ANHANG

Die Rezepte zum Wildschweinessen im Lieper Vorwerk (weitere gute Wildrezepte finden Sie in www.jagdrechtsblog.de unter der Rubrik „Wildbret“):

Forellenrahmsüppchen

( für 4 bis 6 Personen)

1-2 geräucherte Forellen

1 Stange Porrée

2 Stangen Staudensellerie

1 kleines Bd Dill

2 El Butter

1 gewürfelte Zwiebel

1 Knoblauchzehe

0,4 l Weisswein

6 cl trockener Wermut

0,4 l Wasser

½ l süsse Sahne

3 El geschlagene Sahne

3 Eigelb

100 gr kalte Butter

etwas Zitronensaft

2 El geröstete Mandelblättchen

1 kleines Bd Brunnenkresse

Salz, weissen Pfeffer

  1. Die geräucherte/n Forelle/n häuten, Kopf und Gräten entfernen. Haut und Kopf wegwerfen. Das Filet in kleine Würfel schneiden und kühl stellen. Die Fischgräten zerhacken.
  2. Lauch und Sellerie putzen, kleinschneiden, Dill ebenfalls kleinschneiden (mit den Stengeln)
  3. Die zerhackten Fischgräten in 1 El Butter andünsten; nicht bräunen. Zwiebelwürfel, Gemüse und kleingeschnittene Knoblauchzehe mitdünsten.
  4. Mit Wein und Wermut ablöschen und mit Wasser aufgiessen. Aufkochen lassen und dabei den Schaum abschöpfen.
  5. Bei geringer Hitze 20 Min. köcheln lassen.
  6. Durch ein mit einem Tuch ausgelegtes Sieb giessen und erneut aufkochen. Die Flüssigkeit auf ca. 1/3 reduzieren.
  7. Die flüssige Sahne hinzugeben und kurz aufkochen lassen.
  8. Die geschlagene Sahne mit dem Eigelb verrühren und die Suppe damit sämig binden. Dabei darf die Suppe nicht mehr kochen.
  9. Nach und nach mit einem Schneebesen die kalte Butter flöckchenweise unterschlagen.
  10. Die Suppe mit wenig Salz, weissen Pfeffer und Zitronensaft abschmecken. Die Forellenfiletwürfel in vorgewärmte Suppentassen geben und mit der Suppe auffüllen. Mit Kresse und Mandelblättchen garniert servieren.

Wildschweinkeule in Weisswein

(auch geeignet für Reh- oder Damwildkeule)

1 Wildschweinkeule (Frischling, maximal Überläufer) ca. 1kg ohne Knochen

2 Zitronen

½ L trockener Weisswein

3 EL Rum oder Weinbrand

4 EL Olivenöl

1 Bd frischer Thymian

4 Lorbeerblätter

2 Zwiebeln

2 Knoblauchzehen

250 gr. Creme fraiche

¼ L süsse Sahne

½ L Wildfond

2 grosse dünne Scheiben grüner Speck (beim Fleischer schneiden lassen), Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle

  1. Aus dem Wein, Rum, Olivenöl, Zitronensaft, Thymian, Knoblauch, Lorbeerblättern, Zwiebelringen und Pfeffer eine Marinade herstellen, kurz aufkochen lassen, abkühlen.
  2. Die entbeinte Keule in der Marinade 24 Stunden ziehen lassen.
  3. Die Keule aus der Marinade nehmen, gut trockentupfen, innen salzen. In einen Bräter legen, Oberseite salzen und pfeffern und mit den Speckscheiben belegen.
  4. ½ L Wildfond und ½ L Marinade (ohne feste Anteile) dazugiessen. Das Fleisch sollte nur max. bis zur Hälfte in Flüssigkeit liegen.
  5. Bei 170 Grad Umluft ( 200 Grad Ober/Unterhitze) eine Stunde zugedeckt schmoren. Den Speck entfernen ( aufheben!) und eine weitere ¼ Stunde ohne Deckel fertiggaren.
  6. Den Braten aus dem Sud nehmen, das Fleisch warm stellen. Den Sud entfetten, Creme fraiche und Sahne dazugeben. Die Speisestärke in etwas Wasser auflösen und zur Sauce geben. Ca. 10 Minuten kräftig einkochen. Das Fleisch schräg zur Faser in dünne Scheiben schneiden und in die Sauce geben. Dazu passt vorzüglich Rosenkohl, den man mit dem feingeschnittenen Speck aus der Sauce serviert.

Brandenburger Quarkkeulchen

( für 6 – Personen )

4 Eigelb

130 Gr. Zucker

1TL Backpulver

500 Gr. Magerquark

150 –200 Gr. Mehl (je nach Feuchtigkeit des Quarks)

abgeriebene Zitronenschale

Bratfett

Eigelb mit Zucker verrühren, bis der Zucker sich gelöst hat. Gesiebtes Mehl und Backpulver unterziehen, anschliessend mit dem Quark mischen und zu einem glatten Teig verarbeiten. Mit abgeriebener Zitronenschale würzen. Den fertigen Teig mindestens 20 Min. ruhen lassen. Dann mit einem feuchten Esslöffel Nocken abstechen und in heissem Fett goldbraun braten. (VORSICHT! Brennen leicht an). Herausnehmen, in Zucker leicht wälzen und mit frischen Beeren oder auf Fruchtsauce servieren.)

* * *

Imprint

Das Leben findet während der Fahrt statt

Wolfgang Lipps

published by: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de

Copyright: © 2011 Dr. Wolfgang Lipps

ISBN 978-3-8442-2709-3

Für Astrid

und für

Fiona, Margot und Stephanie

Inhalt

Beim Wildschweinessen

1. Ortsbestimmung.

2. Das literarische Quintett

3. Die Klammer

Disclaimer

Warum dieses Buch diesen Titel hat.

Mord im Kruger Busch

Holde Jugend

Welche Wiese?

Eine bedeutende Grossmutter

Der Karl

Die Familie von Heyl

Von der Planitz

Kriegsende

Alt Heidelberg

Liebe und das leichte Gewerbe

Das Duell

Der Volponische Kongress

Die Wiedervereinigung

Als Anwalt zur BAUKEMA

Sozialistische Bilanzen

Der Jagdhaus-Schorfheide-Krimi

1. Teil

in dem einige Abstauber ein Finanzministerium her einlegen.

2.Teil

in welchem eine schöne Pleite hinge legt wird und die wirklichen Retter auftreten.

3. Teil

in welchem ein inkompetenter Ministerialbeamter einen Überfall inszeniert und so ziemlich alles falsch macht, was man falsch machen kann.

4. Teil

der nochmal zeigt, mit was für Schnarchnasen wir es damals zu tun hatten.

Nachwort zur Wiedervereinigung

Die erste Episode

Die zweite Episode

Rechtsreferendar – das Rückrat der Justiz

Amtsgericht Wiesloch

Die Wahlfeststellung

Die Geschäftsstelle

Nichtige Urteile

Der Assistent des Landrats

Berlin

Wie F-K so arbeitete

Der Schwager

Zauberkunst

Der Hubschrauber im Wohnzimmer

Ein Gasthaus brennt

Exkurs

Korsika

„Der Korse“ im Bild „des Franzosen“

Die Inselbahn

Exkurs: Notariat in Schwetzingen

Fanfan

Korsischer Käse

Schweinejagd

Paris und Algerien

„Adolph Menzel“

Im Chambre de Bonne

Algerien und zurück

Jazz

Vier Frauen

Afrikanische Abenteuer

Hinreise und Ankunft

Fricke und der Pool

Die Dienerschaft

Die roten Schuhe

Liebesdienste

Wir lernen das System kennen

Die deutsche Botschaft

Die Druckerei

Der kongolesische Minister

Abreise mit Hindernissen

Niger und Niamey

Das Hotel

Die deutsche Botschaft

Fahrt ins Land

Der Schnäppchenjäger

Königsberger Klopse

Der „Cuntador“

Das Schnäppchen seines Lebens

Boote

Der preiswerte Jeep

Das Designerkleid

Jagdgeschichten

Revierlose Jäger

Vom Jagdgast zum Jagdherrn

Hubertusfeier

Gedanken zum Hubertustag

Flax

Der Bulle

Geburtshilfe

Der Denunziant

Daimler und Nähmaschinen

Jobsuche

„K&F-Personal-Analyse-Tool“ (K&F-PAT)

Bei Pfaff

In der Karibik und andernorts

Elmar

Gary

Bahamas

Der Keiler

ANHANG

Forellenrahmsüppchen

Wildschweinkeule in Weisswein

Brandenburger Quarkkeulchen

Der Keiler

Sie erinnern sich, liebe Leser, dass wir im „Lieper Vorwerk“, in einem der schönsten Jagdreviere zwischen Schorfheide und Uckermark, nach einem Wildschweinessen zu dieser tour d’horizon durch mein Leben aufgebrochen sind. Inzwischen habe ich Geschichten, Geschichtchen, Ereignisse, Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen vor Ihnen ausgebreitet aus dem Frühling, dem Sommer und dem Herbst meines Lebens.

Wir sind zurück im „Lehr- und Forschungsrevier“ und es ist Winter und wir wollen dieses Büchlein abschliessen mit einer Jagdgeschichte, die uns wieder an den Anfang, zu unserem Wildschweinessen, zurückbringen soll.

So schliesst sich der Kreis.

Wir, mein Jagdfreund und ich, stehen schweigend und reglos am Südhang. Über und ein wenig hinter uns hängt der Vollmond am frostig klaren Himmel und taucht die tief verschneite Landschaft um uns herum in ein unwirk­liches Licht. Die Eiche, unter der wir stehen, wirft schwarze Schatten, gleich denen der uralten Buchen und Eichen, die sich in einer Reihe parallel zum Hang nach rechts ziehen und in der bewaldeten Senke unter Schaumann's Haus verschwinden.

Rechts vor dem Gegenhang und deutlich gegen den von dem Widerschein der Stadt Eberswalde er­leuchteten Nachthimmel erhebt sich das schwarze geometrische Gerüst des imponierenden alten Schiffshebewerks mit der gelben Lichter­kette auf seiner oberen Kante; von Zeit zu Zeit tönt das Signalhorn klagend zu uns herüber.

Vor uns und weit unter uns dehnt sich das Oderbruch. Hinter den leicht verschneiten Dächern von Liepe blinzelt zwischen kahlen Bäumen das eine oder andere verstreute Nachtlicht zu uns herauf. Da­hinter ziehen sich die schwachen Lichterketten der Lampen am Oder-Havel-Kanal und der jenseitigen Straße von rechts nach links. Vom verschneiten und von schwar­zen Wald- und Buschflecken unterbrochenen Gegenhang gleitet zuweilen, von Hohenfinow kommend, das Licht eines nach Niederfinow fahrenden Autos herab und verschwindet im Bruch wie eine verlöschende Kerze. Gelegentlich rumpelt ein Lastwagen unter uns vorbei oder ein Wagen gleitet mit leisem Zi­schen die Oderberger Straße entlang. Nur selten streicht ein Fetzen Scheinwerferlicht durch die Bäume am Straßenrand.

Hinter uns steigt Magalles Weide an, auf der ich mich mit dem Bullen angelegt hatte, und vereinigt sich mit Schaumanns Weide am „Knödel­baum“, wie die wilden Birnbäume hier heissen, der seine kahlen Äste mit dem alten Baumsitz darin bizarr in den Himmel reckt. Links hinter ei­nem abfallenden Stück Weide beginnt der schwarze Busch an den Abbrüchen zum Buchengrund. Jenseits steht der Wald des Grimberges am Hang wie ein dunk­ler massiger Klumpen, der sich filigran in den Nachthimmel auflöst.

Es ist bitterkalt.

Wir tragen über unserer warmen Winterkleidung und den Stiefeln zur perfekten Tarnung lange weiße Schneehemden, aber dennoch stehen wir im Schatten der Eiche, um selbst keinen Schatten zu werfen.

Wir jagen auf Sauen.

Es ist die hohe Zeit der Saujagd, Ende No­vember, Rauschzeit des Schwarzwildes, wenn die Kei­ler zur Rotte treten, die Frischlinge schon große starke Kerlchen sind und die Überläufer bald zwei­jährige Schweine. Es ist deshalb zugleich die fast einzige Zeit, in der es dem Jäger mit großer Wahr­scheinlichkeit gelingt, einen oder mehrere reife Keiler in Anblick zu bekommen - hauende Schweine, Hauptschweine gar oder vielleicht sogar alte Bas­sen, die sonst so vorsichtig und deshalb nahezu un­sichtbar sind wie Waldgespenster, die man gelegent­lich bei Nacht krachend im Wald oder Röhricht ver­nimmt, aber niemals zu Gesicht bekommt.

Gleichzeitig ist dies die gefährlichste Jagd auf das wehrhafte Wild. Die Sau, insbesondere der Kei­ler, ohnehin schon mutig, wenn auch vorsichtig, wird in der Rauschzeit kühn und agressiv. Der Brunft- und Kampftrieb verdrängt Vorsicht, Instinkt und Furcht. Jeder Feind ist zugleich Nebenbuhler.

Deshalb sind wir zu zweit. Wenn diese Jagd auch im Zeitalter der mehrläufigen Gewehre und der Repetier­büchsen bei weitem nicht mehr so gefährlich ist wie im Altertum oder noch im Mittelalter, wo jedes An­gehen des durch die Hunde gedeckten Schweines mit Saublatt oder Saufeder immer auch ein Spiel um Le­ben und Tod war, so gab es doch jedes Jahr zahlrei­che schwere, bisweilen gar tödliche Jagdunfälle durch wütende Sauen. Da war es auch für mich, den Jagdherren dieses Reviers, gut, einen kaltblü­tigen Schützen neben mir zu wissen.

Im Buchengrund kracht ein dürrer Ast und noch ei­ner. Ich flüstere meinem Freund zu: "Sie kommen", und wir heben unsere Waffen. Ich habe mein Lieblingsgewehr, mein Arbeitsgerät, dabei, die von dem bekannten Büchsenmacher Adamy in Suhl als Geburtstagsgeschenk meiner lieben Frau und meiner Freunde zum 70ten eigens für mich gebaute Hahn-Doppelbüchse im Kaliber 9,3 x 74 mit einem kleinen Leuchtpunktvisier, mein Jagdfreund führt eine Bockbüchsflinte und hat zur 7 x 64 mit der Noslerpatrone den Schrotlauf zur Sicherheit mit einem Flintenlaufgeschoß, der „Brennecke“ geladen. Er schiesst gut ohne Zielfern­rohr über Kimme und Korn.

An der Kante des Buchengrundes erscheinen zwei oder drei schwarze Klumpen im Schnee, Überläufer, die der Rotte vorauslaufen. Dann taucht die ganze Rotte auf - vier starke Bachen, etwa zehn weitere Über­läufer und, deutlich auszumachen im hellen Mond­licht, drei schwere Keiler.

Ich habe als Jagdherr den ersten Schuss, hebe die Büchse und fasse den mittleren Keiler ins Fadenkreuz; donnernd und rollend bricht sich der Schuß in den kahlen Wäldern ringsum. Der Keiler bricht zusammen, kommt kurz vorn hoch, schnaubt scharf und rasselnd und fällt auf die Seite.

Die Rotte stiebt auseinander und verschwindet wieder im Buchengrund. Nur die beiden anderen Keiler verharren reglos, ein ebenso starkes hauendes Schwein wie das, das jetzt flach und schwarz im Schnee liegt, und ein kapitaler Basse. Beide sichern mit gesträubten Federn (den Rückenhaaren) und aufgestellten Tel­lern (Ohren) zur Eiche hin, unter der wir im guten Wind und im Nachtschatten bewegungslos stehen. Die Keiler hatten aber wohl das Mündungsfeuer gesehen. Ich spanne leise den Hahn des zweiten Laufes, um bereit zu sein. Mein Jagdfreund ist bereits im Anschlag, als der kleinere Keiler sich langsam in Bewegung setzt und dann plötzlich und unvermittelt angreift mit der Geschwindigkeit eines Pferdes im gestreck­ten Galopp und der Wucht eines zentnerschweren Felsbrockens, das Gebräch weit geöffnet, in dem die Keilerwaffen, die scharfen Zähne, im Mondlicht blitzen.

Ich hebe die Büchse für einen zweiten Schuss, meinen letzten, und halte dabei die Augen fest auf das Tier gerichtet. Ich weiss ja daß es auf Bruchteile von Se­kunden ankommt und daß ich schon sehr gut schießen muß, wenn ich den Keiler bei dieser kurzen Entfer­nung aufhalten will.

Da kracht die Büchse meines Freundes. Der schwere Bleibatzen des Brennecke-Flintenlaufgeschosses trifft den Keiler genau zwischen den Tellern im Genick. Der Keiler rolliert im Schuß und bricht einen halben Meter vor uns zusammen.

Über die Läufe meiner Doppelbüchse fixiere ich den dritten im Bunde, den kapitalen Bassen. Mein Jagdfreund hat nur noch eine Kugel und wenn der Basse auch angreift mußt die erste Kugel sitzen. Ich will ihn aber scho­nen - zwei gute Keiler an einem Abend sind mehr als genug und ein Hauptschwein leben zu lassen ist eine gute und weidmännische Entscheidung - aber sicher ist sicher.

Da wirft sich der Basse herum. Mit erstaunlicher Be­hendigkeit und fast lautlos verschwindet er im Busch. Wenig später hört man ihn auf seiner Flucht durch den Grimberg ziehen. Dann wieder Stille.

Ich nehme den Hut ab, wische mir über die schweißnasse Stirn und reiche meinem Jagdfreund die Hand. "Weidmannsheil", sage ich erleichtert, "das war knapp und ein sauberes Stück Arbeit. Ich bin froh, daß wir den Alten durchgelassen haben; alte Keiler sind rar und zwei gute Schweine sind herrliche Beute". Dann mehme ich das Jagdhorn aus dem neben mir liegenden Rucksack und alsbald ertönt in der kalten Mondnacht weit hörbar bis ins Lieper Vorwerk das uralte Totsignal "Sau tot", gefolgt von "Jagd vorbei" und "Halali".

Wir brechen die beiden Schweine auf und gehen dann zum Pfingstberg hoch, um den dort abgestellten Landrover zu holen. Später, nach getaner Arbeit, sitzen wir dann im Vorwerk vor dem Feuer bei einem guten Malt Whisky und erzählen und erleben in der Nachschau alles noch einmal. Wir versichern uns ein um das andere Mal wieder, daß die Jagd das Schönste, aber das Angehen der rauschigen Keiler im verschneiten Feld das All­ergrößte sei!

So wenig hat sich der Mensch verändert!

* * *

Beim Wildschweinessen

Sie haben, geneigter Leser – hoffentlich – ein Buch in die Hand genommen, dessen zunächst einmal unverständlicher Titel Sie neugierig gemacht haben sollte. Wenn´s allerdings jetzt gleich sterbenslangweilig wird, ist alles vorbei. Deshalb werden Sie sofort von mir auf subtile Weise an den Kern, den Sinn, den Unsinn und den Wert dieses Buches herangeführt und zwar in zwei Schritten:

Wenn Sie hoffentlich richtig neugierig sind, dann lesen Sie weiter.

1. Ortsbestimmung.

Wir sind in Brandenburg, genauer: auf dem Barnim, noch genauer: in Liepe am Oder-Havel-Kanal, unweit des Schiffshebewerks Niederfinow, in der herrlichen Landschaft zwischen Schorfheide und Uckermark.

Liepe liegt am Ufer der alten Oder, die heute kein Schiffahrtsgewässer mehr ist, seit es den Oder-Havel-Kanal gibt. Nördlich oberhalb des langgestreckten Dorfes steigt das Gelände steil und schluchtenreich an bis zu einer schön gewellten Hochebene, der Choriner Endmoräne. Hier hielten seinerzeit die Gletscher in ihrer Wanderung inne und brachen ab in´s Tal der Oder. Dieses wurde damit zum Urstromtal und später zu einer bedeutenden Handelsstrasse.

Oberhalb des Dorfes auf der Höhe der Endmoräne erstreckt sich eine grosse Feldmark, durchzogen von Knicks, Buschgruppen und Wäldchen. Markante Landschaftsformen sind der Steinberg, ein alter Steinbruch, aus dem u. a. die Steine der Schlossbrücke in Berlin stammen, und der Pfingstberg, ein eisenzeitliches Fürstengrab. Kleine Seen liegen darin, zurückgelassen von den Gletschern. Umgeben ist die Feldmark im Osten von dichten Hochwäldern und Buschwerk und an den Südhängen wuchert Akaziengestrüpp. Dichte Nadelholz- und Mischholzwälder liegen im Norden und Nordosten. Uralte Eichen- und Buchenwälder ziehen sich zusammen bis in die Schorfheide.

In der Feldmark zieht allnächtlich das Rotwild seine Fährte. Sauen stecken in den Knicks, Schilfrändern und in den umgebenden Buschwäldern, und suchen nachts die Felder heim. Rehwild hat zahlreiche Reviere in Feld und Gehölz. Kraniche brüten nahebei, Seeadler jagen über dem Land. Kolkraben, Tauben, Reiher, Störche und zahlreiche seltene Vögel geben sich ein Stelldichein.

Fuchs, Dachs und Marder, Iltis, Hermelin und Wiesel leben hier und zunehmend auch Marderhund und Waschbär. Gelegentlich gelingt es Fasanen, ein Gelege hochzubringen, das Rebhuhn aber ist verschwunden. Der Hasenbesatz wird von Jahr zu Jahr besser, auch dank der Schonung durch die Jäger; Kaninchen allerdings findet man hier nicht mehr.

Das Muffelwild verirrt sich niemals bis hierher, weil es den Kanal im Süden und die Strasse von Oderberg nach Angermünde im Osten nicht überwinden will, aber gelegentlich zeigt sich ein Stück Damwild aus den grossen Revieren der nahen Schorfheide.

Nachts jagen hier alle Eulen ausser dem – leider fast ausgestorbenen – Uhu, des Tags alle Raubvogelarten bis hin zum seltenen Wespenbussard und natürlich der Wappenvogel Brandenburgs, der Rotmilan – „Steige hoch Du roter Adler …“.

Immer öfter erscheinen Wölfe im Revier und alle paar Jahre, wenn die Oder zugefroren ist, auch mal ein polnischer Elch.

Kurzum – seit tausenden von Jahren, auch nach der Ausrottung von Bär, Luchs und Auerochs, ein Jagdrevier, wie es sich das Jägerherz nur wünschen kann.

Dieses herrliche Stück Natur ist seit 1992 mein Jagdrevier. Mitten darin liegt eine frühere Aussenstelle des Lieper Landgutes, das von meiner Frau Astrid und mir zu einem zünftigen Jagdhaus um- und ausgebaute „Lieper Vorwerk“. Seit ca. dem Jahre 2009 heisst das Revier nun „Lehr- und Forschungsrevier Lieper Vorwerk“, weil es inzwischen das Revier für das „JUN.i Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz“ ist, im Internet unter www.jagd-umwelt-naturschutz.de.

2. Das literarische Quintett

So sitzen wir also – um endlich zur Sache zu kommen - im „Lieper Vorwerk“ um den schön gedeckten Eichentisch herum und lassen uns ein Essen schmecken, wie es nicht nur das Jägerherz, wenn auch dieses ganz besonders, erfreut. Angerichtet hat es meine Frau Astrid, eine begnadete Köchin, deren über Liepe und Berlin hinaus bekannte Kochkurse mindestens ebenso gut sind wie ihre beruflichen Fähigkeiten als Rechtsanwältin und Notarin.

Das Menu – dieses Buch ist nämlich Teil der neuerdings immer wieder beschworenen notwendigen deutschen Bildungsoffensive - soll dem Leser nicht vorenthalten werden:

Dazu natürlich Weisswein, Rotwein, danach Espresso, Rum, Cognac, Zigarre usw.; was jeder möchte; auf dem Lande geht es üppig zu.

Wer die Rezepte nachkochen möchte, findet sie im ANHANG.

Wir, das sind unsere Lieper Freunde Burckhard, einer unserer besten Jäger und seine Frau Gundela, der Berliner Architekt Christian und seine Ehefrau Marita, auch Rechtsanwältin und Notarin und Astrids beste Freundin, und natürlich wir, die Gastgeber.

Wie es sich zum Essen bei Gebildeten ziemt, werden die Kau- und Wohlbefindensgeräusche von munteren Reden übertönt. So habe ich, wegen des Wildschweinbratens, gerade die Geschichte vom Bauern Vogt erzählt, der

vor geraumer Zeit mit dem Fahrrad aus Brodowin kommend auf der Waldstrasse einen sehr kleinen Frischling rumwuseln sieht, noch im gestreiften Schlafanzug. Den hält er – Wilderei hin oder her - für einen willkommenen Braten, aber als er ihn fängt, quiekt das Tierchen ganz erbärmlich, worauf wie eine Dampfwalze die Mutter durch das Unterholz bricht. Diese Bache wiegt schätzungsweise 70 Kilo, hat das Gebräch (jägerisch für: das Maul) weit aufgerissen und wirkt insgesamt einigermassen unverbindlich.

Vogt, der weiss, dass Wildschweine schon mal Menschen umgebracht haben, jedenfalls aber ganz schön wehtun können, saust in geradezu artistischer Behendigkeit auf den nächsten Baum; der allerdings ist blöderweise eine gerade mal armdicke Birke, nicht sehr hoch, und biegt sich schon. Die Bache sieht Vogt aus miesen kleinen Augenwinkeln berechnend an – Wildschweine sind verdammt schlau – und rüttelt an dem Baum, woraufhin der bedenklich in Bewegung kommt; Vogt fängt an zu schreien wie am Spiess.

Das holt zwar keine Hilfe für ihn, aber drei weitere Bachen mit noch mehr Frischlingen aus dem Unterholz.

Dumm gelaufen bis hierher.

Die Bachen beratschlagen, die Frischlinge hören aufmerksam zu.

Dann gehen zwei Bachen zum Fahrrad und nehmen das nach allen Regeln der Kunst auseinander, zerbeissen die Reifen, zertrampeln den Rahmen, und da das Ganze noch zu Zeiten der DDR spielt, wo ein Fahrrad nur gegen sein Gewicht in Gold auf dem Schwarzmarkt erhältlich war, kommen Vogt zu den Tränen der Angst noch welche der Wut.

Aber Wut hilft nicht, denn zu seinem hilflosen Entsetzen fangen die beiden anderen Bachen an, die Birke auszugraben, an der er hängt.

Jetzt wird´s eng.

Sie erinnen sich an das Gedicht, in dem der Friedhofstürmer den Toten die Hemden klaut? - Goethes „Totentanz“?

Das geht stellenweise so:

..

Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
in weissen und schleppenden Hemden.

..

Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
Geh! hole dir einen der Laken.

Das entspricht dem Frischling von unserem Freund Vogt

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.

oder in unserem Fall auf eine inadäquate Birke

Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück:
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muss er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat ergreift nun der Wicht
Und klettert von Zinnen zu Zinnen.

beziehungsweise will mal schnell die Birke ausgraben!

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb’ er ihn wieder, den Laken.
Da häkelt – jetzt hat er am längsten gelebt -
Den Zipfel ein eiserner Zacken.

So ungefähr also fühlt sich unser Freund Vogt.

Der Türmer wird zwar gerade noch gerettet, denn:

Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
und unten zerschellt das Gerippe.

Darauf aber kann sich Vogt nicht verlassen. Er ist im Wald von Chorin, hunderte von Metern vor der Dorfgrenze, weit und breit keine Turmuhr, aber unter ihm inzwischen vier hinterlistige Sauen. Die Birke gibt langsam nach.

Da kommt im letzten Augenblick der Bauer Schulze mit dem Pferdewagen. Vogt lässt sich drauf fallen, die Schweine ziehen sich enttäuscht zurück, und so kann man wenigstens die Reste vom Fahrrad noch bergen, zu retten ist da nix mehr.

Und daraufhin sagt Freund Christian zum vielleicht achtundzwanzigsten Male:

Wolfgang, nicht nur ich, wir alle haben Dich schon hundertmal gebeten: SCHREIB´ DAS AUF! Was man erzählen kann, kann man auch schreiben.“

So habe ich mich schliesslich breitschlagen lassen, dieses Büchlein zu schreiben und es hat mir großen Spaß gemacht, den ich dem Leser gerne vermitteln möchte.

3. Die Klammer

Wenn man keine Biographie schreiben, aber aus seinem Leben berichten will, dann gibt es dafür nur eine einzige Klammer: nämlich dieses Leben selbst. Wenn man das chronologisch schildern wollte, dann hätten wir durch die Hintertür genau das, was ich vermeiden will: eine Biographie in ihrer weniger interessanten Form der Autobiographie. Stattdessen möchte ich aus diesen 75 Jahren lauter bunte Krümel herumwirbeln lassen wie die Scherben im Rohr eines Kaleidoskops, grosse und kleine, helle und dunkle, kantige und vielgestaltige – zusammengehalten und geordnet nur durch den jeweiligen Bildausschnitt.

Was für eine Fülle von Eindrücken haben uns die letzten 75 Jahre gebracht! Und nahezu 67 Jahre davon habe ich als aufgeweckter Zeitgenosse miterlebt und in der Tat sehr genossen. Da gibt es immer wieder Lebensabschnitte, Zusammenhänge, Komplexe, Eindrücke und „Ideen und Glaubensgewissheiten“ (Ortega y Gasset), zu denen Gedanken, Erinnerungen und Geschichten gehören.

Nur mal ein kleiner Zeitlauf:

Oder die vielen zum Teil skurrilen Begegnungen mit

Sie werden den

Natürlich erfahren Sie alles über

Genug genug – schauen Sie in das Inhaltsverzeichnis; dann können Sie selektiv oder von hinten nach vorn oder gleich von vorn loslesen.

Ich drücke mir den Daumen, dass Ihnen die Lektüre Spass macht. Wenn nicht, ist Christian schuld!

Disclaimer

(neudeutsch für: ich hafte für nix):

"Für alles, das in diesem Buch steht, trage ich allein die volle Verantwortung, übernehme aber für den Wahrheitsgehalt keine Garantie und rechtfertige die Abwesenheit jeglicher Fussnoten damit, dass ich nichts zitiert habe was so zu kennzeichnen wäre, ausser vielleicht einigem das ich vergessen habe wegen dessen ich aber einen Rücktritt ablehne. Ähnlichkeiten mit lebenden oder nicht mehr lebenden Personen sind rein zufällig auch dort wo sie bewusst erkennbar geschildert oder gar namentlich benannt sind, Haftung ausgeschlossen.“

Warum dieses Buch diesen Titel hat.

Jeder Schriftsteller weiss: der richtige Titel ist die halbe Miete. „Deutschland schafft sich ab“ ist ein Bombentitel, während „Ansichten von Thilo“ nicht ganz so gut gekommen wäre. Weil Frau Breuel ihr Buch über die Treuhandanstalt „Das Unmögliche wagen“ genannt hat, dachten vielleicht viele, das sei ganz interessant; hätte sie es ehrlicherweise mit „Selbstlob für beschissene Arbeit“ betitelt, hätte kein Mensch es gelesen.

Moment mal.

Jetzt, wo ich das schreibe, kommen mir Zweifel. Weil vielleicht ein Buch „Die Scheißtreuhand“ ein echter Renner geworden wäre, vor allem, wenn es – was wir Frau Breuel aber nicht unterstellen dürfen – ehrlich gewesen wäre.

Also:

Der Titel ist ganz wichtig, aber welcher Titel? Die Schriftstellerin Sabine Ebert hat vier zauberhafte Bücher über das Leben einer Hebamme zu Zeiten Barbarossas geschrieben, die sie ganz anders nennen wollte, aber dann auf Druck ihres Verlages „Das Geheimnis…“, „Die Spur…“, „Die Entscheidung…“ und „Der Fluch der Hebamme“ genannt hat und war damit höchst erfolgreich.

Ich wollte – ich sollte, wie Christian das verlangt hat – alle mehr oder minder witzigen interessanten erbaulichen lehrreichen usw. Krümel aus meinem Leben zusammenwürfeln und aufschreiben, denn meine Erzählungen seien so anregend, dass sie der Nachwelt erhalten bleiben müssten. Als ob flüssige Redner auch flüssig schreiben könnten. Vor allem, weil Christian verlangt hat, ich müsste immer wieder zwischendurch den Leser mit „Knallern“ anheizen, damit ich dann weitere Informationen ausbreiten könnte, und vor allem dürfe natürlich die Erotik nicht zu kurz kommen, das wollten die Leute lesen.

Er hat gut reden! Aber damit stosse ich dann allerdings an meine erzählerischen und vor allem an meine selbstentblösslerischen Grenzen!

Nach langem Kampf mit mir und anderen habe ich mich dann aber mal drangemacht. Und dafür, wie gesagt, als Erstes einen Titel überlegt.

Einige Titel fallen aus, definitiv, völlig ausgeschlossen; so wie „Aus meinem Leben“ („aus dem Leben eines Taugenichts“ hätte es super getroffen, gibt es aber schon von Joseph von Eichendorff). „Ein Vagabund unterwegs“ ist durch Mark Twain „A Tramp Abroad“ genial blockiert. „Gedanken und Erinnerungen“ ist von Bismarck, „Erlebtes und Erlauschtes“ haben Ganghofer und andere schon besetzt. „Irrungen und Wirrungen“ kommt mir bekannt vor und trifft ausserdem mein ordentliches Leben nicht. „Durch die Wüste“ oder „Durch´s wilde Kurdistan“ oder „Von Bagdad nach Stambul“ oder „In den Schluchten des Balkan“ oder gar „der Schut“ – alles irgendwie schon mal dagewesen. Und ausserdem: wer will denn von einem Anwalt aus Berlin irgendwelche Lebenserinnerungen lesen? Ausser Christian.

Deshalb dachte ich an den Spruch meines alten Freundes Ellermann „das Leben findet während der Fahrt statt“. Will heissen: das Leben rast davon, vor sich hin, an vielem vorbei, durch vieles hindurch, reisst uns mit, lässt uns auch mal fallen, rammt uns zuweilen um, schleudert uns herum und in immer neue Lebenslagen, zwingt uns gelegentlich zum Kampf, lässt uns den mal gewinnen, mal verlieren. Aber es steht nie still und saust mit uns unweigerlich auf ein Ende zu. „Hoch auf dem gelben Wagen…“ sagt das Gleiche, nur viel besser und kürzer. „Ich wäre so gern noch geblieben, aber der Wagen, der rollt!“. Der Wagen des Lebens, in dem wir sitzen. Und am Ende „sag ich: Ade nun, Ihr Lieben, die ihr nicht mitfahren wollt. Ich wäre gerne noch geblieben, aber…“ siehe oben.

Aber während der Fahrt passiert auch vieles, an dem sich vielleicht auch noch andere erfreuen können, erheitern, von dem sie vielleicht etwas mitnehmen können in ihre Welt, oder von dem die, die mich kennen, gut oder nicht so gut, vielleicht sagen werden: „Guck mal an, der also auch“ oder so ähnlich. Ich möchte einfach einiges weitererzählen, nur so um des Fabulierens willen. Mit dem kleinen Hintergedanken „wer schreibt der bleibt“, und wenn es nur bei wenigen geliebten Menschen ist.

Also: DAS LEBEN FINDET WÄHREND DER FAHRT STATT

Damit haben wir ihn, den Titel! So lasse mer´s.

Mord im Kruger Busch

Eigentlich fing alles ganz harmlos als durchschnittlicher Jagdrechtsfall an. Mehrere Jagdpächter hatten ein Revier gepachtet und bejagten es gemeinsam. Wie oft bei derartigen gemeinschaftlichen Unternehmungen – ob sie nun Ehe heissen oder Verein – kam es allmählich zu Zerwürfnissen.

Denn eigentlich ist der Mensch ja von Natur aus kein so richtig geselliges Wesen, sondern trachtet zunächst mal danach, seinen eigenen Nutzen zu mehren. „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ – homo homini lupus; diese miese Charakteristik stammt ausgerechnet von einem Komödiendichter, Titus Maccius Plautus (ca 200 v. Ch.) und wurde später von Hobbes abgewandelt. Aber wir wissen, was gemeint ist, und die jüngere Geschichte ist voll von Beispielen.

Ich will das hier gar nicht beklagen, denn ein Teil der Verdienstmöglichkeiten eines Rechtsanwalts beruht ja gerade darauf, oder? Unabhängig davon also, wie richtig oder wie falsch das sein mag – alle menschlichen Zusammenschlüsse haben die Tendenz, sich zu zerstreiten, Ehen zerbrechen angeblich schon an mittig gequetschten Zahnpastatuben.

Auffällig ist das Explosivpontential bei Zusammenschlüssen von Leuten, die gemeinsam ein Jagdrevier betreiben, die also eigentlich eine gemeinsame Passion, eine gemeinsame Liebe einen sollte. Ich bin ein erfahrener Jagdrechtler mit einer jahrelangen Praxis und bin dennoch einigermassen ratlos, wenn ich gefragt werde, wieso sich gerade Jäger immer wieder derart zerstreiten, dass man häufig schon deshalb besorgt sein muss, weil die ja gleichzeitig zu den wenigen Privilegierten gehören, die mit einer Feuerwaffe herumlaufen dürfen. Grüne und Tierschützer machen es sich da natürlich leicht: der Jäger ist ein potentieller Killer ohne Achtung vor dem Leben, vom machtsuggerierenden Phallussymbol des Gewehrs beherrscht, ergo ein Arschloch.

Na ja. Es gibt in der Tat Exemplare der Spezies Weidmann, die dergleichen abstruse Theorie jedenfalls nicht a priori als bescheuert erscheinen lassen, aber tatsächlich ist die Sache dann doch erheblich diffiziler. Natürlich spielt ein bisschen Machotum mit, auch ein bisschen Beuteneid, auch Dominanzgehabe, manchmal etwas Aufgeblasenheit – aber im Grossen und Ganzen sind Jäger Naturfreunde, Tierschützer, ausgeglichene Charaktere, und rundherum vernünftige Leute.

Glaubt zwar kaum einer, aber ich bin der schlagende Beweis, oder?

Der Fall, zu dem diese langatmige Vorrede den Leser hinführen soll, zeigt die merkwürdige Gemengelage, die im Jagdbetrieb entstehen kann. Ein Mandant, nennen wir ihn Friedhelm O., erscheint eines Tages in meiner Kanzlei und bittet, ihn gegen seine Mitjäger bezw. seine Jagdgenossenschaft zu vertreten. Denn die letztere habe ihm aufgrund einer Intrige der ersteren seinen Jagdpachtvertrag fristlos gekündigt; er läuft Gefahr, sein Jagdrevier zu verlieren.

Hier höre ich zum ersten Male den Ausdruck „Kruger Busch“, ein Jagdrevier im Nordosten von Brandenburg und eines der schönsten im Lande.

Das ist also nicht etwa ein Gebüsch im afrikanischen Krüger Nationalpark, sondern ein Waldgebiet, das zum gemeinschaftlichen Jagdbezirk Kruge/Gersdorf gehört. Der Mandant nun war einer von mehreren Jägern, der in diesem schönen Jagdbezirk als einer der Jagdpächter das Privileg hatte, gerade den Teil zu bejagen, der eben Kruger Busch genannt wird – ein Gebiet, in dem es ein hervorragendes Aufkommen an Rotwild und Schwarzwild, zu bürgerdeutsch Hirsch und Wildschwein, gab und gibt.

Das Mandat war mir gleich sympathisch, denn die Gemarkungen Kruge und Gersdorf waren mir wohlbekannt.

Kruge, ein mehr als 700 Jahre alter Rittersitz, war seit 1800 etwa bis 1945 das Gut meines Onkels von Trotha, und ich habe während des Krieges dort eine wunderbare Zeit mit meinen Cousinen Putzi und Mädi verbracht, bis die Verwandten vor den Russen nach Bad Godesberg flohen. In Gersdorf, mit dem sich Kruge 1960 zusammenschloss, ging ich ein Jahr lang zur Schule und sang jeden Morgen die Brandenburger Nationalhymmne „Steige hoch Du roter Adler…“, der bekanntlich gar kein Adler ist, sondern ein roter Milan.

Zurück zum Fall. Ein Mitglied der Jagdgesellschaft, die dort jagen durfte, war aus mehreren Gründen erpicht darauf, meinen neuen Mandanten aus dieser Gesellschaft auszubooten, und zwar im kollusiven Zusammenwirken mit dem Jagdvorsteher, einem Herrn H..

Zum Verständnis jagdrechtlicher Laien:

Alle Grundstücke einer Gemeinde, die nicht zu einer Eigenjagd (einer privaten Jagd) gehören, bilden kraft Gesetzes den sog. Gemeinschaftlichen Jagdbezirk dieser Gemeinde, hier Kruge-Gersdorf. Alle Eigentümer von land- forst- oder fischereiwirtschaftlichen Flächen dieser Gemeinde bilden kraft Gesetzes eine Körperschaft öffentlichen Rechts, die Jagdgenossenschaft. Diese wählt sich einen Vorstand und verpachtet dann das Jagdausübungsrecht - gemeinhin halt: die Jagd – an einen oder mehrere Jäger, die dann eine Jagdgesellschaft bilden.

Nach jahrelangem mehr oder minder Friede-Freude-Eierkuchen-Jagen der Jäger von Kruge/Gersdorf, von Eifersüchteleien eines Herrn F., einer der Jagdpächter, wegen des schönen Jagdbezirks des Friedhelm O. mal abgesehen, erschien eines Tages ein etwas unangenehmer aber einigermassen betuchter Herr aus, wie es damals hiess, „Westdeutschland“, also ein sogenannter Wessi. Der hatte plötzlich, wahrscheinlich durch F. „aufgemüdet“, wie der Jäger sagt, ein gewaltiges Interesse daran, nicht nur Mitglied der Jagdpächtergesellschaft zu werden, sondern anstelle meines Mandanten den Kruger Busch, das jagdliche Herzstück der Jagd, dauerhaft zugewiesen zu erhalten.

Der Herr Jagdvorsteher H. versammelte sich sofort hinter dem, denn er besass in der Gemarkung in älteres und bis dato unverkäufliches Haus, welches der Wessi ihm zu gutem Preis abzukaufen versprach, wenn man für ihn meinen Mandanten loswerde. Auch dem Mitpächter F., der beruflich ziemlich in der Luft hing, wurden lukrative Versprechungen gemacht. Der sah sich schon als reicher Mann.

So begann man, O. aus der Jagd „herauszumobben“. Jedenfalls versuchte man das und erfand allerlei Verfehlungen von O. und liess ihn abmahnen und schliesslich erteilte ihm der Jagdvorsteher H. erst eine und dann weitere fristlose Kündigungen des Jagdpachtvertrages und behinderte ihn bei der Jagd und, wie gesagt, mobbte und belästigte ihn wo immer möglich. Da aber brachte O. mich als seinen Anwalt in´s Spiel.

Ich will mich nicht zu sehr aufblasen, aber, halten zu Gnaden, es kam, wie es kommen musste: Ich griff die Kündiung vor dem Amtsgericht Bad Freienwalde an, die Gegenseite versuchte alle möglichen Tricks bis hin zu Meineidszeugen und Prozessbetrug, was man allerdings können muss, sonst geht es nach hinten los; die konnten es nicht, und es ging! O. gewann wie das heisse Messer durch die Butter. F liess noch im Gerichtssaal verlauten, in der zweiten Instanz werde ihr Anwalt mir mal zeigen, wo der Hammer hängt!

Ich schon verängstigt.

Die gehen in die Berufung, und was soll ich Euch sagen: verlieren krachend auch vor dem Landgericht in Frankfurt/Oder.

Im Rausgehen sagt F. zu meinem Mandanten, er solle sich diesen Tag gut merken, denn man werde ab heute nicht eher Ruhe geben, „als bis der O. unter 1 m Erde liege!“ Ich höre das, nehme derartige dusselige Ankündigungen aber selbstredend nicht für voll.

Wir trinken im Oderturm noch ein Bier auf den Sieg, aber mein Mandant O. ist voller dunkler Ahnungen und sagt, er nehme die Drohung sehr ernst, und wie er sich schützen solle usw. Ich, ehrlich gesagt, lache ihn aus und sage, alle die, denen solche Maulhelden öffentlich mit Vergeltung drohen würden, führen immer noch Rad, und was dergleichen kluge Sprüche mehr sind. Mein Mandant bleibt melancholisch.

Wie Sie auch in dem Kapitel „Ein Gasthaus brennt“ nachlesen können, kam O. wenige Wochen später völlig aufgelöst auf unserem Hof an, in Tränen gebadet und mit den Nerven am Ende.

Warum das?

O. lud jedes Jahr mehrmals Jagdgäste ein, bei ihm auf Hirsch, Rehbock und Schwein zu weidwerken. Die setzte er nur in dem für ihn reservierten Teil des „Kruger Busch“ an, zu dem kein anderes Mitglied der Pächtergesellschaft Zutritt hatte. Wie jedermann seit Jahren – was sag´ ich, seit Jahrzehnten, wusste, so auch F. – pflegte O. seine Jagdgäste ausnahmslos bis zu ihrem jeweiligen Hochsitz zu führen, er leise vorneweg, der Jagdgast hinterher. Niemals, echt niemals hatte er von dieser Angewohnheit eine Ausnahme gemacht, nicht mal in der DDR bei der Führung von Grosskopfeten.

Kurze Zeit nach dem Gerichtstermin hat er zwei liebe alte Jagdgäste, Vater und Sohn. Die sind seit zwei Tagen da und wollen nachts zurückfahren, aber vorher noch mal bei abnehmendem Mond auf Sauen ansitzen. Bis dahin hatten sie erst einen Überläufer erlegt.

Und ausgerechnet an diesem Abend passiert eine völlig undenkbare Abweichung vom Normverhalten – da seine Jagdgäste ihre Kanzeln gut kennen, entschliesst sich O., nachhause zu fahren und die Sau aus der Wildkammer zu holen, während die beiden Gäste ausnahmsweise mal allein zu ihren Sitzen gehen. Am Waldrand trennen sie sich, der Sohn pirscht am Feld entlang weiter und Vater biegt in einen Rückeweg ein, der im dichten Tann direkt auf eine von O´s Lieblingskanzeln zuführt. Im Wald ist es einigermassen dunkel, aber, wie der Jäger sagt, gutes Büchsenlicht. Vater geht ruhig auf die hohe Kanzel zu, die sich bereits gegen den helleren Nachthimmel abzuzeichnen beginnt.

Der Sohn hat gerade die am Wald-Feld-Rand frei stehende Leiter erreicht, als im Wald, aus Vaters Richtung, ein Schuss fällt, gefolgt von einem durchdringenden Schmerzensschrei. Er dreht um und rennt am Feldrand zurück in den Wald, rufend, und stolpert über seinen am Boden liegenden stöhnenden und röchelnden Vater. Er reisst ihn hoch und schleppt ihn zum Auto, wirft ihn auf den Rücksitz und rast nach Bad Freienwalde zum Krankenhaus. Dort wird der getroffene Vater vor dem Haus aus dem Wagen gehoben und sofort ärztlich versorgt. 15 Minuten später ist der Mann tot – eine Kugel Kaliber 30-06 hat die Lunge zerrissen, eine Herzklappe angerissen, mehrere Arterien verletzt und sich im Brustkorb zerlegt.

In diesem Moment kommt O von zuhause zurück mit dem Schwein im Kofferraum, sieht den Menschenauflauf vor dem Krankenhaus, erfasst mit einem Blick den Wagen der Jagdfreunde und die Blutlache am Boden, rennt hinein und findet seinen Jagdfreund tot in den Armen des Sohnes.

Was war geschehen?

F sann erkennbar auf Rache, denn seine „best laid plans of men and mice“ waren zerstoben. Da fügte es sich, dass zu den gemeinsamen Jagdfreunden von F., H. und des Wessis ein Jäger gehörte, den sie schon mehrfach zu F. eingeladen hatten, der sich aber nicht nur als ein Mann schlichten Gemüts erwiesen hatte – auf deutsch: er war dumm wie Stulle! - sondern der nach wenigen Jagdeinladungen bereits so als „Schlumpschütze“, also als völlig unzuverlässiger Schiesser, verschrieen war, dass keiner der Jäger mehr mit ihm zur Jagd gehen wollte.

Diesem Individuum hatte F. am besagten Abend erst einmal einen oder zwei Schnäpse ausgegeben und dann gesagt, er werde ihn ausnahmsweise heute auf einen der besten Ansitze platzieren, die dieses Revier aufzuweisen habe. Die Schweine würden ihn früh anlaufen, und alles, was er tun müsse, sei, rasch und präzise zu schiessen. Der Blödmann bedankte sich freudig, und F. setzte ihn auf die Lieblingskanzel von O., von der er wie alle anderen wusste, dass sie für jedermann tabu war. F. war sich sicher, dass O. auch an diesem Abend wieder Gäste ansetzen würde, und er wusste, dass O. immer als erster zum Ansitz ging, und so drückte er sich die Daumen, dass der Schlumpschütze mal wieder einen seiner lebensgefährlichen Fehler machen werde.

Und genau das geschah, wenn es auch den Falschen erwischt hatte. Der Schlumpschütze sah etwas anwechseln im Dunkeln, rechnete nicht mit einem Menschen, und liess fliegen.

Auf den Schrei hin stürzte er von der Kanzel, rannte zu dem Verletzten, sah, was er getan hatte, hörte den Sohn kommen, rannte ins Unterholz und in einem Bogen sofort zu F. Der, mit Hilfe seiner Freundin, versteckte ihn mehrere Tage lang, während die Kripo vergeblich ermittelte. Dann hatten sie ihn so weit, dass er sich stellte, aber jede Aussage verweigerte, weil er einen Verteidiger gestellt bekam und ein sehr bedeutendes Handgeld. Der Frau des Getöteten wurde, ebenfalls mit viel Geld, die Nebenklage „abgekauft“.

Der Täter erhielt wegen „fahrlässiger Tötung“ eine Bewährungsstrafe und bereits nach 5 Jahren seinen Jagdschein wieder! Gegen F., den eigentlichen mittelbaren Täter, wurde gar nicht erst ermittelt.

O. ist heute noch ein erstklassiger Jäger. Aber im „Kruger Busch“ hat er seitdem nie wieder gejagt!

Holde Jugend

Wie an dem Tag der Dich der Welt verliehen

Die Sonne stand zum Grusse der Planeten

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz wonach Du angetreten…

Usw. usf.

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Johann Wolfgang. Unabhängig davon, was die meisten Leute denken: wenn unsere Schädlinge erst einmal das Licht dieser Welt erblickt haben, entwickeln sie sich zwangsläufig so, wie es eben kommen muss. Liebe, Vorbild, Zwang, Überredung, Bestechung, Bestrafung – hilft natürlich immer mal ein bisschen, aber letztlich nur marginal. Milieu und Vererbung, der gestirnte Himmel über uns und die Stimme des Gewissens in uns, alles ganz nett, aber letztlich nicht entscheidend. Gene oder die Gestirne?

Sie kennen das aus unzähligen Gesprächen:

Von wem hat er das wohl?“

Ganz der Vater, Du Autist!“

Kein Wunder, da mendelt sich Deine blöde Mutter durch“

Von mir hat er das nicht“

und

muss Dein schlechter Einfluss sein!

Auf mich hört ja keiner,

usw. usw.

Natürlich gibt es eine Menge normaler netter Leute, aber eben auch eine Menge von Idioten, Spinnern, Betrügern, Verbrechern usw. Ausserdem gibt es so ambivalente Kombinationen wie Intelligenz gepaart mit Charme und Skrupellosigkeit – Mr. Ripley zum Beispiel. Jedenfalls lehrt uns Goethe: Schau Dir einfach die Kinder an, und Du lernst eine Menge über den späteren erwachsenen Menschen.

Ich bin am 19. Juni geboren und damit ein männlicher Zwilling. Das sagt alles!

Zwillinge gelten allgemein als hochbegabt, aber inkonsequent. Können viel, manchmal überdurchschnittlich viel, aber es reicht letztlich nicht; ehrgeizig, aber nicht sehr, der optimale Wirkungsgrad genügt.