RAGHURAM RAJAN
Warum wir in einer globalisierten Welt lokale Gemein schaften brauchen

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1. Auflage 2020
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Copyright der Originalausgabe © 2019 by Raghuram Rajan. Published by arrangement with Penguin Press, an Imprint of Penguin Random House LLC. All rights reserved.
Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel The Third Pillar. How Markets and the State Leave the Community Behind.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Almuth Braun
Redaktion: Ulrike Reinen
Korrektorat: Anja Hilgarth
Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch
Umschlagfoto: Jeff Sciortino Photography
Satz: ZeroSoft, Timisoara
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-95972-252-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-471-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-472-2
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Für Radhika
Vorwort zur deutschen Ausgabe: Unsere Zukunft, unsere Gemeinden
Vorwort
Einführung: Die dritte Säule
Teil 1: Die Entstehung der drei Säulen
1 Markttransaktionen und Zinsen
2 Der Aufstieg des Starken, aber begrenzten Staates
3 Die Befreiung der Märkte ... und ihre Verteidigung
4 Die Gemeinschaft im Gleichgewicht
Teil 2: Ungleichgewicht
5 Der Druck, einen Wohlfahrtsstaat zu schaffen
6 Die IT-Revolution im Anmarsch
7 Der wiedererstarkte Populismus im industrialisierten Westen
8 Auf der anderen Seite der Erde
Teil 3: Die Wiederherstellung des Gleichgewichts
9 Gesellschaft und inklusiver Lokalismus
10 Die Neuausrichtung des Staates und der Gemeinde
11 Die Stärkung der dritten Säule
12 Eine verantwortliche Souveränität
13 Die Reformierung der Märkte
Nachwort
Danksagung
Anmerkungen
Eines Abends im Februar fuhr mich meine Frau in die Notaufnahme eines Krankenhauses. Ich hatte mir die Schulter ausgekugelt … ein Problem, mit dem man nicht bis zum normalen Tagesbetrieb warten kann, das aber nicht so ernst ist, dass man schnell drankommt. Während ich wartete, hatte ich viel Zeit, meine Umgebung zu beobachten. Was mir auffiel, war die große Zahl an älteren Mitbürgern, die allein gekommen waren und geduldig warteten, bis sie an der Reihe waren. Die Krankenschwestern und Pfleger tun ihr Bestes, aber selbst in guten Krankenhäusern ist es von unschätzbarem Wert, wenn man auf einen Freund oder ein Familienmitglied zählen kann, das sich um die kleinen Bedürfnisse kümmert und bei ernsteren Problemen Hilfe holt. Diese Menschen hatten niemanden, der ihnen im Alter half.
Ich bin Ökonom. Üblicherweise sprechen wir über Zinsen und Fiskalpolitik, nicht über Freunde und Familie. Dennoch fiel mir auf, dass die Notaufnahme eines Krankenhauses und die wachsenden Wirtschaftsprobleme in den entwickelten Ländern eines gemeinsam haben – sie schwächen die Gemeinschaft.
Das will ich erklären. In den Industrieländern der Welt bewegt sich die Arbeitslosenquote auf dem niedrigsten Niveau seit zehn Jahren, dennoch sind viele Menschen unzufrieden. Sie halten sich für Opfer des technologischen Wandels und der Globalisierung, und ihre Unzufriedenheit trägt verschiedene Etiketten – Trump, Brexit, Gelbwesten. Im Wesentlichen handelt es sich jedoch um eine Geschichte vernachlässigter Gemeinden, die hinter anderen, prosperierenden Gemeinden zurückbleiben.
Der technologische Wandel und die Globalisierung haben höchst unterschiedliche Effekte innerhalb eines Landes. Arbeitnehmer, die in der Finanzdienstleistung und an einem globalen Finanzplatz wie Frankfurt arbeiten, profitieren enorm von der Möglichkeit, auf Knopfdruck mit der ganzen Welt zu handeln, und das spiegelt sich in ihren Gehältern und ihrem Lebensstil wider. Dagegen werden örtliche Gemeinden oft von der Schließung des einzigen großen Industriebetriebs und Arbeitgebers in der Region verheert, wie in Südwestengland, im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten und in Ostdeutschland geschehen. Nationale Indikatoren wie die Arbeitslosenquote vermitteln ein irreführendes Bild über den Wohlstand und verschleiern die Misere in einzelnen Regionen und Gemeinden.
Für die betroffenen Gemeinden ist der Verlust der lokalen Arbeitsplätze der Anfang einer Abwärtsspirale. Wenn die wirtschaftlichen Chancen schwinden, beginnt der soziale Zerfall. Arbeitslose sind unattraktive Lebenspartner, daher sinkt die Zahl der Ehen, die Scheidungsrate nimmt zu, und es gibt mehr alleinerziehende Eltern. Die Verzweiflung begünstigt Alkoholismus und Drogenkonsum und gelegentlich das Abgleiten der Betroffenen in die Kriminalität. Auch ihre Gesundheit leidet. Ohne eine starke Gemeinde, die in einer solchen Situation Unterstützung bietet, wirkt sich diese Entwicklung außerdem negativ auf die Qualität lokaler Institutionen wie Schulen oder Community Colleges aus und beraubt sie der Fähigkeit, arbeitslosen Menschen dabei zu helfen, sich für die neu entstehenden Arbeitsplätze zu qualifizieren. Und was noch schlimmer ist: In einer Welt, in der die Qualität der eigenen Ausbildung und Kompetenzen so wichtig für den Erfolg ist, können Langzeitarbeitslose kaum auf eine rosige Zukunft für ihre Kinder hoffen.
Der Niedergang einer Gemeinde entwickelt üblicherweise eine Eigendynamik. Die fähigsten Menschen – das sind oft auch die relativ jungen – gehen weg, um sich in einer prosperierenden Gegend niederzulassen, und nehmen ihre Kinder mit. Zurück bleiben die Alten, Schwachen und Nicht-Vermittelbaren.
Unglücklicherweise erschwert die Globalisierung der Märkte es den Gemeinden, darauf zu reagieren und ihnen die Macht streitig zu machen. Der Grund: Unternehmen ziehen naturgemäß vor, dass auf allen Märkten, auf denen sie operieren, einheitliche Regeln herrschen, denn das senkt Kosten. In der Geschichte drängten die Unternehmen aufgrund des zunehmenden Binnenhandels auf verbindliche nationale Regeln, um einen reibungslosen Geschäftsablauf zwischen den Bundesstaaten, Bundesländern oder Provinzen ihres Landes zu gewährleisten: Ein Automobilhersteller will nicht, dass seine Autos je nach Bundesstaat, Bundesland oder Provinz andere Sicherheitsauflagen erfüllen müssen. Daher zogen die Nationalregierungen zulasten der Regionen und Kommunen immer mehr Kompetenzen an sich.
Im Zuge der beschleunigten Globalisierung, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden hat, haben die Nationalregierungen ihrerseits zugunsten von supranationalen und internationalen Organisationen und Abkommen auf einen Teil ihrer Souveränität verzichtet. Zum Beispiel will die Europäische Kommission für Unternehmen in ganz Europa identische Voraussetzungen schaffen, daher wurde ein Großteil der Wirtschaftsregeln von der nationalen auf die EU-Ebene verlagert. Zwar brauchen strukturschwache Gemeinden eine differenzierte Antwort auf die Kräfte, die ihnen zu schaffen machen, aber sie haben nun weniger Macht und Einfluss (oder Finanzmittel), um sich selbst zu helfen.
Hat die Nationalregierung die Möglichkeit, den Niedergang der Gemeinden aufzuhalten? Nicht im Alleingang, weil sie die örtlichen Gegebenheiten beziehungsweise die ortsspezifischen politischen Instrumente nicht gut genug kennt. Die niedrigen Zinssätze werden nicht dazu beitragen, die Investitionen in eine Gemeinde zu erhöhen, in der Drogen und Kriminalität Wirtschaftsunternehmen davon abschrecken, sich dort anzusiedeln. Selbst Steueranreize für die Schaffung von Arbeitsplätzen in struktur- und sozialschwachen Gemeinden lassen unter Umständen nicht die richtigen Arbeitsplätze entstehen. Amazons Entscheidung, eine neue Unternehmenszentrale im New Yorker Stadtteil Queens auf Long Island zu bauen, mit der Aussicht auf 25 000 Arbeitsplätze und durchschnittliche Jahresgehälter von mindestens 150 000 Dollar, wäre das ideale Ergebnis eines solchen Steueranreizes gewesen. Dennoch lehnten verschiedene Lokalpolitiker dieses Vorhaben ab. Zu wenig Bürger der lokalen Standortgemeinde wären für diese Arbeitsplätze qualifiziert gewesen. Es herrschte die Befürchtung, der Zuzug gut bezahlter Arbeitskräfte aus anderen Gegenden könnte die Mieten und Grundsteuern in die Höhe treiben und die alteingesessenen Bewohner verdrängen.
Was sollten wir tun? Jede Gemeinde sollte von dem unstrittigen Produktivitätsanstieg als Folge des technologischen Wandels und der Globalisierung profitieren. Paradoxerweise gibt es aber keine magischen weltpolitischen Tasten, die man nur zu drücken braucht. Stattdessen müssen die Antworten aus der Gesellschaft, um nicht zu sagen den betroffenen Gemeinden selbst kommen. Deren Herausforderung besteht darin, die unterbrochenen Verknüpfungspunkte zu den prosperierenden nationalen und globalen Ökonomien zu finden und zu reparieren, damit sie wieder auf den Wachstumspfad zurückfinden können. In einer Reihe von erfolgreichen Turnarounds, mit denen ich mich eingehend beschäftigt habe, stechen fünf Elemente hervor: Führung, Engagement, Stärkung, Finanzierung und Infrastruktur.
Einige Kilometer von meinem Wohnort entfernt befindet sich die hispanisch-amerikanische Gemeinde Pilsen, ein Vorort von Chicago, der Anfang der 1990er-Jahre buchstäblich einer Kriegszone glich. Auf der Hauptdurchgangsstraße bekämpften sich auf einem Abschnitt von drei Kilometern 21 verschiedenen Gangs und sorgten für eine erschütternd hohe Zahl an Mordopfern. Es war völlig klar, dass die erste Aufgabe darin bestand, die Kriminalität zu senken. Aber wer würde diese Initiative anführen?
Zerfallende Gemeinden brauchen starke Führungspersönlichkeiten, die alle lokalen Gruppen, zum Beispiel Verwaltungsbeamte, Lehrkräfte, Unternehmer, Kirchengruppen und Gemeindemitglieder, hinter sich versammeln, um eine echte Veränderung zu bewirken. Es ist schwierig, eine solche Führungspersönlichkeit in einer zerfallenden Gemeinde zu finden, weil die formale Führung gelähmt ist und viele fähige Leute weggezogen sind. In Pilsen ergab sich diese Führung aus der Verzweiflung heraus. Als ein örtlicher Pastor vor seiner Kirchentür eine Leiche fand und seine Glaubensgemeinde fragte, wer die Verantwortung für den Wiederaufbau der Gemeinde übernehmen wolle, meldete sich eine Gruppe junger Gemeindemitglieder. Aus ihrem Kreis wählten sie einen Anführer für ihr Projekt, das sie passenderweise »Resurrection Project« – Wiederauferstehungsprojekt – tauften. Heute, Siebenundzwanzig Jahre später übt der damals gewählte Leiter des Projekts seine Rolle noch immer aus.
Es lässt sich aber noch mehr tun, um gute Leute zurück in ihre Heimatgemeinde zu locken und den Talentpool für zukünftige Führungspersönlichkeiten zu erweitern. Zum Beispiel könnte denjenigen, die für eine bestimmte Zahl von Jahren in ihre angestammte Gemeinde zurückziehen, die Rückzahlung ihrer Ausbildungs- und Studienkredite erlassen werden, so dass das College zu einem Ort für die Qualifizierung der lokalen Bevölkerung wird, und nicht nur der Flucht der Begabten dient. Auch die Einkommenssteuern für Besserverdienende könnten gesenkt werden, wenn diese sich bereit erklären, für eine bestimmte Zeit in einer benachteiligten Gemeinde zu leben.
Die Führung des »Resurrection Project« setzte sich bei der Kommunalverwaltung dafür ein, dass zwielichtige Bars geschlossen wurden, die den kriminellen Gangs als Treffpunkt dienten. Und sie warben um das Engagement der Gemeinde, indem sie die Bevölkerung dazu aufriefen, Straftaten kollektiv zu melden, damit die Banden keine individuellen Informanten ausmachen konnten, und nach kriminellen Vorfällen auf die Straße zu gehen, um die Kriminalität «auszumerzen.» Außerdem arbeiteten sie mit den örtlichen Unternehmen, Geschäften und Schulen zusammen, um Jugendlichen Ausbildungsplätze als Alternative zu einer kriminellen Karriere zu bieten.
Wenn die örtliche Bevölkerung die Pläne zum Wiederaufbau unterstützt und kollektiv bekräftigt, «Ja, wir schaffen es», befindet sich die Gemeinde wahrhaftig auf dem Weg der Gesundung. Um alle Einwohner einzubinden, und nicht nur besonders mutige Kriminalitätsbekämpfer, und um zu erreichen, dass sie sich mit dem Wiederaufbau identifizieren, konzentrierte sich Pilsen auch auf die Stadtreinigung und die Beseitigung des Unrats, der sich auf den Straßen angesammelt hatte. Der Wendepunkt ist erreicht, wenn die örtliche Bevölkerung einen gewissen Stolz auf ihre Gemeinde entwickelt und von sich aus diejenigen zur Ordnung ruft, die ihren Abfall auf die Straße werfen, anstatt die Mülltonnen und öffentlichen Abfallkörbe zu benutzen.
In den heutigen Gemeinden ist es leichter, Engagement zu entwickeln. Die Leiter der Initiative können mithilfe der sozialen Medien im ständigen Kontakt mit der Bevölkerung bleiben, neue Ideen per Crowdsourcing generieren und diejenigen belohnen, die bereit sind, sich stärker einzubringen und Verantwortung zu übernehmen. Umgekehrt kann eine engagierte Gemeinde ihre Führung und Verwaltung besser überwachen und auf diese Weise Korruption und Trägheit entgegenwirken. Ein gutes Beispiel ist die App »See-Click-Fix«, mit der die Einwohner von Chicago Fotos von Schlaglöchern, Schmierereien oder illegal abgestellten Schrottautos auf der kommunalen Website posten können. Diese bleiben dort für alle sichtbar, bis die zuständigen Stellen erklären, wie das Problem gelöst wurde.
Pilsen musste bei der Kommunalverwaltung auf die Schließung zwielichtiger Bars drängen, weil die Initiative selbst nicht die Befugnis dazu hatte. Die Stärkung der lokalen Kräfte, mit der sich eine jahrzehntelange Fehlentwicklung korrigieren ließ, fördert lokale Entscheidungsprozesse, wie zum Beispiel, welche Art Unternehmen die Gemeinde anwerben möchte, und mit welchen Steueranreizen und Regulierungen. Die Informationstechnologie versetzt Unternehmen heute in die Lage, eine immense Vielfalt an Produkten zu managen. Warum sollten sie also nicht in der Lage sein, mit den unterschiedlichen Vorschriften und Steuern der jeweiligen Gemeinden umzugehen? Diese werden von den Unterschieden profitieren, wobei der Wettbewerb zwischen den Gemeinden von allein dafür sorgen wird, dass sie nicht zu groß werden.
Die Stärkung der Gemeinden ist keine Utopie. Die Schweiz ist ein kleines Land mit einer sehr großen Bevölkerungsdichte. Es gibt drei offizielle Landessprachen, und 25 Prozent der Bevölkerung haben ausländische Wurzeln. Die Schweiz funktioniert so gut, weil viele Entscheidungen bei den einzelnen Kantonen und ihren Gemeinden liegen. Die Grundlage dafür bildet das Subsidiaritätsprinzip, demzufolge jede Entscheidung auf der niedrigstmöglichen Ebene getroffen wird. Zum Beispiel liegt die Verantwortung für die weiterführenden Schulen bei den Kantonen, während die Kommunen für die Kindergärten und Grundschulen verantwortlich sind.
Ohne eine entsprechende Finanzausstattung kann die Gemeinde nicht gestärkt werden. Strukturschwache Gemeinden haben wahrscheinlich keine Möglichkeit, neue Steuern zu erheben. Die Bereitstellung von Fördergeldern durch den Staat oder private Philanthropen, ohne dass daran Bedingungen für den Verwendungszweck geknüpft sind, kann dazu beitragen, neue Projekte auf den Weg zu bringen. Gemeinden, die Kommunalanleihen begeben und nicht profitabel genutzte Vermögenswerte verpachten oder verkaufen dürfen, können mit den Einnahmen wichtige Projekte finanzieren. Kopenhagen hat das in den 1990er-Jahren erfolgreich vorgemacht, als es Grundstücke für private Bauvorhaben verkaufte und damit den Bau einer Metro finanzierte. Der Wertzuwachs der Grundstücke, die im Besitz der Stadt verblieben waren, ermöglichte den weiteren Ausbau der Metro.
Das bringt uns zur Infrastruktur, unabhängig davon, ob sie von der Gemeinde oder der Regierung gebaut wird. Eine restaurierte Innenstadt, eine ansprechende Uferpromenade, einladende Parks und Wege, ein besserer und günstigerer öffentlicher Nahverkehr und Breitband-Konnektivität können eine Gemeinde erfolgreich wiederbeleben. In Pilsen war eine Kommunalbank, die den Erwerb von Wohnimmobilien finanzierte, das Schlüsselelement der finanziellen Infrastruktur. Während der Finanzkrise stand die Bank vor dem Aus; vielen Hausbesitzern, die ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten, drohte eine Zwangsversteigerung. Das hätte verheerende Folgen für die Gemeinde gehabt. Mithilfe kommunaler Anstrengungen, unterstützt von philanthropischen Spenden, konnte die Bank gerettet werden. Diese suchte gemeinsam mit den Hausbesitzern, die Zahlungsschwierigkeiten hatten, nach Lösungen, damit sie in ihren Häusern bleiben und ihre Hypotheken wieder bedienen konnten.
Das Resurrection Project hat es geschafft, Pilsen wieder auf den richtigen Kurs zu bringen. Zwar ist Pilsen immer noch weit davon entfernt, eine wohlhabende Gemeinde zu sein, aber viele ihrer Bewohner haben inzwischen ein gutes Auskommen, der Ort ist sicherer und die Kinder haben eine Zukunft.
Die Kommunen sind natürlich Teil eines Landes. Die Nationalregierung kann eine Segregation von Gemeinden mit Antidiskriminierungsgesetzen verhindern. Sie kann verhindern, dass Lokalregierungen autoritär und übergriffig werden, indem sie dafür sorgt, dass die Menschen die nötigen Informationen und das demokratische Recht haben, schlechte Kommunalpolitiker abzusetzen. Zwar ist die Dezentralisierung der Macht wichtig, dennoch sollte die Nationalregierung ein Auge auf die Lokalregierungen haben, um zu gewährleisten, dass diese ihre Macht auf inklusive Weise einsetzen, die den Menschen auch wirklich nützt. Der inklusive Lokalismus könnte ein Weg sein, um auf die Globalisierung zu reagieren und sie zu schützen.
Dieses Konzept hat aber noch weitere Vorteile: Die Zukunft der meisten Länder wird in einer wachsenden Diversität ihrer Bevölkerung und vielfältigen Kulturen liegen. Verständlicherweise fürchtet sich die mehrheitliche nationale Bevölkerungsgruppe vor einer Verwässerung ihrer Kultur und wird diese anderen Bevölkerungsgruppen aufzwingen und die Immigration sogar ganz stoppen wollen. Dazu gibt es eine Alternative: den Erhalt der Kultur in Form von Gemeinden, in denen Menschen mit ähnlicher Orientierung leben, anstatt zu versuchen, eine nationale Homogenität herzustellen, die sich unmöglich herstellen lässt. Soll sich doch eine Gemeinde an Sauerbraten und Bratwurst erfreuen, während eine andere Naan und Tandoori Chicken genießt, solange ein nationaler Konsens über die gemeinsamen Werte und die gegenseitige Toleranz alle schützt. Starke Gemeinden werden ihre Kultur bewahren und für ihre Kontinuität sorgen und ihren Einwohnern zugleich ermöglichen, die Vielfalt zu genießen, wenn sie es möchten.
Es gibt noch einen weiteren Grund für die Stärkung der Gemeinden, und der hat mit meinen Beobachtungen in der Notaufnahme des Krankenhauses zu tun. Selbst in wirtschaftlich gesunden Gemeinden nehmen die nachbarschaftlichen Kontakte ab. Da Online-Lebensmittellieferungen einen gemeinsamen Einkauf erübrigen und professionelle Gärtnerbetriebe sich um unsere Gärten kümmern, statt der Nachbarskinder, die sich früher mit Gartenarbeit das Taschengeld aufgebessert haben, hat der gewachsene Markt zu einer Entfernung zwischen den Menschen geführt. Da heute sehr viele Menschen im Alter allein sind, weil sie entweder nie einen Lebenspartner hatten oder dieser verstorben ist, haben sich das Problem der Vereinsamung im Alter und die damit einhergehenden Gesundheitsrisiken verschärft. Die sozialen Medien sind keine Hilfe, wenn wir allein in der Notaufnahme eines Krankenhauses sitzen. Die Wiederbelebung der Gemeinde von heute könnte für unser Wohlergehen von morgen nötig sein.
Deutschland hat nicht die gleichen Probleme wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten. Mit Gründung der Bundesrepublik erhielt Deutschland eine föderale Struktur und eine grundgesetzliche Kompetenzverteilung zwischen Bund und Ländern. Außerdem hat Deutschland ein hervorragendes kompetenzorientiertes duales Ausbildungssystem. Die Bundesrepublik hat enorm vom Handel profitiert, insbesondere im Bereich Fertigung. Aber auch Deutschland ist mit den Herausforderungen einer zunehmenden Automatisierung, steigenden politischen Handelsbarrieren, Bevölkerungsüberalterung und Landflucht sowie der Notwendigkeit, aber auch der Schwierigkeit, seine Einwanderer zu integrieren, konfrontiert. Von den Problemen, die ich in diesem Buch anspreche, ist auch Deutschland stark betroffen.
Es gibt allerdings Hoffnung. Viele Gemeinden überlassen die großen Debatten über die Nationalpolitik den Hauptstädten und konzentrieren sich auf ihre lokalen Belange. Jeder von uns kann die Initiative ergreifen, ob im Rahmen der Nachbarschaftshilfe oder an der örtlichen Schule oder durch eine Beteiligung an der Lokalregierung. Dieses Buch mit seiner Analyse, wie die Funktionsfähigkeit unseres liberalen demokratischen Systems wiederhergestellt werden kann, erklärt, warum wir aktiv werden müssen.
Raghuram Rajan, im Dezember 2019
Wir leben in einer Welt des Überflusses. Nach 250 Jahren kontinuierlicher produktionstechnologischer Neuerungen ist die Menschheit heute so reich wie nie zuvor. Und nicht nur die entwickelten Länder haben einen Wohlstandszuwachs erfahren: Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt haben innerhalb von nur einer Generation den Sprung aus einer drückenden Armut in eine komfortable Mittelschichtsexistenz geschafft. Das weltweite Einkommen ist gleichmäßiger verteilt denn je. Zum ersten Mal in der Geschichte besitzen wir die Macht, Hunger und Elend auf der Welt zu beseitigen.
Doch obwohl die Welt wirtschaftliche Erfolge erzielt hat, die noch vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar gewesen wären, sorgen sich einige der scheinbar privilegiertesten Arbeitnehmer in den entwickelten Ländern buchstäblich zu Tode. Im Zeitraum zwischen 1999 und 2013 lag die Todesrate unter nichthispanischen weißen amerikanischen Männern um eine halbe Million höher als die Todesrate in anderen ethnischen Gruppen.1 Diese vermehrten Todesfälle konzentrierten sich auf Bevölkerungssegmente, die entweder gar keinen Schulabschluss oder nur ein Highschool-Diplom, aber keine akademische Bildung besaßen, und waren größtenteils auf Drogen, Alkohol und Suizid zurückzuführen. Um dieses Phänomen in die richtige Perspektive zu rücken: Das ist so, als hätten zehn Vietnamkriege gleichzeitig stattgefunden, und das nicht in irgendeinem weit entfernten Land, sondern in den Wohnhäusern amerikanischer Kleinstädte und ländlicher Regionen. In einem Zeitalter des scheinbaren Überflusses hat die Bevölkerungsgruppe, die einst den amerikanischen Traum verkörperte, offenbar jede Hoffnung verloren. Die Ängste der mäßig bis gering qualifizierten weißen amerikanischen Männer mittleren Alters finden ihre Entsprechung in anderen reichen entwickelten Ländern der westlichen Welt, wenngleich vielleicht mit weniger tragischen Effekten. Die größte Sorge scheint zu sein, dass mäßig qualifizierte Arbeitskräfte ihre guten »Mittelschichtsarbeitsplätze« in rasantem Tempo verloren haben oder Gefahr laufen, sie zu verlieren. Das hat schwere Auswirkungen auf die Betroffenen selbst, aber auch auf ihre Familien und die Gemeinden, in denen sie leben. Es herrscht der allgemeine Konsens, dass die Arbeitsplatzverluste sowohl auf den globalen Handel als auch auf die Automatisierung von Tätigkeiten zurückzuführen sind, die bisher von Menschen ausgeübt wurden. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass nicht der globale Handel, sondern der technologische Fortschritt hauptverantwortlich für diese Entwicklung ist. Trotzdem greifen radikale Politiker immer wieder die Importwirtschaft und die Immigration an und tragen so dazu bei, dass die Ängste der Bevölkerung in Wut umschlagen. Sie wollen die industriellen Arbeitsplätze durch eine Abschaffung der liberalen regelbasierten Wirtschaftsordnung schützen, die nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet wurde – dasselbe System, das den grenzüberschreitenden Güter- und Kapitalverkehr und die Personenfreizügigkeit überhaupt erst ermöglicht hat.
Unsere Zukunft ist einerseits verheißungsvoll und andererseits sehr risikobehaftet. Verheißungsvoll, weil neue Technologien uns dabei helfen können, unsere größten Probleme wie Armut und Klimawandel zu lösen. Das setzt offene Grenzen voraus, damit Innovationen auch die am wenigsten entwickelten Länder der Welt erreichen und gleichzeitig Menschen aus anderen Teilen der Welt in entwickelte Länder locken, um der Überalterung ihrer Gesellschaften entgegenzuwirken. Die Gefahren wiederum liegen nicht nur darin, dass einflussreiche Länder möglicherweise nicht in der Lage sind, sich an die strukturellen Umbrüche anzupassen und stattdessen den Fortschritt zu verhindern suchen, sondern auch in der Art von Gesellschaft, die entstehen könnte, wenn sich unsere Werte und Institutionen angesichts des unverhältnismäßigen Reichtums und der Macht, welche die Technologie einigen wenigen beschert hat, nicht verändern.
Alle bisherigen technologischen Revolutionen sind in mehreren Phasen verlaufen. Zunächst erschütterten sie das traditionelle Gefüge, dann provozierten sie eine gesellschaftliche Abwehrreaktion und schließlich setzte ein breiter gesellschaftlicher Wandel ein, der dazu führte, dass die neue Technologie in der Breite profitabel genutzt werden konnte. Seit Beginn der 1970er-Jahre befinden wir uns in einer Welt der Informations- und Kommunikationstechnologie. Es begann mit der Erfindung von Mikroprozessoren und PCs, gefolgt von einer massenhaften Verbreitung von Computern. Inzwischen gibt es Technologien, die von künstlicher Intelligenz bis zu Quantencomputern reichen und so unterschiedliche Bereiche berühren wie den Außenhandel und die Gentherapie. Die Auswirkungen der IT-Revolution haben über die zunehmend integrierten Märkte für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Menschen die gesamte Welt erfasst. Jedes Land ist Opfer der Disruption geworden, die in dramatischen Episoden wie der globalen Finanzkrise 2007 bis 2008 und der anschließenden großen Rezession gipfelte. Heute erleben wir die gesellschaftliche Abwehrreaktion in Form von populistischen Bewegungen der extremen Linken und Rechten. Was bisher allerdings noch nicht stattgefunden hat, ist der notwendige gesellschaftliche Wandel, damit die technologischen Neuerungen zum Wohle der breiten Gesellschaft genutzt werden können. Und das ist der Grund, warum so viele Menschen sich vor der Zukunft fürchten. Wir befinden uns in einem kritischen Augenblick der Menschheitsgeschichte, in dem falsche Entscheidungen den gesamten wirtschaftlichen Fortschritt aus dem Gleis bringen könnten.
Dieses Buch handelt von den drei Säulen, auf denen die menschliche Gesellschaft ruht, und dem Gleichgewicht, das zwischen ihnen herrschen muss, damit eine breite gesellschaftliche Prosperität möglich wird. Zwei der Säulen sind Klassiker, nämlich der Staat und die Märkte. Viel Papier wurde beschrieben, um die Beziehung zwischen ihnen darzustellen, wobei einige Autoren Verfechter eines starken Staates und andere Verfechter starker Märkte sind. Es ist die vernachlässigte dritte Säule, die Gemeinde als Sozialgemeinschaft und kleinste politische Verwaltungseinheit einer Gesellschaft, die ich in diese Debatte wieder einführen möchte. Wenn irgendeine dieser drei Säulen erheblich geschwächt oder gestärkt wird, typischerweise als Ergebnis des rasanten technologischen Wandels oder einer schweren Wirtschaftskrise, gerät das gesamte Gefüge ins Wanken, und die Gesellschaft muss ein neues Gleichgewicht finden. Die Übergangsphase kann traumatisch sein, allerdings ist es ihr in der Vergangenheit bereits mehrfach gelungen, solche Phasen erfolgreich zu bewältigen. Die zentrale Frage, die in diesem Buch gestellt wird, lautet, wie wir angesichts des anhaltenden disruptiven technologischen und gesellschaftlichen Wandels das Gleichgewicht zwischen den drei Säulen wiederherstellen können.
Ich vertrete die These, dass sich ein Großteil der wirtschaftlichen und politischen Sorgen, die uns heute weltweit umtreiben, einschließlich des erstarkenden populistischen Nationalismus und radikaler Bewegungen der Rechten und Linken, auf eine Schwächung der lokalen Gemeinden zurückführen lässt. Der Staat und die Märkte haben ihre Macht und ihren Einfluss im Gleichklang stark ausgedehnt und die lokalen Gemeinden ohnmächtig und ohne die nötigen Ressourcen zurückgelassen, um die volle Wucht des technologischen Wandels, der sich in ungleichmäßigen Schüben vollzieht, abfedern und bewältigen zu können. Die Lösung zahlreicher Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, liegt darin, aus dysfunktionalen Gemeinden wieder intakte Gemeinden zu machen, und nicht in einer Verteufelung der Märkte. Auf diese Weise können wir das Gleichgewicht zwischen den drei Säulen so wiederherstellen, dass die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert und die liberale Marktdemokratie erhalten bleibt, in der viele von uns leben.
Um spätere Konfusion zu vermeiden, wollen wir hier zunächst das lang-weilige, aber notwendige Thema der Definitionen abhandeln. Im breiteren Sinne ist mit Staat die politische Ordnungsstruktur eines Landes gemeint. Zumeist bezieht sich dieser Begriff auf die Regierung. Neben der Exekutive schließt der Staat aber auch die Legislative und die Judikative ein.
Die Märkte schließen alle privatwirtschaftlichen Strukturen ein, die in einer Volkswirtschaft Produktion und Austausch ermöglichen. Der Begriff erstreckt sich auf die gesamte Vielfalt der Märkte, einschließlich des Marktes für Waren und Dienstleistungen, des Arbeitsmarktes und des Anleihe-, Aktien- und Kreditmarktes (dem Kapital- oder Finanzmarkt). Außerdem gehören die wichtigsten Akteure des Privatsektors dazu, wie Geschäftsleute und Unternehmen.
Dem Lexikon zufolge ist eine Gemeinde im Sinne eines sozialen Gemeinwesens »eine gesellschaftliche Gruppe beliebiger Größe, deren Mitglieder an einem spezifischen Ort leben, eine gemeinsame Regierung haben und oft ein gemeinsames kulturelles und historisches Erbe besitzen«.2 Diese Definition werden wir verwenden, wobei die Nachbarschaft (oder das Dorf, die Kommune oder Kleinstadt) die archetypische Gemeinde der Neuzeit darstellt, das Lehnsgut die Gemeinde des Mittelalters und der Stamm die Gemeinde beziehungsweise Gemeinschaft in der Antike – im Gegensatz zu virtuellen Gemeinschaften oder nationalen religiösen Glaubensgemeinschaften. Lokale Regierungsstrukturen wie Schulausschüsse, Stadtteilräte, Nachbarschaftsversammlungen oder Bürgermeister betrachten wir in diesem Kontext als Teil der Gemeinde. Der Verwaltungsaufbau großer Länder gliedert sich in verschiedene Ebenen zwischen der föderalen Regierung (Teil des Staates) und der lokalen Regierung (der Gemeinde als Sozialgebilde und kleinste demokratische Einheit). Im Allgemeinen zählen wir diese Ebenen zum Staat. Und schließlich werden wir die Begriffe Gesellschaft, Land beziehungsweise Nation im Sinne einer Verbundstruktur, bestehend aus Staat, Märkten, Gemeinden, Menschen, Territorium und anderen Aspekten, wie sie Entitäten wie China oder die Vereinigten Staaten kennzeichnen, abwechselnd verwenden.
Nachdem wir die Begriffsdefinition geklärt haben, wollen wir zum eigentlichen Thema kommen. Für die Menschen in der Antike war der Stamm die Gesellschaft – er war Staat, Markt und Gemeinschaft zugleich. Der Stamm war die Einheit, in der alle Aktivitäten zusammenflossen, einschließlich der Aufzucht der Kinder, der Produktion und des Austausches von Nahrung und Gütern sowie Hilfe und Beistand für die Älteren. Der Stammesführer beziehungsweise die Stammesältesten beschlossen die Gesetze, sorgten für ihre Einhaltung und führten das Kommando über die Stammeskrieger, die das Land zu verteidigen hatten. Wie wir in Teil 1 des Buches sehen werden, lösten sich sowohl die Märkte als auch der Staat im Verlauf der Zeit von der Gemeinschaft ab. Der Handel mit weiter entfernten Gemeinschaften über Märkte ermöglichte den Mitgliedern der jeweiligen Gemeinschaft, sich auf die Dinge zu spezialisieren, die sie besonders gut beherrschten, und das steigerte den allgemeinen Wohlstand. Der Staat, in dem die Macht und die Ressourcen der zahlreichen Gemeinschaften in seinem Herrschaftsgebiet konzentriert waren, regulierte nicht nur die Märkte, sondern setzte innerhalb seines Territoriums auch seine Gesetze durch und verteidigte sein Hoheitsgebiet gegen Feinde von außen.
Die Märkte und der Staat haben sich in jüngerer Zeit nicht nur von der Gemeinde als Sozialgebilde und kleinste politische Verwaltungseinheit eines Landes entfernt, sondern auch zunehmend Aktivitäten an sich gezogen, die traditionell die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen innerhalb der Gemeinden gestärkt haben. Denken Sie an einige Funktionen, die nicht mehr länger im Rahmen der traditionellen Nachbarschaftshilfe ausgeübt werden. Früher halfen die Nachbarn bei der Geburt eines Kindes; heute gebären die meisten Frauen in einem Krankenhaus. Naturgemäß ziehen sie das Know-how professioneller Geburtshelfer der liebevollen, aber amateurhaften Hilfe durch Nachbarinnen vor. Ein noch alltäglicheres Beispiel: Früher boten wir unseren älteren Nachbarn an, sie zum Einkaufen zu begleiten; heute bestellen diese ihre Lebensmittel online. Früher wurden Häuser nach einem Brand in Gemeinschaftsarbeit wiederaufgebaut; heute kassieren die Hausbesitzer die Versicherungssumme und lassen das Haus von einem Bauunternehmen wiederaufbauen. Angesichts der ausufernden Bauvorschriften in den entwickelten Ländern wäre es auch undenkbar, dass ein im Rahmen der Nachbarschaftshilfe gebautes Haus überhaupt eine Bauabnahme erhalten würde.
Die Gemeinde spielt allerdings immer noch eine große Rolle in der Gesellschaft. Sie verankert den Einzelnen in echten menschlichen Netzwerken und verleiht ihm ein Gefühl für die eigene Identität. Die Identität des Individuums ist von der Spiegelwirkung auf seine unmittelbaren Mitmenschen geprägt. Indem die Gemeinde ihren Einwohnern neben den formalen Rathauswahlen auch die Möglichkeit zur Beteiligung an kommunalen Verwaltungsstrukturen wie Eltern-Lehrer-Verbänden, Schulausschüssen, Bibliotheksausschüssen und Nachbarschaftskomitees bietet, gibt sie ihnen das Gefühl, selbstbestimmt und eigenverantwortlich handeln zu können und eine größere Kontrolle über das eigene Leben zu haben. Zugleich verbessert sie damit die lokale öffentliche Verwaltung. Die Nachbarschaftshilfe kann eine sinnvolle Ergänzung sein, wo die formalen Strukturen wie das öffentliche Schulwesen und das staatliche Sicherheitsnetz Lücken aufweisen. Wenn eine Ingenieurin aus der Nachbarschaft in ihrer Freizeit unserem Sohn Nachhilfe in Mathematik erteilt oder die Nachbarn eines Stadtviertels gemeinsam Lebensmittel und Kleidung für bedürftige Haushalte sammeln, hilft die Gemeinde aus, wo die staatlichen Strukturen versagen. Im Rahmen der wiederentdeckten Bedeutung der sozialen Gemeinschaft versuchen moderne gesunde Gemeinden das Vordringen der Märkte und des Staates in immer weitere Lebensbereiche durch Aktivitäten zu kompensieren, die zwischenmenschliche Beziehungen innerhalb der Gemeinde stärken, wie zum Beispiel soziale Zusammenkünfte und Nachbarschaftsverbände.
Die Ökonomen Raj Chetty und Nathaniel Hendren haben versucht, die ökonomische Wirkung eines Lebens in einer wohlhabenderen Gemeinde zu quantifizieren.3 Dafür haben sie in den Vereinigten Staaten die Einkommen von Menschen untersucht, die im Kleinkinderalter mit ihren Eltern das Wohnviertel gewechselt haben. Konkret wurden dabei »bessere« mit »schlechteren« Wohnvierteln verglichen. Die Studie ergab, dass das Einkommen der Testpersonen, die in besseren Wohnvierteln aufgewachsen waren, ungeachtet des Einkommens, das ihre eigenen Eltern hatten, in der nationalen Einkommensverteilung um ein Perzentil über dem Einkommen von Menschen lag, die in einem schlechteren Viertel aufgewachsen waren. Chetty und Hendren stellen fest, dass das Einkommen eines Erwachsenen, der in seiner Kindheit mit seiner Familie von einem schlechteren in ein besseres Viertel gezogen ist, für jedes Kindheitsjahr, das die Familie in dem wohlhabenderen Viertel gelebt hat, um durchschnittlich 0,4 Perzentilpunkte höher liegt. Mit anderen Worten: Wenn die Eltern bei Geburt ihres Kindes in ein gehobenes Wohnviertel ziehen und dort wohnen bleiben, bis das Kind 20 Jahre alt ist, wird dessen Einkommen als Erwachsener 80 Prozent des Unterschieds zwischen den Durchschnittseinkommen in besseren und schlechteren Wohnvierteln ausmachen.
Die Studie legt nahe, dass ein Kind außerordentlich von dem Umzug in ein Wohnviertel profitiert, in dem die Kinder allgemein erfolgreicher sind (zumindest gemessen an ihrem zukünftigen Einkommen). Gemeinden sind also wichtig! Abgesehen von der Familie, in die wir geboren wurden, hat die Gemeinde, in der wir aufwachsen, möglicherweise einen größeren Einfluss auf unsere wirtschaftlichen Zukunftschancen als alle anderen äußeren Einflüsse. Chettys und Hendrens Erkenntnisse beziehen sich auf den Umzug einer einzelnen Familie. Natürlich ist ein massenhafter Wegzug kein Rezept für die Entwicklung einer sozialschwachen Gemeinde. Diese muss Wege finden, um sich zu regenerieren und ihre erfolgreichsten und gebildetsten Mitglieder zu halten. Das ist eine Herausforderung, die in diesem Buch besprochen wird.
Gesunde Gemeinden haben aber auch noch andere Vorteile. Die Kommunalregierung fungiert als Schutzschild gegen die Politik der Nationalbeziehungsweise Bundesregierung und schützt Minderheiten vor einer möglichen Tyrannei der Mehrheit, indem sie als Gegengewicht zur Nationalpolitik und zur Macht des Staates dient. Örtliche Schutzgemeinschaften in den USA und in Europa haben sich zum Beispiel geweigert, mit den nationalen Immigrationsbehörden bei der Identifizierung und Abschiebung illegaler Einwanderer zu kooperieren. Unter der vorigen US-Regierung hat der Bundesstaat Arizona im umgekehrten Sinn das Vorgehen Präsident Obamas ignoriert und seine Einwanderungsgesetze drastisch verschärft.[1]
Zwar kann kein Land funktionieren, wenn sich jede Gemeinde die Gesetze herauspickt, die sie einzuhalten bereit ist, aber wir werden sehen, dass eine gewisse Dezentralisierung der Gesetzgebungskompetenz und ihre Verlagerung auf die Gemeindeebene durchaus vorteilhaft sein kann, vor allem, wenn es zwischen den einzelnen Gemeinden große Meinungsunterschiede gibt.
Eine kritische Funktion, die Gemeinden in modernen Marktdemokratien haben, ist ihre Rolle als Sprungbrett für angehende Politiker – man erinnere sich, dass Barack Obama seine spätere politische Karriere ursprünglich als Gemeindeorganisator begonnen hatte –, die sie als fertige Struktur für die politische Mobilisierung nutzen können. Außerdem sind es die gemeindebasierten Bewegungen gegen Korruption und Vetternwirtschaft, die immer wieder verhindern, dass der Staat als mächtiger »Leviathan« auf zu enge Tuchfühlung mit großen Konzernen geht. Wie wir in diesem Buch sehen werden, sind gesunde Gemeinden für den Erhalt lebendiger Marktdemokratien unverzichtbar. Das ist vielleicht der Grund, warum autoritäre Bewegungen wie Faschismus und Kommunismus versuchen, das Gemeinschaftsbewusstsein durch ein nationalistisches oder proletarisches Bewusstsein zu ersetzen.
Insgesamt gilt, dass die unmittelbare physische Gemeinde heute nach wie vor von Bedeutung ist, und zwar selbst in Großstädten, in denen die verwandtschaftlichen und ethnischen Bindungen nicht so eng sind wie in Dorfgemeinschaften, und sogar in individualistischen Gesellschaften wie den Vereinigten Staaten und Westeuropa. Wenn wir einmal die Bedeutung von Gemeinden für Chancengleichheit und sozialen Zusammenhalt verstanden haben, wird klar, warum das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) – die beliebteste volkswirtschaftliche Kennzahl der Ökonomen – allein nicht ausreicht. Auch wie sich das Wachstum über die Gemeinden eines Landes verteilt, ist von immenser Bedeutung. Menschen, die in ihrer jeweiligen Gemeinde verwurzelt sind, fehlt die Mobilität. Da sie nicht dort arbeiten können, wo das Wachstum stattfindet, sind sie auf Wirtschaftswachstum in ihrer angestammten Gemeinde angewiesen. Wenn uns die Gemeinde am Herzen liegt, müssen wir auf die geografische Verteilung des Wachstums achten.
Welches ist also die Quelle der heutigen Probleme? In einem Wort: das Ungleichgewicht! Wenn sich die drei Säulen der Gesellschaft im Gleichgewicht befinden, hat die Gesellschaft die besten Chancen, für breiten Wohlstand zu sorgen, von dem alle profitieren. Der moderne Staat bietet physische Sicherheit – seine traditionelle Aufgabe –, versucht aber auch, für wirtschaftliche Gerechtigkeit zu sorgen; das ist ein Gebot der Demokratie. Dafür setzt er den Märkten Grenzen und sorgt dafür, dass alle die gleichen Startchancen haben. Außerdem muss er sicherstellen, dass möglichst alle zu gleichen Bedingungen am Markt teilnehmen können und gegen seine Schwankungen geschützt werden. Die Wettbewerbsmärkte sorgen dafür, dass diejenigen, die vorhandene Ressourcen am effizientesten und produktivsten einsetzen, den größten Erfolg haben. Erfolgreiche Marktteilnehmer genießen nicht nur persönlichen Wohlstand, sondern auch eine gewisse Unabhängigkeit vom Staat. Daher haben sie die Möglichkeit, der staatlichen Willkür Grenzen zu setzen. Und schließlich sorgen die Menschen in industriellen Demokratien, die sich in ihren Gemeinden sozial und politisch engagieren und organisieren, für die nötige Trennung zwischen Märkten und Staat. Auf diese Weise leisten sie einen Beitrag zum notwendigen politischen und wirtschaftlichen Wettbewerb und verhindern, dass die Wirtschaft in Vetternwirtschaft und Autoritarismus abgleitet.
Wenn irgendeine der drei Säulen im Verhältnis zu den anderen beiden Säulen übermäßig stark oder schwach wird, leidet die Gesellschaft. Wenn die Märkte zu schwach sind, wird die Gesellschaft unproduktiv. Sind die Gemeinden zu schwach, tendiert die Gesellschaft zu Gefälligkeits- und Klientelkapitalismus; ist der Staat zu schwach, wird die Gesellschaft ängstlich und apathisch. Sind die Märkte dagegen zu stark, steigt die gesellschaftliche Ungleichheit. Werden die Gemeinden zu stark, wird die Gesellschaft inflexibel, und wird der Staat zu stark, führt das zu einer autoritären Gesellschaft. Auf das Gleichgewicht kommt es an!
Die drei Säulen Staat, Markt und Gemeinde befinden sich heute in einem großen Ungleichgewicht. Die unmittelbaren Auswirkungen der IT-Revolution durch die Automatisierung und die indirekten, aber stärker lokalisierten Folgen des globalen Handelswettbewerbs haben in einigen Gemeinden der hoch entwickelten Länder zu massiven Arbeitsplatzverlusten geführt. Typischerweise waren davon mittelmäßig qualifizierte Arbeiter und Angestellte im mittleren Einkommensbereich betroffen. Die große Zahl an überwiegend männlichen Arbeitskräften, die mit den Umwälzungen nicht Schritt halten konnten und können, haben ihre Familien großen Belastungen ausgesetzt. Die sozialen Begleiterscheinungen des Niedergangs der Mittelschicht sind ein Anstieg der Scheidungsrate, der Teenager-Schwangerschaften und der Haushalte mit alleinerziehenden Eltern. Diese Entwicklung hat dazu geführt, dass sich die Lebensbedingungen der Kinder verschlechtert haben, was sich in unzureichenden schulischen Leistungen, hohen Schulabbrecherquoten, einem Anstieg des Drogenkonsums, der Gang-Kriminalität und der allgemeinen Straffälligkeit und natürlich einer hartnäckig hohen Jugendarbeitslosigkeit manifestiert. Der Niedergang der besonders betroffenen Gemeinden entwickelt dabei eine Eigendynamik, da die noch intakten Familien aus diesen Gegenden flüchten, damit ihre Kinder nicht in den Sog einer solchen negativen Entwicklung geraten.
In den Vereinigten Staaten waren Gemeinden mit einem hohen Anteil an Immigranten und anderen Minderheiten die ersten, die von den massiven Arbeitsplatzverlusten betroffen waren; viele von ihnen erlebten in den 1970er- und 1980er-Jahren den sozialen Zusammenbruch. Als Nächstes traf es kleinstädtische und ländliche Gemeinden mit ihrer überwiegend weißen Bevölkerung, die Opfer der massenhaften Schließung von Industriebetrieben im ländlichen Raum wurden. Die Opioid-Epidemie, die sich wie ein Krebsgeschwür in den ländlichen Regionen der Vereinigten Staaten ausbreitet, ist nur eines der Symptome der Trostlosigkeit und Verzweiflung, die den sozialen Zusammenbruch einst gesunder Gemeinden begleitet.
Die technologische Revolution hat auch außerhalb wirtschaftlich schwacher Gemeinden disruptive Effekte gehabt. Sie hat zu einem signifikanten Anstieg der Gehälter hoch qualifizierter Fachkräfte geführt; die Besten der Besten werden von zahlungskräftigen Superstar-Konzernen umworben, die immer mehr Industrien beherrschen. Das hat den Druck auf die Eltern der oberen Mittelschichtsfamilien erhöht, aus sozioökonomisch heterogenen Gemeinden wegzuziehen und ihre Kinder in wohlhabenderen, intakten Gemeinden zur Schule zu schicken, in denen sie gemeinsam mit anderen wohlbehüteten Kindern bessere Lernchancen haben. Die ärmeren Arbeiterfamilien können nicht mithalten, weil sie nicht das Geld haben, um die Mieten oder gar die Kosten von Wohneigentum in wohlhabenderen Gemeinden zu zahlen. Damit fallen ihre Gemeinden einen weiteren Schritt zurück, ausgelöst von der massenhaften Flucht der wohlhabenderen Bürger in bessere Viertel. Dieses Nirwana für die obere Mittelschicht – eine bildungs- und kompetenzbasierte Meritokratie – ist durch den technologischen Wandel entstanden. Im Zuge der verschärften sozioökonomischen Abgrenzung der Bevölkerungsschichten und des Niedergangs heterogener Gemeinden hat sie sich aber auch in eine Erbstruktur verwandelt, in der nur die Kinder bereits erfolgreicher Eltern ebenfalls auf ein erfolgreiches Leben hoffen dürfen.
Alle anderen bleiben in ihren vom Niedergang betroffenen Gemeinden, in denen junge Menschen kaum Chancen haben, sich das erfolgskritische Wissen und die nötigen Kompetenzen für beruflichen Erfolg in einer digitalisierten Wissensökonomie anzueignen, auf der Strecke. Die Gemeinden stecken in einem Teufelskreis, in dem sich der wirtschaftliche und soziale Niedergang gegenseitig Nahrung bieten. Die Konsequenzen sind verheerend. Gesellschaftlich entfremdete Menschen ohne jede Hoffnung, die nur die Verwurzelung in einer intakten Gemeinde bieten kann, werden Opfer von Demagogen der extremen Rechten und Linken, die ihre schlimmsten Vorurteile anheizen. Populistische Politiker, die undifferenziert auf die Elite der oberen Mittelschicht und die etablierten bürgerlichen Parteien eindreschen, treffen mit ihren Botschaften auf empfängliche Ohren.
Wenn die unmittelbare Gemeinde dysfunktional ist, suchen sich ausgegrenzte Menschen andere Wege, um ihr Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu befriedigen.4 Der populistische Nationalismus bietet eine solche scheinbar attraktive Vision einer großen, sinnerfüllten imaginären Gemeinschaft, ob es der weiße Majoritarismus in Europa und den Vereinigten Staaten, der islamisch-türkische Nationalismus der AKP oder der Hindutva-Nationalismus von Indiens Rashtriya Swayamsevak Sangh ist.5