Delaila

Delaila , 24 Jahre alt

Ort : Lindner Rathaus 

Jahr : 2015

Man kann sich eigentlich nicht vorstellen, wie das Leben als Afrikanerin ist, noch dazu jenes einer Dunkelhäutigen in einem Rollstuhl. Ich fahre mit dem 120er Richtung Aegidientorplatz und steige am Lindener Markplatz aus. Der Bus ist wie immer voll und jeder beobachtet mich, als ob ich etwas Fremdartiges sei. Ich bin Ausländerin, schwarz, und noch dazu sitze ich im Rollstuhl. Manche fragen sich bestimmt, wie man noch mehr vom Leben benachteiligt sein kann. Das interessiert mich aber nicht. Ich lebe – und nur das zählt. Beim Aussteigen helfen mir zwei junge Männer. Endlich bin ich raus aus dem Bus, ich hasse es, mich mit öffentlichen Verkehrsmitteln irgendwohin zu bewegen. Ich weiß nicht, wo ich lang muss oder wo ich überhaupt hin will, also entscheide ich mich, in der Nähe der Haltestelle zu bleiben. Es regnet und ich spüre, wie meine Afrolocken langsam beginnen, mir am Gesicht zu kleben, doch es stört mich nicht. Ich fühle mich gut und genieße es, dass die Tröpfchen langsam meine ganze Haut reinigen. Trotz meiner Abhängigkeit vom Rollstuhl bin ich frei. Ich bin ein Mensch, der viel im Leben durchgemacht hat und der es mag, sich an Tagen und Momenten wie diesen in seine Gedanken zu vertiefen. Und genau das mache ich jetzt. 

Ich denke an meine Familie in der Heimat und die harte Reise hierher nach Deutschland. Ich bin ein Flüchtling. Meine Behinderung habe ich mir auf der Flucht zugezogen. Ich wohne seit fünf Jahren in Linden und in der Zeit musste  ich alles neu erlernen, von den einfachsten Dingen bis zum Lesen, Schreiben und Zählen auf Deutsch. Ich hatte Schwierigkeiten, mit mir und meiner schweren Behinderung umzugehen. Es war etwas Neues und der schlimmste Gedanke war, dass es für immer so bleiben würde. Ab dem ersten Tag im Rollstuhl hatte mein Leben keinen Sinn mehr. Ich dachte an Selbstmord. Eines Tages würde ich mich aufhängen. Warum ich das nicht getan habe, weiß ich bis heute nicht. Von einem Tag auf den anderen hat es in meinem Kopf „Klick” gemacht und ich fing an, anders zu denken und mich zu freuen, dass ich die Flucht überhaupt überlebt hatte. Wenn ich schon so viel riskiert und mein Leben aufs Spiel gesetzt hatte, musste ich das Beste daraus machen. Für mich. Es gibt immer noch Tage, an denen ich mich alleine fühle und meine Familie vermisse. Selbst mein Mann, den ich hier in Deutschland kennengelernt habe, ist gestorben. Wieder hatte ich Depressionen und dachte an Selbstmord. Ich hatte alles verloren. Kann man sich da noch glücklich fühlen? Nein. Man kann nur noch an Gott glauben und ein guter Mensch sein. Seit ein paar Monaten arbeite ich in einer Gruppe im Krankenhaus, die Leuten in einer ähnlichen Situation wie mir hilft. Und genau das ist mein Beruf. Ich helfe diesen Menschen dabei, die Hoffnung nicht zu verlieren, denn es gibt Fälle, die noch viel schlimmer sind als meiner. Ich will etwas geben. Wenn ich schon an meinem Leben nichts ändern kann, will ich anderen helfen, etwas an ihrem Leben zu ändern. 

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Delaila,  59 Jahre alt

Ort : Schwarzer Bär

Jahr : 2050

Ich bin jetzt 59 Jahre alt und spaziere mit meinem Hund Flipi  durch den Park. Ja, ich spaziere. Kein Rollstuhl mehr. Ich bin gesund und kann laufen wie jeder anderer. Die Technologie ist jetzt so weit entwickelt, dass kein Mensch krank ist. Es gibt keine Krankenhäuser mehr. Jeder hat zu Hause ein Gerät, das wie ein Solarium aussieht, aber man bräunt sich nicht damit, sondern heilt Wunden und Krankheiten, bei denen man früher nicht mal eine Idee hatte, wie man sie besiegen kann. Ich sag’ es laut: Ich bin wieder glücklich und alle um mich herum sind auch glücklich. Man nimmt dafür spezielle Pillen, welche die Stimmung aufhellen. Ich nehme sie auch, ich will nie mehr traurig sein. Ich habe einen neuen Mann und vier Kinder, die ich gestern bekommen habe. Ich habe mir ausgesucht, zwei Mädchen und zwei Jungs zu gebären. Die Mädchen sollten blaue Augen haben und einen etwas helleren Hautfarbton als ich und die Jungen sollten 1,84 Meter groß sein und blond. Ich mag blonde Haare. Ich finde es schön, dass man seine Kinder einfach so planen kann, dadurch bekommt man das perfekte Wunschkind. Es wird nicht hässlich sein und deswegen gemobbt werden. Alle sind gutaussehend, gesund und zufrieden. Die Kinder gehen zur Schule, doch da unterrichten nicht mehr Menschen, sondern Computer. Alles funktioniert wie früher, nur es gibt keine Lehrer mehr. Früher habe ich Busse und alle andere Verkehrsmitteln immer gehasst, aber heute, wenn ich irgendwo hinmöchte, muss ich das nur meinem Fahrzeug sagen und es bringt mich an den gewünschten Ort. Unfälle gibt es nicht mehr, weil alle Autos selbstständig fahren, als Mensch muss man gar nichts mehr tun. Es gibt auch keine Gefängnisse; falls man etwas tut, das strafbar ist, wird man ausgelöscht. Dies ist heutzutage die einzige Todesart, die es noch gibt. Ich muss zugeben, ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal so ein Luxusleben führen würde und vor allem, dass alle solch ein Leben hätten. Ich bin ein anderer Mensch geworden, jetzt macht mir das Leben wirklich Spaß. So viel Spaß, dass ich jeden Abend Party mache und mich mit  Alkohol zuschütte. Im Jahre 2050 wird man von Alkohol nicht betrunken. Das Leben hat sich vollkommen verändert. Es ist besser geworden als früher. Alles dank der Technologie. Schöne neue Welt.

Text von Nicole Niesporek

Der Mann mit den blauen Augen

Name:  Thomas

Alter:  43

Ort:  Rathaus Linden

Jahr:  2015

Ein kleiner Mann, ungefähr Mitte 40, Glatze. Auf ihn fällt mein Blick, als ich an einem regnerischen Tag im Lindener Rathaus sitze. Bekleidet ist er mit einer Arbeitsuniform: kurze, hellbraune Shorts, gleichfarbiges Hemd und eine Jacke, die das Logo der Firma  ups  trägt. Man sollte sich von seiner zierlichen Statur allerdings nicht täuschen lassen: Sein Schritt ist fest und flink; das Ausliefern der Pakete erledigt er in Nullkommanichts mit einer Leichtigkeit, die bewundernswert ist. Das schlechte Wetter, dem er auf dem Weg von dem seiner Uniform optisch angepassten dunkelbraunen Dienstwagen bis zum Rathaus und wahrscheinlich auch sonst an jeder Lieferstelle des heutigen Tages ausgesetzt ist, stört ihn nicht.  Oder man merkt es ihm zumindest nicht an, denn sein Gesicht scheint streng und unbewegt. Genau wie sein Beruf könnte man sagen, denn wird nicht unsere Mimik am stärksten davon geprägt, was uns ganzen Tag beschäftigt? Man sieht kein Lächeln, kein Stirnrunzeln, nichts, auch nicht, als unsere Blicke sich treffen. Genau genommen ein wirklich unauffälliges Gesicht, wenn da nicht diese  unglaublich blauen Augen wären, betont von seiner gebräunten Haut, die diesem Menschen eine sympathische Ausstrahlung verleihen. Etwas Farbe in diesem tristen Wetter und einer entsprechend trist wirkenden Welt. Nun wird der Niesel- zu einem Sturzregen.  Alle Menschen beginnen zu laufen, weg vom Regen, rein in die  Wärme, um bloß nicht nass zu werden. Das hat etwas Erbärmliches, wenn man einmal wirklich darüber nachdenkt. Wir haben so viel Angst vor etwas Wasser, davor, dass unser Haar und unsere Kleidung nass werden, aber scheuen uns nicht davor, anderen wehzutun, ob mit Worten oder körperlich.

Doch er steht dort draußen, arbeitet, muss wieder in das Auto, hat ein sichtliches Problem damit, die kleine Karre in seinen Wagen zu schaffen. Sein Griff, aber auch seine Bewegungen, haben nun etwas Gehetztes, leicht Aggressives. Er verflucht vermutlich seine Firma, weil sie diese elenden Stufen in den Wagen eingebaut hat. Ein fleißiger Mann, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er nach Hause kommt, seine Kinder begrüßt und sich seine starre Miene in ein Lächeln verwandelt, dass alle Last, die ihn den ganzen Tag bedrückt hatte, die er sich jedoch nicht anmerken ließ, von ihm abfällt. Das hoffe ich zumindest … Als er die Karre endlich in den Wagen befördert hat, steigt er ein und fährt davon. Der Regen lässt nach und die Sonne taucht den Lindener Marktplatz für einen kurzen Moment in ihr wärmendes Licht, so dass er in voller Pracht erstrahlt, bis eine Wolkendecke den Himmel wieder bedeckt. Der Platz ist so leer, als habe das Paketauto nie dort gestanden. Doch die Erinnerung an den Mann mit den strahlend blauen Augen  bleibt.

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Name:  Thomas (?)

Alter:  78 (?)

Ort:  Von-Alten-Garten

Jahr:  2050

Ich kann es kaum fassen, nun bin ich 51 Jahre alt. Bei meinem täglichen Spaziergang bemerke jedes Mal aufs  Neue, dass sich die Zeiten ändern und wir uns mit ihnen. Nun tummeln sich am Küchengarten noch mehr Menschen als früher, vor allem Jugendliche. Auch beim Schwarzen Bären sind viele Leute unterwegs, unter anderem Touristen aus aller Welt, denn dort steht nicht mehr die elegante, aber einfache Statue des schwarzen Bären, sondern eine lebensechte 3D-Bären-Projektion. Des Weiteren sind die Straßen durch riesige Röhren ersetzt worden, da alle dank fortschrittlicher Technik mit Fahrrädern unterwegs sind, mit denen man fast mühelos  Strecken von mehreren Kilometern in ein paar Sekunden zurücklegen kann. Deswegen und aufgrund der hohen Abgasemissionen werden Autos nun nicht mehr genutzt. Außerdem wurde der von-Alten-Garten vergrößert. Er hat eine Fläche von drei Fußballfeldern, ein Teil davon ist die Helene-Lange-Schule, die sich auch damit in vielerlei Hinsicht verbessert hat. Mittlerweile ist der Park zu einem Ort für alle geworden, einem Ort, an dem sich jeder wohlfühlt. Und deswegen halten sich die Menschen, vor allem Kinder, vermehrt draußen auf, statt vor dem Bildschirm zu hocken. Als ich mich auf eine Bank setzen will, die E-Energie produziert sobald sich jemand niederlässt, sehe ich ihn. Diese strahlend blauen Augen könnte ich nie vergessen und den Mann nie mit jemandem verwechseln. Weshalb das so ist, kann ich mir selbst nicht erklären.

Vor 35 Jahren, als ich noch 16 Jahre jung war, hatte ich eine naive Freude daran, Menschen einfach nur zu beobachten. Heute ist so etwas vollkommen out. Junge Leute treffen sich an Plätzen, die von Wänden umgeben sind, auf welche alle Orte, die man sich wünscht, wirklichkeitsgetreu projiziert werden.

Vor 35 Jahren sah ich ihn zum ersten Mal, als er Pakete an das Rathaus, wo sich damals auch das Bürgeramt befand, ausgeliefert hatte. Bauwerke wie dieses gibt es kaum noch.  Man kann schon fast sagen, dass diese Art von Gebäuden ausgestorben ist. Ihr Totengräber war die Technik – doch durch diese ist auch vieles einfacher und schneller geworden. Immerhin sind gedruckte Bücher mittlerweile kostenlos oder man kann sie in klassischen Bibliotheken gratis ausleihen. Das ist für mich ein Beispiel dafür, dass es oft die einfachsten Dinge im Leben sind, die uns glücklich machen.

Da sitzt er nun. Welch' ein Schicksal ... Man sieht ihm an, dass hart gearbeitet hat, jedoch musste er sich wohl in den letzten Jahre vor seiner Rente gewaltig umstellen, da alle menschlichen Lieferanten durch Drohnen ersetzt wurden. Ich kann erkennen, dass dieses Leben mit seinen vielen Veränderungen und Erneuerungen ihn geprägt hat. Er ist Ende 70, blass, scheint kleiner und gebeugter zu sein. Aber auch seine Körperhaltung und Mimik sind verändert. Schon in der besonnenen Art, mit der er die Vögel beobachtet, drückt sich dieser Wandel aus. Es dauert ein bisschen bis ich begreife, was so anders an ihm ist. Er sieht zufrieden aus, entspannt, was auch mir ein Lächeln auf das Gesicht zaubert und als sich unsere Blicke treffen, schaut er nicht einfach weg, nein, er erwidert mein Lächeln.

Und all die Last, alles was mir zu  schaffen macht, fällt von mir ab.

Text von Isabel Feljaur

Michael Klaasen

2015:

Name:   Michael Klaasen

Alter:  45

Um 8:50 Uhr klingelt mein Wecker. Und das heißt: Ich muss bald zur Arbeit. Ich stehe auf, strecke mich und gehe ins Bad, um mich fertig zu machen. Ich dusche mich, benutze dasselbe Shampoo wie immer und auch das Wasser hat fast die gleiche Temperatur wie sonst, nur ein kleines bisschen wärmer, denn es ist kühl heute Morgen. In den letzten Jahren habe ich bemerkt, dass mein Körper temperaturempfindlicher geworden ist. Woran das liegt? – Ich werde eben älter. Fertig geduscht und angezogen, frisch rasiert und munter mache ich mich auf den Weg in die Küche. Der Kaffee wartet schon förmlich auf mich, noch nie konnte ich dem himmlischen Geruch widerstehen, auch nicht vor fünfundzwanzig Jahren, als ich meine wunderschönen Frau Elisabeth kennengelernt habe. Das Frühstück hat sie mir ebenso selbstverständlich wie köstlich zubereitet – wie jeden Tag. Und jeden Tag genieße ich es aus vollen Zügen. Elisabeth arbeitet in einer Bibliothek und ist fasziniert davon, wie viel Fantasie und Leidenschaft eine Person dem Schreiben widmen kann. Sie liebt sie den Geruch von Büchern und schwärmt immer davon, wie glücklich ihr Beruf sie macht. Und wie glücklich ich doch bin, eine solch begeisterungsfähige Frau zu haben, die mich ebenso liebt wie ich sie! Es ist zwanzig vor zehn und ich muss langsam los. Noch schnell das Geschirr abwaschen, die Jacke anziehen, meine schwarze Aktentasche nehmen und schon kann es losgehen. Ich arbeite und wohne in Linden, einem  Stadtteil Hannovers, und bis zu meinem Büro im Bürgeramt sind es nur etwa fünfzehn Minuten. Man könnte sagen, dass ich ein Naturfreund bin, denn ich gehe diesen Weg immer zu Fuß, egal bei welchem Wetter. Der Geruch der frischen Luft und dieser Stadtteil haben mich noch nie enttäuscht. Das Wort Patriotismus kann nicht annähernd beschreiben, wie glücklich ich darüber bin, in einer so schönen Gegend zu leben, so alt und doch modern zugleich. Ich könnte diesen Ort nie verlassen, er ist wie eine liebgewonnene Angewohnheit, die man einfach nicht aufgeben will. Fünf vor zehn setze ich meinen Fuß ins Bürgeramt und sitze pünktlich auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Wie sehr ich doch mein Leben liebe!

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2050:

Name:  Michael Klaasen

Alter:  80

Es ist ein Dienstagmorgen, zehn vor neun, und ich stehe auf. Es ist Zeit, mich fertig zu machen, denn die Arbeit ruft. Heute arbeite ich noch genauso gerne im Bürgeramt wie vor 35 Jahren. Ich habe viele verschiedene Kulturen und Menschen kennengelernt, deren Geschichten mich immer und immer wieder aufs Neue faszinieren.

Aber ich muss sagen, dass sich vieles in diesen Jahren verändert hat und ich weiß gar nicht, womit ich anfangen soll. Meine geliebte Frau Elisabeth ist mittlerweile gestorben und hat einen Teil meines Herzens mit sich ins Grab genommen. Es war eine schreckliche Zeit für mich, die mich immer noch gelegentlich einholt. Und als wäre das nicht schon schlimm genug, verändert sich Linden immer mehr und mehr, so dass ich diesen Ort kaum noch wiedererkenne. Überall sind Menschen auf Segways und PhunkeeDucks  unterwegs, kaum jemand fährt noch Fahrrad oder geht zu Fuß. Und dann sind da diese elektronischen Autos, die selbstständig fahren. Die Häuser sind nicht mehr einzigartig, alle sehen genau gleich aus, und das Schlimme ist, dass sie nicht einmal mehr schön sind.

Ich bin mittlerweile 80 Jahre alt und arbeite noch immer im Bürgeramt oder sollte ich sagen: arbeitete? Denn gestern bekam ich einen Brief mit folgendem Inhalt: „Sehr geehrter Herr Klaasen, wir danken Ihnen für Ihre jahrelange Mitarbeit...“, und so weiter und so fort und am Ende: „Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass das Bürgeramt zu einem Einkaufszentrum umgebaut wird und wir Ihnen somit kündigen müssen. Räumen Sie bitte so schnell wie möglich Ihr Büro.“ Also ging ich heute zum letzten Mal zur Arbeit, um meine Siebensachen zu packen.

Ich kann es hier nicht mehr aushalten, alles hat sich verändert. Nichts ist, wie es einmal war. Ich stehe in meinem Büro und frage mich, was mich eigentlich noch hier hält. Ich kann es einfach nicht, so sehr ich diesen Ort hier mittlerweile hasse, ich kann es nicht, ich kann Linden nicht verlassen. Ich hoffe einfach nur, dass ich dieses Linden irgendwann akzeptieren kann. Wie gerne ich jetzt sagen würde, dass ich mein Leben liebe, aber das wäre eine reine Lüge.

Ich sehe einfach kein Licht mehr am Ende des Tunnels.

Text von Jelwa Zahir

Natascha

Name: Natascha

Alter: 24

Ort: Lindener Marktplatz

Mein Blick trifft den seinen, der Regen stört uns nicht, alles was wichtig ist, ist das Hier und Jetzt, alles was zählt, ist der Moment. Der Moment, der einen alles vergessen lässt, der einen glauben lässt, das gefunden zu haben, wonach man immer gesucht hat. Ich stehe da also, meine Haare nass an meinem Gesicht, meine Kleidung schwer an meinem Körper.. Menschen rempeln mich an, stoßen mich weg, doch das stört mich nicht. Ich blicke in die strahlend blauen, von dichten, schwarzen Wimpern umrahmten Augen, blicke in die Augen meiner Vergangenheit. Er sieht mich an, verletzlich und verwirrt, fremd, aber doch so vertraut. Für einen Augenblick bleibt die Zeit stehen, es regnet nicht mehr, die Menschen sind wie zu Stein erstarrt. Die Welt dreht sich nicht, alles steht still, alles schwarzweiß, nur die Augen meiner großen Liebe strahlen, strahlen in allen Blautönen dieser Welt. Seine Augen verheißen alles, wonach ich mich mein ganzes Leben lang gesehnt habe. Plötzlich kommt er auf mich zu, seine Augen immer noch auf mich gerichtet, wie in Trance geht er über die Straße. Eine Bahn überollt ihn.

Ich schließe meine Augen für eine einzige Sekunde, eine Träne läuft mir über mein Gesicht, ein Schrei entfährt meinem Mund und plötzlich liege ich schweißnass da, angeschlossen an ein Gerät, umgeben von unbekannten Menschen. Ich will aufstehen, aber ein Gurt um Arme und Beine hindert mich daran. Ich will etwas sagen, aber ich  kann nicht sprechen. Ich versuche vergeblich, die Aufmerksamkeit der Fremden auf mich zu ziehen, doch deren Blick ist auf eine Art Bildschirm oder Leinwand gerichtet. Ich erkenne ein Gesicht auf dem Bildschirm, ich erkenne grüne Augen und lange braune Haare. Ich erkenne mich und schlagartig weiß ich, wo ich bin, wer ich bin und warum ich hier bin. Ich bin im Jahr 2050, mein Name ist Natascha und ich bin hier, weil ich die einzige bin, die sich an die Zeit vor 2050 erinnern kann, weil ich eine von wenigen bin, die 2015 noch erlebt haben. Diese fremden Menschen um mich herum verfolgen alles, was in meinem Kopf vorgeht, ob ich nachdenke oder meine Gedanken schweifen lasse, sie registrieren alles, was in mir vorgeht.

Mit meiner Erinnerung kehrt auch das Grauen zurück, das Grauen, in einer Welt wie dieser zu leben, die mir eigentlich vollkommen fremd ist. Ihre fortgeschrittene und hochgelobte Technik schafft in erster Linie allumfassende Isolation. Soziales Leben als solches gehört der Vergangenheit an, Kontakte existieren wenn überhaupt nur noch auf einer virtuellen Ebene. Die Menschen von heute sehen keine Notwendigkeit mehr, ihre vollautomatisierten vier Wände zu verlassen: Ebenso wie sämtliches Schulwissen von speziellen Lernrobotern zuhause vermittelt wird, arbeitet man auch nur noch vom Home-Office aus.

Meine virtuellen Reisen in die Vergangenheit scheinen realer zu sein als die Welt, die mich wirklich umgibt. Denn in dieser Welt lebe ich nicht mehr, ich existiere.

Text von Rengin Agaslan

Jakob

2015,  Jakob, 36 Jahre

Heute bin ich spät dran. Ich konnte noch nicht einmal meinen Latte Macchiato zuhause trinken und sitze nun hier in diesem Café. Dem Café, wo ich Lina das erste Mal getroffen habe. Sie kam mit ihren schnellen, präzisen Schritten und meinem Latte auf mich zu. Als sie fast bei mir war, hob sie ihren konzentrierten, auf den Kaffee gerichteten Blick. Unsere Blicke trafen sich und sie lächelte mich an. Doch dann stolperte sie über ihre eigenen Füße und schüttete das Getränk auf meinen Ordner. Von dort lief die heiße Brühe auf meine Hose und die wunderschöne Frau entschuldigte sich ununterbrochen mit leicht panischem Unterton bei mir. Ihre Augen wanderten von meinem Gesicht immer wieder zu meinem Ordner, meiner Hose und wieder zurück. Sie holte ein Tuch aus ihrer schwarzen Schürze und begann, das Verschüttete aufzuwischen, während ich nicht aufhören konnte, ihrer Tollpatschigkeit wegen zu grinsen und in ihre tiefbraunen Augen zu blicken. Dieser Moment endete, als ich registrierte, dass der Ordner mit meinen Zeichnungen durchweicht worden war und ich klappte ihn auf, um mir die Sauerei anzusehen. Daraufhin hielt die Kellnerin inne, um meine Zeichnungen zu betrachten.

So begann unser erstes Gespräch. Und es folgten weitere. Wir haben so viel miteinander erlebt, Lina und ich. Jedes Mal, wenn ich hier sitze, erwarte ich, dass sie herauskommt und mir meinen Kaffee bringt. Aber dann erinnere ich mich schmerzlich daran, dass dies nicht mehr möglich ist.

Nun kommt auch schon mein Latte Macchiato. Diesmal bringt ihn ein Mann. Endlich erhalte ich meine erste Koffeinzufuhr des Tages. Ich bin jetzt schon mit den Nerven am Ende und muss mir gleich noch die Klagen meines Chefs anhören.

Heute ist das passiert, wovor ich mich immer gefürchtet habe. Sophie, Emily und Leon, unsere drei Süßen, wollten wissen, wann Mama wiederkäme. Es ist nicht das erste Mal, dass sie gefragt haben, aber jedes Mal konnte ich ihnen sagen, dass sie bald wieder da sei und sie sich keine Sorgen machen müssten. Für Leon, mit gerade einmal zehn Jahren der Älteste, ist die Situation am schwersten. Er spielt den großen, starken Bruder, aber wenn es um seine Mama geht, wird er ganz klein und verletzlich. Von Tag zu Tag wird er immer unglücklicher und nervöser. Jedes Mal, wenn wir von Lina sprechen, kauert er sich hinter dem Sessel oder unter dem Tisch zusammen und spricht ganz leise von dort.

Dieses Mal aber war es anders. Er stand hinter seinen Schwestern, blickte immer wieder unter den Tisch und drückte sich an Sophie, mit sechs Jahren die Jüngste. Emily fragte mich, wann Mama wiederkommen würde und wie immer antwortete ich „bald“ und fügte hinzu, dass sie sich jetzt fertig machen sollten, damit wir los könnten.

Aber Leon schob Sophie weiter nach vorne und richtete seine Augen auf mich. Es sind genau die Augen seiner Mutter. Er fragte mich, wann denn „bald“ sei und wie es ihr ginge. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich weiß genau, dass sie Lina immer nur lachend gesehen haben. Ich habe die Kinder immer nur an guten Tagen zu ihr mitgenommen. Ich kann sie nicht weiter anlügen. Das geht nun schon seit drei Wochen so. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, ihnen jetzt die Wahrheit zu erzählen und  merkte, wie mir dabei Tränen in die Augen stiegen. Ich sagte ihnen, dass es ihr schlecht ginge und die Ärzte nicht wüssten, ob sie gesund würde. Leon meinte sofort: „Ich werde Arzt und mache Mama wieder gesund!“

Ich durfte jetzt nicht kneifen. Also erzählte ich ihnen, dass wir Mama bald besuchen gehen würden. Plötzlich fragte Emily, ob Mama in den Himmel kommen würde, wie ihr Hamster Lennart. Ich blickte auf den Boden und spürte, wie sich eine Träne aus meinem Augenwinkel stahl. Sie rollte meine Wange hinab und landete vor meinen Füßen. Ich sah meine Kinder an. Mir war klar, dass Lina bald sterben würde. Aber ich wollte es nicht wahr haben. Es würde mich zerbrechen. Sophie fragte, warum ich weinte, es sei doch schön, wenn Mama in den Himmel käme, da es dort ganz viele Süßigkeiten gäbe. Und Einhörner. Dann könnte sie uns von dort aus zusehen und auf uns warten, bis wir auch in den Himmel kämen, meinte sie. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich ihnen die gesamte Wahrheit erzählen musste. Also auch, dass es ungewiss sei, ob Lina überleben würde.

Jetzt habe ich meinen Latte ausgetrunken und mache mich auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Danach werde ich ins Krankenhaus fahren, um Lina zu besuchen.