817619_Garlough_Brown_Spuren_deines_Lichts_S003.pdf

3

Egal, wie alt sie war, Wren wurde nie müde, sich die Geschichte von dem „himmlischen Besucher“, wie ihre Mutter den kleinen Vogel nannte, anzuhören.

Sie stopfte ein Kissen hinter ihren Kopf, klappte ihren Notizblock auf und malte die Umrisse ihres geflügelten Namensvetters.

Als sie klein gewesen war, hatte Wren häufig im Schneidersitz auf der Weide gesessen und gehofft, einer von diesen kleinen Staffelschwänzen, die in dem die Weide eingrenzenden Gebüsch herumflatterten, käme zu dem Schluss, dass sie ein gutes Mädchen war, und würde sich ebenfalls auf ihrem Schoß niederlassen. Aber leider klappte das nicht, obwohl sie ganz still saß, und das machte das, was ihre Mutter erlebt hatte, umso besonderer und geheimnisvoller.

Mit der Bleistiftspitze schattierte sie den Schwanz.

Abends hatte Wren dann an ihre Mutter gekuschelt in dem kleinen Dachzimmer gesessen. Beide machten es sich unter der von ihrer Großmutter handgefertigten Steppdecke gemütlich, und Wren lauschte der Stimme ihrer Mutter. Wie keine andere vermochte diese es, ihre Ängste zur Ruhe zu bringen, indem sie Wren versicherte, dass sie in Sicherheit war, dass Gott über sie wachte und dass er selbst sie zusammengeknüpft hatte, nicht mit Nadeln, wie ihre Oma sie zum Nähen benutzte, sondern mit Liebe. Wren verstand nicht, was es bedeutete, dass Gott etwas mit Liebe zusammenknüpfte, aber sie hatte das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein. Sie wusste, dass sie erwählt war und dass Gott sie bereits gekannt hatte, bevor sie zur Welt gekommen war.

„Aber was hat der Vogel gemacht, nachdem er auf deinen Schoß gehüpft war?“, fragte sie dann.

Und ihre Mutter antwortete: „Für mich sah es so aus, als wollte er sagen: ‚Ich wurde gesandt, um dir eine Nachricht von Gott zu überbringen.‘“

„Welche Nachricht?“

„‚Hab keine Angst.‘“

Und so legte Wren den Kopf auf ihr Kissen und versuchte, ihre eigene Angst zu vertreiben. Denn wenn Gott zu ihrer Mutter „Hab keine Angst“ gesagt hatte, dann brauchte auch sie keine Angst zu haben. Vor nichts.

Trotzdem war sie immer froh, dass Opa seinen Schlangenstock mitnahm, wenn sie gemeinsam in den Busch gingen. Er hatte ihr nämlich erzählt, dass einer seiner Hunde von einer Östlichen Braunschlange gebissen und getötet worden war. Nun hatte Wren Angst, dass Tangara, ihr liebster Hütehund, eines Tages auch gebissen und getötet werden würde. Diese Östlichen Braunschlangen waren schnell und aggressiv, und Opi sagte, sie seien bösartig und könnten sich aufrichten wie ein Hengst, und ihr Gift sei so gefährlich, dass es ein kleines Mädchen lähmen könne. Ihre Mutter gab ihm dann immer ein Zeichen, er solle ihr solche Dinge nicht erzählen, aber Opa erwiderte darauf: „Sie muss Bescheid wissen, damit sie aufpasst, wenn sie draußen spielt.“

Und wenn ihre Mutter abends dann die Leiter mit einem letzten „Ich hab dich lieb. Schlaf gut!“ hinuntergestiegen und ihr Kopf unterhalb der Dachbodenklappe verschwunden war, hatte sich Wren hinter einer Mauer aus Plüschtieren verbarrikadiert, war unter die Bettdecke gekrochen und hatte durch die Dachluke hindurch das Kreuz des Südens angeschaut, denn wenn sie das sehen konnte, wusste sie, dass Gott auch sie sehen konnte.

Als ihre Bettnachbarin hereinkam, schob Wren den Block unter die Decke. Sobald Monica eingeschlafen war, würde Wren eine schwangere Frau mit einem Vogel auf dem Schoß zeichnen. Sie wünschte, sie hätte ihre feinen Grafitstifte mitgebracht, aber vermutlich wären die zusammen mit den Schnürsenkeln und der Kordel ebenfalls konfisziert worden. Sie sollte dankbar sein, dass sie einen Bleistift behalten durfte.

Der arme Vincent. In der Anstalt hatte man ihm seinen Stift weggenommen. Ebenso wie seine Malutensilien, nachdem er während einer seiner Anfälle Ölfarbe und Terpentin geschluckt hatte. Er leide an einer Schläfenlappenepilepsie, hatten seine Ärzte gesagt. Damit einher gingen schlimme Anfälle und Halluzinationen, die Wochen anhalten konnten und ihm große Angst einjagten. Der arme, gequälte Vincent, verletzt und gestrandet und verängstigt, sehnte sich nach einem Becher Trost, nach Rettung, nach Frieden.

Wren räusperte sich und grüßte, als sie bemerkte, dass Monica zu ihr herübersah.

Leise erwiderte Monica ihren Gruß. Dann schlurfte sie zu ihrem Bett, holte ihren Schlafanzug unter dem Kissen hervor und verschwand hinter dem Vorhang, um sich umzuziehen.

Wren hoffte nur, dass sie schlafen konnte, ohne alle halbe Stunde von Monicas Schnarchen geweckt zu werden – trotz der Ohrstöpsel, die Kelly ihr gebracht hatte. Eigentlich sollte sie Mitgefühl für ihre Leidensgenossin empfinden – was immer deren Leiden war –, doch stattdessen empfand sie nur verzweifelte Erschöpfung.

So hatte sie ihrer Mutter ihren Kampf geschildert, als sie ein zweites Mal telefoniert hatten. Ja, sie habe häufige Panikattacken gehabt und leide unter Depressionen, aber wenn sie nur etwas Schlaf bekomme und medikamentös wieder richtig eingestellt sei, dann wäre alles gut. Und nein, es sei nicht nötig, dass Kit sie besuchen komme. Sie wolle sich ausschließlich auf ihre Gruppenstunden konzentrieren und darauf, dass sie so weit wiederhergestellt werde, dass sie nach Hause zurückkehren könne. Morgen wolle sie ihr schriftliches Entlassungsgesuch vorlegen, und dann müsse sie maximal noch drei Tage bleiben, was, wie sie ihrer Mutter versichert hatte, ausreichend Zeit sei. Zumal die Behandlung in der Klinik manchmal genauso schwer zu ertragen sei wie die Krankheit selbst.

Psychische Erkrankung.

Sie litt an einer „psychischen Erkrankung“. Wren hatte versucht, sich mit dieser Bezeichnung abzufinden, seit im Teenageralter eine Angststörung und eine Depression bei ihr diagnostiziert worden waren. „Das ist keine Schande“, hatte der Arzt gesagt, als er ihr das erste von vielen Rezepten ausstellte. „Wenn du Diabetikerin wärst, bräuchtest du Insulin.“

Aber diese Logik schien sich einigen Christen aus ihrem Bekanntenkreis nicht zu erschließen, die, obwohl sie ganz bestimmt keinen Diabetiker dafür verurteilen würden, dass er Medikamente nahm, darauf beharrten, dass man von Depressionen und Angststörungen geheilt werden könne, wenn man „nur genug dafür beten“ oder „die richtigen Bibelstellen auswendig lernen“ würde. Das hatte ihr ein Kleingruppenleiter gesagt, als Wren im ersten Collegejahr mit ihm über ihre Probleme gesprochen hatte. „Angststörungen und Depressionen sind ein Zeichen dafür, dass dir der Glaube fehlt“, hatte der Gruppenleiter gesagt. Wenn sie nur Buße tun und Jesus vertrauen würde, dann komme alles wieder in Ordnung.

„Und da fragst du dich, warum ich nicht in die Kirche gehe?“, hatte Casey gesagt, als sie ihm davon erzählt hatte. Dann hatte er darüber geschimpft, dass Hiobs Freunde gesund und munter waren und ihre frommen Plattitüden über diejenigen ergossen, die in Staub und Asche saßen.

Wren bereute, ihm überhaupt davon erzählt zu haben. Er brauchte nicht noch mehr Nahrung für seinen Zorn auf die Kirche.

Kurz darauf hatte Wren die Kleingruppe verlassen und die Gemeinde gewechselt. Und sie hatte den Entschluss gefasst, mit niemandem mehr außer Casey, ihren Eltern und ihrem Therapeuten über ihre Erkrankung zu sprechen. Sie wollte keine weiteren Vorhaltungen riskieren. Wenn sie „nur an Jesus zu glauben“ brauchte, um aus der Dunkelheit herauszukommen, dann wäre ihr das mittlerweile gelungen. Über Jahre hinweg hatte sie das versucht. Aber die Erklärung, ihre Ängste und Depression hätten ihre Ursache in der Sünde oder in mangelndem Glauben oder einem geistlichen Krieg, verstärkte diese nur noch.

Der Vorhang wurde zurückgeschoben und Monica erschien in einem gestreiften Flanellschlafanzug. Ihre Jeans und ihr Sweatshirt drückte sie wie eine Rettungsweste an ihre Brust.

„Deine Socken“, sagte Wren und deutete auf den Boden. „Du hast deine –“

„Oh. Danke.“ Als sie sich bückte, um sie aufzuheben, verlor sie beinahe das Gleichgewicht.

„Alles in Ordnung?“

Monica blickte auf, und ihr Mund verzog sich zu einem trockenen Grinsen. „Ist überhaupt jemand von uns in Ordnung?“

Unsicher, ob dies die Eröffnung eines Gesprächs war – oder ob sie selbst überhaupt ein Gespräch führen wollte –, versuchte Wren, die Spitze ihres kleinen Fingers in das Loch ihres Sweatshirts zu zwängen, durch das normalerweise die Kordel gezogen wurde.

„All das hier“, Monica gestikulierte wild mit der Hand vor ihrem Gesicht, „diese vielen Masken, dieses ganze ‚Mir geht es gut, alles ist in Ordnung‘ fällt in sich zusammen, ob wir es wollen oder nicht. Es fällt an einem Ort wie diesem in sich zusammen. Und die da draußen behaupten, ich bin tapfer. Tapfer? Dass meine Mutter meine Kinder versorgen muss, damit ich eine Pause vom Muttersein bekomme – das ist tapfer? Das macht mich einfach nur krank!“ Voller Abscheu spuckte sie dieses letzte Wort aus. „Und dieser Psychiater, Breyer, Bauer –“

„Browerly?“

„Ja, Browerly. Der ist doch einfach nur überflüssig. Sitzt da an seinem Computer und schaut dich nicht einmal an, während er ununterbrochen tippt. Das ist alles so … so …“

Wren wartete darauf, dass sie das richtige Wort fand.

Entwürdigend. Eine Nummer. Ich bin eine Nummer. Seine ‚Zwei-fünfzehn‘ oder ‚Zehn-dreißig‘ oder ‚Eins-fünfundvierzig‘. Ich bin ein Termin in seinem Kalender, mehr nicht.“ Sie streifte ihre Pantoffel ab. „Er sitzt die Stunde ab, damit er die Gebühren kassieren und seine Hütte am See oder seine Kreuzfahrt oder was auch immer finanzieren kann.“

Wren räusperte sich erneut. „Kelly ist nett.“

„Ja, Kelly ist in Ordnung. Aber Kelly ist nicht diejenige, die über meinen Aufenthalt hier entscheidet. Das ist Browerly. Und wenn du ihn wirklich mal sprechen möchtest, dann geht er dir aus dem Weg. Ist dir das schon aufgefallen? Was passiert, wenn du mit ihm über deine Entlassung sprechen möchtest oder eine Beschwerde wegen irgendetwas hast? Dann ist er gerade“, sie machte mit den Fingern Anführungsstriche in die Luft, „nicht zu sprechen. Ist dir das aufgefallen?“

Das war ihr tatsächlich aufgefallen. Aber Dr. McKendrick, der andere Psychiater, den alle hier bevorzugten, war ausgebucht. Wren hatte sich erkundigt.

„Das ist ein einziger großer Schwindel“, sagte Monica. „Ich hätte mich nie bereit erklären dürfen hierherzukommen. Und wie heißt es so schön? Neunzig Prozent von uns werden wieder hier landen? Nein, ich nicht!“ Ihre Augen funkelten vor Entschlossenheit, als sie die Decke zurückriss und in ihr Bett stieg. „Ich nicht!“

Nein, dachte Wren. Ich auch nicht. Bitte nicht!

Sie zog die Knie fest an ihre Brust und wartete, bis sie hörte, dass Monicas Atmung tiefer wurde, bevor sie ihren Schlafanzug unter dem Kissen hervorholte, auf Zehenspitzen zum Bad schlich und den Vorhang ganz leise hinter sich zuzog. Ich nicht. Auf gar keinen Fall! Sie würde beweisen, dass die Statistik falsch war. Leise wand sie ihren rechten Arm aus ihrem Ärmel und zog das Sweatshirt hoch. Atme. Sie hielt inne. Ein dunkler Schleier legte sich über ihr Gesicht, und sie konzentrierte sich darauf, ihr Zwerchfell mit Luft zu füllen.

Dr. Browerly hatte ihr in den ganzen fünfzehn Minuten, die sie an diesem Nachmittag vor seinem großen, unaufgeräumten Schreibtisch gesessen hatte, kein einziges Mal in die Augen geschaut. Wie ein kleines, ängstliches Kind, das zur Befragung ins Büro des Schulleiters gerufen worden war, hatte Wren sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihn zu korrigieren, als er sie mit falschem Namen ansprach. Nein, Herr Doktor, sie glaubte nicht, dass sie ein Problem mit Zorn hatte. Nein, Herr Doktor, sie hatte noch nie einen solchen Zorn erlebt. Er veränderte die Dosierung eines ihrer Medikamente und schickte sie fort.

Atme.

Sie wusste nicht mehr, wie man atmete.

Sie versuchte, sich das Sweatshirt vom Leib zu reißen, aber ihr linker Arm fühlte sich an wie tot. Sie war gefangen, schlug um sich, ihre Kehle zog sich zusammen.

Atme!

Sie konnte nicht schlucken. Sie erstickte!

Hilfe!

Keine Worte, kein Atem. Ihr Herz raste. Ihre Brust drohte zu explodieren. Sie spürte ihren pochenden Pulsschlag in den Ohren. Sie würde sterben. Sie riss sich das Sweatshirt vom Leib, dann ihr T-Shirt, und mit nacktem Oberkörper schwitzte und fror sie gleichzeitig. Diesmal würde sie sterben. Sie schwebte, wirbelte herum. Sie sank auf den kalten Fliesenboden und überließ sich der alles verzehrenden Dunkelheit.

B

Nein. Kein Beruhigungsmittel. Sie wollte nicht noch mehr Medikamente schlucken. Die Panikattacken kamen in unaufhaltsamen Wellen, und manchmal wusste Wren gar nicht, wodurch sie ausgelöst wurden. Attacken wie diese, die sie ohne offensichtlichen Grund oder Zusammenhang überfielen, waren besonders beängstigend. „Ich gehe schnell unter die Dusche“, sagte sie zu Bree, der Nachtschwester, die sie bei einem ihrer Rundgänge zusammengekauert und hyperventilierend hinter dem Vorhang vorgefunden hatte. „Das hilft mir zu entspannen.“

Monica, die von dem Trubel geweckt worden war, drehte sich um, stieß einen lauten Seufzer aus und zog sich die Decke über den Kopf.

„Entschuldige bitte“, sagte Wren. Und still für sich fügte sie hinzu: Aber du hast mich auch schon oft aufgeweckt. Sie drückte ihr Sweatshirt noch fester an sich und senkte die Stimme. „Bitte, Bree.“

„Und Sie wollen ganz bestimmt nicht mit der Stationsschwester sprechen?“

Im Augenblick war sich Wren nicht sicher, was sie wollte, außer nicht noch mehr die Kontrolle zu verlieren. „Nur eine Dusche. Bitte!“

Bree zögerte, sagte dann aber: „In Ordnung. Sie müssen den Knopf drücken –“

„Ich weiß.“ Wren war kein Neuling, und sie hatte es nicht vergessen: den Knopf an der Wand alle dreißig Sekunden drücken, damit das Wasser floss und das Personal wusste, dass alles in Ordnung war.

Wenige Minuten später stand sie unter dem Wasserstrahl, eine Hand an dem Knopf, und Tränen liefen über ihre Wangen. Mein Gott, mein Gott, murmelte sie. Warum?

4

Du musst zu ihr fliegen“, sagte Dylan zu Jamie, als sie seine Krawatte richtete. „Wenn sie nicht will, dass Kit sie besucht, dann musst du dich auf den Weg machen.“

Jamie strich mit der Fusselrolle über seine Anzugjacke und suchte seinen Blick in der verspiegelten Schranktür.

„Die Kinder und ich kommen schon zurecht“, fuhr er fort. „Olivia kann ein wenig im Haushalt helfen, und für das Büro können wir ein paar Leute als Aushilfe organisieren.“ Seit die langjährige Gemeindesekretärin in den Ruhestand gegangen war, hatte Jamie an mehreren Tagen in der Woche im Büro gearbeitet.

„Das ist nicht der Punkt“, erwiderte sie. „Wren besteht immer noch darauf, dass sie allein damit fertigwerden muss.“

Dylan zuckte die Schultern. „Ja, aber sie braucht Unterstützung, auch wenn sie behauptet, dass es nicht so ist.“

„Aber was sagen wir der Gemeinde? Sie möchte nicht, dass die Sache bekannt wird.“

„Nein, ich weiß. Traurig, nicht? Wenn sie wegen Gallensteinen oder einer Blinddarmentzündung im Krankenhaus liegen würde, dann hätten wir sie auf die Gebetsliste gesetzt.“

„Was hätten wir auf eine Liste gesetzt?“, flötete Zoe von der Tür aus.

„Nichts, Zoe. Lass mich mit Papa reden, okay?“

„Komm schon, Zo“, sagte Olivia und ergriff mit einem wissenden Blick zu ihrer Mutter Zoes Hand. Offensichtlich hatte auch sie gelauscht. „Du musst dich für den Gottesdienst anziehen.“

„Mami muss noch meine Sachen rauslegen.“

„Ich helfe dir heute.“

„Danke, Liv“, sagte Jamie. Olivia nickte und schloss die Schlafzimmertür.

„Siehst du?“, sagte Dylan und zupfte seinen Kragen zurecht. „Wir kommen klar. Und falls jemand fragt, sage ich, dass Wren in letzter Zeit ziemlich unter Stress gestanden hat und Zeit mit ihrer Mutter braucht. Ende der Geschichte. Die Leute wissen, dass sie einen anstrengenden Job hat. Sie werden keine weiteren Fragen stellen.“

Vermutlich hatte er recht. „Stress“ war eine gesellschaftlich akzeptablere Bezeichnung als „Nervenzusammenbruch“. Bei Stress reagierten die Leute in der Regel sehr mitfühlend und verständnisvoll.

Jamie riss ein Stück Klebeband von der Fusselrolle ab und knüllte es zusammen. Wenn sie die Warnzeichen nur schon früher wahrgenommen hätte. Wenn sie nur aufmerksamer gewesen wäre, die Initiative ergriffen und mehr Fragen gestellt hätte. Wenn nur, wenn nur, wenn nur. „In Ordnung“, sagte sie schließlich. „Ich rufe im Krankenhaus an.“

B

Es war Spätnachmittag, als Wren zurückrief. Ihre Stimme klang dünn und erschöpft. „Du weißt doch, dass ich dich gern sehen würde, Mama, aber im Augenblick ist das keine gute Idee.“

Jamie schloss die Schlafzimmertür und ließ sich auf ihrer Bettkante nieder. „Aber ich möchte nicht, dass du all das allein durchmachen musst.“

„Selbst wenn du herkämst, Besuchszeit ist nur zweimal die Woche. Und ich hoffe wirklich sehr, dass ich nur noch ein paar Tage hierbleiben muss.“

„Hast du dein Entlassungsgesuch schon eingereicht?“

„Nein. Nicht nach dem Vorfall von gestern Abend. Ich werde jetzt erst mal abwarten, wie die Anpassung der Medikation wirkt.“

„Liebes, ich wünschte …“

„Ich weiß. Ich wünschte auch, du könntest mir irgendwie helfen. Aber das kannst du nicht. Niemand kann das.“

Jamie strich über die blaue Patchworkdecke, und ihre Finger verweilten auf den handgenähten Stichen ihrer Mutter. „Was wird, wenn du wieder zu Hause bist? Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass du ganz allein in deiner Wohnung bist. Soll ich vielleicht dann kommen?“

„Vielleicht. Aber ehrlich: Im Augenblick kann ich nicht so weit vorausdenken. Mir ist gerade nicht danach, Pläne zu schmieden. Tut mir leid.“

„Nein, das verstehe ich. Ich möchte dir keinen Druck machen. Ich möchte dir nur zeigen, dass ich dich lieb habe und für dich da bin.“

„Ich weiß, Mama.“

„Und du willst wirklich nicht, dass Kit Bescheid weiß? Sie würde dich besuchen, da bin ich ganz sicher.“

„Nein, es ist gut so. Ich habe in der Gemeinde Bescheid gesagt. Meine Pastorin kommt heute Abend vorbei.“

„Oh, das ist gut, Schatz.“ Danke, Gott.

Im Hintergrund schrie jemand, ein Mann, der seine Stimme im Zorn erhoben hatte. „Ich muss jetzt Schluss machen“, sagte Wren. „Telefon im Flur und so …“

„Okay. Aber du sagst mir Bescheid, wenn ich kommen kann? Du weißt, dass ich mich sofort ins Flugzeug setzen würde, aber ich will mich nicht aufdrängen.“

„Ich weiß. Danke.“

Manchmal kamen ihr tausend Kilometer vor wie zehntausend. „Ich hab dich lieb, Wren.“

„Ich dich auch.“

Und dann war sie fort.

Jamie legte das Telefon auf ihren Nachttisch und betrachtete die Familienfotos an der Wand: die sechsjährige Wren, ihre dunklen Haare mit zwei rosa Haarspangen zurückgesteckt. Sie lag auf dem Bauch unter einer Weide und las ihrem liebsten Hütehund Der Samthase vor. Die achtjährige Wren mit ihrem neuen schwarzen Reithelm, der unter ihrem Kinn befestigt war. Die großen braunen Augen waren vor Staunen – und auch ein wenig Angst – aufgerissen, während sie auf der sanften Stute Bramble saß, ihr Vater die Zügel hielt und sie bei ihrem ersten Ritt über die Weide begleitete. Die zehnjährige Wren in einem weißen Satinkleid mit Spitze, den Weidenkorb mit Streublumen in der Hand. Sie lächelte scheu zu Jamie und Dylan hinauf, die als frischgebackenes Ehepaar vor einer kleinen Kirche außerhalb von Sydney für den Fotografen posierten. Die zwölfjährige Wren, die die kleine Olivia im Kinderwagen durch den Park in Kingsbury schob. Die sechzehnjährige Wren, mager und klein in ihrem saphirblauen Ballkleid. Sie stand auf Zehenspitzen, um Caseys Anstecksträußchen zu befestigen.

Jamie beugte sich vor und schaute genauer hin, versuchte erneut zu erkennen, wann sich die Schatten der Traurigkeit zum ersten Mal in die Augen ihrer Tochter geschlichen hatten. Aber sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte es nicht ausmachen. Die Wachsamkeit war immer da gewesen, die Sorge überschattete selbst die Augenblicke größter Freude. „Eine alte Seele“, sagte ihr Vater immer. „Schon als Wren geboren wurde, wusste sie um das Maß der Dinge.“ Noch Monate nach der erstmaligen Diagnose „Depression und Angststörung“ im Teenageralter hatte Jamie versucht, eine einfache Erklärung dafür zu finden. War die Ursache, dass Wren die ersten zehn Jahre von einer alleinerziehenden Mutter aufgezogen worden war? Aber andere Kinder erlebten das doch auch und bekamen keine psychische Erkrankung. Und Wren hatte als Kind viel Liebe und Fürsorge erfahren und wurde von ihrer Mutter und ihren Großeltern sehr geliebt.

War es vielleicht die Veränderung, als auf einmal ein Stiefvater in die Familie kam? Aber Dylan hatte Wren von Anfang an als geliebte Tochter angenommen und sie adoptiert. Und es gab auch keine anderen Geschwister, mit denen sie hätte konkurrieren müssen, zumindest nicht in jener ersten Zeit als neue Familie.

Natürlich war da der große Umbruch eines Umzugs in ein anderes Land, als Dylan, ein Amerikaner, sich berufen fühlte, zu seinen Wurzeln in den Staaten zurückzukehren und Theologie zu studieren. Sie verließen Australien, damit er in Kingsbury seine Ausbildung zum Pastor beginnen konnte. Das war schwer für Wren, denn sie ließ die einzige Welt hinter sich, die sie je gekannt hatte. Der Abschied von ihren Großeltern, Freunden und Haustieren war schwer. Schwierig war auch, die Weite der Farm gegen die kleine Wohnung in Kits Keller einzutauschen, in der sie in den ersten Wochen wohnten, bevor sie in eine nur wenig größere Wohnung in der Nähe des Campus zogen.

Das alles war schwer gewesen. Aber Wrens Akzent war eine Besonderheit in ihrer neuen Schule, und sie schloss schnell Freundschaften. Und als Dylan endlich seine Ausbildung beendet hatte und seine erste Stelle als Pastor in North Carolina annahm, hatte sich Wren bereits an der Universität in Kingsbury eingelebt. Der Abschied von ihrer Familie mochte stressig für sie gewesen sein, aber viele der Studierenden wohnten auf dem Campus und somit weit weg von zu Hause.

„Das machst du immer, ist dir das eigentlich klar?“, sagte Dylan, als er und Jamie später am Abend den Gemeindesaal aufräumten.

„Was denn?“

„Du versuchst, eine Erklärung zu finden, jemandem die Schuld zuzuweisen.“

Sie wischte Kekskrümel vom Büfetttisch. Staubsaugen würde sie erst morgen früh. „Ich gebe ihr keine Schuld.“

„Ich sage auch gar nicht, dass du ihr die Schuld gibst. Du gibst dir selbst die Schuld.“

„Das mache ich doch gar nicht –“

„Jamie …“

Ihre Kehle schnürte sich zusammen. Vor Jahren hatte ihr ein Therapeut das Gleiche gesagt. Und es war noch immer ihre Haltung, wann immer es Wren nicht gut ging.

Sofort wanderten Jamies Gedanken zurück zu dem, was ihre Eltern ihren „Fehltritt“ nannten. Ein einziger romantischer Abend unter sternklarem Himmel an einem weichen Sandstrand auf den Fidschi-Inseln. Jamie und eine Freundin von der Universität in Sydney hatten dort einen Kurzurlaub verbracht. Sie traf ihn an einer Bar, wo sie viel zu viel tranken. Sie kannte nur seinen Vornamen, wusste nicht einmal, wo er herkam. Es gab keine Möglichkeit, ihn zu finden, selbst wenn sie es gewollt hätte. Und sie hatte es nicht gewollt. Überwältigt von Scham und Reue verließ sie die Universität von Sydney, wo sie Lehramt studiert hatte, und behielt das Baby. Sie behielt ihre Wren. Gott sei Dank hatte sie ihre Wren behalten!

Dylan legte den Kopf zur Seite, um ihr in die Augen zu schauen. „Wenn du einen Faden herausziehst – einen einzigen dunklen Faden –, was löst sich sonst noch auf?“

5

Im großen Gemeinschaftsraum der Klinik trafen sich die Patienten mit ihren Besuchern an runden Tischen, auf denen Puzzles und Brettspiele bereitlagen, oder in kleineren Sitzecken, wo sie private Gespräche führen konnten. Ein paar hockten mit ihren Besuchern vor einem Fernseher und starrten blicklos vor sich hin, anstatt einander anzusehen; Worte kamen nur durch halb geschlossene Lippen. Wren saß in einem Sessel in der hintersten Ecke des Raumes, die Hände auf dem Schoß gefaltet, und wartete auf ihre Pastorin.

Seit Caseys Umzug hatte Wren regelmäßig die Gottesdienste der Wayfarer-Gemeinde besucht und sich in ihrer Freizeit bei der Tafel oder der Koordinierung der Transporte von Kleidung und Spielzeug engagiert. Doch obwohl sie gut mit den beiden Pastoren klarkam, hatte sie sich niemals um ein Gespräch mit ihnen bemüht. Auch jetzt hatte sie eigentlich nicht die Absicht gehabt, in der Gemeinde um Hilfe zu bitten. Aber sie wusste einfach nicht mehr weiter.

„Stört es jemanden, wenn ich spiele?“, fragte eine Stimme am Klavier. Zustimmendes Gemurmel im Raum veranlasste den Vogelfreund aus dem Garten, seine Ärmel hochzukrempeln und „Tomorrow“ aus Annie zu spielen.

„Ach du meine Güte!“, rief Sylvia von einem Tisch, an dem sie ein Puzzle legte. „Alles, nur nicht das!“

„Können Sie was von Sinatra spielen?“, fragte jemand.

Eine andere Stimme sagte: „Nicht Sinatra. Spielen Sie einen Choral.“

„Nein! Keine Choräle. Lieber Jazz.“

Der Vogelfreund hielt sich die Ohren zu und rief: „Keine Wünsche!“ Dann spielte er ein klassisches Stück, das Wren nicht kannte. Das Klavier war fürchterlich verstimmt. Aber vielleicht ließ es sich auch schon nicht mehr stimmen.

„Wren?“

Sie drehte sich um, und vor ihr stand ihre Pastorin Hannah Allen. Sie hielt einen Strauß Sonnenblumen in der Hand. Während Wren sich erhob, kämpfte sie gegen die Tränen an.

„Woher wussten Sie das?“

„Was wusste ich?“

Dass sich Wren so verzweifelt nach etwas Natürlichem, etwas Schönem, etwas Fröhlichem sehnte, was ihr vermittelte: Ich weiß, wo du bist und was du brauchst. „Sonnenblumen“, erwiderte Wren. „Das sind meine Lieblingsblumen.“

Hannah lächelte. „Oh, gut. Das freut mich.“

Wren drückte den Strauß an ihre Brust. Auch Vincent hatte Sonnenblumen geliebt, und zwar in all ihren Entwicklungsstufen, von den Kernen über die Blüte bis zum Welken. Er malte die Blumen, um Schlafzimmerwände aufzufrischen, einen Freund willkommen zu heißen oder sie wie strahlende Lichter im Dunkeln leuchten zu lassen.

Hannah deutete auf den Strauß. „Ich entschuldige mich für das Papiertuch. Ich hatte sie in einer Glasvase, aber ich habe nicht daran gedacht, dass …“

„Das ist doch nicht schlimm. Bestimmt gibt es hier irgendwo eine Plastikvase. Ich finde schon eine.“

Hannah ließ sich auf einem Stuhl nieder und schlug die Füße an den Knöcheln übereinander. „Ich bin so froh, Sie zu sehen, Wren.“

Woher wusste sie das?

Woher wusste Hannah, wie sehr sich Wren danach sehnte, dass ihr Name von einer anderen Person als ihrer Mutter liebevoll ausgesprochen wurde? Woher wusste sie das?

„Eigentlich wollte ich gar nicht in der Gemeinde anrufen. Ich meine, nehmen Sie es mir bitte nicht übel oder so. Ich wollte … mein Aufenthalt hier … ich wollte nicht, dass das bekannt wird.“

„Das verstehe ich. Nur Pastor Neil weiß, dass ich hier bin. Nun, Neil und mein Mann Nathan. Aber unser Gespräch ist selbstverständlich vertraulich.“

„Das ist in Ordnung. Ich habe nichts dagegen, dass sie Bescheid wissen.“

Der Vogelfreund hatte sein klassisches Stück beendet und spielte jetzt wieder „Tomorrow“. Sylvia sprang auf und begann zu schimpfen. „Ach, lass ihn doch in Ruhe!“, warf eine andere Frau ein. „Lass Bud spielen, was er will.“

„Es tut mir leid!“, entschuldigte sich Wren, als mehrere Stimmen ihrer Verärgerung Luft machten. „Hier kann man sich nicht ungestört unterhalten.“ Bud spielte unbeirrt weiter, während die Patienten lautstark für oder gegen die Musik argumentierten.

Hannah steckte eine Strähne ihrer kurzen grauen Haare hinter ihr Ohr und beugte sich leicht vor. Tiefes Mitgefühl lag in ihrem Blick. Das war Wren sofort bei ihr aufgefallen, als sie in die Wayfarer-Gemeinde gekommen war. Hannah, die Pastorin der Gemeinde, schien immer ganz auf die Person konzentriert zu sein, die vor ihr stand.

„Sind Sie schon lange hier?“, fragte Hannah.

In Gedanken zählte Wren die Tage. „Morgen eine Woche. Aber es kommt mir viel länger vor. Und ich hatte gehofft, dass es mir mittlerweile schon besser gehen würde, aber das ist leider nicht so.“ Die mitfühlende Anteilnahme, die sie bei Hannah spürte, half ihr, sich zu öffnen, und die Worte kamen ihr viel leichter über die Lippen, als sie erwartet hatte. „Ich bin nicht gern hier, aber ich kann mir auch noch nicht vorstellen, nach Hause zu gehen. Ich traue mir diese Entscheidung im Augenblick nicht zu, nicht wo ich innerlich so umgetrieben und erschöpft bin. Ich bin davon ausgegangen, hier Ruhe finden zu können, eine Auszeit von meinem Leben. Aber es ist nicht die Auszeit, auf die ich gehofft hatte.“ Sie suchte eine andere Sitzposition. „Ich war verzweifelt, darum bin ich hergekommen. Ich konnte die dunklen Gedanken nicht mehr ausschalten, sosehr ich es auch versucht und wie viel ich auch gebetet habe. Und dann habe ich ein ganzes Wochenende im Bett verbracht und konnte nicht aufhören zu weinen, und da bekam ich richtig Angst. Ich habe auch vorher schon depressive Phasen gehabt – es ist wie eine Art Wolke, und ich habe gelernt, damit zu leben –, aber diesmal war es anders. Ich hatte das Gefühl unterzugehen, als könnte ich nie mehr Hoffnung empfinden, und das hat meine Ängste noch gesteigert. Von da an wurde alles nur noch schlimmer.“

„Das klingt beängstigend, Wren. Sehr kräftezehrend.“

„Ja. Das ist es.“ Sie strich mit der Hand über das feuchte Papiertuch und drückte das untere Ende der Stiele gegen ihre Handfläche. Es entstanden kleine Kreise auf ihrer Haut.

„Es tut mir wirklich leid, dass es Ihnen so schlecht geht. Ein Leben mit Depressionen und Angststörungen ist nicht einfach, das kann ich mir vorstellen. Und man fühlt sich oft so einsam.“

Genau. Und dieses Gefühl der Isolation machte alles noch schlimmer.

Casey kannte das auch und hatte ihn verstanden, diesen intensiven, erschöpfenden und verzehrenden inneren Kampf, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, dieses innere Flehen um Erbarmen, das niemand hörte. Und an manchen Tagen fragte man sich sogar, ob Gott einen hörte. Menschen, die so etwas noch nie erlebt hatten, konnten nicht verstehen, wie viel Kraft, Mut und Energie es kostete, auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen und selbst die einfachsten Aufgaben zu verrichten. Wenn sie es begreifen könnten, wären sie bestimmt entsetzt. Oder sie würden tiefes Mitgefühl empfinden. Jedenfalls kämen dann nicht mehr die Worte „Reiß dich doch mal zusammen“ über ihre Lippen. Das hatten die Leute häufig zu Casey gesagt. Sogar seine Eltern. Sie wussten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollten, wie sie ihm helfen konnten. Wren hoffte nur, dass seine Frau es wusste.

„Haben Sie jemanden, der Sie unterstützt?“, fragte Hannah.

Wren würde nicht weinen. Sie würde nicht an Casey und seinen Wegzug denken oder darüber reden. Sie konnte es nicht. „Meine Familie“, erwiderte sie. „Sie war immer für mich da. Aber sie lebt in North Carolina. Meine Mutter wollte herkommen und mir helfen, aber im Augenblick kann sie nichts für mich tun, und ich möchte nicht, dass sie mich so sieht. Vielleicht wenn ich wieder zu Hause bin. Um ehrlich zu sein, habe ich Angst, nach Hause zu gehen. Ich habe Angst vor dem Alleinsein.“

„Sie leben allein?“

„Nur mit meiner Katze. Die Nachbarin denkt, ich wäre im Urlaub, und füttert sie für mich.“

„Könnten Sie denn irgendwo unterkommen? Gibt es jemanden, bei dem Sie eine Zeit lang bleiben könnten?“

„Nein, nicht wirklich. Meine Freundinnen wohnen entweder in einer WG oder sind verheiratet, und das würde nicht wirklich passen.“ Sie überlegte einen Augenblick. „Und dann ist da noch Kit, die Tante meines Vaters. Als ich noch kleiner war, haben wir eine Weile bei ihr gewohnt, aber sie leidet an einer Katzenallergie, und auf keinen Fall gebe ich Theo auf. An manchen Tagen ist er der Einzige, der mich dazu bringt, aus dem Bett aufzustehen. Nun, Theo und mein Bedürfnis, meine Arbeitskollegen nicht im Stich zu lassen. Meine Arbeit war immer mein Antrieb. Aber sie hat mir auch viel abverlangt.“

„Das verstehe ich.“

Ein Mann mittleren Alters hatte sich zu Bud ans Klavier gesellt und sang voller Inbrunst die Lieder, die Bud spielte. Der Streit hatte sich gelegt, und viele im Raum hatten sogar ihre Gespräche eingestellt, um seiner schönen Tenorstimme zu lauschen. Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, so fliegen die Tage dahin. Bud wiegte sich mit den anschwellenden Arpeggios. Sogar Sylvia hatte die Augen geschlossen und wippte auf ihrem Stuhl zum Rhythmus des Liedes. Für den Augenblick hatte sie sich beruhigt.

„Ich weiß nicht, ob ich weitermachen kann.“ Wren senkte den Blick auf die Blumen auf ihrem Schoß, damit sie nicht den Schock oder die Enttäuschung in den Augen ihrer Pastorin sah.

Aber Hannahs Stimme war sanft, als sie fragte: „Womit?“

„Mit allem. Der Arbeit, dem Leben. Ich weiß, das klingt schrecklich, aber manchmal frage ich mich, ob ich an meinem Glauben festhalten kann, ob ich mich weiter an Gott festhalten kann.“

„Oh Wren.“

Diese zwei Silben voller Mitgefühl brachten sie aus der Fassung. Keine Spur von Verurteilung lag in Hannahs Worten. Ganz leise begann Wren zu schluchzen.

Hannahs Hand lag leicht auf ihrer Schulter. „Sie brauchen doch gar nicht an Gott festzuhalten. Er hält Sie fest. Ganz besonders, wenn Sie keine Kraft mehr haben, um sich an ihn zu klammern.“

B

Eine Klippe. Das sah Wren, als die Pastorin für sie betete. Eine heimtückische Felswand, die sie zu erklimmen versuchte. Aber sie war erschöpft, so schrecklich erschöpft, und hatte keine Kraft mehr, sich zu halten. Auf einmal wurde die Felswand vor ihrem inneren Auge zu einer riesigen aufrechten Hand. Trotzdem versuchte sie weiterzuklettern, irgendwo Halt zu finden, um nicht in den Tod zu stürzen. Unter ihr lauerte ein dunkler Abgrund. Mit aller Kraft versuchte sie, nicht nach unten zu schauen. Sie konzentrierte sich auf die Falten in der Hand, in denen sie vielleicht Halt finden würde, aber sie rutschte ab und schrie vor Angst auf.

Und dann …

Die Hand legte sich zur Seite, bildete eine Schale, eine Wiege, ein Nest. Und sie wurde aufgefangen. Gehalten.

„Ein Geschenk“, sagte Hannah, nachdem Wren beschrieben hatte, was sie gesehen hatte. Sie hatte ein Bild bekommen, ein Geschenk des Heiligen Geistes, etwas, das ihr helfen konnte, wenn sie das Gefühl hatte zu fallen. Hannah schaute sich suchend in dem Raum um. „Bei der Anmeldung musste ich mein Telefon und meine Tasche abgeben“, erklärte sie. „Gibt es hier vielleicht irgendwo eine Bibel?“

Wren deutete zu den Bücherregalen an der hinteren Wand. „Vielleicht dort drüben.“ Ihre Bibel hatte sie gar nicht erst in die Klinik mitgenommen. In den vergangenen Monaten hatte ihr das Bibellesen nichts gegeben. Es war, als würde sie auf Pappe herumkauen. Sie fragte sich, ob ihre Pastorin das wohl verstehen würde. Vielleicht würde Hannah ihr, wie schon Allie und ihr früherer Kleingruppenleiter, ins Gewissen reden und sie daran erinnern, wie wichtig es war, in der Bibel zu lesen, auch wenn ihr nicht der Sinn danach stand. Vielleicht würde sie zu bedenken geben, dass man einen festen Grund brauchte, wenn man das Gefühl hatte zu versinken. Denn, würde sie vielleicht sagen, wenn dein Leben nicht auf dem Wort Gottes gegründet ist, dann gehst du unter. Du hast den Geist Christi geschenkt bekommen. Nun musst du deine ganze Kraft dafür einsetzen, seiner Führung gemäß zu leben.

Aber dann konnte man genauso gut einen Gelähmten auffordern, einen Marathon zu laufen. Wenn der Geist zerbrochen und krank war, hatte man keine Kraft. Man konnte sich nicht anstrengen.

Hannah hatte eine Bibel vom Regal geholt, saß nun wieder vor Wren und blätterte einige Seiten um. „Das Bild, das Sie gesehen haben, erinnert mich an einen Vers aus den Psalmen. Psalm 34 vielleicht.“ Sie überflog die Seite. „Nein. Das war er nicht, aber auch ein schöner Psalm.“ Langsam blätterte sie einige Seiten weiter. „Hier ist er. Psalm 37, Vers 24: Selbst wenn er einmal stolpert, fällt er nicht zu Boden, denn der Herr hält ihn fest an der Hand.‘“ Sie blickte hoch. „Genau das haben Sie gesehen. Gottes Hand, die Sie hält.“

Halten.

Wren mochte dieses Wort. Wenn sie ihr Handy hätte, würde sie die Bedeutung und den Ursprung nachsehen. Aber auch ihr Handy war ihr abgenommen worden.

„Vor Jahren“, erzählte Hannah, „als ich noch in Chicago lebte, hielt ich bei einer Taufe ein Baby in den Armen. Das kleine Mädchen hatte seine Hand um einen meiner Finger gelegt. Aus ihrer Perspektive war sie es, die sich an mir festhielt. Was sie nicht sah, was sie noch nicht wissen konnte, war, dass ich diejenige war, die sie festhielt.“

Wren ließ das Bild vor ihrem Geist Gestalt gewinnen: das kleine Händchen, das den Finger umklammerte, die Hände und Arme, die dem Kind Halt gaben. „Ich glaube nicht, dass ich im Augenblick vertrauen kann. Ich weiß nicht einmal, wie ich darum bitten soll … wie ich beten soll.“

Hannah nickte. „Das ist nicht schlimm. Sie brauchen keine Worte. Sie können seufzen oder schreien oder still sein. Lassen Sie für den Moment den Heiligen Geist an Ihrer Stelle beten. In Ihnen. Das ist ein tiefes Vertrauen, ein tiefes, zustimmendes Gebet, ein Jasagen zum Gehaltenwerden.“

Solch eine Definition von Gebet war Wren noch nie begegnet. Gebet war Arbeit. Und wenn ihr alles zu viel wurde oder sie Angst hatte, musste sie noch stärker beten. Bete mehr und lies noch intensiver in der Bibel: Das war das Standard-Rezept für die Gesundheit und Reife eines Christen. Denn Gefühle sind keine Tatsachen, hatte ein Mentor im College ihr oft gesagt. Darum dürfe sie ihnen keine Beachtung schenken. Sie müsse sie beherrschen.

Mit dieser Strategie war sie gescheitert. Und vielleicht – vielleicht riefen ihre Gefühle umso lauter, weil sie ihnen keine Beachtung geschenkt und nicht auf sie gehört hatte.

Bud spielte wieder „Tomorrow“. Andere Besucher erhoben sich, um zu gehen, da das Ende der Besuchszeit näher rückte. Die Patienten verabschiedeten sich, manche unter Tränen. Hannah klappte die Bibel zu. „Ich würde gern morgen wiederkommen, wenn Sie das möchten“, sagte sie.

„Ich wünschte, das wäre möglich. Aber Besuchszeit ist erst am Donnerstag wieder.“

Hannah lächelte. „Für Pastoren gelten besondere Regeln.“

„Wirklich?“

„Wirklich. Sagen Sie mir nur, welche Uhrzeit bei Ihnen passt, und wir treffen uns gleich morgen wieder. Und wenn Sie wollen, können wir gemeinsam das Abendmahl feiern.“

Wren wollte schon ablehnen. Dieser Dienst war den Kranken, Sterbenden oder Menschen vorbehalten, die nicht aus dem Haus gehen konnten. Doch dann fiel ihr ein, wo sie sich befand, eingesperrt und krank. Wie beschämend. „Gern“, erwiderte sie. „Das wäre schön.“

„Prima. Wann würde es Ihnen am besten passen?“

„Nach dem Abendessen? Vielleicht um sieben?“

„Ich werde da sein“, sagte Hannah.

Wren lächelte halbherzig. „Ich auch.“