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Franz-Michael-Felder-Archiv

 

 

 

 

Jahrbuch
Franz-Michael-Felder-Archiv
der Vorarlberger Landesbibliothek

20. Jahrgang 2019

mit dem Protokoll der LI. ordentlichen Generalversammlung
des Franz-Michael-Felder-Vereins

 

 

 

 

 

 

 

Illustration

 

 

 

 

 

Herausgeber: Jürgen Thaler
Redaktion: Ingrid Fürhapter
Gestaltung: Stefan Gassner

Franz-Michael-Felder-Archiv der Vorarlberger Landesbibliothek
Kirchstraße 28, 6900 Bregenz, Österreich

Hinweise für Beiträger/-innen

Redaktionsschluss für den Jahrgang 21/2020 ist der 30. Juni 2020. Das Jahrbuch erscheint jeweils im Dezember des laufenden Jahres. Ihre Originalbeiträge schicken Sie bitte per E-Mail an felderarchiv@vorarlberg.at.

Inhalt

Felder-Rede

MONIKA HELFER

Franz Michael Felder. Der Aufrechte

Der Bodensee. Transnationale Literaturen einer Region

RÜDIGER GÒRNER

Aquafine Zeichen in der Lyrik Annette von Droste-Hülshoffs

RAY OCKENDEN

Eduard Mörike und der Bodensee

VOLKER MICHELS

Hermann Hesse am Bodensee

ANTON PHILIPP KNITTEL

Heimat und Heimatlosigkeit im Werk von Arnold Stadler und Martin Walser

KAY WOLFINGER

W. G. Sebalds Lektüre der alemannischen Autoren

REBECCA WISMEG

Arno Geiger und die nationale Marke Österreich

RICHARD MCCLELLAND

Mehrsprachige Spielerei in Arno Camenischs Bündner Trilogie

KALTËRINA LATIFI

Der See im Erzählspiegel Schweizer Gegenwartsautoren

JÜRGEN THALER

Der Bodensee und die Literatur

ALEXANDER HONOLD

Thomas Hürlimanns Novelle Fräulein Stark

ULRIKE ZITZLSPERGER

Die „Bodenseele“ Jacob Picard

ANDREA CAPOVILLA

Regionale Schauplätze bei Verena Roßbacher, Peter Stamm und Karl-Heinz Ott

Berichte

Jahresbericht des Franz-Michael-Felder-Archivs 2018

Protokoll der LI. ordentlichen Generalversammlung 2019

 

Franz Michael Felder. Der Aufrechte.

Felder-Rede 2019

 

Illustration

Monika Helfer

 

 

Vorbemerkung

Die Felder-Rede – diese eigene Form von „Zuwendung“ zu Franz Michael Felder, eine mögliche „An-Ver-Wandlung“ seines Werkes und seines Wirkens, wurde vom Verein im vergangenen Jahr begonnen. Reinhard Haller sprach ausgehend von seinen beruflichen Erfahrungen und Kompetenzen zu Felder unter dem Titel „Sehr empfindlich für Lob und Tadel“. Für das heurige Jubiläumsjahr hat der Vorstand des Franz-Michael-Felder-Vereins Monika Helfer eingeladen „ihre“ Felder-Rede zu halten. Und wir sind sehr dankbar dafür, dass sie diese beim Fest-Abend am 18. Mai 2019 in Schoppernau zum Abschluss des „Fests für Felder“ gehalten hat.

Monika Helfer schrieb zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke sowie Hörspiele und ist Kolumnistin der Vorarlberger Nachrichten. Sie ist im Bregenzerwald aufgewachsen, und Franz Michael Felder sieht sie sich literarisch und persönlich verbunden. „Durch meine Kindheit habe ich eine Nähe zu Menschen mit komplizierten Biographien“, erklärt sie. Ihren Figuren, oft Außenseiter und häufig Kinder, begegnet sie mit großer Empathie und ohne Vorurteile.

Sie hat ihrer Rede den Titel Der Aufrechte gegeben und dabei das Lebensbild, das Franz Michael Felder in seiner Autobiographie Aus meinem Leben über sich selbst entworfen hat, auf ihre ganz eigene Art nachgezeichnet. In allen Einzelheiten erkennbar, ja bekannt, aber doch aus ihrem Eigenem heraus empfunden und neu nachempfindbar gemacht.

Norbert Häfele (Obmann des Franz-Michael-Felder-Vereins)

MONIKA HELFER

Franz Michael Felder. Der Aufrechte.
Felder-Rede am 18. Mai 2019, Schoppernau

Um den Dichter zu verstehen, muss man sich vorstellen, wie er als Kind gewesen war. Ein kleiner Bub, der sich vor Pferden fürchtete, der nicht sehen wollte, dass die Kuh seines Vaters auf den Viehmarkt getrieben wurde. Schwer war für ihn zu verstehen, dass Tiere Werkzeuge sind. Man hält sie, um nicht zu verhungern. Er war nicht wie die anderen Buben.

Er wollte wie die Mädchen am Stickrahmen arbeiten. Er sah ihnen so gern zu, besonders auch seinem Gotle, wie sie hingebungsvoll auf ihre Arbeit schaute, den Faden mit der Nadel in der Luft.

Der kleine Franzmichel liebte seine Eltern. Grub die Mutter für das Nachtessen Erdäpfel aus und legte sie aufs Feuer, fühlte der Bub sich im Kreis der Familie geborgen. Nichts würde ihm geschehen.

Sein Vater wusste wohl, dass sein kleiner Sohn ein wenig empfindlich war, er bastelte ihm einen kleinen Webstuhl. Der Bub webte Bänder, die er im Dorf mutig verkaufte. So wurde er mit dem Wesen der Leute vertraut. Der Bub tat nichts lieber, als mit seinem Gotle zu arbeiten. Schnell rauschte sein Schifflein im ausgespannten Garn.

Sein Nachbar, ein Greis, von dem gesagt wurde, er sei sonderbar, erzählte dem Bub Geschichten von früher. Franzmichel glaubte ihm alles, so lange der Alte erzählte. Er erzählte von Helden, als wären es gute Bekannte von ihm. Die Siegfried-Geschichte konnte der Bub nicht oft genug hören.

Die jüngste Schwester seines Vaters, das Gotle, litt an einer Gliederkrankheit und konnte nicht auf dem Feld arbeiten. Sie wohnte im Haus der Felders und bewachte jeden unsicheren Schritt des kleinen Franzmichel. Sie fand den Buben etwas kurzsichtig und beobachtete mit Sorge den weißen Fleck auf seinem rechten Auge, der größer wurde. Dabei hatte man vor seiner Geburt schon viele Rosenkränze für das kommende Kind gebetet, denn das erste der Eltern war tot.

Man brachte den Bub zusammen mit dem Gotle über den Arlberg zu einem Arzt. Der Arzt aber war betrunken gewesen, als er sich an das Auge des kleinen Buben gemacht hatte. Statt des rechten, kranken Auges nahm der sich das linke Auge vor. Er verdarb das gesunde Auge, es war entstellt und verloren. Franzmichel wurde von da an von seiner Mutter verwöhnt und ein richtiges Mamabüble.

Als Franzmichel das erste Mal von seinem Vater mit in die Kirche genommen wurde, war der Bub ganz verzaubert. Erst irritierte ihn der Geruch, und als dann die Orgel ertönte und duftende Rauchwolken den Hochaltar emporstiegen, begann der Bub heftig zu weinen. Alles war ihm zu himmlisch, und sein schwärmerisches Gemüt galoppierte davon. Seine Art verunsicherte seinen Vater, und so nahm er ihn nicht mehr zur Messe mit. Da stellte der Bub in der Stube einen Stuhl auf und richtete ihn wie einen Altar ein. Er warf über die Lehne ein weißes Tuch, Tannenzweige ersetzten die Blumensträuße, Weidenruten die Kerzen. Er zog über seine Kleider ein weißes Hemd an und imaginierte sich die Heiligkeit dermaßen, dass er zitterte. Er konnte noch nicht lesen und brummte in ein Buch hinein, das für ihn heilig war. Aus einem weißen Tuchrest nähte er sich eine Fahne, er schnitt sich in den Finger, so dass er blutete, und mit seinem Blut färbte er die Fahne ein. So sehr liebte er das Gottesdiensten. Der Vater sorgte sich, weil alles auf den Bub so einen tiefen Eindruck machte. Er sah, wie sein Sohn sich mit Leib und Seele jeder Regung hingab.

Franzmichel glaubte an sich und genügte sich selbst.

Ängstlich waren seine Eltern und das Gotle, als er das erste Mal in die Schule ging, empfindlich wie er war, würde er gleich wieder weinen. Ganz anders kam es aber. Er lachte, und das Lernen freute ihn.

Alles Geschriebene nahm er gierig auf. Der Katechismus langweilte ihn bereits.

Als der Vater den neuen Kalender, den er einem Hausierer abgekauft hatte, nach Hause brachte, las er seinem Franzmichel vom Klushund vor, dem Verräter, der nach seinem Tod in einen großen Hund verwandelt wurde und seitdem mit schweren eisernen Ketten als Kriegsprophet im Land umherirrt. Der Bub war so gefangen davon, dass er die Verse (die in Hexametern im Dialekt von dem jungen Vonbun geschrieben waren) bald auswendig konnte. Und mehr beinahe als der Inhalt der Geschichte faszinierte den Achtjährigen die Form. Das Gotle hielt ihn für krank, weil er so versessen auf die Verse war, und der Vater sagte achselzuckend, das sei ja immer so, wenn ihn etwas auf die Seite reiße.

Franzmichel hatte auch keine Scheu in der Kirche zu reden, er machte seine Sache gut und wurde gelobt. Nur die Burschen und Mädchen, die älter waren als er, sahen sich durch ihn herabgesetzt. Er war bereits eine kleine Persönlichkeit. Sich selbst zu genügen, war er gewohnt, doch Lob machte ihn stolz.

Bald wurde vom großen Krieg berichtet, der eigentlich kein rechter Krieg sei, nur eine Meinungsverschiedenheit, für die Menschen ihr Leben lassen mussten. Was war Recht, und was war Unrecht? Die jungen Dorfbewohner exerzierten täglich zwei Stunden unter Aufsicht eines ausgedienten Kaiserjägers. Die Unruhen in der Welt draußen waren keinem mehr gleichgültig. Auch Franzmichel begeisterte sich fürs Exerzieren, wurde kriegslustig, und obwohl noch ein Schulbub, wurde er von Seinesgleichen zum Hauptmann gewählt. Er nahm seine Dorftrommel und brachte damit die Dorfbuben zusammen. Spiele der Kinder, die den Müttern unheimlich waren, und sie hatten Angst, dass bald auch ihre Buben ihnen verloren gingen. Franzmichels Vater las jetzt wie sein Sohn alles, was ihm unter die Hände kam, man musste informiert sein.

Im Hungerwinter 1847/1848 waren die ohnehin schon benachteiligten Bevölkerungsgruppen am härtesten betroffen. Die Stickerinnen wurden schlecht bezahlt, Hunderte von Arbeitern, die sonst in der Ferne ihr Geld verdient hatten, mussten im Land bleiben. Man verkaufte die Milch um einen Spottpreis, das alles lastete auf den Gemütern, und Friede wurde um jeden Preis herbeigesehnt.

Der Fuhrmann erzählte Franzmichel von der Bibliothek in Innsbruck, wo jede Woche pfundweise Bücher ankommen und ein Bibliothekar sich darum kümmern musste.

Vorarlberg gehörte damals noch zu Tirol, also wollte Franzmichel nach der Schule in die ferne Stadt ziehen und dort zwischen den Büchern sein Leben verbringen.

An einem 12. Februar ging der Vater für eine Arbeit fort, und Franzmichel war es dabei nicht wohl, er wusste nicht warum.

Als er schlief, hörte er Stimmen aus der Stube, und ängstlich stand er auf. Er sah seinen Vater auf einer Bahre liegen, neben ihm sein Werkzeug. Der Bub wollte nicht wahrhaben, was er gesehen hatte. Um ihn herum wurde es dunkel und heiß und kalt. Der geliebte Vater tot!

Es gibt eine Poesie des Todes, das schreibt der Dichter, und ich weiß, wovon er spricht. Habe ich doch als Kind meine Mutter verloren, Jahre später meinen Bruder, meinen Vater und dann meine Tochter, sie war gerade 21 Jahre, als sie von einem Stein erschlagen wurde. Also kenne ich die Poesie des Todes. Überall ist dann Nacht, und kein Licht will mehr leuchten.

Wenigstens ein Wunder sollte geschehen. Franzmichels Kurzsichtigkeit war wohl an seinen Sonderbarkeiten schuld, das dachten die Mutter, das Gotle und auch der Bub selber.

Die Mutter weckte Franzmichel, es war noch Nacht, sie zog ihm die Sonntagskleider an. Er sollte zu einem Wundermann gebracht werden. Er fragte, was der Bub könne, und der antwortete, springen und arbeiten und lesen.

Wenn er denn lesen könne, sagte der Wundermann, der ein Geistlicher war, sei es besser für ihn, mit einem Auge ins Reich Gottes zu gelangen, als zwei Augen zu haben und verdammt zu sein. Der Bub wurde in ein Zimmer geführt, in dem ein Altar aufgebaut war. Er musste davor knien, der Geistliche stellte sich hinter ihn und legte ihm die Hand auf den Scheitel. Er begann lateinisch zu beten. Gott wurde aufgerufen, für Franzmichel ein Wunder zu tun. Bevor er ging, hielt ihm der Mann noch eine Predigt über die traurigen Folgen des Lesens und gab ihm ein geweihtes Fläschchen Öl. Draußen fand er den Himmel tiefblau, die Berge so klar, dass er sich dachte, er sehe besser. Ein kleines Wunderchen, dachte er sich.

Er sah nicht besser. Seine anderen Sinne hatten sich merkwürdig geschärft. Schon früher, war es ihm leicht gefallen, Menschen, auch wenn er sie nur hörte, auseinanderzuhalten, jetzt dachte er sich, er erkenne sie am Geruch. Der Lehrer sah wohl, wie eifrig sein Schüler las, und er gab ihm Bücher aus seiner Bibliothek, das war das Brot für einen Hungrigen. Franzmichel schrieb mit elf Jahren an der Schoppernauer Schülerzeitung, die jede Woche erschien. Das Schreiben, der Beifall und die Anerkennung machten ihn so glücklich.

Im April 1853 standen die 14-jährigen Schüler nach der Messe beisammen und sprachen über ihre Zukunft. Sie waren gerade zu fünft. Ein Fuhrmann, ein Bauer, ein Zimmermann, einer, der nach Wien gehen wollte, um dort Altäre zu bauen, und Franzmichel, der einfach nur dastand, zu den Mädchen hinüberschaute, die über ihre Handarbeiten redeten. Sie alle hatten schon eine Vorliebe für ihren Beruf. Ihn fragte keiner, was er werden wollte. So viel in ihm war unklar und noch nicht in einer Ordnung. Nur eines wusste er, und das sagte er auch der Mutter: Ich muss noch mehr lernen, viel mehr lernen und studieren.

Aber gleichzeitig wusste er, wie sehr ihn seine Mutter brauchte. Das Gotle war gestorben, der Vater lebte nicht mehr, es gab keinen Knecht und für die Mutter war die kleine Landwirtschaft zu viel. Also musste er sich kümmern. Er wollte ihr zu Diensten sein und sich dennoch über seine Verhältnisse erheben. Das war kein Widerspruch. Die Mutter sah, wie er sich Mühe gab. Sie war zufriedener mit ihm als er mit sich.

Er aber wollte ein Dichter sein, und er schrieb weiter, abonnierte seine erste Zeitung.

Es gibt beim Dichter die Hauptmenschen und die Nebenmenschen, eine Formulierung, die ich nur von ihm kenne. Immer wieder, wenn ich in einem seiner Bücher lese, kommt mir Goethe in Erinnerung – Aus meinem Leben, Dichtung und Wahrheit –, was sicher auch sein Vorbild war. Die Art, mit Hingabe zu beschreiben, ist beiden eigen. So wird jedes Haus zum Geschichtenbuch, und wenn nichts Bedeutsames zu finden ist, legt der Dichter etwas hinein. Das gehört überhaupt zum Wesen eines jeden Schriftstellers und macht ihn erst zu einem solchen.

Als er seine Frau Nanni im Vorsäß kennenlernte, war es ihm, als hätte er sie bereits einmal im Traum gesehen. Sie hütete die Kühe und half, wo es gerade nötig war. Er wusste, sie war die beste Schülerin gewesen. Einmal verletzte sie ein niederstürzender Stein gefährlich am Kopf, und er sah wie sie blutend heimgetragen wurde. Sie las während ihrer Genesung Bücher ihres studierten Bruders Kaspar.

Franzmichel war in ihrer Gegenwart ernst und still, er schreibt: „Ihr Blick traf mich tief, tief.“ Er hatte Sorge, er könne ihr wegen seiner inneren Zerrissenheit nicht die Liebe bieten, die sie verdiente.

Nanni wohnte in Au, ihr Vater lebte nicht mehr. Vor dem Haus war ein kleines Gärtchen, und Franzmichel war sich gewiss, das konnte nur Nanni so schön gepflanzt haben. Alles, was sie in die Hände nahm, gedieh. Wie viel sie las! Sie schrieb auch Gedichte, eines vom Frühling durfte er lesen. Er ging von ihr, und sie rief ihm nach: „Komm bald wieder!“

Er fand sich nicht gut genug für Nanni und arbeitete an seiner Selbsterziehung, bemühte sich, ihre Denkungsart nachzuempfinden.

Abends las der Dichter. Schillers Räuber begeisterten ihn, spornten ihn an, selber ein Drama zu schreiben.

Einmal zeigte ihm Nanni die kleine Bibliothek ihres Bruders Kaspar.

Er versuchte sich als Hochzeitsredner und war damit sehr erfolgreich, weil er anders war als all die anderen und seine Reden bis in den Himmel hinaufflogen.

Ein traumatisches Erlebnis war, als er in die Bregenzerach stürzte. Ein Donnern und Rauschen wie von herabstürzenden Lawinen und der Dichter mittendrin. Ich kenne den Fluss, wenn er Hochwasser hat, er ist bedrohlich. Er sah sich bereits nicht mehr unter den Lebenden, seiner Mutter gedachte er und Nanni, die ihm die Liebsten waren. Zum Glück wurde er gerettet.

Was im Weiteren geschah, seine Anerkennung von berühmten Dichtern, gab ihm Recht. Er sollte schreiben. Er musste schreiben.

Schier unmöglich war es, in der klerikal-konservativen Gemeinde sich gegen den Pfarrer Georg Rüscher zu behaupten. Er war sein erbitterter Gegner.

Als Felder mit seinem Schwager Kaspar Moosbrugger die Partei der Gleichberechtigung gründen wollte, kam es zum Eklat. Felder bekam Morddrohungen und flüchtete mit seiner Frau Nanni zum Schwager nach Bludenz. Er zeigte den Pfarrer an wegen Ehrenbeleidigung und Bedrohung der persönlichen Sicherheit. Doch zog er die Klage zurück, weil er eben versöhnlich sein wollte. Als er wieder in Schoppernau war, trat er mit der Felder-Partei an. Die Pfarrer-Partei verlor.

Mit seiner Frau Nanni konnte er über alles reden.

Sie war so klug wie er.

Sie führten eine glückliche Ehe und hatten fünf Kinder.

Es geschah, was längst hätte geschehen sollen. Der Dichter wurde international wahrgenommen. Seine Romane Sonderlinge und Reich und Arm erschienen in einem Leipziger Verlag.

Ich will Ihnen knapp von meinen Großeltern erzählen, sie sind mir in Erinnerung an den Dichter Felder sehr gegenwärtig.

Maria und Josef Moosbrugger wohnten in Schnepfau. Als F. M. Felder starb, waren sie noch nicht auf der Welt. Ich frage mich, ob ihnen in der Schule von F. M. Felder erzählt wurde, ob sie später von ihm hörten. Ich weiß es nicht. Gut möglich wäre es. Ihr Bauernhaus stand unterhalb der Kanisfluh. Sie hatten sieben Kinder, und als die Mutter mit 32 Jahren starb, war der älteste Sohn gerade 14 Jahre alt. Sie starb, weil sie den Blinddarm auf der falschen Seite hatte. So sagte der damalige Arzt, und mir fällt dabei das gesunde Auge von F. M. Felder ein, das von einem betrunkenen Arzt operiert wurde. Zwei Jahre nach seiner Frau starb mein Großvater an einer Blutvergiftung.

Meine Großmutter war eine schöne Frau gewesen, und als ihr Mann im Ersten Weltkrieg als Soldat in Südtirol kämpfte, unterstellte man seiner Frau ein Verhältnis. Der Mann kam aus dem Krieg zurück und sah, dass seine Frau schwanger war. Das Kind wurde ein Mädchen und meine Mutter. Ihr Vater schaute sie nie an, sein Leben lang nicht, sie versteckte sich unter den Röcken ihrer Mutter. Ihr Vater glaubte seiner Frau nicht. Der Pfarrer kam und montierte das Kreuz ab, das auf der Stirnseite des Hauses angebracht war. Sie waren ab diesem Zeitpunkt geächtete Menschen. Erst als mein Großvater starb, gestand ihm der angebliche Verführer seiner Frau, dass er nicht der Vater des Kindes sei, es habe gar kein Verhältnis gegeben, sie sei treu gewesen. Aber der Großvater zweifelte, und zweifelnd starb er.

Diese Geschichte habe ich jetzt in einem Roman verarbeitet. Hätte F. M. Felder von diesen Leuten gewusst, ich denke, er hätte sich ihrer angenommen. Aber so einen aufrechten Mann gab es damals eben nicht. Hätten sie zur gleichen Zeit gelebt, Nanni, die Frau von Felder, wäre eine Vertraute meiner Großmutter geworden. Vieles wäre anders und besser verlaufen. Wie das Leben hätte sein können.

Kenntnis der Schöpfung gehörte zu Felders Werkzeug, gehört zum Werkzeug des Dichters, damals wie heute. Felder wusste Bescheid über Mensch und Tier, die Natur gehörte zu seinem Studium. Gewiss, einen Menschen zu beschreiben, ihn in seiner Größe zu erfassen, ist schwer und nur dann möglich, wenn man ihn liebt, so glaube ich zumindest. Ich muss, um seinen Charakter zu erkennen, ihn mir zu eigen machen, dem Leser eine Vorstellung geben, die er nachvollziehen kann. Was passiert in einer Handlung, wie reagiert der Protagonist im Glück oder im Unglück.

Je mehr ich mich mit meinen Großeltern beschäftigt habe, umso mehr kann ich mich in Felder hineinversetzen. Ich habe im Bregenzerwald gelebt und die Eigenheit dieser Menschen kennengelernt, ihre Begabungen und Borniertheiten.

Ich frage mich, wie wäre Felder, würde er jetzt leben, woran würde er schreiben. Sicher ist, er und seine Frau und die meisten anderen wären nicht so früh gestorben. Ein Fortschrittsgläubiger wie er hätte die Welt weitergebracht, das glaube ich fest.

Er wäre auf der Seite der Aufrichtigen gewesen und hätte laut verkündet, was er sich dachte. Wie gut es wäre, gäbe es heute einen wie ihn, er würde aufstehen und wieder nach Gerechtigkeit rufen.

 

 

 

 

 

 

 

Die folgenden Aufsätze dokumentieren die Tagung „Bodensee. Transnational Literatures of a Cultural Region“, die vom 8. bis 10. Mai 2019 in London im Senate House der University of London stattgefunden hat. Organisiert wurde die internationale Konferenz von Andrea Capovilla (Ingeborg Bachmann Centre, Institute of Modern Languages Research) und Rüdiger Görner (Centre for Anglo-German Cultural Relations, Queen Mary University of London).

Der Bodensee.
Transnationale Literaturen einer Region

RÜDIGER GÖRNER

„Hörst du das Alphorn überm blauen See?“
Aquafine Zeichen in der Lyrik Annette von Droste-Hülshoffs

Sie brauchte Zeit zum Ankommen, viel Zeit. Körperlich wie seelisch geschwächt sah sie lange kaum den See. Es dauerte Monate, bis sie sich brieflich zum Zauber der Bodenseelandschaft zu äußern im Stande sah. Und auch dann geschah dies eher zögerlich. Ihrer Mutter schrieb sie im Oktober 1841 zurück ins Münsterland: „[…] ich spazire täglich eine Strecke am See hinunter, was, mit dem Weg hinauf, eine ordentliche Tour für mich ist […]“.1 Hier schreibt keine von der Landschaft Überwältigte. Bevor sie diese für sie neue Topographie zu logographieren und zu poetisieren vermochte, versuchte sie zu ermitteln, wo sie mittlerweile geistig stand. Nein, eine Schwärmerin war die Droste nicht; eher befand sich die jetzt 44-jährige Dichterin in einem Dauerzustand des Reflektierens und Hinterfragens; man hat dieses beständige Reflektieren sogar ihr „Lebenselement“ genannt.2

Was war ihr der See? Ein zuweilen weniger, dann wieder mehr bewegter Spiegel. Aber wofür? Für das Lebendige in der Reflexion? Es verlangte sie nicht nur nach Natur, sondern nach einem festen Gemäuer, das anders sein sollte als das aus Westfalen Gewohnte, ihr Herkunftsort, das Rüschhaus bei Münster, mit seinem ins Biedermeier versetzten Rokoko-Intérieur, ein Ort, der etwas Perlmuttenhaftes hatte. Die Meersburg dagegen, das war wie ein versehentlich in die Höhe ragendes Verließ, das einen unverhofften Rundblick gewährte, eine mittelalterliche Burgfeste, in der die Zeit eingefriedet schien, zu Legenden vergoren. Seltsam, noch höher als der Burgfried lag das sogenannte Fürstenhäusle, das die Droste mit dem Honorar für ihre Meistererzählung Die Judenbuche erworben hatte, ein in die Weinberge verpflanztes Rüschhaus, wenn auch kein Wasserschlösschen, dafür ein Refugium als wohnlichere Alternative zur Burg, das etwas Musikalisches hatte. Von dort aus wird sie einer Freundin schreiben: „Die Aussicht ist fast zu schön, d.h. mir zu belebt was die Nah- und zu schrankenlos was die Fernsicht betrifft.“3

Sie wollte sich verankern, brauchte aber den Orts- und damit Perspektivenwechsel. Zunächst interessierte sie die merowingische, auf das 7. nachchristliche Jahrhundert zurückgehende Burg mehr als der See. Es war ihr darin, als steige sie in ihr eigenes Innerstes hinunter, wobei sie dieses Interesse in einem weiteren Briefabschnitt auf einen berühmten Gast ihres Schwagers und gelehrten Burgbesitzers, Joseph von Laßberg, überträgt, Ludwig Uhland. Sie nimmt eher summarisch „die Gegend, den Bodensee, die Alpen“ wahr, dann aber genauer:

„[…] die alte Burg mit ihren Thürmen, Wendelstiegen, ganzen Reihen von unterirdischen Gefängnißgewölben, – wo die Gefangenen ihre Namen und alte Sprüche mit spitzen Steinen in die Felswand gekratzt haben – und nicht weniger als fünf verfallenen Gängen in den Berg, deren Ausgang uns unbekannt ist, haben ihm [Uhland, Anm. d. Verf.] einen unbeschreiblichen Eindruck gemacht.“4

Doch kam nicht nur Uhland, sondern vor allem, wie die Droste mit gespielter Überraschtheit vermeldete, Levin Schücking, der als Bibliothekar auf Zeit Ordnung in Laßbergs Bücher- und Manuskriptsamm-lung bringen sollte. Mit ihm, dem um siebzehn Jahre jüngeren, im Aufstieg begriffenen, bis hin zu Cottas Morgenblatt für gebildete Leser und zur einflussreichen Augsburger Allgemeinen Zeitung geschickt vernetzten Schriftsteller, verbindet Droste eine Liebesfreundschaft der seltenen Art.5 Noch lange über den Tod der mütterlichen Geliebten hinaus sollte sich Schücking für ihr Nachwirken einsetzen. Er war es auch, der erkannt hatte, was diese Bodenseelandschaft für die Droste bedeutete, nämlich eine geopsychographische Erfahrung. In seinem vierzehn Jahre nach dem Tod der Droste veröffentlichten „Lebensbild“ erinnert er sich: „Ihr Lieblingsspaziergang war am Strande des Sees entlang, wenn dieser rauschend seine Wellen an das kiesige Ufer trieb und allerlei Schneckengehäuse und Muscheln auswarf, welche sie emsig sammelte. Im ganzen lebte sie auch hier einsiedlerisch zurückgezogen.“6 Schücking assoziierte mit diesen Wasserwellen die „Tonwellen der Musik“, von denen die „Seele“ der Droste sich habe „schaukeln lassen“, wobei auch er auf den „grauen dämmrigen Spiegel des Bodensees“ zu sprechen kommt.7

Der Bodensee, der zuweilen eine Aufgewühltheit kennt, die ihn ebenso an das Meer erinnern lässt wie seine von bestimmten Orten aus scheinbar unabsehbare Weite, dieser Meeressee, um den sich Öffnung und alpine Umfriedung vereinen, der ebenso urnatürliche Uferabschnitte kennt wie jahrtausendalte Siedlungsgebiete und Kulturzonen, er erschloss sich der Droste in Etappen. Im Mai 1842 schreibt sie an Schücking, der sich inzwischen entfernt hatte, sie habe einen „ächt romantischen Punkt am Bodensee“ ausfindig gemacht, wo der „See dreimal so breit wie bey Meersburg“ sei, wobei sie hinzusetzt: „ein ordentliches Meer“. Sie war in Langenargen angekommen und berichtet:

„Unter dir, über ein Stückchen flachen Strandes weg, die endlose Wasserfläche, wo du 10 – 12 Kähne und Fahrzeuge zugleich segeln siehst … Die herrliche Ruine Montofort, (auf einer Landzunge), die schönste, die ich je gesehn habe, mit drey Thoren, zackigten Zinnen, und einer dreyfachen Reihe durch ihre Höhe und Tiefe ordentlich imponirender Fensternischen …“.8

Wieder ist das Zusammenspiel von Wasserwelt und alter Welt, von Belebendem und Abgelebtem kennzeichnend für die Art, wie die Droste wahrnahm. Damit dürften nun aber ausreichend biographische Aspekte genannt worden sein, die Drostes zunächst latente, dann explizite Faszination mit dem Bodensee in einem größeren thematischen Umfeld, jenem ihrer Lyrik nämlich, deutbar machen. Aufschlussreich ist auch, dass die erste ihrerzeit namhafte Schriftstellerin, die sich Drostes monographisch in der prominenten von Georg Brandes herausgegebenen Reihe Die Literatur annahm, Gabriele Reuter (1859 – 1941), die ihr wahlverwandt erscheinende Dichterin auf der Meersburg ein „Wasserwesen“ nannte, eine Undine, die den „jungen Liebling ihres Herzens“ ebenso wie ihre Gedichte „hinaus ins Leben“ entließ nach einem „kurzen beglückenden Zusammenleben“9 und einer Schaffensphase, in welcher der Droste zuweilen ein bedeutsames Gedicht pro Tag gelang.

So auffallend die aquafinen Zeichen und Motive vor allem im lyrischen Schaffen der Droste auch sind, nicht minder auffällig ist das Fehlen von kritischen Studien zu diesem Themenkomplex, sofern man von eher positivistischen und weniger poetologischen Ansätzen einmal absieht.10 Auch ist bislang der Zusammenhang zwischen dem Spiegelmotiv und dem See als Spiegel gleichsam als symbolische Reflexionsflächen weitgehend unbeachtet geblieben.11 Das dem poetischen Verfahren der Droste Eigentümliche in dieser motivischen Hinsicht ist, dass sie selbst bei thematischen Kontexten, die dem Wasser fern sind, sich häufig einer aquafinen Metaphorik bedient. Das belegt ein Gedicht aus dem Anhang zu ihren Geistlichen Liedern:

Das Morgenrot schwimmt still entlang

Den Wolkenozean;

Den Gliedern zart mit Liebesdrang

Schmiegt sich die Welle an.

Ihm folgt die Sonn’ im Sphärenklang,

Ein roter Flammenkahn;

Ein lindes Rauschen grüßt den Tag:

Ist es ihr Ruderschlag?12

Hier spiegelt sich das Meer am Himmel nicht wie naturgemäß umgekehrt; die nautischen Metaphern verbinden sich mit einer transzendierten Sinnlichkeit („Den Gliedern zart mit Liebesdrang / Schmiegt sich die Welle an.“) Hinzu tritt ein buchstäblicher Anklang an das pythagoräische Sphärenmodell, das auf das geradezu Archetypisch-Uranfängliche dieses Himmelsbildes verweist. Die Aussagekraft dieser Sprachbilder findet im Geistlichen Jahr nur an wenigen Stellen eine Entsprechung, etwa das Lied Am Zwei und Zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, das jäh einsetzt: „Der Sonnenstrahl, ein goldner Spieß, / Prallt von des Sees kristallnen Flächen, / Und schwirrend um den Marmorflies / Palastes Mauern will durchstechen.“ (I, 471) Hier verwandelt die reflektierende Seefläche den Sonnenstrahl in einen Pfeil, ein Beispiel für eine optisch-poetische Transformation, die ja auch dem Morgenrot-Gedicht zugrundeliegt. Mit ihm und seiner Anspielung auf das Pythagoräisch-Uranfängliche befinden wir uns freilich im Umfeld der poetischen Vier-Elemente-Lehre, die für die Droste wesentlicher gewesen ist, als gemeinhin wahrgenommen. Davon zeugt vor allem die Sammlung der Gedichte (1844) und darin der Zyklus Die Elemente ebenso wie das Gedicht Meine Toten, in deren Gruft das poetische Ich erwacht und befindet: „Aus Wasser, Feuer, Erde, Luft, / Hat eure Stimme mir geboten.“ (I, 91) Die vier Elemente gebären aus sich heraus die eine Stimme der Toten, die das Ich zum Handeln auffordert – eine Vorstellung, die sich im lyrischen Werk der Droste so nicht wiederholen wird, wohl aber die Konstellation der Vier Elemente als einem poetischen Urmaterial. Das im Zyklus bedichtete „Wasser“ nun, sieben Jahre vor Drostes erstem Aufenthalt am Bodensee entstanden, vereinigt in sich zusätzlich Verweise auf „Feuer“ und Luft“, wenn es heißt: „Alles still ringsum – / Die Zweige ruhen, die Vögel sind stumm. / Wie ein Schiff, das im vollen Gewässer brennt, / Und das die Windsbraut jagt, / So durch den Azur die Sonne rennt, / Und immer flammender tagt.“ (I, 69) Es ist die Perspektive des Fischers, der am Mittag – zur Stunde des Pan also – entspannt in seinem Kahn liegt und sich sanft treiben oder besser: von den Wellen wiegen lässt und dabei einschläft. Als Traumvision erweitert sich ihm nun die Szenerie – auch um das vierte Element, die Erde: „Und das Meer wirft seinen Schein / Um Gebirg und Feld und Hain; / Und das Meer zieht seine Bahn / Um die Welt und um den Kahn.“ (I, 70) Und damit auch um ihn. So zumindest hat es für ihn träumend den Anschein. Die Windsbraut hat ihren Dienst an der Sonne getan; sie hat den Lichtplaneten gewissermaßen befeuert, aber den Fischer unbehelligt gelassen; er wiederum wähnt sich in einer anthropozentrischen Lage, in der selbst das Meer um die „Welt“ und ihn in seinem „Kahn“ seine Bahn zieht. Das korrespondiert mit ihrem ironisch angesetzten Gedicht Das Ich, der Mittelpunkt der Welt. das ein Jahrzehnt nach dem Elemente- Zyklus entstanden ist, das übrigens auch mit einem aquafinen Vergleich endet: Wer sich als „Mittelpunkt der Welt“ begreift, dessen eigener Lebensquell kann dann jenem der „Bäche“ entsprechen, die das Ufer „schwellen“.13 (I, 300)

Bevor nachfolgend etwas ausführlicher von den 1841/42 entstandenen, insgesamt wenig besprochenen Gedichten Am Bodensee und Die Muschel sowie ihrem frühen Vorläufer Unruhe (1816) und dem elegischen Nachklang An Philippa vom 24. Mai 1844 die Rede sein soll, wäre dieser summarische Befund über das Wassermotiv im lyrischen Schaffen der Droste auch als These diesen genannten Gedichten vorzuschalten: Die strömende und wellende Bewegung des Wassers erscheint in ihren Gedichten von Anbeginn als offene, aber poetisch besetzte Form der Entgrenzung. Drostes Aufenthalt am Bodensee erbrachte eine fraglose Intensivierung dieser Bildlichkeit und Bedeutungsassoziation, wobei beides ins Poetologische hinüberspielt. Es handelt sich dabei um aquafine Bewegungen, die im Gedicht bis in die physischen Merkmale der bewidmeten Freundin reichen, so in Drostes Gedicht Locke und Lied, gleichfalls im Bodensee-Winter 1841/42 entstanden: „Meine Lieder sandte ich dir, / Meines Herzens strömende Quellen, / Deine Locke sandtest du mir, / Deines Hauptes ringelnde Wellen; / Hauptes Welle und Herzens Flut / Sie zogen einander vorüber, / Haben sie nicht im Kusse geruht?“ (I, 122) Locke und Lied, gar der „Liederstrom“ sollen dann beim Wiedersehen „am rieselnden Damm“ miteinander „Bekanntschaft“ machen, wenn die Freundinnen „in die Welle“ und einander „in das Aug’“ schauen. (I, 123) Mögen in diesen Gedichten Kähne „wie Phantome“ gleiten (I, 29: An die Weltverbesserer), Wasserwesen wie die Unken „tönen“ (I, 19: Die Verbannten) oder Wasserspinnen „langbeinig in die Binsen“ fliehn (I, 62: Der Heidemann), mag „Unter jedem Tritt ein Quellchen“ springen wie in Drostes Gegenstück zu Goethes Erlkönig, nämlich Der Knabe im Moor (I, 66), das Wasser als Lebenselement fordert die Dichterin zu einer jeweils besonderen Morphomierung auf. Sie gewinnt dem Wasser eine fluide Figurativität ab, die in der Lyrik ihrer Zeit ihres Gleichen nicht kennt. Vom Turm der Meersburg aus erscheinen ihr die Wellen „wie spielende Doggen“, die sich „mit Geklaff und Gezisch“ am Strand „tummeln“. (I, 74) Und selbst wenn sie kein Wassergeräusch vernimmt, „keiner Quelle Plätschern“, so „springt“ ihr „im Herzen [doch] der Bronnen“. (I, 115: Die Bank) Der „springende Brunnen“ – ein Logotopos von Nietzsche bis Martin Walser – hat hier seinen poetischen Quellpunkt.

Droste hatte Meer und Ozean schon bedichtet, als sie dergleichen allenfalls vom Hörensagen kannte. Das betrifft das Gedicht Unruhe ebenso wie den in ihrer nachgelassenen Sammlung Klänge aus dem Orient veröffentlichten Meeresfluch, eine zehnzeilige Ballade in nuce, die den Ton der Heideballaden auf den fiktiven ozeanischen Bereich überträgt, das freilich in einer berückenden Sprache: „Was schäumt das Meer? Was wälzt es sich? / Und bäumt an das Gestade? / Ist’s Strömung, was da drunten wühlt? / Ist’s unterirdisch Feuer?“ Darauf, wie in einem atemlosen Atem gesprochen, die umkehrende Wiederholung und des Rätsels Lösung: „Nicht Strömung ist es, was da wühlt; / Nicht unterirdisch Feuer, / Ein Leichnam fiel in seinen Schoß, / Ein siebenmal verfluchter, / Des Kaufmanns, der um schnödes Gold / Erschlug den eignen Bruder.“ Die aquastrische Naturgewalt sieht sich noch verstärkt durch die Gewalttat von einst, die sich im Aufbäumen des Meeres rächt. In ihrem Levin Schücking zugedachten Gedicht Die Schenke am See vermittelt sich über die Bewegungen des Wassers die Emotionalität ihrer Liebesfreundschaft, von der das Ich des Gedichts weiß, es sei „meiner Neige letztes Gut“. Nähe und Weite werden dabei austauschbar, ebenso Illusion und Wirklichkeit, Sein und Schein: „Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt, / Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!“ (I, 73) Die Bewegungen der „Taucherente“, von den Wellen getragen, dann wieder niedersinkend „auf dem See im Abendrot“ werden zu Zeichen im Auf und Ab der Gefühlsregungen. Die Frage: „Hörst du das Alphorn überm blauen See?“ (ebd.) wirkt dabei wie ein Ruf aus einer anderen Welt, die sich klanglich mit dem „üpp’gen Wellen-Rauschen“ verbindet. (I, 74)

Vieles in diesen Gedichten hängt buchstäblich an „Wasserfäden“ (I, 46); die Figuren der Wellen, ja, die Gestalt der „Wasserfee“ (I, 46), sie verrätseln sich zu Hieroglyphen (I, 73) und entschlüsseln sich dem auf die Geräusche Eingestimmten sogleich wieder. Regen, Weiher, Wellenschaum und Schilf im Münsterland verbinden sich in Drostes Lyrik motivisch mit der Welt des schwäbischen Meeres zu einer aquafinen Symbiose, die ihr das Äußerste an Sprachbildlichkeit entlockt, etwa im Gedicht Mondesaufgang, wo Wortbilder dieser Art begegnen: „Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, / – Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen. // […] Da auf die Wellen sank ein Silberflor, / Und langsam stiegst du, frommes Licht empor; / […] Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken, / An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken, / Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, / Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.“ (I, 333)

Der Tropfen als schimmerndes Konzentrat des Unermesslichen des Wassers, der wiederum auf die „zerfloßnen Perlen oder Wolkentränen“ des Gedichtanfangs zurückweist, diese blinkenden Tropfen bezeichnen Essenzen eines Wissens, das auch im Scheinen einen Schimmer des eigentlichen Seins erkennt.

Die Tropfenmetapher hatte die Droste erstmals im Juni 1835 in ihrem in Form und Inhalt an Angelus Silesius angelehnten Gedicht gleichen Titels erprobt, dessen epigrammatische Perlenschnüre großen Eindruck auf sie gemacht hatten:14 „Hat nicht vom Tröpfchen Tau die Eigenschaft zu messen / Jahrtausende der Mensch vergebens sich vermessen?“ (I, 95) Wobei nur eine Strophe weiter das Gedicht vom Tautropfen zur Rundung des Ozeans durch den Strand übergeht. (I, 96) Konzentration und Erweiterung, Kondensierung im Immanenten und transzendierende Dimensionierung – in diesem – mit Goethe gesagt – systolisch-diastolischen Wechselverhältnis bewährten sich Drostes lyrische Perspektivierungen vermittels ihrer zunehmend betont eingesetzten aquafinen Metaphorisierungen ihrer seelisch lebensweltlichen Erfahrungen und imaginativen Projektionen. Dieses Wechselverhältnis konnte sich bis in die lyrische Reflexion einer bestimmten Intonation übertragen: „Die Stimme sank, des Stromes Wellen schwollen“. (I, 22: Der Prediger)

Damit sind einige der Voraussetzungen benannt, um die mir hier wesentlichen Gedichte im Hinblick auf die poetologischen Phänomene ihrer Aquafinität zu besprechen. Beginnen wir mit Drostes Gedicht Am Bodensee; es stellt Beziehungen her zwischen dem inneren pulsierenden Geschehen im See und dem Treiben am Ufer. Vermittelnd tritt dabei das Ich des Gedichts in Erscheinung:

Ich beuge mich lauschend am Turme her,

Sprühregengeflitter fährt in die Höh’,

Ha, meine Locke ist feucht und schwer!

Was treibst du denn, unruhiger See?

Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn?

Doch nein, du schläfst, ich seh’ es genau,

Am Ufer schlummert der Kahn. (I, 79)

Diese Vermittlung hat ein physisches Element (das durch „Sprühregengeflitter“ benetzte Haar) und ein spekulativ-wahrnehmendes: die Frage nach dem Wesen und der Befindlichkeit des Sees. Der vermutete Schlaf des Sees erweist sich jedoch als Täuschung; denn er hat „so Vieles, so Vieles erlebt, / Daß dir im Traume es kehren muß“, wie bereits die folgende Strophe vermutet. (Ebd.) Und dieses Erleben, das den See nicht ruhen lässt, hat sich an seinem Ufer abgespielt, was das Gedicht nun aufzählt. Dazu gehört auch ein im eigentlichen Sinn poetisches Phänomen: „Der Sänger, der mit trunkenem Aug’ / Das Metrum geplätschert in deiner Flut“. (I, 80) Die Grammatik sorgt hier für eine subtile Zweideutigkeit: Gemeint sein kann, dass der Sänger vermittels seines „trunkenen Aug’s“ das Metrum in die Flut plätschern ließ, oder dass seine Wahrnehmung sich am Gesehenen, dem See, gewissermaßen ‚berauscht‘ hat, oder dass er in trunken-dionysischem Zustand zum See und in den See spricht. Doch nicht nur die Frage nach dem dativus instrumentalis ist hier bedeutsam, sondern auch die Wendung „geplätschert in deiner Flut“. Hat der Sänger sein Versmaß ins Wasser plätschern lassen oder hat er es dem plätschernden Wasser abgewonnen?

Das Gedicht sagt, dass der „Spiegelschein“ des am und im See Geschehenen „zerflossen auf“ seinem Grund liege. Und doch rumort dieses Zerflossene. Der Wasserschaum „zerfährt an meiner Sohle“, vermeldet das Ich des Gedichts, aber nur um in der letzten Strophe mit Gewissheit zu behaupten, dass es „wie Schaum“ zergehen werde. Zuletzt richtet das Ich sein Wort an die Wasserfee: „Wenn aus dem Grabe die Distel quillt, / Dann zuckt mein längst zerfallnes Bild / Wohl einmal durch deinen Traum!“ (I, 80) Aufgehobensein in der ewigen Unruhe des „zitternden Elements“, das ist es, was diesem Ich am Seeufer an Hoffnung bleibt.

Das Flimmern und Unscharfe zeigt sich der Dichterin in den Wasserbildern, die Welle die „das Ufer flimmernd küßt“ – und das „immerfort“, wie es an anderer Stelle heißt. (I, 85) Gefühlsregungen sehen sich auf die Wasseroberfläche projiziert, wo das untergründige unaufhörliche Bewegungsmoment diese Regungen weiter verstärkt. Nur der Frost kann diese Bewegungen stillstellen. Und selbst dann bietet das Eis einen „kristallnen Flimmer“ (I, 86), der in seiner vielfach gebrochenen, aber glitzernden Farbigkeit die Bewegung des Wassers erinnert.

Der See als seelische Projektionsfläche findet sein Gegenstück in dem, was er selbst gleichsam auswirft oder stranden lässt: die Muschel. Erinnern wir uns an die Aussage Levin Schückings, die Droste habe an den Gestaden des Bodensees neben Steinen eifrig Muscheln gesammelt; und sie hat die Muschel bedichtet, nicht aber im Sinne eines frühen Dinggedichts, sondern eher einer rhapsodisch vorgetragenen Allegorie.

Wieder begegnet das in die Flut gesprochene oder „geplätscherte“ Metrum, dieses Mal singt eine als „meine Najade“ apostrophierte Wassernymphe „den Wellengesang“. (I, 134) Aber wessen Najade? Das Ich des Gedichts lässt sich zunächst nicht ermitteln. Explizit tritt es auch erst im letzten Drittel des siebenteiligen Gedichts, das Paarreime mit Kreuzreimen alternieren lässt und stabreimende Alliterationen in einem für Drostes poetische Verhältnisse ungewöhnlich prominenten Maße einsetzt („Webe, woge, Welle, wie / Westes Säuselmelodie“). Spricht die Muschel? Ist sie es, der die Najade zugehört? Ist es die Wassernymphe, die von der Muschel singt? Wie das einmal mehr „zitternde“, „flirrende“ und „flitternde“ Wasser schillern die Rollenzuweisungen in diesem Gedicht, das sich nicht festlegen will. Bezeichnenderweise entzündet sich auch das Auge des Ichs an diesem Flirren und Flittern, und die einzige Frage in diesem Gedicht, die durch Verdoppelung umso dringlicher scheint, gilt denn auch der Orientierung: „Mein Auge zündet sich – wo bin ich? – wo?“ (I, 135) In der poetischen Topographie dieses Gedichts gibt es nur zwei Fixpunkte: die „Muschelhalle“, in der Triton, der Kentaur des Meeres, schläft, und die eine Stelle auf dem „Boden“, wo „das Autograph“ liegt, also der schriftliche Nachweis, dass das, was sich in diesem Gedicht zugetragen hat, zu einem geschriebenen Zeugnis geworden ist. Autograph (wohl des Gedichts selbst) und Geschehnis beglaubigen sich auf diese Weise gegenseitig. Die leise knarrende, mit der Droste gesagt „knirrende“ Muschel am Strand, halb Lebewesen, halb Fossil, scheint die singende Najade an die Muschelhalle Tritons zu erinnern. Wie diese Muschel selbst hat auch das Ich „Donner, Blitz und Regenschauer / verträumt“ (I, 135), offenbar betört vom Gesang der Wassernymphe. Doch kaum ist ihr „Lied verhaucht“, setzt die zuvor benannte Orientierungsschwierigkeit des Ichs ein. Die Muschel liefert, so gesehen, nur den Anlass für die Darstellung des poetischen Prozesses in drei Phasen als Ausgeburten des Wassers als einem mythologischen Element: die Erscheinung einer Gestalt, die assoziative Imagination hervorruft; das Produktiv-Werden dieser Imagination im Lied; die kritische Ernüchterung am Ende des kreativen Prozesses. Sein Kern ist die Muschel, die als scheinbares Relikt von sich selbst „knirrend“ zu träumen scheint, nur um dann – sich zur Muschelhalle öffnend – zum Schauplatz des Liedes und damit des poetisch-mythologischen Hervorbringens zu werden.

In der Imagination der Droste hatte das Wasser jedoch stets auch eine bedrohliche Seite. Balladen wie Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande (I, 184 – 187) sowie Die Vergeltung (I, 252 – 255) thematisieren das Geisterschiff und den Schiffbruch durchaus als zivilisations- und phantasiekritisches Motiv, das die Gefahr der besinnungslosen Entgrenzung so bedrohlich wie Samuel Taylor Coleridge im Ancient Mariner schildert, ohne deswegen zur Schauerballade zu werden.15

Trotz dieser Meeresallusionen und topographisch-imaginierten Abenteuer, westfälischer Moore, Weiher und Wassergräben um das elterliche Schloss – Drostes poetisch-aquafines Element war unzweifelhaft der Bodensee, in ihrem Fall ein See ohne bergende Fischernetze und doppelten Boden, sondern das elementarste aller ihr nur vorstellbaren Binnengewässer. Dort wird sie schmerzliche Verlassenheit erfahren (nach dem Weggang Schückings), unverhofft Schönes an Bildlichkeiten erleben und Mut zu sich selbst fassen („So lange noch der Arm sich frei / Und waltend mir zum Äther streckt, / Und jedes wilden Geiers Schrei / In mir die wilde Muse weckt.“16 (I, 304) Dieser See wird ihr zum „Freund“ werden, „der mit mir lächelt mit mir weint“, „mit seiner nächtgen Klage Weh / Mit seinem Jubel seiner Lust“, auch „wenn Sturm und Welle sich bekriegen“, so in ihrem ergreifenden Gedicht „Auf hohem Felsen lieg ich hier / Der Krankheit Nebel über mir / Und unter mir der tiefe See“. (I, 552)

Bekannte Zeilen, weniger bekannt ein spätes Freundschaftsgedicht für Philippa Swinnerton Pearsall (1824 – 1917), die mit ihrem Vater auf der Meersburg bei Laßberg zu Gast war, der 1825 England aus Gesundheitsgründen verlassen hatte und seit 1842 auf Schloss Wartensee bei Rorschach am Schweizer Ufer lebte. Dort besuchte sie die Droste im Mai 1844, beeindruckt von Philippas zeichnerischer und musikalischer, ja kompositorischer Begabung und ihrer „wunderbar tiefen erschütternden Stimme“, mit der sie ihre eigenen Gesangkompositionen vorzutragen verstand.17 Dieses Gedicht illustriert, mit welcher Selbstverständlichkeit Droste nunmehr Gefühls- und Wasserwelt poetisch in eins setzte:

An Philippa

Im Osten quillt das junge Licht

Sein goldner Duft spielt auf den Wellen,

Und wie ein zartes Traumgesicht

Seh ich ein fernes Segel schwellen,

O könnte ich der Möwe gleich

Umkreisen es in lustgen Ringen!

O, wäre mein der Lüfte Reich,

Mein junge lebensfrische Schwingen!

Um dich, Philippa, spielt das Licht,

Dich hat der Morgenhauch umgeben,

Du bist ein liebes Traumgesicht

Am Horizont von meinem Leben,

Seh deine Flagge ich so fern

Und träumerisch von Duft umflossen,

Vergessen möchte ich dann so gern

Daß sich mein Horizont geschlossen.

Vergessen daß mein Abend kam,

Mein Licht verzittert Funk, an Funken,

Daß Zeit mir längst die Flagge nahm,

Und meine Segel längst gesunken,

Doch können sie nicht jugendlich

Und frisch sich neben deinen breiten,

Philippa, lieben kann ich dich,

Und segnend deine Fahrt geleiten. (I, 551 – 552)

Diese Strophen bilden ein weiteres der Verzicht-Gedichte der Droste, das von Entsagung weiß, sie aber zunächst nicht wahrhaben will. Das „junge Licht“ wird auf dem gewellten, aber dennoch spiegelnden See zum Gesicht. Das Gedicht führt eine synästhetische Erfahrung vor, denn das Licht verfügt über „goldne[n] Duft“. Das phantasmagorierte Gesicht erhält dabei eine Entsprechung, das „Traumgesicht“ der bedichteten Philippa, die mithin dem See entstiegen zu sein scheint, eine weitere Najade, wenn man so will, eine Allegorie der Jugend, im Osten des Sees aufsteigend, wogegen Flagge und Segel des Ichs von der Zeit gestrichen wurden.

Das Versmaß dieses Gedichts wie der meisten anderen mit dem Bodensee und dem Wasser überhaupt verbundenen ließe sich am trefflichsten mit dem Ausdruck Wellen-Metrum benennen. Es meint ein neuerliches Anheben wie ein leichtes Heranrollen von Wogen: „Vergessen möchte ich dann so gern […] // Vergessen daß mein Abend kam […]“. Zum aquafinen Dichten der Droste gehört eben dieses Fließende, Strömende der Verse, das nur dann stockt, wenn sie sich selbst aufbäumt, gerufen von des „wilden Geiers Schrei“. Um die wirklich „wilde Muse“ in ihr zu wecken – und sie war ihr Teil – genügten Bodensee-Möwen nicht, wohl aber für das poetisch immens fruchtbare Umkreisen der Gesichte, die dieser See der Seen für sie bereit hielt.

Und was ihren jungen Freund Schücking anging, so erwies sich für ihn im Rückblick, dass er in der Zeit seiner Bezogenheit zur Droste wirkliche Freiheit erfahren hatte, die in seinem Leben abseits des Sees so nie wiederkehren sollte. Doch lange über ihren Tod hinaus hatte Schücking alles ihm Mögliche unternommen, um die poetisch überragende Bedeutung seiner Liebesfreundin von einst zu vermitteln. Er wird nicht minder als wir bis heute im Bann jener Zeilen gestanden haben, die da lauten: „Meine Lieder werden leben, / Wenn ich längst entschwand. / Mancher wird vor ihnen beben, / Der gleich mir empfand.“ Lieder, ihre bedeutendsten, die den See solchermaßen als Hintergrund haben, dass sie selbst zu Seen geworden sind, bewegt und bewegend; wer sich im angemessenen Winkel über sie beugt, dem werden sie zum Spiegel.

 

1 Annette von Droste-Hülshoff: Sämtliche Briefe. Historisch-kritische Ausgabe. Hg. v. Winfried Woesler. Bearbeitet von Walter Gödden, Ilse-Marie Barth und Winfried Woesler. Drei Bände in einem. München: dtv 1996 (II), S. 259. Alle nachfolgenden Briefzitate nach dieser Ausgabe.

2 Barbara Beuys: „Blamieren mag ich mich nicht.“ Das Leben der Annette von Droste-Hülshoff. München-Wien: Carl Hanser 1999, S. 286.

3 Annette von Droste-Hülshoff an Elise Rüdiger am 18.11.1843. In: Ebd., S. 110.

4 Ebd., S. 267f.

5 Vgl. dazu u.a. besonders Beuys, „Blamieren mag ich mich nicht“ (Anm. 2), S. 276 – 297 („Geliebte Lüge: Nähe und Distanz über Meersburg hinaus“).

6 Levin Schücking: Annette von Droste-Hülshoff. Ein Lebensbild. (1862). 3. Auflage. Stuttgart: K. F. Köhler 1942, S. 89.

7 Ebd., S. 77 und S. 85.

8 Droste-Hülshoff, Sämtliche Briefe (Anm. 1), S. 298.

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