer, den die Enttäuschung über den Gang der Dinge gelähmt hat, der sich verloren hat im Leben, einer unglücklichen Liebe, einer, wie es im Buch heißt, »allgemeinen Lustlosigkeit«, einer »Auszehrung der Zuversicht«, einer »Bleichsucht der Wünsche«. Es ist vielleicht die schönste Figur überhaupt im Werk Uwe Timms. Sein Gegenstück ist ein ehemaliger Protagonist der Bewegung, der inzwischen als ständig alkoholisierter Pressechef in einem großen Verlag arbeitet. Und da ist natürlich der Schriftsteller, den die Erinnerungen, die Träume nicht loslassen und der sie Buch für Buch abarbeitet.
Irgendwann hat er dann die Maske fallen gelassen und sich gestellt: »Am Beispiel meines Bruders«. Er hat sich diesen Schritt nicht leicht gemacht, hat lange gewartet, bis alle tot waren, um die es dabei auch gehen sollte. Er hat sich dem Thema vorsichtig genähert, voller Ängste, das Terrain war vermint. Der Freikorps-Vater und der unbekannte, wesentlich ältere Bruder, Waffen-SS, Totenkopfdivision. Er hat die Tagebücher des Bruders gelesen, nach Verdächtigem gesucht, verräterische Sätze hin- und hergewendet. War der Bruder an Erschießungen beteiligt, war er Mörder in einem mörderischen System? Unwahrscheinlich, dass ausgerechnet seine Division nicht verwickelt gewesen sein soll. Uwe Timm hat keine Indizien gefunden, doch wirklich erleichtert hat ihn das nicht. Es ist eine beklemmende Spurensuche in einer persönlichen Geschichte, die irgendwie ja unsere gemeinsame Geschichte ist. Und so mag es nicht verwundern, dass der schmale Band zum meistbeachteten Buch Uwe Timms wurde.
Dabei ist er, den wir so zupackend freundlich erfahren haben, doch ein so lebhafter, lustvoller, überschäumend witziger Erzähler. Sprechen wir über »Kopfjäger«, ein Roman über einen Anlagebetrüger, 1991 erschienen, lange bevor uns diese Spezies die Hirne vernebelte. Als der Roman beginnt, ist das Roman-Ich bereits verurteilt, aus dem Gericht geflohen und sitzt jetzt in Südspanien an einer Arbeit über die Osterinseln. Da begegnet der Autor sich selbst in einer Figur, die doch ansonsten so weit wie möglich von ihm entfernt ist. In seinem früheren Leben hatte das Roman-Ich eine ganze Reihe von Berufen durchlaufen. Der Autor benutzt sie zu literarischen Ausschweifungen, erzählerischen Glanzstücken. Auch der Geschäftspartner hatte zuvor verschiedene Berufe, vor allem war er Betriebsökonom (so nannte man das) in der DDR und hatte als Sachse Schwierigkeiten, den im Westen geschäftsschädigenden Dialekt loszuwerden. Bei Timm erfahren wir auch, warum das so schwierig ist. Denn durch den sächsischen Dialekt schiebt sich der Unterkiefer um wenige Millimeter nach vorne, und diese anatomische Eigenart der Sachsen muss durch intensives Training ausgeglichen werden.
Und da ist auch noch der schon zitierte Alt-Achtundsechziger und Hobbykoch, der den