Inhaltsverzeichnis

Fußnoten

Siehe hierzu den Beitrag von John T. Hamilton: Erotologie. Zu Uwe Timms Vogelweide. In: Friedhelm Marx, Martin Hielscher (Hg.): Wunschort und Widerstand. Zum Werk Uwe Timms. Göttingen, 2020.

Siehe hierzu Oliver Jahraus: Totenrede und Roman. Zu Medientheorie und Erzähltechnik in Uwe Timms Rot. In: Friedhelm Marx unter Mitarbeit von Stephanie Catani und Julia Schöll (Hg.): Erinnern, Vergessen, Erzählen. Beiträge zum Werk Uwe Timms. Göttingen, 2007, S. 173–188.

Vorwort

Uwe Timm ist einer der bedeutendsten und großartigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Sein Werk ist in viele Sprachen übersetzt und besitzt eine solche Vielfalt, dass es schwerfällt, alle Facetten dieses Werkes aufzuzählen: die frühen Gedichte, die Erzählungen, die Novellen, die Romane, die autobiografischen Texte, die Essays und Vorlesungen, die Kinderbücher, die Drehbücher … Sein Werk hat in fast 50 Jahren eine überwältigende Zahl von Ehrungen und Preisen erfahren. Uwe Timm ist Mitglied der wichtigen Akademien der Künste dieses Landes. Seine literarischen Arbeiten sind Gegenstand unzähliger wissenschaftlicher Arbeiten und Untersuchungen im In- und Ausland. Er ist einer der beliebtesten und meistgelesenen Autoren des Landes, bewundert von seinen Leserinnen und Lesern, von Buchhändlern, geachtet von der Kritik und vom Journalismus, hoch angesehen als öffentlicher Intellektueller.

 

Wie kann man einen solchen Autor zum Anlass seines 80. Geburtstags ehren? Wir haben uns für einen unsystematischen, subjektiven und persönlichen Weg entschieden, von dem wir glauben, dass er der Person Uwe Timms und seinem Werk am ehesten gerecht wird.

 

So haben wir uns entschieden, diesen Aspekt in den Vordergrund zu stellen und enge Weggefährten um einen Beitrag zu diesem Geburtstagsband gebeten: ehemalige und heutige Verlagsmitarbeiter im In- und Ausland, Partner beim Film, vor allem aber AutorInnen, deren originelle und persönliche Beiträge den überwältigenden Einfluss zeigen, den Uwe Timm durch seine Person und sein Werk auf die Arbeit dieser AutorInnen und damit auf die deutschsprachige Gegenwartsliteratur hat.

 

Uns bleibt nur, uns zum Anlass seines 80. Geburtstags vor der Leistung unseres Autors und Freundes Uwe Timm zu verneigen und uns auf die Bücher zu freuen, die noch vor uns liegen.

 

Köln, im November 2019

Eine Laudatio für Uwe Timm

Wo anfangen? Nicht bei der ersten Begegnung, an die ich ohnehin nur eine vage Erinnerung habe. Es muss bei einem jener Feste gewesen sein, für die die Filmszene berühmt und berüchtigt ist. Uwe Timm liebt diese Veranstaltungen. Wahrscheinlich hat er sich nur deshalb auf die Filmarbeit eingelassen, um dort eingeladen zu werden. Ich saß damals an einer Bar, und plötzlich saß er neben mir, vielleicht war es auch gar nicht so plötzlich, ich hatte ihn nur nicht bemerkt, eine Unaufmerksamkeit, die ihm nie unterlaufen würde. Er sprach mich an, heiter, unbefangen, so als würden wir uns schon lange kennen. Als Produzent ist man es gewohnt, bei solchen Anlässen angesprochen zu werden. Selten verlässt man diese Abende ohne die Androhung, demnächst mindestens ein halbes Dutzend Drehbücher auf dem Tisch zu haben. Nicht so bei ihm. Er wollte einfach nur reden, auf diese freundliche, einen mit Worten umarmende Weise, die, wie ich noch lernen sollte, so typisch ist für ihn.

Auch ein Gespräch im Büro von Helmut Dietl scheint für den Anfang eher ungeeignet. Ich hatte mir damals in den Kopf gesetzt, die beiden, Dietl und Timm, für ein Projekt über das berüchtigte Hotel Lux

 

Was, so darf man inzwischen wohl fragen, bedeutet diese außergewöhnliche, hinreißende Freundlichkeit für seine Literatur? Bedeutet sie überhaupt etwas? Denn nicht jeder heiter aufgeschlossene Mensch ist schon deshalb ein guter Schreiber, und nicht jeder verdruckste Stubenhocker ein schlechter. Aber ein

 

Er selbst hat über den Anfang einen wunderbaren Essay für seine Frankfurter Poetikvorlesung geschrieben. Das Geheimnis des ersten Satzes. Er ist dafür in die biblischen Urgründe vorgestoßen, zum Anfang allen Anfangs. Es wäre vermessen, ihm dorthin folgen zu wollen. Doch wie wäre es mit diesen Sätzen: »Abends würde er in München sein. Er freute sich.« Das steht so in Timms erstem Roman »Heißer Sommer«. Es ist dort allerdings der letzte Satz. Aber eigentlich wird hier nichts abgeschlossen, im Gegenteil, es öffnet sich etwas. Da freut sich jemand, und wir möchten wissen, worauf. Wir sind neugierig, wir sind auf etwas gerichtet, was uns der Roman verweigert. Aber wie sich in diesem Satz Ende und Anfang versammeln, Vergangenheit und Zukunft, so verbergen sich in ihm auch zwei Figuren. Die eine hört auf den literarisch nobilitierten, also keineswegs zufälligen Vornamen Ullrich und den Allerweltsnamen Krause, die andere ist der Autor Uwe Timm. Aber auch in Ullrich Krause, dem Helden des Romans, verbirgt sich eine gehörige Portion Timm, er versteckt sich in ihm, maskiert sich mit ihm, was ihm einerseits Freiheiten verschafft, es ihm aber auch erlaubt, selbst Erlebtes zu verarbeiten. Und wer sich hier freut, ist zwar formal immer noch

 

Ullrich Krause ist nicht die einzige Maskierung, die sich der Autor Uwe Timm gewählt hat. Das Prinzip durchzieht sein ganzes Werk. Man kann dies, wenn man will, als eine groß angelegte Autobiografie lesen, in der das Ich immer neue Färbungen erfährt, die unterschiedlichsten Namen trägt, dann aber auch ganz direkt ein Ich ist, das sich als Roman-Ich ausgibt, also als ein Aliud des Autors, also als der Versuch, Distanz zu erzeugen und dennoch anwesend zu bleiben. Gelegentlich verkriecht er sich auch in einer Nebenfigur, Beispiel der »kleine Onkel«, um dann im nächsten Buch ganz unverstellt und bekenntnishaft als Uwe Timm aufzutreten. Er hat bei diesem Versteckspiel auch Missverständnisse riskiert. So lässt er das Roman-Ich in »Johannisnacht« teure Zigarren rauchen, was dann manchen Gönner veranlasste, ihn, den Nichtraucher Uwe Timm, mit Zigarren der edelsten Sorten zu verwöhnen.

In gewisser Weise ist dieses Werk auch eine Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, obwohl es wohl kaum so geplant war. Es hat sich so ergeben, auch weil dieser Schriftsteller nicht nur Beobachter,

Als die Bundesrepublik gegründet wurde, war er neun, als sie in ihre erste Krise geriet, Mitte zwanzig. Er hat als Kind den Krieg erlebt, die Bombennächte, die Evakuierung, als Jugendlicher den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, die Restauration, die Wiederbewaffnung, den Stillstand. Er war ein braves Kind, vom Vater streng, mit Drill erzogen, sodass man dem Fünfjährigen 1945 das Hackenschlagen mühsam wieder abtrainieren musste.

Entsprechend heftig dann die Auflehnung des Jugendlichen, der Streit mit dem politisch reaktionären Vater. Er hat diesen Vater in den dezidiert autobiografischen Büchern liebevoll geschildert, auch und gerade in den Momenten, die ihm verachtenswert erschienen. So war es ihm schwer erträglich zu wissen, dass der Vater nach dem Ersten Weltkrieg in einem Freikorps gekämpft hatte und weit über diese Zeit hinaus an den alten Kameraden und ihren rückwärtsgewandten Ansichten festhielt. Aber der Vater war auch fantasievoll und erfindungsreich. So hat er sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit einer aus den Trümmern geborgenen Nähmaschine selbst das Kürschnerhandwerk beigebracht, nachdem er sich zuvor

Was folgte, waren Uwe Timms Lehrjahre in Kapitalismus. Der Betrieb musste saniert werden, nicht zuletzt auch durch die Entlassung von Personal. Timm war inzwischen selbst, wie ihm bestätigt wurde, ein ziemlich guter Kürschner. Aber die Verhältnisse und schon gar die Wünsche standen gegen ihn. Mit den Preisen der Kaufhäuser konnte man nicht konkurrieren, und am Horizont formierten sich schon die Tierschützer. Ohnehin hatte er mit seinem Leben anderes im Sinn. Doch braver Sohn, der er immer noch war, gab er erst auf, als er Mutter und Schwester einen schuldenfreien Betrieb hinterlassen konnte.

Schon in seiner Lehrzeit hatte er die väterlichen Gesellen gelegentlich mit der Versicherung belustigt, Schriftsteller werden zu wollen. Jetzt galt es.

Aber der junge Timm konnte sich diesen Beruf

Mit einem nachgeholten Abitur am Braunschweig-Kolleg, an der Seite von Benno Ohnesorg. Die Nachricht von dessen Tod, Jahre später, sollte ihn in Paris erreichen. Er hatte dort eine Dissertation über Albert Camus geschrieben, angelehnt an Heidegger. Doch irritiert durch neuere Erkenntnisse, mochte er dazu nicht mehr stehen. Er hat die Arbeit zerrissen, 140 Seiten. Eine Form der Großzügigkeit im Umgang mit einer solchen Arbeit, die uns im Licht aktueller Erfahrungen nicht unbeeindruckt lässt. Er hat dann später eine neue Dissertation geschrieben, zum gleichen Thema, aber mit einem anderen Ansatz.

Doch zwischendurch hat es ihn heftig umgetrieben. Er geriet mitten hinein in die Studentenbewegung, und er bewegte mit. Einiges davon kann man im »Heißen Sommer« nachlesen, wie gesagt wissend, dass in dem Ullrich Krause eine Menge Uwe Timm steckt, auch wenn wir ihm dabei nicht ganz auf den Leim gehen dürfen. Wir erleben mit ihm den Elan dieser Bewegung, den Empörungsfuror, den entschiedenen Willen, diese Gesellschaft zu verändern.

 

Und er grub tief. Den Anstoß hatte vermutlich der Sturz des Hermann-von-Wissmann-Denkmals gegeben, an dem er, wenn wir Ullrich Krause Glauben schenken,

Der Roman verzichtet auf eine stringente Geschichte und schafft stattdessen ein Panorama voller skurriler Geschehnisse und Figuren, gestaffelt auf mehreren Zeitebenen. Eine dieser Figuren ist ein deutscher Händler, der einst wegen pornografischer Lyrik aus seiner heimischen Schule verwiesen wurde und jetzt, Jahre vor der sogenannten Kolonisierung, das Land mit einem von 22 Ochsen gezogenen Branntweinfass durchzieht, in dem 50 Personen Platz haben würden. Der Schnaps dient ihm als Tauschware für Pfauenfedern, die zu dieser Zeit in der englischen Mode von allerhöchstem Wert waren. »Morenga« ist wahrscheinlich Uwe Timms reichster und fantasievollster Roman, große Literatur und gleichwohl ein klares politisches Statement. Der Kropotkin in Gottschalks Satteltasche verdrängt eine entsprechende Menge Mais. Auch der stille Widerstand verursacht Kosten.

Was war der Preis der Studentenbewegung, was ist aus ihren Akteuren geworden? Uwe Timms Fazit ist ernüchternd, wenn nicht vernichtend. Sie sind ein Stereotyp seiner späteren Romane, die Alt-Achtundsechziger, und er schont sie nicht. Vergleichsweise glimpflich geht er noch mit Ullrich Krause um, dem Helden aus »Heißer Sommer«. Er wird, wie wir in »Rot« erfahren und dann ausführlicher in »Freitisch«,

Völlig aus der Kurve getragen hat es in »Rot« einen weiteren Ehemaligen, der jetzt mit Wein handelt und ihn selbst aus Suppentellern säuft. Kubin heißt ein Ex-Achtundsechziger im Roman »Kopfjäger«, dessen in den Kampfjahren akkumulierte Energie sich inzwischen im Zelebrieren exquisiter Kochkünste erschöpft. Aber es gibt auch den Kerbel aus »Kerbels Flucht«, einer, den die Enttäuschung über den Gang

Irgendwann hat er dann die Maske fallen gelassen und sich gestellt: »Am Beispiel meines Bruders«. Er hat sich diesen Schritt nicht leicht gemacht, hat lange gewartet, bis alle tot waren, um die es dabei auch gehen sollte. Er hat sich dem Thema vorsichtig genähert, voller Ängste, das Terrain war vermint. Der Freikorps-Vater und der unbekannte, wesentlich ältere Bruder, Waffen-SS, Totenkopfdivision. Er hat die Tagebücher des Bruders gelesen, nach Verdächtigem gesucht, verräterische Sätze hin- und hergewendet. War der Bruder an Erschießungen beteiligt, war er Mörder in einem mörderischen System? Unwahrscheinlich, dass ausgerechnet seine Division nicht verwickelt gewesen sein soll. Uwe Timm hat keine Indizien gefunden, doch wirklich erleichtert hat ihn das nicht. Es ist eine beklemmende Spurensuche in einer persönlichen Geschichte, die irgendwie

Dabei ist er, den wir so zupackend freundlich erfahren haben, doch ein so lebhafter, lustvoller, überschäumend witziger Erzähler. Sprechen wir über »Kopfjäger«, ein Roman über einen Anlagebetrüger, 1991 erschienen, lange bevor uns diese Spezies die Hirne vernebelte. Als der Roman beginnt, ist das Roman-Ich bereits verurteilt, aus dem Gericht geflohen und sitzt jetzt in Südspanien an einer Arbeit über die Osterinseln. Da begegnet der Autor sich selbst in einer Figur, die doch ansonsten so weit wie möglich von ihm entfernt ist. In seinem früheren Leben hatte das Roman-Ich eine ganze Reihe von Berufen durchlaufen. Der Autor benutzt sie zu literarischen Ausschweifungen, erzählerischen Glanzstücken. Auch der Geschäftspartner hatte zuvor verschiedene Berufe, vor allem war er Betriebsökonom (so nannte man das) in der DDR und hatte als Sachse Schwierigkeiten, den im Westen geschäftsschädigenden Dialekt loszuwerden. Bei Timm erfahren wir auch, warum das so schwierig ist. Denn durch den sächsischen Dialekt schiebt sich der Unterkiefer um wenige Millimeter nach vorne, und diese anatomische Eigenart der Sachsen muss durch intensives Training ausgeglichen werden.

Und da ist auch noch der schon zitierte Alt-Achtundsechziger und Hobbykoch, der den