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Jenny Schon

Der Duft der Bücher

Roman

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© Dittrich Verlag ist ein Imprint
der Velbrück GmbH, Weilerswist-Metternich 2020
Satz: Gaja Busch
Umschlaggestaltung: Helmi Schwarz-Seibt
Printed in Germany
ISBN 978-3-947373-40-6
eISBN 978-3-947373-51-2

www.dittrich-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Die Sonne vertreibt die Finsternis der Nacht,
das Buch die Finsternis des Herzens

Joh. Gerardi Vossii
De philosophia et philosophorum sectis, 1658

Der »Duft der Bücher« ist wissenschaftlich erforscht und hat das Kürzel VOC (volatile organic compounds).

Die Träger des Dufts entstehen, wenn die Chemikalien in organischen Stoffen wie Papier, Tinte, Klebstoff und Fasern unter dem Einfluss von Wärme, Licht, Feuchtigkeit und Sauerstoff miteinander reagieren. Die meisten Gerüche, die wir wahrnehmen, bestehen aus VOCs. In der Bibliothek mischen sich die der Besucher, der Regale, des Parketts, der Ledersessel und sogar des lange erloschenen Kamins unter die des Papiers.

(Jessica Braun, Das Parfum der Bücher, in: Die Zeit Nr. 53, vom 20. Dezember 2017, Wissen S. 37)

Teil 1

Der Duft der Bücher

Der Traum vom Duft der Bücher

Das Tagebuch eins

Der Verrat

Ein Tagebuch der besonderen Art

Konfirmation

Steuerberater

Aller Anfang ist schwer

Die englische Sprache ist eine Zier, love me tender

Mädchen mit Jeans gehören in den Sandkasten

Bleistiftzahlen

Sommerferien – Ein Duft von Büchern

Nach den Ferien

Das Tagebuch zwei

Im Ausland

Eine Jazzsession

Bonjour Tristesse

Jennifer tanzt

Feine Gesellschaft

Verkörperungen – in memoriam Albert Camus (1913–1960)

Der andere Weg

Die Entscheidung

Markus Küppers

Goldjüdin

Hagen Westermann

Karl Beyer, Buchhändler

Weihnachtsgeschäft

Der achtzehnte Geburtstag

Pharisäer, Lukas 18,9–14

Baustelle

Endlich Liebe

Von Pfarrern und verkleideten Möbeln

Gymnasium, abends

Pfänderspiele

Männerbesuch

Männerbesuch, numero zwo

Eine Sehnsucht bleibt eine Sehnsucht

Mauerbau in Berlin – 13. August 1961

Hannover – Eine neue Identität

Vierzehn Tage im Oktober 1961 – Die Mauer einreißen – West-Berlin – Kleist besuchen – Wannsee

Adé, Herr Beyer, hier stehe ich, ich kann nicht anders

Der Traum vom Duft der Bücher

Die Ratten lauerten überall, sprangen auf und huschten weg, als wir in den Trümmern von Brühl ankamen. Meine Mutter war schreckhafter als ich, sie kreischte, sobald sie eine Ratte erblickte.

Ich wachte schweißgebadet auf aus diesem Traum, noch lange Jahre danach.

Als Tante Änne aus Porta Westfalica zurückkehrte, wo sie die ersten Jahre nach dem Krieg als Kindermädchen gearbeitet hatte, brachte sie mir Der Rattenfänger von Hameln, gesetzt in großen Druckbuchstaben, mit. Ich begann zu buchstabieren: DER RATTEN … Nein, nein und noch mal nein, schrie meine Mutter. Die Ratten haben wir beseitigt. Schluss jetzt! Weg damit!

Es half nichts, das Buch blieb, es war mein erstes Buch, es war überhaupt das Allererste, was mir in Brühl geschenkt worden war, und es musste immer mit. Es spielt auch in dem Traum, der immer wieder kommen sollte, eine große Rolle.

Meine Mutter stellt sich beim Bankdirektor vor. Er klimpert mit dem Schlüssel in der Hosentasche. Er steht vor einem Schrank mit geschliffenen und geschwungenen Glasscheiben. Was ganz Kostbares …, das spürt sie, die neben ihm steht, sofort.

Ich sehe das Mädchen, das auf den gebohnerten, bei der kleinsten Bewegung knarrenden Dielen hockt. Es starrt auf die gewienerten, ebenfalls nach Bohnerwachs duftenden Schuhe dieses Mannes. Sie glänzen. Nie zuvor hat es so glänzende Schuhe gesehen.

Wenn es auf dem Mäuerchen hockt, bei der Oma vor der Berufsschule, wo viele Männerschuhe vorbeilaufen, sind manchmal auch Stiefel darunter. Die hat es überhaupt nicht gerne, die sind staubig und wirbeln Staub auf, das ist stinkender Staub, Straßenstaub. Das Mädchen hat Bilder vor Augen, auf denen Stiefel marschieren.

Auf dem Hof der Berufsschule – hier laufen viele Arbeiter herum –, riecht es so wie in den Trümmern von Dresden. Auch diesen Geruch wird das Mädchen nicht vergessen. Die Mutter erzählt manchmal davon, wie kaputt Dresden war, da wär’ doch Brühl noch ziemlich gut weggekommen im Vergleich. Das hören die Verwandten nicht gern, weil sie all die Arbeit sehen, die auf sie wartet, und all den Notstand, den der Krieg gebracht hat.

Dieser Mann hier aber hat eine unbeschädigte Wohnung und kostbare Möbel, und er riecht anders. So etwas hat das Mädchen noch nie gesehen und noch nie gerochen. Die Mutter wird sagen, das sei Parfüm.

Parfüm, wiederholt es für sich. Dieses Wort kennt das Mädchen noch nicht.

Die Mutter hat die Stelle bekommen, nachdem sie dem Direktor gezeigt hat, wie sie Staub wischt. Staub, der anders riecht, parfümierter Staub. Und dass das Kind mir gar nichts anfasst, donnert der Direktor. Das Mädchen zuckt zusammen.

Machen Sie den Schrank aber wieder fest zu, sagt er, als er ihn aufschließt, die Ratten fressen alles, auch alte Bücher, und seien Sie vorsichtig. In dem Moment, in dem die Glastür sich öffnet, fällt Duft, ein bisschen wie Heu, vermengt mit dem Geruch von Bohnerwachs, auf das Kind, das immer noch in der Ecke hockt. Es umhüllt es mit Sehnsucht nach einem eigenen Zuhause

Es hat zwar jetzt auch ein Zuhause. Aber der Vater muss es am Wochenende, wenn er aus dem Ruhrpott nach Hause kommt, überall stopfen, ausbessern und reparieren. Da gibt es keine Bücher und nicht so schöne Möbel. Woher soll das Mädchen wissen, dass das, was es riecht, Bücherstaub ist und der Geruch nach altem Leder, in das die Bücher geschlagen sind, und Möbelpolitur.

Vielleicht haben Sie eine andere Möglichkeit für das Kind, wenn Sie hier arbeiten. Das klingt wie ein Befehl. Das Kind duckt sich sofort. Die Mutter nimmt jedes Buch vorsichtig in die Hand und reibt es mit einem weichen wollenen Tuch ab.

Ein Zuhause ohne Kriegsschäden – das scheint es tatsächlich zu geben, wie hier bei den Bankleuten. Das Mädchen hat viel Zeit darüber nachzudenken, während es in der Ecke hockt und der Mutter beim Staubwischen zusieht. Warum kann es bei mir daheim nicht auch so schön sein?, denkt es, und sieht sehnsüchtig nach der Puppe mit dem Porzellangesicht und dem weißen Batistkleidchen. Sie thront auf dem Sofa wie eine Königin. Auch wenn es dem Mädchen in den Fingern juckt, sie einmal, nur ein einziges Mal, zu drücken, bleibt das Mädchen in der Ecke sitzen und schaut der Mutter zu.

Die Mutter erfährt, dass sie ihr Kind in den Kindergarten bringen kann. Der Direktor möchte nicht, dass sie es zur Arbeit mitbringt.

Der Kindergarten ist in der Friedrichstraße gegenüber dem Städtischen Knabengymnasium, eins für Mädchen hat die Stadt nicht.

Die Mutter muss einen Henkelmann besorgen, damit das Kind darin sein Essen bekommt. Die Mühlen-Oma hat einen übrig. Damit de groß und stark wirst, sagt die Oma, die nur eine Nenn-Oma ist. Der Kindergarten ist in der Nähe der Mühle.

Und nach dem Kindergarten kannste bei mich vorbeikommen, ne, Mädsche. Die Mühlen-Oma streichelt das Kind. Jetzt biste ja schon jroß. Pfiffi knurrt eifersüchtig und will dem Kind, wie jeden, der die Wohnung verlässt, an die Beine. Pfui Pfiffi, schimpft die Oma. Du fiese Möpp, dat is doch ä Pänz und kein Einbrecher.

Die Nonnen schöpfen aus einem riesigen dampfenden Kessel mit großen Schöpfkellen das duftende Essen und geben es in die Henkelmänner der Kinder. Den Kindern wird ganz warm. Sie sitzen ganz still an den Tischen.

Wenn ich dieses Bild träume, werde ich hungrig und wache auf. Ich nehme das Foto, das ein Fotograf von uns machte, aus dem Bilderrahmen auf meinem Tischchen. Es ist das einzige Foto bis zur Schulzeit.

Am liebsten hatte ich die dicke Nudelsuppe mit Rindfleischstückchen darin, den Milchreis mit Backpflaumen mochte ich auch sehr gerne.

Und dann geht der Traum weiter, das Kind zittert aus Angst vor den vielen Kindern. Es sagt der Schwester, dass es auf die Toilette müsse. Die Toilette ist auf dem Hof. Es kommt nicht wieder bis zur Kindergartenschließung. Die Schwestern rufen: Berta, wo bist du?

Sie antwortet nicht. Erst als die Mutter ruft, macht sie die Klotür auf, und kommt heraus.

Berta, was ist denn?

So viele Kinder, sagt sie.

Die Mutter Oberin kommt angerannt. Das geht aber nicht, Frau Pütz, erziehen müssen Sie Ihr Kind schon selbst, wir haben uns um alle Kinder zu kümmern.

Berta, bittet ihre Mutter auf dem Heimweg, ich kann Dich nicht zum Bankdirektor mitnehmen, auch wenn Du die Bücher gerne hast, er will es nicht. Du bist fünf Jahre alt und musst das verstehen. Du bekommst hier Essen, da hab ich zu Haus einen Esser weniger. Das ist viel Geld für Vati und mich, wenn wir wochentags nicht für Dein Essen sorgen müssen, Du weißt doch, dass wir arm sind, wir haben alles verloren und müssen erst wieder was aufbauen, dazu müssen wir schwer arbeiten. Schwer arbeiten, hörst du. Am Sonntag essen wir dann zusammen.

Es hilft nichts, am nächsten Tag sperrt sich Berta nach dem Essen wieder auf der Toilette ein, und am dritten Tag auch, obwohl sie versprochen hat, es nicht zu tun.

Herr Direktor, spricht die Mutter den Herrn mit den funkelnden Lederschuhen an. Sehr geehrter Herr Direktor, um es noch höflicher zu sagen, das Kind hat Angst bei so vielen Kindern im Kindergarten. Darf es nicht hier in der Ecke sitzen, es fasst auch nichts an. Es guckt in sein Märchenbuch, das seine Tante von der Porta Westfalica mitgebracht hat. Die Mutter holt das Buch aus ihrer Tasche. Eigentlich hasst sie das Buch, wo sie sich doch so vor Ratten ekelt, aber als sie sah, dass die Ratten vernichtet werden, war sie einverstanden.

Seh’n Sie, sehr geehrter Herr Direktor, das ist unser Buch, unser einziges. Berta geht nicht an Ihre Bücher, wir haben ja selber eine Kostbarkeit.

Der Direktor guckt sie an und geht wortlos raus. Ihre Mutter fasst dies als Erlaubnis auf.

Am Monatsende, nach der Auszahlung des Lohns, sagt er, dass sie ihre Arbeit gut gemacht habe, aber nicht wieder zu kommen brauche.

Auf der Straße zerrt sie das Kind hinter sich her. Alles Deinetwegen, giftet sie, erst haste die Lebensmittelmarken zerrissen und jetzt hab ich Deinetwegen die Arbeit verloren! Hätte ich dich doch damals bei der Vertreibung im Graben ersaufen lassen!

Sie erschrickt, drückt das Kind fest an sich und Tränen tropfen auf seine Locken.

Auch mit diesem Traum muss ich leben. Mutti lässt mich im schmuddeligen Graben liegen. Reden darüber mit ihr, was das für ein Graben ist, kann ich nicht. Sie will nichts mehr von früher wissen. Wir sind jetzt hier, Schluss aus. Auch wenn Oma aus Bonn kommt und im Dialekt redet, schimpft sie. Du sollst nicht, Mama, so reden, wir sind schon Jahre im Rheinland, und lass endlich das Kopftuch zu Hause. Opa, sag du doch was, wendet sie sich an ihren Vater.

Ja, was soll ich sagen, Madla, wir sind alte Bäume, die verpflanzen sich schlecht.

Opa hat mir neulich den Stifter mitgebracht, Bergkristall, hab ich mit der Taschenlampe in einer Nacht leergelesen, das Buch mit seinen glitzernden klirrenden Worten, jedes einzelne hat mich angeschaut. So etwas hab ich noch nie erlebt, so ein Buch, das mich so mitnimmt auf eine Reise in die eisige Nacht in ein anderes Land, in eine andere Zeit. So etwas möchte ich auch schreiben können.

Das Tagebuch eins

Zu meinem Geburtstag und zu Weihnachten habe ich zu meinen Märchenbüchern endlich auch Bücher für junge Mädchen geschenkt bekommen, Trotzkopf und Nesthäkchen.

Auf einem steht in Goldbuchstaben Tagebuch, von Tante Marie aus Bayern geschickt.

Ich frage Tante Änne, was das ist, ich kenne nur das Poesiealbum, worin die Schulfreundinnen sich Gedichte widmeten. Ich hab bei der Jutta mal reingeschrieben:

Gerede und Zank

machen krank.

Da hat mir niemand mehr in der Klasse ein Poesiealbum gezeigt.

Die Tante meint, ein Tagebuch ist doch gerade richtig für dich, wo du so oft Stubenarrest hast. Da kannst du alle deine Gedanken, Geschichten und Geheimnisse reinschreiben. Dafür brauchst du aber einen Künstlernamen.

Künstlername, warum?

Nun, es muss ja nicht jeder wissen, wer das schreibt. Die Tante überlegt. Der Dichter Novalis, der hat schöne Gedichte geschrieben, fällt mir ein, der war in Wirklichkeit ein Prinz, du hast es doch auch mit Prinzen und Prinzessinnen, die sich verstecken müssen, damit sie unerkannt bleiben.

Ich kenne Novalis nicht, aber Verstecken, denk ich, das will ich auch. Mein Bruder, mit dem ich das Zimmer teile, ist nämlich neugierig und petzt.

Ich muss dich also erst mal kennenlernen, liebes Tagebuch, weil ich ja nicht weiß, wie du bist. Also nenn mich Betty. Den Namen von früher musst du nicht kennen, von der, die nur Märchenbücher und kein Tagebuch hatte, wenngleich ich mich manchmal schon verschreiben werde, denn an einen neuen Namen gewöhnt man sich ja nicht so schnell.

Sonntagmorgen.

In der letzten Zeit habe ich immer Ärger mit meiner Schulfreundin Sonja.

Ich habe ihr den Trotzkopf ausgeliehen, den mir Tante Änne geschenkt hat. Eigentlich gefällt mir das Buch nicht, aber ins Internat, wie die Ilse Macket, möchte ich schon. Endlich weg von zu Hause, schon weil ich für jedes Bisschen Stubenarrest bekomme.

Zu Neujahr hat Vati zwar gesagt, jetzt kannste widder frei rumloofe, aber ich muss immer auf der Lauer sein, besonders vor meinem Bruder, weil der sofort alles Vati erzählt und wenn der sieht, dass ich schreibe, will der das lesen. Ich verstecke dich, liebes Tagebuch, am besten unter meinen Schlüpfern, da haben Männer nichts zu suchen. Bitte entschuldige.

Auch Mutti ist neugierig, zeig mal, und schwupp, hat sie es mir aus den Händen geraubt und liest. Ich will ja auch mal was schreiben, was nicht für andere bestimmt ist, meine Gedichte zum Beispiel. Da hat es auch immer Ärger gegeben in der Schule.

Der Verrat

Das Thema war: Was willst du mal werden?

Ich hab in Gedichtform geschrieben.

Voller Fehler, sagt die Lehrerin. Solche Wörter, die du erfindest, gibt es nicht. Der erste Satz hat schon mal kein Tuwort. Lies es vor.

Der Winter ein Schattenwurf.

Die Geworfenen, seine Kinder,

hinter den düsteren Bäumen im Grabennebel,

morgens, wenn ein Ahnen von Licht sich aufmachte

in den Tag.

Kleine Gespenster von lila,

ein wenig farbiger als das sie umgebende Grau.

Ich sah sie reiten mit dem Wind,

auf meinem Schulweg durch den Park,

ein lichtes Flattern der Äste

Das ist der Wind, mein Kind,

war das erste Gedicht, das ich auswendig lernte.

Wir besaßen keine Bücher,

nur eine Tafel, an die die Lehrerin den Erlkönig schrieb,

jede Stunde eine Strophe,

die sie in der nächsten Stunde abfragte,

bis es saß, bei allen!

Wir waren in der sechsten Klasse

und hatten das erste Mal in Deutsch Literatur.

Langsam vergaß ich die Schatten,

die meine Kindheit verfolgten.

Ich bettete sie in Märchen,

sie verloren ihren Schrecken.

Ich möchte Märchenerzählerin werden.

Gut, ich gebe zu, als Märchen ist es schön, dafür würde ich eine Eins geben, sagte Frau Schmitz, aber ansonsten ist nicht nur das Thema verfehlt, sondern auch die Form. Deshalb kann es als Aufsatz nicht bewertet werden. Schon was Thema verfehlt heißt, weißt du. Und was meint ihr? Die Lehrerin fragt die Klasse.

Ich musste die ganze Zeit vorne stehen und über das Gedicht sprechen, das heißt: verteidigen.

Ich muss am Sportplatz vorbei zur Schule, stammelte ich, da ist es morgens noch dunkel. Früher kamen die Jungs, die in die katholische Schule gehen, und verprügelten mich, evangelischer Rattenfänger, riefen sie, Pimock, Fusselumpzigarrenstump, da habe ich Angst. Ich habe Angst, zu spät in die Schule zu kommen, weil ich ja noch einen weiten Weg habe.

Und deshalb siehst du Gespenster? fragt die Lehrerin, die Schülerinnen gackern, besonders hässlich sind die hämischen Gesichter der dicken Töchter aus gutem Haus, die eine vom Eisen- und Elektrowaren-Kaufhaus, die durch den Schwarzen Markt reich wurden, und die von der Baufirma, die vom Bauen der Nachkriegsjahre reich wurden. Und ausgerechnet diese Schülerinnen, die schon eh Langeweile haben, sind vom Turnen befreit, weil sie was haben, was die anderen Mädchen noch nicht haben, wird getuschelt.

Ihr habt ja keine Heimat verloren, schreie ich sie an, ihr hattet zu essen, und seid zu faul zu turnen!

Da blieb ihnen das Lachen im Halse stecken, damit hatten sie nicht gerechnet, dass ich mich wehre.

Geld habt ihr, ja, das haben wir anderen Mädchen nicht, die wir flüchten mussten. Aber keinen Funken Fantasie habt ihr!

Nun kommt es! Statt mich zu unterstützen, sehe ich Sonja grinsen, und sie meldet sich und sagt, ich hab gesehen, wie sie das Gedicht abgeschrieben hat.

Das ist nicht wahr, Sonja, schreie ich. Nein, das ist nicht wahr, ich habe doch gar keine Bücher, das weißt du doch, Sonja, außer Grimms Märchen, und diese Märchen kennt ihr alle.

Nein, ich heule nicht, aber ich bin puterrot und darf mich wieder auf den Platz setzen.

Zu einem späteren Zeitpunkt wird Vati in die Schule geladen, der kann aber nicht, weil er in der Fabrik arbeitet und dafür keinen freien Tag kriegt, da müsste er sich Urlaub nehmen, aber das bin ich ihm nicht wert.

Frau Schmitz sagt, ich würde dir jetzt bei den Nachmeldungen doch noch mal eine Chance geben und eine Empfehlung für die höhere Schule schreiben.

Mutti geht zur Lehrerin.

Sie sind aber nicht erziehungsberechtigt, Frau Pütz.

Lassen Sie den Versuch, Frau Schmitz, sagt sie, mein Mann will es nicht, die Schule kostet Schulgeld, das haben wir nicht, und er ist der Meinung, dass ein Mädchen eh heiratet.

Ihre Tochter ist ja gut, aber in Deutsch bräuchte sie Nachhilfe und dann könnte sie auch weiterhin Englisch lernen, aber so geht es nicht, sie muss aus dem Englischunterricht raus. Sie kann ein wenig Latein, wie kommt das? Sind Sie katholisch?

Ja, ja, gewesen, stottert Mutti, aber nicht praktiziert, ich kann kein Latein. Wir hatten im Haus ein Mädchen, von einem schlesischen Beamten, verstehen Sie, die ging aufs Lyzeum, da hat Berta sie mit den Vokabeln abgehört.

Das ist ja erstaunlich, ein Volksschulmädchen hört eins vom Lyzeum ab?

Hat sie also doch die Begabung?

Nein, nein, Frau Schmitz, das Mädchen ist nach Köln gezogen, weit weg, die haben keinen Kontakt mehr. Meine Tochter wird das alles wieder vergessen, ereifert sich Mutti, und ich kann ihr ja sowieso nicht helfen, ich hab weder Latein noch Englisch gelernt, nur ein wenig Tschechisch, das zählt hier aber nicht.

Das ist wahr, Frau Pütz, dann kann ich Ihnen und Ihrer Tochter nicht helfen, da kommt sie nach der achten Klasse raus und wird in die Lehre gehen.

Ja, suchen wir dann für sie eine Lehrstelle, aber das ist ja noch ein Weilchen hin. Ich danke Ihnen, Frau Schmitz. Da kann ich ja meinen Mann beruhigen. Der hätte Krach geschlagen, wenn Sie eine Empfehlung für die höhere Schule ausgesprochen hätten, es sind ja selbst die Töchter der Reichen, ja sogar die vom Arzt ist letztes Jahr durch die Aufnahmeprüfung gefallen. Wie sollten wir einfachen Leute dem Kind helfen können?

Mutti nimmt mich an die Hand und wir gehen schweigend nach Hause.

Ich muss immer wieder an diesen Tag denken, was wäre wenn …?, ginge ich auf die Höhere Schule oder in ein Internat, könnte ich vielleicht wie die Ilse Macket in Trotzkopf mal einen Landratssohn heiraten, was immer das ist.

Sonja hat das Buch zurückgebracht, gefällt ihr nicht, sie würde keinen Landratssohn heiraten, sondern gleich einen Grafen.

Ein Tagebuch der besonderen Art

Ich bin ganz erschüttert. So was habe ich noch nie gehört und gelesen. Tante Marie hatte mir noch ein Buch geschickt. Ich habe jetzt erst drin gelesen: Anne Frank, Tagebuch.

Auch Anne hat ein Tagebuch geschenkt bekommen, so hat das Tante Marie also gemeint. Dass ich das so mache wie Anne. Sie schreibt an eine: liebe Kitty, die es aber gar nicht gibt. Sie leben in Amsterdam, versteckt, weil sie verfolgt werden, von den Nazis.

Ich habe Mutti gefragt, was ist denn das? Dass die Nazis in Holland die Juden verfolgen?

Das weiß ich nicht, wir waren ja damals in der Tschechoslowakischen Republik, das ist weit weg. Da haben sich keine Juden versteckt, bei uns in Trautenau gab es keine Juden. Die Leute waren bis auf wenige Evangelische alle katholisch.

Ich kann keinen fragen, was das bedeutet. Sonja nicht, die Karin nicht, mit der ich Fahrrad fahre, sie alle wissen das nicht. Schade, dass Linda nicht mehr da ist, die hat das vielleicht auf der höheren Schule gelernt, was die Nazis mit den Juden gemacht haben.

Vielleicht weiß es Onkel Franz oder Opa, aber ich komme jetzt nicht mehr nach Bonn. In der Schule traue ich mich nicht, so was zu fragen, und den Pfarrer im Konfirmandenunterricht auch nicht, bald ist die Prüfung, da werden wir nach dem Neuen Testament abgefragt, nach Jesus und der Bergpredigt.

Ja, ich habe Jesus lieb, weil er zu den Kindern lieb war, lasset alle Kindlein zu mir kommen, denn ihnen gehört das Himmelreich.

Mein Vater ist doch auch konfirmiert, dass er das vergessen hat.

Meine Mutter als Katholische hatte ja so was nicht.

Ich kann gar nicht aufhören, Anne Frank zu lesen. Sie hat auch Probleme mit den Erwachsenen, mit ihrer zickigen Schwester, die stell ich mir wie Sonja vor, die Mutter von Anne ist auch komisch, der Vater ist ja in Ordnung, anders als bei mir.

Seit letztem Jahr haben wir den Kölner Stadt-Anzeiger abonniert, vorher hatten wir keine Zeitung, nur abends das Fernsehen mit den Nachrichten und das Radio.

In der Zeitung steht auch so einiges drin, was ich nicht wusste.

Geschimpft wird wegen der Jugend, diese Halbstarken untergraben die Moral, machen nur Krach und neigen zur Gewalt. Und diese engen Jeans … Man müsste jetzt schon bangen, wenn der Elvis-Presley-Film kommt. Dabei schrieb der Stadt-Anzeiger, erinnere ich mich, dass der Bill-Haley-Film ein Reinfall war, langweilig und noch nicht mal wie woanders Krawall. Ich konnte ihn ja nicht sehen, weil ich Stubenarrest hatte. Aber der Krawall ist nur die eine Seite, wir wollen unsere Musik machen und tanzen und Moped-Fahren, aber schwupp, schon ist die Polizei hinter uns her. Das ist doch deren Schuld. Die Alten hören doch auch ihre Musik, da holen wir doch auch nicht die Polizei, und dann gucken sie Kriegsfilme, Stalingrad und Schütze Arsch und was sie alles erzählen, die sind bestimmt schlimmer als Außer Rand und Band, wo letztes Jahr überall Polizei herumstand bei den Kinos.

Karin gibt mir heimlich die Bravo zu lesen. Die kriegt Taschengeld, davon kann ich nur von träumen. In meiner Sparbüchse ist das Geld, das meine Verwandten da reintun, wenn sie zu Besuch kommen, aber da muss ich dann zum Geburtstag von Mutti, Vati, Mattes, die beiden Omas und Opas und Tanten und Onkel. So eine große Verwandtschaft ist teuer, nein, für die Bravo reicht es nicht, die würde Vati mir auch um die Ohren hauen.

Die Sonja ist meine beste Freundin, seit die Linda nicht mehr im Haus wohnt. Aber ich bin sehr oft von ihr enttäuscht, weil sie mich verrät und mir wehtut, und auch eifersüchtig ist, weil ich mit den Jungs Moped gefahren bin. Sie darf ja nicht auf der Straße spielen, und da lernt sie auch nicht die Jungs kennen, die ich kenne. Das kann sie aber nicht leiden.

Ich werde mit Karin gehen, auch wenn die katholisch ist, die Eltern von ihr sind nicht so streng wie die bei uns in der Tiergartenstraße, wo die Strenggläubigen nicht mit mir spielen durften, früher.

Ich habe viel zu tun, deshalb kann ich auch nicht jeden Tag ins Tagebuch schreiben.

Ich schreibe heimlich Tagebuch, wenn ich allein bin, was selten vorkommt.

Ich bin jetzt öfter in der Kirche und bei der Gemeindeschwester, manchmal ist auch der Pfarrer dabei. Ich nehme das schon ernst mit Gott und mit Jesus und ich lese zu Hause auch im Testament, deshalb komme ich nicht dazu, Anne und ihre Kitty zu lesen.

Der Pfarrer hat mir eine Bibel geliehen.

Siehst du, hat meine Mutter gesagt, Fritz, aus dem Saulus ist Paulus geworden.

Wie kann dat Paulus sein, dat is doch nur ä Mädsche, spottet mein Vater.

Gib mich mal. Ich geb ihm die Bibel. Dat is doch keine Bibel, dat is doch das Neue Testament. Und der Pfarrer hät dich dat geliehen?

Ich nicke, die anderen Kinder haben eine eigene.

Wat vor der Konfirmation?

Ich nicke.

Siehste, der ahle Pfarrer Großer is nich meh, da geht allet drüvver und unger.

Ein paar Tage später, mein Vater ist schon zu Hause, als ich von der Schule komme, sagt er: Isch han ens drüvver noh jedacht, eigentlich wollt isch ät dich erst vor die Konfirmation jevven, ävver heh:

Er öffnet die Schublade, dat is for dich.

Und er hat Tränen in den Augen, als er mir das Buch in die Hand drückt:

Do hät die Pfarrer Großer 1934 singe Namen ringeschribben für meine Konfirmation, lur ens. Und dat de nit denkst, mir woren in de Partei, nix do, und meh han ooch nit Juden umgebracht, jetzt wo du dat von dem Judenmädsche liest, der Großer wor in der Opposition und ming Mam hät him im Haushalt jeholfen.

Da war ich platt. Auch ich hab Tränen in den Augen. Da gibt er mir sein einziges Buch mit so einer kostbaren Unterschrift, und ein ander Mal ist er so ekelig zu mir.

Ich hab der Anne Frank erzählt, dass meine Familie und unser Pastor nicht Schuld an ihrem Unglück sind. Mir ist es ganz leicht ums Herz.

Einige Tage später. Ich geh ja immer noch einmal die Woche in die Turnhalle, das bezahlt mein Vater, ich kann mir keine kranken Kinder leisten, meint er, und immer kalt und warm duschen hinterher, verstehste, dat ham mer bei de Armee ooch so gemäht.

Da komm ich dann am Knabengymnasium vorbei, wo die Jungen anders aussehen als meine Rock’n Roller vom Jahrmarkt oder aus dem Fischmarkt. Auch die von unserer Straße sind anders, schläppsch, sagt mein Vater. Damit meint er, wie die gehen und frech antworten.

Die Gymnasiasten reden hochdeutsch, tragen eine Aktentasche, die an ihren dünnen Ärmchen zieht, weil sie schwer ist vor lauter Wissen. Manchmal sehe ich auf dem Schulhof einen Jungen ganz alleine auf dem Mäuerchen sitzen und lesen. Er trägt eine Brille.

In der Schule ist eine Berufsberaterin angekündigt.

Konfirmation

Der Pfarrer Großer ist schon lange pensioniert, aber er war doch noch bei unserer Konfirmation als Gast. Er hat mir die Hand gegeben, und ich habe ihm das Neue Testament meines Vaters gezeigt und gedankt.

Dass dat die Bombenangriffe überlebt hat, sagt er. Ich weiß doch, dinge Oma war ausgebombt und musste in die Berufsschule in die Notunterkunft. Wo ist sie denn?

Zuhause, sie kann nicht mehr laufen, überall sind Treppen, sagt sie, das schafft sie nicht mehr.

Ja, das verstehe ich, grüß sie herzlich von mir.

Wir haben mit allen Verwandten, und alle von meiner Mutter sind ja katholisch, die von überall herkamen, zu Hause gefeiert. Dazu hat Vati die Betten auseinandergeschraubt und in die Mitte des Schlafzimmers einen großen Tisch für die vielen Gäste aufgestellt. Auch die Mühlen-Oma kam nicht mehr unsere Treppen hoch. Ich hab sie und die Brühler Oma am nächsten Tag besucht. Sie haben mir Geld geschenkt. Von den anderen Verwandten habe ich Bücher bekommen und vom Bonner Opa eine Kamera. Meine Eltern haben mir eine Armbanduhr geschenkt.

Sonja kam vorbei und schenkte mir eine kleine Schallplatte. Mozart, Kleine Nachtmusik. Da kann ich gar nichts mit anfangen, sie weiß doch, dass ich Elvis über alles liebe. Aber ich sage, danke. Ich bringe Dir in den nächsten Tagen mein Geschenk vorbei, sage ich, ich habe Geld bekommen, da kann ich was Schönes für dich kaufen.

Ich will nichts, sagt sie patzig, und geht.

Meine Mutter hat die Platte gehört. Mozart, sagt sie. Aus Wien, da haben wir Walzer getanzt in Trautenau, Vati und ich, wir warn so jung und sie kriegt einen seltsamen Glanz in die Augen. Vati und Mutti jung, darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Ich habe jetzt eine Menge Bücher, Vati, sag ich. Gib mir mal bitte deinen Bohrer, ich möchte ein Regal über meinem Bett, damit ich all die Bücher bei mir habe.

Nix da, in meiner Wohnung werden keine Löcher in die Wand gebohrt.

Meine Mutter hilft mir dann doch beim Regalanbringen, ich hab einfach in den Schrank zwei Löcher gebohrt und das Brett dran befestigt. Der Schrank steht jetzt quer zur Wand und mein Bett dahinter, so dass ich jetzt nicht mehr zu sehen bin, wenn die einfach so ohne Anklopfen in der Tür stehen.

Oh, meine Bücher, meine Anne Frank und die Ilse Macket, die Heidi, Rübezahl und die Märchenbücher. Und dann hat der Onkel Franz mir den Michael Kohlhaas geschenkt und gesagt: für die kleine Rebellin. Und der Onkel Josef die Räuber von Schiller und gesagt, zum Abgewöhnen, damit du keine Diebin wirst. Tante Änne hat mir Nesthäkchens Backfischzeit geschenkt und gesagt, für den Backfisch, jetzt biste ja flügge und dann hat sie mir noch einen in altes Seidenpapier gewickelten Gedichtband geschenkt, der war schon ziemlich gebraucht, und sie zeigte mir ein Gedicht darin von einem, der Novalis heißt. Und ich lese laut:

Getrost, das Leben schreitet

Zum ewgen Leben hin;

Von innrer Glut geweitet

Verklärt sich unser Sinn.

Die Sternwelt wird zerfließen

Zum goldnen Lebenswein,

Wir werden sie genießen

Und lichte Sterne seyn.

So schön kannst du lesen, sagte sie und ich zeigte ihr den Rattenfänger von Hameln.

Änä, dat de dat noch hast. Dat is ja noch von der Porta Westfalica, dat is jo auch schon hundert Johr her, dat isch do wor.

Ja, sagte ich, mein erstes Buch. Da war ich fünf Jahre alt.

Steuerberater

Die Berufsberaterin hatte kurzen Prozess mit mir gemacht, nachdem sie meine Noten betrachtet hatte. In Rechnen ne zwei, da hab ich ein Angebot vom Steuerberater. Also klingele ich am Haus, wo gegenüber Karin wohnt.

Mertens, Georg, Steuerberater, steht an der Klingel, Tür wird geöffnet, Qualm pafft mir entgegen. So, du willst also in die Lehre. Komm rein, er gibt mir die Hand. Die Stimme ist angenehm, aber er stinkt.

Setz dich. Eine Frau bringt mir Limonade.

Haste dein Zeugnis dabei?

Ich reiche ihm mein Zeugnis.

Ist das neue noch nicht fertig?

Nein, erst Ende des Monats.

Ist das auch so gut?

Ich denke schon, vielleicht besser.

Aber in Rechnen ein Gut, das bleibt?

Ja.

Und in evangelischer Religion eine Eins, auch?

Ja.

Stört dich das, dass wir katholisch sind?

Nein, meine Verwandten, bis auf meine Oma und meinen Vater und meine Tante hier in Brühl, sind alle katholisch, in Bonn bei meinen Verwandten geh ich manchmal auch in die katholische Kirche.

Die Frau kommt rein. Wir haben drei Kinder. Verstehst du dich mit kleinen Kindern?

Ich habe auch einen kleinen Bruder.

Es kann nämlich sein, dass du manchmal auf die Kleinen aufpassen musst, wenn ich mit meinem Mann zu den Kunden muss. Ist dir das recht?

Ich habe für die Kinder in unserem Haus Kasperle gespielt. Das macht mir nichts aus.

Herr und Frau Mertens sagen, einen Augenblick, bitte, und gehen raus.

Er kommt zurück und lächelt. Am 1. April kannste bei uns anfangen, bis dann, Tschüss.

Und er begleitet mich aus dem Haus, auch die Frau gibt mir die Hand.

Und am Abend gebe ich meinem Vater den Ausbildungsvertrag, den er unterschreiben muss. Und da noch Platz ist, setzt auch meine Mutter ihre Unterschrift darunter, obwohl das nicht nötig ist. Ich hab sie geboren, das ist doch auch was, oder?

Vati holt eine Flasche Bommerlunder aus dem Schrank und er gibt mir auch ein kleines Gläschen: Auf dich, prostet er, jetzt biste erwachsen! Und Hausarrest jibt ät nit meh, du musst jo arbeiten jonn!

Ich schüttele mich, das Zeug schmeckt schrecklich. Danziger Goldwasser ist viel leckerer, das nasche ich manchmal, aber ich sage einfach nur: danke.

Ich hab, als ich in Bonn war, im Kinderheim alle meine Spielsachen abgegeben. Ich bin ja jetzt erwachsen. In Brühl ist ein Waisenhaus geplant, aber noch nicht fertig.

Die Märchenbücher und die zwei Puppen und die Spiele, auch Trotzkopf, Nesthäkchen und Heidi, nur den Rattenfänger nicht, weil es mein erstes Buch war, und Rübezahl, mein zweites Buch, nicht. Das ist aber sowieso in Bonn bei den Großeltern. Keiner ist so arm auf der Welt wie die Waisenkinder, hatte Mutti gesagt.

Aber mein Bücherregal sieht jetzt geschrumpft aus. Ich hab ein Spitzentaschentuch drüber gelegt und einen Kerzenständer aus Silber, den ich auch zur Konfirmation geschenkt bekommen habe.

Ich habe dem Oskar von der Kinderseite des Kölner Stadt-Anzeigers mein Märchen Die goldene Forelle geschickt. Er hat es heute, am Samstag, veröffentlicht. Tatsächlich unter meinem Künstlernamen: Betty Pütz.

Auch in der Kirchenzeitung steht was von unserer Konfirmandin Berta Pütz Zum Geleit.

Ich bin richtig stolz auf mich. Vati hat gesagt: Kinderkram. Und Mutti, na ja, du mit deinen Märchen. Du bist jetzt erwachsen, Kind!

Heute, Samstag: das Zeugnis erhalten und Schulfeier. Alles gut, hab mich verbessert bis auf Rechtschreiben, befriedigend. Dabei habe ich so viel gelernt im letzten halben Jahr, ich hatte ja Stubenarrest, die Kommaregeln, daß mit »Eszet«, Groß- und Kleinschreibung, weil ich ja jetzt auch Englisch lerne mit den Schallplatten, da ist auch ein Grammatikbuch dabei, da wird mir vieles klarer.

Ein schöner Spruch steht vorne drauf auf dem Zeugnis, mit dem Wappen von Brühl, ganz feierlich:

Wer ist Lehrling? – Jedermann.

Wer ist Geselle? – Wer was kann.

Wer ist Meister? Der was ersann.

J.W. v. Goethe.

Seinen Erlkönig haben wir auswendig lernen müssen und von seinem Freund, dem Schiller, die Glocke. Und noch viele andere Gedichte und Balladen, aber im Theater waren wir nie und es hieß, für den Werther wären wir zu jung. Den werde ich mir aber kaufen, wenn ich erst mal Geld verdiene, das soll so eine schöne Liebe sein.

Zu jung. Immer ist man zu jung! Und die Alten sind zu alt! Und was ist dazwischen?

Zum Schulabschiedsfest haben einige eine Bierzeitung gemacht, über mich steht da drin:

Wer kennt nicht unsre Berta Pütz,

die hatt’ zu Haus ne fette Wutz.

Man nennt sie Miss Luftballon mit Ohren

und als schöne Helena ist sie auch auserkoren.

So ein Blödsinn. Am Nachmittag kommt Sonja vorbei.

Haste ja dein Fett abgekriegt, giftet sie.

Und bei dir steht, die Sonja hat nen Roller und dazu nen mächt’gen Koller, ist das besser, gifte ich zurück.

Ich habe mein schönes Kleid an. Es ist hellblausilberdurchwirkt, und ich kann es auch als Cocktailkleid anziehen. Das ist sehr schick und so was steht jetzt in allen Frauenzeitschriften.

Bis letztes Jahr, als meine Mutter noch nicht in der Fabrik gearbeitet hat, hat sie sich mit Sockengretchen Burda-Schnitte besorgt, und dann haben sie auf dem Tisch das Schnittmuster ausgeritzt mit einem Rädchen, auf den Stoff gelegt und ritschratsch, sich ein Kleid genäht. Gretchen hat einen anderen Stoff genommen, aber das Modell war das gleiche. Und bei den Schnitten war auch ein Cocktailkleid, und das hat Gretchen mir genäht und zur Konfirmation geschenkt. Obwohl sie ja katholisch ist. Die Firmungskleider für ihre Töchter Hedi und Biggi hat sie auch genäht, da war ich dabei.

Sonja ist eifersüchtig auf mein Kleid. Du siehst jetzt aus wie deine eigene Oma, hat sie gesagt und sie kneift mir in den Hintern.

Lass das, Sonja, habe ich gefleht.

Ich glaube, ich werde Sonja nicht mehr wiedersehen. Sie hat ab 1. April eine Lehrstelle als Verkäuferin in Wesseling.

Das letzte Wochenende als Schulmädchen, danach soll ich ein Backfisch sein, hat Tante Lena aus Endenich gesagt. So ein blödes Wort für ein junges Mädchen. Ich bin endlich wieder mal Fahrrad gefahren mit dem Kleid und Petticoat, das ich letztes Jahr auf der Kirmes trug, als ich mit Günter Rock’n Roll getanzt hab. Das flog im Wind. Hurra, ich bin erwachsen!

Aller Anfang ist schwer

Montag, 1.4. 1957, 8.30 Uhr

Ich klingele bei Mertens. Es dauert. Jemand kommt die Treppe runter. Eine junge Frau öffnet.

Guten Tag, ich bin der neue Lehrling.

Guten Morgen, komm hoch, der Chef telefoniert. Ich bin Fräulein Meier.

Ich stehe im 2. Stock im Flur und warte, bis der Chef zu Ende telefoniert hat.

So, du kommst also auch schon.

Guten Morgen, wieso, ich bin doch noch vor 9 Uhr hier.

Wie kommste denn da drauf?

Na, alle die im Büro arbeiten, fangen doch um 9 Uhr an.

Mir nit! Wann fangen wir an, Eva?

Fräulein Meier antwortet: Um 7.30 Uhr.

Und warum, fragt der Chef.

Weil wir Samstag frei haben, antwortet sie.

Dat kannste dir also ausrechnen, bei einer 45 Stunden-Woche, wie viel Stunden man am Tag arbeiten muss, wenn man nur 5 Tage arbeitet. Du bist doch gut im Rechnen, also rechne.

Neun Stunden, sage ich.

Und das ist von?

Von acht bis fünf, oder von neun bis sechs.

Ja, rechnen kannste! Aber da wir eine Pause machen müssen, hat die Gewerkschaft vorgeschrieben, fangen wir um 7.30 Uhr an, verstanden?

Du bist um 7.15 Uhr da, weil du den Ofen anmachen musst, bevor die Angestellten kommen. Unten im Keller sind die Klütten. Und wenn nicht geheizt wird, dann musste immerhin den Kaffee machen, den spendiert das Haus, so großzügig sind wir, nicht Eva? Und jeden Morgen staubwischen auf den Schreibtischen, und den Papierkorb runterbringen in den Keller musste auch. Hast du auch gemacht, Eva, nicht, und? Biste dran gestorben?

Nein.

Fräulein Meier war bis gestern Lehrling. Sie hat die Prüfung in Köln mit gut abgelegt, also halt dich an sie. Übrigens, eine Viertelstunde schenk ich dir, weil du die fürs Frühstück kriegst und mittags eine ¾ Stunde Mittagspause, wo du nach Hause gehen kannst, damit du an die frische Luft kommst. Aber Fahrradgefahren wird nit, Leute aus dem Büro fahren nit mit dem Fahrrad zum Dienst, verstehste? Dat dun nur Arbeita.

Hast du den Vertrag? Und das neue Zeugnis?

Ich gebe ihm beides.

Nun, das Zeugnis sieht ja noch besser aus als das letzte, alles Zweien, nur nicht in Rechtschreiben. Und Englisch haste nicht?

Ich hab privat einen Schallplattenkurs in Englisch, ich möchte auf jeden Fall Englisch lernen, das braucht man heute.

Ach, wie altklug dat is, nit Eva?

Sie nickt.

Eva zeig ihr, wie et die nächsten Monate die Zahlen, die in Bleistift sind, in Tinte schreiben soll, aber in Schönschrift.

Und noch wat, damit du meine Großzügigkeit siehst, das machen andere Steuerberater in Bröl nit! Du fährst einmal die Woche nach Köln in die Steuerfachschull, ich will, dat minge Lehrlinge ordentlich ausgebildet werden. Den Tag schenk ich dir, da brauchste nachmittags nicht hier zu arbeiten, kannste dich in Köln rumtreiben! Frag dat Eva nach der Adress, angemeldet biste schon.

Innerlich hüpfe ich vor Freude, einmal in der Woche nach Köln, ganz offiziell, da wird mein Vater sich aber wundern!

Ostern 1957

Wir sind nach Bonn gefahren, mit Opa und Onkel Franz war ich in der katholischen Kirche wie früher auch schon mal, wenn dort Feste sind.

Die sind ja viel feierlicher.

Onkel Franz hat mir tatsächlich die Leiden des jungen Werthers geschenkt, weil ich ihm bei der Konfirmation den schönen Spruch von Goethe gezeigt hatte.

Und jetzt kommt es, nachmittags bei Kaffee und Kuchen, alle sitzen am Tisch, Silentium, ruft er, Ruhe, wichtige Mitteilung: Der Ingenieur Franz Schwendner gedenkt zu heiraten, und zwar schon zu Pfingsten!

Da war ich ja platt.

Er will eine früh verwitwete Geschäftsfrau aus Siegburg heiraten, Pfingsten soll die kirchliche Hochzeit sein und er wird auch nach Siegburg ziehen und den Betrieb übernehmen, irgendwas mit speziellen Apparaten.

Da ist er fein raus. Er ist Ingenieur, hat ein eigenes Büro mit einem noch größeren Schreibtisch, als er eh schon hat, ein großes Auto und die Frau wird eine Firma, ein Haus und ein großes Grundstück mit in die Ehe bringen!