Übersetzung des Textes aus dem Französischen von
Anne Ehrhardt (Le Humbug – Moeurs américaines)
Korrekturen und Lektorat: Dirk Seliger
und Meiko Richert
Illustrationen: Hagen Flemming
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
1 Auflage 2019
ISBN: 978-3-943275-45-2
© by Edition Dornbrunnen – Verlag Sven-R. Schulz, Berlin,
Sven-R. Schulz, Dornbrunner Straße 16, 12437 Berlin
www.edition-dornbrunnen.de
Titelgestaltung: Hagen Flemming
Alle Rechte vorbehalten.
Ein Nachdruck oder sonstige Vervielfältigungen, auch auszugsweise, sind verboten.
Kein Teil des Werkes darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages in irgendeiner
Form (Foto kopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Druck und Vertrieb: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Im März des Jahres 1863 bestieg ich den Dampfer Kentucky, der zwischen New York und Albany verkehrte.
Zu dieser Jahreszeit verursachte der enorme Warenaustausch zwischen diesen beiden Städten eine rege Geschäftigkeit, was allerdings nichts Ungewöhnliches darstellt. Tatsächlich unterhalten die New Yorker Händler mittels ihrer Partner ständige Beziehungen mit den entferntesten Provinzen und bringen auf diese Weise die Erzeugnisse der Alten Welt in Umlauf, während sie gleichzeitig Waren nationaler Herkunft ins Ausland exportieren.
Meine Abfahrt nach Albany gab mir so erneut die Gelegenheit, die Betriebsamkeit New Yorks zu bewundern.
Von allen Seiten strömten die Reisenden heran; die einen schalten die Träger ihrer zahlreichen Gepäckstücke aus; andere wiederum, deren Garderobe in eine winzige Tasche passte, kamen allein, wie wahrhafte Gentlemen. Man stürzte herbei, allseits bestrebt, einen Platz an Bord des Dampfschiffes, das die Spekulation mit einer gänzlich amerikanischen Elastizität ausgestattet zu haben schien, zu ergattern und zu besetzen. Zwei erste Glockenschläge ertönten und verbreiteten unter den Nachzüglern einiges Entsetzen. Der Schiffssteg bog sich unter dem Gewicht der letzten Ankömmlinge, die generell wie überall Leute sind, deren Reise auch ohne beträchtlichen Schaden hätte verschoben werden könnte. Nach und nach lichtete sich das ganze Gedränge. Pakete und Reisende waren aufgestapelt und untergebracht. Das Feuer brauste in den Rohren des Dampfkessels, und die Brücke der Kentucky erzitterte. Die Sonne, die sich bemühte, den Morgendunst zu durchdringen, erwärmte die Märzluft ein wenig, sodass sie einen dazu veranlasste, den Kragen des Anzugs hochzuschlagen, die Hände in die Taschen zu versenken und bei sich zu sagen: Es wird heute schön werden.
Da meine Reise keine geschäftliche war, mir also leichtes Gepäck genügte, um all meine Reiseutensilien zu fassen, und ferner mein Geist sich weder mit zu wagenden Spekulationen noch mit einem zu überwachenden Markt beschäftigte, flanierte ich durch meine Gedankenwelt, verließ mich auf den Zufall, diesen intimen Freund der Touristen, immer bemüht, auf dem Weg etwas Vergnügliches und Unterhaltsames zu treffen, als ich schließlich drei Schritte von mir entfernt Mrs. Melvil bemerkte, die aufs Charmanteste lächelte.
»Wie! Sie, Mistress?«, rief ich mit einer Überraschung aus, die nur von meiner Freude übertroffen werden konnte. »Sie setzen sich den Gefahren und dem Gedränge eines Hudsondampfers aus?«
»Zweifellos, mein lieber Herr«, antwortete mir Mrs. Melvil und reichte mir ihre Hand. »Im Übrigen bin ich nicht allein, meine gute, alte Arsinoé begleitet mich.«
Auf einem Ballen Wolle sitzend, zeigte sie mir ihre treu ergebene schwarze Dienstbotin, welche sie auf rührende Art betrachtete. Das Wort rührend ist es wert, unter diesen Umständen hervorgehoben zu werden, da nur diese Dienstboten so zu blicken wissen.
»Welche Hilfe und Stütze könnte Ihnen Arsinoé schon sein, Mistress«, sagte ich. »Ich schätze mich glücklich, das Recht zu haben, während dieser Überfahrt Ihr Beschützer zu sein.«
»Wenn Sie es als Recht ansehen«, antwortete sie mir lachend, »werde ich Ihnen gegenüber keinerlei Verpflichtungen empfinden. Aber wie kommt es, dass ich Sie hier treffe? Nach dem, was Sie uns gesagt hatten, wollten Sie diese Reise erst in einigen Tagen antreten. Warum haben Sie uns also gestern nichts von Ihrer Abreise erzählt?«
»Ich wusste selbst nichts davon«, erklärte ich. »Ich entschied mich nur deshalb, nach Albany zu fahren, weil mich die Glocke des Passagierdampfers um 6 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen hatte. Da sehen Sie, wohin so etwas führt. Wenn ich erst um 7 Uhr aufgewacht wäre, hätte ich vielleicht die Route nach Philadelphia genommen. Sie selbst, Mistress, schienen aber gestern Abend auch die sesshafteste Frau der Welt zu sein.«
»Zweifellos! Aber Sie sehen jetzt hier nicht Mrs. Melvil, sondern nur die führende Angestellte von Henri Melvil, dem New Yorker Reeder, die die Ankunft einer Ladung nach Albany überwacht. Sie verstehen das nicht, Sie, der Sie aus den ach so zivilisierten Ländern der Alten Welt kommen. – Mein Mann kann heute Morgen New York nicht verlassen, also werde ich ihn vertreten. Ich versichere Ihnen, dass die Bücher deshalb nicht weniger gut geführt, und die Rechnungen nicht weniger exakt sein werden.«

»Wie! Sie, Mistress?«, rief ich mit Überraschung.
»Ich bin entschlossen, mich über nichts mehr zu wundern«, rief ich aus. »Wenn dagegen etwas Ähnliches in Frankreich passieren würde, wenn also die Frauen die Geschäfte ihrer Männer führten, würden die Männer nicht zögern, die ihrer Frauen zu übernehmen. Dann wären sie es, die Klavier spielten, Blumen pflückten, Hosenträger bestickten …«
»Sie schmeicheln Ihren Landsleuten nicht gerade«, entgegnete Mrs. Melvil lachend.
»Ganz im Gegenteil! Denn ich setze voraus, dass deren Frauen ihnen Hosenträger besticken.«
In diesem Moment erklang der dritte Glockenschlag.
Mitten hinein in das Schreien der Seeleute, die mit langen Bootshaken ausgerüstet waren, um das Dampfschiff vom Kai abzustoßen, stürzten sich die letzten Reisenden auf die Landungsbrücke.
Ich bot Mrs. Melvil meinen Arm und führte sie etwas nach hinten, wo das Gedränge weniger stark war.
»Ich habe Ihnen Empfehlungsschreiben für Albany gegeben«, begann sie.
»Zweifellos. Wünschen Sie, dass ich Ihnen ein weiteres Mal dafür danke?«
»Nein, gewiss nicht, denn Sie werden sie gar nicht brauchen. Da ich mich zu meinem Vater begebe, an den sie adressiert sind, erlauben Sie mir, Sie ihm nicht nur vorzustellen, sondern auch in seinem Namen einzuladen.«